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Martina Winkelhofer

Adel verpflichtet

Martina Winkelhofer

Adel verpflichtet

Frauenschicksale
in der k. u. k. Monarchie

Mit 130 Abbildungen

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Für Johanna

Gedruckt mit Förderung des Bundesministeriums für
Wissenschaft und Forschung in Wien

Besuchen Sie uns im Internet unter
www.amalthea.at

1. Auflage September 2009
2. Auflage Dezember 2009
3. Auflage März 2012

ISBN 978-3-85002-686-4

Inhalt

»Adel verpflichtet« – Wozu?

IKindheit und Jugend

Die Geburt eines Mädchens – Eltern-Kind-Beziehungen im 19. Jahrhundert – Ammen und Kindermädchen – Kinder haben sich anzupassen – Standesgemäß: eine äußerst strenge Erziehung – Die Erziehung der Mädchen – Tanzstunden und Kinderbälle – Erziehung zur Selbstdisziplin – Armenfürsorge von klein auf – Sommeraufenthalte auf dem Land – »Tanzerl«: der Adoleszentenball – Ein Jugendball bei Hof – Weltfremde Mädchen

Aristokratische Kindheit

IIVerlobung und Heirat

Die Komtessen – »In die Welt gehen« – Ein strikter »Rite de Passage« – Die ersten Bälle – Der Kotillon – Der erste Hofball – Die Suche nach einem Ehemann – Heiraten »nach unten« und Heiraten »hinauf« – »Liebe ist etwas für Stubenmädeln« – Die Majoratsherren – Die Mütter hoffen auf einen »Épouseur« – Der grausame Heiratsmarkt – Eine Frage des Geldes – Kapital Schönheit – Die Jagd nach der besten Partie – Erste Annäherung und Verlobung – Feilschen um die Mitgift – Eheverträge – Komtessen ohne Bewerber – Die Hochzeit – Überraschungen in der Hochzeitsnacht – Das Heiratsverhalten ändert sich um die Jahrhundertwende

IIIEhe und Familienleben

Die »Ménage« – Die Stellung der Frau in ihrer neuen Familie – Die strenge Rangordnung in aristokratischen Familien – Gott, Kaiser und »Familienchef« – Die Agnaten – Aufgaben und Pflichten der Frau des Hauses – Die Autorität des Mannes – Dominante Ehefrauen – Die Rolle der Mutter – Verantwortung für Haus und Personal – Die enge Beziehung zu den Bediensteten – Eheliches Glück – Untreue der Ehemänner – Uneheliche Kinder – Affairen von Ehefrauen und ihre Folgen

IVUnverheiratete Frauen –
ein hartes Schicksal mit wenig Möglichkeiten

Schicksal »unverheiratet« – Die Frage nach dem Warum – Druck von Seiten der Familie – Der fehlende »Plan B« – Die Kehrseite einer klassischen Erziehung – »Alte Jungfern« und weltfremde Tanten – Von demütigem Verhalten und verbitterten Kritikerinnen – Versorgungsmöglichkeiten für Unverheiratete – Hofdame am kaiserlichen Hof – Adelige Damenstifte – Exzellente Kontakte und Vermögen als Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben

VStandesbewusstsein, Traditionen und Werte

Eine geschlossene Gesellschaft – Der »Gotha« – »Eine große Familie« – Du-Wort und »Petit Nom« – Die Gnade der hohen Geburt – Ein eiserner Verhaltenskodex – Der aristokratische Wertekanon – Standesgemäßes Auftreten – »Faxen machen« – Natürlichkeit im gesellschaftlichen Umgang – Die berühmte »Contenance« – Bloß nicht »portiererisch« sein – Die Treue zum Kaiser – Die Verbundenheit zum »Haus« – Die etwas andere Zeitrechnung des Adels – Der Katholizismus – Eine Spaltung der Aristokratie – »Haute Pieté« versus »Aufgeklärte Verstandesmenschen«

VI»Wohltätigkeiten« – die Charity-Events der Kaiserzeit

Die »Wohltätigkeit« – Die Tradition der adeligen Armenfürsorge – Die praktische Hilfe der Frauen – Die frühe Form des Fundraising – Die Erfinderinnen der »Charity-Events« – Kontakte mit der Zweiten Gesellschaft – Alter Name trifft prallen Geldbeutel – Wohltätigkeitskomitees und Protektorate – Fürstin Pauline Metternich, eine Meisterin des Spendensammelns – Die Hochblüte der exklusiven Wiener Wohltätigkeitsevents – Tableaux vivants – Prinz Liechtenstein schimpft über »Wohltätigkeitserpressungen« – Einige Aristokratinnen verweigern sich – Erfolge und Versagen der aristokratischen Wohltätigkeitsarbeit

»Tableaux vivants«

VIIAristokratische Salonkultur

Der Salon: ein Tor zur Außenwelt – Männer gehen in den »Club«, Frauen bleiben daheim – Der aristokratische Salon – Die klassische Salonkultur – »Normatage« und »Jours fixes« – Ablauf eines wöchentlichen Jour fixe – Klatsch und Tratsch – »Mordstratschen« – Der Salon: Gradmesser der gesellschaftlichen Stellung – Der Salon der Fürstin Eleonore Schwarzenberg – Der »Olymp« der Fürstin Aline Dietrichstein – Der Vorteil von Pflichtbesuchen – »Kartenwerfen« – Das Zurückschicken einer Visitenkarte kann ein Duell auslösen – Aristokratische Briefkultur

VIIIDer Jahresablauf der Aristokratie

Die »Sejours« – Zur historischen Mobilität des Adels – Ein strenger Jahresablauf – Das Jahr beginnt mit der Neujahrscour bei Hof – Die Winter in der Residenzstadt – Hofbälle, Privatbälle, private Theateraufführungen und »adelige Picknicks« – Tanz bis zum Ende der Faschingszeit – Das Frühjahr mit Pferderennen und Blumencorso – Die Derbywoche als Abschluss des Wien-Sejours – Sommer auf den Landschlössern – Die Übersiedlung eines aristokratischen Haushalts – Der Herbstsejour: große Familientreffen, Jagden und festliche Diners – Heiratspläne für die kommende Saison – Das »Auseinandergehen« – Fernreisen – Winter im Stammschloss oder in Wien – Weihnachten im Kreis der Hausgemeinschaft

»Aristokratisches Theater«

IXDas Vermögen der Aristokratie

Aristokratischer Großgrundbesitz – Abschlagszahlungen aus der Grundentlastung als Modernisierungsfaktor – Gewinne aus Forst- und Agrarwirtschaft – Die Aristokratie ist so reich wie nie zuvor – Fideikommisse, die Stiftungen des Adels – Das Erbrecht – Eine Frau hat keinen Anspruch auf das Familienvermögen – Familienbesitz darf nicht verkauft werden – Meterdicke Inventarlisten – Vermögen hat man, ohne zu arbeiten – Strikte Ablehnung von Spekulationsgeschäften – Vermögen als Verpflichtung

XKrankheiten, Schicksalsschläge und Depressionen

Frauenleben im 19. Jahrhundert aus medizinischer Sicht – Schwangerschaft, »Fausse Couche« und Geburt – Tödliche Gefahr: eine schwierige Geburt – Aristokratinnen litten kaum am Kindbettfieber – Gefährliche Kinderkrankheiten – Der Tod eines Kindes – Infektionskrankheiten als größte Gefahr – Operationen – Krebs – Fehlende Diagnosen und wirkungslose Therapien – »Nervositäten« und Depressionen – Psychosomatische Erkrankungen durch gesellschaftlichen Druck

XIWitwenschaft, Alter und Tod

Aristokratinnen im Alter – Kein Zwang zu ewiger Jugend und Schönheit – Die strengen »alten Weiber« – Witwenschaft – Absicherung durch die Heiratsverträge – Eine geringere Stellung in der Familie – Strenge Trauervorschriften – Witwen in der Gesellschaft – Die letzte Phase des Lebens – Das Sterben, ein unaufgeregter Vorgang – Tod im Familienkreis – Die Verstorbene bleibt Teil des Hauses

XIINach dem großen Krieg –
das Ende des Adels in Österreich

Der Erste Weltkrieg – Der Krieg aus der Perspektive der Frauen – Nahrungsmittelknappheit und Luxus bei der Aristokratie – Kriegsende 1918 – Die Angst vor Plünderungen – Das Ende der Donaumonarchie – Revolution auf Österreichisch – 1919: Die Republik Deutschösterreich hebt den Adel auf – Es traf die Falschen – Die finanzielle Situation des Adels – Der Adel muss sich nun der Arbeitswelt stellen – Die neue Gesellschaft: die »Stinkeria« – Heiratsverhalten in der Republik – Der Zwang ein standesgemäßes Leben zu führen wird schwächer – Was bleibt?

Anhang

Danksagung

Glossar

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Fußnoten

Register

»Adel verpflichtet« – Wozu?

Dieses Buch beleuchtet die persönliche und gesellschaftliche Lebenswelt adeliger Damen in der ausklingenden Donaumonarchie. Es will aber – wie der Titel verraten soll – nicht nur die besonderen Rechte, die Frauen adeliger Abstammung im Zeitalter Kaiser Franz Josephs genossen, sondern insbesondere auch die Pflichten beschreiben, in die diese oft herausragenden Persönlichkeiten gebunden waren. Dabei zeigen sich die Besonderheiten einer versunkenen Welt. Einer Welt, deren Beurteilung aus späterer Sicht oft recht radikal zwischen nostalgischer Verklärung – ja Kitsch – und scharfer Verurteilung schwankt. Hier einen etwas nüchternen Zugang zu ermöglichen, ist Ziel dieser Arbeit.

Österreichische Adelsgeschichte ist ein Stiefkind der Geschichtsforschung. An einem Mangel an historischen Quellen können diese weißen Flecken in der Geschichtsforschung wohl nicht liegen (eher schon an dem, oben angesprochenen, schwarz/weiß-Zugang zu diesem Thema). Gerade die Quellen über den Adel sind nämlich überreich – eine Folge der privilegierten Stellung dieser Gesellschaftsgruppe, die im Gegensatz zu anderen Gruppen die Möglichkeit, die Mittel und die Muße hatte, Schriftquellen zu verfassen und zu archivieren.

Wenn nun aber schon die allgemeine Geschichte des Adels im 19. Jahrhundert kaum bearbeitet ist, so liegt die Geschichte der Frauen des Adels völlig im Dunkeln. Mit dem immer stärker werdenden Interesse an »Alltagsgeschichte«, sowohl von Seiten der historisch interessierten Leserschaft, als auch der Wissenschaft, rückt nun aber auch das Interesse an historischen »Frauenleben« zunehmend stärker in den Vordergrund. Für dieses Buch wurden daher in jahrelanger Archivarbeit Briefe, Korrespondenzen, Tagebücher und andere Aufzeichnungen bedeutender aristokratischer Zeitzeuginnen gesichtet, beurteilt und verarbeitet.

Daraus ergibt sich ein Bild, das das Leben einer Frau in der österreichischen Aristokratie zu Zeiten Kaiser Franz Josephs, gemessen an heutigen Maßstäben, durch extreme Gegensätzlichkeiten gekennzeichnet zeigt. Die Frauen lebten zwischen äußerlichem – teilweise unermesslichem – Reichtum und gleichzeitig einer extrem beengten persönlichen Lebenswelt. Bildlich gesprochen stand der Weitläufigkeit der adeligen Güter eine enge gesellschaftliche und familiäre Rolle in einer Männerwelt gegenüber.

Dieses Buch zeichnet die wichtigsten Stationen eines »standesgemäßen« adeligen Frauenlebens von Kindheit und Jugend über Heirat und Familie bis zu Alter und Tod nach und stellt sie in den historischen Rahmen der ausklingenden Donaumonarchie. An vielen Stellen kommen dabei – in Form von Zitaten – die Protagonistinnen selbst zu Wort und vermitteln so ein lebhaftes Bild des adeligen Frauenalltags zu jener Zeit. So ersteht eine Welt wieder auf, die es nicht mehr gibt, deren positive Werte, wie auch negative Seiten jedoch durchaus in der heutigen Zeit noch lehrreich sein können.

Wien, 2009

I
Kindheit und Jugend

Die Geburt eines Mädchens – Eltern-Kind-Beziehungen im 19. Jahrhundert – Ammen und Kindermädchen – Kinder haben sich anzupassen – Standesgemäß: eine äußerst strenge Erziehung – Die Erziehung der Mädchen – Tanzstunden und Kinderbälle – Erziehung zur Selbstdisziplin – Armenfürsorge von klein auf – Sommeraufenthalte auf dem Land – »Tanzerl«: der Adoleszentenball – Ein Jugendball bei Hof – Weltfremde Mädchen

Die Geburt eines Mädchens wurde in der Aristokratie stets mit großer Freude aufgenommen. Von Enttäuschungen oder gar Ärger über das Ausbleiben eines Knaben erzählen die Quellen wenig. Zwar freute sich jeder Familienchef über einen, im besten Fall mehrere männliche Nachfolger, doch waren Mädchen genauso willkommen. Einerseits, weil man Kinder generell als Krönung einer Ehe betrachtete; andererseits, weil die Vielzahl der Geburten, die eine Frau im 19. Jahrhundert hatte, in den meisten Fällen auch Buben hervorbrachte oder zumindest auf weitere Kinder hoffen ließ. War eine Familie ohne männliche Nachfolger, so lag dies in der Regel nicht daran, dass keine Knaben geboren wurden. Die meisten Buben oder jungen Männer starben im Laufe ihres späteren Lebens durch Krankheit oder ließen ihr Leben auf dem Schlachtfeld. Aus diesem Grund wurde die Geburt einer kleinen Prinzessin stets genauso freudig begrüßt wie jene ihrer Brüder. Erst wenn sich nach einigen Mädchengeburten noch immer kein Sohn einstellte, begannen die Familien nervös zu werden. Umgekehrt wurde aber in vielen Familien nach der Geburt von einigen Buben ein Mädchen geradezu herbeigesehnt.

Nicht zuletzt war die wirtschaftliche Stellung des Adels mit ein Grund, warum – etwa im Gegensatz zum Bürger- oder Bauernstand – die Geburt von Mädchen keinerlei Problem darstellte. Im Gegensatz zum Großteil der Bevölkerung besaß die Aristokratie schlicht und einfach die finanziellen Mittel, um sogar mehrere Mädchen nicht nur zu ernähren, sondern auch ordentlich auszustatten, so dass sie durch eine Heirat auch gut versorgt wurden.

Die Beziehung der Erwachsenen zu ihren Kindern war im 19. Jahrhundert wesentlich enger als je zuvor – vor allem innerhalb der Aristokratie. Seit dem Biedermeier und dem damit verbundenen, gefühlsbezogenen Familienideal war die Eltern-Kind-Beziehung deutlich liebevoller und fürsorglicher. Gab es innerhalb des Adels noch im 18. Jahrhundert einen starken Abstand zwischen Eltern und Kind, so wuchsen kaum hundert Jahre später die Kinder in einem fast schon bürgerlich zu nennenden familiären Netz auf. Zwar wurden die Kinder der Aristokratie weiterhin von Kindermädchen und Gouvernanten betreut und später von Hauslehrern erzogen, doch fand nun alles unter der Aufsicht und Einbindung der Eltern statt. Die Erziehung wurde nicht mehr komplett dem Personal überlassen, sondern von den Eltern gelenkt und überwacht. Sorgfältig wählten sie das geeignete Betreuungs- und Erziehungspersonal aus und versuchten auch – in den meisten Fällen – auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder einzugehen.

Einzelne Familien waren derart interessiert an den neuesten Erkenntnissen der Kindererziehung, dass sie für ihre Zeit geradezu fortschrittlich waren, zumindest wesentlich fortschrittlicher als das Bürgertum, das an althergebrachten, starren Konventionen stärker festhielt als manche Teile des Adels. Die Bibliothek des Fürsten Karl Liechtenstein etwa, dem nicht nur die Ausbildung, sondern auch die psychische Entwicklung seiner Kinder am Herzen lag, zeugt von seinem besonderen Interesse für die frühe Pädagogik. Sein Bibliotheks- und Ankaufskatalog belegt, dass in großer Zahl Werke über die gesunde emotionale und geistige Entwicklung von Kleinkindern angekauft wurden.1

Die Aristokratin des 19. Jahrhunderts gab ihre Kinder nach der Geburt nicht mehr sofort in die Obhut des Personals, um schnellstmöglich ihre Rolle in der Gesellschaft und bei Hof wieder einzunehmen. Säuglinge blieben bei der Mutter, die sich in der Regel für die Entwicklung des Kindes interessierte. Schwangerschaft, Säuglingspflege und die Sorge um das Neugeborene waren oft bis ins kleinste Detail berichtenswerte Themen – in der Familienkorrespondenz ebenso wie in Tagebüchern. Fehl- oder Totgeburten, schwere Krankheiten von Säuglingen und Kleinkindern wurden als größter Schicksalsschlag betrachtet, der einer jungen Familie passieren konnte. Dementsprechend oft und intensiv wurde darüber korrespondiert, im engsten wie auch weiteren Familien- und Bekanntenkreis. Schon zu Beginn der Schwangerschaft wurde erwartet, dass Frauen alles zum Wohl ihres Kindes taten und von allem Abstand nahmen, was ihm schaden könnte. Verhielt sich eine werdende Mutter ungünstig oder gar schädlich für ihr ungeborenes Kind, wurde dies eifrigst kommentiert und weitererzählt.2

 

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Eine Aristokratin mit Neugeborenem, um 1900.

Bei aller liebevoller Umsorgung durch die Eltern, vor allem die Mutter, waren die Mädchen der Aristokratie doch auch von klein auf von mehreren Bezugspersonen umgeben. Die ersten Kontakte bildeten die Ammen, die man sogar aufnahm, wenn die Mutter selbst stillte (was sich auch im Adel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer mehr durchzusetzen begann). Meist entschied man sich für Ammen aus der Umgebung der eigenen Herrschaften, womit ein Bezug zu Herkunft hergestellt wurde. Familien, deren Stammschlösser in Böhmen oder Mähren lagen, entschieden sich für tschechische Ammen, die den Kindern oft noch in den ersten Lebensjahren als Bezugsperson erhalten blieben.

Gleichzeitig mit der Amme wurde ein Kindermädchen eingestellt, das meist über Empfehlung von Verwandten zur Familie stieß. Kindermädchen betreuten oft über mehrere Jahrzehnte die Kinder verschiedenster Generationen einer adeligen Familie. Üblicherweise blieb das Kindermädchen nicht nur stundenweise bei seinem Schützling, sondern den ganzen Tag. Wie eng und intensiv dieser Kontakt war, hing von der individuellen Mutter-Kind-Beziehung ab. Wo sich die Mutter stärker einbrachte, die Kinder öfter sah, war deren Verhältnis zum Kindermädchen lockerer als in Fällen, in denen die Mutter mehr gesellschaftliche Pflichten übernahm.

Die Qualität der Kinderbetreuung variierte völlig. Manche Kinder hatten Kinderfrauen, die fast schon pädagogisch zu nennende Erziehungsmethoden anwandten und sich in Kinderseelen einfühlen konnten. Andere wiederum berichteten später von Kinderfrauen, deren Verhalten fast schon grausam zu nennen war und oftmals die Würde der Kinder verletzte.3 Über die – heute wissenschaftlich erwiesene – Bedeutung der ersten Lebensjahre für die spätere Entwicklung eines Kindes wusste man noch nicht Bescheid. Doch die Aufzeichnungen vieler Aristokraten enthalten auch Erinnerungen an einen schlechten Umgang des Betreuungspersonals mit seinen Schützlingen, die zeigen, dass schlechte Kindheitserfahrungen definitiv bis ins hohe Alter präsent blieben.

 

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Gräfin Kaunitz mit ihren Kindern, um 1860.

Es gab jedoch auch Betreuungspersonal, das derart in seiner Arbeit und der Familie aufging, dass daraus Freundschaften für das gesamte weitere Leben entstanden. Das englische Kindermädchen der gräflichen Familie Wilczek wurde etwa die beste Freundin der Hausfrau und verbrachte, auch nachdem alle Kinder erwachsen waren, bis zu ihrem Tod im Alter von neunzig Jahren jeden Sommer gemeinsam mit der Familie – war also im Lauf der Jahrzehnte zu einem Familienmitglied geworden.4

Kinder stellten den größten Wert einer Familie dar und waren der ganze Stolz ihrer Eltern und Großeltern. Zwar war die Sicherung des Weiterbestandes der Familie durch männliche Erben weiterhin wichtig, doch wurden Kinder immer weniger ausschließlich als Stammhalter betrachtet. So lieb und teuer die Kinder ihren Eltern auch waren – einen großen Unterschied gab es zu heute: Die Kinder standen nicht im Mittelpunkt des familiären Lebens. Ein kindzentriertes Familienleben wie heute, bei dem die Bedürfnisse und Wünsche des Kindes die Lebens- und Freizeitgestaltung der Eltern bestimmen, kannte man nicht; man hätte es auch nicht als positiv für das Kind empfunden. Kinder hatten sich der Lebenweise ihrer Eltern, das heißt der Erwachsenen anzupassen, in die sie wie selbstverständlich hineinwuchsen. Sie wurden zu vielen Ereignissen erst hinzugezogen, wenn sie alt genug waren, an gemeinsamen sozialen Aktivitäten teilzunehmen, ohne Umstände oder Peinlichkeiten zu verursachen.

So durften Mädchen wie Buben am Familientisch erst Platz nehmen, wenn sie über ein Mindestmaß an Tischmanieren verfügten. Selbst Mittag- und Abendessen im engsten Familienkreis fanden in den meisten Fällen ohne Kinder statt, denn diese aßen meist in ihren eigenen Räumen gemeinsam mit ihrem Erziehungspersonal. Waren Kinder dann ab einem gewissen Alter bei Tisch geduldet, durften sie selbstverständlich von sich aus niemals ein Gespräch beginnen und nur reden, wenn ihnen Fragen gestellt wurden. Diese Verhaltensregel galt für sie manchmal bis in die Pubertät hinein. Ein Aristokrat, der in seiner Jugend jeden Sonntag bei seiner Großtante – einer geborenen Prinzessin Liechtenstein – aß, erzählte von diesen Essen, an denen stets auch der Bruder der Tante, der später regierende Fürst Liechtenstein, teilnahm: »Die Konversation zwischen dem Geschwisterpaar war sehr angeregt, ich hingegen war mehr (oder) weniger Luft. Wenn ich (mich) aber einzuschalten trachtete, war ein erstauntes Heben der Augenbrauen die einzige Reaktion auf meine schüchtern vorgebrachten Geistesblitze.«5

 

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Ein Kindermädchen (hier der Familie Kinsky). Kindermädchen, von denen manche zu Familienmitgliedern wuchsen, hatten eine wichtige Rolle im Leben der Kleinen, 1905.

Gespräche oder gar Tischgespräche mit den Erwachsenen blieben für Kinder stets erwähnenswerte Ausnahmen. Wurden sie einmal ins Gespräch gezogen, platzten sie vor Stolz. Intimere Gespräche, die noch seltener waren, hatten daher den Nimbus des Außergewöhnlichen. Ausnahmen bestätigen freilich oftmals die Regel: So erzählt Alfons Clary-Aldringen in seinen Lebenserinnerungen, seine Mutter habe die Kinder so oft wie möglich zu Tisch geholt, weil sie jede Minute mit ihnen verbringen wollte.6 Die Tatsache, dass dieses Verhalten erwähnenswert war, zeigt auch, dass es eher unüblich war.

 

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Kinderidyll im Park, 1905.

Zu gesellschaftlichen Veranstaltungen im Elternhaus wurden Kinder niemals hinzugezogen. Weder abends bei Soireen oder Diners noch nachmittags bei den Tees oder Salontagen waren Kinder anwesend. Fand ein Hausball statt, durften sie maximal bei den Vorbereitungen zusehen, freilich nur, wenn sie weder den Ablauf störten noch die eigenen Lernstunden schwänzten. Fürstin Nora Fugger in ihren Erinnerungen: »An allen diesen schönen Dingen durften wir Kinder nicht teilnehmen. Wir wurden in dieser Hinsicht außerordentlich streng erzogen. Nur selten kam es vor, dass wir den Salon betreten durften, wenn Gäste anwesend waren.«7

Ein Kinderleben in der Aristokratie war strengen Erziehungsregeln unterworfen. Die Autorität der Eltern und Großeltern musste hochgehalten und Disziplin und Gehorsam von klein auf gelernt werden. Die Erziehung war nach heutigen Maßstäben sehr streng. Körperliche Züchtigung galt als normal, Buben wurden nicht selten ausgepeitscht. Auch Mädchen wurden bestraft: Die einfachste Strafe war das Verbot von Süßigkeiten, jedoch waren auch sanfte Schläge gang und gäbe, und Einsperren stand auf der Tagesordnung. Bei größeren Kindern zeigte sich nicht Züchtigung, sondern Liebesentzug als probates Mittel, sie gefügig zu machen.8

 

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Gräfin Auguste Desfours-Coudenhove und Kinder. Bis zum Alter von einem Jahr trugen sowohl Mädchen als auch Burschen Kleidchen, um 1883.

In der Kinderstube, der Erziehung der Krabbel- und Kleinkinder, wurden Mädchen und Buben noch gemeinsam betreut, meist ausschließlich von Kinderfrauen und Kammermädchen. Erst mit Beginn des Unterrichts wurden sie nach Geschlecht getrennt. Die ersten Jahre wurden alle Kinder zu Hause von Hauslehrern erzogen, danach schickte man zumindest die Buben öfter in Pensionate – gegen Ende der Monarchie – in öffentliche Gymnasien. Mädchen wurden fast immer zu Hause erzogen, nur in Einzelfällen besuchten sie untertags katholische Schulen.

Die Erziehung der heranwachsenden Mädchen der Aristokratie war ganz auf ihr künftiges Leben als Ehefrau, Mutter und Gesellschaftsdame ausgerichtet. Sie mussten lernen ein tadelloses Heim zu führen, schöne Blumenarrangements zu erstellen, Klavier zu spielen und geschmackvolle Handarbeiten herzustellen. Auch Fremdsprachen sollte ein Mädchen beherrschen, vor allem Französisch musste sie tadellos sprechen. Bei der Erziehung der Mädchen galt die Herausbildung einer Charaktereigenschaft als besonders wichtig: die Herzenswärme. Mädchen sollten mitfühlend, gütig und bescheiden sein und sich nicht in den Vordergrund drängen.

Standesgemäß erzogen im ursprünglichsten Sinn wurden die Kinder durch das lebende Beispiel ihrer Eltern – indem sie beobachteten und nachahmten, was diese ihnen vorlebten. Durch »Vorleben« erfolgte auch die Herausbildung eines aristokratischen Habitus; weniger durch gezielte Erziehung. Was die Kinder an angemessenen Grußformeln, ordentlicher Aussprache und geistvoller Konversation hörten, übernahmen sie automatisch, so dass die aristokratische Kultur wie selbstverständlich von einer Generation auf die nächste weitergegeben wurde. Dieses soziale Herkunftskapital war der eigentliche »Mitgliedsausweis« in der Aristokratie. Es konnte weder im Nachhinein erworben werden, noch war es an Besitz und Reichtum gebunden. Selbst der mittelloseste Aristokrat war aufgrund dieser typischen – und allen gemeinsamen – Erziehung ein gleichberechtigtes, von allen akzeptiertes Mitglied seines Standes. Während der noch so reiche Industrielle, dessen Lebensstil oft nicht nur dem eines vermögenden Aristokraten entsprach, sondern diesen noch in den Schatten stellte, durch das Fehlen dieses sozialen Grundkapitals sofort als nicht zugehörig auffiel. Aufsteigerfamilien brauchten mindestens zwei Generationen, um jene Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander zu erwerben, die nur von Eltern an Kinder weitergegeben werden konnte.

Der Tagesablauf der Mädchen war sehr genau und pünktlich eingeteilt – jede Abweichung von dieser Norm wurde von den Kindern daher als angenehmes Ereignis begrüßt. In der Früh gab es immer ein einfaches Frühstück, gemeinsam mit den Erziehern. Nach den Lernstunden folgte ein kurzes Mittagessen, meist ebenfalls nur im Kreis des Erziehungspersonals. Danach gab es Zeichen- und Klavier-, eventuell Gesangsstunden sowie Stunden, die der Handarbeit dienten. Am Nachmittag ging man spazieren, was die Kinder zumeist als »fade« empfanden.9 Begeistern konnten sie sich allenfalls für Spaziergänge während der winterlichen Wien-Aufenthalte, denn diese führten entlang der Ringstraße – und Ringstraßenspaziergänge waren damals ein auch von Erwachsenen goutiertes Freizeitvergnügen. Jeder, wirklich jeder zeigte sich auf »dem Ring«, vom Offizier bis zum Bürger, vom Aristokraten bis zur Bürgersfrau. Bekannte Burgschauspieler und Opernsänger flanierten den Prachtboulevard entlang – das Motto hieß: »sehen und gesehen werden«. Die Kinder, die Lebhaftigkeit der Großstadt bestaunend, gingen artig in ihren Matrosenkleidchen neben den Gouvernanten. Im Winter durften die Kinder in Wien auch eislaufen gehen, eine bei Alt und Jung beliebte Sportart des Adels.10

Auf »natürlichen« Umgang mit den Standesgenossen wurde von klein auf großer Wert gelegt. In diesem Sinne erhielten die Mädchen schon im Kindesalter kleine, altersgerechte gesellschaftliche Aufgaben. An Sonntagen durften schon die jüngsten Mädchen ihre Freundinnen, die Töchter anderer Aristokratinnen, zur Jause einladen. Auch die Buben hielten ihre traditionellen »Bubenjausen« ab, zu denen sie ihre gleichaltrigen Freunde einluden.11

 

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Prinz Ferdinand Kinsky mit seinen Kinder beim täglichen Spaziergang, 1906.

Ebenfalls von klein auf erhielten die Mädchen Tanzstunden, meist gemeinsam mit ihren Brüdern oder Cousins. Sobald die Mädchen einige kleine Tänzchen beherrschten, arrangierte die Mutter Kinderbälle, zu denen die Kinder anderer Adelsfamilien eingeladen wurden. Ein Klavierspieler sorgte für die Musik, zu der die kleinen Mädchen und Buben miteinander tanzten. Den Abschluss eines solchen Kinderfestes bildete eine Jause mit Tee und Süßigkeiten.12 Diese Kinderbälle waren nicht nur dazu gedacht, den Mädchen eine Unterhaltung zu bieten. In erster Linie sollten sie sich von klein auf an die Notwendigkeit gewöhnen mit ihresgleichen zusammenzusein, ungezwungen Konversation zu führen und, dies vor allem, als Gastgeberin ihren Pflichten in der Gesellschaft nachzukommen – freilich zunächst auf kindgerechter Basis.

Mit anderen Kindern als jenen der Aristokratie kamen die Mädchen und Buben niemals zusammen. Da die Aristokratie streng darauf achtete, dass es ja keine Vermischung mit der »Zweiten Gesellschaft«, der Gesellschaft der Ringstraßenbarone und Industriellen gab, wurde selbst den Kindern ein Zusammentreffen mit Nicht-Aristokraten untersagt. Graf Ferdinand Wilczek berichtet, dass seine Gouvernante, die sehr eigenständig agieren durfte, mit ihm und seinen Geschwistern öfters ins Cottage-Viertel fuhr, um dort die Kinder der Familie Des Renaudes zu besuchen, mit deren Nurse sie befreundet war. Die Mutter seiner Freunde war eine geborene Frau Waerndorfer, Schwester des Industriellen Fritz Waerndorfer, der mit seinem Reichtum die Gründung der Wiener Werkstätten ermöglichte. Die Waerndorfer-Renaudes waren reiche und angesehene Mitglieder der Zweiten Gesellschaft – doch als die Mutter Ferdinand Wilczeks von diesen Besuchen erfuhr, verbot sie sie sofort. Die Kinder von Industriellen waren eben keine standesgemäßen Spielgefährten für kleine Aristokaten.13

 

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Zwei Mädchen, um 1906.

Die individuellen Kleidungswünsche kleiner Mädchen blieben völlig unberücksichtigt, ja, man nahm sie nicht einmal zur Kenntnis. So waren die kleinen Mädchen der Aristokratie alle gleich gekleidet. Über einem Baumwollkleid trugen sie eine Schürze mit Latz und Rüschen. Wochentags waren die Kleidchen dunkel, an Sonn- und Besuchstagen aber hell. Kleine Stiefelchen, zu denen sie derbe Strümpfe trugen, galten als einziges Schuhwerk für den Alltag. Die Kleider waren knielang, erst mit Eintritt in die Pubertät waren bodenlange Kleider gestattet. Haare durften im Kindesalter noch halb offen getragen werden; junge Damen mussten die Haare aber immer hochstecken. Die Alltagskleidchen der Mädchen wurden meist von geschicktem Kammerpersonal genäht, nur Sonntagskleider und spezielle Kleidungsstücke wurden von Schneiderinnen und Modesalons gefertigt. In der Aristokratie galt sowohl in Bezug auf die Kleidung als auch das Auftreten der Kinder Einfachheit als Tugend; aufgetakelte, affektierte Kinder empfand man als Gräuel.

 

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Die Tochter des Grafen Felix Harnoncourt in einem Festkleid, um 1888.

Ein wichtiges Kriterium in der Erziehung, auch bei Mädchen, war die körperliche Ertüchtigung. Überhaupt sollten Kinder nicht verweichlicht werden, jegliche Mimosenhaftigkeit wurde auch den Mädchen früh ausgetrieben. Dem hohen Stand entsprechend sollten sie lernen, sich nicht gehenzulassen und körperliche Unpässlichkeiten ohne Gejammer zu ertragen, um auch im Hinblick auf ihre späteren Pflichten in der Gesellschaft ein angenehmes Gegenüber zu werden, das sich und seine Affekte in der Hand hat. Das verzärtelte Kind, wie man es in vielen Bürgersfamilien fand, entsprach absolut nicht dem Erziehungsideal der Aristokratie – die eher eine spartanische körperliche Erziehung präferierte.14

Mädchen wurden dazu angehalten, Tagebuch zu führen. Hiermit bezweckte man weniger, dass sie die schönsten und außergewöhnlichsten Erlebnisse als Erinnerung festhielten, sondern dass sie Selbstzeugnis ablegten. Mädchen sollten ihr Handeln auf seine Motive hin prüfen und sich – darüber schreibend – fragen, ob sie den hohen sittlichen Erwartungen ihrer Eltern auch gewissenhaft entsprochen hatten. Solches In-sich-Gehen, Sich-Prüfen galt als Voraussetzung für tadelloses Verhalten. In jungen Jahren musste man oftmals die Tagebücher der Mutter vorlegen, die so kontrollieren konnte, wie ernsthaft man das eigene Verhalten überdachte.

Kinder wurden zudem von klein auf zu sozialer Fürsorge angehalten. Dem christlichen Erziehungsideal gemäß, animierte man sie zu karitativem Verhalten, dazu, sich um Schwächere zu kümmern und wohltätig zu sein. Erhielten sie Geldgeschenke von Verwandten, mussten sie den Betrag fein säuberlich in einem Büchlein notieren und einen Teil davon für Almosen verwenden. Die Eltern kontrollierten streng, ob und wie viel ihre Kinder spendeten. Selbst kleine, von den Kindern gesuchte Aufgaben oder Freizeitbeschäftigungen sollten der Wohltätigkeit dienen.

 

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Die Kinder der Aristokratie wurden zu körperlicher Betätigung angehalten, das verzärtelte Kind des Bürgertums, das in der Literatur häufig zu finden ist, entsprach nicht dem Ideal des Adels, 1908.

 

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Ein Mädchen der Aristokratie: Thérése Colloredo, 1881.

Prinz Gottfried Hohenlohe-Schillingsfürst durfte zum Beispiel als kleiner Bub eigene Hühner in seinem kleinen Privatgärtchen, am Rand des Parks des Wiener Augartenpalais, in dem seine Eltern residierten, halten. Die Hühner waren sein größtes Hobby und eine willkommene Abwechslung zu den vielen Lernstunden. Über die Anzahl der Eier, die seine Hennen legten, und deren Verbleib führte der kleine Prinz genauestens Buch: Ein Drittel der wöchentlich erwirtschafteten Eier musste er in der Küche abgeben, ein weiteres Drittel gab er den Armen der Umgebung, und nur das letzte Drittel durfte er selbst verkaufen und den Verkaufserlös in Naschwerk oder Abziehbildchen investieren. Ein lustiger Nebeneffekt dieses Eierhandels zeigt zugleich, wie ernst Eltern die Almosenpflicht ihrer Kinder nahmen: Prinz Gottfrieds Vater, Erster Obersthofmeister am Hofe Kaiser Franz Josephs, fand unter seiner wöchentlichen Korrespondenz nicht nur die Berichte seiner Hofchargen sowie österreichischer Botschafter im Ausland, sondern auch die kleinen Briefchen seines Sohnes mit der Aufstellung der aktuellen Eierproduktion samt sorgsam vorgerechneter Abzüge für die Armen. Der viel beschäftigte Obersthofmeister ließ es sich nicht nehmen, die Briefchen stets genau zu kontrollieren und vergaß auch nie, seinen kleinen Sohn für die ordentliche Abrechung und ehrliche Aufteilung zu loben.15

 

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Zwei kleine Prinzessinnen Kinsky beim Herumtollen, 1906.

Süßigkeiten bekamen die Kinder der Aristokratie auschließlich an hohen Festtagen – nicht etwa aus gesundheitlichen Gründen, sondern weil man sie nicht verwöhnen wollte. Alljährlicher Höhepunkt war Weihnachten mit dem Christbaum. Dieser war über und über mit Naschwerk geschmückt und wurde völlig zur Plünderung durch die Kinder freigegeben. Prinz Konrad Hohenlohe, der älteste Sohn der reichen Prinzessin Sayn-Wittgenstein und des kaiserlichen Obersthofmeisters, schrieb jede Weihnachten mit Ausrufungszeichen in sein Tagebüchlein, dass der Baum mit allerhand Süßem geschmückt sei und die Kinder, ohne zu fragen, für ein paar Tage zugreifen durften – ein Höhepunkt auch im Jahr des kleinen, reichen Prinzen.16

Eine Pause vom strengen Leben brachten die Sommeraufenthalte in den Stammschlössern. Diese wurden von den Kindern das ganze Jahr über herbeigesehnt. Hier gestand man ihnen eine Freiheit zu, die es in der Stadt nicht gab. Sie durften, bis auf wenige Lernstunden, den ganzen Tag im Freien herumtoben, Obstbäume plündern, Fische fangen – vor allem aber mit den Kindern der Bediensteten und der benachbarten Bauern spielen. So strikt der Umgang der Kinder sonst gehandhabt wurde, auf den eigenen Familienschlössern gab es – anders als in der Stadt – für die Kinder keine gesellschaftlichen Schranken. Die Kinderbanden, die in den Sommermonaten den Schlosspark und die Umgebung unsicher machten, bestanden aus den Kindern der Herrschaften, der Bediensteten und der ansässigen Bauern. Trotz aller sozialen Unterschiede ergaben sich aus diesen Kinderfreundschaften oftmals Freundschaften für das ganze Leben.

Bei aller Strenge erkannte und berücksichtigte man doch die Bedürfnisse der Kinder. Gerade während der warmen Monate auf dem Land achtete man darauf, dass sie genug Bewegung hatten. Sie durften herumtollen, auf Bäume klettern, fischen, schwimmen, Ponyreiten und stundenlang spielen. Interessanterweise machte man hier zwischen Mädchen und Buben keinen Unterschied, sie durften herumtollen und Kind sein – in der Stadt dagegen wurden Geschwister schon bei ihren Freizeitbeschäftigungen nach Geschlechtern getrennt.

 

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Eine luxuriöse Kindheit: ein Minikutsche für die Kleinsten, um 1870.

Kamen die Mädchen in die Pubertät, wurden so genannte »Adoleszentenbälle«, auch »Tanzerl«17 genannt, arrangiert – die Fortsetzung der Kinderbälle. Nun wurden die Backfische professionell im Tanz unterwiesen, meist von den Hofballettmeistern der Oper. Die Tanzstunden für die Mädchen fanden nun nicht mehr im engsten familiären Umfeld statt, sondern gemeinsam mit jungen Männern der weiteren Bekanntschaften. Die Mädchen konnten hier erstmals junge Männer außerhalb des familiären Umfelds kennenlernen, oder zumindest traf man einander erstmals nicht unmittelbar unter den Augen der Mütter und Gouvernanten.

Nach Abschluss der Tanzstunden veranstalteten jene Familien, die über ein Palais mit eigenem Ballsaal (oder zumindest großem Salon) verfügten, Adoleszentenbälle für die Jugend. Zu diesem Anlass gab es meist ein großes Buffet und Limonade. Anders als bei den Kinderbällen sorgte nun kein einzelner Klavierspieler mehr für die musikalische Begleitung, sondern ein kleines, mehrköpfiges Orchester spielte auf. Die Mädchen erhielten ihre ersten Ballkleider, freilich viel bescheidener als jene der Erwachsenen, und die Burschen erschienen im so genannten »Eaton suit«, einer Art Smoking-Festgewand der englischen Schule, und Glacéhandschuhen.18 Bei den Adoleszentenbällen wurde, als Höhepunkt des Abends, wie bei den Bällen der Erwachsenen, der Kotillon getanzt. Hierbei überreichten traditionellerweise die Burschen Blumen an die Mädchen, welche sich ihrerseits mit Ansteckmascherln in ihren Wappenfarben revanchierten.