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Peter Wehle

BEETHOVEN

VON ALLEM MEHR

Mit 29 Abbildungen

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

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INHALT

VORWORT

LUDWIG DER DRITTE … UND WAHRE ERSTE

GROSSVATER, VATER, STAMMVATER

VERSAGER UND OPFER

DER ZEIT IHR GENIE, DEM GENIE SEINE ZEIT

WILLKOMMEN IN WIEN

LEBENSLÄNGLICH WIEN

VON VIRTUOSEN, LEHRERN UND STUDENTEN

… UND EINEM VIRTUOSEN SCHÜLER

DER WERK-MEISTER

(R)EVOLUTION, SAITENWEISE

TASTEN-TESTAMENT

VOM GEBEN UND NEHMEN

„DAS UNGLÜCKLICHSTE GESCHÖPF GOTTES“

„NUR SIE DIE KUNST“ Das Heiligenstädter Testament

BERUF? KOMPONIST!

VOM WEISEN WIDMEN

KLANGSTÜCK-FORM UND KLANGSTÜCK-NORM Sonate & Sonatensatzform

EILIG FLÜCHTIG

WUCHT UND GENIE … DIE DRITTE!

VOM LANGEN ATEM … FIDELIO

UMWEG-„RENTEN-TABILITÄT“

ZU VIEL, ZU KALT, ZU FALSCH

DIE VIELLEICHT BERÜHMTESTE TERZ DER WELT

VON EGMONT ZU WELLINGTON oder „Nur so und nicht anders“

EIN UNSTERBLICHER BRIEF

WELTEN-SINFONIE

FAMILIEN-BANDE

TOD UND VEREHRUNG

EPILOG

WERKAUSLESE

ZUM WEITERLESEN

DER AUTOR

BILDNACHWEIS

NAMENREGISTER

VORWORT

Wenn man Beethoven als „Religion“, als „Wahrheit“, als „ewig“ oder gar als Kombination dieser Begriffe bezeichnet, dann läuft er Gefahr, für Generationen, die mit derart heavy Begriffen wenig am Hut haben, ein absolutes No-Go zu werden … und das wäre jammerschade.

Denn Beethovens Leben – vor allem das seiner Werke – ist wie ein riesiges Museum voller Genüsse, nur dass die Kunstwerke zu hören statt zu sehen sind. Dementsprechend kann man mit seinem Werk wie mit den großen Kunstmuseen dieser Welt umgehen.

»Man kann davon nichts wissen, nichts wissen wollen, und unbeschwert durchs Leben gehen.

»Man kann im Wissen darum, dass genau hier links die heiligen Hallen vom „Louvre-Prado der Sammlung Eremitage im linken Flügel der von Henry Tate gespendeten Pinakothek zu den Kunsthistorischen Uffizien“ stehen, daran vorbeihasten wollen, sich dann doch kurz die Schuhe binden und weitereilen.

»Man kann sich eine Jahreskarte kaufen, immer wieder – nur eine Stunde … oder, na gut, zwei – hineinspazieren, sich Saalwand für Saalwand eine neue Welt zusammengenießen und beschließen, auch andere dieser gigantischen Schönheitsspeicher kennenlernen zu wollen.

»Oder man kann einem einzigen Kunstwerk sein Leben widmen, es zu unterschiedlichen Jahres- und Tageszeiten, in verschiedenen eigenen Launen, vom Kindes- bis zum Greisenalter besuchen, betrachten, bestaunen kommen und von ihm stets etwas Neues lernen, in ihm einen Lebensbegleiter entdecken, ohne mit ihm auf allzu plumpe Art vertraut zu werden.

So ähnlich kann es einem mit Beethovens Musikwerk ergehen – oder eben mit einem einzigen. Allerdings nur, wenn man weiß, wie, wo, wer, was genau … und überhaupt Beethoven war. Und deshalb … hervor mit ihm. Weg mit dem Glassturz!

Aber ohne die wunderbare – und geduldige – Unterstützung durch das Team des Amalthea Verlags, allen voran Mag. Katarzyna Lutecka und MMag. Madeleine Pichler, und ohne die kritisch-wohlwollenden Adleraugen meines Lektors Mag. Martin Bruny hätte ich mich noch so sehr bemühen können, es wäre zu keinem Beethoven – von allem mehr gekommen.

Erst recht nicht ohne meine Mutter, Dr. Eva Wehle, die mir auch diesmal wieder die präziseste „Suchmaschine“, das beste Antidepressivum wie auch die verständigste Korrekturleserin war.

Danke!

Peter Wehle

LUDWIG DER DRITTE … UND WAHRE ERSTE

Ludwig – nach dem Großvater sollte er heißen! Da ihr erster „kleiner Ludwig“ im April 1769 nur wenige Tage überlebt hatte, wollten Johann und Maria Magdalena van Beethoven nun auch ihren Zweitgeborenen nach dessen Großvater taufen lassen.

Ludwig van Beethoven senior war mit seinen beinahe 58 Jahren schon zu alt, um dem Neugeborenen noch bei dessen Karriere helfen zu können, aber vielleicht würde seinem Enkel die Namensgleichheit nützen. Erst recht, falls der nicht so begabt wie sein – höchst angesehener – Großvater sein sollte. Aus heutiger Sicht … eine originelle Befürchtung. Aber wer konnte an diesem 17. Dezember 1770 schon ahnen, was für ein Genie hier in der Bonner St.-Remigius-Kirche getauft wurde.

GROSSVATER, VATER, STAMMVATER

1712 in Mechelen geboren, hatte sich Ludwig van Beethoven senior einst von einem jugendlichen „Ausreißer“ aus einem Elternhaus voller Armut zu einem anerkannten und würdigen Hofkapellmeister hinaufgearbeitet. Sein Weg führte den ehemaligen Chorknaben der erzbischöflichen Kathedrale von Mechelen zuerst nach Löwen, wohin er Anfang November 1731 an die St.-Peters-Kirche berufen wurde. Schon bald übernahm er neben seiner Position als Sänger auch die Stelle des Kapellmeister-Stellvertreters. Anfang September 1732 wechselte er an die Lambertuskathedrale nach Lüttich, bevor er im März 1733 zum entscheidenden Karrieresprung seines Lebens ansetzte – der Kölner Kurfürst und Erzbischof Clemens August von Bayern holte ihn als Sänger an seinen Hof in Bonn.

Da die Besoldung adäquat war, konnte er schon einige Monate später Maria Josepha Poll zum Traualtar führen. Von den drei Kindern überlebte nur der Jüngste, Johann van Beethoven, die ersten Lebensjahre.

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Großvater und Stammvater Ludwig van Beethoven senior (1712–1773)

Neben seiner musikalischen Arbeit in Konzerten, am Theater und in Kirchen baute sich Ludwig van Beethoven senior ein zweites Standbein auf – einen Weinhandel für vor allem niederländische Kunden.

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Die Eltern „unseres“ Beethovens: Johann (1740–1792) und Maria Magdalena van Beethoven (1746–1787)

1760 schien er endlich zum Hofkapellmeister aufsteigen zu können … und musste zusehen, wie Joseph Touchemoulin, ein jüngerer, tatsächlich besser geeigneter Kandidat, ihm vorgezogen wurde. Aber Beethoven senior hatte Glück. Nach dem Tod seines Fürsten, Clemens August von Bayern, im Februar 1761 war dessen Nachfolger, Maximilian Friedrich, Reichsgraf von Königsegg-Rothenfels, zu einem radikalen Sparkurs gezwungen, in dessen Folge er nicht nur die Größe des Bonner Hofstaats von über 1700 auf unter 700 Ämter reduzieren, sondern auch das Gehalt des Hofkapellmeisters halbieren ließ, worauf sich jener frisch ernannte Touchemoulin umsah … und den Triumph erlebte, noch im selben Jahr am Regensburger Hof der Fürsten von Thurn und Taxis eine besser dotierte Stelle zu übernehmen.

Der Hofkapellmeister-Weg war nun frei für Beethoven senior, der sich noch dazu als „Sonderangebot“ für den Erzbischof erwies, da er zwei Posten – Sänger und Kapellmeister – in einer Person bei nur einem Gehalt in sich vereinte. Beethoven senior übte diese Doppelfunktion noch Jahre aus, bevor im Jänner 1773 „bekannter Dingen der Bassist van Beethoven […] als solcher gebraucht zu werden, nimmermehr imstande sich befindet“ zu lesen war. Als er am 24. Dezember 1773 starb, war seine Frau bereits länger in einem Kölner Kloster untergebracht, denn Josepha van Beethoven hatte sich „dem Trunke ergeben“.

Egal ob Ludwig van Beethoven senior eher „ein großer schöner Mann“ mit einer „breide Stirn, runde Nas, große dicke Augen, dicke rothe Wangen, sehr ernsthaftes Gesicht“ war oder ob es sich bei ihm um einen „kleinen kräftigen Mann mit äußerst lebhaften Augen“ gehandelt hat – welche Beschreibung mancher Zeitgenossen auch immer zugetroffen haben mag, er hatte seinen Enkel dermaßen beeindruckt, dass der bei seinen zahlreichen Umzügen des Großvaters Ölporträt pfleglichst behandelte. Schließlich sollte er ihn auch in der neuen Bleibe wohlwollend betrachten können … und umgekehrt.

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Beethovens Geburtshaus in Bonn, heute Teil des Beethoven-Museums

VERSAGER UND OPFER

Das berühmte Bonmot „Früher war ich der Sohn meines Vaters, jetzt bin ich der Vater meines Sohnes“ von Abraham Mendelssohn Bartholdy hätte auch von Johann van Beethoven – des alten Ludwig Sohn, des jungen Ludwig Vater – stammen können. Vielleicht wäre es ihm ja tatsächlich eingefallen, wenn nicht der in Bonn allseits geschätzte Vater auch privat so tonangebend gewesen wäre.

Oder sein Ältester nicht so elendiglich begabt gewesen wäre?

Oder der Alkohol nicht so widerwärtig allgegenwärtig gewesen wäre?

Sohn, Vater, Ehemann … und Versager.

Oder doch nur Opfer widriger Umstände?

Johann van Beethoven war vieles, ein wie auch immer erfolgreicher Zeitgenosse war er nicht.

Als er 1740 auf die Welt kam, hatten seine Eltern bereits zwei Kinder begraben, ihre Hoffnungen ruhten nun auf seinen – schmalen – Schultern. Johanns wohlklingende Stimme und seine Musikalität entsprachen den elterlichen Erwartungen, der Vater unterrichtete ihn in Gesang und Klavier. Nach kurzer Zeit in einem Gymnasium bestimmte ihn sein Vater zum Dienst in der Hofmusik. Ab zwölf sang er im kurfürstlichen Chor, mit 16 Jahren erhielt Johann van Beethoven aufgrund „zu der Singkunst habenden Geschicklichkeit, auch darin bereits erworbenen Erfahrung“ sein Dekret als Hofmusikus – eine Position, die ihm ein Zusatzeinkommen als Musiklehrer ermöglichte.

Die finanzielle Situation erlaubte ihm nun, den nächsten Schritt in ein selbstständiges Erwachsenenleben zu tun. 1767 heiratete Johann van Beethoven Maria Magdalena Leym, die trotz ihrer 20 Jahre bereits ein, wenn auch ebenso tragisches wie ehrenhaftes, Vorleben gehabt hatte. Die Tochter des acht Jahre davor verstorbenen Oberhofkochs der Kurfürsten zu Trier hatte 1763 einen kurfürstlichen Kammerherrn (eine Mischung aus Chefbutler und Head of Backoffice) geehelicht, war aber bereits knapp zwei Jahre später Witwe geworden.

Ludwig van Beethoven senior war über die Wahl seines Sohnes gar nicht erfreut – die Leymische sei doch wirklich keine standesgemäße Ehefrau. Wie konnte Johann nur die Tochter eines Oberhofkochs … also nein, wirklich nicht!

Dass in der damaligen Zeit die Position eines – noch dazu kurfürstlichen – Chef de Cuisine der eines Hofkapellmeisters durchaus gleichgestellt war, schien Ludwig van Beethoven senior in diesem Moment heftiger Ablehnung vergessen zu haben.

Eine mögliche Erklärung dieser unberechtigten Mischung aus gesellschaftlichem Dünkel und hofkapellmeisterlichem Poltern könnte jedoch in seiner Angst um den eigenen Familienstatus gelegen sein. Zwar war und blieb er der Vorgesetzte seines Sohnes, aber er mochte wohl gewusst haben, dass er bei wesentlichen Entscheidungen gegen den Einfluss einer bereits eheerprobten Schwiegertochter keine Chance haben würde.

Da sein Sohn aber auf seiner Wahl beharrte, war Ludwig van Beethoven senior klug genug, nachzugeben. Erst recht, da seine zukünftige Schwiegertochter „eine schöne schlanke Person“ von ziemlicher Größe mit einem länglichen Gesicht, einer etwas gebogenen Nase und ernsthaften Augen gewesen sein soll. Zumindest, wenn man den Schilderungen von Gottfried Fischer, dessen Eltern die Vermieter der Familie Beethoven waren, Glauben schenken darf.

Und sehr ernst sei sie gewesen. Cäcilia, Gottfrieds um 18 Jahre ältere Schwester, „wußte sich nie zu erinnern, daß sie Madam van Beethoven hätte lachen sehen, immer war sie ernsthaft“. Abgesehen davon gab es über ihren Charakter nur zarte Andeutungen: Fromm, sanft und gutmütig, aber auch aufbrausend sei sie gewesen. Und trotzdem habe sie sich im sozialen Umgang sehr geschickt gezeigt und den Haushalt sparsam geführt.

Es blieb ihr, angesichts von sieben Geburten und eines Immer-mehr-Alkoholikers, wohl nichts anderes übrig.

Sieben Geburten zwischen April 1769 und Mai 1786, zwischen ihrem 23. und 39. Lebensjahr – dass Maria Magdalena van Beethoven am 17. Juli 1787 in ihrem 41. Lebensjahr „an der Schwindsucht“ starb, war nicht unerwartet, geschweige denn eine ungewöhnliche Tragödie. Und doch traf ihr Tod den damals 16-jährigen Ludwig unvermittelt und heftig, wohl auch, weil er mit ihr seine wichtigste Verbündete gegen den Vater verloren hatte. Kein Wunder, dass er nach seiner ersten Wien-Reise am 15. September 1787 an Joseph Wilhelm von Schaden, einen Augsburger Vertrauten, schrieb:

„Hochedelgeborner, insonders werter Freund!

[…] Ich muß Ihnen bekennen: daß, seitdem ich von Augsburg hinweg bin, meine Freude und mit ihr meine Gesundheit begann aufzuhören; je näher ich meiner Vaterstadt kam, je mehr Briefe erhielt ich von meinem Vater, geschwinder zu reisen als gewöhnlich, da meine Mutter nicht in günstigen Gesundheitsumständen wäre; ich eilte also so sehr ich vermochte, da ich doch selbst unpäßlich wurde; das Verlangen, meine kranke Mutter noch einmal sehen zu können, setzte alle Hindernisse bei mir hinweg und half mir die größten Beschwernisse überwinden. Ich traf meine Mutter noch an, aber in den elendesten Gesundheitsumständen; sie hatte die Schwindsucht und starb endlich ungefähr vor sieben Wochen, nach vielen überstandenen Schmerzen und Leiden. Sie war mir eine so gute liebenswürdige Mutter, meine beste Freundin; o! wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen Mutter aussprechen konnte, und er wurde gehört, und wem kann ich ihn jetzt sagen? Den stummen ihr ähnlichen Bildern, die mir meine Einbildungskraft zusammensetzt? So lange ich hier bin, habe ich noch wenige vergnügte Stunden genossen; die ganze Zeit hindurch bin ich mit der Engbrüstigkeit behaftet gewesen, und ich muß fürchten, daß gar eine Schwindsucht daraus entsteht; dazu kommt noch Melancholie, welche für mich ein fast ebenso großes Übel als meine Krankheit selbst ist.“

Spätestens mit dem Tod der Mutter endete der letzte Rest der Kindheit, die Beethoven ohnehin kaum je kennengelernt hatte.

Zu Beginn der Ehe von Johann und Maria Magdalena van Beethoven schien noch alles einen normalen, kleinbürgerlichen Weg zu gehen. Nach Geburt und Tod des ersten kleinen Ludwig im April 1769 bot sich den Eltern die Freude, drei Söhne überleben und aufwachsen zu sehen. Am 17. Dezember 1770 wurde der zweite kleine Ludwig – „unser“ Beethoven – getauft, sein Bruder Kaspar Anton Karl folgte am 8. April 1774. Ziemlich genau zweieinhalb Jahre später erblickte Nikolaus Johann van Beethoven das Licht der Welt – zu beiden Brüdern sollte Beethoven zeitlebens eine enge, wenn auch problematische Beziehung haben.

Ebenfalls 1770 ergab sich für Johann van Beethoven die Möglichkeit eines Wechsels weg von Bonn an die Lütticher Lambertuskathedrale, wo schon sein Vater eine der ersten Stufen seiner Karriereleiter erklommen hatte. Doch aufgrund des kurfürstlichen Widerstands blieb es bei dem Wunsch. Johann, seine Familie und damit auch sein Sohn Ludwig blieben in Bonn.

Nur kurz … ein Gedankenspiel. Wäre Ludwig van Beethoven in Lüttich geboren, erzogen, musikalisch sozialisiert worden und hätte von dort aus seine Karriere gestartet – wäre er „unser“ Ludwig van Beethoven geworden? Oder doch ein ganz anderer? Ein anderer … ja. Aber kein ganz anderer. Denn um ein Genie zu werden, bedarf es zweierlei: der genetischen Ausstattung und der umgebenden Bedingungen. In erstere Kategorie fällt neben der alles überstrahlenden Genialität vor allem eine Eigenschaft, die die Ortsunabhängigkeit eines Genies garantiert: sein Fleiß. Und letztere Kategorie hing bei Beethoven nicht mit geografischen Koordinaten zusammen, denn die für ihn entscheidende Umgebung war … sein Vater, und der hätte sich wohl in Lüttich ähnlich verhalten.

Denn Johann van Beethoven wusste, dass er vieles nur dank seines Vaters erreicht hatte. Schlimmer noch: dass er vieles davon durch seinen weindurchtränkten Lebenswandel zunichte zu machen drohte. Aber jetzt hatte sich ihm eine zweite Chance eröffnet, es besser zu machen, denn es war sein Sohn, der extrem musikalisch war, sein Sohn, mit dem er der Welt zeigen konnte, wozu er selbst nicht imstande gewesen war: aus diesem Kind einen berühmten Musiker, vielleicht sogar ein Wunderkind zu formen. Was dieser Leopold Mozart mit seinem Wolfgang geschafft hatte, würde ihm doch ebenso gelingen.

Schule? Wozu?

Wie Lutwig v: Beethoven was angewacksen war, ging er in die Neüstraß […] bey Herr Lehrer Huppert in die Elimentar Schule, auch nachher in die Münster Schul gegannge, er hat nach seinem Vater aussage nicht viel in der Schule erlärrent, deßwegen hat ihn sein Vater so frühe an das Klavier gesetzt und ihn stränng angehalten. Cicilia Fischer bezeüge, wie sein Vater ihn am Klavier anführte, muß er auf einem kleine Bännkgen stehe und spiele.“

Es sind wieder Gottfried Fischers ungelenke Zeilen, die uns Johann van Beethovens Bildungsbewusstsein näherbringen. Wissen ist was für Loser, Wunderkinder sind Winner.

Und was ein Wunderkind war, schien Johann van Beethoven genau zu wissen. Eine Reproduktionsmaschine – je jünger die Hände waren, die flink über die richtigen Tasten sausten, um bekannte Werke dem erstaunten Publikum darzubringen, desto schneller würden sich seine – seines Sohnes sowie seine – Ehre und Karriere vermehren.

Kleine Hände, großer Ruhm! Aber das bezog sich eben nur auf das Spielen beliebter Werke, nicht auf die – zugegebenermaßen musikalisch nicht allzu raffinierten – Tonschöpfungen eines Volksschulkindes. Ludwig sollte üben, aber nicht seinen schöpferischen Neigungen nachgehen.

„Lutwig v: Beethoven erhielt weider auch Täglich Lehrstunde auf der Fiolin. Lutwig spielte mal ohn Nohten, zufällig kam sein Vater herrein, sagt, was kratz du da nun wider Dummes Zeüg durcheinander, du weis das ich das gar nicht leiden kann, kratz nach den Nohten, sonst wird dein kratzen wenig nutzen. […] er spielte wider nach seinem Sinn ohn Nohten, da kam sein Vater herrein, höhrs du dann gar nicht auf nach alle meine Sagen, er spielte wider, sagt zu seinem Vater, ist denn das nicht schön, sagt sein Vater, das ist nur was anders, allein aus deinem Kopf, dafür bist du noch nicht da, befleißige dich auf dem Clavir und Fiolin, mach schwinnt richtige angriff auf die Nohten, da ist mehr an gelegen. Wenn du es mal so weit gebracht hast, dann kanz du und muß du mit Kopf noch gnug arbeiten, aber dafür geb dich getz nicht damit ab, du bist noch nicht dafür da.“

Manche meinten, diese – nicht nur freiwillige – ausschließliche Beschäftigung mit Musik habe wesentlich zu Beethovens misanthropischem Wesen beigetragen, da er „außer Musik nichts verstehe, was zum geselligen Leben gehöre“. Und diese Einschränkung habe sich auch in der Schule gezeigt, wenn man einem ehemaligen Mitschüler Glauben schenkt: „Luis van Beehoven, dessen Vater beim Kurfürsten als Hofsänger angestellt war. […] Luis v. B. zeichnete sich ganz besonders durch Unsauberkeit, Vernachlässigung u.s.w. aus. Von den genialen Funken, die er später so reichlich sprühete, entdekte damals niemand eine Spur.“

Bei genauerer Betrachtung erweisen sich zwar manche dieser Quellen als etwas wackelig, trotzdem runden sie das Bild eines Knaben ab, der aufgrund der familiären Umstände nicht wie andere – geliebte, gut gepflegte – Kinder aufwachsen konnte, durfte. Wie stark Beethovens spätere innere Zurückgezogenheit und Lebensbrüche abseits der Taubheit bereits in seiner Kindheit angelegt wurden, kann nur schwer beantwortet werden. Dass ihn aber seine Bildungsdefizite – allen voran sein Unvermögen im Umgang mit Zahlen – bis zum Tod behindert und verstört haben, zeigen nicht nur skurril-tragische Passagen in seinen Briefen und „Konversationsheften“. Andererseits ermöglichte die Strenge des Vaters dem kleinen Ludwig sowohl einen Berufseinstieg als auch einen sozialen Um- und Aufstieg, der ohne diesen Drill nicht möglich gewesen wäre.

Am 26. März 1778 veranstaltete „der Churköllnische Hoftenorist“ Johann van Beethoven ein Konzert von „zwey seiner Scholaren“, als einer davon trat „sein Söhngen von 6 Jahren […] mit verschiedenen Clavier-Concerten und Trios“ auf. Die falsche Altersangabe – zu diesem Zeitpunkt war Ludwig sieben Jahre und dreieinhalb Monate alt – dürfte wohl kaum ein Irrtum gewesen sein, doch übt sich früh im Verjüngen, wer ein Wunderkind haben will.

Vier Jahre später, mit „echten“ elf Jahren, begann Ludwig seinen Lehrer Christian Gottlob Neefe an der Orgel zu vertreten. Zuerst zur Ehre Gottes, also ohne Bezahlung, rückte Ludwig Jahre später auf die Stelle des regulären zweiten Hoforganisten nach. Mit 13 Jahren sein zweiter Posten, nachdem er bereits ein Jahr vorher Mitglied der Bonner Hofkapelle geworden war, weshalb er nicht nur als Organist, sondern auch als Cembalist und Bratschist am professionellen Musikleben Bonns teilnahm.

Diese mannigfachen Tätigkeiten ermöglichten es dem jungen Ludwig van Beethoven, Kontakte zu schließen, die sich ihm als bloßen Schulabgänger kaum eröffnet hätten. Dabei spielte sein Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler eine wesentliche Rolle, quasi die erste Geige. Der um fünf Jahre ältere Absolvent des Bonner Jesuiten-Gymnasiums empfahl den nach außen hin früh erwachsenen Ludwig Helene von Breuning als Klavierlehrer ihrer Kinder Eleonore und Lorenz. Ein Glücksgriff – vor allem für Beethoven, denn die jung verwitwete Mutter von vier Kindern bot Ludwig dank ihrer Bildung, aber auch ihrer Großzügigkeit und Güte eine Mischung aus Ersatz-Elternhaus und Institut für Umgangsformen und literarische Erwachsenenbildung, in der Beethoven frei reifen und lernen durfte. Lernen und dabei die Schönheit des Lernens kennenlernen durfte – eine der Erfahrungen, die seine lebenslange Wissbegierde und Diskursfreude prägten.

Im Gegensatz dazu konnte er von seinem Vater Johann nichts mehr lernen, da sich dieser zusehends in der Kunst der alkoholdurchtränkten Selbstzerstörung übte. Als dann auch noch Beethovens Mutter Maria Magdalena am 17. Juli 1787 an der Schwindsucht, an der Lungentuberkulose, starb, gab es für Johann van Beethoven keinen Halt mehr außer … Johanns und Maria Magdalenas jüngste Tochter Maria Margareta Josepha, also „unseres“ Beethovens jüngste Schwester. Sie war erst Anfang Mai 1786 geboren worden. Aber die Frage, ob vielleicht dieses Kind Johann van Beethoven noch einmal aus seinem Elend hätte herausreißen können, beantwortete das Schicksal auf eine für die damalige Zeit realistische Art – die kleine Maria Margareta Josepha starb ihrer Mutter am 25. November 1787 nach. Aus einer ohnehin schon sehr schiefen Bahn wurde eine wirre Lebenslinie, der entlang Johann van Beethoven in den Abgrund torkelte. Um nicht mit seinen Brüdern mitgerissen zu werden, richtete Ludwig ein ungewöhnliches Bittgesuch an Kurfürst Maximilian Franz, dem am 20. November 1789 stattgegeben wurde.

„Ad Sup.

Des Organisten L. Van Beethoven.

Demnach Se Kurfürstl. Dchlt. dem Supplicant, in der einvermeldeten Bitt ggst willfahren, und desselben Vater, der sich in ein churcolnisches Landstädtchen zu begeben hat, von seinen weitern Diensten hiemit gänzlich dispensiren wollen; mithin. mildest verordnen, daß demselben begehrter maßen nur ein hundert Rthr. von seinem bisherigen jährlichen Gehalt künftig, und zwar im Anfang des eintretenden neuen Jahrs, ausgezahlt werden, das andere 100 Thlr. aber, seinem supplicirenden Sohn nebst dem bereits genießenden Gehalt von gedachter Zeit an zugelegt seyn, […] für die Erziehung seiner Geschwistrigen, abgereicht werden soll […]

Urkund. p.

Bonn den 20. November 1789.“

Nun, ab 1790, bekam Ludwig van Beethoven neben seinem eigenen Gehalt zusätzlich die Hälfte der 200 Reichstaler ausbezahlt, die sein schwer alkoholkranker Vater als soziale Zuwendung erhalten hatte. Wie weit die Androhung von dessen Verbannung „in ein churcolnisches Landstädtchen“ ernst gemeint war, lässt sich nur schwer erahnen – auf jeden Fall blieb Johann van Beethoven, auch dank der Fürsprache seines Sohnes Ludwig beim Kurfürsten, in Bonn.

Am 18. Dezember 1792 endete Johann van Beethovens Lebensweg, knapp nach seinem 52. Geburtstag. Ob ihm seine übermäßige Neigung zum Trinken durch den väterlichen Weinhandel in die Wiege gelegt worden war oder ob er sie von der Mutter ererbt hatte, war und ist aus der Sicht seiner Familie irrelevant.

Auch wenn sich Gottfried Fischer in seinen Aufzeichnungen über Beethovens Jugend zu erinnern glaubte, dass Johann van Beethoven lediglich „in Gesellschaft, da nicht oft geschah, ein wenig zu viel getrunken hat“, so berichtet er auch, dass „die drey Knaben […], nemmlich Lutwig, Kaspar, Nikola sehr auf die Ehr ihre Aelteren betacht waren“. Wenn sie von einer dieser „Trink-Gesellschaften“ erfahren hatten, „so waren sie alle drey gleich da besorg und suchten ihr Pappa auf die feinste art, um das es nur kein Aufwannt gab, im stille nach Hauß zu begleiten“.

Egal ob Johann van Beethoven ein Tyrann war, der im Rausch sein Kind misshandelte, ein Vater war, der nur das Beste für seinen Sohn wollte und deshalb über die erzieherischen Stränge – mit erzieherischer Strenge – schlug, oder ob er, nach heutiger Sicht, lediglich ein schwerer F10-Patient („Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol“) war, egal, welchen Standpunkt man einnehmen mag – Johann van Beethoven hatte sein Ziel erreicht. Er starb nicht als Ludwig van Beethovens Sohn, sondern als dessen Schöpfer.

DER ZEIT IHR GENIE, DEM GENIE SEINE ZEIT

Beethovens spätere Überzeugung, nur durch – manchmal heroische – Aufopferung für die Musik seine wahre Daseinsberechtigung erreichen zu können, mag in Teilen auf die Härten der Kindheit und Jugend zurückzuführen sein.

Es mögen manche seiner frühen Lehrer ähnliche Ideen gepredigt haben, aber Christian Gottlob Neefe tat dies wohl kaum. Der absolvierte Jurist und vielseitige Musiker war als Komponist und Musikdirektor ans kurfürstliche Nationaltheater nach Bonn gekommen, wo er 1781 dem bisherigen Hoforganisten Gilles van den Eeden nachfolgte. Zu Neefes neuen Pflichten gehörte der Unterricht der jungen Musiker wie Beethoven, dessen außergewöhnliche Begabung Neefe natürlich erkannte und entsprechend förderte. Denn Christian Gottlob Neefe war ein perfektes Geschöpf seiner Zeit, der Aufklärung. Als Mitglied des Illuminatenordens und, nach dessen Auflösung, Gründungsmitglied der Bonner „Lesegesellschaft“ sowie Freimaurer vertrat er die Ansicht, dass Musik zur geistigen Veredelung der Menschheit einen wichtigen Beitrag leiste, dass aber diejenigen, die zu dieser Veredelung hilfreich beitrügen, nur dank ihrer Begabung und ihres Fleißes, nicht aber aufgrund ihres Standes oder gar ihrer finanziellen oder sonstigen oberflächlichen Rahmenbedingungen dazu geeignet seien und entsprechend unterstützt werden müssten.

Ein Glück für Ludwig … und alle, die seine Musik verehrten und verehren. Denn der junge Mann hatte weder das Aussehen noch das Naturell, das dem Klischee eines Genies entsprach. „Kurz getrungen, breit in die Schulter, kurz von Halz, dicker Kopf, runde Naß, schwarbraune Gesichts Farb, er ginng immer was vor übergebükt.“ – laut Gottfried Fischer wurde Ludwig van Beethoven eben wegen seines Teints „Spagnol“, Spanier, genannt. Auch sein Wesen war nicht geschaffen, Begeisterungsstürme auszulösen.

„Lutwig v: Beethoven war am Morgen auf seinem schlafzimmer, nach dem Hof zu, und lag an der Fänster und hat sein Kopf in beide Hännde gelegt und sah ganz ärnsthaft starr auf einen Ffläcken hinn. Cicilia Fischer kam über den Hof vorbey, sagte ihm, wie sichs aus, Lutwig, erhielt kein Aantwort, sie sagt, kein gut Wätter bey dir, kein antwort. Nachhehr fragte sie ihn mal, was das beteute, kein antwort ist auch antwort.

Er sagte, O Nein, das nicht, entschultige mich, ich war da, in einem so schöne, tiefe Gedanken beschäftig, da konnt ich mich gar nicht stören laße.“

Neefe aber nutzte geschickt die Wissbegier des jugendlichen Außenseiters und lenkte sein Interesse sowohl auf die – eher trockene – Materie des Generalbasses, des harmonischen Gerüsts mehrstimmiger Musik, als auch auf ein großartiges Lehrwerk. 1783 schrieb Neefe in Carl Friedrich Cramers Magazin der Musik über seinen Schüler: „Er spielt sehr fertig und mit Kraft das Clavier, ließt sehr gut vom Blatt, und um alles in einem zu sagen: Er spielt größtentheils das wohltemperirte Clavier von Sebastian Bach.“

An diesem Satz ist neben dem Alter des Gelobten – Beethoven ist zwölf Jahre jung – die Tatsache bemerkenswert, dass Bach damals so gut wie vergessen war … also Johann Sebastian Bach. Wohl war in Kenner- und Genie-Kreisen häufig von „Bach“ die Rede, wenn es um einen hervorragenden Komponisten ging, doch meinten Haydn, Mozart und andere damit fast immer die Bach-Söhne Carl Philipp Emanuel oder Johann Christian.

Aber Neefe schwamm in vielerlei musikalischer Hinsicht gegen den Strom, das zeigt unter anderem die Tatsache, dass er bereits ein Jahr vorher zu Beethovens „Ermunterung […] 9 Variationen von ihm fürs Clavier über einen Marsch in Mannheim stechen lassen“ hatte – quasi die Geburtsstunde des Komponisten Beethoven.

Ein Kuriosum am Rande – auch auf dem Erstdruck der Variationen für Klavier über einen Marsch von Ernst Christoph Dressler wurde Beethoven jünger gemacht, als er war. Seine elf Jahre waren offenbar eines jungen Genies unwürdig, sodass „agé de dix ans“ (also „zehn Jahre alt“) auf das Titelblatt gedruckt wurde.

Kein Wunder, denn die Zeit war wunderkindwütig. Mozart geisterte durch die Köpfe, warum sollte daher Beethoven nicht „gewiss ein zweyter Wolfgang Amadeus Mozart werden, wenn er so fortschritte, wie er angefangen“.

Aber Beethoven hatte weder den dafür notwendigen Manager-Vater noch die Zeit, um als Wunderkind die europäischen Herrscherhöfe abzuklappern. Was sich letztlich aber als Vorteil für Beethovens Entwicklung entpuppte, denn das 1597 zur Residenzstadt der Kölner Kurfürsten erhobene Bonn war zur Zeit seines letzten Fürstbischofs Maximilian Franz endgültig vom Geist der Aufklärung durchdrungen worden.

Nachdem der jüngste Sohn von Kaiser Franz I. Stephan und Maria Theresia, Maximilian Franz Xaver Joseph Johann Anton de Paula Wenzel von Österreich, aufgrund einer heftigen Erkrankung die ursprünglich geplante militärische Laufbahn ad acta hatte legen müssen, war er von seiner Mutter in den geistlichen Stand gedrängt worden. Nach dem üblichen Slalom zwischen verschiedenen Karriere-Etappen und den damit verbundenen Ränkespielen wurde Maximilian Franz nach dem Tod seines Vorgängers Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels am 21. April 1784 neuer Kurfürst und Erzbischof von Köln und Fürstbischof von Münster. Sechs Tage später begann er von Bonn aus seine Bistümer zu regieren. Trotz seiner ursprünglichen Abneigung gegenüber einer geistlichen Laufbahn zeigte er sich schon bald als aktiver Bischof, der bei der Bevölkerung durch seine Bescheidenheit und sein offenes Ohr für deren Sorgen beliebt war. Ähnlich wie sein Bruder Kaiser Joseph II. war Maximilian Franz von der Aufklärung, deren Idealen sowie realen Umsetzungen überzeugt, wenngleich ihm manches Reformtempo zu hoch schien. Doch trotz solcher bremsender Gedanken widmete er sich massiv der Bildungspolitik, unter anderem forcierte der letzte der Bonner Kurfürsten die neue Universität in seiner Residenzstadt als aufklärerischen Gegenpol zur damals streng konservativen Universität zu Köln.

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Unter „Giganten-Kollegen“ – Beethoven und Mozart

Und Ludwig van Beethoven wechselte immer mehr hin und her zwischen den neuen Ideen über Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einerseits und dem engen Dienst als Hofmusikus andererseits, zwischen idealistischen Freimaurern (wie seinen Lehrern Christian Gottlob Neefe und Franz Anton Xaverius Ries) und seiner realen Galauniform, die ihn trotz ihrer Buntheit manchmal an seinen grauen Alltag erinnert haben mag: „[…] see grüne Frackrock, grüne, kurze Hoß mit Schnalle, weiße Seite oder schwarze Seide Strümpf, Schuhe mit schwarze Schlöpp, weiße Seide geblümde West mit Klapptaschen, mit Shappoe, das West mit ächte Goldene Kort umsetz, Frisirt mit Locken und Hahrzopp, Klackhud, unterem linken Arm sein Dägen an der linke seite mit einer Silberne Koppel trug.“

Zuerst aber galt es, die Mischung aus kindlichem Virtuosentum, jugendlichem Kompositions-Genie – auf die Variationen für Klavier über einen Marsch von Ernst Christoph Dressler folgten weitere Frühwerke (zum Beispiel die Kurfürsten-Sonaten von 1783) – adäquat zu positionieren. Dabei spielte wieder Neefe eine wichtige Rolle. Dank seiner wohlüberlegten Kombination aus Theorie- und Praxis-Unterricht einerseits und geschickt-lancierten PR andererseits gelang es, den kurfürstlichen Erzbischof – in mehrfacher Hinsicht – aufhorchen zu lassen. Als einer derjenigen Habsburger, die mit überdurchschnittlicher Musikalität gesegnet waren, liebte Maximilian Franz Mozart … und daher lag es nahe, das Bonner Eigenbau-Jung-Genie ein erstes Mal den Duft der weiten Welt schnuppern zu lassen. Eigentlich eine klassische Win-win-Situation – der Kurfürst konnte die Welt (und Wien war damals eine ihrer Hauptstädte) wissen lassen, welch exzellente Jahrgänge nicht nur an der Donau, sondern auch am Rhein gedeihen würden, gleichzeitig brächte Jung-Beethoven den einen oder anderen Mozart’schen Gedanken zurück, um damit die Bonner Ohren aufs Neue zu entzücken.

Doch … der Plan floppte. Zwar soll Ludwig van Beethoven im Frühling 1787 Mozart vorgespielt haben, aber als Pianist konnte der junge Bonner weder mit dem neunjährigen Johann Nepomuk Hummel (mit dem ihn Jahre später eine enge Freundschaft verbinden sollte) noch mit anderen Wiener Klavierwunderkindern aus Mozarts Umfeld mithalten. Und als Komponist hatte Beethoven noch nichts anzubieten, was Mozart beeindruckt hätte … Erst recht nicht im Frühling 1787, als Mozarts Vater starb und der nun seines Lebens-Managers Beraubte noch dazu mitten im Schaffensprozess seines Don Giovanni stand.

Und dann die private Katastrophe! Beethovens übereilte Heimreise nach Bonn, der Tod der Mutter und seiner kleinen Schwester, des Vaters endgültiges Straucheln, die Verantwortung für sich und seine jüngeren Brüder – es waren wohl seine Genialität und das Gefühl einer inneren Verpflichtung einerseits sowie seine freundschaftlichen Kontakte andererseits, die Beethoven in dieser Zeit weiter wachsen ließen.

Wachsen … und lernen. Auf der musikalischen Seite boten Operngastspiele verschiedener Theatergesellschaften Anregungen, auf der intellektuellen Ebene war es die junge Bonner Universität, die nicht nur neue, bis dahin undenkbare Weltenbilder eröffnete, sondern auch diesen Ideen entsprechende Lehrkräfte anzog. Ein berühmtes Beispiel war Eulogius Schneider, ein allzu bunter Paradiesvogel der Aufklärung, den sein Lebensweg vom Franziskanerpater über den Bonner Universitätsprofessor für Literatur und schöne Künste zum glühenden Anhänger der Französischen Revolution und – beinahe folgerichtig – unter die Guillotine führte.

Wobei – Beethoven setzte auch in diesen Jahren sein erlerntes Muster, Lernstoff nicht systematisch-konsequent, sondern in ihm gerade begegnenden „Brocken“ zu erlernen, fort. Ein Muster, das ihm in seinem ureigensten Berufsleben, erst recht als Organist und Bratschist der Bonner Hofkapelle, allerdings vollkommen fremd war.

Auch in seinem privaten Umfeld zeigte sich der rund 20-Jährige in mehrfacher Hinsicht konsequent, wobei er ein spezielles Verhalten ähnlich intensiv betrieb wie seine Beschäftigung mit der Musik.

„In den biographischen Notizen, welche Herr Ign. Ritter von Seyfried den Studien von Beethoven anhing, findet sich S. 13 folgende Stelle: ‚Beethoven war nie verheirathet und, merkwürdig genug, auch nie in einem Liebes-Verhältniß.‘ Die Wahrheit, wie mein Schwager Stephan von Breuning, wie Ferdinand Ries, wie Bernhard Romberg, wie ich sie kennen lernte, ist: Beethoven war nie ohne eine Liebe und meistens von ihr im hohen Grad ergriffen. Seine und Stephan von Breuning’s erste Liebe war Fräulein Jeanette d’Honrath aus Köln. […] Darauf folgte die liebevollste Zuneigung zu einer schönen und artigen Fräulein v. W. […] Diese Liebschaften fielen jedoch in das Uebergangs-Alter und hinterließen eben so wenig tiefe Eindrücke, als sie deren bei den Schönen erweckt hatten. In Wien war Beethoven, wenigstens so lange ich da lebte, immer in Liebesverhältnissen und hatte mitunter Eroberungen gemacht, die manchem Adonis, wo nicht unmöglich, doch sehr schwer geworden wären.

Ob man auch, ohne die Liebe in ihren innersten Tiefen zu kennen, Adelaide und Fidelio und so manches Andere componiren könne, lasse ich die Kenner und die Dilettanten beurtheilen.“

Noch elf Jahre nach Beethovens Tod, 1838, konnte sich Franz Gerhard Wegeler an den Beginn des männlichen Erwachens seines Jugendfreundes präzise erinnern, wohl nicht zuletzt deshalb, weil Beethovens eigene Entflammbarkeit sowie seine besondere Begabung, Frauenseelen erglühen zu lassen, ihn lebenslang zu genialen Werken anregen sollte.

Dass Jung Beethoven aber nicht zu früh zu viel zarten Frauenspuren und anderen Verlockungen nachjagte, dafür sorgte – „auch“, möchte man meinen – seine „zweite Mutter“ Helene von Breuning.