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Sigrid-Maria Größing

E L I S A B E T H

Sigrid-Maria Größing

E L I S A B E T H

Kaiserin
aus dem Hause Wittelsbach

Mit 27 Abbildungen

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Inhalt

Vorwort

Einleitung

Von den Anfängen der Wittelsbacher
bis zu Kaiserin Elisabeth und ihrer Familie

Zauber oder Schicksal

Agnes Bernauer

Der erste Wittelsbacher Kaiser

Ludwig IV. der Bayer

Die Landshuter Hochzeit

Sisis Urahn Ludwig IX. der Reiche

Der verhinderte König

Maximilian II. Emanuel

Das zweite Wittelsbacher Zwischenspiel im Reich

Kaiser Karl VII.

Endlich ein König für Bayern

Elisabeths Großvater Maximilian I. Joseph

Ein viel umschwärmter Mann

Elisabeths Onkel König Ludwig I.

Das griechische Abenteuer

Elisabeths Cousin König Otto

Gute Partien auf dem Heiratsmarkt

Elisabeths Tanten

Sisis Schwiegermutter war auch ihre Tante

Sophie von Bayern

Zwei Menschen, die sich nicht verstanden

Elisabeths Eltern

Das Kind aus Possenhofen

Sisi, Kaiserin von Österreich

Die zurückgewiesene Braut

Elisabeths Schwester Néné

Er war ein berühmter Augenarzt

Elisabeths Bruder Carl Theodor

Die Heldin von Gaeta

Elisabeths Schwester Marie Sophie

Die verlassene Braut

Elisabeths Schwester Sophie Charlotte

Der Vater des Märchenkönigs

Elisabeths Onkel Maximilian II. Joseph

Die preußische Prinzessin

Elisabeths Tante Marie Friederike

Elisabeths »falscher Cousin«

König Ludwig II.

Der verrückte König

Otto I.

Er kämpfte um die Liebe seiner Untertanen

Prinzregent Luitpold, Elisabeths »Cousin«

Der gute Engel aus Wien

Elisabeths Tochter Gisela

Der letzte bayerische König

Ludwig III.

Stammbaum der Wittelsbacher

Die Wittelsbacher Könige in Bayern

Personenverzeichnis

Ausgewählte Literatur

Vorwort

Seit vielen Jahren geht mir der Plan nicht aus dem Kopf, einmal ein Buch zu verfassen, in dem nicht die Geschichte der Habsburger, sondern die der Wittelsbacher im Mittelpunkt steht. Und da ich einige Bücher über den Star in der Familie, über Kaiserin Elisabeth, geschrieben habe, ist mir der Gedanke gekommen, nachzuprüfen, wie viel Erbe sie wohl von ihren Vorfahren übernommen und weitergegeben hat.

Obwohl es die Wittelsbacher schwer hatten, sich die entsprechenden Positionen zunächst im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zu verschaffen, und später vielfach hinter den Habsburgern zurückstehen mussten, zählten sie doch zu den großen Familien, die über Generationen hinweg die Bräute für die Habsburger Erzherzöge stellten, da sie als gut katholisch galten. Schon die Habsburger der Frühzeit schickten ihre Werbungen an die jeweiligen Wittelsbacher Höfe, sodass es nicht nur zu ehelichen Verbindungen zwischen beiden Häusern kam, sondern auch nicht selten, infolge der jeweiligen Erbansprüche Länder oder Landesteile betreffend, zu heftigen Auseinandersetzungen. So waren der erste Kaiser aus dem Hause Wittelsbach, Ludwig IV. der Bayer, und sein Kontrahent, Friedrich der Schöne von Habsburg, Cousins, die zwar füreinander jedwede Art von Sympathie empfanden; als es allerdings um die deutsche Königskrone ging, kannte man kein Pardon mehr und die Entscheidung fiel auf dem Schlachtfeld.

Noch bevor man enge Beziehungen zu den spanischen Habsburgern aufbaute, sah man sich von Seiten der österreichischen Habsburger lieber in Bayern um, wenn es galt, eine wohlhabende Braut zu finden. Kaiser Friedrich III. verheiratete 1487 seine einzige Tochter an den Wittelsbacher Herzog Albrecht IV., was nicht nur aus politischer Überlegung geschah.

Beinahe kontinuierlich waren die familiären Beziehungen zwischen den Häusern ab dem Ende des 17. Jahrhunderts. Kaiser Leopold I. verheiratete seine Tochter mit dem »blauen Kurfürsten« Maximilian II. Emanuel – eine ebenso unglückliche Ehe wie ein knappes Jahrhundert später die zweite Ehe von Kaiser Joseph II. mit Maria Josepha von Bayern, die dem Kaiser von seiner Mutter Maria Theresia aufgezwungen worden war.

Mehr Glück hatte Josephs Neffe, Kaiser Franz II.(I.), mit seiner vierten Gemahlin Caroline Auguste, die der Ehemann als »häusliche Perle« bezeichnete und der spätere Kaiser Franz Joseph I. in seinem Tagebuch als »liebe Großmama« verehrte, obwohl sie nicht seine richtige Großmutter war.

Mit ihr beginnt die engste Verbindung der beiden Häuser, denn Franz Josephs Vater führte die schöne Sophie zum Altar, eine Tochter des ersten bayerischen Königs Maximilian I. Joseph und Schwester des bayerischen Königs Ludwig I. Die Kinder aus dieser Verbindung, Franz (Joseph), Ferdinand Maximilian, Karl Ludwig und Ludwig Viktor (eine Tochter war im Kleinkindalter gestorben) waren daher zur Hälfte Wittelsbacher. Und als Kaiser Franz Joseph I. die schöne Elisabeth zur Frau nahm, wurde die Verbindung mit den Wittelsbachern noch enger, sodass die Kinder aus dieser Ehe mehr Wittelsbacher als Habsburger waren.

Das vorliegende Buch soll aufzeigen, wie bedeutungsvoll das Geschlecht der Wittelsbacher im Laufe der Geschichte für das Haus Habsburg war. Da eine durchgehende Darstellung aller Persönlichkeiten den Rahmen dieses Buches bei Weitem sprengen würde, habe ich mich auf markante Ereignisse beschränkt, die Licht auf bedeutungsvolle Personen werfen, aber auch auf solche, an die heute noch gedacht wird, wie bei den Agnes-Bernauer-Festspielen im niederbayerischen Straubing oder bei der »Landshuter Hochzeit«, wo die Geschichte lebendig wird.

Die bayerischen Könige haben ihren Platz in den Herzen der Bayern bewahrt, »Vater Max« als Herzkönig im Kartenspiel »Watten« oder Ludwig I. durch seine unvergessliche Romanze mit der verführerischen Lola Montez. Das Pendant zur unsterblichen Sisi ist ihr schöner »Cousin« Ludwig, der in Wirklichkeit der Vetter ihrer Mutter war. Als Märchenkönig Ludwig II., liebevoll »Kini« genannt, beschäftigt er noch immer die Fantasie der Menschen.

Auch Sisis Geschwister, von denen ich im vorliegenden Buch nur einige wenige beschrieben habe, haben ihren Platz in der Erinnerung, wie Carl Theodor, nach dem die Augenklinik in München benannt ist, oder die couragierte Marie Sophie, die »Heldin von Gaeta«, die bis heute in Neapel verehrt wird.

Natürlich haben die »Sissy-Filme« von Ernst Marischka viel dazu beigetragen, dass aus der scheuen Kaiserin ein Medienstar geworden ist, der die Menschen in aller Herren Länder vor den Fernseher lockt, mit dem gelacht, geweint, gelitten wird. Auch die Familie mit Herzog Max ist präsent, mit dem gemütlichen Vater und der besorgten Mama Ludovika. Diese Idylle ist genauso trügerisch wie das im Film dargestellte Schicksal der Kaiserin.

Das vorliegende Buch will Einblick geben in die jahrhundertealte Familie von Kaiserin Elisabeth, zugleich aber auch einen kurzen Überblick über die wichtigsten Vertreter des Hauses Wittelsbach.

Sigrid-Maria Größing

Großgmain, im August 2013

Einleitung

Von den Anfängen der Wittelsbacher
bis zu Kaiserin Elisabeth und ihrer Familie

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass das uralte Geschlecht der Wittelsbacher, das im bayerischen und im pfälzischen Raum über Jahrhunderte die Geschicke der Menschen bestimmt hatte, erst im 19. Jahrhundert durch eine ungewöhnlich schöne Frau und deren Familie weltberühmt wurde. Dabei machte nicht die große Politik die Kaiserin von Österreich und Königin von Ungarn in aller Herren Ländern bekannt, sondern es war einzig und allein ihre Persönlichkeit, die eine faszinierende Wirkung ausübte.

Elisabeth ließ sich und lässt sich nicht mit normalen Maßstäben messen, sie war in allem außergewöhnlich, sie war eine Frau, die eigentlich nicht in ihre Zeit passte. Modern, wie sie war, hätte sie ihren Platz im 20., ja vielleicht sogar im 21. Jahrhundert gefunden. Gerade dadurch, dass sie sich nicht den Vorstellungen ihrer Zeit anpasste, ging sie nicht nur in die Geschichte ein, sondern wurde unsterblich.

Sisi war eine Wittelsbacherin wie aus dem Bilderbuch, in vielen Dingen exzentrisch, körperbetont, weltoffen und in religiösen Dingen tolerant. Sie liebte schöne Menschen wie ihr Onkel König Ludwig I.; sie dichtete wie ihr Vater Herzog Max in Bayern; sie spintisierte wie König Ludwig II., mit dem sie über ihre Mutter verwandt war. Ihre überschlanke, blendende Erscheinung, die so ganz und gar nicht dem weiblichen Schönheitsideal des 19. Jahrhunderts entsprach, erregte überall, wohin sie kam, Aufsehen, ihr geheimnisvolles Wesen ließ sie manchmal esoterisch erscheinen, ihre Reitkünste waren legendär und brachten ihr nicht nur in England Ruhm und Bewunderung ein, ja ihr ausgefallener Lebensstil wurde vielfach kopiert. Elisabeth war das, was man heute als emanzipierte Frau bezeichnen könnte, die sich nicht in das starre Korsett des mit Traditionen belasteten habsburgischen Kaiserhofes zwängen ließ, sondern nach ihren eigenen Vorstellungen lebte. Auf diese Weise wurde sie zur Legende. Für ihre weltweite Verehrerschar liegt sie nicht wie alle übrigen Habsburger und Wittelsbacher in einer kühlen Gruft – sie lebt in den Herzen weiter, jenseits von Zeit und Raum.

Die Wittelsbacher Vorfahren der Kaiserin lebten und liebten, kämpften und starben schon vor vielen Hundert Jahren im süddeutschen Raum. Dabei war nicht immer alles Gold, was glänzte, denn im Kampf um Macht und Einfluss pflegte man keineswegs nur behutsamen Umgang. Blättert man in den Annalen, so findet man neben Zank und Hader selbst einen Mord aus Eifersucht in der Familiengeschichte. Wollte man Städte und Länder an sich bringen, war man in den Wirren des frühen Mittelalters gezwungen, zu drastischen Mitteln zu greifen. Auch die Wittelsbacher besaßen zunächst keine nennenswerten Gebiete – bis sie sich auf die richtige Seite schlugen. Als sie erkannten, dass der römisch-deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa großen Ärger mit dem revoltierenden Heinrich dem Löwen hatte, erkannte Otto I. von Wittelsbach seine Chance und stellte sich hinter den Kaiser. Diese Hilfe sollte nicht sein Schaden sein, denn am 16. September 1180 zeigte sich Friedrich I. Barbarossa erkenntlich und schenkte Otto nicht nur Bayern, sondern auch den Herzogtitel.

Und Herzöge sollten die Wittelsbacher im bayerischen Raum für die nächsten Jahrhunderte bleiben, so sehr sie sich vielfach über die anderen Adelsgeschlechter erhaben fühlten. Nur einmal war ihnen das Schicksal gewogen, als man bei der Königswahl 1314 zu dem Schluss kam, dass der Wittelsbacher Ludwig IV. der Bayer der richtige Mann auf dem Königs- und späteren Kaiserthron wäre.

Es wurde nur ein Zwischenspiel, denn Ludwigs Sohn wurde nicht mehr gewählt, ihm blieb, wie zuvor, nur der Herzogstitel. Der neue Kaiser Karl IV. übersah den Wittelsbacher geflissentlich, als er in der Goldenen Bulle den Status der Adeligen im Reich bestimmte und sieben aus ihren Reihen zu Kurfürsten ernannte.

Es mussten noch Jahrhunderte ins Land ziehen, ehe der kaisertreue Wittelsbacher Herzog Maximilian I. von Bayern in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges endlich als Dank für seine Hilfe von seinem Cousin Kaiser Ferdinand II. 1623 die Kurfürstenwürde erhielt.

Bis dahin waren die Wittelsbacher als Herzöge die Herren von Ober- und Niederbayern; lediglich ein Nebenzweig der Familie, der die Position eines Pfalzgrafen bei Rhein innehatte, besaß schon länger die Kurwürde. Da der hilfreiche Maximilian auch noch die Oberpfalz geschenkt bekam, war nun das spätere Gebiet von Altbayern beisammen.

Es grenzt an ein Wunder, dass die Wittelsbacher Gebiete durch die vielen Teilungen, die aufgrund der Erbgesetze ständig erfolgten, nicht so aufgesplittert wurden, dass nur noch kleine Gebietsteile übrig geblieben wären. Erstaunlicherweise fanden die einzelnen Teilländer doch immer wieder zusammen, wobei Gevatter Tod eine nicht unbedeutende Rolle spielte.

Wie in jedem Herrscherhaus gab es auch bei den Wittelsbachern viel Licht, aber auch viel Schatten. Viele der Wittelsbacher Herrscher regierten zum Wohle des Volkes und führten heute noch modern anmutende Neuerungen durch, andere gebärdeten sich als Tyrannen.

Ein Wermutstropfen blieb in der Familie für Jahrhunderte: Als dritte bedeutende Kraft im Reich wäre es für die Wittelsbacher angebracht gewesen, endlich die Königswürde zu bekommen. Aber vielleicht waren die Kurfürsten den Habsburger Kaisern zu einfluss- und zu erfolgreich, wie Kurfürst Maximilian II. Emanuel, der sich sicherlich als Dank für seine Hilfe im Kampf gegen die Türken eine Königskrone erhofft hatte. Kaiser Leopold I., der sogar der Schwiegervater des »blauen Kurfürsten« war, konnte sich nicht entschließen, dem ungeliebten Schwiegersohn diesen Wunsch zu erfüllen.

So blieben die Wittelsbacher weiterhin nur Kurfürsten.

Mit dem Aussterben der altbayerischen Linie 1799 stellte sich für Kaiser Joseph II. die Frage, was mit dem Wittelsbacher Gebiet geschehen sollte. Er hatte die Absicht, Bayern als »erledigtes Reichslehen« einzuziehen. Dabei hatte er allerdings die Rechnung ohne die pfälzische Verwandtschaft der bayerischen Wittelsbacher gemacht, die sofort auf den Plan rückte und Bayern für sich requirierte. Ausgerechnet dem Preußenkönig Friedrich II., der sich – wie hätte es anders sein können – gegen die Habsburger stellte, war es zu verdanken, dass Bayern, wennglich ohne das Innviertel, wittelsbacherisch blieb.

Es sollte noch bis zum Jahr 1806 dauern, bis endlich ein Wittelsbacher König in Bayern Einzug halten konnte. Maximilian I. Joseph war zwar nicht in Bayern geboren, da aber Kurfürst Karl Theodor kinderlos gestorben war, fiel sein Erbe an den Herzog aus der pfälzischen Linie Zweibrücken-Birkenfeld, dem Napoleon aus Dankbarkeit die Krone aufs Haupt drückte. Endlich war es geschafft, endlich waren die Wittelsbacher Könige!

Sisis unmittelbare Vorfahren waren begabte, interessante Leute, die zwar in ihrer Tradition lebten, die aber offen für viele Neuerungen waren. Natürlich fanden sich in der weit verzweigten Familie da und dort bunte Vögel, wie der Großvater der Kaiserin, Herzog Pius, der nicht in das Schema eines Adeligen seiner Zeit passte. In vielem ähnlich war ihm sein Sohn Herzog Maximilian in Bayern, der die Freiheit liebte und sich gegen jegliche Konvention stellte. Er wurde seiner Tochter Elisabeth zum Vorbild. Wie ihr Vater lehnte auch sie Traditionen, die ihr sinnlos erschienen, vehement ab. Auch Elisabeths einziger Sohn Rudolf trat in diese Fußstapfen: Der Kronprinz war in seiner liberalen Denkweise eher ein Wittelsbacher als ein Habsburger.

Aber Sisi war mit ihrer anders gearteten Haltung in ihrer Zeit nicht allein. Auch der bayerische Märchenkönig Ludwig II., Sisis »falscher Cousin«, teilte in vielem die Anschauungen der Kaiserin. Er ließ sich auch nicht in ein festes Schema pressen, sondern revoltierte auf seine Weise, wobei sein absonderliches Verhalten Sisi in tiefe Depressionen stürzte und sie fürchten ließ, ebenfalls den Verstand zu verlieren. Hätte Sisi sich näher mit der Familiengeschichte auseinandergesetzt, so hätte sie zwar erfahren, dass der väterliche Großvater Herzog Pius wohl absonderlich war, aber keineswegs irrsinnig. Und sie hätte von Experten vernehmen können, dass die Geisteskrankheit sowohl Ludwigs als auch die seines Bruders Otto aus der mütterlichen Linie kam, sodass innerhalb der Wittelsbacher Familie keine direkte Beziehung zu den krankhaften Erscheinungen gegeben war.

Denn auch der Nachfolger von König Ludwig II. zwar nicht auf dem Königsthron, sondern als Regent, Prinzregent Luitpold, ein Cousin von Kaiserin Elisabeth, war ein durchaus normaler Mann, der nach den chaotischen Zeiten Ludwigs II. die Staatsgeschäfte in Bayern wieder in Ordnung brachte, während der eigentliche König Otto I., Ludwigs Bruder, in geistiger Umnachtung dahindämmerte.

Es war ein Kuriosum in der Geschichte, dass das bayerische Königreich in den letzten Jahren seines Bestehens sogar zwei Könige hatte, denn einerseits wollte man den kranken Otto nicht absetzen und andererseits hatte der Nachfolger und Sohn des Prinzregenten nicht die Absicht, für ewige Zeiten auf den Thron zu verzichten. Als Otto schließlich starb, war es allerdings für den letzten bayerischen König bereits fünf Minuten vor zwölf, denn der Erste Weltkrieg neigte sich dem Ende zu und auch in München kam es zur Revolution. Der Gang ins Exil schien ihm die einzige lebensrettende Lösung.

Die Familie der Wittelsbacher erwarb sich im Laufe der Jahrhunderte viel Ehre und Anerkennung, unsterblich allerdings wurde sie durch die geheimnisvolle, traumschöne Kaiserin von Österreich Elisabeth und durch den legendären Märchenkönig Ludwig II. Diese beiden Menschen faszinierten nicht nur ihre Zeitgenossen, sie umgaben sich mit einem undurchdringlichen Zauber, dem heute noch ihre Anhänger verfallen sind.

Zauber oder Schicksal

Agnes Bernauer

Lässt man die Wittelsbacher durch die Jahrhunderte Revue passieren, so bemerkt man beinahe mit Erstaunen, dass sich in dieser Familie überdurchschnittlich viele höchst attraktive Menschen finden. Nicht erst Kaiserin Elisabeth von Österreich wurde von ihren Mitmenschen wegen ihrer Schönheit bewundert, schon in früheren Zeiten gab es Vertreter dieses Hauses, die als besonders wohlgestaltet auffielen und als Braut oder Bräutigam begehrt waren. Auch Albrecht, der Sohn des Herzogs Ernst von Bayern-München, war ein junger Adonis, bei dessen Anblick die Herzen der Mädchen höher schlugen.

Natürlich war sich Albrecht seines guten Aussehens bewusst, sodass er in jeder Hinsicht wählerisch sein konnte. Die Liebeleien, die ihm nachgesagt wurden, waren so zahlreich, dass sich sein Vater allmählich Sorgen machte, wen der leichtlebige Sohn wohl dereinst zum Altar führen würde. An reichen Prinzessinnen herrschte kein Mangel, Albrecht musste nur ernsthaft um die Hand einer von ihnen anhalten. Schon zu seiner Zeit gab es in den Adelsfamilien die unumstößliche Regel, dass bei Eheschließungen die Standesgesetze eingehalten werden mussten. Wer sich darüber hinwegsetzte, hatte mit harten Strafen zu rechnen.

Auch das Haus Wittelsbach schaute streng darauf, dass sich, zumindest offiziell, blaues Blut mit blauem Blute vermischte. Was außerhalb des Ehebettes geschah, darüber schwieg man diskret. Dass damit der Stab über viele schöne junge Mädchen aus dem Volk gebrochen wurde, die einen liebeshungrigen Prinzen angeblich verzaubert hatten, war die Regel. Meist endeten diese Verhältnisse, sobald ein Kind unterwegs war, wobei die jungen Mütter höchst selten von ihren aristokratischen Liebhabern finanziell unterstützt wurden. Der Spaß war vorbei, sollten die Dirnen zusehen, wie sie ihr weiteres Leben gestalteten.

Mit Albrecht jedoch hatte Gott Amor ganz andere Pläne: Er schoss seinen Pfeil Albrecht mitten ins Herz, als dieser in einer Augsburger Badstube die schöne Tochter des Hauses erblickte. Dies sollte für ihn, aber vor allem für die junge Agnes Bernauer zum Verhängnis werden.

Wahrscheinlich wäre das Schicksal der Baderstochter Agnes Bernauer anders verlaufen, hätten die beiden Liebenden die Konsequenzen ihres Tuns bedacht. Doch sie glaubten, die Welt aus den Angeln heben und alle Traditionen über Bord werfen zu können.

Diese Liebesgeschichte hatte durch einen Zufall ihren Anfang genommen, als Albrecht nach einem hitzigen Turnier in Augsburg in einer Badstube eingekehrt war. Nach den ermüdenden Kämpfen hatte er das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung, wobei er wusste, dass er nicht nur das in den Badstuben finden konnte. Denn beinahe alles, was das Herz begehrte, wurde damals in den Bädern geboten, und es war nichts Ungewöhnliches, dass adelige Herren sich von den »Badhuren«, so bezeichnete man die jungen Mädchen, die hier ihren Dienst versahen, in jeder Hinsicht verwöhnen ließen. Männer und Frauen saßen bunt gemischt in hölzernen Zubern, in angenehm temperiertem Wasser, und vertrieben sich meist mit derben Späßen die Zeit. Dabei wurde den einen nur der Rücken geschrubbt, während andere bevorzugt behandelt wurden. Scham und Zurückhaltung waren keineswegs vonnöten, denn schließlich war man hierhergekommen, um kurzweilige Stunden zu verbringen. Dass die Mädchen, die hier arbeiteten, nicht in allerbestem Ruf standen, war nicht verwunderlich. Dabei sah man ihren Dienst nicht als ehrenrührig an, die »Badhuren« übten einen Beruf aus wie andere auch. Die Bader selber, deren Hilfe man sehr oft dringend benötigte, weil sie das Starstechen und Zahnziehen beherrschten, wurden in der damaligen Gesellschaft allerdings eher scheel angesehen.

Auch die schöne Tochter des Baders Bernauer versah ihren Dienst gewissenhaft, die Kunden waren mit der schönen Agnes zufrieden, ja so mancher hätte sich eine intensivere Behandlung von ihr gewünscht, was sie aber immer strikt ablehnte. Es war, als wartete sie auf einen ganz besonderen Gast. Und der kam tatsächlich eines Tages.

Helle Aufregung herrschte in der Badstube, als sich der Sohn des Herzogs von Bayern-München, der viel umschwärmte Albrecht, durch sein Gefolge ankündigen ließ. Natürlich war die Tochter des Hauses ausersehen, dem erlauchten Gast dienlich zu sein. Albrecht hatte gerade eine heiße Liebesaffäre hinter sich, die für ihn unrühmlich zu Ende gegangen war, da ihn die Auserwählte schmählich verlassen und sich noch obendrein einen anderen Liebhaber genommen hatte. Frank und frei, wie er nun war, konnte er sich den Genüssen in der Badstube hingeben. Was er allerdings nicht ahnte, war, dass er sich in die schöne »Badhure« Agnes Hals über Kopf so verliebte, dass er gleichsam den Verstand verlor. So etwas hatte Albrecht noch nie erlebt. Die Liebe zu der bezaubernden Agnes hatte ihn wie ein Blitz getroffen. Er wusste von Anfang an, dass er ohne dieses Mädchen nicht mehr leben konnte. Es schien, als wäre Agnes’ Schicksal besiegelt und würde genauso aussehen wie das unzähliger anderer Mädchen. Denn niemand, weder die Eltern noch Bekannte und Verwandte, konnte annehmen, dass Agnes nichts anderes für den verwöhnten Herzogssohn sein würde als ein vorübergehender Zeitvertreib. An eine Ehe dachte beileibe niemand. Außer den beiden Verliebten. Als sich Agnes nämlich weigerte, nur die Konkubine Albrechts zu werden, sann er auf andere Möglichkeiten, sich an Agnes zu binden, wobei eine Eheschließung die einzige war, die Agnes akzeptierte.

Vielleicht war sich Albrecht in seiner blinden Verliebtheit nicht im Klaren darüber, wie Herzog Ernst auf dieses Ansinnen reagieren würde, und hoffte auf die Einsicht seines Vaters, dem Glück des Sohnes nicht im Weg stehen zu wollen.

Wie sollte sich Albrecht getäuscht haben! Als Herzog Ernst vom Plan seines Sohnes erfuhr, die »Badhure« heiraten zu wollen, kam es zu ungewöhnlich heftigen Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn. Albrecht musste erkennen, dass der Vater Agnes niemals als Schwiegertochter akzeptieren würde.

Als Herzog Ernst jedoch sah, dass alle seine Argumente gegen eine Eheschließung mit der Augsburgerin von seinem Sohn abprallten, versuchte er, die Ehe seines Sohnes mit anderen Mitteln zu verhindern. Durch ihm wohl bekannte Damen suchte er Agnes zum Verzicht auf Albrecht zu bewegen. Auch ließ er Gerüchte ausstreuen, wonach die allseits gerühmte Keuschheit der Baderstochter in Zweifel gezogen wurde, wie durch eine Aussage von Beatrix, der Gemahlin des Pfalzgrafen von Amberg. Beatrix äußerte sich höchst zweideutig, dass sie »… ganz zornig war von frau nessen wegen der hoch grosfaisten Bernawerin«, was nichts anderes bedeutete, als dass Agnes hochschwanger gewesen sei. Es wäre durchaus möglich, dass Agnes damals schon ein Kind erwartete, ein Mädchen, das Albrecht stets als seine legitime Tochter anerkannte.

Als Herzog Ernst merkte, dass sein Sohn von seinem Vorhaben, Agnes zu heiraten, nicht abzubringen war, griff er zu einer List. Als wäre er besänftigt, übertrug er Albrecht das Straubinger Ländchen, um ihn von Augsburg fernzuhalten. Aber die Rechnung ging nicht auf, denn kaum war Albrecht in Straubing, ließ er 1433 seine Agnes nicht nur nachkommen, sondern machte sie vor Gott und der Welt zu seiner rechtmäßigen Ehefrau. Was Albrecht nicht ahnen konnte, war, dass er mit der Heiratsurkunde gleichzeitig das Todesurteil für seine junge Frau unterzeichnet hatte.

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Die bezaubernde Agnes Bernauer (1410–1435)

Denn das kurze Glück in Straubing erwies sich als trügerisch. Herzog Ernst hatte nämlich nichts anderes im Sinn, als die »Hexe«, wie er die unerwünschte und ungeliebte Schwiegertochter bezeichnete, unschädlich zu machen. Und da es ihm nicht gelungen war, dem Sohn rechtzeitig die Augen zu öffnen und ihn auf den, wie er meinte, richtigen Weg zu weisen, dachte er sich andere Möglichkeiten aus, um Agnes zu entfernen. Er ließ dem Sohn eine Einladung zu einem Turnier zukommen, wobei Albrecht nicht durchschaute, welch perfide Absichten sein Vater während seiner Abwesenheit von Straubing hatte. Denn kaum hatte Albrecht die Stadt verlassen, ließ Herzog Ernst die Falle für Agnes zuschnappen.

Mit großem Gefolge ritt er in Straubing ein. Agnes Bernauer war über den seltsamen Besuch, von dem sie nichts Gutes erwartete, mehr als überrascht. Es blieb ihr wahrscheinlich kaum Zeit, sich über die Gefahr, in der sie schwebte, klar zu werden. In Minutenschnelle drangen die Schergen des Herzogs in die Burg und traten die Türen zu Agnes’ Gemächern ein. Sie fesselten die wehrlose junge Frau und schleiften sie vor den Herzog, der ihr den Prozess machte. Wie es vorherzusehen war, hatte Agnes nicht die geringste Chance, sich zu verteidigen. Es kam, wie es kommen musste für jemanden, der die Ordnung der Welt gestört hatte. Der Schuldspruch war tödlich. Man warf Agnes vor, den Sohn des Herzogs mit Hexentränken und Hexensprüchen verzaubert zu haben, sodass dieser wie von Sinnen die Ehe mit ihr geschlossen hatte. Ihre Schönheit sei der sicherste Beweis dafür, dass sie mit dem Teufel im Bunde stünde, denn nur der Satan wäre in der Lage, so einen makellosen Körper und so ein ebenmäßiges Gesicht zu formen.

Das Schicksal von Agnes war besiegelt. Auf Zauberei und Hexerei stand in jedem Fall der Tod. Niemand wagte, irgendetwas zugunsten der jungen Frau als Verteidigung vorzubringen, denn leistete man einer Hexe Hilfe, hatte man selber das Leben verwirkt. Wehrlos, wie sie war, wurde sie gefesselt und unter dem lüsternen Gegröle der Schaulustigen durch die Straßen von Straubing geschleift. Dann stieß man sie in die Donau. Während des Sturzes lösten sich die Fesseln von ihren Füßen, sodass sie schwimmend das Ufer erreichen konnte. Dort flehte sie die Scharen von Gaffern, die gekommen waren, sich bei diesem schrecklichen Schauspiel zu ergötzen, um Hilfe an. Aber sie fand weder ein offenes Ohr noch ein mitleidiges Herz. Vielmehr verfolgte man, wie der Henker mit einer Stange die blonden Haare von Agnes um einen langen Stab wickelte und ihren Kopf dann so lange unter Wasser hielt, bis jedes Leben aus ihrem Körper entwichen war.

Als Albrecht vom schrecklichen Tod seiner geliebten Frau erfuhr, raste er zunächst und drohte dem Vater, mit Waffengewalt gegen ihn zu ziehen. Als Herzog Ernst die Lage erkannte, wandte er sich an den Kaiser des Reiches, Sigismund, und bat ihn um Vermittlung. Wahrscheinlich hätte sich der Kaiser kaum in den Wittelsbacher Familienstreit eingemischt, hätte er nicht fürchten müssen, dass aus dieser internen Fehde ein Flächenbrand entstehen könnte. Daher wandte er sich begütigend an Albrecht und gewährte ihm die Bitte, seiner toten Gemahlin einen prunkvollen Grabstein errichten zu dürfen, auf dem Agnes in Lebensgröße abgebildet war, mit deutlich sichtbarem Ehering am Finger, dem Zeichen einer vornehmen Frau.

Um endgültig eine Versöhnung mit seinem Sohn herbeizuführen, vermittelte Herzog Ernst, der das leidenschaftliche Wesen Albrechts kannte, ein Treffen mit der Tochter des Herzogs von Braunschweig, der schönen Anna. Und wie Ernst richtig vorhergesehen hatte, dauerte es nicht allzu lange, bis der Witwer Feuer gefangen hatte, denn im Oktober 1436, knapp ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod der Agnes Bernauer, läuteten für ihn und Anna die Hochzeitsglocken. Alles schien bestens geregelt, Albrecht wurde der rechtmäßige Nachfolger seines Wittelsbacher Vaters mit standesgemäßen Kindern.

Diese Episode war sicherlich kein Ruhmesblatt in der vielfältigen Geschichte der Wittelsbacher. Dass auch andere Lösungen möglich gewesen wären, beweist das Schicksal der Augsburgerin Philippine Welser, die ebenfalls einen hohen Herrn bezauberte, Erzherzog Ferdinand, den zweitgeborenen Sohn von Kaiser Ferdinand I. Durch diplomatisches Geschick, aber auch durch die loyale Einstellung des Kaisers blieb Philippine ein ähnlich grausames Schicksal erspart.

Dieses trübe Kapitel aus der Geschichte der Wittelsbacher ist vielfach in die Literatur eingegangen. Kein Geringerer als Carl Orff hat sich ebenfalls dieses Stoffes angenommen. Alle vier Jahre finden im Sommer die Agnes-Bernauer-Festspiele in Straubing statt, bei denen der unglücklichen Baderstochter gedacht wird. So bleibt die schöne Agnes Bernauer durch ihren tragischen Tod für alle Zeiten mit der Stadt Straubing verbunden.

Der erste Wittelsbacher Kaiser

Ludwig IV. der Bayer

Es war wohl einer seltsamen Konstellation des Schicksals geschuldet, dass das weit verzweigte Haus der Wittelsbacher zwei römisch-deutsche Kaiser stellte, aber erst im Jahre 1806 von Napoleons Gnaden die Königskrone erhielt. Vor ihnen wurden die Preußen Könige, die Sachsen und selbst in kleineren Ländern durften sich die Herrscher die Königskrone aufs Haupt setzen. Warum dies den Wittelsbachern versagt blieb, darüber kann heute nur spekuliert werden. Sie brachten es zwar zur Kurfürstenwürde, aber jeder Anlauf, die Königskrone zu erwerben, scheiterte an den jeweiligen Kaisern – obwohl die Wittelsbacher ihnen vielfach aus ärgster Not geholfen hatten.

Das Schicksal der beiden Wittelsbacher, die zum Kaiser gewählt wurden, das von Ludwig dem Bayern und das von Karl VII., verlief höchst unterschiedlich. Dies hing natürlich mit den Zeitumständen zusammen, die Situation im Reich im 14. Jahrhundert war nicht mit der im 18. zu vergleichen. Außerdem saßen zwei völlig verschiedene Menschen auf dem Kaiserthron: Der eine, Ludwig IV. der Bayer, war ein Kämpfer bis zu seinem Tod, der andere war ein schwacher, kränklicher Mann, der die Kaiserwürde nur dem Preußenkönig Friedrich II. zu verdanken hatte, der seiner Konkurrentin Maria Theresia schaden wollte.

Ludwig der Bayer war aus einer politisch unklaren Situation heraus zum Kaiser gewählt worden, da man sich auf Seiten der Kurfürsten nicht einigen konnte. Dadurch war er gezwungen, beinahe ein Leben lang zu kämpfen, und darüber hinaus machten ihm die Päpste größte Schwierigkeiten. Sie belegten ihn mit dem gefürchteten Bann, den Papst Clemens VI. auch nicht aufhob, als Ludwig der Bayer im Jahre 1347 auf dem Totenbett lag. Dies hätte bedeutet, dass ihm kein christliches Begräbnis zuteil werden konnte.

Der Kampf um die Macht vor allem in Oberitalien hatte bereits unter Papst Johannes XXII. begonnen. Der Vertreter Christi auf dem Stuhle Petri hatte noch als uralter Mann seine Ansprüche als Reichsvikar angemeldet und dem »Bayern«, wie er den Wittelsbacher Ludwig verächtlich nannte, zu verstehen gegeben, dass er als alleiniges Oberhaupt der Kirche in der gesamten christlichen Welt auch politisch ein Machtwort zu sprechen hätte. Um dies deutlich zu demonstrieren, hatte er sich geweigert, einen der beiden Männer, die die Reichsfürsten als deutschen König bestimmt hatten, nach ihrer Wahl anzuerkennen. Dabei war die Doppelwahl im Jahre 1314 ohnehin mehr als unglücklich, denn die Großen des Reiches hatten mit Ludwig und dem Habsburger Friedrich dem Schönen zwei Männern ihr Votum gegeben, die zwar von Jugend auf befreundet gewesen waren, aber jetzt, als es um die Königskrone ging, in verschiedenen Lagern standen. Der Konflikt zwischen den beiden Vettern, der sich zugleich zu einem Ringen zwischen Habsburgern und Wittelsbachern entwickelte, endete schließlich auf dem Schlachtfeld bei Mühldorf in Oberbayern im Jahre 1322. Ludwig der Bayer ging als Sieger hervor, wobei er sich ungewöhnlich konziliant zeigte, denn er bot Friedrich, der jahrelang in einer Art Ehrengefangenschaft auf Burg Trausnitz festgehalten worden war, die Mitregentschaft an.

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Der erste Kaiser aus dem Hause Wittelsbach:
Ludwig IV. der Bayer (1281/82–1347)

Vielleicht war die gemeinsam verbrachte Jugendzeit in Wien der Grund für diese noble Geste. Ludwigs Mutter Mathilde, eine Tochter König Rudolfs I. von Habsburg, hatte den Knaben, der um die Jahreswende 1281/82 in München das Licht der Welt erblickt hatte, nach dem frühen Tod des Vaters, Herzog Ludwig II. des Strengen, als Zwölfjährigen zu den Wiener Verwandten geschickt, wo er sich auf ein politisches Amt vorbereiten sollte. Ihr Plan ging dahin, dass Ludwig neben seinem Bruder Rudolf Mitregent im Herzogtum Oberbayern werden sollte. Und da schien ihr, einer Schwester des Habsburger Königs Albrecht I., der Wiener Hof die geeignete Stätte zu sein, um dem jungen Mann Einblick in die politischen Gegebenheiten zu vermitteln. Mathildes Idee war gut und vor allem versöhnlich gemeint, führte aber zu langjährigen Streitigkeiten zwischen Ludwig und seinem Bruder, was die Mutter unter allen Umständen hatte vermeiden wollen.

In Wien lernte Ludwig, ein aufgeschlossener junger Mann, nicht nur die Kunst des politischen Handelns, sondern auch mehrere Sprachen, was ihm in seinem zukünftigen, ungewöhnlich aufregenden Leben zugutekommen sollte.

Ludwig war in eine wirre, teilweise unübersichtliche Zeit hineingeboren worden, denn die Machtverhältnisse waren nach der »kaiserlosen, der schrecklichen Zeit« noch lange nicht geklärt. Drei Familien buhlten um die Vorherrschaft im Reich, das im Inneren keineswegs befriedet war: Auf der einen Seite standen die Luxemburger, auf der anderen die Wittelsbacher als mächtige Herren im süddeutschen Raum und im Südosten und später auch im Westen die Habsburger, die den Vorteil genossen, durch ihre Könige Rudolf I. und seinen Sohn Albrecht I., schon große Macht ausgeübt zu haben. Da man aber von Seiten der deutschen Fürsten keine erbliche Machtkonzentration akzeptieren wollte, versuchte man zunächst, andere Familien an die Spitze des Reiches zu holen. Die Wittelsbacher hatten nun eine echte Chance.

Mit seiner Wahl zum deutschen König stand Ludwig plötzlich im grellen Licht der Politik, was in der damaligen Zeit vor allem Schattenseiten nach sich zog. Denn der Kampf um die Macht, der Kampf um neue Gebiete, musste erst gewonnen werden. Nur einem starken Herrscher war es unter den gegebenen Umständen möglich, sich rundum zu behaupten. Ludwig erkannte von Anfang an, dass er seine Hausmacht erweitern und vergrößern musste, wollte er die erste Position im Reich einnehmen. Deshalb war es für ihn wichtig, dass ihm zunächst Niederbayern zufiel, über das sein Bruder Rudolf geherrscht hatte. Zusätzlich brachte ihm auch seine erste Gemahlin eine schöne Mitgift ein. Durch Beatrix, die Tochter des Herzogs von Schlesien-Glogau, versprach er sich nach dem Tod des Schwiegervaters dessen Gebiete im Norden. Allerdings verstarb die junge Frau noch vor ihrem Vater, sodass Ludwig dieses Erbe nicht antreten konnte. Mehr Glück hatte er mit seiner zweiten Gemahlin, der Tochter des Grafen Wilhelm III. von Holland, Hennegau und Seeland, denn diese Gebiete schienen zumindest für seine Erben aussichtsreich zu sein. Auch die Pfalz unterstand schließlich Ludwig, sodass er Schritt für Schritt zu einem der Mächtigsten im Reich aufstieg, vor allem, als es ihm durch einen genialen Schachzug gelang, nach dem Tode des letzten Askaniers im Jahre 1323 die Mark Brandenburg für seinen Sohn Ludwig zu rekrutieren. In aller Eile belehnte er den erst achtjährigen Ludwig mit dieser wichtigen Mark, die nicht nur wegen der Gebiete im Norden für den Bayern von großer Bedeutung war, Brandenburg brachte Ludwig und seinen Nachkommen zusätzlich noch die Kurwürde.

Im Süden von Ludwigs Herrschaftsgebiet lebte eine junge Frau, die von Kindheit an zum Kämpfen verurteilt war. Die einzige Tochter Heinrichs von Kärnten, Margarete, war unglückseligerweise schon als ganz junges Mädchen mit dem Sohn Johanns von Böhmen verheiratet worden, wobei weder Margarete, noch der vom Vater auserwählte »Ehemann« Johann gefragt worden waren, ob sie einverstanden sein würden. Denn es hatte sich sehr bald herausgestellt, dass sich bei den beiden jungen Leuten eine abgrundtiefe Abneigung bemerkbar machte, die darin gipfelte, dass sich Margarete, als sie alt genug dazu gewesen wäre, weigerte, die Ehe mit Johann zu vollziehen. Auch der Böhme zeigte nicht das geringste Interesse an der Tirolerin, sodass die beiden feindlichen Nichteheleute jahrelang nicht nur nebeneinander her lebten, sondern sich auch gegenseitig auszuboten versuchten. Johanns Bruder, der spätere Kaiser Karl IV., erkannte die Wichtigkeit dieser Verbindung, denn Margarete war schließlich die Herrin von Tirol, das durch seine Alpenpässe von großer strategischer Bedeutung war. Aber auch Karl gelang es nicht, den Bruder oder Margarete dahin zu bringen, friedlich miteinander umzugehen.

Schließlich wurden die Auseinandersetzungen mit Waffengewalt ausgetragen, wobei nicht nur Ludwig der Bayer, an den sich Margarete in ihrer Not gewandt hatte, sondern auch der Papst Partei ergriffen. Und damit begann der jahrelange Kampf sowohl Margaretes, die man abwertend die »Maultasch« nannte, und Ludwigs gegen den Papst. Und da Papst Johannes XXII., der in Avignon residierte, den »Bayern« als König nicht anerkannte, waren Feindseligkeiten und Streitigkeiten auf höchster Ebene in Sicht. Wahrscheinlich hatte Johannes XXII., hinter dem der König von Frankreich stand, nicht mit einem solch hartnäckigen Gegner wie dem Wittelsbacher gerechnet, der weder Tod noch Teufel und schon gar nicht den Papst fürchtete. Denn als »der Bayer« erfuhr, dass ihn der Papst der Ketzerbegünstigung zieh und einen dahingehenden Anschlag an der Domtür von Avignon hatte anbringen lassen, legte Ludwig zunächst Berufung gegen die Maßnahmen des Heiligen Vaters ein, da dieser ihm zusätzlich noch vorgeworfen hatte, ohne päpstliche Approbation den Titel eines deutschen Königs zu führen. Ludwig sollte unverzüglich die Krone niederlegen und vor einem päpstlichen Gericht in Avignon erscheinen. In der sogenannten Nürnberger Appelation weigerte sich der König, worauf der Papst am 23. März 1324 den Kirchenbann über den Wittelsbacher verhängte, eine Strafe, die sich bis dato für jeden, der mit ihr belegt worden war, katastrophal ausgewirkt hatte. Der König wurde nicht allein exkommuniziert, sondern auch alle, die ihm nach wie vor treu zur Seite standen, waren damit von den Sakramenten ausgeschlossen.

Der Papst sollte sich, wie sich bald herausstellte, geirrt haben, wenn er geglaubt hatte, dass Ludwig klein beigeben würde. Einerseits hatte der Papst in seinem Exil in Avignon, wo er in den Einflussbereich der französischen Könige geraten war, ohnehin schon viel von seiner absoluten Macht eingebüßt. Und andererseits zeigte sich, dass sich Ludwig der Bayer innerhalb des Reiches bereits eine so stabile Positon geschaffen hatte, dass er Johannes XXII. durchaus die Stirn bieten konnte. Er ging zum Gegenangriff über, indem er den Papst der Ketzerei anklagte, worauf ein nochmaliger Bann und das Interdikt folgten. Durch diese drakonischen Kirchenstrafen war der deutsche König gleichsam vogelfrei, jedermann hätte ihn zu jeder Zeit ungestraft umbringen können.

Aber Ludwig der Bayer ließ sich durch nichts von seinen Plänen abhalten, er hatte nur ein Ziel vor Augen: den Zug nach Rom, wo er sich – wenn auch nicht vom Papst – zum Kaiser krönen lassen wollte. Nicht aus persönlicher Eitelkeit strebte er die Kaiserkrone an, er wollte klare Verhältnisse vor allem mit den oberitalienischen Städten und Frankreich schaffen. In Mailand erlebte er einen ersten Höhepunkt auf seinem Italienzug, als ihm die eiserne Krone der Langobarden aufs Haupt gesetzt wurde.

In Rom hatten die Vertreter der Stadt schon ungeduldig auf den deutschen König und seine Gemahlin gewartet. Und da der Papst nach wie vor in Avignon weilte, beschloss man von Seiten der Stadtregierung, dass Sciarra Colonna, der sich Volkskapitän nannte, und vier Bischöfe die Krönung Ludwigs am 17. Januar 1328 in der Peterskirche vornehmen sollten. Und so geschah es auch unter dem lauten Jubel des Volkes von Rom.