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Elfriede Ott

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Worüber ich lache

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Elfriede Ott

Worüber ich lache

Erlebte und gesammelte Anekdoten

Mit 60 Abbildungen, Vignetten der Autorin
und einem Verzeichnis der Theaterrollen
und Regiearbeiten

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Für Fritzi

Ein großer Dank an Professor Ulrich Schulenburg,
der die Idee zum Buch hatte und seine
Entstehung begleitete

Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

© 2013 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Inhalt

Darüber lache ich

Theater, die gemeinsame Verzauberung

Ernst Waldbrunn: Aus »lustig« ist Liebe geworden

Hans Weigel: Auf die Pointe kommt es an

Es ist halt alles Schicksal

Im Moment des Lachens steht die Zeit still

Auch die Schadenfreude ist eines unserer großen Gefühle

Nestroy lebenslang

»Hängst du?«

Böhmische Theaternostalgie

Kabarett und Kaffeehaus: Fritz Grünbaum, Armin Berg und die Kohns

Alexander Girardi, Katharina Schratt, Hans Moser und ihre Welt

Was wäre das Theater ohne seine Legenden?

Premieren und andere Novitäten

Wenn man lacht, vergisst man seine Sorgen

… und zum guten Schluss: Lachen auch Sie, liebe Leser!

Elfriede Ott als Theaterschauspielerin und Regisseurin

Bildnachweis

Namenregister

Darüber lache ich

Liebe Leser und Leserinnen, ich weiß, Sie erwarten, dass alles, was ich hier für Sie aufschreibe, lustig ist, aber ich muss Ihnen sagen: Worüber ich lache, sind nicht Witze, sondern Situationen, die in mein Leben eingreifen.

Man wird es mir nicht glauben, aber ich bin ein sehr ernsthafter Mensch. Ich selbst bin gar nicht so lustig, es sind die Dinge, die mir einfach passieren.

Der Auftrag, dieses Buch zu schreiben, ist eigentlich für mich eine Unmöglichkeit. Aber mit Hilfe von Fritzi, der ewigen Behüterin meiner Person, fallen mir die Dinge wieder ein, und ich komm drauf, dass ich in meinem Leben sehr oft gelacht hab, bis zu Lachkrämpfen. Es gibt eben Situationen, wo man einfach nur lachen muss und nicht weiß warum.

Diese Erfahrung habe ich zum Beispiel mit Michael Heltau gemacht. Entsetzlicherweise bei einer Fernsehaufzeichnung von Priestleys Die Conways und die Zeit. Eine ernste Szene zwischen zwei jungen Leuten: Wir haben uns angeschaut, und nichts konnte unser Lachen bremsen.

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1 Die Pointe kam nicht an: Mit Michael Heltau, 1963

Ein anderes Mal, ein anderes Stück, Terence Rattigans 1000 Worte französisch. Er zu mir: »Du, ich hab eine Idee für eine Schlusspointe im zweiten Bild. Pass auf, die Leute werden brüllen vor Lachen.« Ich war so gespannt.

Der Aktschluss nahte, er brachte seine Pointe. Eisiges Schweigen des Publikums. Unsere Reaktion: Lachkrämpfe. Gott sei Dank musste der Vorhang im Theater in der Josefstadt, in dem ich fast mein ganzes Theaterleben verspielte, fallen.

Die meisten Lachsituationen in diesem Buch haben sich in der »Josefstadt« begeben.

Durch meine Soloprogramme habe ich immer auch in anderen Sälen und Theatern gastiert. Sehr oft im Mozartsaal des Konzerthauses. Diesem Saal habe ich ein Geschenk gemacht, das sich vielleicht bis heute erhalten hat.

Es war anlässlich eines meiner Programme zugunsten des Tierschutzes. Man hat mich gefragt, was ich als Gage verlangen würde. Meine Antwort: eine kleine Katze. Vor Beginn brachte man mir ein entzückendes Kätzchen, ein rotes. Ich nahm es entgegen, drückte und herzte und fragte es, ob es mit mir auf die Bühne gehen würde. Es schmiegte sich an mich, wir waren sofort ein Herz und eine Seele und … ungefähr fünfhundert Flöhe auf mir und meiner Umgebung: auf dem Flügel (dort hat man sie nicht so gesehen, er ist ja auch schwarz) bis zu meinem Begleiter. Es ist überall gehüpft und gesprungen. Auf diese Weise war der Mozartsaal von mir »eingefloht«. Bei den nächsten Konzerten werden sich die Interpreten sehr gekratzt haben.

Ja, noch was fällt mir ein, über das ich so gelacht hab. In unserer Familie hat sich eine Dohle eingeschlichen. Gerhard Bronner, der gerade bei uns auf Besuch war, hat sie »Kafka« genannt. Sie hat mit uns gelebt, gegessen, und wenn wir einen Schrei hörten, dann hat sie gerade den Nachbarn in die Zehen gezwickt.

Ich hatte damals einen Mitarbeiter, Michael Dorak. Ein Mann mit einem schwarzen Bart. Kafka konnte ihn nicht ausstehen, aber er hatte es nur auf sein linkes Ohr abgesehen. Wenn Michael unser Haus betrat, hat er sich schon das Ohr zugehalten.

Wir gingen in mein Zimmer in den ersten Stock, um in Ruhe zu arbeiten, weil dort würde sich Kafka nicht hinwagen. Es war für ihn fremdes Gelände. Nach einigen Stunden gingen wir hinaus, ohne was Böses zu ahnen. Ein Schrei: An Michaels Ohr klammerte Kafka. Auf mein schallendes Lachen war Michael schon etwas eingeschnappt.

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2 »Kafkas« Liebling war mein Mann Hans Weigel

Ich bin ein Mensch, der sehr schwer Wiederholungen aushält. Als Kind im Kino hab ich mich immer verkehrt gedreht, wenn die Wochenschau schon einmal war, ich konnte es nicht aushalten, sie ein zweites Mal zu sehen. Bei mir ist immer alles sofort gespeichert und ich kann es jederzeit abrufen.

Es gab nur eines, das ich immer wieder hören konnte. Das waren die Gymnasiumsgeschichten von Hans Weigel. Hier ist eine davon:

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»Das Gymnasialgebäude war reich an Überraschungen. Eines Tages entdeckten wir ein Bodengeschoss, drangen ein und durchstreiften es. Wir fanden ausrangierte Lehrmittel. Eine kleine gipserne, verschmutzte Bourbonlilie mit abgeschlagenem Eck nahmen wir mit, hängten sie an die Wand unseres Klassenzimmers, wo sie ganz scheußlich und vollkommen sinnlos wirkte, aber wochenlang blieb, denn jeder Professor dachte, ein Kollege hätte sie dort als Lehrmittel platziert.

Eine Büste des Kaisers Franz Joseph nahmen wir auch mit, setzten sie in die letzte Bank und sagten: ›Bitte, ein neuer Schüler!‹

Dann zerbrachen wir die Büste und jeder bekam einen Scherben als Andenken. (Auch diesen hat mir Hitler genommen – der Scherben war besonders wertvoll, weil aus der Bartgegend.)«

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Lachen? Was ist das? Ein Reiz, den man nicht mit Bewusstsein erzeugen kann.

Etwas erreicht etwas, das man nur mit »Etwas« beschreiben kann. Es ist auch nicht zum Derhalten. Das berühmteste Lachen ist das auf Begräbnissen: ungewollt, unabsichtlich, unpassend, ununterdrückbar.

Mein Thema ist mein persönliches Lachen. Dabei bin ich keine Lachperson, ich bin vielmehr auf der Welt, um andere zum Lachen zu bringen.

Aber dazu muss ich Ihnen, liebes Publikum, für Ihr Verständnis meine jetzige Lebenssituation schildern, gleichsam eine Bestandsaufnahme geben. Ich hab mich nach zwei Knieoperationen nicht mehr erfangen und humple durchs Leben. Dadurch war ich gezwungen, inmitten der Produktion Eh wurscht »meine« Josefstadt zu verlassen, die Bühne, der ich sechzig (!!) Jahre angehörte.

Privat lebe ich inmitten einer Großfamilie von Tieren und Menschen. Fritzi ist ein Lebensmensch, seit ihrer Kindheit und Jugend in meiner Familie, die natürlich von mehreren Menschen besiedelt wurde. Sie haben mich alle engelwärts verlassen.

Jetzt bin ich mit Fritzi allein auf der Welt, nein, nicht allein. Goran ist der Dritte in unserem Bunde. Goran David ist ein ausgezeichneter Schauspieler geworden, besitzt Fähigkeiten, die im Theater wichtig sind. Ich finde, er müsste einmal Theaterdirektor werden. Bis dahin beschützt er uns. Die ganze Mischpoche, Mensch und Tier, hängt an ihm. Um ihn zu zähmen, habe ich ihn zu meinem Glück adoptiert. Er ist auch der Mitintendant meiner »Nestroy-Spiele« auf der Burg Liechtenstein in Maria Enzersdorf. Es wäre mein Wunsch, dass die von Hans Weigel und mir gegründeten Spiele ihre Fortsetzung finden.

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3 Mein letzter Auftritt im Theater in der Josefstadt: In Franz Wittenbrinks Nummernrevue »Eh wurscht«, 2010

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4–6 Wir drei und der Rest der Familie

Meine Heimat Theater ist weg, aber es ginge mir sehr gut – wenn ich nur gesund wäre! Ich habe meinen Hund Pipsi, der mir alles ist. Nein, nicht »der« – »die«, ein Weiberl. Ein kleiner Chihuahua, sehr dick, eher ein mopsähnliches Wesen, das auf mir lebt. Ich schau aus! Meine schwarzen Hosen sind voll von Haaren. Auch unsere Katzen befellen mich. Der wunderschöne Weiße und Minki, die Hauskatze. Sie behaaren auch die Polstermöbel. Nehmen keine Rücksicht! Aber wir wohnen gern bei ihnen.

Fritzi besitzt eine ungewollte Komik. Sie sorgt oft für meine Lach-Momente:

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7 Im Dialog mit meinem Adoptivsohn Goran

Fritzi und Goran haben die Pipsi aus ihrem Nest im Burgenland abgeholt. Sie betreten das Haus, Fritzi sieht den winzigen Chihuahua, schreit »Jö«, stolpert an der Türschwelle – eine klaffende Wunde auf der Stirn ist das Resultat. Ein Kind steht in der Türe, ein blutendes Etwas kommt ihm entgegengeflogen, das Kind schreit, ein anderer Hund macht ein Lackerl in dort sich befindende Schuhe. Alles zugleich. Schmerz und Komik. Man muss die Dinge nur von der richtigen Seite betrachten. Charlie Chaplin hat für solche Sekunden wochenlang geprobt.

Oder wir kommen von einem meiner Auftritte heimwärts. Es war Winter, wir hatten Blumensträuße in den Armen, sehen plötzlich auf der Vis-à-vis-Seite einen Mann, der ausrutscht und hinfällt, wieder ausrutscht, wieder hinfällt – und das ungefähr fünf Mal. »Das gibt’s doch nicht. Was ist dort?« Der Mann taumelt weg. Betrunken?

Fritzi geht hinüber, um die Stelle zu betrachten, rutscht aus, fällt hin, meine Blumen bedecken den Gehsteig. Sie steht auf, rutscht aus, fällt hin – steht auf, rutscht aus, fällt hin und das zirka fünf Mal.

Ich konnte ihr nicht helfen, weil ich gebrüllt hab vor Lachen! Das sind die unwiederholbaren Momente!

Oder: Es ist kurz vor Weihnachten des Jahres 2012. Ich möchte etwas nachholen, was mir ein schlechtes Gewissen bereitet. Auf der Freyung gibt es auf dem Weihnachtsmarkt einen Stand für karitative Zwecke. Mit den Leuten bin ich bekannt. Man kann dort Kakao trinken, und der Erlös kommt armen Menschen zugute. Das Gehen fällt mir schwer, aber ich will es versuchen.

Pipsi, Fritzi und unser zweiter Hund Annie, wir vier gehen vom Michaelerplatz los, aber leider schreit mein Körper Feuer: Ich komme nie bis zur Freyung! Ich beiße die Zähne zusammen und gehe, gehe den für mich so weiten Weg.

Wir kommen durch die Ferstl-Passage. Tische – Sessel. Vielleicht würde mich ein Glas Champagner kräftigen für den Rest des Weges. Fritzi geht hinein, um zu bestellen.

»Der Ober kommt gleich selbst«, ist ihre Nachricht.

Es dauert eine halbe Stunde, kein Ober, kein Champagner erscheint. Es dauert, wir werden ungeduldig. »Komm, gehen wir ein Stück weiter.«

Bei einem Geschäft, spezialisiert auf Schinken, sage ich zu Fritzi: »Bitte, geh hinein und kaufe zwanzig Deka Schinken. Ich geh langsam vor, dann nach links. Dann kommst du ohnehin schon.«

Ich warte ewig auf die Fritzi mit dem Schinken, der muss in Zeitlupe geschnitten worden sein.

Weihnachtsmarkt von Biobauern, viele Menschen, ich steh da und warte. Plötzlich seh ich eine lila Kappe. Ah, Fritzi kommt. Leider geht das lila Geschöpf nach rechts statt nach links. Das Telefon läutet, und ich will einen Schritt machen, es geht nicht.

Da sagt eine fremde Frau zu mir: »Darf ich Ihnen helfen, Frau Ott, Ihr Hund hat Ihre Beine gefesselt.«

Sie wickelt Pipsi kompliziert aus meinen Fesseln. Mich haut’s nach vor, ich sag: »Bitte, helfen Sie mir, ich falle.« Einige Leute halten mich fest. Ich ruf ins Standl hinein: »Bitte, könnten Sie mich aufnehmen?«

»Natürlich, kommen S’, Frau Ott«, sagt der Standler und führt mich hinein.

»Mir kennen sich ja schon. Ich hab im Film statiert, in der Entführung. Was ist denn los mit Ihnen?«

»Ich warte auf meine Fritzi, sie hat eine lila Mütze auf, die gleiche Farbe wie die Hunde ihre Mäntel.«

Er geht sie suchen. Nach einiger Zeit: »Nirgends is a lila Kappl.«

Ich möchte am liebsten alles aufkaufen, aber Fritzi hat das Geld.

Endlich schaut mich ein verzweifeltes lila Kappl an. »Jetzt gehen wir aber nach Hause«, sagt sie.

»Kommt nicht infrage«, sag ich. »Wir gehen zu dem Stand, den ich kenne und den ich besuchen wollte.«

Wir erreichen auch wirklich dieses Ziel. Trauben von Menschen sind dort. Ich finde ein kleines Loch, um hineinzurufen: »Bitte, ich bin die Elfriede Ott!«

Der angesprochene Mann antwortet: »Na, und was soll i da machen?«

»Ich wollt Sie besuchen.«

»Da hab ich kein Interesse.«

»Sie kennen mich ja doch.«

»Da wissen S’ mehr als wie i. Stellen S’ Ihna hint an.«

Diesmal haben die Leute, die hinter mir standen, gelacht.

Das befreundete Standl, wo ich viele Jahre zur Eröffnung eingeladen war, hatte sich in Luft aufgelöst.

»Dann gehen wir ins ›Schwarze Kameel‹, ich brauch jetzt einen Champagner.«

Dort sind Austern essende Menschen bis auf die Straße hinaus gestanden. Da hat die Fritzi gesagt: »Ich lauf zum Meinl, vielleicht hat der noch offen.«

Der Verkäufer versperrte ihr den Weg: »Schon geschlossen!«

So landete sie im Büro und erzwang dort eine kleine Flasche Champagner, um endlich daheim meine Erschöpfung zu lindern. Und nun konnten wir über unser vorweihnachtliches Abenteuer lachen.

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Man sagt von uns Wienern, dass wir begabt sind, dass wir Witz und Musikalität haben. Wissen Sie, woher das kommt? Weil jeder einen Böhm in sich hat. Na, fragen S’ einmal Ihre Großmutter …

Aber der Alfred Böhm war der erste aller Böhms. Und er war jedem sein Fredi. Gott sei Dank war er auch sehr oft mein Fredi, denn ich habe sehr oft mit ihm gespielt. Und ich war immer glücklich, wenn er mein Partner war. Was ich über den Fredi gelacht hab! Vor der Vorstellung, bei der Probe, während der Vorstellung!

Wenn er ins Theater kam, fragte ich ihn schon immer: »Was haben denn die Leute zu dir gesagt?« (Es redete ja jeder mit ihm, weil sich alle freuten, ihn zu sehen.)

»Mein Gott, der Maxi! Jetzt siach ich Ihnen schon als Lebendiger!«

»Hörn S’, Sie sind ein Trottel!« (Positiv gemeint.)

»Wegen Ihna hau i no amal mein Fernseher z’amm! So zerfetzt hab i mi über Sie!«

»Entschuldigen Sie. Sind Sie nicht der berühmte Fernsehteilnehmer aus dem Seniorenclub?«

Und das Schönste. Ein Besoffener kam auf ihn zu:

»Also seit Sie und der Farkas gestorben san, ist das Kabarett nicht mehr das, was es einmal war.«

Wenn ich den Fredi beschreiben soll:

Er war ein Bauer auf dem Land und ein großstädtischer Schauspieler. Er war so gescheit, dass er so tat, als ob er blöd wär. Er konnte sehr ernst sein. Dadurch war er ein großer Komiker.

Die Komik war in ihm drin. Er war der Valentin und der Nestroy, der Raimund und der Horváth, der Chaplin und der Grock.

Wenn man gläubig ist, so sagt man doch, dass man für Gutes belohnt wird, und das Beste ist doch, wenn man andere froh macht. Wenn Sie lachen und alles vergessen, was mies ist.

Und was hat der Fredi die Menschen zum Lachen gebracht! Wenn man diese Tränen zählt! Dagegen ist der Stille Ozean das Heustadlwasser – hätt der Fredi gesagt.

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Ich habe das große Glück gehabt, mit dem herrlichsten Nestroy-Darsteller ein Stück in der Josefstadt zu spielen. Es war einer, von dem man nicht im Vorhinein gesagt hätte, dass die versteckte, scheinbar harmlose Schärfe seines Witzes, die Zwidrigkeit, der Grant, in Nestroy umgesetzt, eine klassische Dimension ergeben. Das Stück war die Höllenangst, und der Nestroy-Gigant war Hans Moser, der liebe, kollegiale, der gütige, der scheue, der einfache: Nestroy hätte seine Freude an ihm gehabt.

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8 Die Zuneigung: Mit Hans Moser in Salzburg

Ein für ihn typisches kleines Erlebnis: Höllenangst, ein großes, kompliziertes Stück. Zweite Hauptprobe. Sie dauert wegen schwieriger Umbauten bis in den späten Nachmittag. Alle sind erschöpft. Hans Moser setzt sich hinter der Bühne auf einen Sessel und sagt:

»Mein Gott no amal – i bin scho müad.«

Unser Inspizient Weitlaner, Veiti genannt, sagt zu Axel von Ambesser, der das Stück inszeniert, ganz vorsichtig:

»Herr von Ambesser, ich glaube, für Herrn Moser ist es schon a bissel viel.«

Worauf Hans Moser hinter der Bühne ganz verzweifelt aufspringt:

»Meine Güte, na! Nix derf ma sagen, alleweil wird man verklampfelt.«

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9/10 »Katzenzungen«, in der Bearbeitung von Hans Weigel: Als Stupsi mit Helene Thimig und Albert Rueprecht, Kammerspiele 1966

Wir spielten ein Stück im Kleinen Haus der Josefstadt.

Schauplatz: Ich in meiner Garderobe.

Es klopft: »Nein, nicht hereinkommen, ich bin grad nackt!«

Die Stimme von Fredi Böhm von außen:

»Des macht nix. Ich war ohnehin drei Jahre bei der Infanterie.«

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Die geliebte Helene Thimig – sie musste ihr Leben lang tragische Rollen spielen.

Endlich ein lustiges Stück, Katzenzungen, mit Pointen, über die herzlich gelacht wird. Helene war glücklich.

Die Situation: Die Tante Fini – eine Dame mit einem Vokabular höchster Güte – wird plötzlich mit einigen Mädchen konfrontiert, die aus niedrigsten Kreisen kommen. Ihr Beruf ist eindeutig. Eines der Mädchen – Stupsi – gewinnt ihre Sympathie. Sie ahnt nicht, dass es ein Strichmädchen ist. Sie findet sie »reiiizend«. So natürlich, halt aus einfachen Verhältnissen kommend, aber bestimmt die richtige Frau für ihren so introvertierten Neffen.

Stupsi versucht so vornehm zu sprechen wie die Tante Fini, Tante Fini beginnt sich Stupsis Dialekt anzueignen. Stupsi und ihre Freundinnen pflegen statt »Gib mir das« zu sagen: »Reib ma des her!« Tante Fini geht in die Küche, um einen Cocktail zu mixen, und sagt: »Meine Damen, ich reib Ihnen einen Cocktail.«

Bei einer Probe kommt Helene zu der Szene und sagt strahlend:

»Ich habe heute Nacht über diese Pointe nachgedacht – ich werde sagen: Meine Damen, ich reibe Ihnen einen Kaffee.«

Ich bin ihr lachend um den Hals gefallen.

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Ein großes Fernsehspiel. Ein Volksspiel: Leni. Ich spiele die Leni. Damals wurden die Stücke in großen Blöcken aufgezeichnet, nicht wie heute in vielen einzelnen Takes.

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11 »Leni« von Juliane Kay, 1966, ein Fernsehspiel mit Ernst Waldbrunn, Meinem ersten Ehemann

Ich hatte eine aufregende Szene, in der mich mein Geliebter sehr roh behandelte, mir Rosen ins Gesicht schlug, mich beschimpfte – ich weinte bitterlich. Die Szene lief sehr gut, war sehr lang und dramatisch. Plötzlich begann es draußen zu donnern, und ein arger Platzregen klatschte auf das Dach des Studios. (Das heißt eigentlich: Aufhören, alles wiederholen.) Die Szene spielte in einem Lebensmittelgeschäft.

Plötzlich, inmitten der Szene, ging die Tür auf. Ernst Waldbrunn, der in dem Stück eine Episode spielte, stürzte herein. Er war triefend nass, sein Schirm war voll Wasser – er improvisierte:

»Es schüttet draußen, kann ich schnell zehn Deka Zuckerln haben?«

Ich verkaufte sie ihm – es wurde weitergedreht. Er war so natürlich, obwohl nichts davon im Drehbuch stand. So hat er die Szene, die vielleicht bei einem zweiten Versuch nicht mehr gelungen wäre, geistesgegenwärtig gerettet.

»Danke, wird genommen«, kam von der Regie.

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Schillertheater Berlin, Portier.

»Wo woll’n Se hin?«

»In die Direktion.«

»Da könn Se det Tier aber nicht mitnehm. Wir ham Verbot.«

»Hören Sie, bei Ihnen kommt doch demnächst der Faust. Der Pudel muss sich vorstellen bei Herrn Barlog.«

»Ach so, na bitte.«

Ich hab die Sache gleich Herrn Barlog erzählt. Nachdem er dem Muserl sein halbes Nachtmahl zu fressen gegeben und uns eingeladen hatte, gleich dazubleiben und die gerade laufende Vorstellung anzuschauen, ist er mit uns zum Portier gegangen.

»Hören Sie, guter Mann. Die Herrschaften gehen jetzt ins Theater. Der Hund bleibt bei Ihnen hier – aber passen Se gut auf auf ihn. Den hab ick jerade engagiert.«

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Unser kleines Chihuahua-Hündchen hatte einmal eine wichtige Funktion. In der Innenstadt war plötzlich eisige Stille auf der Straße. Alles starrte auf einen Mann, der wie wahnsinnig rannte. Plötzlich tauchten in der Fußgängerzone schwarze Polizeiautos auf, die ihn verfolgten.

Unser kleiner Hund, Bubi genannt, riss sich von der Leine und jagte dem Verbrecher nach. Er zwickte ihn ins Bein, der Mann drehte sich um, starrte voll Angst auf den Hund und bewegte sich nicht mehr.

Unser Bubi behielt ihn im Auge.

Schon hatten die Männer von der Polizei zugegriffen, den Mann auf den Kopf gestellt, um die Waffe herauszubeuteln. Wir schimpften mit Bubi: »Was hast du denn jetzt gemacht? Der arme Mann!«

Irgendwie hat er uns leid getan, der Mann, nicht der Hund.

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Ich habe die Ehre, Vizepräsidentin der österreichischen Rettungshundebrigade zu sein. Man weiß also, dass ich für Mensch und Tier viel übrig hab.

Anlässlich meines Geburtstages besuchte mich die Rettungshundebrigade in den Kammerspielen. Die Treppe war besetzt von großen und kleinen Hunden. Das war ein Geschenk für mich!

Als ich nach der Vorstellung nach Haus fuhr, in das Haus in Maria Enzersdorf, hatte plötzlich der Garten so eine andere Form. Was war geschehen? Innerhalb einer Abzäunung standen zwei junge, kleine Lämmer und warteten auf mich.

Weshalb erzähl ich die Geschichte? Die beiden verbrachten zwei Sommer lang in meinem Garten. Sie wurden immer größer und größer und dicker und fraßen alles, was ihnen ins Maul hineinkam. Zum Schluss waren sie schon so dick, dass wir sie nicht mehr beherrschen konnten.

Wir haben die liebe Frau Steinhauser aus Ternitz, bei der sie ihr ursprüngliches Zuhause hatten, gebeten, sie doch wieder in die Herde zurückzunehmen. Sie ist eine entzückende ältere Dame, erfüllt von Umweltschutz, Blumen, Gemüse und allem, was uns gut tut. Sie hat die Tiere in ihr nicht sehr großes Auto gestopft, in ihren kleinen Kombi. Während der Fahrt hat ihr Blick in den Rückspiegel auf der Straße zwei Schafe entdeckt, sie hat sich gedacht: Na, so was, da gehen auch Schafe. Sie hatte leider nicht bedacht, dass sich ihr Kofferraum nicht ganz schließen lässt. Waberl und Wolferl haben die Gelegenheit ergriffen, zu Fuß zu gehen. Und bis sie die beiden wieder ins Auto gebracht hat! …

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12 So ein Glück mit den Schafen

Leider hat ihr das Ganze eine Diebstahlsanzeige eingebracht, weil sie unter Verdacht gekommen ist, unsere Schafe gestohlen zu haben.

Theater, die gemeinsame Verzauberung

Hans Weigel hatte einen Tick. Wo andere Menschen einen normalen Kalender besitzen, hatte er einen kleinen ledernen Umschlag mit lauter einzelnen Zetteln bei sich. Ganz dick, der immer eine große Ausbuchtung seines Sakkos verursachte.

Eines Tages kam ein Windstoß, während er einen Zettel suchte, alle Bäume unserer Umgebung waren mit weißen Zetteln geschmückt, und das wochenlang. Alle Termine hingen in den Bäumen.

Er nahm es ohne Wutausbruch.

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Es war in meinem lieben Graz – diese Stadt zieht sich durch mein Leben … Es war in meinen ersten Burgtheaterjahren, also ganz am Anfang meines Berufs. Ein Besuch in Graz – gleich ins Theater. Sechs Personen suchen einen Autor von Pirandello – großer Eindruck –, am nächsten Tag zum Theaterdirektor, Böhmer hat er geheißen.

Ich: »Das war gestern so schön, darf ich bei Ihnen spielen?«

Ich durfte. Schnitt: Ich auf einem Fahrrad, mit meinem Dackel im Körberl, jeden Tag zu den Proben und Vorstellungen. Bezauberndes Fräulein von Ralph Benatzky war mein erstes Stück in Graz.

Am Klavier begleitete diese Aufführung ein junger Pianist, den ich viele Jahre später bei einem Empfang wiedergesehen habe. Ich freute mich über diese Begegnung und fragte ihn, was denn aus ihm geworden sei.

Er: »Ich bin der Direktor der Albertina.«

Ich (mit einem Knicks): »Oh je, jetzt wird mich der Koschatzky nimma begleiten.«

Immer wieder Graz. In Theatern und Sälen, in Kaffeehäusern, in der Oper und im Ragnitzbad, das ein Literaturnest ist. Der Meister des Bades ist ein bedeutender Schriftsteller, Herbert Zinkl sein Name …

Und jetzt komme ich endlich zu meiner Geschichte:

Eine Lesung in einem Grazer Literatur-Café. Ein kleiner Raum, schmal, eng und viele Menschen. Nach der Lesung noch ein Beisammensein in diesem Raum, in dem kein Platz mehr frei war. Auch für mich nicht. Ich zwängte mich an einen voll besetzten Tisch, alle rückten eng zusammen. Hitze, Gespräche …

Da kommt eine Dame, sehr apart anzusehen, mit einem Hund in dieses Gezwänge. Ein übergroßer Hund, eigentlich ein Riese, graues Fell, faszinierende Augen!

»Ja, wer bist denn du, Kleiner?«

Er schaut mich an, beschnüffelt mich und schlüpft unter meinen Sessel. Ich ganz glücklich ob dieser Begegnung. Ich spüre seine Schnauze an meinen Beinen. Dort war der einzige freie Platz in diesem Raum. Die Besitzerin dieses entzückenden Wesens hatte nur mehr einen Stehplatz.

Ich komme mit ihr ins Gespräch. Sie sagt zu ihrem Liebling:

»Bleib nur schön bei der lieben Frau Ott. Schön Platzi, schön sitzi.«

Er hatte ohnehin nichts anderes vor.

Ich frage die nette Dame, wie man denn zu einem solchen Hund kommt?!

Sie: »Wissen Sie, was Liebe auf den ersten Blick ist? Wir haben uns in die Augen geschaut und beide gewusst: Das ist Liebe.«

»Was ist denn das für eine Rasse, dieser Hund?«

»Das ist kein Hund, das ist ein Wolf. Aber ein echter, von wilden Wölfen geboren.«

»Aha?!« Ein heißer Hauch berührt meine Beine. Ich sehe das glückliche Lächeln einer stolzen Besitzerin.

Meine weitere Frage war mein Interesse an der Begegnung der beiden.

Sie: »Ach, wissen Sie, ich habe mein Bärli (oder so ähnlich) mit nach Hause genommen. Er ist inmitten des Zimmers gestanden, ich an der Wand lehnend: ›Da bist du ja, mein Süßer‹ – er knurrt mich an – springt auf mich und beißt mich in den Arm und das Gesicht, schauen Sie, man sieht’s noch. Ich bin ja sechs Wochen im Spital gelegen.«

Ich sehe eine tiefe Narbe quer über ihre rechte Gesichtshälfte. Sie zeigt mir auch einen total zernähten Arm. Ich spüre eine kalte Schnauze an meinem Fuß.

Sie weiter: »Dann ist mein Freund hereingekommen, den hat er auch gebissen. Aber das macht ja nichts. Alles vorbei. Wir haben uns lieb. Ich meine, ich und das Bärli.«

Dem Bärli wird es langsam heiß in diesem Raum. (Mir auch.)

»Und nach dem Spital? Wie sind Sie dann wieder zusammengekommen?«

»Ach, ich habe eine Garantie für ihn übernommen. Er war in einem Holzkäfig. Ich bin hineingegangen, er hat mich freudig begrüßt. Seitdem sind wir unzertrennlich!«

Ich habe an diesem Abend aus meinem Buch Gestatten, mein Name ist Hund vorgelesen und war verzweifelt, dass ich diese Geschichte nicht früher erlebt habe – die hätte doch dort hinein gehört – zu spät.

Ob die beiden, eng aneinander geschmiegt, diese Geschichte lesen werden?

»Das sind wir, Bärli! Jaja, so war’s.«

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Ich wurde einmal an meinem Kärntner Urlaubsort von einem Herrn angesprochen, der mich beim ununterbrochenen Schreiben beobachtet hatte. Ich erklärte ihm, dass dies im Zusammenhang mit meinen Auftritten geschehe, und der Herr antwortete erleichtert:

»Ich danke Ihnen. Ich war schon so erschrocken. Ich hab befürchtet, jetzt schreiben Sie auch schon Ihre Memoiren.«

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Mein hmzigster Geburtstag

Ich hatte einen Auftritt in einer kleinen österreichischen Stadt. Nachher eine kleine Feier. Blumen, Rede des Bürgermeisters, Gratulation – am Ende der Rede:

»Aber meine Damen und Herren – wir haben heute noch ein Geburtstagskind in unserer Mitte. Das ist unser lieber Herr Pfarrer.«

In einer Ecke steht ein gebückter alter Herr, grauhaarig, mit verwittertem Gesicht – er ruft über die Leute hinweg:

»Ja, aber ich bin um zehn Jahre jünger als Sie, Gnädigste!«

Später kommt eine Dame (offensichtlich zu spät) in den Raum, sieht mich, schlägt die Hände vors Gesicht, tut einen Schrei und ruft:

»Mein Gott, Sie leben noch?!«

Jetzt steht ein junger Mann vor mir und möchte ein Autogramm auf ein Bild von mir als Recha im Nathan.

Ich frage erstaunt:

»Ja, wo haben Sie denn das her?«

»Aus dem Antiquitätengeschäft.«