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Birgit Mosser

Kinder einer
neuen Zeit

Roman

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Gefördert vom Bundeskanzleramt Österreich,
Sektion II: Kunst und Kultur

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© 2018 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Meinen Söhnen Nils und Lars

Inhalt

TEIL I

Kapitel 1. Wien, 15. Juli 1927

Kapitel 2. Wien, 19. September 1927

Kapitel 3. Wien, 21. Dezember 1927

TEIL II

Kapitel 4. Wien, 14. Juli 1929

Kapitel 5. Wien, 19. März 1930

Kapitel 6. Wien, 7. Juli 1930

TEIL III

Kapitel 7. Wien, 10. Februar 1933

Kapitel 8. Wien, 12. Februar 1934

Kapitel 9. Wöllersdorf, 16. Mai 1934

Kapitel 10. Wöllersdorf, 2. August 1934

Zeittafel

Dank

TEIL I

1.

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Wien, 15. Juli 1927

Es ist erst vier Uhr früh, doch schon jetzt liegt eine drückende Schwüle über dem großen Raum. Es riecht nach Druckschwärze, Blei und Schweiß. Ruckartig setzt sich die Rotationspresse in Bewegung, der Boden beginnt zu vibrieren, und bald ist die Druckerei mit ohrenbetäubendem Lärm erfüllt. Fritz Sogl steht neben der riesigen Rotationspresse und wartet. Seit er vor sechs Jahren als Lehrling bei der Arbeiter-Zeitung begonnen hat, liebt der junge Mann diesen Moment. Es ist immer noch etwas Besonderes für ihn, die erste Zeitung vom Laufband zu nehmen und die Worte, die er in stundenlanger Arbeit aus Bleibuchstaben gesetzt hat, gedruckt zu lesen. Doch heute ist alles anders. Obwohl der Einundzwanzigjährige die Hitze in der Druckerei gewöhnt ist, schwitzt er stärker als sonst. Der Geruch, den er seit Jahren kaum mehr wahrnimmt, verursacht ihm Übelkeit. »Die Mörder von Schattendorf freigesprochen«, hat der Chef geschrieben. Fritz kennt den Text, schließlich hat er ihn gesetzt. »Mörder …«, hämmert es in seinem Kopf, noch eine Umdrehung der Walze »… freigesprochen.« Der Stapel wird auf das Band geschoben. Wie jeden Tag greift Fritz nach der druckfrischen Zeitung, doch heute empfindet er keine Zufriedenheit. Die Arbeitermörder sind frei.

»Was schaust denn so dramhappert?«

Fred, der Meister, nimmt ebenfalls eine Zeitung vom Band und deutet auf die Schlagzeile. »Wegen dem verfluchten Prozess vielleicht? War doch nix anderes zu erwarten!«

Fritz starrt den Älteren ungläubig an. Er ist noch blasser als sonst, und seine graugrünen Augen blitzen vor Wut. »Nix anderes zu erwarten? Ein Freispruch für einen zweifachen Mord? Wie kannst du …«

»Die Geschworenen haben halt erkannt, dass es Notwehr war. Die braven Frontkämpfer mussten sich gegen die bewaffneten Schutzbündler verteidigen.« Der bittere Zug um seinen Mund straft den Zynismus des Meisters Lügen. Aber Fritz ist zu aufgebracht, um darauf zu achten.

»Der Bub war acht Jahr’ alt. Und den Krüppel haben s’ von hinten erschossen!«

»Schrei net so. Ich weiß ja, was passiert ist. Es ändert nichts. Notwehr sagen sie. Zwei Sozi weniger, meinen sie.«

»Aber Meister, des geht doch nicht. Des darf doch nicht sein. Wozu gibt es dann Gerichte?« Fritz’ Adamsapfel hüpft auf und ab wie immer, wenn er aufgeregt ist. Wie damals an seinem ersten Arbeitstag. Trotz allem muss Alfred Syskowitz lächeln. Er sieht ihn noch vor sich: Groß und dünn steckte der junge Kerl in einer viel zu kurzen Hose. Er hatte struppige rotblonde Haare, abstehende Ohren und einen wachen Blick. Er mochte Fritz von Anfang an, trotzdem musste er zu dem Lehrbuben natürlich streng sein. Der Meister hat sich nicht getäuscht: Fritz ist ein tüchtiger Arbeiter geworden. Gedankenverloren schüttelt Alfred Syskowitz den Kopf.

»Schau, Bua, Gesellenprüfung hin oder her, du bist immer noch grün hinter den Ohren. Republik. Demokratie. Rechtsstaat. Das sind alles schöne Worte, aber die Wirklichkeit schaut anders aus. In Österreich stehen sich zwei feindliche Lager gegenüber: wir Roten und die sogenannten Christlichsozialen.«

»Ha, dass ich nicht lach’! Die sind weder christlich noch sozial. Arbeiter ausbeuten und auf Arbeiter schießen, das ist alles, was sie können.«

»Mag sein. Jedenfalls sind sie an der Macht, und das lassen sie uns auch spüren.«

»Na, Syskowitz, erklärst dem Buben wieder einmal die Welt?«, fragt Friedrich Austerlitz, der die Druckerei unbemerkt betreten hat. Gutmütiger Spott liegt im Blick des Fünfundsechzigjährigen. Die beiden Setzer sehen sich erstaunt an. Hierher verirrt sich der Chefredakteur nur selten.

»Die Zeitungen sollen heut’, so rasch es geht, ausgeliefert werden. Es ist wichtig, dass die Leut’ über den Prozess informiert werden!«

Die klugen Augen hinter der randlosen Brille sind auf Fritz gerichtet. Ist es eine Aufforderung? Unwillkürlich strafft sich der junge Mann. Seit er als Fünfzehnjähriger hier begonnen hat, verehrt Fritz Sogl den Chefredakteur. Friedrich Austerlitz kommt aus ärmlichen Verhältnissen und hat es durch Fleiß und Strebsamkeit zu etwas gebracht. Seine Stimme wird gehört und vom politischen Gegner gefürchtet. »Wir warnen sie alle! Denn aus einer Aussaat von Unrecht, wie es gestern geschehen ist, kann nur schweres Unheil entstehen!«, so steht es heute auf der Titelseite.

»Ich kann auf dem Heimweg ein paar Pakete mitnehmen und verkaufen. Dann bekommen es manche Arbeiter noch vor Schichtbeginn!«, sagt Fritz.

Der Chef nickt. »Ich weiß ja, dass ich mich auf dich verlassen kann.«

Als Fritz Sogl eine halbe Stunde später sein Rad aus dem Innenhof schiebt, steht der Chefredakteur am geöffneten Fenster im ersten Stock.

»Pass auf dich auf, Bua!«, ruft er ihm nach. Der ältere Herr unterdrückt seine innere Unruhe nur mit Mühe. Er hat geschrieben, was geschrieben werden musste, aber wie werden die Arbeiter auf seinen Artikel reagieren?

Die billige Kernseife brennt auf der Haut. Wie jeden Tag steht Fritz am Waschbecken in der Küche und schrubbt die Druckschwärze von seinen Fingern. Die Mutter nimmt den pfeifenden Wasserkessel vom Herd, gießt ihm eine Schale Schwarztee ein und bestreicht eine dünne Scheibe Schwarzbrot mit Margarine.

»Übernachtig schaust aus«, murmelt Katharina Sogl und stellt das Frühstück auf den kleinen Küchentisch.

Fritz schüttelt den Kopf. »Ich bin nicht müd’. Es war eine Stimmung auf der Straßen, ganz komisch. Die Leut’ haben mir die Zeitungen buchstäblich aus der Hand g’rissen. Und g’schimpft und g’flucht haben s’ gotteslästerlich!«

Am deutlichsten sieht Fritz aber einen Mann vor sich, der nur ein einziges Wort gesagt hat. Ein stiernackiger Mittvierziger, seiner Kleidung nach zu schließen ein Bäcker, überflog den Leitartikel des Chefs und spuckte auf den Boden. »Klassenjustiz!« Als er den Kopf hob, sah Fritz den Hass in seinen Augen.

Eine Stunde später liegt der junge Mann auf dem schmalen Bett in seiner Kammer, doch er findet keine Ruhe. Immer wieder wälzt er sich von einer Seite auf die andere. Wenn er die Augen schließt, sieht er ein erschossenes Kind auf der Straße liegen. An Schlaf ist nicht zu denken. Fritz setzt sich auf und weiß plötzlich, was er zu tun hat: Er muss in die Stadt. Er muss Menschen finden, die mit ihm gegen dieses Unrecht protestieren.

Lois Obernosterer kontrolliert gerade einen frisch gebrannten Ziegel, als es dunkel in der großen Werkshalle wird. Das Tageslicht allein reicht nicht aus, um den größten Produktionsraum der Wienerberger Ziegelfabrik zu erhellen. Offenbar ist der Strom ausgefallen. Gemurmel setzt ein, wird schließlich zu Geschimpfe.

»Was is da los? So könn’ ma net arbeiten!«, schreit ein älterer Arbeiter.

»Und dann ziehen s’ uns das wieder vom Lohn ab!«, knurrt sein Nebenmann.

»Lois, du musst zum Direktor gehen!« Obwohl der ehemalige Bauer die Arbeit in der lauten, staubigen Fabrik hasst, hat er es bis zum Vorarbeiter gebracht. Die Männer vertrauen ihm.

»Net notwendig, net notwendig!« Lois Obernosterer kann ihn momentan nicht sehen, aber er weiß, zu wem diese Stimme gehört. Paul Beranek, der Kommunist, schiebt sich neben ihn. »Generalstreik. Ich hab’s ja g’wusst.« Es liegt etwas Triumphierendes in der Stimme des Mannes. »Die Arbeiterschaft lässt sich dieses Schandurteil nicht gefallen!« Um die Bedeutung seiner Worte zu unterstreichen, hat Beranek den letzten Satz Hochdeutsch gesprochen.

»Geh bittschön, halt die Goschn! Tu mir meine Leut’ nicht aufhetzen!«, fährt der Kärntner ihn an.

»Aufhetzen?«, zischt der Kommunist. »Hast du nicht g’hört? Generalstreik ist! Du wirst dich doch nicht gegen uns stellen. Oder bist du vielleicht ein Streikbrecher?«

»Spiel dich nicht so auf! Wir wissen doch noch gar nicht …« Doch Paul Beranek schiebt seinen Vorarbeiter einfach zur Seite und reißt die Hallentüre auf.

»Mir nach, Männer! Wir marschieren in die Stadt!«

Zu Lois’ Erstaunen leert sich der große Raum rasch: Gelernte und ungelernte Arbeiter, Alte und Junge, Kommunisten, Sozialdemokraten und Unpolitische – sie alle scheinen ihrer Wut Luft machen zu wollen. Soll er versuchen, die Männer davon abzuhalten? Was, wenn es zu Zusammenstößen kommt? Bekanntlich geht die Polizei mit Demonstranten nicht zimperlich um. Andererseits haben sie ja recht mit ihrer Empörung. In der ersten Frühstückspause hat die Nachricht über das Schattendorf-Urteil wie ein Lauffeuer die Runde gemacht. Draußen im Hof sieht Lois die Entschlossenheit in den Gesichtern der Arbeiter. Niemand wird diese Männer daran hindern zu protestieren. Als sich die Marschkolonne formiert, reiht auch Lois Obernosterer sich ein. Vielleicht kann er den einen oder anderen Heißsporn von einer Dummheit abhalten.

Es ist schon später Vormittag, als die Belegschaft der Ziegelfabrik durch die Burggasse Richtung Innere Stadt strebt. Die Marschkolonne wächst immer weiter an. »Nieder mit den Arbeitermördern«, wird skandiert oder auch: »Schließt euch an!«

Gerade hat ein untersetzter Mann mittleren Alters eine Schusterwerkstatt verlassen und sich neben Lois eingereiht. »Vor der Universität hat’s schon kracht«, berichtet er und scheint dadurch nicht beunruhigt zu sein. »Die Rampe wollten s’ stürmen, die Kollegen, aber die Polizei hat s’ z’ruckdrängt. No, jetzt kriegen s’ Verstärkung!« Sein breites Grinsen gibt gelbe, unregelmäßige Zähne frei. Lois Obernosterer wendet sich ab. Er hat plötzlich ein flaues Gefühl im Magen.

Und dann geht es nicht mehr weiter. Die Kolonne kommt abrupt zum Stehen, die Hintermänner drängen nach. Geschimpfe, Geschrei. Energisch schiebt Lois, der ehemalige Korporal, andere zur Seite, um sich einen Überblick zu verschaffen. Museumstraße und Schmerlingplatz, die den Justizpalast umgeben, sind schwarz vor Menschen. Seltsamerweise kann Lois keine Polizisten ausmachen. In der Mitte der Straße sind einige junge Burschen damit beschäftigt, aus zwei hölzernen Handwagen und allerlei Gerümpel eine Art Barrikade zu errichten. Sie bauen eifrig, aber ohne jeden Sachverstand. Ohne recht zu wissen, warum, bahnt sich Lois einen Weg zu ihnen.

»Des Klump fallt doch sofort auseinand’. Habt’s nix zum Z’sammbinden?«

»Na, aber die Pferd’ wird’s schon aufhalten«, antwortet der Jüngste. Lois Obernosterer beißt die Zähne zusammen. Berittene Polizei ist ein übermächtiger Gegner. Mit geübten Handgriffen verbessert der ehemalige Pionier das seltsame Bauwerk, bis es tatsächlich einer Barrikade gleicht. Er will sich gerade eine Zigarette anzünden, als lauter Jubel ausbricht.

»Schaut’s! Sie san drinn’, sie san drinn’!«, schreit ein Maurer, der ebenfalls auf die Barrikade geklettert ist. »Da, da, im ersten Stock!«

Tatsächlich, mehrere Fenster stehen offen und unter dem Triumphgeheul der Menschenmenge werfen die Eindringlinge Akten aus dem Fenster. Diese Idioten, denkt Lois Obernosterer. Ein sinnloser Akt der Zerstörung. Gerade will er sich von dem würdelosen Schauspiel abwenden, als sein Herz zu rasen beginnt. Einige Sekunden zweifelt er, doch dann ist er sicher. Dort oben am offenen Fenster steht sein Schwager Fritz.

»Komm, gemma wieder ins Wasser!«, sagt Karli Blaha zu seinem Freund Viktor. Die beiden Zehnjährigen haben gerade die Brote verputzt, die ihnen ihre Mütter auf ihren Ausflug in den Augarten mitgegeben haben. Die Buben sitzen auf der Wiese neben dem Schwimmbecken und genießen die Julisonne. Endlich Ferien! Wie immer geht es im Kinderbad hoch her: Bis auf den Bademeister und einige Mütter sind keine Erwachsenen da, die schimpfen könnten. Bei der Wasserrutsche herrscht das übliche Gedrängel und Geschubse. »Schaut’s amal, so viel Rauch!«, schreit ein sommersprossiger Bub, der gerade oben auf der Plattform steht. »Da muss es brennen!« Viktor Obernosterers Blick folgt dem Zeigefinger des fremden Buben: Eine riesige schwarze Rauchwolke hängt am Himmel über Wien.

Nicht einmal eine Viertelstunde später traben die Schulfreunde Richtung Innenstadt. Die Mutter darf davon nichts erfahren. Viktor weiß genau, dass er nicht strawanzen gehen soll. Doch dann hat die Neugier gesiegt. »Da müss’ ma hin. Schauen, was brennt!«, hat Karli selbstbewusst gesagt. »Vielleicht sehen wir ein großes Feuerwehrauto!« Zu blöd, dass die Bim nicht fährt, denkt Viktor ungeduldig. Hoffentlich versäumen wir nix.

Viktor hat Angst. Er starrt gebannt auf das große brennende Haus. Was soll er tun? Der Platz ist voller Menschen, aber er ist ganz alleine. Karli ist irgendwo in der Menge verschwunden. Die Erwachsenen scheinen alle wütend zu sein, sie schimpfen und schreien. »Verschwind’ Bua. Des is nix für Kinder!«, hat ihn ein älterer Mann angefahren. Es ist aber unmöglich, hier wegzukommen. Dann übertönt eine Sirene das Gebrüll. Ein Feuerwehrauto nähert sich im Schritttempo, doch die Menschen gehen nicht zur Seite. Im Gegenteil, sie versperren den Weg, trommeln mit den Fäusten auf den Wagen und schreien noch lauter: »Haut’s ab!« und »Brennen soll er, der Justizpalast!« Viktor ist den Tränen nahe. Die Erwachsenen benehmen sich wie Verrückte. Ein junger Bursch zerschneidet mit einem bösen Grinsen die Feuerwehrschläuche. Andere haben sich mit Pflastersteinen bewaffnet, die sie drohend in den Fäusten halten.

»Vor dem Parlament sind’s mit’n blanken Säbel auf uns los, die Berittenen!«, sagt ein Mann in Tramwayfahreruniform zu den Umstehenden. Er blutet aus einer Wunde am Kopf. »Dann sind’s verschwunden, die feigen Hund’!«

»Wart nur, die kommen z’ruck!«

Hätt’ ich nur der Mutter gefolgt, denkt Viktor Obernosterer. Lieber Gott, lass mich gut nach Haus’ kommen.

Auf der anderen Seite des Schmerlingplatzes lässt das unüberhörbare Geräusch marschierender Stiefel Viktors Vater den Kopf heben. Sein Mund wird trocken. Ein langer Zug Polizisten nähert sich den Barrikaden, es müssen fünf-, sechshundert sein. Sie sind mit Gewehren bewaffnet. Das bedeutet Schießbefehl. Es wird ein Blutbad geben, wenn die Menge nicht zurückweicht.

»Männer«, schreit der Ex-Korporal, »bewaffnete Polizei im Anmarsch. Wir müssen den Platz räumen. Alles andere wäre Wahnsinn!«

»Kämpfen werden wir! Nieder mit den Arbeitermördern!« Paul Beranek, der Scharfmacher, ist plötzlich wieder aufgetaucht.

»Mit Steinen gegen Gewehre? Was …«

Ein Schuss peitscht durch die Luft. Lois springt von der Barrikade. Noch ein Schuss. Wurde jemand getroffen? Bewegung kommt in die Menge, die Menschen versuchen zu fliehen. Weg hier, nur weg. Jeder versucht, eine schützende Mauer zu erreichen, irgendwo in Deckung zu gehen. Lois wirft sich hinter eine Hausecke. Schüsse fallen, Menschen schreien in Todesangst. Wie damals im Schützengraben. Für Sekunden schließt er die Augen. Plötzlich ist der ehemalige Soldat wieder an der Front. Die Italiener trommeln seit Stunden mit ihren Maschinengewehren. Draußen im Stacheldraht hängt ein Verwundeter und schreit. Man muss den armen Teufel bergen.

»Hilfe! Hilfe!« Es ist eine seltsam hohe Stimme, eine Kinderstimme. Lois schlägt die Augen wieder auf und späht hinter der Mauer hervor. Der Schmerlingplatz hat sich geleert. In einigen Metern Entfernung kniet ein Bub neben einem Mann, der auf dem Rücken liegt und blutet. Ist er verletzt oder tot? Unmöglich, das von hier aus zu beurteilen. »Hilfe!«, schreit die Kinderstimme. Mit einem Satz springt der Vorarbeiter auf und hetzt geduckt über den Platz. Endlich sind die beiden erreicht. Wieder fällt ein Schuss. Keine Zeit, den Mann zu untersuchen. Er stemmt den Fremden in die Höhe. Das Kind starrt ihn unverwandt an. »Komm mit!« Der leblose Körper in seinen Armen scheint zentnerschwer. So schnell es geht, bewegt sich Lois zurück. Plötzlich spürt er einen brennenden Schmerz am linken Oberarm. Instinktiv presst er den fremden Leib noch fester an seinen Körper. Nicht fallen lassen. Er wankt weiter, das Kind dicht neben sich. Endlich ist die schützende Hausmauer erreicht. So vorsichtig wie möglich lässt er den Mann zu Boden gleiten und sinkt neben ihn. Routiniert fühlt er den Puls. Nichts. Der Mann ist tot. Lois schaut den Kleinen an. Der Bub weiß es schon, er sieht es an seinen Augen.

»Dein Vater?«

Der Kleine, er mag in etwa zehn Jahre alt sein, schüttelt den Kopf. »Ich wohn’ im Heim! Den Mann hab’ ich hier getroffen.« Dann verstummt er.

»Wie heißt du?«

»Ernstl Belohlavek. Bitte, bringen Sie mich nicht zurück. Da krieg’ ich wieder Schläg’, weil ich weggelaufen bin.« Eine Träne hinterlässt eine helle Spur auf dem schmutzigen kleinen Gesicht. Lois Obernosterer lehnt den Kopf erschöpft gegen die Hauswand. Die Wunde in seinem Oberarm schmerzt immer stärker.

Zur gleichen Zeit huscht ein Lächeln über Viktors Gesicht. Etwas weiter entfernt in einem Hauseingang hat er Onkel Fritz entdeckt. So ein Glück! Mutters jüngerer Bruder wird ihn nach Hause bringen. Zuerst hat er ihn gar nicht erkannt: Seine Haare und sein Gesicht sind ganz schwarz vor Ruß. »Onkel Fritz!«, schreit Viktor, so laut er kann. »Onkel Fritz!« Der Gerufene schaut sich suchend um. »Hier bin ich, hier!«

Auch Viktor kauert in einem Hauseingang. Ein dicker Mann hat ihn wortlos hierhergebracht, als die ersten Schüsse gefallen sind.

»Bleib, wo du bist! Ich komm’ zu dir!«, brüllt der Onkel. Er läuft los, kommt näher, gleich ist er in Sicherheit. Noch zehn Meter, noch fünf. Ein Schuss fällt. Viktor sieht alles wie in Zeitlupe: Fritz taumelt und stürzt auf den Rücken, das Gesicht zum Himmel gewandt. Mit wenigen Schritten ist Viktor bei ihm. Der Onkel hat ein kleines, blutendes Loch in der Stirn. Viktor weint nicht. Er beginnt zu laufen. Er muss jetzt nach Hause, sofort. Er muss der Mutter sagen, dass ihr Bruder tot ist. Der große Platz ist jetzt seltsam leer. Niemand hält ihn auf. Er läuft und läuft. Zur Mutter. Plötzlich hält ihn eine starke Hand fest.

»Viktor! Um Gottes Willen, was machst du da?«

Viktor starrt seinen Vater ungläubig an. Er blutet, und ein fremder Bub steht neben ihm.

»Onkel Fritz ist tot!«, bricht es aus ihm heraus. »Ich muss es der Mutter sagen …«

Lois Obernosterer zieht seinen Sohn an sich. Der kleine Körper zuckt. Endlich kann Viktor weinen. Onkel Fritz ist tot.

Die Kinder haben den ganzen Weg noch kein Wort gesprochen, sie sind wie erstarrt. Viktor an der rechten, den fremden Buben an der linken Hand kämpft sich der Kärntner voran. Nur raus aus diesem Hexenkessel, raus aus der Innenstadt. Lois taumelt mehr, als er geht. Die Schusswunde im Oberarm pocht, der linke Hemdsärmel ist völlig durchgeblutet. Ein Schritt und noch einer. Er muss es schaffen. Er muss die Kinder in Sicherheit bringen. Je weiter sie den ersten Bezirk hinter sich lassen, desto weniger Menschen sind auf der Straße. Wer ihnen begegnet, senkt rasch den Blick. Die Menschen haben Angst.

Sind sie eine Stunde unterwegs, zwei oder drei? Lois hat jeden Zeitbegriff verloren. Wenn sie nur endlich bei Berta wären, daheim, in Sicherheit. Gleichzeitig fürchtet er den Moment des Nach-Hause-Kommens. Fritz ist tot.

Endlich biegen sie auf den Margaretengürtel ein. Der Metzleinstaler Hof ist schon von Weitem zu sehen. Wie damals vor sechs Jahren. Viki saß auf dem Leiterwagen, der mit ihren wichtigsten Habseligkeiten beladen war. Berta hatte Emma auf dem Arm. Fast ehrfürchtig gingen sie durch das große Tor in den Innenhof. Wondraschek, der Hausmeister, begrüßte sie. »Ihr Frau Mutter is scho’ do. Sogl, net wohr?«, sagte er zu Berta. »Do drüben, Stiege drei. Zum Hof raus.« Sie schauten in die Richtung, in die der dicke Zeigefinger des Hausmeisters deutete. »Berta, Lois! Hier bin ich!«, hörten sie eine aufgeregte Bubenstimme. Sein roter Schopf leuchtete aus einem Fenster im zweiten Stock. Fritz winkte und lachte übermütig. Lois Obernosterer spürt den Schmerz fast körperlich. Fritz ist tot.

In der kleinen Küche ist es völlig still. Nur die weiße Wanduhr tickt erbarmungslos. Die Mutter sitzt am Küchentisch, Berta Obernosterer steht am Fenster und starrt in den Abendhimmel. Viki, wo bist du? Und wo um alles in der Welt sind Lois und Fritz? Es muss irgendetwas Schreckliches passiert sein. Viki hätte zum Nachtmahl zu Hause sein müssen. Um sechs Uhr wird gegessen, das lässt sich der Bub nie entgehen. Überhaupt ist Viktor ein braver, folgsamer Bub. Nein, nicht heimzukommen, das ist nicht seine Art. Auch Lois müsste längst da sein, seine Schicht endet um fünf Uhr nachmittags.

»Es muss was g’schehn sein, Berta. Und ich bin schuld: Ich hätt’ den Buben nicht weglassen dürfen.« Die Mutter schaut heute noch abgehärmter aus als sonst. Ein unruhiges Flackern liegt in den Augen, die Berta so gut kennt.

»Der Hausmeister hat g’sagt, der Justizpalast brennt. Die berittene Polizei is g’schickt worden. Der Teufel soll los sein in der Stadt«, murmelt die Mutter bedrückt. Berta öffnet das Küchenfenster, schwüle Sommerluft dringt herein. Der Druck auf ihrer Brust bleibt. Viki. Er ist doch noch ein Kind.

Eine Faust hämmert an die Wohnungstüre. »Aufmachen!« Vikis Stimme klingt seltsam schrill. Mit drei Schritten ist Berta beim Eingang und reißt die Türe auf. Viktor fällt ihr um den Hals, löst sich aber sofort aus der Umarmung und zerrt sie ins Stiegenhaus.

»Der Papa …«, stammelt er, »voller Blut …« Berta spürt, wie sie zu zittern beginnt. Bitte nicht. Bitte nicht, hämmert es in ihrem Kopf. Sie ist zu keinem anderen Gedanken fähig. Bitte nicht. Mutter und Sohn hasten die Stufen hinunter, aber das Stiegenhaus scheint kein Ende zu nehmen. Ist der Vater tot? Sie bringt die Frage nicht über die Lippen. Viktors kleine Hand zieht und zieht. Dann, vom Treppenabsatz des ersten Stockwerks aus, sieht sie eine zusammengesunkene Gestalt auf dem Boden liegen. Lois.

Endlich ist sie neben ihm. Linker Arm und Oberkörper sind voller Blut, die Augen geschlossen.

»Um Gottes willen, was is’ mit dir?« Berta berührt sanft seine stoppligen Wangen. Lois stöhnt und schlägt langsam die Augen auf. »Viki … in Sicherheit …, aber …«, stößt er gepresst hervor. Dann wird Lois wieder ohnmächtig. Die Worte haben ihn die letzte Kraft gekostet. Mit zitternden Fingern knöpft Berta das zerfetzte Hemd ihres Mannes auf. Sein Oberkörper ist blutverschmiert, aber unverletzt.

»Zum Teufel, Fritz, wie ist das passiert? Hast du ihn zum Justizpalast geschleppt?« Als keine Antwort kommt, dreht sie sich ungehalten um. Hinter ihr steht ein fremder Bub.

Stunden später sitzt die junge Mutter alleine in der Küche. Sie kann nicht weinen, nicht mehr. Viki hat bestätigt, was sie geahnt hat. Fritz ist tot. Nie wird sie den Schmerz in den Augen der Mutter vergessen. Sie ist todmüde, aber sie kann nicht schlafen. Kaum senkt sie die Lider, sieht sie den kleinen Bruder vor sich: mit drei, in der Bauernstube in Dürnholz. Er weinte bitterlich, weil er sein Lieblingsspielzeug, ein kleines rotes Holzauto, verloren hatte. Mit sechs Jahren, das erste Zeugnis. »Schau Berta, lauter Einser!« Mit fünfzehn, als er durch diese Türe kam. »Ich hab’ die Lehrstelle!« Seine Augen leuchteten vor Stolz. Mein Gott, er würde noch leben, wenn … Ein lautes Schluchzen lässt Berta aufschrecken. Lois? Vielleicht haben ihn die Schmerzen geweckt. Nein, das Geräusch kommt aus dem Kabinett. Sie zwingt sich aufzustehen und schleppt sich zu dem Zimmer, in dem die Kinder schlafen. Als sie den Kopf zur Türe hineinsteckt, ist es ganz ruhig. Ihre Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Emma schlummert friedlich, wie immer den Daumen im Mund. Auch von Viki und dem anderen Buben ist nichts zu hören.

»Na … na, bitte net!« Das fremde Kind, Viki hat es Ernstl genannt, sitzt plötzlich im Bett und starrt mit aufgerissenen Augen vor sich hin. Sie beugt sich über ihn und legt ihm die Hand auf die Schulter. »Ganz ruhig, Ernstl. Alles ist gut! Du hast nur schlecht geträumt.« Sein Blick ist unverwandt. »Bitte, nicht … Ich will’s auch net wieder tun.« Das Kind ist immer noch in seinem Traum gefangen. Sie nimmt ihn an den Schultern und rüttelt ihn sanft. »Ernst, wach auf!« Sein Blick wird klarer und wandert suchend durch den kleinen Raum. »Wo bin ich?«

»Schlaf jetzt, es ist mitten in der Nacht. Morgen …«, flüstert die zweifache Mutter.

»Ich geh’ nicht zurück. Nie mehr!«, stößt Ernst hervor. Viki, der dicht neben ihm liegt, dreht sich seufzend um. »Psst, du weckst mir ja die anderen auf! In Gottes Namen, komm zu mir in die Küche.« Als Berta die Bettdecke zurückschlägt, bemerkt sie, dass das Leintuch nass ist.

In der Küche wärmt Berta dem Buben eine Schale Milch. Er sitzt auf der Bank und schaut ins Leere. »Manchmal … im Heim …, wenn ich Angst hab’…« Ernstl stockt. Nein, er kann es nicht sagen. Die fremde Frau streicht ihm über die Haare. Sie hat raue Hände, aber gute Augen.

»Du machst ins Bett, gelt? Na ja, bist schon ein bissl groß dafür, aber so schlimm ist das auch wieder nicht. Macht halt viel Arbeit.«

»Schaut’s her! Der Belohlavek hat wieder ins Bett gebrunzt. So eine Sau!« Der Erzieher steht vor ihm im Schlafsaal. Wie auf Kommando richten sich neunundzwanzig Augenpaare auf ihn. Manche höhnisch, die meisten gleichgültig, manche mitleidig. »Raus!«, brüllt der Kläffer, wie ihn die Buben wegen seiner Wutanfälle heimlich nennen. So schnell er kann, springt er auf und reißt das schmutzige Leintuch vom Bett. Erst als er in der Ecke steht, den Kopf unter dem nassen, stinkenden Fetzen, schießen ihm die Tränen in die Augen.

»Sind’s recht streng mit euch im Heim?«

Ernstl nickt. Er erwidert nichts, um nicht loszuheulen. Doch dann hält er es nicht mehr aus. Die Frau hat selbst Kinder, vielleicht hat sie Mitleid. »Bitte«, flüstert der Zehnjährige, »bitte, schicken S’ mich net z’ruck!«

Für ein paar Minuten vergisst Berta ihren eigenen Kummer. Armer, kleiner Kerl. Offensichtlich ist er ausgerissen. »Und deine Eltern?«

»Meine Mutter ist tot. Und mein Vater …« Der Bub schlägt die Augen nieder. Er geniert sich, obwohl er nichts dafürkann, dass seine Mutter nicht verheiratet war.

Berta nickt. »So was hab’ ich mir gedacht. Aber jetzt musst wieder ins Bett. Ich geb’ dir ein Handtuch zum Drauflegen!« Sie begleitet Ernstl ins Kabinett und deckt ihn sorgfältig zu. Als sie zehn Minuten später noch einmal nach dem Rechten sieht, ist der Ausreißer eingeschlafen. Die Arme der Buben liegen nebeneinander, so nahe, als würden sie sich an den Händen halten.

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Semmering, 8. August 1927

»Darf ich den Herrschaften die Dessertkarte bringen?« Der Oberkellner, ein älterer Herr mit akkurat gestutztem Schnurrbart, sieht den Ältesten in der Runde, Ferdinand Webern, fragend an.

»Amelie und Paula, ihr werdet doch bestimmt noch etwas Süßes kosten, nicht wahr? Gustl? Werner?«

»Du kennst mich doch, Ferdinand«, antwortet Amelie Webern und lächelt. Ihre rundlichen Wangen sind leicht gerötet vom nachmittäglichen Spaziergang oder vom Wein, und aus ihrer Steckfrisur hat sich eine graue Strähne gelöst. Paula, die Schwägerin, nickt zustimmend. »Heute lassen wir es uns gut gehen, nicht wahr, Gustl? So oft haben wir das Vergnügen mit deinem Herrn Bruder ja nicht. Die Wiener Verwandtschaft hat sich ja recht rar gemacht in Salzburg.«

»No, zum Semmering ist es ja nicht ganz so weit«, murmelt ihr Mann. »Mir genügt ein Kognak.«

»Für mich auch, Onkel Ferdinand, und einen kleinen Braunen dazu.«

»Ich nehme nur einen Verlängerten. Das ist dann alles.« Ferdinand Webern nickt dem Kellner zu.

»Sehr wohl, die Herrschaften!« Der Ober macht eine knappe Verbeugung und eilt davon.

»Ich vertrag’ immer noch nicht alles. Die Gastritis kommt leider immer wieder.«

»Weil du dich nicht hältst, Ferdinand!« Gustav Webern wirft seinem älteren Bruder einen strengen Blick zu.

»Du hast ja recht, Herr Obermedizinalrat. Aber immer kann man halt nicht von Schonkost und Tee leben!«

Der Mensch kann noch mit viel weniger auskommen, wenn er muss. Das haben wir in Sibirien gelernt. Der Arzt unterdrückt eine bissige Bemerkung, er will die Stimmung nicht trüben.

»Jedenfalls ist es schön, dass ihr uns hier besucht, Ferdinand. Wir sehen uns wirklich viel zu selten. Schließlich sind wir ja nicht mehr die Jüngsten!« Ein Anflug von Schalk blitzt in den grünen Augen auf. Er ist fast wieder der Alte, denkt sein Bruder dankbar. Fast. Die tiefen Falten, die sich Furchen gleich in die Wangen gegraben haben, und das allzu früh weiß gewordene Haar werden bleiben. Aber der Witz, der Sarkasmus, den er an seinem Bruder immer so mochte, ist wieder da. Endlich, mehr als sechs Jahre nach seiner Heimkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft.

»Nur schade, dass dieses lästige Gewitter gekommen ist. Sonst hätten wir auf der Terrasse essen können. Der Ausblick ist einfach famos!«

»Aber Mama, ist dir etwa unser Speisesaal nicht gut genug? Das darf unser Direktor nicht hören. Er ist schließlich sein ganzer Stolz.« Der junge Werner Webern steht seit Kurzem als Kurarzt im Dienst des Südbahnhotels. Wie sein Vater liebt er es, die gutmütige Mutter zu necken.

»Natürlich nicht, er ist prachtvoll …« Paula bemerkt, dass sie ihrem Sohn wieder einmal auf den Leim gegangen ist, und vollendet den Satz nicht. »Du und dein Vater …«, murmelt sie stattdessen und schmunzelt dabei.

Tatsächlich ist der Speisesaal eine Rarität. Die Decke ist über und über mit Stuck verziert. Sechs riesige, deckenhohe Fenster geben den Blick auf die umliegende Landschaft frei. Auf der anderen Seite des Raumes führen Glastüren in den grünen Salon, von dem aus man auf die Terrasse tritt. Stirnseitig thront auf einer Bühne ein – wie der Oberkellner stolz betont hat – extra für diesen Saal angefertigter Konzertflügel. Auch jetzt untermalt leise Klaviermusik die festliche Stimmung. Ist es Tschaikowski? Oder doch Brahms? Paula liegt die Frage schon auf der Zunge, aber sie spricht sie nicht aus. Amelie würde sich mit solchem Unwissen nie blamieren. Sie hat die Weltgewandtheit ihrer Schwägerin immer bewundert. Sogar wenn die Herren politisieren, kann sie mithalten. Paulas Blick wandert nach oben. Jetzt, zu abendlicher Stunde, erleuchten drei Hauptlüster mit unzähligen Glühlampen den Raum. Vierzehn, nein sechzehn Glaskugeln und ebenso viele elektrische Kerzen zählt die Salzburgerin. Ein richtiger Ballsaal. Ein Abendessen in diesem wunderbaren Saal lässt die schönsten Träume aus Mädchentagen wahr werden. Hochgestellte Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland, die Reichen und Schönen dieser Welt, geben sich hier ein Stelldichein. Ehemalige Adlige und aktuelle Fabrikbesitzer, Dichter und Denker, Politiker und Parvenüs wollen sehen und gesehen werden. Hier kann man vergessen, dass man sich im Umland der krisengeschüttelten Hauptstadt einer verarmten Republik befindet.

»Paulchen, träumst du? Ferdinand hat gefragt, ob wir morgen auf der Terrasse gemeinsam jausnen wollen, bevor wir heimfahren.«

Paula Webern zuckt zusammen. Sie hasst es, wenn Gustl sie vor anderen, auch vor der Familie, mit ihrem Kosenamen anspricht. Sie fühlt sich dann noch plumper, als sie ohnehin ist.

»Morgen? Ja, das ist eine gute Idee. Ich hab’ in der Vitrine vorhin eine Linzer Torte gesehen.« Paula greift nach der Hand ihres Mannes. »Gustavs Lieblingstorte«, erklärt sie. Seit er aus Sibirien zurück ist, versucht sie, ihren Mann wieder aufzupäppeln. Sechs Jahre ist das jetzt her, aber seine alten Anzüge passen immer noch nicht ganz. Vor allem an den Schultern schlottern sie, und die Hosen rutschen. Es ist, als ob sich der Körper, der jahrelang hungern musste, weigern würde, Fett anzusetzen. Trotzdem lässt sich Gustav nicht einmal neue Hosen anfertigen, obwohl er doch mit seiner Privatordination wieder ganz schön verdient. »Das geht schon so. Nehm’ ich halt Hosenträger«, antwortet er, wenn Paula ihn zum Schneider schicken will.

»Na fein. Gelt, du wirst auch im Mehlspeis’himmel schwelgen«, zwinkert Ferdinand Webern seiner Frau zu. »Amelie wollte unbedingt einmal auf der Terrasse des mondänsten Hauses am Semmering jausnen. Und ich kann meiner Frau eben keine Bitte abschlagen.«

»Zu gütig, Herr von Webern«, sagt der ältere Herr im dunklen Anzug, der unbemerkt an den Tisch getreten ist. »Entschuldigen Sie die Störung«, sagt der Hoteldirektor und verbeugt sich. »Aber ich wollte es mir nicht nehmen lassen, Sie und Ihre Familie persönlich zu begrüßen, Herr Sektionschef.«

»Lieber Herr Seibt, Sie wissen doch ganz genau, dass es in Österreich, anders als bei Ihnen zu Hause, kein ›von‹ mehr gibt. Und Sektionschef bin ich auch nicht mehr.«

»In meinem Hause wurde gar nichts abgeschafft«, antwortet der Preuße steif. »Ich bin jetzt seit fast zwanzig Jahren hier Direktor und ich …«

»Schon gut, mein Lieber. Schon gut. Ich glaube, wir haben heutzutag’ alle andere Sorgen als gewesene Titel. Aber manchmal gibt es auch Anlass zur Freude. Wir feiern ja heute die Anstellung meines Neffen in ihrem Hause als Arzt.«

Kurt Seibt winkt seinen Oberkellner heran. »Eine Flache Pommery aufs Haus, Karl. Und nehmen Sie den Hund mit.« Der dreibeinige Mischling folgt seinem Herrchen auf Schritt und Tritt, selbst wenn der Direktor im Speisesaal seine Begrüßungsrunden dreht. Der kleine Hund ist eine ständige Quelle liebevollen Spotts, denn Gäste und Angestellte finden es gleichermaßen erstaunlich, dass der sonst so pedante »Piefke« mit einer solchen Zuneigung an der räudigen Promenadenmischung hängt.

»Gestatten?« Erst als die Anwesenden zustimmend nicken, lässt sich der Direktor am Tisch der Gäste nieder.

»Als ich Ihre Bewerbung gelesen habe, junger Mann, konnte ich den Nachnamen nicht gleich zuordnen. Aber dann …«

»Ist ja auch schon ein Weilchen her. Warten Sie, Seibt, lassen Sie mich rechnen. Frühling 1917, richtig?« Der Direktor nickt. »Ja, mehr als zehn Jahre ist es jetzt her, Herr Sektionschef. Aber ich erinnere mich, als ob es gestern gewesen wäre.«

»Das Treffen fand in einem Ihrer wunderbaren Salons statt, im roten, wenn ich mich nicht irre. Sie haben mich hingeführt, Renner und Seitz waren schon da.«

Als der Sektionschef des k. und k. Ministeriums für Äußeres den Raum betrat, waren die Herren ins Gespräch vertieft. Die beiden Sozialisten erhoben sich und grüßten höflich, aber zurückhaltend. Karl Renner, er mochte jetzt auf die Fünfzig zugehen, kannte Webern noch aus jener Zeit, in der er Leiter der Reichsratsbibliothek gewesen war, ein untersetzter Mann im dreiteiligen Anzug, der seine Stirnglatze mit einem dunklen Vollbart kompensiert hatte. Der schwarze Zwicker auf der Nase verlieh ihm das Aussehen eines Gelehrten. Karl Seitz trug ebenfalls Vollbart zu einer Stirnglatze. Ein Lehrer, der zu einem der ersten sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichsrat geworden war, stand im Memorandum, das Webern kurz zuvor überflogen hatte. Einerlei, das Reich brauchte jetzt auch die Unterstützung der Roten. Es galt also, einen möglichst verbindlichen Umgangston zu finden. Nachdem ein schüchterner junger Kellner Ersatzkaffee und trockene Kekse serviert hatte, eröffnete von Webern das Gespräch.

»Meine Herren, Sie wissen, dass meinem Vorgesetzten, dem Grafen Czernin, die Bedeutung der Sozialdemokratie in diesen schwierigen Zeiten völlig bewusst ist. Wir müssen vernünftige Sozialpolitik machen, um die Spannungen im Inneren des Reiches abzubauen.«

Die beiden Sozialdemokraten schwiegen. Umgekehrt würde ich es mir auch nicht leicht machen, dachte der Sektionschef flüchtig. Dann sprach er weiter. »Ministerpräsident Clam-Martinic hält einiges von Ihnen, lieber Renner. Er würde Sie gerne als Minister sehen. Ihre Veröffentlichungen der letzten Jahre sind wirklich bemerkenswert. Österreichs Erneuerung heißt ihr letztes Werk, nicht wahr?«

Der Angesprochene zögerte. »Herr Sektionschef, darf ich frei sprechen? Sonst macht meine Antwort keinen Sinn.«

»Nichts, was Sie hier sagen, verlässt diesen Raum.« Auch Karl Seitz nickte.

»In meiner Funktion im Direktorium des Amtes für Volksernährung hatte ich eine Audienz bei Kaiser Karl.« Der Jurist machte eine Pause. Wie weit konnte er gehen?

»Herr, sprechen Sie völlig offen. Auch ich kenne den Kaiser.«

»Ich habe ihm Grundfehler der Organisation aufgezeigt, die sich nur durch gänzliche Umgestaltung beheben ließen. Karl hat nur in Allgemeinplätzen geantwortet. Es war augenscheinlich, dass der Kaiser keine Ahnung hatte. Ich bin dann auf allgemeine Fragen gekommen, auf die Notwendigkeit einer Verfassungsänderung. Es war …« Renner beendete den Satz nicht, sondern steckte sich eine Zigarette an. Er nahm einen tiefen Zug und fuhr fort. »Der Mann, der die Geschicke unseres Vaterlandes leitet, hat keine Ahnung von den Sorgen der Bevölkerung, von den riesigen Problemen des Reiches. Er ist weich und unerfahren, und er wurde nie auf diese Verantwortung vorbereitet. Und das alles in den schwersten Stunden des Reiches.« Renner hielt inne, fast erschrocken, dass er schon zu viel gesagt haben könnte.

Diesmal war es der Sektionschef, der nickte. »Sie mögen recht haben in ihrer Beurteilung. Aber ist nicht gerade das ein Grund, ein Ministeramt anzunehmen? Dem Ministerpräsidenten schwebt ein Völkerministerium vor. In dieser schwierigen Lage müssen wir doch über alle Parteigrenzen hinweg zusammenstehen. Retten wir, was noch zu retten ist.« Die letzten Sätze waren fast beschwörend gesprochen.

»Ich werde darüber nachdenken, Herr von Webern. Aber Sie werden doch den Kollegen Seitz und meine Wenigkeit nicht deswegen hierhergebeten haben, um mir dieses Angebot zu unterbreiten?«

»Sie sind ein schlauer Fuchs, Renner. Es geht auch um etwas anderes: Der Außenminister würde es begrüßen, wenn Sie beide, gemeinsam mit Victor Adler, als österreichische Delegation an der Stockholmer Friedenskonferenz teilnehmen würden.«

»Und welches Interesse verfolgt Graf Czernin damit, dass wir zu einem sozialdemokratischen Kongress reisen?« Zum ersten Mal hatte Karl Seitz das Wort ergriffen.

»Es ist eine Gelegenheit, Kontakt zu den russischen Sozialisten aufzunehmen und Verhandlungen anzubahnen. Eine wichtige, eine ehrenvolle Aufgabe. Wenigstens mit den Russen muss sobald wie möglich Frieden geschlossen werden.« Seitz und Renner sahen sich an.

»Wir werden Ihre Bitte mit der Parteiführung besprechen«, antwortete Karl Renner etwas steif, »aber seien Sie versichert, dass wir Sozialdemokraten keine Mühen scheuen werden, um unserem armen Vaterland endlich Frieden zu bringen.«

Mittlerweile ist der Pommery ausgeschenkt. Direktor Seibt reicht jedem der Gäste ein Glas. »Tja, das hätte ich mir damals auch nicht gedacht, dass Renner nur ein Jahr später Staatskanzler sein wird. Nun ja, war kein beneidenswertes Amt.« Offenbar hat auch er über seine ehemaligen Gäste nachgedacht.

»Ganz recht, lieber Seibt. Der arme Mann musste einen Krieg beenden, den er nicht begonnen hatte. Aber auch Seitz ist in keiner beneidenswerten Position. Oder möchten Sie jetzt Wiener Bürgermeister sein?«

»Du kannst das Politisieren einfach nicht lassen, Ferdinand«, meldet sich Bruder Gustav zu Wort. »Ich dachte, wir wollen auf Werners hoffnungsvolle Karriere anstoßen?«

»Verzeihen Sie die Störung, die Herrschaften!«, der junge Page ist außer Atem. Er muss fünfzehn oder sechzehn Jahre alt sein, wirkt aber in der roten Hoteluniform entschieden jünger.

»Telegramm aus Berlin. An Ferdinand und Amelie Webern.«

Der Jurist nimmt das Schreiben, gibt dem Buben ein Trinkgeld und beginnt zu lesen. Er liest das Gedruckte ein zweites Mal und kann es doch nicht glauben.

»Amelie, wir müssen abreisen. Heute noch!«

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Toblach, 3. September 1927

Der Pinsel streicht gemächlich, zögerlich fast, über das Holz. Nur langsam färbt sich der grüne Untergrund weiß, entsteht ein Buchstabe. Der Carabiniere, der das Werk des Anstreichers beobachtet, zieht ungeduldig an seiner Zigarette. »Fai più veloce!«, treibt er den Mann an. Der Kerl, ein jüngerer Mann im blauen Arbeitsschurz, blickt von seiner Leiter hinab, zuckt mit den Schultern und schüttelt den Kopf. Ich verstehe nichts, soll das heißen. Bruno, der Carabiniere, hasst diese Geste. Oft hat er sie schon gesehen, zu oft. Die Leute hier wollen kein Italienisch verstehen, das ist es. Er spürt täglich, was die Einheimischen von den italienischen Uniformierten halten. Er merkt es an ihren Blicken, an ihren radebrechenden Antworten, am Schweigen, das ihm entgegenschlägt, wenn er eine Gaststube betritt. Unwillkommene Besatzer, so sehen sie uns. Bruno Zanetti spuckt einen Tabakfaden aus und wischt sich mit einer energischen Handbewegung über den Mund. Sie müssen einfach einsehen, dass Österreich den Krieg verloren hat und dieses Land jetzt zu Italien gehört.

Auf der anderen Seite der Hotelfassade, möglichst weit von dem Carabiniere entfernt, steht ein älterer Herr und beobachtet ebenfalls schweigend die Arbeit des Malers. Monatelang hat sich Konrad Holzer der Anweisung widersetzt, auf seinem Hotel eine italienische Aufschrift anzubringen. Zähneknirschend hat er eine hohe Geldstrafe bezahlt, zweimal war er beim Podestà vorgeladen.

»Signor Holzer, Sie haben ein wunderschönes Hotel«, eröffnete der italienische Bürgermeister das Gespräch mit gespielter Liebenswürdigkeit. »Ich bin froh, in Dobbiaco ein so traditionsreiches Haus zu wissen. Aber auch Sie müssen sich an die Vorschriften halten. Ich gebe Ihnen noch zwei Wochen, dann muss ich Sie bestrafen.« Er war schon in der Türe, als ihm der Podestà nachrief: »Dann kontrollieren wir auch, ob die Bilder des Duces und des Königs vorschriftsmäßig angebracht sind.« Beim zweiten Mal war die Maske der Freundlichkeit verschwunden. »Wenn Sie glauben, Sie und Ihr Herr Sohn können sich den Anordnungen des Duces widersetzen, dann haben Sie sich geirrt, Holzer.« Der Podestà sprach den Namen aus, als wäre allein sein Klang eine Provokation. »Überhaupt ist Ihr Verhalten unklug, höchst unklug. Ich nehme doch an, dass Ihnen etwas an Ihrem einzigen Sohn liegt.«

Konrad Holzer biss sich auf die Lippen. Der Mistkerl wusste genau, dass Carl, sein älterer Sohn, gefallen war, ertrunken nach einem italienischen Torpedoangriff. »Zum Glück kann er ja keine hetzerischen Reden mehr im Senat halten. Jetzt muss er sich damit begnügen, die Dorfbewohner aufzuwiegeln.«

»Mein Sohn wiegelt niemanden auf. Er vertritt seine Mandanten vor Gericht, wie es das Gesetz vorsieht.« Abgesehen von einem kurzen Gruß hatte der Tiroler bislang nicht gesprochen. Nun hallte seine Stimme laut durch das Bürgermeisterzimmer.

»Wagen Sie es nicht, mir zu widersprechen«, herrschte ihn der Italiener an. »Wir wissen genau, was er tut. Wir beobachten ihn und seine Freunde, wir beobachten alle unsere Feinde.« Er machte eine künstlerische Pause. Dann sprang der Bürgermeister auf, so abrupt, dass die Orden an seiner uniformierten Brust auf und nieder hüpften. Dabei wusste jeder im ganzen Ort, dass er gar nicht gedient hatte im Krieg. Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte Konrad Holzer gelacht.

»Und wir können zuschlagen, jeder Zeit. Seine Kanzlei zusperren, ihm die Zulassung entziehen, ihn anklagen.« Jetzt schrie der Podestà. Konrad Holzer sah die kleinen Speicheltropfen, die aus seinem Mund schossen, unverwandt an.

»Also, überlegen Sie sich die Sache mit der Aufschrift gut, Holzer.« Der Bürgermeister sprach wieder in Zimmerlautstärke. »Es lohnt sich nicht. Wir haben die Macht.«

An diesen Satz muss der alte Tiroler denken, als er Bertl, dem Anstreicher zusieht. Langsam entsteht das Wort »Albergo«. Ja, sie haben die Macht.

Zur gleichen Zeit beugt sich ein paar Hundert Meter entfernt in der geräumigen Küche des Hotels Anna Holzer gemeinsam mit ihrer Schwiegertochter über den Menüplan für die kommende Woche.

»Was meinst, Feli, damit werden die Gäst’ wohl z’frieden sein? Einmal Rind, einmal Kalb, zweimal Schwein, einmal Wild, einmal Fisch und einmal faschierter Braten. Und die Nachspeisen …«

»Mach dir keine Gedanken, Mutter!« Felicitas Holzer tätschelt ihrer Schwiegermutter liebevoll die Hand. Anders als viele andere Frauen hat sie ein herzliches Verhältnis zur Mutter ihres Ehemannes. Sie haben vieles gemeinsam durchgemacht: den Krieg, die Angst um die Männer, Julius’ furchtbare Verwundung, Carls Tod, die erste Besatzungszeit. Das schweißt zusammen. »Es wird schon recht sein. Wie immer.« Felicitas nimmt einen Tintenstift zur Hand und beginnt, eine Einkaufsliste für den Koch zu schreiben.

Anna wirft ihrer Schwiegertochter einen zweifelnden Blick zu. »Ich weiß nicht … Manchmal denk’ ich, die Italiener sind halt doch a andere Kost g’wöhnt.«

»Ach was«, Feli streicht sich mit einer energischen Bewegung eine vorwitzige dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht, »hat sich schon einmal einer beschwert? Eben! Und von unseren Strudeln und unserem Schmarrn können s’ gar nicht genug bekommen.«

Während Felicitas Holzer schreibt, betrachtet Anna ihre Schwiegertochter. Was für ein Glück Julius hat. Feli ist eine Schönheit. Ihre feinen, ebenmäßigen Züge erinnern an ein Madonnenbildnis. Das dunkle Haar, das sie sich wieder wachsen hat lassen, fällt ihr in weichen Wellen über die Schultern, die Haut ist noch faltenlos und leicht gebräunt. Das Hübscheste aber sind ihre blauen Augen, die gleichermaßen vor Freude und vor Wut blitzen können. Die beiden Schwangerschaften haben Felis Figur nichts anhaben können, sie ist immer noch mädchenhaft. Ob wohl wieder etwas Kleines unterwegs ist? Felicitas streicht in letzter Zeit verdächtig oft über ihren Bauch.

Die Jüngere legt den Stift zur Seite. »Komm, Mutter, lass uns noch im Speisesaal nach dem Rechten sehen.«

Anna Holzer folgt ihrer Schwiegertochter durch den langen Gang, der zum vorderen Teil des Hotels führt. Bei einem der hohen Fenster wirft sie einen Blick hinaus zum Eingang. Ob Bertl endlich fertig ist mit der walschen Aufschrift? Konrad steht mit verschränkten Armen und versteinerter Miene vor dem Haus und beobachtet den Anstreicher. »Mein Gott, hoffentlich fangt er nicht wieder zum Streiten an. Es hat ja doch keinen Sinn!«, murmelt die alte Dame.

»Streiten?« Auch Felicitas ist stehen geblieben und tritt ans Fenster. »Aber Mutter, du weißt doch am besten, wie schwer das alles für Vater ist. ›Albergo Holzer‹, das Haus eines Standschützen. Er hat es eben hinausgezögert, solange es irgendwie möglich war.« Felis Stimme klingt vorwurfsvoll.

»Ich will ja nur nicht, dass er sich immer so aufregt. Erinnerst du dich, was Dr. Plaikner bei seinem letzten Herzanfall gesagt hat? Konrad ist schon dreiundsiebzig, und die Jahre im Krieg und in der Gefangenschaft zählen doppelt.« Anna Holzer betrachtet die mühsam beherrschten Züge ihres Mannes. »Er wird die Italiener nimmer vertreiben von do. Da nutzt ihm seine ganze Sturheit nix.«

»Bitt’ schön, die Blumen sein g’liefert worden.« Zenzi, das Serviermädel, schaut die alte und die junge Chefin fragend an. »Soll ich’s dann gleich auf die Tisch verteilen?«

Felicitas wendet sich der jungen Frau zu. »Heut’ nimmst die kleinen weißen Vasen. Nicht vergessen: drei Blumen pro Tisch. Und schau zu, dass du rechtzeitig fertig wirst. Es is’ schon fast halb zwölf, die ersten Gäst’ werden bald kommen.«

»Is’ recht.« Auch nach vier Monaten Lehrzeit wird Zenzi noch rot, wenn sie mit der schönen jungen Chefin spricht. Schlimmer ist es nur, wenn der junge Holzer sie anspricht, dann bleibt ihr vor Aufregung buchstäblich das Wort im Hals stecken.

Wenig später betreten auch Anna und Felicitas den Speisesaal. Die hohen dreiflügeligen Fenster sind leicht geöffnet, und die zartgelben Vorhänge bauschen sich im Luftzug. Der große Raum mit dem Sternparkett wirkt hell und einladend. Die meisten der dreißig Tische sind schon gedeckt: weißes Damasttischtuch, Augartenporzellan und schweres Silberbesteck. Während Gretl, das zweite Serviermädchen, das fehlende Geschirr herbeiträgt, ist Zenzi eifrig damit beschäftigt, die Blumen zu verteilen: Auf jeden Tisch kommen zwei rote und eine weiße Rose.