image

Sigrid-Maria Größing

Liebe, List & Leidenschaft

Sigrid-Maria Größing

LIEBE, LIST
& LEIDENSCHAFT

Neue Geschichten aus der Geschichte

AMALTHEA

Meinen beiden Enkelinnen
Sophie und Isabel gewidmet

Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

© 2015 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker, OFFBEAT

Umschlagmotiv: Österreichische Kaiserkrone

© Imagno/picturedesk.com

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH,

Heimstetten

Gesetzt aus der 11,75/14,7 pt Minion Pro

Printed in the EU

ISBN 978-3-99050-002-6

eISBN 978-3-902998-90-3

Inhalt

Vorwort

Eine arme reiche Frau

MARGARETE VON ÖSTERREICH

Dubiose Erbansprüche führten zum Hundertjährigen Krieg

EDWARD III.

Die List des Erzherzogs Rudolf IV.

RUDOLF DER STIFTER

Er war dreifach gekrönter König

ALBRECHT II.

Er war ein gnadenloser Fanatiker

GIROLAMO SAVONAROLA

Die begehrteste Braut Europas

ANNE DE BRETAGNE

Als Seefahrer wurde er reich

VASCO DA GAMA

Gegensätze ziehen sich nicht immer an

ELEONORE VON PORTUGAL

Ein unbeliebter Papst

ADRIAN VON UTRECHT

Freundin von Malern und Dichtern

VITTORIA COLONNA

Er finanzierte Kaiser und Könige

JAKOB FUGGER

Die geliebte Königin fiel in Ungnade

KATHARINA VON ARAGÓN

Ihr Bild war geschmeichelt

ANNA VON KLEVE

Der Henker der Niederlande

HERZOG VON ALBA

Der Papst war den schwierigen Aufgaben nicht gewachsen

GIULIO DE’ MEDICI

Die Königstochter war besser als ihr Ruf

MARGARETE VON VALOIS

»Ich weiß, ich bin tot und verdammt …«

KAISER RUDOLF II.

Die verlassene Braut war eine tolle Frau

ISABELLA CLARA EUGENIA

Der König wurde geköpft

CHARLES I.

Er war dem bigotten Kaiser 3000 Seelenmessen wert

WALLENSTEIN

Der überaus sinnliche König fiel von einer Depression in die andere

PHILIPP IV. VON SPANIEN

Sein Leben war von Kämpfen geprägt

JAN SOBIESKI

Als Königin von Polen heiratete sie ihre Jugendliebe

ERZHERZOGIN ELEONORE

Der Kaiser war a echt’s Weaner Kind

KARL VI.

Eine wahre Kaiserin

MARIA THERESIA

Die Schattenkönigin

MARIA LESZCZYŃSKA

Die Königin von England kam aus Ansbach

KAROLINE VON ANSBACH

Er bestimmte die Mode seines Volkes

KARL III. VON SPANIEN

Er war nur ein kleiner Gardeoffizier

MANUEL GODOY

Die ungeliebte Prinzessin

MARIA JOSEPHA VON BAYERN

Napoleon war an vielem schuld

PAULINE FOURÈS

Unvergessen: der Sieger von Aspern

ERZHERZOG CARL

»Tod den Königen!«

BERNADOTTE

Der Sohn Napoleons heiratete eine Schneiderin

LÉON DENUELLE

Die Sultanin war eine Großcousine der französischen Kaiserin

AIMÉE DU BUC DE RIVERY

Fast ein Mitglied der Kaiserfamilie

LOUISE VON STURMFEDER

Er war der Großvater des letzten Kaisers

CARL LUDWIG

Ein todtrauriger Mann

ALFONS XII. VON SPANIEN

Ihr Ehemann Otto betrog sie nicht nur …

ERZHERZOGIN MARIA JOSEPHA

Kaiser für 99 Tage

DER DEUTSCHE KAISER FRIEDRICH III.

Die heimatlose Kaiserin

KAISERIN ZITA

Sie lebte ein Märchen, das sie selbst erfunden hatte

EVITA PERÓN

Verzeichnis der wichtigsten Personen

Vorwort

Die Geschichte lebt auch heute noch in den Persönlichkeiten, die verantwortlich sind für jene Ereignisse, die sich in längst vergangenen Zeiten zugetragen haben. Es waren Menschen von ganz unterschiedlichem Charakter, mit verschiedenartigen Begabungen, seltsamen Vorlieben und manchmal perversen Neigungen, durch die sie nicht nur Kriege vom Zaun brachen, sondern auch das Schicksal ihrer Untertanen in jeder Hinsicht bestimmten. Sie waren verantwortlich für den Lauf der Politik, denn jahrhundertelang war die Rolle der Mächtigen unumstritten, das einfache Volk hatte hinzunehmen und zu erdulden, was die Herrscher bestimmten. Würde man nun annehmen, dass diejenigen, die die Macht in Händen hielten, glücklich sein mussten, so fällt man einem Irrtum anheim. Auch damals gehörte mehr als Ruhm und Geld zum persönlichen Glück. Nur wenigen war es vergönnt, dieses durch eine Liebesheirat zu finden, da die Staatsräson die Verwirklichung eigener Wünsche vielfach verhinderte.

Das vorliegende Buch zeigt dem Leser einige der wenigen glücklichen Verbindungen in der Geschichte auf, dazu leidenschaftliche Liaisonen, die, verbunden mit einer Portion List, zu politischen und religiösen Konsequenzen führten, die bis in unsere Tage wirksam sind.

Zu allen Zeiten galten die Worte des großen Grillparzer: »Was ist der Erde Glück? – Ein Schatten! Was ist der Erde Ruhm? – Ein Traum! Du Armer, der von Schatten du geträumt! …«

Eine arme reiche Frau

Als ihr Bruder Friedrich der Streitbare in der Schlacht an der Leitha die Augen für immer schloss, wurde MARGARETE Erbin VON ÖSTERREICH und Steiermark, eine Hypothek, an der sie schwer zu tragen hatte.

Denn mit einem Mal war die 38-jährige Witwe zu einem interessanten Heiratsobjekt geworden. Das Schicksal hatte es mit der Tochter des Babenberger Herzogs Leopold VI. und seiner byzantinischen Gemahlin Theodora, die im Jahre 1204 (oder 1205) das Licht der Welt erblickt hatte, bisher nicht allzu gut gemeint, denn ihr Ehemann König Heinrich VII., der Sohn Kaiser Friedrichs II., erwies sich nur bedingt als gute Partie. Zwar war Margarete am 28. März 1227, zwei Jahre nach ihrer Eheschließung, in Aachen zur Königin gekrönt worden, aber die sorgenfreien Stunden an der Seite ihres Gemahls waren gezählt. Die Kontroversen zwischen dem jungen Heinrich und seinem Vater nahmen immer ernstere Formen an, sodass sich schließlich der Stauferkaiser gezwungen sah, den rebellischen Sohn hinter Schloss und Riegel zu setzen. Heinrich war kein langes Leben beschieden, er starb 1241, und auch die beiden Söhne Heinrich und Friedrich überlebten den Vater nur kurz. Nach dem Tod ihres Gatten beschloss Margarete, nie wieder zu heiraten und in das Dominikanerinnen-Kloster von Trier einzutreten, von wo sie in das Kloster St. Markus in Würzburg zog.

Der unerwartete Tod ihres Bruders im Jahre 1246 machte sie über Nacht reich. Friedrich der Streitbare hatte zwei Ehen hinter sich und war gerade dabei gewesen, eine dritte Frau zu ehelichen, als der Tod seine Hand nach ihm ausstreckte. Er hatte sich von seinen ersten beiden Frauen getrennt, da ihm keine Nachwuchs schenken konnte. Nach seinem Tod standen sich zwei Frauen gegenüber, die Anspruch auf Österreich und Steiermark erhoben, obwohl sie, als weibliche Vertreter einer Seitenlinie der Babenberger, durch das Privilegium minus, das seinerzeit Margaretes Urgroßvater Heinrich II. Jasomirgott in Regensburg zum Herzogtitel verholfen hatte, kein Erbrecht hatten. Nur legitime Töchter konnten neben Söhnen das Erbe ihres Vaters antreten. Da Friedrich keine Nachkommen hinterlassen hatte, war es nur plausibel, dass sowohl Margarete als auch beider Nichte Gertrud, die für kurze Zeit mit dem böhmischen Prinzen Wladislaus verheiratet war, die beiden Länder, in denen es nach dem Tod von Herzog Friedrich drunter und drüber ging, für sich beanspruchten. Die Schwester des Verstorbenen konnte dabei mehr Rechte geltend machen als dessen Nichte.

Um die Länder halbwegs in den Griff zu bekommen, setzte Kaiser Friedrich II. zunächst einen Reichsverweser ein, dessen Tätigkeit von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, da sich die österreichischen Adeligen bereits selbst nach einem Mann umsahen, der die allgemeine Sicherheit wiederherzustellen vermochte. Man musste nicht allzu lange suchen, in Přemysl Ottokar II. fand man den Richtigen. Dies geschah in einer Nacht- und Nebelaktion, denn man hatte auf die Erbansprüche der beiden Babenbergerdamen keine Rücksicht genommen. Ottokar war sich von Anfang an darüber im Klaren, dass er Österreich und Steiermark nur behalten konnte, wenn er die beiden Länder legitim übertragen bekam. Da Gertrud verheiratet war, beschloss er, ihre Tante, die ältliche Witwe Margarete, zur Frau zu nehmen. Dass Margarete 1252 bei der aufgezwungenen Hochzeit in Hainburg älter als ihr Schwiegervater König Wenzel von Böhmen war, störte den jungen Ottokar herzlich wenig. Natürlich war ihm klar, dass er von der knapp fünfzigjährigen Margarete keine Kinder mehr erwarten konnte. Aber er spekulierte wohl mit ihrem frühen Tod, nachdem sie ihm die Herrschaft über die Länder Österreich und Steiermark übertragen hatte. Als Papst Innozenz IV. die Rechtmäßigkeit dieser Ehe-Aktion am 6. Mai 1252 überraschenderweise bestätigte, schien die Sache für Ottokar abgeschlossen zu sein, nachdem die Rolle des Papstes lange Zeit unklar gewesen war: Einmal schlug er sich auf die Seite Gertruds, die die Länder beansprucht hatte, dann wieder zeigte er Sympathien für Margarete. Aus dieser Zeit stammt auch eine Urkunde aus Ardagger, in der sich Margarete nicht nur als einstige römische Königin bezeichnete, sondern auch als Herzogin von Österreich und der Steiermark sowie als Herrin des böhmischen Königreiches.

Margarete nahm ihre Aufgaben an der Seite ihres jugendlichen Gemahls durchaus ernst, sie ließ sich von ihm nicht beiseiteschieben. Sie gewährte einzelnen Dörfern Privilegien und verschenkte die Pfarre Eggenburg an das Stift Lilienfeld, das ihr Vater Leopold VI. gegründet und wo er seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Auch Margarete äußerte schon zu Lebzeiten den Wunsch, hier begraben zu werden.

Die Tragik in ihrem Leben bestand darin, dass sie nicht imstande war, Ottokar einen Sohn zu schenken. Als der Böhmenkönig alles erreicht hatte, was er sich vorgenommen hatte, wandte er sich an den Papst mit der Bitte, seinen außerehelichen Sohn, den er mit einer Hofdame Margaretes gezeugt hatte, als Nachfolger anzuerkennen. Als der Heilige Vater auch nach mehrmaligem Ansuchen dieses Ansinnen ablehnte, beschloss Ottokar im Jahre 1261, sich von Margarete zu trennen. Dabei ahnte er nicht, welche Konsequenzen sich in Zukunft für ihn ergeben sollten. Denn die Fürsten des Reiches hatten mit großem Interesse, aber auch mit sehr viel Misstrauen die Eheschließung des Jünglings mit der alternden Frau beobachtet. Dabei entging ihnen natürlich nicht, dass Ottokar sich im Laufe der Jahre auch Kärnten und Krain einverleibt hatte, sodass er mit Abstand der mächtigste Fürst im Südosten des Reiches wurde.

Nach dem Tod Kaiser Friedrichs II. 1250 fiel das Reich ins Chaos, aus dem es nur ein tatkräftiger Herrscher führen konnte. Und da Ottokar nach wie vor politisch äußerst ehrgeizig war, rechnete er sich gute Chancen auf die römisch-deutsche Krone aus. Dass er für seine Kurfürstenkollegen nicht infrage kam, war vor allem dadurch begründet, dass er, neben seinem fragwürdigen Privatleben, zu mächtig geworden war. Dass man sein Verhalten seiner Gemahlin Margarete gegenüber in die Waagschale warf, ist zu bezweifeln, denn die Unglückliche war, von der großen Politik unbemerkt, schon 1266 (oder 1267) in Krumau gestorben, während die Wahl des deutschen Königs erst am 1. Oktober 1273 stattfand.

Beinahe selbstmörderisch vergab Ottokar seine Chancen nach allen Seiten hin. Durch Margarete war er groß geworden, durch die Trennung von ihr hatte er aber viel von seinem Nimbus eingebüßt. Und so sollte es weitergehen, denn er verlor im Laufe der Jahre die Sympathien aller, die auf seiner Seite gestanden hatten. Er ignorierte die Aufforderung des neuen Königs Rudolf von Habsburg, das ehemalige Reichsgut herauszugeben, er kam keiner Vorladung nach, die ihm überbracht wurde. Es interessierte ihn nicht, dass die Reichsacht und nach kurzer Zeit die Aberacht über ihn verhängt wurden, er ging seinem Untergang mit Riesenschritten entgegen. Zwar unterwarf er sich im Jahre 1276 aus taktischen Gründen kurzfristig Rudolf von Habsburg, den er als »Bettelgrafen« schmähte (obwohl Rudolf ein durchaus wohlhabender Mann war), ohne freilich seine Bemühungen um die römisch-deutsche Krone aufzugeben.

Da sich in den nächsten zwei Jahren die Konstellation der Reichsfürsten änderte und Ottokar erneut Anhänger fand, die bereit waren, an seiner Seite für den Verbleib der österreichischen Länder unter seiner Herrschaft zu kämpfen, kam es im August 1278 zu der entscheidenden Schlacht bei Dürnkrut und Jedenspeigen, in der Ottokar alles verlor. Für die Habsburger begann ihre Herrschaft in Österreich.

Heute noch gedenkt man alle zwei Jahre am 13. und 14. August dieses gewaltigen Kampfes auf dem Marchfeld bei einem großartigen Ritterfest in Jedenspeigen.

Dubiose Erbansprüche führten zum Hundertjährigen Krieg

Die verwandtschaftlichen Beziehungen des Königs von England erstreckten sich zu Fürsten in ganz Europa. Deshalb konnte EDWARD III. Ansprüche auf den französischen Thron stellen, die aber in Verbindung mit anderen Differenzen zu einem langjährigen Krieg führten.

Als Edward am 13. November 1312 auf Windsor Castle zur Welt kam, sprach man beinahe von einem Wunder. Denn der Vater des neugeborenen Kindes galt durch seine unverblümten Beziehungen zu schönen Günstlingen als homosexuell. Seine Gemahlin Isabella, eine Tochter des französischen Königs, hatte sich mit verschiedenen anderen Männern getröstet, unter denen Roger Mortimer als unumschränkter Favorit galt. Aber trotz allem zweifelte man die Vaterschaft König Edwards II. nicht an, wenngleich seine Tage als König gezählt waren. Seine Gemahlin und ihr Liebhaber zögerten nicht, den willensschwachen König in einem Putsch gefangen zu nehmen und ihn hinrichten zu lassen.

Die Kindheit Edwards war alles andere als rosig gewesen. Er hatte die Günstlingswirtschaft in all ihren negativen Facetten überreichlich kennengelernt und wusste, dass er, sollte er auf den Thron kommen, alles anders machen würde. Er war zwar mit 14 Jahren zum Nachfolger seines Vaters erklärt worden, übte aber keinerlei Machtfunktion aus, da seine Mutter und ihr Liebhaber die Regentschaft übernommen hatten.

Edwards Leben änderte sich entscheidend, als er mit 16 Jahren die junge Philippa von Hennegau heiratete. Er hatte in ihr nicht nur die Liebe seines Lebens gefunden, sondern auch eine kluge und besonnene Frau, die ihn vor unüberlegten Taten bewahrte. So erwirkte sie die Begnadigung von sechs Bürgern von Calais, die Edward aus Rache hängen lassen wollte, indem sie sich hochschwanger vor ihrem Mann auf die Knie warf und um Gnade für die Verurteilten bat.

Als nach einjähriger Ehe ein Sohn in der Wiege lag, erkannte Edwards Mutter, dass ihre Macht im Schwinden begriffen war. Aber sie konnte nicht ahnen, dass ihr Schicksal schon in nächster Zeit besiegelt sein würde. Knapp vor seinem 18. Geburtstag riss Edward in einem Handstreich die Macht an sich und setzte das korrupte Duo ab. Mortimer wurde zum Tode verurteilt, während Isabella für den Rest ihres Lebens unter Hausarrest gestellt wurde. Durch diese Gewaltaktion brachte Edward jenen Teil des englischen Adels auf seine Seite, der Isabella und Mortimer feindlich gegenübergestanden war.

Schon kurz nach der Krönung zum König von England wurde Edward bewusst, welch schwere Bürde er damit auf sich genommen hatte. Langwierige Auseinandersetzungen mit Schottland standen bevor, die im Allgemeinen glücklos verliefen. Auch Frankreich sollte ihn in den nächsten Jahren in Atem halten, denn durch die mütterliche Verwandtschaft fühlte er sich berechtigt, Anspruch auf die französische Königskrone erheben zu können, sehr zum Missfallen des amtierenden französischen Königs Philipp VI. Dieser hatte nichts Eiligeres zu tun, als die Schotten in ihrem Kampf gegen Edward zu unterstützen, weshalb ihm der englische König 1337 den Krieg erklärte. Es gab noch weitere Gründe für diesen Schritt, wie den Lehenseid, den der englische König laut Gesetz seinem französischen Kollegen für das Gebiet der Gascogne leisten musste. Auch wirtschaftliche Motive spielten eine Rolle, denn der englische Wollexport in die Niederlande ging über französisches Gebiet, wobei die Schiffe vielfach von französischen Piraten aufgebracht wurden. Ein Stein fügte sich zum anderen – das Ergebnis war ein hundertjähriger Krieg zwischen England und Frankreich, bei dem das Kriegsglück immer wieder die Seiten wechselte.

Es grenzte fast an ein Wunder, dass sich das Heilige Römische Reich nicht in den Krieg hineinziehen ließ, obwohl enge verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Kaiser Ludwig dem Bayern und dem englischen König bestanden, da die Schwester Philippas den deutschen Kaiser geheiratet hatte. Ludwig und Edward waren nicht nur verwandt, sie verstanden einander auch außerordentlich gut, was sie vor aller Welt am Hoftag von Koblenz 1338 kundtaten. Dabei versuchte Edward den Schwager dazu zu überreden, 2000 Helme zur Unterstützung der Engländer nach Frankreich zu schicken, wofür Edward 400 000 Goldflorinen zahlen wollte. Aber Ludwig behielt einen kühlen Kopf, wollte er sich doch keine weiteren Probleme aufbürden: Er lebte zu dieser Zeit genauso wie sein gleichnamiger Sohn Ludwig in Kirchenbann.

Der Hoftag von Koblenz galt als das glänzendste Fest des Mittelalters, denn nicht nur ein Kaiser und ein König waren als Gäste anwesend, alles, was im Reich Rang und Namen hatte, war mit großem Gefolge erschienen. Allein 13 000 Reiter, so berichtete der englische Chronist Henry Knighton, hatten sich in und um Koblenz eingefunden. Ausführlich beschrieb dieser auch die extravagante Kleidung Edwards. Ein Bankett folgte auf das andere, mit Sang und Klang machte man die Nacht zum Tag, so als gäbe es nur Lustbarkeiten auf dieser Welt und keinen Krieg mit Frankreich. Die gewaltigen Geldsummen, die der Hoftag verschlang, hatten teilweise die italienischen Bankhäuser Peruzzi und Bardi vorgestreckt, wann sie zurückgezahlt werden sollten, wusste niemand. Edward verließ den Hoftag, so wie er gekommen war, mit leeren Händen.

Nach Erfolgen und Misserfolgen in Frankreich zog sich Edward immer mehr nach England zurück, um dort eine moderate Politik zu betreiben, bei der einerseits das Parlament stärker in das Geschehen einbezogen und andererseits der Adel zufriedengestellt wurde. Es kamen keine leichten Zeiten auf den König zu. Im Jahre 1348 zog die Pest, der »Schwarze Tod«, ihre verheerenden Spuren durch das Land, ein Drittel der Bevölkerung ließ sein Leben bei dieser ersten Epidemie, der eine zweite in den Jahren 1359–61 folgte. Auch Edwards Tochter Johanna starb an der Seuche, als sie sich auf ihrem Brautzug nach Kastilien befand.

Vielleicht waren es die großen Schwierigkeiten im eigenen Land, die Edward veranlassten, 1360 auf den französischen Thron zu verzichten. Er konzentrierte sich auf sein Stammland England, wo es zu gewaltigen Reformen kam, bei denen unter anderem Englisch als Amtssprache eingeführt wurde. Bis dahin hatte die Oberschicht einschließlich des Königs Französisch gesprochen. Durch einen genialen Schachzug gelang es Edward, die wichtigsten Adeligen an sich zu binden, indem er auserwählten Männern den sogenannten Hosenbandorden verlieh, der eigentlich Strumpfbandorden heißen müsste. Denn während eines Tanzes verlor die Tanzpartnerin des Königs ein Strumpfband. Edward nahm der peinlichen Situation die Spitze, indem er seinen Mantel ausbreitete, das Strumpfband aufhob und es sich an einen seiner Strümpfe heftete, mit den Worten: »Honi soit qui mal y pense – ein Schelm, der dabei schlecht denkt.«

Edward wurde, obwohl er bis ins Alter eine »gewisse jungenhafte Launenhaftigkeit« gehabt haben soll, nach dem Tod seiner geliebten Gemahlin, die ihm dreizehn Kinder geboren hatte, altersstarr und senil. Wenn ihm auch die eine oder andere Konkubine nachgesagt wurde, so ist anzunehmen, dass er nach Philippas Tod nur noch eine Mätresse, Alice Perrers, hatte. Edwards enge Beziehung zu seiner großen Familie erstaunte selbst die Zeitgenossen, die immer wieder betonten, dass es zwischen Vater und Söhnen nie zu Auseinandersetzungen um die Macht gekommen war. Daher war nicht nur der Tod des »Schwarzen Prinzen«, seines begabten ältesten Sohnes Edward of Woodstock, im Jahre 1376 ein schwerer Schlag für ihn, sondern auch, dass er mehrere seiner Kinder zu Grabe hatte tragen müssen. Edward selbst starb am 21. Juni 1377 im Sheen Palace, entweder an den Folgen eines Schlaganfalles oder durch einen Schwerthieb. Darüber gehen die Meinungen der Chronisten auseinander.

Die List des Erzherzogs Rudolf IV.

Sehr vieles, was sich im Laufe der Geschichte im Erzhaus zutrug, hatte seine Wurzeln in tatsächlichen oder erfundenen Privilegien – nicht immer zum Vorteil der habsburgischen Länder. Dass es bis in die heutige Zeit dem Status nach Erzherzöge gibt, ist RUDOLF DEM STIFTER zu verdanken.

Diesem genialen Mann hatte das Schicksal keine lange Lebenszeit vergönnt. Er starb 1365 mit knapp 26 Jahren an einer dubiosen Krankheit in Mailand. Solange er als Herzog von Österreich an der Macht war, war Rudolf von dem Bestreben beseelt, seinem mächtigen und einflussreichen Schwiegervater, dem römisch-deutschen Kaiser Karl IV., nachzueifern. Dabei störte es ihn unendlich, dass der Kaiser in der »Goldenen Bulle«, dem im Jahre 1356 erlassenen Reichsgesetz, in dem die Königswahl und der Einflussbereich der Kurfürsten geregelt wurden, die Habsburger übergangen hatte. Rudolf war klar, dass es Karl IV. dadurch gelungen war, die Kurfürsten enger an sich zu binden, während er die zwei Machtblöcke der Wittelsbacher und der Habsburger unberücksichtigt ließ.

Um selbst ins Licht der Politik zu rücken, sann der junge Herzog auf eine List. Er kannte die Geschichte seines Landes gut und wusste, dass seinerzeit Friedrich Barbarossa dem Babenberger Heinrich Jasomirgott im Privilegium minus nicht nur die Markgrafschaft Österreich als Herzogtum übertragen hatte, sondern ihm auch große Rechte eingeräumt hatte, die durchaus nicht üblich waren. Friedrich Barbarossa hatte durch seine Entscheidung einen bedeutenden innenpolitischen Zankapfel aus der Welt geschafft, denn sein Neffe Heinrich von Sachsen erhob genauso wie der Babenberger Anspruch auf das Herzogtum Bayern. Die Streitigkeiten dauerten bis in den Herbst des Jahres 1156, als der Kaiser die Großen des Reiches nach Regensburg lud, um eine Regelung zu finden, die alle Beteiligten akzeptieren konnten. Der Chronist Otto von Freising berichtete über die Vereinbarungen: »Als dann der Kaiser seinem Oheim (Heinrich Jasomirgott) – dieser hielt sich nämlich etwa zwei deutsche Meilen entfernt unter Zelten auf – ins Feldlager entgegenzog und alle Vornehmen und Großen herbeieilten, wurde der Ratschluß, den man schon lange insgeheim gefaßt und verborgen hatte, öffentlich kundgetan.« Friedrich Barbarossa erklärte die Markgrafschaft Österreich zum Herzogtum und übergab es nicht nur Heinrich Jasomirgott, sondern auch seiner Gemahlin Theodora. Dafür mussten sie zugunsten Heinrichs von Sachsen auf Bayern verzichten. Gleichzeitig wurde per Gesetz bestimmt, dass fortan in Österreich auch die weibliche Erbfolge gelten sollte. Dies war für das frisch ernannte Herzogspaar von besonderer Wichtigkeit, da es zu dieser Zeit nur eine kleine Tochter namens Agnes hatte. Die Erbfolgeregelung wurde außerdem dahingehend erweitert, dass dem Herzog und seiner Gemahlin freigestellt war, wem die Länder im Falle ihres kinderlosen Ablebens vererbt werden sollten.

Das Privilegium minus war für die zukünftige Entwicklung der österreichischen Länder von großer Bedeutung, denn in Folge beriefen sich Herrscher immer wieder auf seine Bestimmungen. So musste der Herzog von Österreich nicht zu den Hoftagen erscheinen – es sei denn, sie fanden in Bayern statt. Außerdem war er nicht an die Heeresfolge gebunden, nur wenn an den eigenen Grenzen Krieg geführt wurde, hatte der Herzog militärische Unterstützung zu leisten.

Dieses Privileg war Rudolf IV. nach reiflicher Überlegung nicht mehr genug. Immerhin lebte er in einer Zeit, in der sich drei große Dynastien gegenüberstanden, die jede die Macht für sich beanspruchte: die Luxemburger in Böhmen, die Wittelsbacher in Bayern und die Habsburger in den österreichischen und westlichen Reichsgebieten. Die Luxemburger stellten den Kaiser und die Habsburger trachteten danach, ihnen ebenbürtig zu werden. Als echtes Kind seiner Zeit wusste Rudolf, wie man aus diesem Dilemma Abhilfe schaffen konnte: Er zog einige geniale Fälscher heran, denen es möglich war, alte Schriften originalgetreu nachzumachen, sodass sich der Herzog auf fünf Schriftstücke berufen konnte, die den Habsburgern bedeutende Vorteile gegenüber ihren Konkurrenten einräumten: auf Originale Heinrichs IV., Friedrich Barbarossas, Friedrichs II., von dessen Sohn Heinrich VII. und von Rudolf von Habsburg. Die Urkunde Heinrichs IV. enthielt sogar Privilegien von Julius Caesar und Kaiser Nero. Besonders bemerkenswert war die Erweiterung des Privilegium minus: Hier wurden weitere Rechte eingefügt, sodass aus dem »minus« ein »maius«, ein größeres Privileg wurde.

Es waren Meister ihres Faches, die die Urkunden fälschten. Und hätte Rudolf Maß und Ziel gekannt, wären die Falsifikate wahrscheinlich nicht so schnell aufgefallen. Aber neben dem Titel eines Erzherzogs, der dem Herzog zustehen sollte, wurde auch die Gerichtsbarkeit dahingehend abgeändert, dass eine Appellation an den Kaiser nicht mehr erforderlich sein sollte. Die Reichsheerpflicht für den Kaiser wurde auf eine symbolische Rolle beschränkt, Österreich musste nur zwölf Mann auf die Dauer eines Monats stellen. Statt des Herzogshutes stand Rudolf die Zackenkrone zu, eine diskrete Anspielung auf die Reichskrone. Von großer Bedeutung war zudem der Passus, der die österreichischen Länder in Hinkunft unteilbar und nach wie vor in weiblicher Linie vererbbar machte. Dass der Erzherzog auch noch den Titel eines Reichserzjägermeisters tragen sollte, war im Vergleich dazu von geringer Bedeutung.

Dass das Privilegium maius am Prager Hof für etliche Aufregung sorgte, war vorauszusehen. Aber dass der Dichter und Gelehrte Petrarca, der am Hof Karls IV. eine Sonderstellung einnahm, einige der Fälschungen sofort erkennen würde, war für Rudolf und seine Leute nicht vorherzusehen. Petrarca ging mit den Fälschern und ihrem Anstifter hart ins Gericht, indem er den Verfasser als einen Narren, Verrückten und törichten Lügenschmied bezeichnete und eigens vermerkte, dass der »Ochse« und »Esel« keine Ahnung von der Geschichte haben könne. Denn es wurden in dem sogenannten Privilegium Titel genannt, die es bisher im Reich noch nie gegeben hatte.

Rudolf IV. erreichte mit seiner Fälschung dennoch einiges: Die Zackenkrone durfte er behalten, ebenso den Titel »Erzherzog«. Tatsächlich blieb bis ins 19. Jahrhundert unklar, ob die Urkunde, die sich auf das echte Privilegium minus bezog, eine Fälschung war. Für Kaiser Friedrich III., einen Habsburger, war es 1442 keine Frage, dieses Privilegium maius offiziell anzuerkennen, elf Jahre später auch mit dem Einverständnis der Kurfürsten. Mit der Zeit allerdings verloren die Vorrechte, die durch dieses Privileg geschaffen wurden, an Bedeutung. Lediglich die weibliche Erbfolge schien für die Zukunft des Hauses wichtig zu sein, obwohl Kaiser Karl VI. sich veranlasst sah, diese in der Pragmatischen Sanktion noch einmal europaweit kundzutun. In den habsburgischen Ländern funktionierte dieses Gesetz, wenngleich man in Europa anders über diese Angelegenheit dachte. Maria Theresia wurde zwar in ihren Stammländern ohne Wenn und Aber als Herrscherin akzeptiert, die Kaiserkrone zu empfangen hätte ihr jedoch Schwierigkeiten bereitet.

Erst im Februar 1839 wurden neue gesetzliche Regelungen im Erzhaus eingeführt. Kaiser Ferdinand I. erließ das »Kaiserlich-Österreichische Familien-Statut«, das in 61 Paragrafen die persönlichen und rechtlichen Beziehungen der Angehörigen des Kaiserhauses Punkt für Punkt regelte. Ferdinand schrieb dies fest, »damit selbes in Unserem durchlauchtigsten Kaiserhause zur bleibenden Richtschnur dienen möge« – zum Leidwesen so mancher!

Er war dreifach gekrönter König

ALBRECHT II. hätte sicher das Zeug zu einem großen Herrscher gehabt, wäre der Habsburger nicht plötzlich im Krieg gegen die Türken gestorben – nicht in blutiger Schlacht, sondern an der Ruhr.

Er hinterließ zwei Töchter und eine im fünften Monat schwangere Frau, die überzeugt war, dass das Kind, dem sie das Leben schenken würde, nur ein Sohn sein konnte. Sie sollte recht behalten: Ladislaus, der als Nachgeborener den Beinamen »Postumus« erhielt, sorgte noch für einige Aufregung in der Familie und im Reich.

Albrecht, der als Herzog von Österreich der V. war, erblickte als Sohn Herzog Albrechts IV. und seiner Gemahlin Herzogin Johanna von Bayern-Straubing am 16. August 1397 in Wien das Licht der Welt. Es war ihm keine allzu glückliche Kindheit beschieden, denn als er sieben Jahre alt war, starb sein Vater. Sofort waren Verwandte da, die sich des Knaben annehmen wollten, nicht aus Liebe zu dem Kind, sondern aus reiner Besitzgier. Die Beinamen seiner Großonkel werfen ein bezeichnendes Licht auf deren Charakter und Aussehen: August der Artige, Leopold der Dicke und Ernst der Eiserne.

So bald wie möglich trachtete Albrecht danach, für volljährig erklärt zu werden, was ihm 1411 gelang. Wahrscheinlich wäre er auch weiterhin ausschließlich in die Streitigkeiten innerhalb der Familie verstrickt gewesen, hätte er nicht die Tochter Kaiser Sigismunds, die 13-jährige Elisabeth, geheiratet. Durch seinen Schwiegervater betrat er das Parkett der großen Politik, wobei er auf seine österreichischen Länder keineswegs vergaß.

Albrecht war ein merkwürdig aussehender junger Mann, mit dunklem Teint und pechschwarzem Haar. Seine Körpergröße war beeindruckend, er überragte seine Zeitgenossen um Haupteslänge, sodass er, wo immer er erschien, Würde ausstrahlte, wenngleich ihm seine stechenden schwarzen Augen einen Hauch von Unheimlichkeit verliehen. Seine Bildung war äußerst dürftig, da sich seine Erzieher, der spätere Bischof von Freising und Reinprecht II. von Walsee, nicht sehr bemüht hatten, ihren Zögling in die Schönheiten der antiken Sprachen einzuweihen; auch Ungarisch und Böhmisch beherrschte Albrecht nur ansatzweise, was ihm später einige Schwierigkeiten bereiten sollte. Aber solange seine Freunde ihm zur Seite standen und seine Pläne unterstützten, war für ihn guter Rat nicht teuer. So ist auch sein Wahlspruch zu verstehen: »Der Freund ist der größte Schatz im Leben.« Er wusste, wovon er sprach, war er doch in turbulente Zeiten hineingeboren worden. Von Jugend an war er von Feinden umzingelt und durch seine Unnachgiebigkeit machte er sich ständig neue Gegner. Albrecht war ein ungeduldiger Mensch, der versuchte, viele Dinge auf einmal zu regeln, ohne deren Konsequenzen abzuschätzen. So sah er es gleich nach Regierungsantritt als notwendig an, die Finanzen in seinen Gebieten zu reformieren und vor allem das Fehdewesen zu bekämpfen, sodass ein gewisses Maß an Sicherheit im Lande zustande kam. Der Chronist Thomas Ebendorfer berichtete, dass es wieder möglich war, offen Gold mit sich zu führen, ohne im nächsten Wald ausgeraubt zu werden.

Hätte sich Albrecht auf innenpolitische Reformen beschränkt, wäre seine Regierungszeit sicher positiv zu beurteilen gewesen. Aber er hatte weit gesteckte Ziele: Die Kirche schien durch das Schisma von 1378 und die Päpste, die in Avignon residierten, handlungsunfähig zu sein, wodurch Albrecht eine Chance für sich als Landesfürsten sah. Die Kirche sollte ein Werkzeug werden, das er politisch nützen konnte. Voraussetzung allerdings war eine Erneuerung an Haupt und Gliedern, die Albrecht durch die sogenannte »Melker Reform« einleiten wollte.

Andersgläubige hatten in seinem Konzept keinen Platz, weder die Hussiten und schon gar nicht die Juden. 1420/21 kam es zur großangelegten Judenverfolgung in Wien und zur Schleifung der Synagoge auf dem Judenplatz. Das Geld der Ermordeten floss direkt in die Kassen des Herzogs. Mit den Hussiten allerdings, mit denen er ebenfalls kurzen Prozess machen wollte, hatte er nicht so leichtes Spiel. Nach der Schlacht bei Taus, in der seine Truppen 1431 geschlagen worden waren, musste er sich zu einem Waffenstillstand durchringen.