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Hubert Hinterschweiger

Die Babenberger sind an allem schuld

HUBERT HINTERSCHWEIGER

DIE BABENBERGER SIND
AN ALLEM SCHULD

Aus Urwäldern
schufen sie
Österreich

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www.amalthea.at

© 2006 by Amalthea Signum Verlag GmbH, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien

Umschlagbild: © Augustiner Chorherrenstift

Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger
& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11/13,7 Stempel Garamond

Druck und Binden: Ueberreuter Buchproduktion, Korneuburg

Printed in Austria

ISBN 978-3-85002-550-8

eISBN 978-3-902998-39-2

DANKSAGUNG

Zur Entstehung und Fertigstellung dieses Buches haben mehrere Personen einen entscheidenden fachlichen oder emotionellen Beitrag geliefert. Besonderer Dank gebührt hier meiner Reitkollegin Renate Kirsch, die mein Manuskript mit großem Einsatz strukturierte und ordnete. Auch Edith Kisling, ihren Kindern sowie meinen zahlreichen Freunden sei gedankt, das Interesse, das sie meinem Buch entgegenbrachten, war mir Motivation und stete Freude bei der Arbeit.

Ein besonderes Dankeschön möchte ich meiner Frau Giki sagen, die mir bei jedem Stadium des Unterfangens zur Seite stand, sei es bei der Recherche von Daten oder beim Korrekturlesen. Es war sehr erfreulich, dass Familie und Freunde so regen Anteil an meinem Projekt nahmen.

Gewidmet sei dieses Buch meinen beiden Enkeln Johanna und
Maximilian.

INHALT

Sind die Babenberger an allem schuld?

Es geschah am 21. Juli 976

Markgraf Leopold I. der Erlauchte (976–994)

Der Klerus im Kampf mit Kreuz und Schwert

Die Sage vom heiligen Wolfgang

Andere heilige Vorfahren, etwa der heilige Severin

Die Aufgabe unserer Heiligen in grauen Vorzeiten

Körperkultur – Esskultur

Die Taufe des ungarischen Königs Stephan

Der Weg nach Melk

Carnuntum

Das Ende des Markgrafen Leopold I.

Markgraf Heinrich I. der Starke (994–1018)

Der heilige Koloman

Pergament, Papier und Palimpseste

Markgraf Adalbert der Siegreiche (1018–1055)

Die Kämpfe gegen Ungarn mit wechselndem Erfolg

Reliquien und was man alles unternimmt, um sie zu besitzen

Klosterkultur und der Versuch von Reformen

Markgraf Ernst der Tapfere (1055–1075)

Vorbereitung einer Hochzeit

Markgraf Leopold II. der Schöne (1075–1095)

Ein neuer Anlauf zu Reformen

Der Investiturstreit und der Gang nach Canossa

Wie der Markgraf zum Handkuss kam

Urbarmachung mit Hilfe von Klöstern

Zur Urbarmachung gehören auch Siedlungen

Römische Straßen durch Österreich

Kirchenbauten auf alten Ding- oder Taidingplätzen

Wien rückt ins Blickfeld der Babenberger

Markgraf Leopold III. der Heilige (1095–1136)

Erfindungsreichtum der Mönche

Internationale Nachrichten aus dem Heiligen Land

Lasterhaftes Leben überall

Ehrenwerte Glaubensbrüder

Agnes und die verwandtschaftlichen Verhältnisse

Die Sage von der Gründung Klosterneuburgs

Klosterneuburgs Schule und die Reise Ottos nach Frankreich

Zwischendurch einiges über Orden

Die Kuenringer

Die Sage von Aggstein

Ein Babenberger steht vor der Königswürde

Die Sage vom Donauweibchen

Die Geschichte der Kirche Maria am Gestade

Neue Wirtschaftsmethoden

Die Würdigung des Markgrafen

Erzählungen von Rittertum und Minnesang

Die Burg

Der Grund für 200 Jahre Kreuzzüge

Konflikte zwischen Ost- und Westkirche

Der Kreuzzug des Volkes

Orient und Okzident

Die Juden und das Geld

Markgraf Leopold IV. der Freigebige (1136–1141)

Österreich erhält das Lehen Bayerns

Civitas

Markgraf Heinrich II. Jasomirgott (1141–1177)

Kreuzzug und Reichsfriede

Von der Markgrafschaft zum Herzogtum

Die Residenz in Wien und die Schotten

Wien als Kulturzentrum

St. Stephan

Regalien

Herzog Leopold V. der Tugendreiche (1177–1194)

Thomas Becket

Ein Salzkrieg füllt die Börse

Steiermark und die Traungauer Grafen

Johanniter und Malteserorden

Die Templer

Der dritte Kreuzzug und die Gefangennahme von Richard Löwenherz

Unsere Landesfarben Rot-Weiß-Rot

Die Wahrheit über den Streit mit Richard Löwenherz

Der Deutsche Ritterorden

Hoch- und Deutschmeister

Die wirklichen Beweggründe für die Kreuzzüge

Der Wiener Pfennig und die Münze

Das friedliche Ende Herzog Leopolds V.

Herzog Friedrich I. der Katholische (1195–1198)

Die Sage von Ritter Maximilian von Falkenstein

Das Leben in einer mittelalterlichen Stadt

Herzog Leopold VI. der Glorreiche (1198–1230)

Der vierte Kreuzzug und die Zerstörung Konstantinopels

Katharer, Manichäer und Albigenser

Francesco d’Assisi

Die Gründung von Stift Lilienfeld

Die Legende von der »Spinnerin am Kreuz«

Wien und die Ordensritter

Hochzeiten und sonstige Feiern

Das Stadtrecht von Wien

Eine babenbergisch-staufische Hochzeit

Weitere Ordensgründungen

Wien und der Handel

Die Veränderungen in der Heimat durch die Kreuzzüge

Der friedlichste Kreuzzug aller Zeiten

Leopold VI. als Vermittler zwischen Papst und Kaiser

Herzog Friedrich II. der Streitbare (1230–1246)

Kaiser Friedrich II. und Herzog Friedrich II.

Bann, Acht und Interdikt

Herzog Friedrich II. und die Künste

Die Acht über Herzog Friedrich II.

Dschingis Khans Sturm

Eine geplante Ehe des Kaisers mit Gertrude von Babenberg

Das Ende Herzog Friedrichs II. und das Ende der Babenberger

Der Dom zu St. Stephan und sein weiteres Schicksal

Gibt es ein Ende der Babenberger?

Es gibt doch ein Ende der Babenberger

Přzemysl Ottokar, Prinz von Böhmen (1251)

Herzog Rudolf I. wird Deutscher König (1273)

Stammbaum der regierenden Babenberger

SIND DIE BABENBERGER
AN ALLEM SCHULD
?

Schuld oder Nichtschuld, wer kann das beurteilen? Hatten oder haben die Regierenden Erfolg und Glück, so spricht man später, nach Jahrhunderten noch, voll Hochachtung von ihnen … andernfalls? Kramt man in der Kiste der Vergangenheit, erstehen vor dem geistigen Auge jedes Einzelnen unterschiedliche Bilder. Aber eines ist allen gemein, der Glaube an die hehre, aufrechte Ritterzeit.

Welch herrlicher Glanz liegt auf diesem Wort, welch metallischer Geschmack liegt auf der Zunge, wenn man heute von Rittern spricht oder in Opern und Liedern darüber hört.

Tatendrang, Edelmut, Großzügigkeit, Freundschaft, Achtung und männliche Demut vor den Damen, das ist das Holz, aus dem Ritter geschnitzt waren.

Überall sind sie gegenwärtig, die Ritter. In den Museen und Burgen, die vollgefüllt sind mit Rüstungen, Waffen und Gegenständen des täglichen Gebrauchs. Die herrlichen großen Gemälde in den Schlössern, wo in stolzer Haltung die Vorfahren der hochnoblen Gesellschaft auf uns herabsehen. Unzählige Ritterspiele, Ritteressen, Rittermasken auf Bällen, ja sogar Dürers berühmter Stich »Ritter, Tod und Teufel« sind Zeugnis vergangener Tage.

Auch die Österreicher haben eine Vergangenheit, die viel erzählt von Rittern und dem Leben am ritterlichen Hof. Ruinen und Burgen, mit Gemäldegalerien und Rüstkammern werden mit ehrfurchtsvollem Schaudern betrachtet. Und wenn man gar aus einer Folterkammer wieder ins Freie tritt, begrüßt man erleichtert diese heutige, friedliche Zeit.

Unsere unmittelbare Geschichte, also die uns bekannte Geschichte der Habsburger, reicht über viele Jahrhunderte zurück. Aber vor jenen, da war die Zeit noch mystisch, nebelverhangen, eben sehr weit weg. Legende und Geschichte – sehr oft greifen die beiden nahtlos ineinander und lassen Bilder erstehen, die bei den verschiedensten Veranstaltungen an Märchen, Sagen oder Räubergeschichten erinnern. Doch unsere Vergangenheit war weder märchenhaft noch sagenumwoben, sondern so wie zu allen Zeiten voller Räubergeschichten, also kriegerisch. Nur weil das Geschehen doch sehr weit zurückliegt, ist auch das Erinnerungsvermögen lückenhaft, und zeitliche Zwischenräume hat man mit Begeisterung ausgeschmückt und nach Gutdünken verziert. Dabei waren unsere Vorfahren Vorreiter im wahrsten Sinn des Wortes, die den Boden für unsere heutige Heimat, unseren heutigen Wohlstand aufbereiteten.

Es waren die von Babenberg, die aus einem Niemandsland im Südosten Bayerns eine Markgrafschaft und Jahrhunderte später ein Herzogtum Österreich aufbauten, mit viel Bauchweh, mit noch mehr Kämpfen, aber auch mit unglaublicher Zähigkeit, diplomatischem Geschick und österreichischem Charme.

Bayern war groß, ein mächtiges Herzogtum – schon damals. Diese Größe war für viele nachfolgende Kaiser ein ewiger Stein des Anstoßes, denn bedingt durch diese Stärke waren Allüren die markantesten Eigenschaften der bayerischen Herrscher. Unduldsamkeit, Streitsucht und Arroganz waren ihre hervorstechenden Markenzeichen, und zu all diesem Ungemach wurde auch selbstständige Politik ohne Rücksprache mit dem Kaiser betrieben. Da waren Konflikte natürlich vorprogrammiert. Allerdings muss man entschuldigend einwenden, dass die Bayernherzöge immer stolzen Geschlechtern entstammten und stets in Rivalität zu den Königen und dem jeweiligen Kaiser standen. So ist es nur zu verständlich, dass auch die Bayernherzöge immer wieder bestrebt waren, die Königs- oder Kaiserkrone zu erlangen.

Bei dieser Ausdehnung des Reiches waren auch Reisen in den Süden scheinbar ohne Schwierigkeiten zu bewältigen, denn die bayerischen Herzöge kontrollierten die südlichen Nachbarn Steiermark und Kärnten, ebenso Teile des Etsch- und des Eisacktals sowie die Alpenübergänge der Drau- und Murwege, die auch im Winter gangbar waren. Heute mag das etwas übertrieben klingen, aber vor 1000 Jahren waren die Alpen noch eine sehr schwer überwindbare Bastion. Um gefahrlos die Alpenübergänge zu bezwingen, war man vor allem auf die Einheimischen angewiesen, die so wie alle Alpenbewohner sich ihr Wissen und ihre Erfahrung ruhig, aber bestimmt durch Sonderrechte und Privilegien vergelten ließen. Typisch für ihre Ruhe und Schlauheit waren die Tiroler Bauern, die durch emsiges Nachdenken, sich am Kopf kratzend, sehr wortkarg, sich jedes Wort lohnen ließen, sodass sie letztlich immer freie Bauern waren und blieben. Man bedurfte ihrer Hilfe, sie kannten ihre Gegend, die Übergänge, und mit einem Blick gegen den Himmel konnten sie auch das Wetter recht gut vorhersagen und vor Unbill warnen.

Bayern war ein fruchtbares, reiches, gut bestelltes Land, mit Ausnahme einer kleinen, abseits gelegenen Gegend – Ostmark genannt. Dieses exponierte Gebiet, dieses Fast-Niemandsland, war für jeglichen Small Talk der guten Gesellschaft völlig unerheblich. Das Leben spielte sich in der Ebene um Regensburg ab, Augsburg, Salzburg, Freising, Passau, das waren Städte weit weg vom Schuss und von mörderischen Einfällen. Die Ostmark war voller Gefahren, Überraschungen und Abenteuer – war uninteressant, daher blieb wenig Geschriebenes erhalten und das bisschen mündlich Überlieferte verwob sich zu unzähligen Geschichten und Sagen.

In der Nähe von Bamberg, zwischen den Flüssen Main und Regnitz, lebten die Babenberger Fürsten, die im Lauf von Jahrzehnten zahlreiche Nachkommen in die Welt setzten. Die meisten lebten ihr herrschaftliches Leben und vergnügten sich mit Jagd, Musik und Tanz. Wenn es um Machtzuwachs oder Bereicherung ging, waren kleinere Fehden oder sogar größere Kämpfe auf der Tagesordnung. Aber für einen dieser Herren war das alles etwas unbefriedigend, und kühl rechnend machte er sich über seine Zukunft Gedanken. Luitpold, Leopold, auf diesen Namen hörte der edle Herr, stellte sich die Frage, was denn aus dem eigenen Ich werden sollte, betrachtet man all die männlichen Verwandten, die um jeden Happen Machtzuwachs Streit anfingen und locker mit dem Dolch zur Hand waren? Die Zeit floss dahin, ebenso die Jugend, und so war der Augenblick gekommen, eine Entscheidung zu treffen. Nicht dass es an der Apanage mangelte, Gott, viel war es nicht, aber es reichte, um die Zeit mit all den Tätigkeiten und Vergnügungen totzuschlagen. Nur – war das alles, was man vom Leben erwarten konnte? Luitpold wollte mehr. Bald war seine Habe zusammengepackt, sein Diener bereit, und mit einem lockeren Adieu ging es in die Ferne, gegen den Südosten Bayerns, wo ein neues unerschlossenes Hoffnungsgebiet auf mutige Männer wie Luitpold wartete.

Die Gegend war spärlich besiedelt und von dichten Urwäldern überwuchert, unbekannte Fluss- und Bachläufe zogen ihre Bahnen durch diese Undurchdringlichkeit. Es gab kaum Lichtungen in dieser bewaldeten, düsteren, geheimnisumwitterten Landschaft. Fast wie ein ausgestreckter Zeigefinger bohrte sich diese Mark ins Ostland, umgeben von Slawen und neuerdings von Magyaren.

Eines Tages, im Morgengrauen, die Wälder dampften noch – man kann fast sagen, es war auch das Morgengrauen Österreichs –, kamen hoch zu Ross einige hohe Herren zusammen, um zu poltern, zu politisieren und allerlei Männergespräche zu führen; denn Kampf, Überfälle, Raub usw. war schon immer ein beliebtes Spiel hoher Herren.

Da gab es zum Beispiel einen, der wurde nur »Heinrich der Zänker« genannt. Wie sein Name, so auch seine Haltung. Er war sich sehr wohl seiner berühmten Verwandtschaft bewusst und saß tatsächlich auf dem hohen Ross, war doch schon sein Großvater Herzog Heinrich I. von Sachsen deutscher König und Römischer Kaiser gewesen. Die Kaiserwürde ging später auf dessen Sohn Otto I. über, der durch die Heirat mit Adelheid von Burgund, der Witwe König Lothars II. von Italien, auch noch die Lehnsherrschaft über Burgund gewann. Nach dem Ableben des Vaters übernahm sein Sohn Otto II. die Regierungsgeschäfte, und es glückte ihm eine eheliche Verbindung mit der byzantinischen Prinzessin Theopano. Der Bruder des Kaisers, Herzog Heinrich von Bayern, lachte sich eine Luitpoldinger namens Judith an, deren beider Sohn eben der besagte Herzog Heinrich II. von Bayern, genannt Heinrich der Zänker war. Heinrich der Zänker führte immer das große Wort, und es war auch nicht ratsam, ihm zu widersprechen. Auf diese Gruppe edler Herren stieß nun Graf Luitpold, stellte sich vor und wurde von allen aufmerksam gemustert. Die von Babenberg, ja, ja, die waren allen anwesenden Herren bekannt. Einige höfliche Floskeln flogen hin und her, Fragen wurden gestellt, Auskünfte erteilt, um dann zur Sache zu kommen.

Der »Zänker« redete nicht lange herum, sondern unterbreitete den Anwesenden in wenigen Sätzen einen atemberaubenden Plan. Eine Verschwörung, einen Aufstand gegen seinen Cousin, Kaiser Otto II. Der Vorteil? Der Zänker zeigte sich nicht knauserig und war bereit, seinen Freunden großzügige Schenkungen und Lehen zu überlassen. Die Herren fanden diese Idee großartig, vor allem überzeugte und blendete sie der zukünftige Reichtum, und daher stimmten sie begeistert zu. Man rückte die Schwerter zurecht und dann näher zusammen, um sich in märchenhaften Details zu ergehen. Das mit dem Reichtum hatte schon seine Richtigkeit, denn Bayern war reich an Salz, und Salz war in ganz Europa seit Jahrhunderten eine begehrte, bestens bezahlte Ware. Man denke nur an Hallstatt, Hallein, Bad Reichenshall und das Salzkammergut.

Luitpold – später wird in der Geschichtsschreibung wie gesagt Leopold daraus – war klar, dass der Zänker nie und nimmer gewillt war, das zu halten, was er versprochen hatte, schon gar nicht zukünftigen Verrätern und Mördern. Leopold sah sich stumm die Runde an, dachte sich seinen Teil, schüttelte den Kopf, fand einige entschuldigende Worte und verließ die Runde. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

»Die Brüder da drüben, das ist klar, die bringen nichts zusammen. Ich werde die Gelegenheit wahrnehmen, bei meinem Kaiser vorstellig werden und einige ernsthafte Worte zu ihm sprechen.«

So dachte dieser edle Mann, ging zu Kaiser Otto II. und machte Nägel mit Köpfen.

Tatsächlich, die anderen haben den Aufstand gewagt. Durch den Babenberger gewarnt, war es für den Kaiser eine wahre Freude, mit dem Schwert dreinzuschlagen. Nur der »Zänker« hielt sich noch in Passau verschanzt und erhoffte sich eine Siegeschance, aber leider, sehr zum Leidwesen des zänkischen Zänkers, musste auch er nach der Erstürmung der Festung die Fahnen streichen und den Weg in die Gefangenschaft antreten. Wie gesagt, die paar Männer wurden niedergemacht, die Burgen erobert und die Ländereien eingezogen. Nach dem triumphalen Einzug des Kaisers 976 in Regensburg, der bayerischen Herzogsstadt, wurde eine Verschnaufpause eingelegt, um in Ruhe nachzudenken, wie nun gegen die Rebellen vorzugehen sei. Einige Todesstrafen der traditionellen Art, einige Kerkerstrafen der traditionellen Art und dem Gebot der Stunde entsprechend wurde mit neuen Herzögen experimentiert. Einige versuchten sich in dieser Rolle, aber der Zänker hatte seine alte Hausmacht im Rücken, die dem Kaiser beratend zur Seite stand. Nach einigen misslungenen Experimenten des Kaisers und einem demutsvollen Kniefall vor diesem, erhielt der Zänker 985 sein Lehen wieder und damit den Thron Bayerns. Auf alle Fälle hatte Kaiser Otto II. die Lektion gelernt und sich geschworen, Bayern bei Gelegenheit zu zeigen, wer das Sagen hat.

Aber zurück in das Jahr 976. Der Kaiser stellte erfreut fest, dass dieser Aufstand im Großen und Ganzen ein gutes Geschäft war. Lehen waren verfügbar, das brachte Geld in die Kasse, und der Glanz des Sieges steigerte das Ansehen des Kaisers. Die meisten Adeligen beteuerten ihre Treue, huldigten dem Kaiser und heuchelten Abscheu vor den Abtrünnigen. Natürlich schielten alle nach den freigewordenen Besitzungen und hofften, damit belehnt zu werden. Der Kaiser ließ sich Zeit, denn stillschweigend abzuwarten steigert die Spannung und bestätigt die eigene Macht. Herzog Leopold aber war in der Zwischenzeit zum unentbehrlichen Vertrauten und Begleiter des obersten Kriegsherrn aufgestiegen, eine Ehre, die den Babenberger auszeichnete. Ob bei Ausritten oder am prasselnden Kaminfeuer, so manche Bürde, die Otto bedrückte, besprach er mit Leopold und erhielt regelmäßig guten Rat.

Wieder einmal – es war ein herrlicher Sommermorgen – wurde zur Sauhatz geblasen. Leopold ritt wie immer an des Kaisers linker Seite. Es war ein scharfer Ritt, die Hunde nahmen Witterung auf und die Hatz nahm ihren Anfang. Das Gelände wurde zusehends unwegsamer, viele Jagdgefährten verspürten keine Lust mehr, durch den dichten Wald und das wilde Gestrüpp zu jagen und einen Sturz zu riskieren, um vielleicht eine Wildsau zu erlegen. Aber Leopold, der ritt dicht hinter seinem Herrn, und bei Erreichen einer Lichtung umsprangen die Hunde mit lautem Gebell einen prächtigen Keiler, der schnaubend und angriffslustig mit seinen Hauern Laub und Erdreich aufwirbelte. Der Kaiser parierte sein Pferd, spannte den Bogen und mit einem berstenden Knall zerbrach dieser. Leopold trieb sein Pferd an die Seite des Kaisers, reichte ihm seinen gespannten Bogen und mit einem gezielten Schuss erlegte Kaiser Otto den Keiler. Die rasche Reaktion des Mannes gefiel dem Kaiser, und vor seinem geistigen Auge erstand das Bild eines guten Markgrafen. Der Kaiser überreichte Leopold seinen zerbrochenen Bogen als Pfand mit dem Versprechen, ihm das nächste freiwerdende Land als Lehen zu geben. Es dauerte nicht lange und Markgraf Burkhard vom bisher noch nicht genannten Ostarrichi verstarb. Von überall kamen die Adeligen und baten kniefälligst um dieses Lehen. Leopold, schon immer sehr würdig, trat in die Mitte der gierigen Bittsteller, zeigte dem Kaiser dessen alten, zerbrochenen Bogen und kniete nieder. Sich freudig besinnend ergriff der Kaiser den Bogen, gebot Leopold aufzustehen, um ihn anschließend zum Markgrafen des freigewordenen Landstrichs zu erheben.

Es geschah am 21. Juli 976

Mit Leopold begann die 270-jährige Geschichte der Babenberger und die Geschichte Österreichs, auch wenn »Ostarrichi« erst 996 urkundlich zum ersten Mal erwähnt wird. 976 wird ein »Marchio Luitpold« in einer Urkunde Kaiser Ottos II. genannt. Es ist der erste Beleg, dass einem Angehörigen des Geschlechts der Babenberger die »marcha orientalis« oder auch die »orientalis marcha Bavarie« (die bayerische Mark im Osten) übertragen wurde. Wie man aus der Beschreibung ersehen kann, war das Gebiet überhaupt nicht klar umrissen, es lag eben zwischen Bayern und Ungarn, östlich der Enns und vor allem genau in der räuberischen Einfallsschneise der Ungarn. Es war zwar eine Ehre, Markgraf von »Irgendwo« zu sein, aber diese Ehre musste man sich tatsächlich erkämpfen.

Wie gesagt, Leopold I. »der Erlauchte« wurde belehnt. An Stelle des ehemaligen Römischen Beamtenstaates hatte seinerzeit Kaiser Karl der Große den Nordischen Lehens- oder Vasallenstaat geschaffen. Dieser Rechts- und Gesellschaftsordnung, dem Grundelement des Feudalismus, liegt immer nur geliehenes Gut zu Grunde und verpflichtet zu gegenseitiger Treue und zu Kriegsdiensten für den Lehnnehmer. Dazu kommt noch die Hoffahrt, also die Anwesenheit bei Hof des Lehnsherrn, um diesem mit Rat, Tat und Hilfe zur Seite zu stehen. Außerdem war es ganz gut, Lehnsherren des Öfteren in Sichtweite zu haben. Beim Tod des Lehnsmannes musste um Lehnerneuerung angesucht werden. Bei erwiesenem Treuebruch, wie dies mit dem »Zänker« geschildert, exekutierte der Herrscher über das Lehngericht den Entzug des Lehens. Die Heerschildordnung, also die Fähigkeit zum Erwerben eines Ritterlehens, entwickelte sich zum Rangsystem der lehnsrechtlich gegliederten Adelsgesellschaft. In der Hierarchie der Lehnspyramide unterstanden die Kronvasallen als Lehnsmänner direkt dem Kaiser beziehungsweise dem König, gefolgt von den Ministerialen und den Untertanen, den so genannten Aftervasallen.

MARKGRAF LEOPOLD I.
DER ERLAUCHTE (976–994)

Man muss eben immer auf das richtige Pferd setzen oder, sachlicher ausgedrückt, man muss immer wissen, wohin man gehört. Auch der Kaiser wusste die Treue und Umsicht des Grafen zu schätzen. Neider und Missgünstige sprachen von Verrat, aber zu seinem Herrn zu stehen ist allemal kein Verrat.

Die Linie der Babenberger war hiermit gegründet und hielt sich 270 Jahre. Es waren ihrer zwölf, die immer mit Umsicht und diplomatischem Geschick die widerwärtigen Klippen der Zeit umschifften und sieben Kaisern dienten.

Leopold I. regierte von 976 bis 994 und er hatte die Fünfzig weit überschritten, als er zum Markgrafen erhoben wurde, für damalige Zeiten ein methusalemisches Alter. Beachtet man seine reiche Kinderschar, so hatte Leopold sicher eine liebevolle, fürsorgliche Frau zur Seite. Adel zu Adel, wie kann es anders sein, war sie die Tochter des Grafen Ernst von Sualafeldgau namens Richwara. Zwei seiner Söhne sollten die Linie der Babenberger weiterführen.

Ganz bescheiden begann man in der Gegend um Pöchlarn zu residieren, mit dem Blick nach Osten. Denn nur der aufmerksame Blick nach Osten brachte den ehrenhaften Titel Markgraf – eben der Graf einer Mark, Marke oder Grenze. Für diesen Titel, für diese Ehre musste ein hoher Einsatz erbracht werden. Die ersten Babenberger kamen kaum aus dem Sattel. Es war der Wille des Kaisers und des Papstes, die Grenzen der Christenheit nach Osten zu erweitern, die Menschen zu christianisieren und sesshaft zu machen. Nochmals sollte klargestellt werden, dass die Markgrafschaft ein Lehen Bayerns war und dies so lange, bis Österreich zum Herzogtum erhoben wurde. Aber das hat noch Zeit.

Zum Leidwesen Bayerns siedelten sich zu Beginn des 9. Jahrhunderts im Osten sehr geräuschvoll neue Nachbarn an. Unter ihrem Führer Arpad tauchten aus dem Osten kommend die Magyaren auf, ein nomadisierendes, wildes Reitervolk. Wer als Vertriebener oder Getriebener auf Landsuche ist, unterscheidet nicht zwischen Mein und Dein. Die Magyaren überquerten die Karpaten von Osten und Nordosten und brachen wie ein Feuersturm in das ehemalige Pannonien ein, erschlugen die noch nicht geflohenen Einwohner und nahmen das Land in Besitz. Diese »Landnahme« erfolgte um das Jahr 896.

Es war ein fruchtbares Land, das sie in Besitz nahmen, aber bäuerliches Dasein war nicht ihre Stärke. Sie waren ein Reitervolk, sie waren ein Nomadenvolk. Sie kannten wie alle nomadisierenden Reitervölker keine andere Alternative als Jagen und Rauben. Als sich die Magyaren an der Ostgrenze Bayerns niederließen, war es mit den eher friedlichen Zeiten vorbei.

Der Babenberger Leopold wusste, was auf ihn zukam, als er diesen ehrenvollen Auftrag und Titel entgegennahm, aber die Realität war doch noch ein wenig härter. Man wird selten zum Kämpfer oder gar zum Helden geboren, aber wenn es die Umstände verlangen, wenn es um die eigene Person geht, heißt es immer: du oder ich. Und das Ich steht einem immer näher als alles andere. Ohne es sich bewusst zu sein, wird dieser kritische Augenblick die Geburtsstunde mancher Helden. So muss es auch dem neuen Markgrafen ergangen sein. Natürlich empfand Leopold die Einfälle der Magyaren, gepaart mit Raub, Mord und Brandschatzung als nackte Gewalt und als Herausforderung. Immer wieder kamen die Eindringlinge völlig überraschend in rasendem Galopp, schossen bis zu 30 Pfeile in der Minute ab, und in Anbetracht der großen Anzahl der Eindringlinge kann man sich den herabsausenden Pfeilregen vorstellen, ja fast spüren. Dazwischen raubten sie mit sicherer Hand alles Wesentliche, drehten anschließend noch eine Runde im jaulenden Galopp, um dann die brennenden Pfeile auf die Strohdächer und alles Brennbare zu schießen. Bis die überraschten Bauern oder herumlungernden Wachen die Situation erfasst hatten, so sie noch lebten, war der Spuk vorbei.

Nach solchen Raubzügen waren die Magyaren in allerbester Laune und ihre anschließenden Mulatschaks entsprachen der männlich-magyarischen Lebensart. Darunter verstanden sie, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Man hatte geraubt, man hatte Erfolg und jetzt kam der Ausgleich. Fahrendes Volk spielte auf, zwischen Völlern und Saufen wurde getanzt und junge Weiber um sich geschart, um auch manchmal zugreifen zu können.

Markgraf Leopold besinnt sich seiner Pflichten, die Sicherheit der Grenzen zu wahren, und zieht los – gegen die Ungarn. Sehr beeindruckt zeigen sich diese jedoch nicht, denn die Burschen drehen den Spieß um und kommen wieder. Da erinnert sich der Markgraf des »Zänkers« und ruft ihn ohne Zaudern zu Hilfe. Des Babenbergers Verhältnis zum »Zänker« und den Seinen war nicht im Geringsten getrübt. Nach alten, typisch politischen Verhaltensregeln gilt immer der Spruch: Heute Feind, morgen Freund. Bei jeder Entscheidung, die man trifft, überlegt man immer die politisch interessante Frage: »Was bringt’s?« Vor allem muss man sich bewusst sein, dass ein Staat, ein Kaiserreich, ein Königreich, ein Herzogtum, eine Grafschaft keine Feinde, aber auch keine Freunde hat, sondern immer nur Interessen. Das ist politisches Bewusstsein.

Mit Freuden kommt der Herzog von Bayern, der Zänker, dem Hilferuf seines Markgrafen nach, pfeift seine Vasallen zusammen, um mit heiterem Kriegsgeschrei den Ungarn die kommende Vergeltung zu prophezeien. Hei!! Eine wahre Freude, den wilden Räubern einmal einiges heimzahlen zu können und die Männer fliehen zu sehen. Auch sonst sind sie nicht schüchtern, die Bayern und die Ostmärker, es wird einfach Abrechnung geübt. Beide stürmen sie vor, bis in das Wiener Becken, bis zur Schwechat. Der Babenberger denkt: Bis daher und nicht weiter! Und die Grenzen der Mark werden bereits weit nach Osten verschoben.

Der Klerus im Kampf mit Kreuz und Schwert

Wie nicht anders zu erwarten, war der Klerus immer zur Stelle, war immer bereit, für das Seelenheil zu beten und auch dafür zu kämpfen. Mit dem Kämpfen hatte der Klerus keine Schwierigkeiten, waren doch die Bischöfe, Erzbischöfe, Kardinäle, natürlich auch die Päpste aus adeligem Geschlecht und standen mit einem Wort in verwandtschaftlicher Beziehung zu den Grafen, Herzögen, Fürsten, Königen und Kaisern. Kaiser Otto II. und der Bayernherzog waren Vettern, die Erzbischöfe von Salzburg und Passau Onkel und Neffe des Babenbergers. Von Jugend an genossen sie die gleiche Erziehung, lernten reiten, fechten und hatten den Weitblick für strategisches und imperiales Denken. Machtstreben war dem Klerus so selbstverständlich wie allen weltlichen Herren auch. Die verwandtschaftlichen Bindungen und Verbindungen waren weit verzweigt und daher immer für gegenseitige Hilfestellung nützlich. Da kam es schon des Öfteren vor, dass statt des geistlichen Habits eine Rüstung bessere Dienste leistete. Denn auch Geistliche sind nur Menschen und ihre Emotionen sind Triebfedern, die nichts mit Tonsur und Klerikerrock zu tun haben. Starke Männer im Bischofsgewand – und nur starke Männer werden Bischöfe, Kardinäle oder noch mehr – haben auch untereinander ihre Scharmützel auszufechten, um ihre Macht ins rechte Licht zu rücken. Das Machtgerangel der Geistlichkeit unterscheidet sich in nichts von dem der weltlichen Fürsten. Und schon ist ein Beispiel zur Hand: Nach längeren Disputen und Drohgebärden erhält Passau anstatt Salzburg die kirchliche Verwaltung der neuen, kolonisierten Ostgebiete zugesprochen.

Da gibt es den Bischof Pilgrim von Passau und den Benediktiner Wolfgang in gehobener Position im Stift Einsiedeln. Beide sind sie von göttlichem Eifer erfüllt, jedem ist es eine heilige Pflicht, eine Missionsreise ins wilde Magyarenland zu wagen. Aber aus nicht bekannten Gründen – vielleicht ist doch etwas Angst im Spiel – fällt es Wolfgang zu, diese abenteuerliche Reise zu unternehmen. Sehr diplomatisch muss man vorgehen, sehr vorsichtig. Ausdruck des magyarischen Temperaments ist sehr oft der Dolch, das Schwert und auf weitere Distanz der Bogen, und ehe man es sich versieht, ist die Missionsreise abrupt beendet. Sehr behutsam werden Gespräche mit König Stephan von Ungarn in Anwesenheit seiner Söhne geführt, wobei das Verhalten der Männer mit aufbrausender Gestik und lautem Gebell sehr zur Vorsicht mahnt. Große Erfolge sind dem Wolfgang kaum beschieden, erst Jahre später geht der gesetzte Samen im Herzen König Stephans auf. Nach Wolfgangs Rückkehr – man ist schon zufrieden, ihn wieder lebend zurück zu haben – findet Bischof Pilgrim von Passau es angemessen, Wolfgang ob seiner makellosen Haltung 972 zum Bischof von Regensburg zu investieren.

Damals, in der Zeit des Aufstands von Herzog Heinrich dem Zänker und seinen Getreuen gegen Kaiser Otto I. 976, wich Bischof Wolfgang in das Regensburger Eigenkloster Mondsee aus und vertrat von dort die Interessen von Regensburg und Mondsee. Es kam immer wieder vor, dass bei einer Visitation eines Klosters das Erstaunen ob der großzügigen Auslegung des mönchischen Klosterlebens enorm war. So erging es auch Wolfgang im Kloster Mondsee. Nachdem er den ersten Ärger hinuntergeschluckt hatte, begann er den Dienern Gottes zu erklären, was einem Mönch frommt und was nicht. Durch das christliche Vorbild, das Wolfgang den Mönchen vorlebte, fanden auch diese wieder den rechten Weg ins mönchische Leben zurück, und nun widmete er sich dem Bau von zwei Kirchen, der einen am Abersee, dem heutigen Wolfgangsee, und der anderen in Wieselburg in Niederösterreich.

Nach Beendigung der politischen Zwistigkeiten zwischen Kaiser Otto II. und dem »Zänker« kehrte Wolfgang nach Regensburg zurück und musste gleich einmal am Feldzug Kaiser Ottos II. gegen Frankreich teilnehmen. Zusätzlich genoss er die Ehre, die Erziehung der Kinder des Zänkers zu leiten.

Aber um wieder auf den gottesfürchtigen Wolfgang zurückzukommen – es lag in Gottes Hand, ihn 994 in Puppingen abzuberufen. Erst nach dem Tod des großen, ehrenhaften, schon zu Lebzeiten heiligen Mannes gingen die Erzählungen und Wundertaten reihum, wobei jeder Erzähler ein ganz klein wenig dazudichtete oder ausschmückte, um seiner Verehrung für den Verblichenen den richtigen Ausdruck zu verleihen. Und erst jetzt begannen Legenden und Geschichten über Wunderheilungen und Taten dieses heiligen Mannes Gestalt anzunehmen.

Die Sage vom heiligen Wolfgang

Die folgende Legende ist natürlich romantisch, märchenhaft und hört sich besser an als die wahre Begebenheit, aber wer will schon nackte Tatsachen hören. Die erlebt man dauernd, täglich. Es ist so schön, in Mysterien und Wundern zu kramen und die Sagen immer etwas mehr auszumalen. Auch in der Legende war Wolfgang Bischof von Regensburg, aber diese Würde empfand Wolfgang als Einschränkung, seinen wirklichen christlichen Glauben zu leben. Er legte daher die kostbaren Gewänder ab, stülpte sich eine Mönchskutte über und zog mit einem Gleichgesinnten nach Mondsee. In Falkenstein, einem engen Hochtal bei St. Gilgen, fand er eine kleine Höhle, die genau seinen Vorstellungen entsprach. Hier konnte er in Ruhe Einkehr halten und beten. Je beschwerlicher das Diesseits, desto näher kam man dem befreienden Jenseits. Durst und Hunger und im Winter die schreckliche Kälte waren Weggefährten für das kommende Himmelreich. Um den Durst zu stillen, entsprang nach langen Fürbitten Wolfgangs eine Quelle, die wunderbares, heilsames Wasser spendete. Aber selbst das nun herrlich sprudelnde Wasser konnte den Begleiter nicht davon abhalten, das Eremitendasein zu beenden, denn zu beschwerlich war ihm der Weg ins Paradies. Wozu in die Ferne schweifen, ist das Schöne doch so nah! Er ließ Wolfgang allein in seiner Klause zurück und ward nicht mehr gesehen.

Der Teufel beobachtete die Veränderung in der Einsiedelei und war sich sicher, auch Wolfgang vertreiben zu können. Durch satanische Sprüche brachte er die Felsen in Bewegung, die auf den heiligen Mann zu stürzen drohten. Wolfgang ahnte das Kommende, lehnte sich gegen die Felsen und betete. Er betete so laut und inbrünstig, dass Gott, der für einen Augenblick weggesehen hatte, sogleich seinen Blick wieder auf den Einsiedler richtete und das Unglück verhinderte. Heute noch sind die Abdrücke im Felsen sichtbar, die Abdrücke seines Kopfes und der betenden Hände. Mit Geifer und glühendem Schwanz verzog sich der Böse und maulte in einer Felsnische, um eine neuerliche Chance abzuwarten.

Eine Vision beauftragte Wolfgang, eine Kirche in unmittelbarer Nähe zu errichten, und um die geeignete Stelle zu finden, warf er sein Beil den Hang hinab und gelobte, dort das Gotteshaus zu errichten, wo das Beil hinfiel. Es landete auf einem Felsen am Rand des Abersees, wo sich heute der Ort St. Wolfgang befindet. Als zukünftiger Schutzpatron der Hirten, Schiffer, Holzarbeiter, Köhler, Zimmerleute, Bildhauer und Helfer gegen manches Leiden wie Gicht, Lähmung, Schlaganfall, Leibschmerzen, Ruhr, Blutfluss, Fußleiden, Augenkrankheiten und Hautentzündungen hat Wolfgang in bildlichen Darstellungen oder als Skulptur ein Beil lässig über der rechten Schulter liegen. Andere Darstellungen zeigen ihn ein Kirchenmodell in der Hand haltend, und fast immer wird er vom Teufel in schrecklicher Gestalt bedroht und argwöhnisch von einem Wolf beäugt. Betrachtet man all diese Details im nächsten Umfeld des heiligen Wolfgang, scheint in der Sage viel Wahres verborgen zu sein.

Mit Gottvertrauen und mit der Hilfe der Bevölkerung wurde mit dem Bau des Gotteshauses begonnen. Hui – da war er wieder, der Pferdefüßige, und bot sehr devot seine Hilfe an. Warum nicht, dachte Wolfgang und erkundete die Bedingungen: »Ganz einfach«, sprach der Teufelsbraten, »das erste lebende Wesen, das die Kirche betritt, gehört mir!« Wolfgang dachte nach, blinzelte schelmisch und sagte »ja«, aber ohne Handschlag, versteht sich. Die Kirche war fertig, und Wolfgang bat Gott um Hilfe, um der Forderung des Teufels nach christlicher Spielregel nachkommen zu können. Und siehe da, ein Wolf näherte sich vorsichtig schnuppernd der Kirche, lief in das Gotteshaus, um einen vergessenen, abgenagten Jausenknochen zu schnappen, und schon war es um den Wolf geschehen. Erfreut über diese Beute war er nicht, der Teufel, er wollte eine Menschenseele, aber abgemacht ist abgemacht, und so fuhr er mit Heulen und glühendem Schwanz beim Kirchendach hinaus.

Die Kirche ist wunderschön an einem romantischen Platz gelegen, zum See hin mit einer Mauer und Rundbögen befestigt, um den Besuchern die Aussicht genießen zu lassen. St. Wolfgang war stets einer der meist besuchten Wallfahrtsorte Österreichs. Heute mag Mariazell vor St. Wolfgang rangieren, aber beide gehören zu den beliebtesten Pilgerstätten Österreichs. Seine Pracht ist der holzgeschnitzte Hochaltar von Michael Pacher, ein einmaliges Kunstwerk der Spätgotik. Auch der barocke Doppelaltar von Thomas Schwanthaler ist ein besonderes Marmorkunstwerk – Österreich kann sich jedenfalls über einen Mangel an Barockaltären nicht beklagen, immer und überall sieht man sie in einer Vielzahl von Kirchen.

Die Kirche ist weithin sichtbar und daneben das Weiße Rössl, ein Hotel allererster Klasse. Der alte Ortskern hat einen ganz eigenen Charme, mit engen Gassen bergauf, bergab, und um die Kirche herum stehen die meist mit Haflingern vorgespannten Zeugeln, und die Kutscher in Lederhosen mit Ausseerhut und Gamsbart bieten in gemütlichem Salzkammergutdialekt eine Fahrt an.

In der Kirche in St. Wolfgang soll auch eine Nebenkapelle erwähnt werden, in der jeder Besucher den so genannten Bußstein des heiligen Wolfgang sehen kann. Dieses eigenartige Naturgebilde ist ein Heiligtum, das von den Menschen seit eh und je verehrt wurde. Es ist sicher der wahre Ursprung dieser Wallfahrtsstätte. Mit einer etwas anderen Legende haben die Kirchenväter den Stein verklärt; diese erzählt, Wolfgang habe sich, um Buße zu tun, auf diesen Stein geworfen. Auf einen Fingerzeig Gottes geschah das Wunder. Der Stein schmiegte sich den Formen des heiligen Mannes an und nahm die Abdrücke seines Körpers an. Neben diesem Stein erbaute Wolfgang seine Zelle, also seine Höhle, in der er als Einsiedler lebte. An dieser Stelle erhebt sich heute ein Marmorgehäuse mit einer Wolfgangstatue aus dem 15. Jahrhundert. Heilig gesprochen wurde er schon 1052.

Die Zeit um das Jahr 1000 ist eine andere Welt, ein anderer Geist, eine andere Art des Verständnisses. Wir leben in der Romanik, in der Zeit der Heiligen, Geister, Kobolde, Hexen und Teufel, dazwischen muss aber auch der christliche Glaube seinen Platz haben. Aber beides, überliefertes Heidentum und vor allem der neue Glaube, der Glaube an die Hoffnung, befreit die menschliche Seele und gibt dem Menschen wieder Zuversicht. Man kennt keine wissenschaftlichen, physikalischen Erkenntnisse, nur gute oder böse Geister. Was immer sich an Naturereignissen zuträgt, Blitz, Donner, Dürre, Überschwemmungen oder Verwüstungen, sind mahnende Stimmen der verschiedenen Götter oder doch nur die Stimme des einen, wahren Gottes. Aber nur die Götter oder nun der eine Gott ruft die schuldigen, sündigen Menschen zur Ordnung. Es war nicht immer leicht, zwischen den Vorstellungen verschiedener Götter zu unterscheiden und sie auseinander zu halten. Auf der einen Seite die bisher geübten Naturreligionen und auf der anderen Seite der neue christliche Glaube.

Es muss bewundernd festgehalten werden, dass unter der Führung der Kirche durch den Glauben der Mönche unglaubliche Vorleistungen erbracht wurden. Um den aus allen Himmelsrichtungen stürmenden, in verschiedenen Sprachen und Dialekten sprechenden Menschen durch Wort, Gebet und Gesang die christliche Botschaft näher zu bringen, war es die gefährliche, entbehrungsreiche Pflicht der Mönche und Wanderprediger, sich dieser Aufgabe zu widmen. Tiefgläubige, gute Christenmenschen versuchten immer und überall im Namen des Kreuzes zu wirken und das Wort des Herrn den Menschen durch gute Taten und Wunder näher zu bringen. Das hatte zur Folge, dass nur Kirchen und Klostergründungen Garanten für den Bestand eines gewissen Friedens und der christlichen Einheit waren.

Andere heilige Vorfahren,
etwa der heilige Severin

Der heilige Wolfgang ist einer von vielen Gotterwählten, die nicht in Vergessenheit geraten sollten, auch wenn sich der Nebel der Vergangenheit über sie gebreitet hat. In unerschütterlichem Glauben und Sendungsbewusstsein riskieren sie ihr Leben, um in christlicher Demut Gottes Wort und Nächstenliebe zu verkünden. Ostarrichi, Österreich, oder damals das Gebiet im Osten, hatte schon immer überragende Persönlichkeiten, die für dieses Land von Nutzen waren, zum Beispiel den um 400 n. Chr. lebenden heiligen Severin. Er stammte aus einer vornehmen römischen Familie und verabschiedete sich von Gold, Glitzer und all dem Tand, der Menschen blendet und verführt. Als einfacher Mönch erlebte er bewusst den Untergang des Römischen Reiches, den Verfall der Städte, des Landes und der alten Ordnung.

Nachdem das Wort »Barbaren« einen abschreckenden Beigeschmack hatte und den unfolgsamen Kindern oft damit gedroht wurde, musste auch die Bevölkerung südlich der Donau schmerzlich erleben, wie richtig all diese Äußerungen und Drohungen waren. Es war ein Schmähwort der Römer für die struppigen, bärtigen Gesellen, für die da drüben über der Donau, derer man nicht Herr werden konnte. Und weil sie eben so rau, wild und struppig waren und Barba auf deutsch Bart heißt, war auch schon die Verunglimpfung und Schmähung erfunden.

Man konnte sie nicht mehr bändigen, die anstürmenden Völker, die wilden Kämpfer, die sich über den in Schutt verwandelten Limes in schönes, kultiviertes römisches Gebiet ergossen und zeitweise sogar Rom erstürmten. Für Menschen, für konservative Menschen, die Griffeln und Tafeln fein säuberlich auf ihren Tischen liegen hatten, ging eine Welt unter, und ihr Glaube an Recht und Ordnung schmolz in Verzweiflung dahin.

Reisen, heute eine lustvolle Tätigkeit, führte damals sehr oft durch unbekannte, feindliche Gebiete und war stets mit Gefahren verbunden. Reisen heiliger Männer dienten an und für sich weniger der Lust denn der Buße oder der Glaubensverkündung. Verfolgt man die Wanderungen dieser Menschen, kann man kaum die Strapazen, Entbehrungen und Leiden dieser über Tausende Kilometer zählenden Züge nachempfinden. So ergeht es auch dem heiligen Severin. Dieser heilige Diener Gottes kommt nach einer Reise aus dem Morgenland, nach dem Besuch des Heiligen Grabes zu Fuß, zeitweilig vielleicht auf einem Eselskarren, nach Pannonien und lässt sich in einer kleinen Stadt namens Asturis (Klosterneuburg) nieder. Er lebt nach den Lehren des Evangeliums und erfüllt sein christliches Vorhaben, den einzig richtigen Glauben durch Liebe, Hilfe und heilige Werke zu bezeugen und zu verbreiten. Er ist nicht nur Prediger, sondern vermittelt auch zwischen den Bewohnern des ehemals Römischen Imperiums und den jenseits der Donau siedelnden und eindringenden Stämme. Streit, Raub, Mord und verschiedene Überfälle kann er auf Grund seiner Würde und Überzeugungskraft schlichten. Der Ruf seines heiligen Waltens und seiner Wunderkraft dringt weit ins Land und sein Name wird mit Ehrfurcht genannt. Wo immer er auftaucht, schart sich eine große Zahl von Hilfesuchenden und Gläubigen um ihn, und wo immer er kann, predigt und hilft er den Menschen, in sich selbst Sicherheit und Frieden zu finden. Heute würde man sagen, er predigte die Selbsthilfe, nach dem christlichen Spruch: »Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott«. Severin wanderte stromauf bis Mautern, gegenüber von Krems gelegen, bezog eine Klause und verstarb im Jahr 482. Wie alt er wurde, kann niemand sagen, aber ein langes Leben war den Menschen damals nicht beschieden, schon mit 40 Jahren war man ein Methusalem. Nur der heilige Severin, der bildet eine Ausnahme, er ist unsterblich, denn über all die Jahrhunderte ist er Österreichs Schutzpatron geblieben.

Und nun zu einem anderen der unzähligen Heiligen, die unser Land beschützen. In grauer Vorzeit, östlich des fränkischen Reiches und nördlich des Langobardenreiches, beobachtet Herzog Theodor II. von Bayern die Erfolge der christlichen Missionare und ersucht um Hilfe für den dünn besiedelten wilden Osten. Das war eine Aufgabe, die den aus königlichem Geschlecht stammenden Rheinländer und Wormser Bischof Rupert veranlasst, diesem Hilferuf Folge zu leisten. In Lauriacum (Lorch), einem Ort an der Ennsmündung, macht er Station, um dann langsam missionierend donauaufwärts zu ziehen, bis er die zerstörten Grundmauern des römischen Iuvavum (Salzburg) sieht.

»Schöne Gegend, ein steiler Hügel und herrlich klares Wasser. Dies wird meine neue Residenz, mein neuer Bischofssitz.« Knapp am Fuße des Hügels errichtet er ein kleines Kirchlein genau auf dem Flecken, wo heute die wunderschöne Salzburger Peterskirche steht. Das Kirchlein wird vergrößert, ein Kloster gegründet und schon steht die Region unter dem Schutz der heiligen Kirche. Salzburg wird, mit dem Titel »Primas Germaniae«, im Jahr 798 das erste Bistum auf unserem Boden und der heilige Rupert Salzburgs Schutzpatron. Die vier ältesten Bistümer sind Passau, Regensburg, Freising und eben Salzburg, alle im Land der Bayern.

Die Aufgabe unserer Heiligen in grauen Vorzeiten

Damals, nach dem Fall des Limes, mit der Auflösung einer befestigten Staatsgrenze, war nichts mehr, wie es vorher war. Eine chaotische Zeit nahm ihren Lauf, eine Zeit der Zerstörung und des Umbruchs alter Werte. Fremde Völker, Fußvolk und Reiterscharen, die von irgendwoher auftauchten und nach Überlebenschancen gierten, strömten ohne Zögern und Rücksichtnahme ins Land. Die Kirche, die bis zum Limes über eine bereits gut aufgebaute christliche Organisation verfügte, musste gegen diese Flut neuer Menschenmassen ankämpfen. Und zwar wirklich ankämpfen, denn jeder der heranziehenden, heranstürmenden Neuankömmlinge hatte seine Götter, brauchte weder neue noch fremde Priester, schon gar nicht eine Schöpfergeschichte eines verurteilten, gekreuzigten, schwachen Verlierers, dem man noch überirdische Fähigkeiten zusprach. Da waren ihnen ihre vielfältigen, kraftvollen, strengen, strafenden, kämpferischen Götter einfach näher, den ebenfalls kämpferischen, unbarmherzigen Eindringlingen.