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Reinhold Bilgeri

DIE LIEBE
IM LEISEN LAND

Roman

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Literaturzitate aus:

George Gordon Byron: The spell is broke (Der Reiz ist hin).

In: Lord Byrons Werke. Übersetzt von Otto Gildemeister. Bd. 3.

Verlag Georg Reimer, Berlin 1903

Arthur Rimbaud: Sämtliche Werke. Übertragen von Sigmar

Löffler, Insel Verlag, Berlin 1992

Robert Louis Stevenson: Die Schatzinsel. Aus dem Englischen übersetzt von Fritz Güttinger. Manesse Verlag, Zürich 1971

Robert Louis Stevenson: Die Schatzinsel. Aus dem Englischen von Karl Lerbs. Insel Verlag, Berlin 2014

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© 2021 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Johanna Uhrmann

Umschlagmotiv: Brooklyn Bridge mit der Skyline von

Manhattan © mauritius images/Thilda Lindholm

Lektorat: Madeleine Pichler

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

ISBN 978-3-99050-197-9

eISBN 978-3-903217-70-6

Für Beatrix

»… have I told you lately ……«

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

I

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Als Tom Maas die Augen aufschlug, kam die Decke auf ihn zu. So gemächlich, dass er es nicht gleich als Bedrohung verstehen wollte. Der verstaubte Lüster wurde immer größer und die Stuckornamente gewannen an Kontur, um gleich wieder zu verschwimmen, bevor es ganz schwarz wurde.

Aber kein Aufprall, nur ein dumpfer Druck auf dem ganzen Körper und dann dieser Kalkgeruch – Geist und Seele wichen zur Seite, als wär’s die Offenbarung der Gretchenfrage. Wenn die beiden dem Druck weichen können, hätten die Dualisten ja doch recht, fuhr’s ihm durch den Kopf, sollten die sich tatsächlich davonmachen, während der Körper sein Leben aushaucht, dann wäre die Sache geklärt und die Transzendenz hätte ihm, dem der Glaube fehlte, eine vor den Latz geknallt. Solche Dinge denkt man, wenn einem die Luft fehlt, dachte er.

Eine Ahnung schob sich dazwischen – alles nur ein Traum –, aber dann wieder diese konkreten Schmerzen, die Sache war noch nicht zu Ende. Das Gewicht der Decke hatte begonnen, seinen Brustkorb auf Herz und Lunge zu pressen, die Glasfigürchen des Lüsters und die elektrischen Kerzen zerbröselten samt Halterung auf seiner Haut, tausend Nadelstiche und ein Hauch von versengtem Kupferdraht, dann das Bersten der Rippen – das war keine Einbildung, eine kratzte doch an der Lunge, die sich gerade blähen wollte, und gleichzeitig schlüpfte ein Stück Magensack durch seine Zwerchfellhernie und reizte den Vagusnerv, was die Elektrik des Herzens aus dem Lot brachte. Ein Flimmern war die Folge, Kammerflimmern? Tom versuchte zu husten, pressend den Atem anzuhalten, um die stolpernde Tachykardie einzufangen, wäre nicht das erste Mal gewesen, aber er bekam keine Luft mehr, also womit pressen? Wenn jetzt gleich die Sache mit dem berühmten Lebensfilm abläuft, dann bin ich also dran, schloss er. Sein Mund hatte den Satz formuliert, ohne Ton, und doch klang er als Echo von der Schädeldecke zurück. Die Zeitrafferbilder blieben aus, kein Lebensfilm. Das beruhigte für den Augenblick. Doch nicht der Tod. Noch nicht.

Ein heißer Blutschwall stieg ihm in den Kopf und ließ ihn hochfahren, wie einen Taucher, der mit leeren Lungen aus dem Wasser schießt. Luftjapsen, Herzjagen, er saß im Bett, schweißnass, wie ausgespuckt. Angst war keine dabei, seltsamerweise, eher Neugier auf das Kommende und Wut über die Entgleisung seiner Organe. Die ontologischen Überlegungen hatten sich erübrigt – er lebte. In Dreieinigkeit lebte er, Körper, Geist und Seele. Er griff sich ab, um vermeintliche Verletzungen zu ertasten. Auf seiner Brusthaut entdeckte er einen Fächer rötlicher Kratzer, die wohl von der Uhr an seinem Handgelenk herrührten. Er war also in Bauchlage, auf seinem linken Arm liegend, eingeschlafen und wieder aufgewacht.

Erst unter dem eisigen Duschstrahl kam er zu sich. Als er aus der Kabine trat, verharrte er eine Weile vor dem Fenster, hielt die Landschaft fest mit seinem Blick, um sich zu vergewissern, dass der Albtraum vorüber war. Er roch das duftende Kirschholz, den vertrauten Meinl-Kaffeeduft aus dem unteren Stock, Amy würde schon wach sein, sie war ein früher Vogel. Er sah draußen die grün-gelben Hügel, die erhaben zwischen Strauchwerk und verwitterten Totems zum Hudson River hinflossen. Alles vertraut, er war in seinem Wochenendhäuschen in Poughkeepsie, einem verschlafenen Nest in Dutchess County, im Schoße einstiger Wappani-Weiden (»die schilfbedeckte Hütte am kleinen Wasserplatz« hatten die Indianer die Stelle genannt). Eine Idylle, neunzig Minuten von seinem Townhouse in New York entfernt, nur eine Weile Gerumpel mit der Metro-North Railroad durch die früheren Jagdgründe der Ureinwohner, deren Geister noch immer hier spukten. Er war daheim, nicht ganz, aber in vertrauter Umgebung.

Als Tom in die Hosen stieg, spürte er, dass er unsicher auf den Beinen war, seine linke Hand zitterte, noch halb eingeschlafen vom Druck seines Körpers. Er hatte schon öfter Todesängste erlebt, wenn sein Herz aus dem Rhythmus geraten war, aber seine Ärzte hatten das immer als psychosomatisch bedingte funktionale Störungen abgetan, wahrscheinlich berufsbedingt, von organischen Erkrankungen keine Spur. Sie hatten wohl recht, die Ärzte und ihre Geräte, aber die Aussetzer, die fehlenden Schläge, gingen nicht spurlos an ihm vorüber, die Ahnung, er hinge über einem Abgrund, hielt sich beharrlich. Seit die Heimsuchung durch dieses Gespenst den ganzen Planeten zum Stillstand gebracht hatte, stellte sich plötzlich sein Innenleben auf die Bühne, die Organe, die Nerven, das Gewissen, die Seele, weiß der Teufel. Die trockene Sicht der Profis, die ihn offensichtlich für einen »Hypochonder« hielten – in Wien nannten sie das »Psycherl« –, half ihm, seine Phobien in den Griff zu bekommen. Er lernte damit zu leben.

Ins Kaffeearoma hatte sich inzwischen Amys Parfum gemischt, ein vertrauter Duft, sie hatte sich offensichtlich schon zurechtgemacht. Aber wozu? Wollte sie ausgehen? Nein, sie hätte ihn schon gestern in ihre Pläne eingeweiht, wenn es so wäre. Noch wollte er es nicht wahrhaben, aber er war beunruhigt, und seit einiger Zeit schien es tatsächlich Gründe dafür zu geben. Amy schien nicht mehr dieselbe – oder seine eigene Wahrnehmung war getrübt. Er hörte ihre vertrauten Geräusche unten am Schreibtisch, sie saß einen Stock tiefer an ihrer alten Stenografiermaschine, vertieft in ihre Fingerübungen.

Tom hatte sich vor sieben Jahren in sie verliebt und sie sich in ihn, und sie hatte ihn an New York gebunden wie die Erde den Mond bindet, oder umgekehrt, verlässlich jedenfalls, mit einer mathematischen Gewissheit, die Dauer versprach, ihn, Thomas Maas, den Wiener aus Pötzleinsdorf, der den Schafberg liebte. Amy Alister, seit fünf Jahren seine Frau, hatte seinen Hausberg fast entzaubert, um Tom, drüben in Amerika, in einem neuen Zauber zu fangen: Manhattan.

Er konnte den treibenden Rhythmus ihrer Finger hören, die über die Akkord-Tastatur flogen. Sie liebte dieses altmodische Gerät, das längst durch digitale Gerichtsprotokolle ersetzt worden war, aber für ihre analoge Seele klang es wie Musik, im Gegensatz zum glatten Laptop-Getippse. Amy war schon in Yale die Schnellste gewesen, die Verrückteste, die Künstlerin unter den Kommilitoninnen, und hübsch obendrein. Master-Abschluss in Jus, Anwaltspatent. Strebsamkeit, Ehrgeiz und Disziplin hatten ihr Vater und Großvater, die lange schon tot waren, in die DNA gemeißelt.

Tom glaubte, an der Dynamik ihres Anschlags ihren Gemütszustand erkennen zu können. Im Moment fegte ein Solo über die Tasten, zügellos und beherrscht zugleich, und erzählte wohl eine Geschichte, die so schwarz war wie der Himmel über New Hampshire in einer kalten Jännernacht, aber sicher war er sich nicht. Irgendwas störte. Noch ein Rätsel in der Welt.

»Dir geht’s gut heute, Amy, ich kann’s hören«, log er durch den Spalt der Badezimmertür. Von seinem eigenen Zustand oder gar von seiner Todesahnung wollte er noch nichts erzählen, um sie nicht zu beunruhigen. Wie gesagt, die Stimmung war in letzter Zeit ein wenig angespannt, subtil nur, ohne Eklat. Keine Reaktion von unten.

Offensichtlich hatte sie Kopfhörer im Ohr und tippte eine ihrer alten Übungskassetten durch – längst vergangene Gerichtsverhandlungen mit Hochtempo-Dialogen und Kreuzverhören – ein ziemlich anachronistisches Geistestraining. Eigentlich ein Aufwärmritual für Gerichtsschreiber, das sie sich schon bald nach ihren Examen auferlegt hatte und bis heute durchzog, obwohl sie längst in einer großen Anwaltskanzlei beschäftigt war, die sich um Steuerrecht und Immobiliengeschäfte kümmerte. Sie machte es aus gehirnsportlichen Gründen, als Therapie zur Sammlung und Schärfung ihres Verstandes. »Ganglien durchputzen« nannte sie das. Auch zur Beruhigung tat sie es, es werde ihr dann so wohlig warm im Kopf und auch im Bauch, ähnlich dem Gefühl, wenn sich ein kräftiger Schluck Cognac ölig im Magen breitmacht. Während einem normalen Menschen das Abtippen eines wortreichen Gerichtsprozesses in Echtzeit aus geistiger Überreizung Übelkeit bereiten würde, fand sie dabei Frieden mit sich und fühlte sich geschützt unter einer Glocke vollkommenster Konzentration.

»Amy, geht’s dir gut?«, rief Tom. Lauter diesmal.

Nichts von unten. Nur das Trommeln der Finger. Er setzte sich an den Rand der Badewanne, frottierte sich die Füße und kam ins Grübeln. Was, wenn sie nun doch keine Kopfhörer im Ohr hat, dann hätte sie mich doch hören müssen, hat aber nicht reagiert. Ist sie böse? Gibt’s ein Geheimnis?

Sie schien ihm sehr verletzlich in letzter Zeit, hatte begonnen sich zurückzuziehen, in ihren Ballon, ohne ein Passwort zu hinterlassen. Seit drei Wochen etwa fiel ihm ihr merkwürdiges Verhalten auf, und ihr Schweigen wurde allmählich verräterisch. Es dauerte schon zu lange, um sich problemlos in ein friedliches Gespräch zu wagen. Und je länger das Schweigen anhielt, desto mehr stumme Fragen türmten sich zwischen ihnen.

Inzwischen hatte ihre »Abwesenheit« begonnen, sein Leben auszufüllen und aus dem Gleichgewicht zu rücken. In dieser Zeit hatten sie sich nur einmal geliebt, leidenschaftlich zwar, ja, aber andererseits auch wie eine Notwendigkeit, die sich angestaut hatte. Jedenfalls schien die Atmosphäre zwischen ihnen auf ein Ereignis hinzusteuern, das entweder alles verändern oder Aufklärung über ihr gemeinsames Leben bringen würde.

Die Neugier paarte sich mit einem mulmigen Gefühl, das Tom zur Sache kommen ließ, und als er die Holztreppe hinunterschlich, bestätigte sich sein Misstrauen. Keine Kopfhörer …

»Amy?« Keine Antwort, aber die Anschläge verlangsamten sich. Sie streckte sich ins Hohlkreuz, wobei ihr ein leichtes Stöhnen auskam. Dass diese kleine erotische Bewegung keine bewusste Geste war, sondern nur ein erlösender Impuls ihrer gespannten Nerven, machte die Sinnlichkeit des Moments noch reizvoller. Er hielt kurz inne, genoss ihren Anblick. Eine Garbe dunkelbraunen Haars floss über die nach hinten gestreckten Schultern, dazwischen eine Ahnung ihres Honighalses. Schön war sie, von allen Seiten war sie das. Er hätte sie am liebsten umarmt und festgehalten für alle Zeit, und gleichzeitig fürchtete er, sie könnte ihm entgleiten, für immer, genau in diesem Augenblick. Er näherte sich von hinten, legte seine Hände auf ihre Schultern und begann sie sanft zu massieren.

»Amy … sprichst du nicht mehr mit mir? Ich hab dich gerufen.« Eher unterwürfig sagte er das, fast zärtlich, jedenfalls nicht im Ton eines amerikanischen Machos, in dem auch ein Hauch von Gewalt mitschwingt, die als sanfte Drohung in der Zukunft liegt. Diese Variante habe sie schon hinter sich, hatte sie einmal lakonisch festgestellt. Trotzdem zog sie abrupt ihre Finger von der Tastatur, als hätte sie eben eine heiße Herdplatte berührt, oder doch einen Befehlston herausgehört. Sie drehte sich nicht um nach ihm, vermied den Augenkontakt, als hätte sie Angst oder zumindest ein schlechtes Gewissen. Aber warum? Dann suchte ihre linke seine rechte Hand auf ihrer Schulter, umschloss sie, während ihr Zeigefinger unschlüssig über den seinen strich.

»War in Gedanken, verzeih.«

»Was schreibst du da?«

»Meine Übungen, das Übliche.«

»Ohne Kopfhörer? Auswendig?!« Sie nickte, ihr Zeigefinger tätschelte kurz seine Hand, lass gut sein, hieß das. Er ließ ab von ihr. Sie war also tatsächlich imstande, ausgedehnte Dialogpassagen aus vergangenen Gerichtsverhandlungen aus dem Gedächtnis abzurufen und in Echtzeit mitzutippen. Das war so außergewöhnlich, dass ihn ein kurzer Schwindel überkam. Als er gerade ansetzen wollte, die Ungewissheit, die wie Nebel aufstieg, zu klären, schrillte das Telefon. Als wäre der Anruf eine Erlösung, begann sie wieder zu tippen, aber sie hatte den Rhythmus verloren. Tom hob ab.

Die Reuters-Agenturen in Wien, Berlin und Zürich wollten aktuelle Reportagen von ihm, Bilder und Geschichten aus New York, als Hotspot der Pandemie, Atmosphärisches aus Manhattan, vielleicht ein Interview mit Cuomo, Gespräche mit Passanten, Obdachlosen, Krankenhauspersonal, Frontline-Stories und so weiter – New York 2020. Er wiederholte die wichtigsten Punkte und notierte sie auf seinem Notizblock.

Als er auflegte, irritierte ihn eine Ahnung – es war still geworden, kein Tippen mehr. Als er sich zum Schreibtisch umdrehte, lag Amy kreidebleich neben ihrem Stuhl, beide Arme verdreht, vom Körper weggestreckt, den Mund leicht geöffnet. Sie musste lautlos zu Boden gesackt sein. Er kniete sich zu ihr, tätschelte ihre Wangen, erst zärtlich, dann grob, schrie sie an, verzweifelt, hob ihren Kopf auf seine Oberschenkel, verlor kurz den Boden, bevor sein Verstand ausgriff, um ihn festzuhalten. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie endlich die Augen öffnete.

»Amy, Amylein … was ist mit dir?«

»Was?«

»Was ist geschehen?«

»Ah … ich bin, ich weiß nicht.«

Dr. Fowler, ihr alter Hausarzt, war gerade auf dem Weg in seine Praxis und deshalb schneller zur Stelle, als die Ambulanz es geschafft hätte. Diagnose: Blutzuckerabfall, zu niedriger Blutdruck, zu hoher Puls mit sporadischen Extrasystolen, funktionale Störungen, aber keine lebensbedrohlichen Symptome. Schwanger war auszuschließen, der Teststreifen war auch gestern negativ. Tom wollte nicht mehr von Amys Seite weichen, hielt ihre Hand, streichelte ihr durchs Haar.

»Fahr nur nach New York, ich komme hier schon zurecht«, sagte sie mit leiser Stimme, aber einer Bestimmtheit, die ihn überraschte, und sie setzte noch nach: »Die Reuters-Leute warten nicht gerne, das weißt du doch.«

»Ach, die können mich jetzt«, sagte er, hatte aber gleichzeitig das Gefühl, als empfände sie seine Anwesenheit als Störung, als führte sie etwas im Schilde, das nicht für seine Augen bestimmt war.

»Das Virus und die Menschen laufen dir davon, Tom, und dann hast du keine Stories«, sagte sie.

»Das Virus kann nicht laufen, Mrs. Maas, weil’s nämlich gar nicht lebt«, mischte sich Dr. Fowler ein. »… und Sie können gerne Ihrer Arbeit nachgehen, Mr. Maas, wir haben das hier im Griff.«

Tom ließ sich nicht zweimal bitten, er dachte dabei an seine Geldquellen, die allesamt seit vielen Wochen versiegt waren. Der Jazzclub, die Mietwohnungen im Townhouse, alles on hold, aber er wollte seine Bediensteten nicht entlassen, sie waren stets loyal gewesen und hatten Besseres verdient, also bezahlte er sie weiter. Darüber hinaus gehörten sie alle zur Risikogruppe, trotz ihres mittleren Alters, Latinos, Schwarze und zwei Chinesen, die im kleinen Restaurant unter seiner Wohnung gearbeitet hatten. Chinesisch essen wollte hier seit Wochen keiner mehr, dabei kochten sie brillant und niemals Fledermäuse, außerdem waren sie gebürtige New Yorker in dritter Generation.

Einzig sein Reporterjob konnte jetzt noch ein Einkommen sichern, also machte er sich auf den Weg. Seinen Wagen ließ er in der Garage, fuhr mit dem Taxi zum Bahnhof und nahm den Zug nach New York, um nachdenken zu können auf der Fahrt. Er war aus der Spur, konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Amys Ohnmacht war nur eines der rätselhaften Ereignisse, die ihn nun für längere Zeit nicht mehr loslassen sollten.

Jetzt, da die Welt stillstand – er schien auch im Zug der einzige Fahrgast zu sein –, konnte man plötzlich das Gras wachsen hören. Alles kam auf den Tisch, Kleinigkeiten und Grundsätzliches, als hätte die Überdosis an pandemischer Ruhe alle Fragezeichen freigelegt. Was war nur mit ihr? Ihre Reaktionen entsprachen nicht dem natürlichen Fluss, als spielte sie eine Rolle in einem Stück, das ihm völlig fremd war.

Sein Kopf, ans wummernde Fenster gelehnt, akzeptierte die Massage, das Gerumpel der Hudson Line. Draußen flogen Industrieanlagen und ein paar verwitterte Einfamilienhäuser vorbei. Er starrte ins Leere, selbst die Zumtobel-Leuchten-Fabrik, die ihm als Österreicher noch bei jeder Fahrt eine Sekunde Heimat schenkte, hatte er diesmal nicht wahrgenommen.

Sie waren doch eigentlich ein stimmiges Paar, beruhigte er sich, Amy und er, ihre Talente und Temperamente griffen ineinander, sie waren erfolgreich, hatten sich über die Jahre ein kleines Vermögen erarbeitet, einen respektablen Freundeskreis, alles war gut. Alles war doch gut. Er wollte keinen Tag der ersten fünf Ehejahre missen. Einzig die Sehnsucht, die eine Sehnsucht, ja, die war geblieben – ein Kind, das Kind, eine Familie, sesshaft werden. Ein Wunsch, der allmählich zur Wolke wurde, die ihre Tage zu trüben begann. Sie hatten alles Mögliche ausprobiert. Bisherige Versuche waren gescheitert. Sperma und Gebärmuttercheck ohne Befund, In-vitro-Fertilisation und Hormonbehandlungen – ohne Ergebnis. Amy war jetzt 35, in der beginnenden Blüte ihres Lebens und längst bereit, Wurzeln zu schlagen.

Tom und sesshaft – das schien noch illusorisch, er blieb ein Wahrträumer. Vieles von dem, was ihm seine Vorstellungskraft entworfen hatte, war tatsächlich eingetreten, was ihn glauben machte, er könnte tatsächlich sein ganzes Leben als Traum vor die Zukunft hinpinseln und dann Schritt für Schritt mit der Wirklichkeit synchronisieren. Seine Trefferquote war gar nicht übel, die ersten Etappen der vorgeträumten Pfade hatte er wahr gemacht. Die Frau seiner Sehnsucht war an seiner Seite und das Abenteurerleben, das ihm der übermächtige Geist des Arthur Rimbaud einst eingeflößt hatte, lebte er tatsächlich. Er war ein gefragter Journalist, Besitzer eines Mietshauses und Pächter eines kleinen Jazzclubs im Zentrum der Welt. Kaufmännische Cleverness, Menschenkenntnis und eine entwaffnende Offenheit hatten ihn breit aufgestellt, wie man so sagt. Und ja, Rimbaud, Frankreichs Dichtergenie, war der Held seiner Jugendjahre und bis heute. Das verrückte Leben dieses Patrons der Rastlosen galt ihm seit jeher als Blaupause.

»Der Kerl ist schon seit hundertdreißig Jahren tot, Tom«, musste Amy öfters einwenden, um ihn wieder auf den Boden zu holen, »und er gibt dir noch immer Tritte in den Arsch.« »Arsch« hatte sie tatsächlich auf Deutsch gesagt. Sie lernte schnell. Auch »Oasch« ging schon recht gut. Sie hatte das Faible ihres Mannes anfangs belächelt und für kindische Extravaganz gehalten, war dann aber doch geraume Zeit mit ihm durch die Welt gezogen und musste sich am Ende sogar eingestehen, dass dieser mausetote Franzose ihrem Tom über Jahre ein einträglicher Inspirationsquell gewesen war. Das Leben ist anderswo.

Aber das Anderswo, das Vagabundendasein, die Schlafsacknächte in der algerischen Sahara, das tagelange Martyrium auf rostigen Fischkuttern zwischen Sansibar und Mogadischu, nur um ein paar verwahrloste Warlords zu interviewen, und dazu die Geschichten im Ohr, die schon Rimbaud in diesen Breiten erlebt hatte, nachdem er seine Schreibfeder ins Feuer geworfen und ein Leben als Söldner und Waffenhändler vorgezogen hatte – das war entschieden zu viel gewesen für Amys Nerven. Sie wollte nicht mehr wissen, wie viele Gewehre er nach Mosambik oder Addis Abeba verschoben hatte, sondern verspürte nur noch Wut auf diesen Verrückten, der mit seiner heiligsten Gabe so verächtlich umgegangen war.