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© 1997 by Amalthea
in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH,
Wien • München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Bernd und Christel Kaselow, München
Illustration: Bruno Haberzettl, Muthmannsdorf
Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger
& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 10,5/13 Punkt Palatino
auf Apple Macintosh in QuarkXPress
Druck und Binden: Wiener Verlag, Himberg
Printed in Austria
ISBN 3-85002-394-X
eISBN 978-3-902862-63-1

Inhalt

ZUM GELEIT

UNTERHALTUNGEN ÖSTERREICHISCHER
AUSGEWANDERTER

Melbourne

Saudade

Neues von der Vierschanzentournee

Unvergeßliches Mürzzuschlag

Catenaccio

Unter Oberzaucher. Ein Lehrendstand

HARMONISCHE HINRICHTUNGEN

Kein Feuer ohne Rauch

Nachruf auf ein Gasthaus

Der Faradaysche Käfig

Kleine Kniegeschichte

Das Liebhaben

Schnableggers Geheimnis

UNSERE KIRCHE
FEIERT VERSCHIEDENE
FESTE

Der Heuler des Jahres

Der Tag der unschuldigen Kinder

Die mir den Vogel zeigen

WELKENDES WORT

Das Kapital

Die gleichschenkelige Ungarin

Kleines Altwiener Kulturbuffet

Denkt sich sein Teil:
Wie man eine Frankfurter Buchmesse
mit Österreichschwerpunkt eröffnet

Lyriker ohrfeigte Archivar

Ich stürbe gern in Klagenfurt

Zum Geleit

Schenken Sie dieses Buch Ihrem besten Freund! Schlagen Sie das zweite unbeschriebene Blatt auf und schreiben Sie eine nette persönliche Widmung hinein, damit Ihr bester Freund dieses Buch seinem besten Freund oder sonstwem nicht weiterschenken oder gar Ihnen in ein paar Jahren zurückschenken kann, jedenfalls nicht dieses Exemplar dieses Buches, sondern er müßte ein neues Exemplar dieses Buches besorgen, darum geht es ja genau, er müßte den ersten Satz lesen, nach dem ersten Satz den zweiten Satz lesen und dann entsprechend handeln. Ein guter Schriftsteller hat einmal geschrieben, man muß den ersten Satz so schreiben, daß der Leser unbedingt auch den zweiten Satz lesen will. Ich denke, ein erster Satz, der aussagt, daß man sich das vorliegende Buch zwar nicht schenken, aber daß man das Buch seinem besten Freund schenken kann und geradezu soll, sprüht derartig vor qualitativ hochwertigem Zynismus, daß man sich unwillkürlich augenblicklich auf den zweiten Satz stürzt, welcher dann den Widerhaken offenbart. Ab dem dritten Satz, welcher der vorherige war und den ich dem guten Schriftsteller widmen möchte, ist man als Schriftsteller ganz allein und von allen guten Ratschlägen verlassen, vermutlich sollte aber der dritte Satz so geschrieben werden, daß der Leser unbedingt auch den vierten, und der vierte so, daß der Leser unbedingt auch den fünften Satz lesen will. Dieser fünfte Satz dieses Buches lautet folgendermaßen: Wenn Ihr bester Freund zufällig ich bin, können Sie mir dieses Buch selbstverständlich trotzdem schenken, nur würde ich in dem speziellen Fall vorschlagen, von der Widmung auf der zweiten unbeschriebenen Seite abzusehen, es wäre doch ein wenig überzogen, wenn Sie mir mein Buch widmen, bei aller Freundschaft!

Schenken Sie dieses Buch Ihrer besten Freundin, Ihrem zweitbesten Freund, Ihrer zweitbesten Freundin, Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Onkel, Tante, Schwiegermutter, Schwiegervater, Nichten, Neffen, Cousinen, Cousins, Halb-, Viertel- und Verwandten unbestimmten Grades, Ihrem Nächsten, Übernächsten und Überübernächsten, Hausgästen, Geschäftspartnern, Erblassern, ohne weiteres auch solchen vom Land und aus Übersee, die Post stellt Bücher zu ermäßigten Gebühren zu, die Gelegenheit sollte man ergreifen, denn man weiß ja nie, was die Zukunft bringt, vor allem bezüglich finanzieller Verschärfungen. Im übrigen verfahren Sie auch bei den weiteren Buchexemplaren wie bei dem für Ihren besten Freund.

Apropos Finanzen: Wenn Sie dieses Buch bei mir persönlich beziehen wollen, könnte ich es Ihnen theoretisch um 10 % billiger und ganz unter uns und unter der Hand ab 10 Exemplaren um 15 % billiger verkaufen, denn ich als Autor bekomme es um 20 % billiger, das steht so im Vertrag. Im Vertrag steht allerdings auch: Nur für den persönlichen Bedarf. Was konkret ein »persönlicher Bedarf« in Zusammenhang mit seinem eigenen Buch sein soll, steht in dem Vertrag natürlich nicht, jedenfalls bin ich kein solcher, dessen Autokofferraum bei jeder nächtlichen Szenelokallustbarkeit zufällig voll von meinen Büchern ist, ich bin kein solcher, der mit sich selbst krumme Touren dreht! Wir wollen doch nicht den Verlag schädigen! Wenn wir den Verlag schädigen, schädigt der Verlag unsereins, indem er unsereins nicht mehr verlegt und wir sehen müssen, wie weit wir kommen mit unserem Autokofferraum. Wir wollen doch nicht den Buchhandel ausschalten, wenn wir den Buchhandel ausschalten, schaltet der Buchhandel uns aus, das wollen wir doch nicht. Wir wollen uns doch nicht ins eigene Fleisch schneiden lassen, indem wir in anderes Fleisch schneiden. Dann gibt es noch die Agenten, die Vertreter, den Vertrieb und und und. Wenn der Leser wüßte, wer zwischen Leser und Autor alles wirkt und werkt, zwischen Erzeuger und Endverbraucher. Die Welt ist kompliziert und undurchschaubar geworden; hart ist das Leben, schwer der Beruf, langweilig Binsenweisheiten und Internas, laut die Seufzer, die darob an die Außenwelt zu bringen wären. Tut mir rechtschaffen leid, daß ich Sie mit solch unergötzlichen Mißlichkeiten behellige, ab dem nächsten Text wird’s dann garantiert unerhört inhaltlich, ab der nächsten Geschichte geht’s dann mit der Weisheit los, und es wird an Ergötzlichkeiten kein Mangel sein, genauso, wie es der Klappentext verheißt, der allerdings nicht von mir ist. Nur die Kollegen, die ihre Bücher im Autokofferraum mit sich führen, schreiben sich ihre Klappentexte selber.

Gehen Sie also vertrauensvoll zu Ihrem Buchhändler, verlangen Sie entschlossen dieses Buch, bezahlen und schenken Sie es Ihrem besten Freund. Ihr Buchhändler ist so nah, Ihr Buchhändler ist immer für Sie da, während ich nicht immer für Sie da bin, weil ich zwischendurch in aus Ihrer Sicht wohl völlig fremden Welten bin, es sei denn, die fremden Welten sind vorübergehend geschlossen, und ich spaziere wie seinerzeit schon Robert Walser an einem müden Regentag zu meinem Buchhändler, der mich mit viel offeneren Armen empfängt als Robert Walsers Buchhändler Robert Walser empfangen hat. Ich begrüße den Buchhändler herzlich, kontrolliere meinen Bücherstapel am Kassatisch und plaudere mit ihm unverfänglich ein wenig über das Geschäft, wenn gerade nicht viel Geschäft ist. Manchmal kaufe ich dann aus alter Verbundenheit ein gutes Buch und schenke es meinem besten Freund. Ein guter Buchhändler wird immer auch versuchen, aus dem Autor bei der Gelegenheit zwischen Tür und Angel den Inhalt des nächsten Romans herauszukitzeln, aber ich persönlich bin da im Unterschied zu den Autokofferraumautoren eisern und verrate über schwebende Literaturverfahren und unerlegte Bärenfelle fremder Welten prinzipiell nicht das Geringste, sondern erfinde dem Buchhändler an Ort und Stelle der Buchhandlung einfach irgendeine Romanhandlung, damit er Gerüchte und Insiderwissen in andere Plaudereien der diesseitigen Welt zu setzen hat, befriedigt ist und ich meine die unmittelbare Schöpfung betreffende Ruhe habe. Tür und Angel ist freilich eine stehende Wendung, realiter ist die Buchhandlungstür eine Schiebetür aus Glas, die automatisch und elektrisch funktioniert, wenn auch nicht völlig geräuschlos, geräuschlos kann man die Buchhandlung weder betreten noch verlassen. Es ist freilich schon vorgekommen, daß mir nach Verlassen der Buchhandlung bei Fortsetzung des Spaziergangs durch den Regentag die soeben frei erfundene Romanhandlung plötzlich derart gut gefallen hat, daß ich den Roman dann tatsächlich geschrieben habe, und wenn der Buchhändler den fertigen Roman zwei, drei Jahre später in Buchform in die Buchhandlung geliefert bekommt, denkt er sich, während er die Plastikfolie abzieht: Was für ein ehrlicher, vertrauensseliger Künstler, was für ein unkomplizierter Charakter. Immer für ein offenes Wort zu haben.

Wenn Sie also so einen glücklichen Augenblick erwischen und zu der Stunde in die Buchhandlung kommen, in der auch ich in der Buchhandlung bin, würde der Buchhändler selbstverständlich sogar die Plauderei mit mir unterbrechen, um Ihnen mein Buch zu verkaufen, das Sie dann Ihrem besten Freund schenken, und nebenbei könnten Sie, während der Buchhändler mit sicherem Griff ein Exemplar vom Stapel nimmt, einen wohlwollenden Blick von mir ernten. Wenn Sie Ihre verständliche Schüchternheit mir gegenüber überwinden und mich bitten, das Buch zu signieren, schreibe ich Ihnen auf das erste unbeschriebene Blatt mit dem Wort gerne auf den Lippen ohne weiteres hinauf, wie ich heiße, falls Sie darauf Wert legen, schreibe ich auch hinauf, wie Sie heißen, nur müssen Sie es mir vorher sagen. Oder ich schreibe hinauf, wie Ihr bester Freund heißt, Ihr Vater, Ihre Mutter, Ihre Tochter, Ihr Sohn. Dafür kann ich morgens schlafen, solang es mir paßt. Oder ich weise in meiner Widmung auf der ersten Seite auf Ihre Widmung auf der zweiten Seite hin und erkläre mich mittels Unterschrift vollinhaltlich einverstanden, dann hätten wir schon ein kleines Stammbuch. Überhaupt bin ich dafür, daß viel mehr geschrieben wird, und alles sollte etwas persönlicher werden. In St. Pölten hat mich eine Dame einmal gebeten, ich soll ihr auf die erste Seite etwas ganz Schönes schreiben, und da habe ich ihr auf die erste Seite meines Buches kurzerhand ein Herbstgedicht von Rainer Maria Rilke hineingeschrieben. Zu Rilke wäre prinzipiell zu sagen, daß es für einen Dichter einen enormen Vorteil darstellt, wenn er zwei Vornamen trägt, vor allem dann, wenn der zweite ein Mädchenname ist und der Dichter ein wenig dazu neigt, mit den ergötzlichen Ingredienzien der Melancholie zu operieren. Wenn Rilke bloß Rainer Rilke geheißen hätte und die ersten Seiten seiner Lyrikbände bloß mit Rainer Rilke beschriften hätte können, wäre aus Rilke bestimmt nicht der Rilke geworden, der aus Rilke geworden ist. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Jedenfalls glaube ich, daß dieses Exemplar meines Buches – ich nenne es: das niederösterreichische Happeningexemplar – in zweitausend Jahren recht viel wert sein wird, und die Erbnehmer der Dame sind schon heute zu beneiden.

Sollten Sie bei Ihrem Buchhändler nun wie selbstverständlich mein Buch verlangen und er es, weil er schlecht sortiert ist, nicht vorrätig haben, und sollte ich also nicht für Sie da sein, so veranlassen Sie das Scheusal, ein Exemplar zu bestellen. Als Ihr Buchhändler, der für Sie da ist, wird er Ihnen diesen Service selbstverständlich bieten, obwohl er weiß, daß er an einem exklusiv bestellten Einzelexemplar nichts verdient. So züchtigen Sie ihn unauffällig und maßregeln ihn ob seines marketenderischen Kleinmuts. Ermutigen Sie in der Folge auch Ihren besten Freund, Ihren zweitbesten Freund, Vater, Mutter, Tochter, Sohn, Enkel, Urenkel, Base, Nichte, Schwieger-, Stief-, Beichtvater, Geschäftspartner, Hausarzt, Steuerberater, sonstiges, bei diesem Buchhändler jeweils exakt ein Exemplar dieses Buches zu verlangen und bestellen zu lassen, und praktizieren Sie diese nervenkriegerische Methode so lange, bis dieser Buchhändler zermürbt aufgibt und von sich aus 100 Exemplare bestellt, wobei er bei einer Hunderterbestellung 130 Exemplare zum Preis von 100 bekommt. Ich appelliere da jetzt vor allem an die Kunden des Nordens, ich denke an die Buchhandlungen in Deutschland und Norddeutschland, die gemeinhin glauben, zeitgenössische österreichische Literatur sei nicht das Maß aller Dinge. Selbstverständlich wird Ihr Buchhändler, nachdem er sich bezüglich dieses urgierten Buches orientiert hat, Ihnen gegenüber untröstlich sein und sich auf den Vertrieb ausreden, der Vertrieb wird sich auf den Verlag ausreden, der Verlag wird sich auf den Vertreter ausreden, der Vertreter wird sich auf den Buchhandel ausreden, bestimmt kennen Sie dieses Geschwafel auch schon von Ihrer Kommunalpolitik. Hamburgerinnen und Hamburger! Lassen wir uns solche Einnebelungen nicht länger bieten, schreiten und schreiben wir zur Tat. Erzeuger und Endverbraucher wollen auch von etwas leben, Sie brauchen geistige Nahrung, ich Nahrung.

Mein Buchhändler zum Beispiel stellt dieses Buch nicht nur in die Auslage, er dekoriert ein eigenes Schaufenster ganz für mich allein und vollbringt dabei wahrhaft ein kleines Meisterwerk. Schon insofern rechnen sich die Spaziergänge an den müden Regentagen. Wenn Sie Glück haben, können Sie, wenn Sie in die Buchhandlung kommen, dieses Buch nicht nur kaufen, sondern Sie können, vor allem, wenn es frisch am Markt ist, einer Lesung beiwohnen und auf bequemen Stühlen mitanhören, wie ich Ihnen aus diesem Buch vorlese, was Sie anschließend nachlesen und wegschenken können, vielleicht lese ich im Rahmen der Lesung aus einer Laune heraus sogar genau diesen Text und bin vielleicht gerade an der Stelle, an der es im Text heißt, daß ich genau diesen Text vorlese, so gesehen ist ein Poetenleben schon ein Abenteuer. Am Ende der Veranstaltung stehe ich Ihnen wie immer für alle Fragen, die wie immer nicht gestellt werden, und für ein Gespräch, das wie immer nicht stattfindet, zur Verfügung. Eine Lesung ist eine schöne Sache, obzwar anstrengend, und wenn sie einmal gar zu langatmig ausfällt, was Ihnen bei mir im Unterschied zu den Autokofferraumautoren, die bei der Lesung gleich ihr ganzes Buch von der ersten bis zur letzten Seite loswerden wollen, wobei sich oftmals herausstellt, daß der vorletzte Satz eines Buches nicht mehr ganz so geschrieben ist, daß der Leser auch den letzten Satz noch unbedingt hören will, was Ihnen bei mir also nicht passieren kann, und Sie sich nicht mehr auf den Text konzentrieren können, konzentrieren Sie sich einfach auf das gänsehauterzeugende Schiebetürgeräusch, und schauen Sie, wer zu spät kommt und wer zu früh geht. Wetten Sie mit sich selbst, daß das ein Journalist ist, und in neun von zehn Fällen haben Sie auch schon gewonnen. Beobachten Sie dabei immer auch den vortragenden Autor, der das erbarmungslos gänsehauterzeugende Schiebetürgeräusch natürlich ebenfalls hört, aber von seinem Pult aus die Schiebetür nicht sehen, daher die Zuspätkommenden auch nicht von den Zufrühgehenden unterscheiden kann und also die ganze Veranstaltung lang im bangen Ungewissen bleibt. Wenn natürlich unmittelbar nach dem Ende eines Textes die Schiebetürgeräusche gar nicht mehr verstummen wollen, können das nicht alles Zuspätkommende sein. Das Vortragspult, hinter dem ich stehe, steht vor einer Säule, auf der klebt ein großes gelbes Plakat, auf dem mein Name steht, der Name des Verlages, der Name der Buchhandlung, der Titel dieses Buches, der Name des Cosponsors. Mein Name ist der größte von allen, und er ist auch am fettesten gedruckt. Über diesem Plakat mit meinem Namen klebt auf der Säule ein Kruzifix, das noch größer und fetter als mein Name ist. Photographieren der Gesamtsituation gestattet. Wenn also vor seinem Grabstein der Unsterbliche das Zeitlose segnet, das dieses Buch, wie schon im Klappentext steht, auszeichnet, ist dieses letztlich mystische und unwiederbringliche Spektakel mit Geld nicht aufzuwiegen, außerdem ist der Eintritt frei. Und wenn schließlich die Lichter der Veranstaltung verlöschen, müssen auch die hartnäckigsten Zweifler ganz hinten in der letzten Reihe, die direkt in den Kassatisch mündet, wo der Ladenpreis zu erfahren ist, restlos überzeugt sein, daß, wie auch auf den gelben Plastiksäckchen der Buchhandlung gedruckt steht, dieses Buch ihr bester Freund ist.

U N T E R H A L T U N G E N   
Ö S T E R R E I C H I S C H E R
   
A U S G E W A N D E R T E R

Melbourne

Vierundzwanzig Stunden sind nun seit unserer Ankunft in Melbourne vergangen, von diesen vierundzwanzig muß man zwölf für Schlaf und Ausnüchterung abziehen, und wenn ich als Neuankömmling bei meinem Hotelzimmerfenster auf Melbourne hinausschaue, könnte Melbourne genausogut New York sein, Montevideo, Hamburg, Montreal, Houston, Los Angeles, Barcelona, Tokyo, Marseille oder was weiß ich, und ich kann Dir also noch nichts spezifisch Melbourne oder Australien Betreffendes schreiben. Morgen geht’s dann ja los mit Tasmanien, Queensland, den Blue Mountains, dem Ayers Rock, der Gibson-Wüste und den Aborigines, und wir haben einen ganzen Monat zur Erkundung Zeit.

Aber eines kann ich Dir jetzt schon sagen: Die Welt ist klein, auch hier in Melbourne! Wie wir das Gepäck aufs Zimmer gebracht haben und wieder aus dem Hilton kommen, um uns nach dem endlosen Flug ein wenig die Beine zu vertreten, um vielleicht einen ersten Eindruck von der Stadt und ihrer Atmosphäre zu gewinnen, fällt uns schräg gegenüber, keine zwanzig Meter entfernt, als erstes die Neonaufschrift Pepi’s Inn. Austrian Kitchen ins Auge, und da müssen Emmy und ich natürlich sofort hinein, die Beine können später auch noch vertreten werden. Stell Dir vor, drinnen sieht es haargenau so aus wie im Musikantenstadl, nur ohne Fernsehkameras, dafür haben wir bis zum Indischen Ozean müssen, das Urviech samt Filzhut und Krachlederhose steht ausgestopft in der Ecke, wenn man eine Münze hineinwirft, jodelt es 30 Sekunden lang und nuschelt zum Abschluß Gschamster Diener. So etwas haben wir so bei uns noch nicht gesehen. Tatsächlich hat der Musikantenstadl bereits in Melbourne stattgefunden, wir haben am Flughafen ein Plakat gesehen, und dank des Musikantenstadls sind den Australiern österreichische Kultur und Geistesleben nichts Fremdes, vor allem die Zöpfe sind ein Faszinosum und eine ethnologische Sensation; Wittgenstein weniger, das Marketing der Sprachstörungsphilosophen läßt zu wünschen übrig, trotz allem kommen nämlich beim Reden die Leute zusammen, da wäre eine Wittgensteineria unwirtschaftlich, und Wittgenstein war genaugenommen auch eher irischer Norweger.

Das Fernsehen darf nicht unterschätzt werden, das herrschende Fernsehprogramm ist nun einmal Ergebnis der tagtäglichen direkten Demokratie: Das Volk wählt mittlerweile mittels Fernbedienung. Manchmal tagträume ich schon, wie Du weißt, daß der Musikantenstadl wegen inferiorer Einschaltquoten und miserabler Seherbewertung zunächst ins Schichtarbeiterprogramm zwischen Schulfunk und Belangsendungen der Katholischen Arbeiterjugend verbannt und dann überhaupt abgesetzt wird, dagegen die einfühlsamen Schriftstellerportraits über Barbara Frischmuth und Julian Schutting Gassenfeger sind; zwischen den Nachrichten und dem Wetter statt der Werbung immer eine kleine Lyrik von Friederike Mayröcker; immer wieder werden die entscheidenden Augenblicke eines Spaziergangs von Christoph Ransmayr durch menschenleere Hügellandschaft in Zeitlupe eingespielt, auf Ransmayrs Lederjacke klebt dezent das Logo von Bank Austria oder Shell (go well!), denn das heißt garantiert, daß er was wert ist, und eine Nation sitzt atemlos vor dem Bildschirm, wenn Peter Handke samt Wollmütze in seinem Gärtchen im Spätherbst einen Ast vom Baum sägt und gleichzeitig phlegmatisch seine Herzklappensituation kommentiert, aber dann denke ich mir au contraire, ach was, ich will ja nicht eines Tages den Titel Unglücklichmacher des Volkes verliehen bekommen. Wer die Demokratie liebt, darf sich nicht in einem fort über den Musikantenstadlmehrheitsbeschluß mokieren.

Wir machen es uns zwischen australischen Plastikdachschindeln und Kunststoffstroh gemütlich, und schon die ersten unerheblichen Brocken deutschsprachigen Gefasels, die wir in Melbourne aus uns lassen, bewegen den Besitzer, mit ausgebreiteten Armen auf uns zuzustürmen: woher wir kommen, ob wir Österreicher sind und welcher District, Österreicher! Österreicher!, das ist ja hervorragend, das ist ja herrlich, das ist aber eine Überraschung, schon stürmt er in unveränderter Armhaltung auf die Bühne zum Mikrophon: Wir haben die Freude, zwei Originalösterreicher begrüßen zu dürfen, herzlich willkommen am Außenrist des Planeten, ein Tusch, ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit. Es gibt auch eine Bühne, da wird von Fall zu Fall schuhgeplattelt und kranzelgestochen und stiergewaschen, und dann und wann spielen irgendwelche importierten fidelen Zentralalpentaler auf, Mei Hamat is a Schatzale, dazu schunkeln tonnenweise Griechen und Japaner, Mir sama Landsleut, Linzerische Buaman, Und wer im Jänner geboren ist, Steh auf, Steh auf, Steh auf. Er nehm sein Gläschen in die Hand und sauf es aus bis an den Rand, Sauf aus, Sauf aus, Sauf aus. Ein angesoffener Japaner ist etwas Herziges, kann ich Euch sagen, ein richtiger Zivilkamikaze, Retete, retete, morgen hama Schädelweh, retete, retete, Schädelweh is scheh: Ja, Melbourne besteht hauptsächlich aus Griechen und Japanern, und überhaupt: das Ausländerproblem! Auf Dauer halten die Japaner natürlich die dubiosen japanischen Restaurants und ihren Schlangenfraß nicht aus, auch sie wollen größer und stärker werden, und was liegt da näher als die urige Gailtaler Brettljause mit dem Bauchspeck, dem Rohschinken, dem Hartwürstl, dem Essiggurkerl, der Krenwurzen, dem Liptauer, dem Glundner und dem Obstler! Jetzt sind sie schon sehr groß und sehr stark. Das Wienerschnitzel- und Tafelspitzcenter hat er in Sydney, hier das kulinarische Festival der Regionen, wir können auch Käsnudel haben, wenn wir wollen. In Sydney gehen die Wiener Schnitzel wie die in den warmen Semmeln nach der Entführung aus dem Serail. Sydney ist New Vienna und New Wienerneustadt, Melbourne New Hermagor und New Kötschach-Mauthen. Gulasch hat sich nicht so richtig durchgesetzt, zu chinesisch von der Zubereitung her. Die Knödelstube war für Canberra vorgesehen, aber Canberra ist öd, wie Bonn, Bern, Brasilia, St. Pölten. Die Auferstehung St. Pöltens ist also noch nicht um den Ozean gekommen. Sonst kann er nicht klagen, die aus dem Land des Lächelns kommen, zahlen profunde Trinkgelder, wenn sie nur nicht ständig so piepsen und so schnattern würden.

Allein unserer Nationalität haben wir spontan zwei Literkrüge Schleppebier auf Hausrechnung zu verdanken, ein wenig abgestanden vielleicht, aber wenn man die Distanz bedenkt …

Er ist Wiener, erzählt er uns und sitzt längst an unserem Tisch, 18. Bezirk, Kalvarienberggasse und vor zwanzig Jahren hergekommen als ein Niemand, zur Zeit des Todes von Präsident Jonas. Eine Mischung aus Frauengeschichte und Steuersache, naja, egal, er ist der Pepi Haubenwallner, für uns der Pepi, Nachnamen sind hier Schall und Rauch, und ob wir apropos eine Memphis Classic hätten, die gibt’s hier nicht. Eine Zeitlang hat er sich regelmäßig österreichische Zeitungen herüberschicken lassen, jetzt nur noch selten, bis die da ankommen, sind es ja Witzblätter. Österreich als Staatsganzes ist ihm wurscht, erst seit der Pepi das hier sagen kann, sagt er, fühlt er sich als richtiger Österreicher. Nachdenken darf er freilich nicht, sagt er, zurückerinnern darf er sich nicht an die Zustände seinerzeit. Hochkommen hat man als einzelner nicht können in Österreich, sein eigener Herr hat man nicht sein dürfen, eigener Herr war immer ein Nachteil in diesem Untertanenparadies. In Österreich hat man ein Niemand bleiben müssen, damit es einem gut geht, Melbourne wäre in Österreich nicht möglich gewesen. In Österreich ist immer nur die Unfruchtbarkeit unterstützt und gefördert worden, wer sich auf seine eigenen Beine gestellt hat, dem sind sie weggeschnitten worden – von Amts wegen. Der unternehmerische Charakter ist in Österreich unerwünscht, der selbständige Mensch wird von Staats wegen benachteiligt und für seinen Einsatz bestraft, wo es nur geht. Selbständigkeit ist dort immer eine Krankheit gewesen, nur daß es keine Krankenkasse dafür gibt. Das Wort herrenlos wird in Österreich immer mit dem Wort Hund in Zusammenhang gebracht. In Österreich muß man sich selbst möglichst schnell möglichst vollständig an den Mann bringen, der möglichst ein sogenanntes Freunderl zu sein hat, dann wird für einen gesorgt, dann muß einem nicht bange sein um sein Auskommen. Freunderl ist auch so ein Wort, das man nicht übersetzen kann. Ein Freunderl ist einem ein Freunderl und dadurch Hunderten ein Feinderl und immer unsichtbar und immer immun. Hier gibt es kein Freunderl, dies ist ein gutes Land. In Österreich ist im großen und ganzen immer alles auf Verhinderung ausgerichtet gewesen, die kleinen Großen haben dort nie einen Boden gehabt. In Österreich sind die Verantwortungslosen ans Ruder gekommen, und sie haben für die Verantwortungslosen gesorgt, aber jetzt ist mir das wurscht, zum Wohl, die Hartwurst kommt wirklich aus dem Familienbetrieb Lasser. Bauern und Wirte und Kleinkapitalisten jammern immer, flüstert mir Emmy ins Ohr.

Österreich, sagt der Pepi, ist international eigentlich nur als Essen interessant und zu verwerten. Österreicher sein bedeutet in der Welt in erster Linie, solange die Spezialitäten und die Köstlichkeiten österreichischer Küche in sich hineinschaufeln und sich damit ausstopfen, bis man elendig dran zugrunde geht. In Österreich ist kein Schnitzelwirt und kein Konditor denkbar, der nicht permanent im Verdacht der fahrlässigen Tötung stünde, der Österreicher schlägt sich unaufhörlich mit seinen Lebensmitteln tot, und die ganze Welt beneidet ihn um diesen Genuß. Dialektische Negativität, könnte man sagen, dionysische Suicidäre, könnte man sagen, sagt der Pepi aber nicht, zugegeben eine kleine Mohnnudelsehnsucht zwischendurch, die Mohnnudeln rentieren sich in Sydney nicht, die direkte Demokratie diktiert die Speisekarte.

Naja, so ist das eben, was sagt ihr zu dem Bier, und was gibt’s sonst noch Neues drüben? Immer noch dieselben Drangsale und Probleme politisch und gesellschaftlich? Noch immer alles Irre unterwegs?

Jaja, noch immer alles Irre, sag ich, man kann sich ja auf der Hinterseite der Erdkugel nicht mit innerstaatlichen Einzelheiten verzetteln, und außerdem vergesse ich immer so schnell, was in den Zeitungen steht. Aber zwischendurch auch viele brave Menschen und viele begriffsstutzige, und dann und wann schießen im Nachhinein wie üblich auch wieder ein paar große Söhne aus dem Erdboden … und große Töchter nicht zu vergessen, meckert Emmy in ihren Bierkrug hinein, nur daß die großen Töchter nicht in der Bundeshymne vorkommen. Er hätt an sich gar nichts dagegen, wenn sie hineinkämen, sagt Pepi, wenn sie das wollen, jeder nach seiner Façon; er persönlich möcht ja eher nicht in die Bundeshymne hinein, sagt er, er persönlich würd sich in einer Bundeshymne blöd vorkommen. Die Förster-Christl, ja, oder wie heißt die Rotkreuzschwester auf den Hundertschillingscheinen, sehr anständiges Wesen! Das Metrische würd zwar ordentlich zu wackeln anfangen, aber wenn wir ihn fragen, sollt die Bundeshymne eh noch viel schiarcher werden. In Melbourne das Wort schiarch zu hören, ist schon ein Erlebnis.

Nicht, daß wir ihn mißverstehen, er liebt die Heimat, aber es macht auch nichts, wenn sie außer Haus ist. In Österreich ist immer vom gelernten Österreicher die Rede gewesen, das heißt, der Österreicher kommt nicht als Österreicher auf die Welt, von Natur aus ist der Österreicher, wie er ist, nicht vorgesehen. Österreicher ist keine Nationalität, sondern ein Beruf, wenn auch meistens ein brotloser. Er, sagt er, ist sozusagen ein verlernter Österreicher. Die Berge fehlen ihm zum Beispiel, der Kahlenberg und der Kalvarienberg und der Küniglberg, die Beamtengebirge fehlen ihm nicht. Ein Beamter ist einer, den man durchfüttern muß, damit er einen auf Diät halten kann, sagt er, zum Wohl! Zu den Bergen müßten übrigens auch noch die Schifahrer in die Bundeshymne hinein. An den Karl Schranz kann er sich noch erinnern, bäriger Bursch, was dem in Sapporo passiert ist, war eine Menschenrechtsverletzung sondergleichen, diese Japaner, er sagt das ja immer! Wenn der Karl Schranz hier einmal auftaucht, servier ich ihm eine Brettljause auf Kosten des Hauses, daß er anschließend nicht mehr bei der Tür hinauskommt. Und einen dreifachen Tusch. Wie heißen denn die Schifahrer heute?

– Keine Ahnung, die fahren mittlerweile schon so schnell, daß man sich die Namen nicht mehr merkt.

– Was seid denn ihr für Österreicher!

Emmy geht aufs Klo, da sagt der Pepi von Mann zu mir, deine Emmy hat aber einen Bombenorsch, warum aber, frag ich, da ist die Emmy aber schon wieder vom Klo zurück und fragt den Pepi, woher er denn den Plastik-Andreas-Hofer hat, der den Klobesen hält.

– Witzig, was? Folk Show total. Alles für die Aborigines!

Wißt ihr, fragt der Pepi ein paar Schleppe später, was ihr drüben bräuchtet? Ihr bräuchtet mehr Wahlen! In Österreich wird viel zu wenig gewählt! Wählen macht das Leben schön, man lernt verlieren und sich ins Schicksal fügen, und außerdem sind Wahlen immer ein gutes Fernsehprogramm. Ihr habt ja jetzt Altbundespräsidenten drüben, stimmt das? Altbundespräsident ist was ganz Neues, hat es zu meiner Zeit nicht gegeben. Ist das nicht eigentlich sehr monarchistisch, daß ein Bundespräsident automatisch Altbundespräsident wird durch Gottes Gnade, ohne Volksbefragung, noch dazu, wo der Altbundespräsident im Grund dasselbe macht wie der Jungbundespräsident: Wohltätig sein, Händeschütteln, dem Fußvolk gut zureden, ein moralisches Fünfminutenlob am Neujahrstag zwischen Ehebruch und Familiengottesdienst, die englische Königin ernstnehmen, sein 27. Monatsgehalt den Bedürftigen spenden, Grillparzer zitieren, Kaffeetrinken und Punschkrapfen essen mit Massenmördern seiner Branche, Promenieren, Konversieren, Buffetieren, Repräsentieren, Österreichloben, Medien mit Memoiren versorgen, prominent unter Prominenten sein, solches Zeug. So ein kleines Land, und gleich zwei Altbundespräsidenten auf Lebenszeit. Was liegt da näher als ein kleines Kandidatensurfing, was liegt da näher, als die beiden gegeneinander antreten zu lasen und eine spektakuläre Wahl des offiziellen Superaltbundespräsidenten auszuschreiben. Die Österreicher haben ein Recht darauf, in geheimer Abstimmung ihren Original-Altbundespräsidenten zu küren. Der Wahlverlierer darf beim nächsten Opernball nur noch auf der Galerie, beim nächsten klerikalen Großereignis im Stephansdom erst in der zweiten Reihe sitzen und muß von allen Adabeis gemieden werden. Österreich hat doch immer eine solche Freude am Unnützen!