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Anna Ehrlich/Christa Bauer

Der Wiener Kongress

Anna Ehrlich/Christa Bauer

Der Wiener Kongress

Diplomaten, Intrigen und Skandale

Mit 80 Abbildungen

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Bildnachweis

Schloß Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. (Seite 162); © Imagno/Austrian Archives (Seite 247 und Nachsatz).

Die restlichen Bilder stammen aus dem Privatarchiv der Autorinnen beziehungsweise aus dem Bildarchiv Wienfuehrung (www.wienfuehrung.com). Die Autorinnen bedanken sich für die Abdruckgenehmigungen. Der Verlag konnte in einzelnen Fällen die Rechteinhaber der reproduzierten Bilder nicht ausfindig machen, er bittet ihm bestehende Ansprüche zu melden.

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© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Silvia Wahrstätter, vielseitig.co.at

Umschlagbild und Vorsatz (Hofburg, Redoutensaal):

Carl Schütz © Imagno/Wien Museum

Lektorat: Martin Bruny

Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger

& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 12,5/16,6 Punkt Garamond Premier Pro

Gedruckt in der EU

eISBN 978-3-902862-85-3

Inhalt

Einleitung

Vorgeschichte

Die Koalitionskriege

Napoleons Aufstieg

Die Eroberung Deutschlands · Einmarsch in Wien und Berlin · Die Besetzung von Sachsen und Polen · Der Verrat des Zaren · Die Befreiungskriege · Friedensengel Marie Louise

Napoleons Untergang

Der Russlandfeldzug · Die Koalition der Gegner · Niederlage und Verbannung

Die Situation in Wien

Die Kongressstadt Wien

Die laute, verwinkelte Altstadt · Die Hofburg · Das Glacis und die Vorstädte · Die ländlichen Vororte und die idyllische Umgebung

Die wirtschaftliche Lage

Das Kulturleben

Klingendes, tanzendes Wien · Musikalische Dilettanten

Die Vorbereitungen

Die Planung der Verhandlungen

Die Geheimpolizei und ihre Konfidenten

Die Aufgaben der Obersthofämter

Die Festlegung der Rangordnung · Die Quartierbeschaffung

Das Vergnügungsprogramm

Die Planung der Jagden und der Feste · Die Besichtigungsliste

Das Militär

Kostenrechnungen und Vorauszahlungen

Die Gastgeber

Die kaiserliche Familie

Der gute Kaiser Franz · Die göttliche Kaiserin · Die Brüder des Kaisers · Randfigur Marie Louise

Die Diplomaten

Der Kanzler und Kongressleiter Metternich · Gentz, der schillernde Kongresssekretär · Wessenberg, der ungesellige Diplomat

Die Gäste

Die Monarchen und ihre Familienmitglieder

Die Russen · Die Preußen · Die Bayern · Dänemark · Württemberg

Tratsch und Klatsch

Neugierige rund um die Hofburg · Ehrenposten und Equipagen

Nicht erschienen

König Georg III. und sein Prinzregent Georg August Friedrich · Die Bourbonen von Frankreich, Spanien und Neapel · Bernadotte, der Kronprinz von Schweden

Die Delegationen

Großbritannien · Russland · Preußen · Schweden und Portugal · Spanien · Sachsen · Frankreich · Die bekannteren Vertreter anderer Staaten

Zaungäste

Der Schöpfer der Draisine · Die Brüder Mälzel · Kern und der Amputationsapparat · Madersperger und die Nähmaschine · Isabey verewigt den Kongress · Die Tänzerinnen und Tänzer aus Paris · Neukomm, Talleyrands Entspannungshilfe · Zacharias Werner, Dichter und Prediger

Der Kongress feiert

Der Einzug der Monarchen

Der Leopoldstädter Höhepunkt · Eine organisatorische Meisterleistung

Salons, Salonières und vornehme Damen

Besuche und Koterien · Der Salon der Gräfin Molly Zichy-Ferraris · Der Salon Zichy-Vásonykeö · Der Salon der Fanny Arnstein · Gastgeber Joseph Schwarzenberg · Der rosarote Prinz · Lady Castlereagh empfängt · Herzogin Wilhelmine von Kurland-Sagan · Dorothée von Talleyrand-Périgord · Der Salon der russischen Andromeda

Die Feste

Unterhaltung oder Langeweile? · Das große Feuerwerk im Prater · Die Redouten in der Hofburg · Das Augartenfest · Smith bittet zur Kassa · Jagden und Manöver · Die Redoute paré in der Hofburg · Die Besichtigung des Schlachtfeldes · Erholung in Schönbrunn · Das Oratorium von Händel · Das Praterfest · Ball bei Metternich · Das Fest des Zaren · Superstar Beethoven · Das Karussell in der Winterreitschule der Hofburg · Die lebenden Bilder · Lustiges Faschingstreiben · Die große Schlittenfahrt

Trauerfälle, Gedenken und eine Katastrophe

Ein königliches Begräbnis · Tod und Begräbnis des Prinzen de Ligne · Das Requiem für Ludwig XVI. · Eine Brandkatastrophe zum Jahreswechsel

Der Kongress arbeitet

Das Eröffnungsspiel

Der schlaue Fuchs schlägt zu · Die Politik der vertraulichen Annäherung

Die Krise

Uneinigkeit und Streit · Der Starrsinn des Zaren · Metternich am Tiefpunkt · Die Krise spitzt sich zu · Die offizielle Kongresseröffnung · Das Geheimbündnis

Die Einigung über Sachsen und Polen

Der Zar lenkt ein · Die Beschlüsse

Die Kommissionen

Die Verifizierungskommission · Die Redaktionskommission · Die Rangkommission · Die Statistische Kommission · Die Militär-, Akzessions- und Deklarationskommission · Die Kommission für die freie Flussschifffahrt · Die Kommission für die Ächtung des Sklavenhandels

Die Neuordnung Italiens

Die Vorgeschichte · Neapel und Parma

Die Schweiz

Die Neuordnung Deutschlands

Die deutsche Frage · Der Fünfmächteausschuss und seine Entwürfe · Territoriale Forderungen

Weitere »Negoziationsgegenstände«

Pressefreiheit, Urheberrecht und Buchhandel · Die Juden · Der Malteserorden

Die 100 Tage

Napoleons Rückkehr

Abschiedsgeschenke · Briefe an Marie Louise

Der Kriegsverlauf

Napoleons Verbannung

Die Wiener Kongressakte

Die Unterzeichnung

Das Normalexemplar

Der Tractat

Polen · Deutschland · Niederlande · Schweiz · Italien · Portugal · Flussschifffahrt · Allgemeine Verfügungen

Die Anhänge

Kritikpunkte

Die Nachwirkungen

Die Folgekongresse

Österreich

Die Finanzen · Die Gründung der Nationalbank · Wissenschaft und Technik · Handel und Verkehr · Lifestyle Biedermeier

Die Heilige Allianz

Juliane von Krüdener · Das laut tönende Nichts · Die Unstimmigkeiten

Der Deutsche Bund

Der Friedensbund · Das System Metternich · Turnvater Jahn und das Wartburgfest · Die »Hep-Hep-Unruhen« · Die Karlsbader Beschlüsse · Das Ende des Deutschen Bundes

Nachwort

Anmerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Chronisten · Zeitungsberichte · Archive · Literatur

Personenregister

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Die Delegierten zum Wiener Kongress, kolorierter Druck von Godefroy nach Isabey. V. l. n. r. stehend: Arthur Wellesley Herzog von Wellington (Großbritannien), Joaquim Lobo da Silveira (Portugal), António de Saldanha da Gama (Portugal), Carl Axel Graf Löwenhielm (Schweden), Jean-Louis de Noailles (Frankreich), Klemens Fürst von Metternich (Österreich), André Marie Jean-Jaques Dupin (Frankreich), Karl Robert Graf von Nesselrode (Russland), Emmerich Joseph Herzog von Dalberg (Frankreich) Fürst Andreas Kyrillowitsch Rasumowsky (Russland), Lord Charles-William Stewart (Großbritannien), Richard Le Poer Trench Earl of Clancarty (Großbritannien), Hofrat Nikolaus von Wacken (Österreich), Friedrich von Gentz (Österreich), Wilhelm von Humboldt (Preußen), William Earl of Cathcart (Großbritannien).

V. l. n. r. sitzend: Karl August von Hardenberg (Preußen), Pedro de Sousa-Holstein Herzog von Palmella (Portugal), Henry Robert Stewart Viscount Castlereagh (Großbritannien), Johann Philipp von Wessenberg-Ampringen (Österreich), Pedro Gómez Marquis von Labrador (Spanien), Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord (Frankreich), Gustav Ernst von Stackelberg (Russland).

Einleitung

Im September 1814 versammelten sich Napoleons ehemalige Freunde und Feinde in Wien zu einem Kongress, wie ihn die Welt noch nie gesehen hatte. Die vielen Gäste warfen sich in den Wirbel der Lustbarkeiten, man feierte und tanzte, eine Vergnügung jagte die andere. Die großen Damen führten ihre prächtigen Roben und ihren Schmuck in die Ballsäle, um einander zu überstrahlen. Die Alkoven und die Salons spielten eine wichtigere Rolle als die Sitzungssäle. Die Versammlung glich einem endlosen Karneval, bei dem die vielen Teilnehmer nach den Schrecken des Krieges das Leben wieder voll genießen wollten. Die Hocharistokratie, durch die Französische Revolution gedemütigt, aber durch vielfältige Bande über alle territorialen Grenzen hinaus miteinander verwoben, sah sich endlich wieder in ihrer Bedeutung bestätigt. Die Geheimpolizei legte Stöße von Akten über die intimsten Angelegenheiten der anwesenden Hoheiten an, und die Wiener, die kräftig zur Kasse gebeten wurden, standen als Zaungäste Spalier, gafften, tratschten und raunzten.

Der Kongress gab der Stadt den bleibenden Ruf und das Ansehen einer Weltstadt: »Die Stadt Wien bietet gegenwärtig einen überraschenden Anblick dar; alles, was Europa an erlauchten Persönlichkeiten umfasst, ist hier in hervorragender Weise vertreten. Der Kaiser, die Kaiserin und die Großfürstinnen von Russland, der König von Preußen und mehrere Prinzen seines Hauses, der König von Dänemark, der König und der Kronprinz von Bayern, der König und der Kronprinz von Württemberg, der Herzog und die Prinzen der Fürstenhäuser von Mecklenburg, Sachsen-Weimar, Sachsen-Coburg, Hessen usw., die Hälfte der früheren Reichsfürsten und Reichsgrafen, endlich die Unzahl von Bevollmächtigten der großen und kleinen Mächte von Europa – dies alles erzeugt eine Bewegung und eine solche Verschiedenheit von Bildern und Interessen, dass nur die außerordentliche Epoche, in der wir leben, etwas Ähnliches hervorbringen konnte. Die politischen Angelegenheiten, welche der Hintergrund dieses Bildes sind, haben indessen noch keinen wirklichen Fortschritt gebracht.« So umreißt Friedrich Gentz (1764–1832), Klemens Graf Metternichs (1773–1859) Berater, erster Sekretär und Protokollführer am Kongress, die Situation um die Jahreswende 1814/15.

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Der Kongress tanzt, zeitgenössische Karikatur. In der Mitte die drei Monarchen von Österreich, Preußen und Russland. Rechts hält der König von Sachsen seine Krone fest, ganz rechts die Republik Genua, während ganz links Talleyrand in aller Ruhe zusieht und Castlereagh zu resignieren scheint.

Hierher gehört das berühmte Bonmot des alten Fürsten Charles Joseph de Ligne (1735–1814): »Le congrès danse beaucoup, mais il ne marche pas« (»Der Kongress tanzt, aber er geht nicht weiter«), mit dem er die Schwerfälligkeit der Verhandlungen kritisierte. Oder handelte es sich dabei nur um einen Scherz auf Kosten des tanzwütigen Zaren? Denn de Ligne selbst sagte dazu: »On dit que j’ai dit que le congrès danse et ne marche pas, ce qui fait que rien ne transpire que ces messieurs.« Der zweite Teil des Bonmots ist ein Wortspiel, denn »transpirer« kann mit »transpirieren«, aber auch mit »durchsickern« übersetzt werden: »Daher sickert nichts durch« – oder aber – »daher schwitzt niemand als diese Herren«.

Erzherzog Johann (1782–1859) schrieb in sein Tagebuch: »Nichts als Visiten und Gegenvisiten; Essen, Feuerwerk, Beleuchtung. Überhaupt habe ich seit 8–10 Tagen nichts getan.« Die Wiener murrten über die Kosten: »Das ist eine neue Art, Krieg zu führen: den Feind auffressen.« Und Maximilian Montgelas, der Vertreter Bayerns, machte dem Kongress den Vorwurf, »dass durch stets wiederkehrende Festlichkeiten die unausgesetzte Aufmerksamkeit, welche den dort zu behandelnden wichtigen Fragen gebührte, allzu oft zerstreut wurde«.

Das Ausmaß der Zerstreuungen, das den Gästen geboten wurde, täuscht jedoch leicht darüber hinweg, dass enorm viel gearbeitet wurde, und zwar in den Ausschüssen. Dort saßen nicht die Fürsten, sondern ihre bevollmächtigten Vertreter, und diese waren froh, ihre Herren anderwärtig beschäftigt zu wissen. Denn die Verhandlungen gestalteten sich äußerst schwierig, wie Marschall Blücher sagte: »Der Kongress gleicht einem Jahrmarkt in einer kleinen Stadt, wo jeder sein Vieh hintreibt, es zu verkaufen und zu vertauschen

Vorgeschichte

Die Koalitionskriege

Die Voraussetzungen für das Zusammentreten des Kongresses, für die politische Neuordnung Europas, wurden auf den Schlachtfeldern und an vielen Konferenztischen geschaffen.

Frankreich begann den Ersten Koalitionskrieg mit der Kriegserklärung vom 20. April 1792. Die gegnerischen Verbündeten, Österreich und Preußen, denen sich nach der Hinrichtung König Ludwigs XVI. (1754–1793) und seiner Gattin Marie Antoinette (1755–1793) Großbritannien, Piemont-Sardinien, Spanien und Neapel anschlossen, bemühten sich vergeblich, die Französische Revolution und ihre Auswirkungen aufzuhalten oder sogar rückgängig zu machen. Der Frieden von Campo Formio zwischen Frankreich und dem militärisch geschlagenen Österreich beendete am 17. Oktober 1797 den Krieg für Österreich. Das linke Rheinufer wurde von Frankreich annektiert, Österreich trat die Österreichischen Niederlande (das heutige Belgien) zugunsten Frankreichs ab. Es kam außerdem zu einer Neuordnung in Italien, wobei Venedig, Istrien und Dalmatien an Österreich fielen.

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Napoleon Bonaparte (1769–1821) als Kaiser der Franzosen.

Die zweite Koalition gegen Frankreich 1799 bestand aus Großbritannien, Österreich, Russland, dem Osmanischen Reich, Portugal, Neapel und dem Kirchenstaat, Preußen blieb neutral. Sie scheiterte ebenso, denn inzwischen hatte Napoleon Bonaparte (1769–1821) die Macht in Frankreich übernommen. Seinem militärischen Genie hatten die Verbündeten nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen. Am 9. Februar 1801 wurde der Friede von Lunéville zwischen Frankreich und Österreich sowie dem Heiligen Römischen Reich geschlossen. Der Friede von Campo Formio wurde bestätigt, das Großherzogtum Toskana und das Herzogtum Modena fielen an Frankreich. Napoleon krönte sich am 2. Dezember 1804 in der Kirche Notre-Dame de Paris zum Kaiser der Franzosen. Sein Außenminister Talleyrand riet ihm vergeblich, sich damit und mit den Ergebnissen des mit Großbritannien 1802 geschlossenen Friedens von Amiens zufriedenzugeben, doch Napoleon war nicht aufzuhalten.

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Kaiser Franz I. (1768–1835) von Öster-reich.

Napoleons Aufstieg

Die Eroberung Deutschlands

Die dritte Koalition gegen Frankreich, bestehend aus Österreich, Großbritannien, Russland und Schweden, formte sich im Jahre 1805. Preußen blieb neutral, da mochte Metternich, der österreichische Botschafter in Berlin, noch so sehr um Unterstützung bitten. Vom ursprünglichen Ziel der Koalitionskriege, die Revolution aufzuhalten, war nun keine Rede mehr: Jetzt musste Napoleons Vormarsch in ganz Europa gestoppt werden. Der selbsternannte neue Kaiser der Franzosen verlangte von Franz II. von Österreich (1768–1835), die österreichischen Garnisonen aus Tirol und Venetien abzuziehen, was dieser am 27. August ablehnte. Napoleon schloss mit Spanien und den Herrschern von Bayern, Baden und Württemberg Verträge ab, und nach der Kriegserklärung an Österreich am 25. September überquerte die französische Armee den Rhein. Die Schlacht von Austerlitz (heute Slavkov, Tschechische Republik) am 2. Dezember 1805 endete mit einer schweren Niederlage für die vereinigte russische und österreichische Armee. Danach, bei den Waffenstillstandsverhandlungen im dortigen Schloss, einem Familienbesitz des Fürsten Kaunitz1, trafen der französische und der österreichische Kaiser einander zum ersten Mal, was Franz mit den Worten »jetzt kann ich ihn [Napoleon] erst recht nicht leiden« kommentierte. Preußen blieb weiterhin untätig.

Einmarsch in Wien und Berlin

Da es den Österreichern nicht gelang, die Franzosen in Bayern aufzuhalten, rückte Napoleon bis Wien vor, eroberte die Stadt und bezog Quartier in Schloss Schönbrunn. Der Preßburger Frieden wurde am 26. Dezember 1805 von Talleyrand für Frankreich unterzeichnet und am nächsten Tag von Napoleon ratifiziert.

Wie Metternichs Memoiren zu entnehmen ist, war dieser Friedensschluss eher ein Diktat. Napoleon ließ in Wien ein fingiertes Verhandlungsprotokoll der Friedenskonferenz, die in Altenburg stattgefunden hatte, aufsetzen. Es enthielt Beschlüsse, die so gar nicht gefasst worden waren. Als sich Metternich weigerte, dieses zu unterzeichnen, ließ Napoleon die Glocken des Stephansdoms zum Zeichen des Friedensschlusses läuten, obwohl Kaiser Franz diesem noch gar nicht zugestimmt hatte. Die Friedensurkunde trug daher weder die Unterschrift des Kaisers noch diejenige Metternichs, aber eine Fortsetzung des Krieges wäre für Österreich undenkbar gewesen. Es war gezwungen, sich dem französischen Handelsembargo gegen England anzuschließen, seine Armee auf 150 000 Mann zu verkleinern und enorme Kriegsentschädigungen zu leisten. Darüber hinaus musste es große Gebiete im Westen an Bayern, Baden und Württemberg sowie im Süden an das napoleonische Königreich Italien abtreten und verlor damit den direkten Zugang zum Mittelmeer. Als Ausgleich erhielt es das vormalige Fürsterzbistum Salzburg, das 1803 säkularisiert und zu einem Kurfürstentum gemacht worden war, sowie die Fürstpropstei Berchtesgaden. Außerdem musste Kaiser Franz Napoleons Kaiserwürde, die Rangerhöhung der bisherigen Kurfürsten von Bayern und Württemberg zu Königen und deren volle Souveränität sowie die des Kurfürsten von Baden anerkennen. Schließlich musste er schon im Voraus dem geplanten Bündnis Napoleons mit deutschen Fürsten (dem späteren Rheinbund) zustimmen.

1806 wurde Metternich nicht wie erwartet als Botschafter nach Petersburg, sondern nach Paris entsandt, und zwar auf ausdrücklichen Wunsch Napoleons. Als Metternich im September 1806 als neuernannter österreichischer Ambassadeur in St. Cloud vor dem Kaiser stand, meinte dieser: »Sie sind noch sehr jung, um Europas älteste Dynastie zu vertreten.« Metternich antwortete: »So alt, wie Eure Majestät am Tage von Austerlitz war!«

Diplomatische Erfolge hatte Metternich in Paris nicht aufzuweisen, er verbrachte seine Zeit mit den schöneren Seiten des Lebens. Er lernte die tonangebenden Leute kennen, hielt die Augen offen und spitzte die Ohren. Er wollte alles, selbst die geringste Kleinigkeit, über Napoleon erfahren. Ihm war völlig klar, dass dieser zielstrebig große Reiche zerstörte, um mittelgroße, von ihm abhängige Staaten zu schaffen und dort zum Teil sogar Familienmitglieder als Herrscher einzusetzen. Napoleon diskutierte mit ihm selbst die Aufteilung des Osmanischen Reiches. Metternich konnte sich gut vorstellen, dass Österreich Napoleons nächstes Opfer sein und dieser sich dann gegen Russland wenden würde.

Im Juli 1806 gründeten 16 deutsche Staaten auf Initiative Napoleons den Rheinbund, was deren Austritt aus dem Heiligen Römischen Reich und eine Konföderation mit Frankreich zur Folge hatte. Das Reich, realpolitisch längst bedeutungslos, war nach über 800 Jahren seines Bestehens am Ende angelangt. Sein Oberhaupt, Kaiser Franz II., legte nach einem französischen Ultimatum die römische Kaiserkrone zurück und löste es formell am 6. August 1806 auf. Von nun an führte er den Titel Kaiser Franz I. von Österreich, den er bereits 1804 angenommen hatte.

Preußen stellte Napoleon das Ultimatum, seine Truppen hinter den Rhein zurückzuziehen, am 9. Oktober 1806 folgte die Kriegserklärung und damit der Beginn des Vierten Koalitionskrieges, obwohl das verbündete Russland noch nicht kriegsbereit war. Die Schlacht bei Jena und Auerstädt am 14. Oktober 1806 endete für Preußen und dessen Bündnispartner Sachsen als schwere Niederlage. König Friedrich Wilhelm III. (1770–1840) musste nach Memel in Ostpreußen fliehen, und Napoleon zog am 27. Oktober in Berlin ein.

Die Besetzung von Sachsen und Polen

In einer äußerst schwierigen Lage befand sich der Wettiner Kurfürst Friedrich August III. »der Gerechte« (1750–1827), der ein guter Mensch und den Sachsen ein guter Herrscher war. Sein Bruder und späterer Nachfolger Anton (1755–1836) war mit Maria Theresia (1767–1827), einer Schwester von Kaiser Franz I., verheiratet. Die Franzosen besetzten Sachsen und zwangen Friedrich August zu Friedensschluss und Beitritt zum Rheinbund. Weder Österreich noch Russland dachten daran, ihm beizustehen, es blieb ihm gar keine andere Wahl, als sich an Napoleon zu halten, der ihn 1806 zum König von Sachsen erhob. Er kämpfte daher zusammen mit Sachsen-Weimar im Frühjahr 1807 auf Napoleons Seite gegen Preußen. In Polen hatte sich im November 1806 unter Napoleons Schutz das Herzogtum Warschau gebildet, das 1807 ebenfalls in die Kämpfe gegen Preußen eingriff. Am 26. April 1807 schlossen Preußen und Russland einen Vertrag ab mit der Verpflichtung, auf Gedeih und Verderb bis zum Sieg über Napoleon zusammenzuhalten. Großbritannien und Schweden traten dem Pakt bei.

Der Verrat des Zaren

Zar Alexander (1777–1825) aber, der Napoleon widerwillig bewunderte, traf mit ihm zusammen, um ohne Rücksicht auf seine Verbündeten direkt zu verhandeln. Am 7. Juli 1807 schlossen die beiden den Frieden von Tilsit, durch den Osteuropa in eine westliche (französische) und eine östliche (russische) Einflusssphäre aufgeteilt wurde. Der von Napoleon mit Preußen zwei Tage später geschlossene Friedensvertrag ließ Preußen zwar weiter bestehen, es verlor aber die Hälfte seines Territoriums und blieb größtenteils französisch besetzt. Russland trat der von Frankreich am 21. November 1806 verhängten englischen Kontinentalsperre bei – einer Wirtschaftsblockade, mit der Napoleon die Ein- und Ausfuhr britischer Waren auf dem Kontinent unterbinden und so Großbritanniens Wirtschaft schwächen sollte. Dadurch zeichnete sich ein neues Bündnis gegen Großbritannien ab. Dort sah man durch ein drohendes französisch-russisch-dänisches Bündnis die eigene Seeherrschaft bedroht und erzwang Anfang September 1807 durch die Bombardierung Kopenhagens die Auslieferung der dänischen Flotte.

Am Erfurter Kongress 1808 verlangte Napoleon vom Zaren, Druck auf Schweden auszuüben, das mit Großbritannien verbündet war. Alexander fiel daraufhin 1808 in Schweden ein, das 1809 kapitulieren musste. Der Russisch-Schwedische Krieg führte zu Schwedens Teilung, sein östlicher Teil fiel als Großfürstentum Finnland an Russland. Alexander hatte sich also bestens mit Napoleon arrangiert.

Die Befreiungskriege

Napoleon forderte Portugal 1807 durch ein Ultimatum auf, der Kontinentalsperre beizutreten. Portugal, traditionell ein Verbündeter Großbritanniens und zudem wirtschaftlich stark von diesem abhängig, lehnte ab. Damit begannen die kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Iberischen Halbinsel. Napoleon griff Portugal an, dessen Königshaus floh nach Brasilien und fand dort in Rio de Janeiro seinen neuen Regierungssitz. Die portugiesischen Truppen wurden von britischen Einheiten so wirkungsvoll unterstützt, dass sich Frankreich nach wechselndem Kriegsverlauf 1811 endgültig aus Portugal zurückziehen musste.

Unterstützung fand Napoleon anfangs bei Spanien, das Lust auf Landgewinn in Portugal hatte. 1801 war es zu einem Krieg zwischen Portugal und den miteinander verbündeten Ländern Spanien und Frankreich gekommen, der in die Geschichte als »Orangenkrieg« einging: Der spanische Oberbefehlshaber und Minister Manuel de Godoy (1767–1851) hatte Königin Marie Louise von Spanien (1751–1819) portugiesische Orangen gesandt, mit dem Versprechen, Lissabon bald einzunehmen. Als Portugal nach nur wenigen Wochen besiegt war, hatte es die Stadt Olivenza an Spanien sowie einige seiner brasilianischen Gebiete an Frankreich abtreten müssen. Spanien erteilte Napoleon 1807 das Recht zum Durchmarsch französischer Truppen und sollte als Gegenleistung einen Teil der von den Franzosen zu erobernden portugiesischen Gebiete erhalten. Da Napoleon 1808 jedoch einige für ihn strategisch wichtige Städte in Spanien besetzen ließ, kühlte die Freundschaft rasch ab. König Karl IV. von Spanien (1748–1819) plante seine Flucht nach Mexiko, womit er einen Volksaufstand auslöste und zur Abdankung zugunsten seines Sohnes Ferdinand VII. (1784–1833) gezwungen wurde. Napoleon nahm dies nicht hin, sondern setzte eine zweite Abdankung Karls zugunsten seines eigenen Bruders Joseph Bonaparte (1768–1844) durch. Im Jahre 1808 brach der spanische Volksaufstand gegen die Franzosen los, unterstützt von Großbritannien, der in einen Guerillakrieg mündete.

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Napoleon vor Wien1.

Dieser erste Befreiungskrieg hatte eine stark motivierende Wirkung auf die anderen Länder Europas, so auch auf Österreich. Während die französischen Truppen und ihre Verbündeten in Spanien beschäftigt waren, griff es am 9. April 1809 zu den Waffen und hoffte, damit in ganz Deutschland den Anstoß zu einer Volksbewegung gegen den Usurpator zu geben. Die Rechnung ging nicht auf: Nur in Tirol unter Andreas Hofer (1767–1810) und vereinzelt in Norddeutschland kam es zu Aufständen, die jedoch keinen Einfluss auf das Kriegsgeschehen hatten. Erzürnt rückte Napoleon mit erdrückender Übermacht gegen Wien vor und beschoss es nach seinem Sieg bei Wagram. An die 100 Häuser wurden beschädigt oder brannten gar ab, die Hofburg blieb glücklicherweise von gröberen Schäden verschont. In ihr residierte während der Besetzung der Stadt Graf Antoine-François Andréossy als französischer Generalgouverneur, seine Zensurbehörde amtierte in der Reichskanzlei. Napoleon selbst nahm zum zweiten Mal Quartier in Schloss Schönbrunn, wo er am 14. Oktober 1809 mit Österreich Frieden schloss.

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Erinnerung an Napoleons Hauptquartier in der Lobau.

Einen Teil der kaiserlichen Schätze, verpackt in über 50 Kisten, hatte man glücklicherweise zuvor noch nach Preßburg in Sicherheit gebracht. Eine kluge Maßnahme, denn als die Franzosen im November abzogen, nahmen sie etliche Kunstwerke aus dem Münzund Antiken kabinett und Bücher aus der Hofbibliothek mit. Kaiser Franz sollte sie erst nach jahrelangen Verhandlungen und nur teilweise zurückbekommen.

Der einzige auf dem Kontinent verbliebene Gegner Napoleons war nunmehr Großbritannien, dessen Truppen auf der Iberischen Halbinsel kämpften und das seit der Schlacht von Trafalgar unangefochten die Seewege beherrschte.

Friedensengel Marie Louise

Napoleon stand auf dem Höhepunkt seiner Macht. Nun wollte er daran denken, diese zu festigen, um sie dereinst einer von ihm gegründeten Dynastie vererben zu können. Dazu war seine Heiratsverbindung mit einer alten kaiserlichen Familie nötig – sie würde seinem Reich politische Stabilität verleihen und den Frieden sichern.

Die Heiratspläne Napoleons mit der blutjungen Anna Pawlowna (1795–1865), einer Schwester des Zaren, stießen auf heftigen Widerstand der franzosenfeindlichen Partei am Zarenhof. Außerdem plante wohl der Zar aus wirtschaftlichen Gründen bereits, die Kontinentalsperre so rasch wie möglich zu unterlaufen. Österreich hingegen benötigte nach den langen Kriegsjahren dringend eine Ruhepause, um sich wieder zu erholen. Dass man diese durch die Verheiratung einer Kaisertochter statt durch umständliche Verträge oder gar einen neuen Krieg erreichte, entsprach durchaus der österreichischen Tradition (»Mögen andere Krieg führen, du glückliches Österreich heirate!«). Napoleon spielte schon während seines Aufenthalts in Schönbrunn auf eine Verbindung an, und nach seiner Rückkehr nach Paris teilte er seinen Heiratswunsch Metternichs Gattin Lorel (1775–1825) konkret mit, die sofort Wien verständigte.

Die aristokratischen Kreise waren über diese »Zumutung« entsetzt, doch Metternich, inzwischen österreichischer Außenminister, bemerkte treffend, man könne »zwischen dem Untergang einer ganzen Monarchie und dem persönlichen Unglück einer Prinzessin wählen «. Dem Zaren nicht weniger misstrauend als Napoleon, hielt er diesen im Moment für den Stärkeren, mit dem sich Österreich gutstehen müsse.

Durch die Heirat erreichte man zwar keine Revision des harten Friedensvertrages, doch zumindest eine Atempause. Das Volk war über die Verbindung entzückt, Marie Louise (1791–1847) wurde in unzähligen Gedichten als Friedensengel verherrlicht, und der Wert der Staatspapiere stieg.

Ausgerechnet Erzherzog Karl (1771–1847), der Bezwinger Napoleons in der Schlacht von Aspern im Jahre 1809, vertrat den Bräutigam in der Wiener Augustinerkirche bei der Hochzeitszeremonie am 11. März 1810. Weinend bestieg die neue Kaiserin der Franzosen danach die Kutsche, die sie nach Westen in die Arme ihres angetrauten Gatten führte. Politischen Einfluss gewann sie nie, doch die Ehe ließ sich ganz gut an: Marie Louise erfüllte Napoleons Erwartungen und schenkte ihm am 20. März 1811 den lang ersehnten legitimen Erben, der den Titel König von Rom erhielt. Dieser Titel war bis vor gar nicht allzu langer Zeit nur dem designierten Nachfolger eines Kaisers des Heiligen Römischen Reiches vorbehalten gewesen.

Napoleons Untergan

Die Beziehungen zwischen dem Zaren und Napoleon verschlechterten sich inzwischen laufend. Russland hatte vor dem Beitritt zur Kontinentalsperre regen Handel mit Großbritannien betrieben. Russland lieferte Agrarprodukte, Getreide und Rohstoffe wie Holz, Flachs und Pech, Großbritannien hauptsächlich Textilien, Kaffee, Tee, Tabak und Zucker. Ohne diesen Handel fielen die Steuereinnahmen, der Wert des Papierrubels sank drastisch. Daher erlaubte der Zar Ende 1810 neutralen Schiffen, britische Waren in seinen Häfen zu löschen, was Napoleon entsprechend verärgerte. Die Spannungen stiegen, als französische Truppen das Herzogtum Oldenburg besetzten, das von Peter I. Friedrich Ludwig (1755–1829) regiert wurde. Sein Sohn Georg von Oldenburg (1784–1812) war der Gatte von Alexanders Schwester Katharina Pawlowna (1788–1819). Schließlich ließ die Absicht Napoleons, aus dem Herzogtum Warschau einen französischen Satellitenstaat zu machen, ein Eingreifen russischer Truppen befürchten. Ein Krieg zwischen Frankreich und Russland schien unmittelbar bevorzustehen. Trotz der andauernden Kämpfe gegen den britischen Herzog von Wellington in Spanien verlegte Napoleon bereits 1811 einzelne Einheiten von da nach Mitteleuropa. Er verstärkte seine Truppen im östlichen Preußen, im Herzogtum Warschau sowie in Danzig und ließ dort große Magazine anlegen. Österreich und Preußen verpflichteten sich, Hilfskorps von 35 000 beziehungsweise 20 000 Mann zu stellen. Dazu kamen Truppen des Rheinbundes, Warschaus und sogar einige helvetische Truppen. Alles in allem betrug die Stärke von Napoleons Armee etwa eine halbe Million Mann. Die französische Aufrüstung veranlasste den Zaren, rasch mit Schweden Frieden zu schließen, um dem Feind genügend eigene Truppen entgegenstellen zu können. Im April 1812 unterzeichneten Russland, Großbritannien und Schweden ein gegen Napoleon gerichtetes Geheim abkommen.

Der Russlandfeldzug

In der Nacht zum 24. Juni 1812 befahl Napoleon den Bau von drei Schiffsbrücken über die Memel (Njemen), den Grenzfluss des Herzogtums Warschau zum russischen Zarenreich. Mit deren Überschreitung eröffnete er ohne Kriegserklärung den russischen Feldzug, obwohl er dafür weder genügend vorbereitet noch ausgerüstet war. Er hatte die Weite des Landes nicht bedacht, und schon gar nicht dessen Klima. Tagelange Gewitterregen verwandelten das Land in Sumpf und Morast, wodurch es bald zu Versorgungsengpässen kam. Mit dem Nachschub klappte es nicht, und in den dünn besiedelten russischen Gebieten mit ihrer schwach entwickelten Landwirtschaft konnte nur wenig requiriert werden.

Napoleon setzte wie immer auf einen Blitzkrieg. Diese seine sonst so erfolgreiche Taktik ging aber diesmal nicht auf, denn das russische Heer stellte sich keiner großen Schlacht und lockte ihn immer tiefer ins Land. Trotz der Einnahme Moskaus, das von seinen Bewohnern verlassen und angezündet worden war, fanden sich die Russen nicht zu Friedensgesprächen bereit. Viel zu spät entschloss sich Napoleon zum Rückzug durch das völlig verwüstete Land, seine Truppen litten entsetzlichen Hunger. Disziplin und Moral sanken rasch, erste Auflösungserscheinungen machten sich bemerkbar. Zudem schlug am 3. November 1812 das Wetter um, die Temperaturen sanken, und am 6. November fiel der erste Schnee.

Nach dem verlustreichen Rückzug über die Beresina übergab Napoleon am 5. Dezember 1812 den Oberbefehl über die Reste seiner Armee an seinen Schwager Joachim Murat (1767–1815) und brach selbst nach Paris auf. Nur ein kläglicher Rest seiner Hauptarmee, etwa 10 000 bis 20 000 Mann, schaffte den schrecklichen Überlebenskampf bis zur Memel zurück. Dem Untergang entkamen nur diejenigen Truppen, die sich auf Nebenkriegsschauplätzen befunden oder autonom operiert hatten, unter ihnen die Österreicher unter dem Kommando des Fürsten Karl Philipp Schwarzenberg (1771–1820).

Die Koalition der Gegner

Napoleon hatte den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren, nun sollte er in den Befreiungskriegen seine gesamte Macht und die meisten seiner Bundesgenossen verlieren.

Nach der Schlacht von Vittoria am 21. Juni 1813 mussten sich die Franzosen aus Spanien zurückziehen. Die neue Koalition von 1813 gegen Frankreich wurde zunächst von Russland und Preußen getragen, denen sich Österreich allmählich annäherte. Es begann zunehmend, die Rolle eines bewaffneten Vermittlers zwischen Frankreich, Russland und Preußen zu spielen und das Bündnis mit Napoleon aufzuweichen.

Der Frühjahrsfeldzug Russlands und Preußens gegen Frankreich verlief wechselhaft. Durch Metternichs Vermittlung ging Napoleon am 4. Juni 1813 auf den Waffenstillstandsvertrag von Pläswitz ein, den er später die »größte Dummheit seines Lebens« nannte, weil er seine Gegner eindeutig überschätzt hatte. Napoleon und Metternich trafen am 26. Juni in Dresden zusammen und machten aus, dass Metternich zwischen Frankreich und den Koalitionsmächten vermitteln solle. Der Korse konnte nicht ahnen, dass Metternich nur einen Tag später den Geheimvertrag von Reichenbach abschließen und Österreich damit dem gegen ihn gerichteten Bündnis beitreten würde. Es verpflichtete sich darin, Frankreich den Krieg zu erklären, sollte Napoleon bei den kommenden Friedensverhandlungen in Prag die geforderten Bedingungen, darunter die Auflösung des Rheinbundes und die Wiederherstellung von Österreichs Grenzen nach dem Stand vor 1805, nicht erfüllen.

Metternich nutzte die Friedensverhandlungen, um Österreich an die Spitze der neuen Koalition zu führen, und ließ sich von Napoleon und dessen Drohungen nicht einschüchtern. Da dieser zu keinerlei Zugeständnissen bereit war, scheiterte der Prager Friedenskongress, und Österreich trat gemäß der Reichenbacher Vereinbarung am 11. August 1813 auf der Seite der Koalition in den Krieg ein. An der Spitze der Koalitionstruppen stand nun der österreichische General Karl Philipp Schwarzenberg als Oberkommandierender den Franzosen gegenüber.

Nach wechselndem Kriegsverlauf wurde Napoleon von den verbündeten österreichischen, preußischen, russischen und schwedischen Truppen in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis zum 19. Oktober 1813 entscheidend geschlagen. Eine halbe Million Soldaten waren gegeneinander angetreten, von denen ein Viertel tot oder schwerst verwundet liegen blieb. Fürst Karl Philipp zu Schwarzenberg schrieb an seine Frau: »Die Niederlage des Feindes ist beispiellos, nie sah ich ein schaudervolleres Schlachtfeld

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Napoleon nach der Völkerschlacht von Leipzig (zeitgenössische Karikatur).

Unmittelbar danach, am 20. Oktober 1813, erhob Franz I. im (1969 abgerissenen) Schloss zu Rötha, dem Hauptquartier der Alliierten, Metternich zum »öffentlichen Beweis der Erkenntlichkeit« für die Verdienste in schwerster Zeit in den Fürstenstand. Napoleon musste sich über den Rhein nach Frankreich zurückziehen. Der Rheinbund löste sich auf, die »Franzosenzeit« war zu Ende.

Selbst Napoleons Schwager Joachim Murat wechselte die Fronten, dafür garantierten ihm England und Österreich seine Herrschaft als König von Neapel, als welchen ihn sein Schwager 1808 eingesetzt hatte. Bayern hatte die Zeichen der Zeit richtig erkannt und sich wenige Tage vor der Völkerschlacht der Koalition angeschlossen. Württemberg, Baden, HessenDarmstadt und Nassau folgten, um ihre eigene Existenz zu sichern. Der geradlinigere König von Sachsen, Friedrich August I., versäumte hingegen den rechten Moment zum Abfall, wurde nach der Einnahme Leipzigs vom russischen Zaren und dem preußischen König gefangen genommen und im Berliner Schloss Friedrichfelde interniert.

Metternich bot Napoleon nun den Frieden unter Anerkennung der »natürlichen Grenzen« Frankreichs (der Rhein und die Alpen) an. Er wollte Frankreich nicht niederwerfen, sondern durch dessen Erhalt das politische Gleichgewicht Europas sichern und einen zu großen Machtzuwachs Russlands verhindern. Napoleon lehnte jedoch ab und entschied sich damit für die Fortsetzung des Krieges.

Niederlage und Verbannung

Um die Jahreswende überschritten die Verbündeten den Rhein. Sie gelobten einander im Vertrag von Chaumont am 9. März 1814, mit Napoleon nicht Frieden zu schließen, sondern die Bourbonen wieder auf den französischen Thron zu setzen. Damit hatte sich Kaiser Franz gegen die mögliche Thronfolge seines kleinen Enkels, des Königs von Rom, entschieden.

Nach Napoleons vernichtender Niederlage in der Schlacht von Arcissur-Aube nahmen die alliierten Truppen am 31. März 1814 Paris ein. Am 4. April dankte Napoleon zugunsten seines Sohnes ab, für den seine Gemahlin Marie Louise die Regentschaft übernehmen sollte. Die Alliierten verlangten jedoch am 11. April im Vertrag von Fontainebleau seine bedingungslose Abdankung. Napoleon unterzeichnete am 12. April. In der folgenden Nacht unternahm er einen Selbstmordversuch mit einer Opium-kapsel, die er seit dem Brand Moskaus ständig bei sich getragen haben soll. Der französische Außenminister Armand de Caulaincourt (1773–1827) und andere Zeitgenossen zweifelten daran, sie schrieben Napoleons starke Leibschmerzen einer beginnenden Magenkrebserkrankung zu, was auch Napoleons eigener Aussage entsprechen würde: »Der Selbstmord entspricht weder meinen Grundsätzen noch dem Range, den ich in der Welt einnahm!.« Marie Louise, die es an Napoleons Seite zog, wurde geschickt an jeder Begegnung mit ihm gehindert, sie reiste ab.

Der Pariser Friede vom 30. Mai 1814 war ein Versöhnungsfriede, der Frankreich als Großmacht unter König Ludwig XVIII. (1755–1824), dem Bruder des hingerichteten Ludwig XVI., in den Grenzen von 1792 bestehen ließ. Das Land erhielt sogar seine Kolonien und Handelsniederlassungen zurück. Napoleon behielt den Kaisertitel, die Insel Elba, die eigentlich zur Toskana gehörte und damit habsburgisch war, wurde ihm als Fürstentum zugewiesen. Die Regelung aller anderen Fragen sollte dem großen Kongress in Wien überlassen bleiben.

Die Situation in Wien

Die Kongressstadt Wien

Die Lage Wiens war günstig für ein Treffen der europäischen Herrscher, und die Stadt sollte den Ansprüchen der Kongressteilnehmer vollkommen gerecht werden. Mit 240 000 Einwohnern, Vorstädte und Vororte eingeschlossen, war Wien eine der größten Städte Europas. Nach den jahrhundertelangen Auseinandersetzungen mit den Osmanen hatte es sich im 18. Jahrhundert zu einer prachtvollen Stadt entwickelt. Kaiser, Adel und Kirche hatten sie im Barockstil großzügig aus- und umbauen und viele Neubauten errichten lassen. Bei der zweimaligen Einnahme durch die Franzosen hatte sie allerdings Schäden hinnehmen müssen: 1809 hatten die Franzosen ohne jegliche militärische Notwendigkeit Teile der Bastionen vor allem im Bereich der Hofburg gesprengt, was als Demütigung für Kaiser Franz gedacht war. Der Äußere Burgplatz (heute Heldenplatz), das Äußere Burgtor, der Burggarten und der Volksgarten wurden an diesen Stellen erst später angelegt. Dennoch war die Stadt imstande, ihre Besucher zu begeistern, besonders, wenn sie diese von den Höhen des Wienerwaldes aus betrachteten.

Und noch einen Vorteil hatte sie ihren Gästen zu bieten: Viele Wiener sprachen mehrere Sprachen, da Wien ein Schmelztiegel der verschiedensten Völker der Monarchie war. Der Engländer John Morritt (1772–1843) berichtete 1794: »Die Stadt ist ein reines Babylon, man trifft viele Männer und Frauen, die fünf oder sechs Sprachen sprechen, drei sprechen fast alle – Französisch, Deutsch und Italienisch.« Genauso vielsprachig war das Herrscherhaus.

Die laute, verwinkelte Altstadt

Innerhalb der mächtigen Stadtmauern lag die »Altstadt« mit dem Stephansdom in der Mitte, dessen 137 Meter hoher Turm alle anderen Gebäude, darunter viele Kirchen und prachtvolle Palais, überragte. Sie war sehr dicht bevölkert, an die 54 000 Menschen lebten hier in den vielen mehrstöckigen Häusern. Sie waren dicht aneinander gebaut, Grünflächen gab es nur im Bereich der Hofburg.

Die wenigen kleineren und trotzdem oft unerschwinglichen Wohnungen in den Altbauten konnte sich nur die Mittelschicht leisten, billige Unterkünfte für die unteren sozialen Schichten gab es hingegen fast überhaupt nicht, diese wichen daher in die Vorstädte aus. Tag für Tag strömten sie zusammen mit den vielen fliegenden Händlern, Handwerkern und Bauern in die Stadt, um ihre Waren anzubieten und Dienstleistungen zu vollbringen, sodass es an den Stadttoren häufig zu regelrechten Staus kam. 1808 musste beim Kärntnertor ein zweites Stadttor errichtet werden, womit die erste Einbahnregelung eingeführt war.

Tagsüber herrschte hektisches Treiben wie auf einem riesigen Marktplatz. Man zählte über 600 Verkaufsstände auf den etwa 70 verschiedenen Straßen und Plätzen. Fußgänger lebten gefährlich, denn obwohl man die Gehsteige durch Steine gekennzeichnet hatte, wichen aufgrund des Platzmangels häufig Pferdekutschen, Ochsenkarren, Handwagen und Sänften dorthin aus. Die Entfernungen, die man in der Stadt zurückzulegen hatte, waren zwar kurz, dennoch kam keine höhergestellte Persönlichkeit auf den Gedanken, sie etwa zu Fuß zu bewältigen. Das Verkehrsaufkommen nahm ständig zu, woran auch die kurz zuvor eingeführten »Stellwagen« mit ihren fixen Fahrtrouten und relativ kurzen Intervallen nichts änderten. Die Straßen waren schmutzig, obwohl die Wiener Hausmeister vor ihren Häusern im Sommer zweimal täglich »aufspritzen« mussten.

Der Journalist und Schriftsteller Joseph Richter schrieb in seinen »Eipeldauer-Briefen«2: »Herr Vetter, es thut mir außerordentlich wohl, wenn ich aus der Stadt in d’freye Luft komm. In der Stadt ist’s immer ein abscheuliches

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Ansicht von Wien zur Kongresszeit, Gemälde von Joseph Heideloff (Standort: Akademie der bildenden Künste, Wien).

Grüchl: Aber es ist ja kein Wunder. Es stecken ja so viel Menschen und Pferd und Hund und Katzen beysammen, und die müssen nicht wenig ausschwitzeln. Aber die Wiener müssen Liebhaber von der Melnasch sein, weil’s die Häuser immer noch höher bauen, damit nur keine frische Luft in d’Stadt herein kann

Besonders drastisch kritisiert das »Quodlibet von Wien« eines anonymen Verfassers die Stadt zur Kongresszeit:

»Ein Klumpen Häuser und Paläste,

voll Ungeziefer, voller Gäste,

ein Mischmasch aller Nationen,

die in Ost, West, Süd und Norden wohnen.

Gestank und Kot in allen Gassen,

viel Weiber, die den Eh’stand hassen,

viel Männer, die mit andern teilen,

so wenig Jungfern, lauter Fräulein.

Viel Kirchen, allzeit voller Sünder,

viel Schenken und darin viel Schinder,

viel Händel und viel Rechtsverdreher,

viel Richter, die das Recht verkaufen

viel Kuppler, viele Kupplerinnen,

viel, die mit Huren Geld verdienen

viel Stutzer und geborgte Kleider,

viel Säufer, Spieler, Beutelschneider.

Lakaien, Pferde, Pagen, Wagen,

viel reiten, fahren, gehen, tragen,

viel drängen, stoßen, zerren, zieh’n:

Dies ist das Quodlibet von Wien

Es fehlten damals auch noch »öffentliche Aborte, wo man gegen ein geringes Entgelt die nötige Zeit verweilen kann«.Daran änderte sich auch während des Kongresses nichts, dafür gab es die »Buttenweiber«: Sie gingen mit großen Holzeimern, den Butten, auf dem Rücken durch die Straßen und kündigten sich mit deftigen und unmissverständlichen Rufen an, von denen »für zwei Kreuzer in die Butten« noch der harmloseste war. Bei Bedarf setzten sie das originelle Mobilklo ab und schützten den Kunden taillenabwärts mittels eines großen Umhangs vor neugierigen Blicken. Und doch war Wien im Vergleich zu anderen Städten angenehm, da meist ein frischer Wind die üblen Gerüche vertrieb.

Die Hofburg