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Polly Adler

ADIEU, FORTPFLANZ

Polly Adler

ADIEU,
FORTPFLANZ

Wie man als Mutter
richtig versagt

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FÜR HERMA HAGER

(1916–2012)

Inhalt

Keine Kinderjause

So eine Art verbales Fotoalbum

Die Landneurotikerin

Ein Alibi-Typ namens Wolfi

Die berührendste Wurst

Das Sisi-Karaoke

Die Stimme des Blutes

Die Aschenputtel-Phase

Großes Indianerinnenehrenwort

Das Vampir-Kind

»Mutter ist völlig erblindet!«

Polygamie mit fünf

Der Ernst des Lebens

Nacht, Mutter!

»Den hab’ ich ganz anders lieb«

Alles im lindgrünen Bereich

Ken im Weihnachts-Bullerbü

»Dick, hässlich, alt?«

Keuschheitsgürtel in den neuen Frühlingsfarben

Ach, Egon, Egon!

Wo wohnt Herr Salzamt?

»Was hast du an?«

Der Fluch des schwarzen Huhns

Sexuelle Einbrecher

Die Lizenz zum Fluchen

Selber Tussi!

Ein Spaß-Penis

Die Kammer des Schreckens

Mein Rampenferkelchen

Der Mann mit dem Schoß

Innsbruck oder Kinshasa?

Anna Karenina an Gummibärchen

Catch me if you can

Kein anständiger Partner

Wickeltisch im Westflügel

Emotional Freestyling

Richards Braut

Kenzo im Prater

Der Nerven-der-Mütter-Gedenktag

Mein Vadda, das Opfer

Eine Hölle namens Eduard

Die Wir-verstehen-uns-so-gut-Lüge

Brut und Tränen

Houston, Problem!

Friendly Fire

Unvorsichtig glücklich

Umarmung von Plüschtieren

Leben mit einem Alien

Du Gefühls-Calimero!

Mega-uncool

Lolex in Schweinsrosa

Im Würgegriff der Kirschblüte

Der Vorsorge-Waldkobold

Date in Hell

Operation Aschenputtel

Kommunikations-Kollaps

Im Bootcamp der Liebe

Schläft sie mit dem Gärtner?

Mehr Feuer in Hose

Get Yourself A Fucking Life!

Paris is burning!

Biologischer Pressluftbohrer

Job description: Beziehungsezzes

Brautkleid-Eskapaden

Ein Fall für Amnesty International

Ein hässlicher kleiner Fiepslaut

Einfach nur deppert

Emergency Room für gebrochene Herzen

Reality sucks!

Minderjährige Vamps

Zwischengeschlechtliches Wadenrichten

Pizza-Postillon d’Amour

Das neue Kind

Hobbyjugend ist keine Kinderjause

Pädagogisch nicht sehr toll

Lebensintoleranzen

Von der Maschek-Seite

Gorillas im Nebel

Mister Abfluss

Armes Malta!

Ich chill’ mein Leben!

Die »Früher«-Paranoia

Lebender Bankomat gesucht

Das Wollmützchen-Opfer

Der Facebook-Exodus

Ein Wintermärchen mit Bree

Todschicke Krankheiten

Prinzessinnen-Stahlbäder

Das Nervengas der Angst

Quietschfidele Kirchenmäuse

Der letzte Schultag

Emotionale Inkontinenz: Befriedigend

Keine Klageweiber-Nummer!

Verdammt unsexy

Ich bin da-da, Lady Gaga!

Hat Babylein ein Hüngerli?

Aufgebügeltes Protestg’wand

Die inneren Ponys

L’Isola Bonita

Uns bleibt immer noch Paris!

Ein seelisches Mega-Aspirin

Bravo, Omschi!

Keine Kinderjause

Es gibt tausende Gründe dafür, die Fortpflanzung zu verweigern. Hier nur mickrige zehn davon:

1. Sie sehen eine ganze Weile wie ein Michelin-Weibchen aus. Und tragen Pfadfinderzelte und diesen schafsähnlichen Blick.

2. Sie quälen Ihre Umwelt über Jahre mit Zillionen von Fotos, die Ihren Fortpflanz bei der Verrichtung allzu menschlicher Tätigkeiten zeigen, und ebenso vielen pointenlosen Anekdötchen. Sie werden also das Gros Ihrer Freunde verlieren – zumindest eine Zeitlang.

3. Sie werden viele Stunden Ihrer kostbaren Freizeit auf Spielplätzen verbringen – jenem Ort, auf dem Mütter über ihre Kinder wie Rennpferde reden. Und über ihre Ehemänner wie über – im Bestfall – leicht behinderte Kinder.

4. Sie werden sich mit idiotischen Herausforderungen wie der Beschaffung einer Bastelschere für den Werkunterrichtskoffer auseinandersetzen müssen.

5. Sie werden zu Ihrem Ehrentag mit Salzteig-Colliers und von Bonbonfarben dominierten Seidenmalerei-Schals beschenkt werden. Die schlechte Nachricht: Wenn Sie Ihres Lebens noch irgendwie froh werden wollen, müssen Sie diese Devotionalien auch im bebauten Gebiet tragen.

6. Das Leben, das Sie unter Schmerzen in die Welt geschossen haben, wird spätestens ab dem zwölften Lebensjahr beständig versuchen, Ihnen auf den Mittelscheitel zu pissen.

7. Sie werden niemandem auf diesem Planeten so peinlich sein wie Ihrem eigenen Fleisch und Blut.

8. Ihre Wohnung wird ab dem vierzehnten Lebensjahr Ihres Lebensinhalts als Hotel missbraucht werden. Sie werden das Monopol auf Ihre Klamotten verlieren. Die wechselnden Lebensabschnittspartner der Brut werden Ihren Kühlschrank leer fressen.

9. Mit dem Geld, das Sie sich ohne Kind ersparen, können Sie sich im Alter drei Chippendales in der »Golden Girls«-Residenz leisten, die ausschließlich damit beschäftigt sind, das Speichelrinnsal von Ihren Mundwinkeln zu tupfen.

10. Sie werden nie dieses elende Gefühl erleben müssen, jemanden mehr zu lieben als sich selbst.

»Kann ich mich bitte jetzt endlich einmal
auf eine glückliche Kindheit konzentrieren?«
Stella, im Alter von acht Jahren

»Mothers are all slightly insane.«
J. D. Salinger, Schriftsteller

So eine Art
verbales Fotoalbum

Wie ich durch die Kindheit meiner Tochter wie in einem Schnellzug fuhr, mir den Luxus leistete, dabei recht unmuttrig zu sein, und der Fortpflanz dennoch weder Bankräuberin noch Serienkillerin geworden ist. Zumindest bis jetzt nicht.

Den Eva-Test machte ich im Beisein meiner engsten Freundinnen mit vorsorglich gekühltem Sekt. Wir waren fest entschlossen, ihn so oder so zu trinken.

Es war ein warmer Hochsommernachmittag im Jahr 1993 und wir saßen im Garten. Ich war gerade Housesitter bei meinen Eltern. Irgendwie fühlte sich die ganze Aktion an, als ob es sich um ein lustiges Gesellschaftsspiel handelte. Als sich im Kontrollfenster jene berüchtigte rosa Linie bildete, sprangen alle auf und umarmten mich kreischend, als ob ich im Lotto gewonnen hätte.

Ich versuchte meine sofort den Hals hinaufkriechende Angst mit Freude zuzudecken. Es wollte mir nicht gelingen. Ich ahnte schon damals, dass die Mutter-Nummer bei mir zu einem Solo-Flug werden würde. Aber ich hatte noch nicht die geringste Ahnung, wie anstrengend das alleine Fliegen ist.

Zuerst einmal hatte ich alle Hände damit voll, mich zu fürchten. Ich hatte Angst, meinen Kindsvater mit der Neuigkeit zu konfrontieren. Ich begann also mit dem kleineren Übel – mit der Frau, die mich im Alter von neunzehn Jahren geboren hatte.

Mein Vater ist nur zwei Jahre älter als meine Mutter. Sie sind bis heute mit Bluttemperatur verheiratet. Es fliegen die Fetzen, aber sie lieben sich. Meine Mutter ist keine emotionale Milchzuckerpackung, das kann manchmal ganz schön anstrengend sein. Im vergangenen Jahr haben wir ihre goldene Hochzeit gefeiert. Meine ganze Pubertät über hatte meine Mutter mir eingetrichtert: »Lass dir ja von keinem ein Kind anhängen.«

Jetzt war es umgekehrt gekommen: Ich hatte einem Mann knallhart ein Kind angehängt. Allerdings waren wir damals nicht drei Tage, sondern schon elf Jahre mehr, aber auch manchmal weniger zusammen gewesen.

Meine Intuitionsantennen signalisierten mir, dass sowieso immer ein ungünstiger Zeitpunkt für solche Entscheidungen war, aber dass eben jetzt der bestmögliche aller ungünstigen Zeitpunkte gekommen war. Wenn heute den Mädels suggeriert wird, dass sie erst einmal Karriere machen sollen, für das Kinderkriegen wäre dann ohnehin mit achtunddreißig-plus noch ausreichend Zeit, dann kann ich an dieser Stelle nur einen Warnschuss in die Luft gehen lassen. Statistisch gesehen liegt nämlich bei Frauen ab vierzig die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft ohne turbomedizinische Hilfe bei unter zehn Prozent pro Monatszyklus, was mit dem reduzierten Vorrat an Eizellen und der Qualität des Eisprungs zu tun hat. Auch die Reproduktionsmediziner können nur beschränkt Gott spielen: Während eine gesunde Achtunddreißigjährige noch mit dreißigprozentiger Wahrscheinlichkeit künstlich befruchtet werden kann, sinkt ab vierzig die Chance massiv. Wie hochgradig seelisch belastend das Lotteriespiel der Fertilitätsmedizin für Frauen und Männer werden kann, weiß jeder, der derartige Prozeduren durchgemacht hat. Der Glaube an die gesellschaftliche Wunschvorstellung, dass man die Natur jederzeit an der Nase herumführen kann, wird für manche der »Delay-Mums« zum schmerzhaften Reinfall. Denn die Grenzen von der gewollten zur ungewollten Kinderlosigkeit verschwimmen ab vierzig weit häufiger als in den Jahren davor. Abgesehen davon, dass sich auch das Risiko von Fehl- und Frühgeburten, Schwangerschaftsvergiftungen und anderen Widrigkeiten erheblich erhöht.

Mütter jenseits der fünfundvierzig sind fünfzig Mal so gefährdet, ein behindertes Baby zu bekommen, wie solche unter der biologischen Demarkationslinie von fünfunddreißig Jahren. Und ja – auch in der pränatalen Diagnostik werden Fehler gemacht: Wenn also Gianna Nannini mit vierundfünfzig stolz mit nacktem Babybauch und einem T-Shirt mit der Aufschrift »God Is A Woman« posiert oder die Endvierzigerin Marcia Cross in mildes Hollywood-Licht getaucht ihre Zwillinge im Bugaboo über den Strand von Malibu chauffiert, dann hatten sie echtes Glück und verkaufen den jungen Frauen damit auch eine gefährliche Lüge. Die Biologie lässt sich nicht so einfach austricksen, wie wir das vielleicht gerne hätten. Ganz abgesehen davon, dass »Delay-Mums« mit ihrem Energie-Potenzial weitaus ökonomischer umgehen müssen. Und es für Kinder auch nicht so wahnsinnig lustig ist, ihre Mütter knapp vor dem Wechsel kennenzulernen.

Ich hatte mit dreißig noch ein hohes Kräftereservoir und fühlte mich damals eigentlich ganz wohl mit dieser Eine-Frau-gegen-den-Rest-der-Welt-Attitüde. Seit meinem zweiundzwanzigsten Lebensjahr hatte ich mir in diversen Redaktionsstuben die Finger wund geschrieben, unter Schreibtischen geschlafen – ich hatte also den Nachweis der Vollalphabetisierung erbracht und musste mir keine allzu großen Sorgen machen, auch mit einem Fortpflanz an der Backe meine Texte unterbringen zu können.

Ich hatte außerdem vor, die fantastischste doppelbelastete alleinerziehende Journalistin dieses Landes zu werden. Zuhause zu bleiben, sich im Alete-Inferno zu verbarrikadieren, ein Leben in der Infinitivsprache war überhaupt keine Option.

Heute würde ich sehr, sehr viel dafür opfern, mir dieses erste halbe Jahr mit meiner Tochter zurückholen zu können. Das weiß sie auch weidlich auszunützen, das kleine Luder. Wenn sie mir ans Eingemachte will, seufzt sie mit wässrigen Augen: »Du warst doch immer nie da und hast mich ständig allein gelassen.«

Und ehrlich gesagt, sie hat damit auch Recht. Aber ich habe es, ganz unter uns, so gerne gemacht. Denn ich wollte mein früheres Leben einfach nicht an der Garderobe abgeben, nur weil ich ein Kind hatte. Dass das in unserem Kulturkreis als verwerflich gilt, hat wahrscheinlich mit den historischen Nachwirkungen zu tun. Man wird oft scheel angeblickt, wenn man diese Facette seines Lebens nicht als die oberste Erfüllung zu betrachten gedenkt.

Als der Fortpflanz erste Schritte machte, hat mich seine Großmutter, die geliebte Oma-Lotte, aus dem Burgenland angerufen. Ich hatte ein riesiges Massel, was das Engagement der Familie betraf: Ich hatte de facto drei Omas, denn meine Großmutter war damals auch noch voll als Urgroßi einsetzbar. Die »Herma-Omama« umschwemmte ihre Urenkelin mit der gleichen selbstlosen Wärme und Engelsgeduld, die sie zuvor ihren beiden Söhnen und später ihren drei Enkelkindern im Übermaß zukommen hatte lassen. Auch deswegen ist ihr dieses Buch gewidmet.

Und dann hatten wir noch den Luxus von drei Großvätern, einer energiegeladenen Großtante und einem halben Kindsvater, der mir immer wieder signalisierte, dass diese ganze Nummer eigentlich meine Idee gewesen war und ich sie deswegen auch genau so durchziehen sollte.

Was ich nicht bedacht hatte: Dass einem mit solchen Vorgaben immer die Zunge wie ein roter Wollschal aus dem Gesicht hängt und die Frisur in der Regel nicht sitzt. Und das Leben kein SAT.1-Filmfilm ist, sondern ein Tretminenfeld zwischen den Antipoden »zu viel Wollen« und »zu wenig Können«. Und dazwischen verrinnt die Wimperntusche.

Dass meine Mutter mich seit meiner Pubertät mit dem Anti-Kernfamilien-Virus infiltriert hatte, war aus ihrer Perspektive irgendwie verständlich. Sie setzte große Hoffnungen in meine Talente, die sie von Beginn an mit Leidenschaft gefördert hatte. Wahrscheinlich wünschte sie sich, dass ich die Karriere machte, die sie gegen meine Existenz eingetauscht hatte. Sie hatte ihr Malereistudium abgebrochen, um eine viel schnellere Ausbildung zur Volksschullehrerin zu machen. Danke, Mama. Sie ist eine großartige Lehrerin geworden; ihre Schüler besuchten sie noch mit beginnendem Haarausfall. Und sie war immer da – ich hatte nie das Gefühl, dass sie keine Zeit für mich hatte. Dieses luxuriöse Gefühl der Sicherheit würde ich meiner Tochter in den folgenden Jahren nicht vermitteln können.

Als ich meiner Mutter im Sommer 1993 am Telefon erzählte, dass ich schwanger war, sagte sie nur: »Na bravo! Du wirst das Kind entweder im ›Engländer‹ oder im Taxi vergessen.«

Ich war zum damaligen Zeitpunkt nicht fünfzehn, sondern schon dreißig Jahre alt. Das »Engländer« in der Postgasse war mein Stammcafé. Ich wohnte nahezu dort, ließ mir die Post hinbringen, erledigte dort alles – vom Liebeskummer bis zu Interviews.

Auch sonst lief wenig so, wie ich es mir damals, als sie mir eine Barbie mit aufklappbarem Babybauch und vielem aufregendem Zubehör unter den Weihnachtsbaum gelegt hatte, vorgestellt hatte.

Der Kindsvater, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt bereits eine über ein Jahrzehnt währende Stop-and-Go-Beziehung hinter mich gebracht hatte, verhielt sich auch nicht so wie die handelsüblichen zukünftigen Väter in den amerikanischen Vorabendserien. Er bekam weder ein vor Enthusiasmus trunkenes Gesicht, noch wirbelte er mich durch die Luft und rief: »Wir sind bald zu dritt!« oder »Du machst mich zum glücklichsten Mann der Welt!«

Wahrscheinlich bin ich generell eine Frau von geringer Wirbeltauglichkeit.

Er fragte mich nur, wie ich ihm das ausgerechnet jetzt, wo er doch gerade erst achtunddreißig wäre und sein Leben noch voll vor sich hätte, so etwas antun könne. Er wäre einfach noch nicht reif für solche spaßbedrohlichen Umwälzungen. Außerdem fühlte er sich von mir hintergangen.

Damals glaubte ich noch daran, dass in dem Moment, in dem dieses kleine Wesen auf die Welt plumpste, sich alles zum Guten wenden und es unserer daniederliegenden Beziehung eine magische Wende versetzen würde.

Wie sich später herausstellen sollte und ich auch bei anderen beobachten konnte, war das unglaublich naiv. Kinder sind wie Stereoboxen. Sie verstärken das Glück, aber auch das Unglück. Wenn eine Liebe schon in Trümmern liegt, wird eine Baby-Landung die Beziehung noch aussichtsloser machen, als sie ohnehin schon ist. Das sind keine Schuldzuweisungen, nur Feststellungen. Trotzdem bin ich im Nachhinein sehr froh, dass der Fortpflanz von einem Mann stammt, den ich wirklich geliebt habe.

Aus Gründen, die ich später über vier Jahre lang mit meinem Psychotherapeuten bemurmeln sollte, beschloss ich, die unschwangerste Schwangere der westlichen Hemisphäre zu werden. Geburtsvorbereitungskurse, pränatales Baby-Shopping, die Lektüre von entwicklungspsychologischen Ratgebern, hormontrunkene Schafsblicke in Kombination mit notorischem Streicheln über den wachsenden Babybauch – nein danke. Viel zu uncool. Schließlich hatte ich ein Leben, und einen Beruf, den ich liebte und wo es auch gerade ziemlich gut lief.

Ich wollte partout nicht eine von diesen Gebärkühen werden, für die Fortpflanzung und Brutpflege zum alleinigen Lebensinhalt mutierten.

An eine mehrmonatige Karenz war ohnehin nicht zu denken. Nicht einmal an eine mehrwöchige. Der Kindsvater verfügte über ein eher sporadisches Einkommen, das er auch nicht zwingend für ein Kind, zu dem man ihn quasi verdonnert hatte, ausgeben wollte. Und ich war ohnehin ständig in Existenzpanik. Mit gutem Grund: Ich kann mit Geld überhaupt nicht umgehen. Desto weniger Geld ich hatte, desto lustvoller habe ich das nicht vorhandene Geld ausgegeben. »Sechsspännig ins Armenhaus« war irgendwie mein finanzielles Lebensmotto geworden.

Ich war schon ziemlich schwanger, als der Kindsvater und ich in Miami überwinterten. Mission »Beziehungs-Neustart«. Am 31. Dezember 1993 fand ich mich knapp vor Mitternacht in einer Schwulendisco, in der eine Menge Lederhengste mit nacktem Oberkörper und Pornobürsten-Bärten herumturnten. Die Bässe waren so laut, dass es meinen Bauch zu ihrem Rhythmus hob. Ich flüsterte meiner ungeborenen Tochter zu: »Verzeih mir bitte schon jetzt, aber bei uns wird möglicherweise alles anders als bei den anderen.«

Und trotz des Gedröhnes und des Stimmengewirrs bildete ich mir damals ein, sie antworten zu hören: »Passt schon. Man kann sich seine Mutter ja schließlich bekanntlich nicht aussuchen.«

Wir stritten viel in Miami. Unter anderem darüber, wie unser Kind heißen sollte. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass es zu Stella keine Alternativen gab. Stella war kurz, signalisierte Selbstbewusstsein und war eigentlich nicht zu verschandeln. Ich glaube, zu dem Namen hat mich Marilyn Monroes Schauspiellehrerin Stella Adler inspiriert. Weiß der Geier, warum wir das Kind später Stelli, Stellusch oder Stellinka rufen sollten.

Der Kindsvater wollte seiner Tochter jedoch Namen verpassen, deren bloße Aussprache mir einen Zuckerschock versetzte. Ich setzte mich durch. Wenn mein Leben als werdende Mutter schon so gar keiner amerikanischen Vorabendserie glich, wollte ich wenigstens das Machtmonopol über den Vornamen besitzen.

Die Geburt meiner Tochter erscheint mir im Rückblick wie eine mehrtägige Party. Ich hatte am Nachmittag noch ein wenig Rotwein bei einer Osterjause getrunken, damit die Wehen endlich losgingen. Das hatte mir einmal eine Tiroler Bäuerin erzählt: Rotwein treibe die Sache zügiger voran. Ich checkte in eine Privatklinik ein, in der sich die Gattin des Primars flächendeckend mit Obst- und Landschaftsgestaltungen in sehr lauten Aquarellfarben selbstverwirklicht hatte. Ich dachte mir damals, dass Presswehen nicht schlimmer sein können als diese Kunstwerke.

Der Kindsvater, der eigentlich sauer war, dass ich seinen Fernsehabend unterbrochen hatte, war nur mit Mühe dazu zu bewegen gewesen, mich zu begleiten. Bei mir lief wirklich gar nichts wie im Barbie-Katalog.

Ich entschied mich für eine Geburt, bei der ich an einer Wand lehnte. In irgendeiner Doku hatte ich gesehen, dass so die Indianerinnen ihre Kinder zur Welt bringen. Es erschien mir auch völlig logisch, Schmerzattacken nicht im Liegen zu bewältigen und mir die Gesetze der Schwerkraft durch eine Stehposition zunutze zu machen. Nach zweieinhalb Stunden war das Kind da. Es war zwei Uhr achtundzwanzig nachts, und es ist mir ein Rätsel, wie manche Mütter vergessen können, zu welchem genauen Zeitpunkt sie ihre Fortpflänze in die Welt geschossen haben.

Ich hörte, wie der Kindsvater mit der Hebamme verhandelte, dass seine Tochter nicht neunundvierzig, sondern eigentlich fünfzig Zentimeter lang wäre und man das gefälligst auch so zu Protokoll bringen möge. Ich fragte mich in diesem Moment, wer eigentlich auf die idiotische Idee gekommen war, die Männer in den Kreißsaal mitzuschleppen, anstatt sie zum Kettenrauchen ins Vorzimmer zu verbannen. Und im Vorfeld dafür Sorge zu tragen, dass sie sich später mit ihren Kumpels in aller Ruhe fröhlich betrinken und garstige Lieder absingen können. Es wäre für die Nerven aller Beteiligten wahrscheinlich vernünftiger. Und sollte man an der Fortführung eines Sexuallebens von Anstand und Würde interessiert sein, sowieso. Egal, diese Chance hatte ich vertan.

Die kommenden Tage waren großartig. Ich funktionierte mein Zimmer zu einer Party-Location um. Es wurde getrunken, gegessen, gelacht, die Bude war fast immer voll. Im Schlafrock besorgte ich in der gegenüberliegenden Tankstelle Spirituosen und cholesterinhaltige Schweinereien. Ich wollte noch ein bisschen unvernünftig sein dürfen, bevor ich mich zu einer entsetzlich funktionstüchtigen Person verwandeln musste.

Einer meiner Besucher, der Volksschauspieler und Wirt Hanno Pöschl, sagte zum Abschied: »Wenn das ein Wirtshaus wäre, dann hieße es ›Zur fröhlichen Wöchnerin‹.« Das war ein großes Kompliment.

Ich beschloss, so lange wie möglich in diesem Etablissement, das ein Hybrid zwischen Kitschhotel und Gebärklinik war, zu verharren. Denn ich wusste genau: So viel Rundum-Service würde ich wahrscheinlich die nächsten achtzehn Jahre nicht mehr haben.

Nach einer Woche warfen sie mich hinaus und ins kalte Wasser. Der Kindsvater holte uns ab und chauffierte uns in meine Wohnung. Wir hatten zwei Wohnsitze. Hochmodern. Als er mich mit dem Kind nach oben gebracht hatte, sagte er beim Abschied: »Ich möchte nur, dass du wirklich weißt, dass ich nicht der Kleinfamilientyp bin.«

Der Satz traf mich tief, aber dass ich meine Tochter im Alleingang großziehen würde, hatte ich ohnehin schon geahnt. Meine Freundin Mimi, die seit unserem dreizehnten Lebensjahr in meinem Leben war, hatte alles vorbereitet. Sie hatte ein paar geborgte Strampler und eine Wiege organisiert. Das Kind war zehn Tage früher gelandet, als ursprünglich geplant. Und natürlich hätte ich selbst diese Deadline verpasst und gar nichts, aber auch wirklich gar nichts vorbereitet. Außerdem glaubte ich an das jüdische Muttergesetz, dass es Unglück bringen könnte, wenn man Babysachen kauft, bevor das Kind noch gesund auf der Welt ist.

Es dauerte nicht lange, da machte der Fortpflanz seinen ersten Antrittsbesuch im Café Engländer, schließlich wollte ich dem Misstrauensvorschuss meiner Mutter auch gerecht werden und sie nicht enttäuschen. Meine Tochter war kaum eine Woche alt, als ich sie in die Redaktion mitschleppte. Und zwar nächtelang. Das Monatsmagazin, bei dem ich damals arbeitete, sollte nur noch zwei Mal erscheinen und dann eingestellt werden. Es war für mich Ehrensache, dass ich die zwei Ehrenrunden vor dem Begräbnis von »Basta« mitdrehte. Wir schrieben und produzierten meistens nachts. Das Kind schlief in seinem Wagen und wurde alle drei Stunden gestillt. Im Nebenzimmer wurde gesoffen und sonst auch noch viel Blödsinn gemacht. Ich genierte mich schon damals sehr vor dem Fortpflanz.

»Verzeih mir bitte«, flüsterte ich ihm zu, »aber du bist ein afrikanisches Baby. Die Afrikanerinnen nehmen ihre Kinder auch mit aufs Feld. Entwicklungspsychologisch ist das möglicherweise nicht sehr günstig, aber wir haben keine andere Wahl.«

Das Kind sah mich an, als hätte es in der genetischen Lotterie allerhöchstens einen Dreier gezogen und als wollte es eigentlich missbilligend den Kopf schütteln, dann seufzte es nur.