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SCHOTTI TO GO

Michael Schottenberg

Österreich

für

Entdecker

Mit 89 Fotos

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Bildnachweis

Creative Commons:

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1. Auflage März 2021

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2021 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Für Claire

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Inhalt

Herzklopfen

Am Beginn einer Reise zu durchaus Vertrautem

Wien

Stadtbilder

Gedanken über Wien

Der Schäferhund

Großmarkt Wien, Laxenburger Straße 367, 1230 Wien

Ein Ort der Schönheit

Kahlenberger Friedhof, Kahlenberger Straße, 1190 Wien

Wider das Schweigen

Kirche am Steinhof, Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien

Das Tröpferlbad

Volksbad 16, Friedrich-Kaiser-Gasse 11, 1160 Wien

Nennt mich Ishmael

Mohrenberger Alm I, Fehnerweg 40 & Mohrenberger Alm II, Kaisersteig/Leopold-Figl-Promenade, 2380 Perchtoldsdorf – eine Nase lang außerhalb von Wien

Niederösterreich

Kleines großes Land

Gedanken über Niederösterreich

Ein kleines Stück Freiheit

Strombad Kritzendorf, Rondeau 30, 3420 Klosterneuburg

Der Büffelkäser

Hofkäserei Robert Paget, Kirchenweg 6, 3492 Diendorf am Kamp

Der Ybbstalradweg

Lunz am See – Ybbs an der Donau

Das Wasser

Im Höllental zwischen Rax und Schneeberg

Die Wehrkirchenstraße

In der Buckligen Welt – von Edlitz nach Katzelsdorf

Burgenland

Land der Heanzen, zukunftsreich

Gedanken über das Burgenland

Die Ikone von Kasan

Schloss Potzneusiedl, Untere Hauptstraße 1, 2473 Potzneusiedl

Der Bläuling

Blaudruckerei Koó, Neugasse 14, 7453 Steinberg-Dörfl

Die Hochzeitsbäckerin

Aloisia Bischof, Untere Dorfstraße 29, 7512 Badersdorf

Das Vogelparadies

Naturpark Lange Lacke – 7143 Apetlon

Der Blick des Uhus

Das Uhudlerland – Weinidylle Südburgenland, 7522 Heiligenbrunn

Steiermark

Das grüne Herz

Gedanken über die Steiermark

Dem Himmel nah

Bergsteigerfriedhof, 8912 Johnsbach

Seichgucker

Der „Flascherlzug“, Bahnhofstraße 28, 8510 Stainz

Die steirische Toskana

Unterwegs zwischen Leutschach und Ehrenhausen

Die Mathematik der Musik

Hermann Jamnik, Knopfharmonikaerzeuger, Sulztal 57, 8461 Ehrenhausen

Der diskrete Charme der Kernöl-Bourgeoisie

Kernölmühle Gernot Becwar, Herbersdorf 9, 8510 Stainz

Oberösterreich

Die Sprache der Muße

Gedanken über Oberösterreich

Alea iacta est

Würfelspielgemeinde Frankenburg, Badstraße 7, 4873 Frankenburg am Hausruck

Am Sauwipfl

Baumkronenweg, Knechtelsdorf 1, 4794 Kopfing

Das Geschenk des Wissens

Maultrommeln Wimmer-Bades, Im Sperrboden 1, 4591 Molln

Die Hoffnung

Mural Harbor, Graffiti-Kunst und Murals im Hafen Linz, Industriezeile 40, 4020 Linz

Die Fischakrobaten

Forellenzirkus Markus Sageder, Mühlbach 3, 4725 St. Aegidi

Salzburg

Fallen lassen

Gedanken über Salzburg

Schuss ins Blaue

Schützengesellschaft Tamsweg, Preber 86, 5580 Tamsweg

Die Welt im Kleinen

Puppenstubenmuseum, Hintersee 4, 5324 Hintersee im Flachgau

Die Wurschtlwelt

Café Glockenspiel, Mozartplatz 2, 5020 Salzburg

Die Leichtigkeit des Augenblicks

Begegnung mit Skikönigin Petra Kronberger, Weng 149, 5453 Werfenweng

Stille Nacht, heilige Nacht

Oberndorf – Hallein – Hintersee – Mariapfarr – Wagrain – Arnsdorf

Kärnten

Das Leben winkt

Gedanken über Kärnten

Das Glück dieser Erde

Noriker-Zucht Andreas und Karin Lilg, Techendorf 64, 9762 Weißensee

Die Schule des Bauens

Burgbau Friesach, St. Veiter Straße 30, 9360 Friesach

Die überaus seltsam riechende Pflanze Speik und ihre wundersame Wirkung auf die menschliche Natur

Bertlhof – Nicole und Hans-Peter Huber, Saureggen 4, 9565 Ebene Reichenau

Über das Fremde

100 Jahre Kärntner Volksabstimmung, Neuer Platz, 9020 Klagenfurt

Vom Suchen und Finden

Emberger Alm, 9771 Berg im Drautal

Tirol

Die Langsamkeit des Reisens

Gedanken über Tirol

Die Dogglkünstler

Hartls Zillertaler Doggln, Dorf 20, 6275 Stumm im Zillertal

Die Welt des wohlgeordneten Seins

Hannes Ainberger, Schiachen-Schnitzer, Zimmermoos 9, 6230 Brixlegg

Die Spur des Pfauen

Federkielstickerei Georg Leitner, Neudorf 27, 6235 Reith im Alpbachtal

Wem gehört der Glockner?

Die Kalser Glocknerstraße, Kals am Glockner, Bezirk Lienz

Der Hofer war’s

Museum Tirol Panorama, Bergisel 1–2, 6020 Innsbruck

Vorarlberg

Im Land der Gsiberger

Gedanken über Vorarlberg

Der Montafoner Tisch

Tischlerei Tschofen, Galgenul 96, 6791 St. Gallenkirch

Der Zerrissene

Victor Mangeng, Holzkünstler, Wagenweg 28, 6780 Schruns

Der alte Mann und der Schnee

Auf den Spuren von Ernest Hemingway, Hotel Taube, Silvrettastraße 1, 6780 Schruns

Die Welt den Frauen

Frauenmuseum Hittisau, Platz 501, 6952 Hittisau

Der Bauer als Dichter

Franz Michael Felder Museum, Unterdorf 2b, 6886 Schoppernau

Der Autor

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Herzklopfen

Am Beginn einer Reise zu durchaus Vertrautem

Natürlich bin ich kein Schriftsteller. Ich berichte, was ich gesehen habe. In meinem ganzen Leben habe ich nichts anderes getan, als zu erzählen. Allerdings waren es ausgedachte Geschichten, phantastische Geschichten. Geschichten von oder über Charaktere, die als Symbole in einem größeren Zusammenhang zu lesen waren. Heute sind meine Texte real. Sie handeln von Begegnungen mit Menschen. Ich höre ihnen zu, ich sehe ihre Mimik, ihre Gesten. Ich betrachte sie. Wenn ich die Worte nicht verstehe, achte ich auf den Tonfall. Alle Geschichten haben denselben Ausgangspunkt: Ich schlüpfe in eine Welt, die nicht die meine ist. Ich lerne Neues und verliere mich in Situationen, in Lebensentwürfen, manchmal sogar in Menschen. Natürlich sind es immer nur Momentaufnahmen. Von Flüchtigem zu erzählen, kann spannend sein, es erhebt ja keinen Anspruch aufs Ganze. Herzenswärme und Humor zeichnen diese Begegnungen aus. Ich lerne Schicksale, Kuriositäten und Familiengeschichten kennen. Oft sind es Zufälle oder das Wahrnehmen einer Chance, die das Leben eines Menschen beeinflussen. Manchmal ist es das Entdecken des Augenblicks. Wie Prismen unterschiedlicher Farben und Formen fügt sich alles zu einem Ganzen und ergibt das Identitätsdiagramm einer Stadt, eines Landes. So befüllt sich ein Zettelkasten der besonderen Art: mit Unbekanntem, Überraschendem, Verborgenem.

Lehne ich mich zurück und lasse Vergangenes Revue passieren, ist es mir, als hätte das meiste nur einen Wimpernschlag lang gedauert. Dass dieser Moment in meiner Erinnerung fortbesteht, ist den Worten geschuldet, die ihn beschreiben.

Ich betrachte die Welt rund um mich wie ein Gemälde. Ich höre auf die Flüchtigkeit des ersten Gedankens, möchte die kleinen Geheimnisse entdecken, die sich hinter den großen verbergen, die Geschichten hinter den Geschichten. Wie ein Schmetterlingsjäger sammle ich Beiläufigkeiten, Worte und Gesten von Menschen, die ihre Welt beschreiben. Aus all dem setzen sich Bilder zusammen, die sich zu einer Welt des neuen Seins fügen. Als ob ich in einem Fesselballon über ein Land voller Mystizismen und Geheimnisse schwebte, nichts anderes im Sinn, als zu betrachten und zu beschreiben.

Ein Gutteil der Faszination des Reisens besteht darin, dass ich zumeist alleine reise. Die Anstrengung, dass kein Tag dem anderen gleicht, erhöht das risikoreiche Spiel. Es ist spannend, sich einer Welt zu stellen, die man täglich neu erobert. Der Erfolg des Wanderers beginnt damit, sich ein Ziel zu setzen. Wahrscheinlich reise ich, um mich zu verlieren. Und wahrscheinlich reise ich, um jenen lange schon verlorenen, jung gebliebenen Buben in mir aufzuspüren. Reisen schenkt mir die Balance zwischen Erfahren und Empathie, es schenkt mir so viele kostbare Augenblicke, die ich festhalten möchte. Der Unterschied zwischen Reisendem und Touristen ist der, dass der Reisende seine Überzeugungen zu Hause lässt, während der andere das Gegenteil tut. Für den Touristen ist nichts so, wie er es von zu Hause gewohnt ist, und der andere genießt, dass die Welt auf den Kopf gestellt ist.

Natürlich bin ich, wohin immer ich komme, fremd. Es ist dies keineswegs die Ausnahme, es ist der Normalfall. Sogar im eigenen Land. Touristen sind willkommen, man verdient an ihnen. Menschen vom Boot will man rasch wieder loswerden. Am besten man baut Zäune. Wo? Weit weg. Wer zahlt’s? Die anderen. Wie hoch? Bis über den Verstand. Selbst intelligente Menschen verfangen sich gerne im Maschendraht ihrer Vorurteile. Es steckt Scheu und Skepsis in der Begegnung mit dem Fremden. Humus für gut frisierte Populisten. Angst war immer schon ein probates Druckmittel. Imaginär und konkret. Imaginär, weil der kleine Mann mit Hut prinzipiell Neues ablehnt. Konkret, weil mit „fremd“ immer auch die Angst vor dem Verlust von Eigentum einhergeht. Ich bin kein Politiker. Ich muss keine Lösungen finden. Ich bin Reisender. Ich darf Visionen haben. Eine davon lautet: Fantasie. Eine andere: Neugier. Beides löst Ängste auf. Was übrigens auch Bildung und Kunst tun. Kunst kann durch Vermittlung von Kulturen Räume schaffen, die angstfrei sind. Bilder, Musik, Tanz, Geschichten überwinden Barrieren. Herz und Emotion sind oft die verständlichere Sprache als Worte.

Visionen sind dazu da, um den Verstand aus der Deckung zu locken. Respekt und Anerkennung könnten es möglich machen, dass wir den Schritt wagen und einander mit unseren Welten vertraut machen. Gelassenheit wäre das Zauberwort. Das hat nichts mit Trägheit oder Gleichgültigkeit zu tun, weniger noch mit Apathie oder Fatalismus. Es führt einfach zur Erkenntnis: Lebe in der Gegenwart. Und das wiederum bedeutet: Sei offen gegenüber Neuem und Unbekanntem. Wasche dein eigenes Geschirr, aber blicke gleichzeitig auch über dessen Rand.

Gelassenheit, Mut und Weisheit stehen in engem Verwandtschaftsverhältnis: Man braucht Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die man nicht ändern kann. Man braucht Mut, Dinge zu ändern, die man ändern muss. Und man braucht Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Reisen ist die beste Möglichkeit, mein Leben neu zu ordnen, um mich vor der Müdigkeit zu bewahren. Diesmal bin ich in der Heimat unterwegs. Zumeist hatte ich fremde Länder bereist. Jetzt heißt es, innerhalb der eigenen Grenzen zu bleiben. Die Zeiten, sie sind halt so. Ein Schritt zurück? Nicht unbedingt. Vielmehr eine Chance. Kein Wegschauen, sondern Hinschauen. Erschien mir das Vertraute bislang nicht interessant genug? Sieh das Nahe, dann erkennst du das Fremde. Ich habe diesen Satz mehrfach gewendet und ihn von immer anderen Gesichtspunkten aus betrachtet. Nicht die Geografie entscheidet. Die Seelen der Menschen bestimmen Fremde. Oder Nähe. Nach ersten Ängsten wurde ich berührungsneugierig. Das Abenteuer begann vor der Haustüre. Ich habe Menschen kennengelernt, deren Sprache ich spreche, und die ich dennoch nicht verstehe. Ein Dialekt im Ländle bringt mich ebenso in Verlegenheit wie eine knarzig gebellte Begrüßung im Zillertal oder ein zermahlenes Wortstück eines Südburgenländers. Und erst die Kaugummi-Aussprache des Wieners! In Simmering spricht man anders als in Hernals, in Ottakring anders als in Meidling. Wie viele verschiedene Sprachen spricht dieses Land! Wie unterschiedlich sind die Wortgebirge, Gedankenflüsse, Lachanfälle.

Ich habe mich aufgemacht, um der Sprache von Menschen zuzuhören, ihre Geschichten, ihr Handwerk, ihre Kochrezepte kennenzulernen, über ihre Eigenheiten zu lächeln und von ihrer Weisheit zu lernen. Ein ganzes Jahr lang war ich unterwegs. Nun ist es an der Zeit, meine Erlebnisse zu Papier zu bringen – und mich nochmal daran zu erfreuen. Beinahe ein Menschenleben lang habe ich mich in der Fremde herumgetrieben, nun ist es Zeit, mich der Nähe zu stellen. Neues erfahren. In meiner Heimat. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Das Alter ist ein Geschenk, wenn man nicht vergessen hat, was anfangen heißt. Wie immer am Beginn eines Weges bin ich aufgeregt und fühle mich jung. Wahrscheinlich ist es das, wonach ich mich sehne: das Herzklopfen.

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Stadtbilder

Gedanken über Wien

Der Bub soll raus in die Sonne. „Docka-Garten“ hat er das Stück Wiese genannt. Ein Lattenzaun, eine Hecke, ein Steinweg. Dazwischen Gras. Und Stufen, die zum unteren Ende des handtuchgroßen Paradieses führten. „Schrebergarten“ hieß das damals, im Nachkriegswien der Fünfziger. Kleingarten heißt es jetzt. Für den Bub war es der Himmel. Bienen summten, Spatzen badeten in der kleinen Lacke unter dem Wasserhahn, wo die verrostete Gießkanne stand. Am Kopf trug der Kleine ein weißes Sonnenhütchen, an den Füßen ein paar feste, hohe Schuhe. Barfuß sollte er nicht gehen, zu viele Gefahren lauerten auf den Wegen. Sonst war er nackig. Emsig arbeitete er daran, Kieselsteine in ein rotes Blechküberl zu schaufeln, um dieses dann zur großen Schwester zu tragen, die im Schatten des Spalierobstes patzig im Gras saß. Ungerührt schüttete sie die Steinchen auf einen Haufen und gab dem „Weißfischl“, wie die Omama das bleiche eineinhalbjährige Kind nannte, das Küberl zurück. Der machte sich stracks auf den Weg zur nächsten Ladung, denn es gab noch viel zu tun. Fünfundsechzig Jahre später hat der Kleine, der gar nicht mehr klein ist, den Geruch des Staubes, der beim Umleeren der Steinchen entstand, immer noch in der Nase.

Und erst der süßliche Geruch des von der Sonne beschienenen Teeranstriches am Bretterzaun, der rund um den Fuß-ballplatz des „Rekordmeisters“ stand. An wenigen Stellen gaben ein paar Gucklöcher den Blick ins Allerheiligste frei, wo die Götter Happel, Halla und Hanappi gaberlten. Der frischgebackene Volksschüler sehnte sich nach der großen Fußballwelt. Aber sie war ebenso unerreichbar wie der Wunsch, dem Universum der „Parkbuben“ anzugehören, drüben, jenseits der Winkelmannstraße, im Auer-Welsbach-Park. Was blieb, war der verstohlene Blick aus dem Fenster des Esszimmers hinüber zum Sehnsuchtsort, wo die Halbstarken Hof hielten und sich die Mädels in ihren feschen Karottenhosen um die Lederjacken-Bubis scharten.

Und wie oft erwachte der Kleine lange vor dem Weckruf der Omama, weil die Räder des 57ers in der Endstationsschleife Weiglgasse die Schienen singen ließen und die Elektrische ihre lange Reise durch die Vorstadt bis zum Burgring in Angriff nahm. Wie oft saß der Bub in ebendieser Bahn und starrte auf die abgegriffene Lederumhängetasche des missmutigen Schaffners, der sich mit den Worten „Tschuidigen, tschuidigen“ fahrkartenzwickend durch die Fahrgäste arbeitete, um dann zum Glockenstrang hoch über den Pritschenbänken zu greifen, worauf ein schrilles Bimmeln erklang und sich das nach Holz und Eisen duftende Ungetüm erneut in Bewegung setzte. Das gefürchtete „Endstation! Alles aussteigen, bitteeee!“ erklang und das Schicksal nahm unmittelbar nebenan, am Burgring, seinen Lauf: Die Richtstätte lag im ersten Stock. Genauer gesagt, gezählte einundsiebzig Stufen über Straßenniveau. Es war die Ordination des Zahnfacharztes, eines Vaterfreundes, dessen Hobby, anziehend wie abstoßend für den Buben, die Großwildjagd war. Die kindliche Glaubenswelt an das Gute im Menschen geriet hier ein ums andere Mal gehörig ins Wanken. Er entpuppte sich nämlich als der Teufel selbst, der nicht nur gerne Tiere tötete, sondern auch vor Angst zitternden Kindern, bewaffnet mit Zange und Bohrer, dessen mechanischer Antrieb per Fußhebel zu betätigen war, an die Backe rückte. Wie der Vater mit einem derartigen Folterknecht befreundet sein konnte, sollte dem Volksschüler für immer ein ungelöstes Rätsel bleiben.

Es sind die kleinen Dinge des täglichen Seins, die als wehmütige Reminiszenz im Gedächtnis haften bleiben, wie zum Beispiel jener prägnante Duft des Kaffeeröstbetriebes zwischen Jheringgasse und Anschützgasse, gegenüber dem Elternhaus. Bis auf jenen aber haben sich die meisten Geräusche und Gerüche der Kindheit für immer verflüchtigt. Die Welt von heute ist eine andere, eine erwachsene.

Wien hat sich längst zu einer modernen Metropole gemausert, deren angerosteter Charme zwischen Anspruch und Versagen feststeckt. Nichts ist perfekt, aber alles funktioniert. So sind sie, die Wiener: Sie sehnen sich nach Vergangenem und fürchten sich vor der Zukunft. Sie besingen den Tod und saufen sich das Leben schön. Sie bevorzugen die Beletage, landen aber doch nur im Mezzanin. Ein Leben, nicht oben, nicht unten. Dazwischen halt.

Wien ist weder Stadt noch Land. Es ist beides. Mal dies, mal das. Eine Personalunion von Schlendrian und Pfiffigkeit, Murks und Moder. Wien bleibt Wien. Fürchte ich. Hoffe ich.

Der Schäferhund

Großmarkt Wien, Laxenburger Straße 367, 1230 Wien

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Es ist fünf Uhr früh, ich brause eine breite Ausfahrtsstraße entlang und biege in das dreißig Hektar große Marktgelände des „Kompetenzzentrums für Obst, Gemüse, Blumen, Fleisch, Fisch und Eiprodukte“ ein – das Areal des Groß-marktes Wien. Vierhunderttausend Tonnen Ware gehen hier alljährlich über den Tresen. Die Ursprünge des Großmarktes liegen in der Donaumonarchie. 1916 wurde in Wien ein neuer Lebensmittelmarkt geplant, der anfangs in der Nähe des Naschmarktes angesiedelt wurde. Allerdings gab es dort keine Schienenanbindung, weshalb in erster Linie mit Waren aus dem Inland „gestandlt“ wurde. Alles, was von „draußen“ kam, wurde auf dem besser angebundenen Matzleinsdorfer Frachtenbahnhof verkauft. Fehlender Platz sowie der immer stärker werdende Verkehr machten schließlich die Umsiedlung der beiden Märkte (sowie des Blumengroßmarkts „Phorushalle auf der Wieden“) erforderlich. 1972 eröffnete der neue Großmarkt an seinem heutigen Standort, später kam noch der ehemalige Fleischmarkt St. Marx hinzu.

Die Strahlen der aufgehenden Sonne liegen über dem Gelände. In den Hallen herrscht Hochbetrieb. Auch auf den Plätzen davor werden die Großraumparkplätze, die eigentlich für schweres Gerät reserviert sind, als temporäre Marktfläche genutzt. Vor einer der Hallen sitzt ein Mann und schneidet Krautköpfe. Müde blinzelt er mir zu. Ich stelle ihm einen Becher Kaffee hin. „Seit wann?“, frage ich.

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Ein neuer Morgen am Großmarkt

„Drei Uhr. Oft früher. Je nachdem, wo eingeteilt.“ Die Deckblätter landen auf einem großen Haufen.

Just in dem Moment kommt mir ein Artikel in den Sinn, den ich vor Jahren in einem dieser kleinen, bunten Bezirksblätter gelesen habe. Stand da nicht etwas von einem tiefgefrorenen Dackel in der Kühltruhe eines Fleischereibetriebes?

Ich hocke mich neben den Mann und sage: „Dackel.“

Er faltelt die Stirn. „Nix Dackel. Schäferhund!“, grunzt er. Ob Dackel oder Schäfer, ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell klappt. Um diese Uhrzeit sind die Leute gesprächiger, als man denken sollte. Der Mann steht auf, gähnt, zündet sich eine Zigarette an und verschwindet zwischen den Hallen. Was für ein Dialog. Er könnte original aus einem Stück von Samuel Beckett stammen.

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Der Arbeitsplatz meines Freundes

Schräg gegenüber liegt das Imperium des Maroni-Königs. Jedes Jahr ab Mitte September ist es so weit. Werden die Tage in Wien kürzer, sprießen die Maroni-Standeln aus dem Asphalt. Wer kennt ihn nicht, den Brater, der immer an derselben Stelle die Füße in den Boden stampft und mit rissigen Händen heiße Kastanien oder Kartoffelscheiben ins Stanitzel stopft. Jahr für Jahr sagte die Großmutter das ewig Gleiche: „Der Kerl füllt auch immer weniger rein!“ Jetzt, ein paar Jahre später, denke ich mir dasselbe. Das Imperium indes liegt nicht auf der faulen Haut. Heute beliefert der Maroni-König rund achtzig Prozent der Wiener Blechöfen mit selbst importierter Ware aus dem Piemont und der Emilia-Romagna. Das Einzige, was der King fürchtet, ist die Erderwärmung, dann müsste er wohl den nächsten Schritt wagen – den ins heiß umkämpfte Eis-Geschäft.

Drüben, beim Großhandel der Familie Aibler, herrscht auch schon Hochbetrieb. Hier wird so ziemlich alles verklopft, was Schuppe oder Kruste hat. Ob die Ware aus der eigenen Teichwirtschaft kommt oder vom vorzugsweise „kleinen Fischer“, der am Ende der Welt in seinem Schinakel hockt und dessen Fang auf (garantiert) kürzestem Weg in den Großraumflieger gelangt, der, kaum dass er beladen ist, in Richtung Inzersdorf abhebt – der Fisch ist frisch wie der von Fischers Fritze. Die Aiblers sind die umtriebigsten Meerestierhändler Österreichs. Innerhalb der Grenzen geht’s natürlich noch schneller: Frühmorgens bestellt, hüpft der fangfrische „Aibler“ zu Mittag schon in die Pfanne.

Ich schlendere durch das Fleisch-, Obst- und Blumenparadies, um wieder bei meinem Freund, dem Kohlputzer, zu landen.

„Habe Hund selbst gefunden.“

„Den Dackel?“

„Den Schäferhund!“ Er schnitzt erneut am Gemüse herum. „War kurz nach Eis-Lady-Geschichte. Hab gejobbt beim Fleischer, drüben in Halle 1. War noch dunkel. Ich mache Kühltruhe auf und halte Gebiss in der Hand. Lieblingshund vom Chef war im Sackl. Er wollte ihn ausstopfen lassen. Betrieb wurde dennoch gesperrt.“

Ich steige auf meine Vespa und rolle durch den Frühverkehr in Richtung Stadt zurück – auf schnellstem Weg. Sicher ist sicher.

Ein Ort der Schönheit

Kahlenberger Friedhof, Kahlenberger Straße, 1190 Wien

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Ich war das erste und einzige Mal in meinem Leben von dem Anblick einer wirklich himmlischen Schönheit ergriffen, wie nie vorher und seitdem.“ Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall, Diplomat, Orientalist und Gründungspräsident der Akademie der Wissenschaften, steht vor dem siebzehnjährigen Mädchen – und ist überwältigt. Ihre Anmut, ihre vollkommene Schönheit machen ihn, den Wortgewaltigen, sprachlos. „Ich fand damals keine Worte, meine Empfindung auszudrücken und finde sie auch heute nicht …“ Der Freiherr ist nicht der Einzige, der dem Charme der jungen Sängerin erliegt. Karoline steht da im Tanzsaal Zum Römischen Kaiser in der Kärntner Straße, umringt von jungen Herren, die ihren Blick nicht lassen können vom Zauber ihrer Jugend, und genießt die Blicke ihrer Bewunderer.

Das „schönste Mädchen zur Zeit des Wiener Kongresses“, wie das junge Fräulein Traunwieser genannt wurde, zog eine Heerschar von Bewunderern in ihren Bann. Einer von ihnen liegt ihr heute noch zu Füßen: Fürst Karl de Ligne, Diplomat, Militär, Politiker und Gesellschaftslöwe, der „Rosarote Prinz“, dessen Rockaufschläge glänzten und der beim weiblichen Geschlecht in hohem Ansehen stand. Sein Grab liegt vis-à-vis dem ihren. Ihr Herz aber war zeit ihres kurzen Lebens einem anderen Mann versprochen, dem feschen französischen Oberst Rameuf. Der aber ließ sein Leben für Krone und Vaterland. Karoline folgte ihm schon bald nach. In den frühen März-Tagen des Jahres 1815 starb die Schöne an gebrochenem Herzen. Angeblich suchte sie Tag und Nacht nach ihrem Geliebten. Ihre gemeinsame Liebe sollte sich erst nach dem Tod der schönen Karoline erfüllen.

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Das Tor zur Ewigkeit

Ein heißer Frühlingstag. Der Aufstieg zu diesem verwunschenen Platz ist mühsam. Über steile Wiesen führt er herauf, über Wege und Steige, durch Weinberge, vorbei an Obstgärten – vom Kahlenbergerdörfel aus, oder eben aus Grinzing. Allerdings: Man wird belohnt für die Mühe. Vom kleinsten (und höchstgelegenen) Friedhof Wiens hat man eine prächtige Aussicht über die Stadt. „Glücklich der, der hier begraben liegt!“ Nirgendwo sonst erscheint des Dichters Wort gültiger.

Nur wenige Glückliche fanden hier ihren Platz, an denkmalgeschütztem Ort, zu Füßen des ehemaligen Josefsdorfes, in dem die frommen Männer des Kamaldulenser-Ordens lebten. Knapp unterhalb ihrer Häuser legten sie im Jahre 1783 den Friedhof an, versteckt, inmitten des Waldes. Exakt hundert Jahre früher sprengten von hier aus Elite-Husaren unter dem Kommando des polnischen Königs Johann Sobieski die Flanken des Berges hinunter und fügten den osmanischen Truppen Kara Mustafas die entscheidende Niederlage zu. Die Zweite Türkenbelagerung Wiens wurde siegreich zu Ende gebracht. Noch heute bestatten die Mönche des polnischen Ordens der Resurrektionisten, die die Kirche auf dem Kahlenberg betreuen, hier ihre verstorbenen Mitbrüder.

Die Geschichte eines Friedhofes ist immer auch die Geschichte derer, die in seiner Erde begraben liegen. Hier, zu Füßen des Kahlenberges, ruht die Schönheit der Jugend. Die Schönheit Wiens. Ewiglich. Ihr ist dieser Ort geweiht.

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Das Grabmal der Schönheit Karoline Traunwieser

Wider das Schweigen

Kirche am Steinhof, Baumgartner Höhe 1, 1140 Wien

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Ich stehe vor der Kirche St. Leopold. Weithin sichtbar thront sie über Wien, auf dem höchsten Punkt der Krankenanstalt „Am Steinhof“. Oft komme ich hierher. Trotzdem es ein trauriger Ort ist, zieht mich das Gebäude an wie kein anderes. Zu Zeiten ihrer Entstehung war die Heil- und Pflegeanstalt das größte „Irrenhaus“ Europas. Otto Wagner, der Architekt, bekam während der Planungszeit vom Ärzte- und Pflegepersonal jede Menge Auflagen, die zur Rücksichtnahme auf Patienten verpflichteten. Arztzimmer, Toiletten, Notausgänge waren in den Kirchenraum zu integrieren, Kanten und Ecken der Bänke mussten gerundet sein, und um das Risiko von Infektionen zu verringern, war das Weihwasserbecken als eine Art „Tröpferlbrunnen“ konzipiert. Die Fassade der Kirche gehört mit zum Prächtigsten: Marmor, goldene Lorbeerkränze, ornamentale Verzierungen. Vier große, geflügelte Engel bewachen das Portal. Die imposante goldene Kuppel erinnert an eine überdimensionale Zitrone, weshalb die Baumgartner Höhe von den Wienern seit jeher Limoniberg genannt wird.

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Die Schlafplätze der Krähenvögel

Der Widerspruch zwischen der Reinheit eines der vollkommensten Bauwerke Wiens und den Verbrechen, die zu seinen Füßen geschahen, könnte nicht krasser sein. Während des „Dritten Reiches“ war hier, am Steinhof, eine Nervenheilanstalt für Kinder untergebracht, in der „kranke, behinderte, nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche medizinischen Versuchen ausgesetzt waren. Die Kirche, die zu den größten Meisterwerken des Jugendstils zählt, wacht über eine düstere Vergangenheit. Heute gilt der Name der einstigen Anstalt „Am Spiegelgrund“ als Synonym für die Verbrechen der nationalsozialistischen „Heil“-Pädagogik, die mit bestialischer Brutalität unschuldige Kinder zu Tode quälte. Knapp achthundert von ihnen wurden hier dem Dienste pervertierter Wissenschaft geopfert.

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Engel bewachen die Kirche am Steinhof.

Die Geschichte vom Spiegelgrund aber endet nicht 1945, sondern reicht bis in unsere Gegenwart. Bei der Uraufführung des Theaterstückes Spiegelgrund, das ich anlässlich der Eröffnung meiner Direktionszeit am Volkstheater im Jahre 2005 in Auftrag gegeben hatte, ging es um verlorene Träume und Sehnsüchte der Opfer vom Spiegelgrund. Nicht nur das Leiden unschuldiger Kinder aber war unser Thema, sondern auch die mitleidlose Perversion der NS-Ärzte, und, das vor allem, die selbstverordnete Demenz eines Landes, das sich bis vor wenigen Jahren genau wie der Euthanasie-Arzt Heinrich Gross, der „Mörder vom Spiegelgrund“, nicht an die toten Kinder erinnern konnte (oder wollte). Gross ist längst verstorben, er hat sich der welt-lichen Justiz durch Vortäuschen von Krankheiten entzogen. Sein damaliger Anwalt saß in der Uraufführung, erste Reihe, fußfrei. Er drohte die Premiere zu stoppen, sollte auch nur ein einziges anklagendes Wort gegen seinen Mandanten fallen. Wir ließen uns nicht einschüchtern, die Mörder wurden als das benannt, was sie waren: Mörder. Bis heute hat der Herr Doktor nicht geklagt, die Behauptungen haben sich längst als wahr erwiesen.

Rund um die prachtvolle Kirche stehen riesige Föhren. In ihnen nisten Krähenvögel, die tagsüber im Schönbrunner Park auf Futtersuche sind und bei Dunkelheit auf den Steinhof zurückkehren, um sich in den Kronen der umliegenden Bäume ihr Nachtlager zu suchen. Vielkehliges Geschrei erhebt sich dann über den Pavillons. Als ob die Seelen der geschundenen Kreaturen ihr Wehklagen in den Nachthimmel senden wollten – die sterblichen Überreste der Euthanasie-Opfer nämlich wurden bis in die 1980er-Jahre für Forschungszwecke geschändet und entweiht. Erst im Jahr 2002 setzte man sie in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof bei.

Am Fuße der breiten Treppe, die hinunter zur Krankenanstalt führt, befindet sich ein Mahnmal der besonderen Art. Siebenhundertzweiundsiebzig Lichtstelen stehen für jene Kinder und Jugendlichen, die zwischen 1940 und 1945 in der nationalsozialistischen „Forschungsanstalt“ gequält und ermordet wurden. Das Leuchten steht für ihr Leiden. Wir dürfen niemals vergessen.

Das Tröpferlbad

Volksbad 16, Friedrich-Kaiser-Gasse 11, 1160 Wien

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Die Bezeichnung „Tröpferlbad“ leitet sich vom spärlichen Wasserdruck aus den oberen Etagen her – dort befanden sich die Tanks, die an hygieneintensiven Tagen rasch an ihre Grenzen stießen. Das Wasser floss dann nur tropfenweise aus den Brauseköpfen. Gemeint ist die Zeit der Eröffnung des ersten Wiener Volksbades. Man schrieb das Jahr 1887. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges errichtete die Wiener Stadtverwaltung weitere achtzehn Brausebäder. Gezählte dreieinhalb Millionen Menschen versammelten sich pro Jahr im städtischen Getröpfel. Das bedeutet: Bei der damaligen Bevölkerungszahl von zweieinhalb Millionen hat sich jeder Wiener jährlich eineinhalb Mal geschrubbt. So richtig sauber waren sie nicht, unsere Ahnln. Im Krieg riecht man eben nicht so genau hin. In den Fünfzigerjahren baute das Komiker-Duo Pirron & Knapp dem Tröpferlbad ein musikalisches Denkmal. Seit damals hat es der Duschkopf längstens ins kollektive Gedächtnis der Stadt geschafft.

Heute gibt es nur noch ein einziges „reines“ Brausebad, das Volksbad 16. Wo schon? In Ottakring, im Parterre eines Gemeindebaues. Pirron & Knapp schaut’s oba.

„Ja?“