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Marie-Theres Arnbom

Die Villen vom Attersee

Wenn Häuser Geschichten erzählen

Mit 128 Abbildungen

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2018 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagabbildungen: Berghof bei Unterach am Attersee

© Imagno/picturedesk.com (Motiv), Fotohalter © iStock.com

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH,

Heimstetten

Gesetzt aus der 11/14 pt Minion Pro Regular

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-123-8

eISBN 978-3-903217-05-8

Inhalt

Making of …

Gebrauchsanweisung

1 Mondän und exzentrisch. Schloss Kammer

Schörfling, Hauptstraße 28

2 Das Vermögen des Branntweiners Simon Marmorek

Seewalchen, öffentliches Strandbad

3 Die Ringstraße am Attersee. Familie Paulick

Seewalchen, Promenade 12

4 Pretty Woman. Die Magnaten-Elsa und Max Schmidt

Seewalchen, Atterseestraße 55 und 59

5 Eine Insel für die adorierte Primadonna. Eduard Springer

Litzlberg, Insel

6 Zwischen Kieferchirurgie und Yacht-Club. Gustav Wunschheim

Attersee, Mühlbach 16

7 Von Spitzen, Tüll und Segelbooten. Familie Faber

Attersee, Aufham 1

8 Die Alraune des Attersees. Camillo Belohlawek-Morgan

Attersee, Aufham 9

9 In der Taucherglocke. Der außergewöhnliche Forscher und Wohltäter Eugen Ransonnet

Nussdorf, Dorfstraße 65

10 Die Familie Goldberger de Buda und der Architekt Oskar Marmorek

Unterach, Jeritzastraße 15

11 Die vergessene Operettensoubrette Olga Bartos

Unterach, Jeritzastraße 22

12 Von Rosé zu Rose. Oder: Ein Akzent macht den Unterschied

Unterach, Hugo-Wolf-Weg 13

13 Die prachtvolle Villa des Victor Léon

Unterach, Hugo-Wolf-Weg 15

14 Mäzene und ihr Schützling. Oder: Wie »macht« man einen Star?

Unterach, Jeritzastraße 43

15 Franz Tewele, der »urfidelste aller Possenreißer« und »Almanach de Unterach«

Unterach, Jeritzastraße 34

16 Die exzentrische Familie Eckstein

Unterach, Jeritzastraße 36

17 Baron Poldi und Bagage!. Zwei Schlüsselromane rund um Maria Jeritza

Unterach, Jeritzastraße 36

18 Kaltwasserseife. Das ideale Produkt für den Attersee?

Unterach, Jeritzastraße 38

19 Von der Ölindustrie auf die Bühne. Familie Geiringer

Unterach, Jeritzastraße 42

20 Turbinen und Affen. Der große Erfinder Viktor Kaplan

Unterach, Kaplanstraße 31

21 Entfesselter Neid tötet gebildete Kultiviertheit. Der Berghof

Unterach, Unterburgau 1

22 »Darf ich Ihnen meine Briefmarkensammlung zeigen?« Der reiche Sammler und sein Berater

Burgau, Unterburgau 3

23 Liberalismus, Frauenrechte, Nobelpreis. Die Familien Schütz und Pauli

Weißenbach, Ischler Straße 5

24 Pionier der Elektrotechnik. Oder: Ein Hoch auf den Wechselstrom! Emil Kolben

Weißenbach, Ischler Straße 5 und Friedrich-Gulda-Weg 10

25 Unbeschwerte Sommer in Weißenbach

Aus den Erinnerungen Heinrich Kolbens

26 Herr über den Erfolg. Der Verleger Adolf Sliwinski

Weißenbach, Friedrich-Gulda-Weg 18

27 Von Chicago nach Weißenbach. Das Hotel Post

Weißenbach, Ischler Straße 1

28 Villa Schoberstein. Ein dunkles Kapitel

Weißenbach, Ischler Straße 1

29 Schwanensee am Attersee. Charlotte Wolter

Weißenbach, Weißenbach 6 und 7

30 Am seidenen Faden. Die Familie Gütermann

Steinbach, Forstamt 5, 6, 8, 9

31 Ein Lebensbuch. Heimito von Doderers Strudlhofstiege

Steinbach, Forstamt 7

32 »Das ganze Haus ein Denkmal der Liebe.« Hedwig Bleibtreu und Alexander Römpler

Steinbach, Seefeld 1

33 Meine Jugendliebe. Gustav Mahler

Steinbach, Seefeld 14

Anmerkungen

Literatur und Quellen

Bildnachweis

Die Autorin

Namenregister

Making of …

Der Attersee ist mir vertraut. Dachte ich jedenfalls. Viele Konzerte haben mir seit Jahrzehnten an verschiedenen Plätzen wunderschöne Sommerabende beschert. Seit mittlerweile 15 Jahren umrunde ich außerdem den See, um die Plakate meines Kindermusikfestivals in St. Gilgen zu verteilen, und beobachte das Verschwinden alter Geschäfte und Gasthöfe ebenso wie das Entstehen neuer Häuser. Freunde, die am Attersee zu Hause sind, werfen mir seit Jahrzehnten vor, dass ich sie nie besuche, aber das ist so eine alte Salzkammergutkrankheit: Jeder sitzt an seinem See und bewegt sich nicht weit weg, sondern genießt die wenigen kurzen Wochen intensiv und will keinen Moment missen.

Jetzt habe ich mich aber hinausgewagt und bin tiefer in die Geheimnisse rund um den Attersee eingetaucht, habe die Umgebung aufmerksam per Schiff, per Auto und zu Fuß erkundet und Eindrücke gesammelt. Viele Gespräche eröffneten Eigenheiten dieses Sees, die große Bedeutung des Segelns, die eingeschworene Gemeinschaft. Dieses Wissen bot mir die Grundlage weiterzuforschen, zu überlegen, wer die Menschen waren, die diese spezielle Atmosphäre des Attersees geprägt haben. Ich hätte nie erwartet, dass so viele schräge und außergewöhnliche Typen zum Vorschein kommen: Schriftsteller und Schauspieler, Frauenrechtlerinnen und Sängerinnen, deren Namen vertraut, und solche, die vergessen sind. Industrielle, die in die Welt der Tüll-Erzeugung ebenso führen wie in die Elektrotechnik, Ärzte, Komponisten und Musiker bevölkerten den Attersee und legten ein unsichtbares Netz quer über den See: Fast alle kannten sich, waren verwandt, verbandelt, übers Kreuz miteinander oder in Liebschaften verbunden – eine große, dicht verwobene Gesellschaft, zusammengesetzt aus vielen bunten Mosaiksteinen. Ganz neue Aspekte tun sich auf und machen neugierig, weiterzuforschen und sich näher mit den Menschen auseinanderzusetzen.

Die Auswahl der beschriebenen Villen ist subjektiv, nur ein geringer Teil der beeindruckenden Häuser und ihrer Bewohner kann berücksichtigt werden, denn dieses Buch soll ja auch ein Begleiter auf Ausflügen rund um den See sein und in eine Tasche passen, damit man an Ort und Stelle nachlesen kann. Bekanntes und Vertrautes wurde daher zurückgestellt, denn es gibt so viele Menschen, die in Vergessenheit geraten sind – ihnen ist das Buch gewidmet.

Die Schilderungen umfassen einen Zeitraum von etwa 100 Jahren – in diesem Jahrhundert wurde Europa von Krisen und Leid gebeutelt: Zwei Kriege, die die Welt bis heute nachhaltig prägen, haben auch am Attersee ihre Spuren hinterlassen. Die Geschichten dieses Buches stellen immer Momentaufnahmen dar, werfen kurze Blitzlichter auf eine bestimmte Zeit, auf bestimmte Personen.

Auffallend sind die vielen Sommerfrischler aus Prag – doch bei näherer Überlegung wird klar, dass dies schlicht mit den vorhandenen Reisemöglichkeiten zusammenhängt: Die Routen der Eisenbahn stellen ein wichtiges Kriterium für die Wahl der Sommerfrische dar, denn das Gepäck ist umfangreich, in den Monaten am Attersee darf es an nichts fehlen: Bücher und Musikinstrumente, Sportgeräte und Bekleidung, Decken, Wäsche und oftmals auch Geschirr braucht es, um den Sommer bequem verleben zu können.

Die einzelnen Orte am Attersee haben unterschiedlichen Charakter. Weißenbach zum Beispiel gilt aufgrund der direkten Anbindung an Bad Ischl als Dependance der kaiserlichen Sommerresidenz, als Ischler Vorort am See. Das Hotel Post zieht die mondäne Welt an, berühmte Persönlichkeiten erwerben Villen in der Umgebung und sonnen sich ein wenig im Ischler Glanz, gespiegelt im legendär grün-blau schimmernden Wasser des Attersees.

In Unterach prägt ein großer, auf verschiedenen Ebenen vernetzter Clan ein beschwingtes, fröhliches und intellektuelles Sommerleben, das von einem gemeinsamen Faktor bestimmt ist: der Musik. In fast allen Villen rund um den See gehört ein Klavier zur selbstverständlichen Einrichtung, gemeinsames Musizieren zählt zu den wichtigsten integrativen Programmpunkten der Sommerfrische. Auf dem Berghof in Burgau laufen viele Fäden zusammen, er kann als Kulminationspunkt des kultivierten Sommerlebens gelten – und die Fäden reichen bis zum Schloss Kammer auf der anderen Seite des Sees hinüber. Dort verkehrt in der Zwischenkriegszeit die mondäne Welt, die sich bei den Salzburger Festspielen trifft – Musik und Theater stehen hier ebenfalls im Mittelpunkt.

Auch am Attersee geht der Bruch des Jahres 1938 nicht spurlos vorbei, doch verlaufen die Ereignisse, anders als in Bad Ischl, weniger organisiert. Besitze wechseln die Eigentümer, und oft wird erst im Nachhinein klar, ob dies – wenigstens nach den Gesetzen der Nationalsozialisten – überhaupt rechtens war oder nicht. Ein schwieriges Kapitel, das trotzdem eines ganz klar zeigt: Die Nazis machen keinen Halt vor repräsentativen Liegenschaften, egal ob die Eigentümer als Juden gelten oder nicht. Beschlagnahmt wird, was schön und teuer ist – und dann beginnen die einzelnen Nazi-Organisationen zu streiten, ob eine von ihnen den Zuschlag erhält oder ob sich vielleicht doch ein Bonze eine repräsentative Bleibe am Attersee aneignen darf. Der Zustand der Häuser verschlechtert sich, niemand fühlt sich verantwortlich, und so kommt es nach dem Ende des Krieges zu unendlich zermürbenden Verhandlungen mit den ursprünglichen Eigentümern. Denn zurückgestellt werden die Besitzungen relativ rasch, doch die Diskussionen und Streitigkeiten über angebliche Investitionen, nicht bezahlte Mieten und gestohlene Möbel ziehen sich ins Unendliche – einmal mehr wird deutlich, wie sehr die unselige Devise von Innenminister Hellmer, »die Sache in die Länge zu ziehen«, der Realität entspricht. Die meist jüdischen Besitzer, die nun in Amerika, in Paris oder jenseits des Eisernen Vorhangs leben, verkaufen ihre Häuser in den 1950er-Jahren.

Doch die Musik bleibt – über alle Zeitläufe hinweg – ein bedeutender Teil des Attersee-Sommers, Festivals entstehen und bieten bis heute vielen großen Künstlern eine wunderschöne und inspirierende Heimat.

Um sich den Menschen und ihrer Zeit zu nähern, muss man sie finden. Und so standen am Beginn meiner Recherche die Grundbücher der einzelnen Gemeinden, in denen die Eigentümer genau aufgelistet sind und aus denen auf einen Blick die Entwicklung eines Hauses mit allen Höhen und Tiefen offenbar wird. Akten und Archivalien bieten weitere wertvolle Einblicke in das Leben der Menschen – ohne die großartige Kooperation des Wiener Stadt- und Landesarchivs und des Oberösterreichischen Landesarchivs wäre vieles nicht zu erschließen gewesen. Unkomplizierte Unterstützung und beste Arbeitsbedingungen, großes Interesse und hilfreiche Gespräche machen diese Archive und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Partnern der wissenschaftlichen Forschung des 21. Jahrhunderts. Die Recherche im Salzburger Landesarchiv – denn Burgau gehört zu Salzburg – erwies sich hingegen als Zeitreise in die 1980er-Jahre, in denen die Nutzer mit Skepsis beäugt wurden und Angst und Misstrauen vorherrschten, dass durch allzu viel Recherche etwas Unliebsames ans »Tageslicht« kommen könnte. Aber selbstverständlich erhielt ich alle Akten und konnte so auch diesen Teil des Attersees in aller Gründlichkeit bearbeiten.

Die Arisierungs- und Rückstellungsakten machen erneut deutlich, mit welcher perfiden Menschenverachtung ab 1938 eine Kultur zerstört wurde, wie unschuldige Menschen vertrieben und in den Tod gehetzt wurden und in der Zweiten Republik unerwünscht blieben. Die Rückstellungsakten erinnern in erschreckend vielen Formulierungen, Vorgehensweisen und sprachlichen Codes an heute wieder spürbare Verrohungstendenzen und mahnen uns, achtsam mit Sprache umzugehen und uns unserer Verantwortung bewusst zu sein.

Verlassenschaftsabhandlungen fassen am Ende eines Lebens das Bleibende zusammen und machen so manche Verwicklung, Verletzung oder Dankbarkeit innerhalb von Familien deutlich. Mein Mann Georg Gaugusch hat diese Akten im Wiener Stadt- und Landesarchiv unermüdlich für mich gescannt und mir mit seiner großartigen, bahnbrechenden Recherchearbeit nicht nur viel Arbeit erspart, sondern für viele Kapitel überhaupt erst die Grundlage geboten, auf der ich aufbauen konnte.

Schlüsselromane, Gedichtbände, wissenschaftliche Artikel und Lebenserinnerungen bieten Einblick in die Gedankenwelt der geschilderten Menschen, die auf so unterschiedlichen Gebieten Großes geleistet haben.

Und auch Heimatbücher standen zur Verfügung – zwei davon bedürfen einer dringenden Überarbeitung: Das Heimatbuch von Schörfling erschien 2002 als Neuauflage der Fassung von 1988. Darin finden sich folgende Formulierungen: »Die Sommerfrischler verließen im Herbst [1919] nur widerwillig das Salzkammergut, speziell das Atterseegebiet. Sie saßen wie die Maden im Speck, und manch einer dieser ›Gäste‹ mußte gewaltsam weggebracht werden, was mancherorts zu unerquicklichen Szenen führte. Zum Großteil gehörten sie dem auserwählten Volke an. Die ortsansäßige Bevölkerung war aufgebracht, denn die ›Gäste‹ zahlten phantastische Preise für die Lebensmittel, die dann den Einheimischen abgingen.«1 Solch offener Antisemitismus hat in einer offiziellen Gemeindechronik, die außerdem im Jahr 1920 endet, nichts zu suchen. In der 1990 erschienenen Chronik von Unterach ist die Wortwahl weniger explizit, aber trotzdem mehr als deutlich: »Freilich zogen die großen Lichter auch wieder kleine Dunkelmänner an, die sich in Unterach besonders in wirtschaftlicher Beziehung sehr unbeliebt machten.2 […] Manche von den Sommergästen erbauten sich eigene Villen, meist am See. Einheimische verkauften ihre Häuser, und oft wurde es schmerzlich empfunden, wenn irgendein Herr Neureich mit unsauber erworbenem Vermögen alteingesessene Unteracher mit seinem Geld verdrängte!3« Ein wenig mehr Achtsamkeit bezüglich solcher Formulierungen wäre wünschenswert.

Einmal mehr möchte ich ein Loblied auf die Plattform ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek singen: Historische Zeitungen stehen digital zur Verfügung, meist bereits mit Volltextsuche. Man sucht etwas und findet – nebst dem Gesuchten – auch noch ganz Unerwartetes in diesem reichen Angebot, das dank des großen Engagements von Christa Müller unermüdlich erweitert wird.

Mein Dank gilt all jenen, die mich mit Hinweisen, Materialien, Fotos, Kontakten, Gedanken, Gesprächen, Wohlwollen und viel Geduld versorgt haben: Elisabeth Auersperg-Breunner, Alfred von Doderer, Alexander Eberan, Claudia Herz-Kestranek, Miguel Herz-Kestranek, Nikolaus Horn, Grace Jeszenszky, Martin Kolben, Sibylle Langer, Florian von Meiss, Caroline und Andreas Schindler, Gexi Tostmann und Marina Werba.

Georg Male erweist sich in alter Freundschaft einmal mehr als der allerbeste Lektor, der streng und unerbittlich sprachliche Unschärfen auf einen Blick erkennt und in die richtige Bahn lenkt. Danke!

Auf meine unermüdlichen Korrekturleser und -innen ist immer Verlass: Georg Gaugusch, Christiane Arnbom, Elisabeth Kühnelt-Leddihn, Hanna Ecker und Monika Kiegler-Griensteidl und all die anderen, die das eine oder andere Kapitel vorab lesen durften (oder mussten) und mich mit konstruktivem Feedback versehen haben.

Dem Amalthea Verlag mit dem engagierten Team um Katarzyna Lutecka danke ich für das Vertrauen und die wie immer großartige Unterstützung.

Gebrauchsanweisung

Wie schon im ersten Band meiner Villen-Reihe habe ich versucht, Entdeckungstouren zusammenzustellen, doch erweist sich dies aufgrund der geographischen Gegebenheiten am Attersee als schwierig. In Seewalchen, Unterach und Weißenbach laden Spazierwege ein, die Atmosphäre der Orte zu genießen.

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Elegante Badegesellschaft

Doch einen besonderen Blick auf die Villen bietet eine Tour mit dem Schiff – ob per Linienschiff oder Segelboot spielt keine Rolle: Die so unterschiedlichen Kulissen der einzelnen Orte eröffnen sich in idealer Art und Weise.

Sportliche nehmen das Fahrrad – wie schon Gustav Mahler und viele andere Sommerfrischler – und erkunden den See langsam und gemächlich. Das Auto steht als letzte Option natürlich auch zur Verfügung …

Die folgenden vier Touren zu Fuß und zwei Touren per Schiff dienen als Vorschlag, den Attersee mit neuen Augen zu erkunden:

Zu Fuß

Entdeckungstour Eins (Seewalchen): 1, 2, 3, 4*

Entdeckungstour Zwei (Attersee): 6, 7, 8

Entdeckungstour Drei (Unterach): 10 bis 19

Entdeckungstour Vier (Weißenbach): 23 bis 29

Per Schiff

Entdeckungstour Fünf: Rundfahrt Attersee Nord: 1, 5, 6, 7, 8

Entdeckungstour Sechs: Rundfahrt Attersee Süd: 9, 16, 17, 21, 22, 24, 26, 27, 28, 29, 30, 33

Natürlich muss man aber zum Lesen dieses Buches nicht physisch am See anwesend sein, denn die Schicksale der beschriebenen Menschen beziehen sich zwar alle auf den Attersee, gehen aber weit darüber hinaus und führen ebenso nach Wien und Prag wie nach Chicago und New York.

Jedenfalls möchte dieses Buch dazu anregen, in die Atmosphäre einzutauchen, die all diese Menschen anzog und die ihnen viele unvergessliche Jahre beschert hat, in guten wie in schlechten Zeiten.

* Die Ziffern beziehen sich auf die jeweiligen Buchkapitel.

1 Mondän und exzentrisch. Schloss Kammer

Schörfling, Hauptstraße 28

Mein erster Eindruck von Schloss Kammer geht auf die 1980er-Jahre zurück. Im Sommer wurden dort Konzerte veranstaltet, die nicht nur durch musikalische Qualität bestachen, sondern eine ganz spezielle Atmosphäre boten: Zahllose Kerzen erhellten den Saal und die Gänge und gaben den Konzerten eine ganz besondere Note.

Am 14. August 1925 erwerben Emmerich Jeszenszky und Eleonora Fischer, geborene von Mendelssohn, Schloss Kammer samt zahlreichen weiteren Grundstücken. Ein ungarischer Rittmeister und eine Berliner Schauspielerin, die am Anfang dieses Buches stehen und zugleich symbolisch sind: Auch Kammer gehört zu dem Netz aus zahlreichen Querverbindungen und unsichtbaren Fäden kreuz und quer über den See. Dicht, aber dennoch durchlässig. Eine geschlossene Gesellschaft, die jedoch offen ist für neue Begegnungen. Die bunte Mischung umfasst Industrielle und Komponisten, Diven und Schriftsteller, verliebte Herren und exzentrische Damen, Ärzte und Theaterleute, Erfinder und Frauenrechtlerinnen. Die Anfänge des Netzwerkes liegen Jahrzehnte zurück und verweben sich von Generation zu Generation aufs Neue: Eleonora Mendelssohn passt perfekt in diese Gesellschaft.

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Gustav Klimt, Allee zum Schloss Kammer, 1912

Doch wie verschlägt es eine Berliner Schauspielerin und einen ungarischen Rittmeister ausgerechnet nach Schörfling? Die exzentrische Eleonora Mendelssohn entstammt der berühmten Berliner Bankiersfamilie, ihr Onkel besitzt eine Villa in Rindbach am Traunsee. Ihre Ambitionen, als Schauspielerin Erfolge zu feiern, treiben sie an, ihre Verliebtheit in Max Reinhardt spielt ebenfalls eine Rolle. Verheiratet ist Eleonora mit dem Pianisten Edwin Fischer, doch verliebt sie sich in den ungarischen Rittmeister Emmerich von Jeszenszky, der sich in Berlin in ihrem Dunstkreis bewegt, und startet mit ihm in ein neues Leben. Dieses soll sie fort aus dem wilden Berlin aufs Land führen – eine eigenartig anmutende Idee für eine Frau, die intensiv lebt und dazu das Treiben der Großstadt mit all seiner kulturellen und gesellschaftlichen Vielfalt braucht. Und doch: Ein neues Domizil muss her, Jeszenszky ist fest entschlossen, einen landwirtschaftlichen Betrieb zu übernehmen. Diesen findet er in Schörfling, einschließlich eines Schlosses in wenig attraktivem Zustand. Dies entspricht jedoch ganz Eleonoras Geschmack: Sie kümmert sich um das Schloss, Emmerich um die Landwirtschaft – eine ideale Verteilung der Talente.

Der Mann der Vorbesitzerin, Direktor des Dorotheums, nutzte das Schloss als Lager für Möbel, die jedoch mehr durch Quantität als durch Qualität glänzten. Außerdem leben Mieter im Haus, von der Gemeinde Schörfling zwangseingewiesen – alles keine guten Voraussetzungen für ein angenehmes Leben auf einem gepflegten Besitz4, doch das kann Eleonora nicht entmutigen, im Gegenteil. Sie widmet ihre Zeit – und ihr Geld – der Renovierung, engagiert einen Tischler, der in einer eigenen Werkstatt in Kammer nach ihren Vorstellungen Möbel herstellt – gewiss eine aufreibende Tätigkeit. So stellt etwa die Herstellung einer Tischplatte eine große Herausforderung dar, verlangt Eleonora doch die stilgetreue Nachbildung einer alten Truhe: »Während dieser Zeit war die ›Gnädige‹ kränklich und mußte das Bett hüten. Mehrmals mußten wir zu viert die schwere Platte in ihr Schlafzimmer bringen, daß sie sich vom Bett aus vom Fortschritt der Arbeit überzeugen konnte. Als der Tisch der Form nach fertig war, zeigte ich dem Herrn Rittmeister die kleine Truhe im Stiegenhaus und sagte ihm, daß seine Frau den Tisch auch so ›alt‹ haben möchte. Er sagte mir: ›Herr Widrin, ich möchte schon lieber eine schöne, glatte Platte, aber machen Sie nur wie Eleonora will‹, setzt er ganz gottergeben dazu. Der Tisch wurde einer geradezu barbarischen Behandlung unterzogen.«5

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Emmerich Jeszenszky und Eleonora von Mendelssohn

Die großzügigen Räume in Kammer bieten Platz für viele Gäste: Ein Speiszimmer für 28 Personen und ein weiteres für zwölf ermöglichen große Abendessen, zahlreiche Salons, ein Billardzimmer, eine Bibliothek, ein mit venezianischen Spiegeln ausgestattetes Spiegelzimmer und ein Musikzimmer schließen sich an. Das Herzstück stellt jedoch der sogenannte Zeremoniensaal dar: 500 Gäste können hier empfangen werden – in denkbar großzügigem Ambiente, denn die Höhe des Saales erstreckt sich über zwei Stockwerke.

Neben dem glanzvollen Leben in Kammer tritt Eleonora weiter an verschiedenen Bühnen auf und verbringt viel Zeit in Berlin – ihr Ehemann bewirtschaftet in der Zwischenzeit das Gut. Eine Milchwirtschaft mit 36 Kühen und einer Käserei zählen ebenso dazu wie eine Schweinezucht. Besonders am Herzen liegt dem Rittmeister jedoch die Haflingerzucht, die er 1930 begründet.6

Doch die Ehe zwischen Eleonora und Emmerich geht auseinander, 1936 lassen sie sich scheiden, im selben Jahr wird ein Teil des Schlosses für zwei Jahre an Raimund und Ava von Hofmannsthal vermietet – sie bilden den Schlusspunkt des seeumspannenden Netzes. Raimunds Vater Hugo von Hofmannsthal hatte Jahre zuvor auf dem vis-à-vis am südlichen Ende des Sees gelegenen Berghof erstmals aus seinem Rosenkavalier gelesen. Seine Mutter Gerty Schlesinger gehört dem familiären Mittelpunkt der Unteracher Sommerfrische an, verwandt und verbandelt mit den Ecksteins, den Baums, den Geiringers – ihnen allen sind Kapitel dieses Buches gewidmet. Und Raimunds Cousine Dorli Schereschewsky verbringt ihre Sommer auf dem Plomberghof in St. Gilgen – in den 1980er-Jahren habe ich sie in London besucht und viele Jahre regelmäßig mit ihr korrespondiert. So schließt sich der Kreis.

Raimund zelebriert die Sommer in Kammer, sein Freund Ivan Moffat erinnert sich an den Zauber noch viele Jahre später: »An der Schmalseite des Sees lag das Schloss. In einer Sommernacht zwei Jahre vor Ausbruch des Krieges glitt eine Plätte mit roten Segeln über den See. Unser Gastgeber Raimund hatte gesagt, dies sei unser letzter Sommer in Österreich.

Der Mond schien nicht, doch hoben sich die Konturen der Berge klar gegen den Sternenhimmel ab. Die Maschine stoppte und wir glitten in der warmen Luft in solcher Lautlosigkeit, dass unsere sanfte Fahrt weicher wirkte als die Stille. (…) ›Lausche dem Plätschern‹, meinte meine Mutter. ›Nicht dem Plätschern – der Stille.‹ Wir lauschten.

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Raimund von Hofmannsthal, fotografiert von Cecil Beaton

Raimund wandte sich zum Heck und erhob als Zeichen für die drei Musiker sein Glas. Der Hornist stand auf, schaute zum nächst gelegenen Berg, spielte die ersten Takte von Erzherzog Johanns Jagdgesang und stoppte genau in dem Moment, in dem der erste Ton als Echo vom Berg zurückhallte. Die Takte wurden wiederholt. Als das Echo verstummte, stimmten Geige und Ziehharmonika als Gruß mit ein und setzten die Melodie fort.«

Zurück an Land setzt man sich zu Tisch, ein Zauber liegt über der Szenerie: »Raimund klatschte in die Hände. ›Musik!‹ Eine weitere Plätte leuchtete auf, wenige Meter vom Ufer entfernt. Eine Blasmusik begann ganz sanft einen Walzer zu intonieren. Über die Musik rief Raimund: ›Feuerwerk!‹ Von einer dritten Plätte erhoben sich sechs Raketen, die Funken flogen über die Musik und verglommen sanft in den Sternen.

Zwei Kilometer weit weg, entlang des Sees, schien ein kleines Feuer auf einem Hügel auszubrechen. Es wuchs zu einer klaren Form: Vier Haken aus Flammen. Ein großes Hakenkreuz wurde in der Dunkelheit entzündet. Die Ruderboote glitten in die Dunkelheit, die Musik spielte sanft. ›Raimund, hast du gesehen?‹, sagte sein Freund Friedrich. ›Ich weiß, ja‹, sagte Raimund. ›Deshalb sagte ich früher – das ist unser letzter Sommer in Österreich.«7

Eleonora Mendelssohn selbst sammelt während der Sommermonate eine intellektuelle und künstlerische Gesellschaft aus aller Welt um sich, die Nähe zu den Salzburger Festspielen und natürlich zu Max Reinhardt trägt das Ihre dazu bei. Viele dieser Gäste erinnern sich später an die Gastgeberin, so die große Schauspielerin Elisabeth Bergner: »Sie war so schön, daß einem die Augen übergingen (…) und so engelhaft gut wie eben ein Engel. Sie war auch der unglücklichste Mensch, den ich jemals getroffen habe. Als hätten alle guten Feen an ihrer Wiege gestanden, um sie mit Schönheit, Reichtum und Talent zu segnen; und zum Schluß war die böse Fee gekommen, die man vergessen hatte einzuladen, und hatte das unschuldige Kind mit so giftigem Atem angehaucht, daß alle Segnungen davon zunichte gemacht wurden.«8 In dieser traurigen Schilderung liegt viel Wahres, denn ein einfaches Leben führt Eleonora wahrlich nicht. Sie verfällt wie so viele andere Künstlerinnen, Schauspielerinnen und Sängerinnen ihrer Zeit dem Morphium und kommt nicht mehr davon los.

Große Stars verkehren in Kammer und bringen die internationale Gesellschaft an den Attersee. Die Liste der Berühmtheiten beeindruckt und reicht von Arturo Toscanini bis zu Marlene Dietrich.9 Fritzi Massary, die große Berliner Operettendiva, findet nach dem Unfalltod ihres Mannes Max Pallenberg in Kammer Zuflucht und Zuspruch. Und trifft hier auf den Komponisten Noël Coward, der ihr 1938 ein Musical mit dem prägnanten Titel Operette auf den Leib komponieren wird.

Aber auch der Schriftsteller Carl Zuckmayer kommt oft aus seiner Wiesmühl in Henndorf nach Kammer: »Nach Osten erstreckte sich das Netz unserer nachbarschaftlichen Beziehungen bis zum Schloß Kammer am Attersee, dessen einen Flügel damals die schöne Eleonora von Mendelssohn mit ihrem Gatten Jessenski bewohnte (er saß so prachtvoll zu Pferde, ehemaliger k. und k. Husarenrittmeister, schlank und jugendlich, mit weißem Haar, in einer rotseidenen Reitbluse!).« Zuckmayer gibt auch Einblick in das Sommerleben: »Was sich dort bei nächtlichen Festen, nach einer Plättenfahrt mit Zitherspiel auf dem grundklaren See, alles zusammenfand – man könnte sagen: ganz Österreich und die halbe Welt. Nie kam man von solchen Einladungen nach Haus, bevor der Morgen dämmerte.«10

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Segler vor Schloss Kammer, 1920er-Jahre

Doch nicht nur die internationale Crème de la Crème findet sich in Kammer ein, auch einheimische Künstler gehen ein und aus. Die Innviertler Künstlergilde zum Beispiel, in der sich Schriftsteller und Musiker vereinen, veranstaltet Akademien im Schloss, bei denen aufgeführte Werke wie ausführende Künstler ein aufmerksames und wohlwollendes Publikum finden.11

1937 klingt dieses Leben nicht nur in Schloss Kammer aus, wie sich Carl Zuckmayer anlässlich einer Abendgesellschaft bei Eleonora Mendelssohn erinnert, bei der das berühmte Streichquartett Arnold Rosés spielt: »Zum Abschluß spielten sie aus dem Kaiser-Quartett von Haydn jenen Satz, der die Melodie der österreichischen Kaiserhymne schuf, welche dann auch die des Deutschlandliedes wurde. Die Wiener Künstler spielten das so, wie es von Haydn gemeint war, als eine schlichte, fromme Melodie – fast ein Gebet. Den meisten Zuhörern traten die Tränen in die Augen. Und ein halbes Jahr später waren die meisten, von denen hier die Rede war, in alle Winde zerstreut.«12

Am 3. September 1937 trifft Eleonora Mendelssohn, vom französischen Hafen Cherbourg kommend, auf dem Schiff Berengaria in New York ein. Im April 1939 kehrt sie via Southampton noch einmal nach Europa zurück, um es am 30. September 1939 abermals – diesmal endgültig – in Richtung New York zu verlassen.

Um ihren Besitz in Kammer zu retten, überschreibt sie ihn am 19. Jänner 1939 ihrem geschiedenen Mann Emmerich Jeszenszky, doch ohne Erfolg. Gerade ein so prominentes und repräsentatives Objekt steht bei den Nazis auf der Liste der Begehrlichkeiten ganz oben.13 Diverse Organisationen interessieren sich für eine Nutzung des Schlosses. Zunächst bringt der Landrat von Vöcklabruck hier wichtige Gäste unter, später übernimmt die Fliegerschule das Haus. Die Gäste müssen nun in Steinbach in der Villa Gütermann untergebracht werden (siehe Kapitel 30). Ein ewiges Hin und Her, Gerangel, Streit und Missgunst der einzelnen Nazi-Behörden prägen die kommenden Jahre.

Eleonora Mendelssohn bekommt davon nichts mit, sie lebt, von ihrer Drogensucht häufig ans Bett gefesselt, in New York und umgibt sich mit den bescheidenen Überbleibseln ihres ehemaligen Lebens. Dazu zählt auch das Ehepaar Zuckmayer, das sich im Exil kaum über Wasser halten kann. Ihnen stellt Eleonora Möbel für eine kleine Wohnung am Hudson River zur Verfügung – Relikte aus einer anderen Welt.

2 Das Vermögen des Branntweiners Simon Marmorek

Seewalchen, öffentliches Strandbad

Ein Branntweiner aus Tarnopol besitzt neun Zinshäuser in Wien, hat zwölf Kinder und wohnt selbst in der Wiener Leopoldstadt, Springergasse 12. Da scheint vieles auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen. Simon Marmorek, den seine Todesanzeige in der Neuen Freien Presse als Holz- und Kohlenhändler und Liqueur-Fabrikant ausweist, stirbt am 30. Juni 1900 in Bad Vöslau und hinterlässt ein gigantisches Vermögen. Es handelt sich um eine klassische »jüdische« Erfolgsgeschichte, wie es sie im 19. Jahrhundert in der österreichisch-ungarischen Monarchie häufig gibt. Doch zumindest in einem Punkt ist dies nicht der Fall: Der übliche Lebensweg eines Aufsteigers, der sich in Wien etabliert, zeichnet sich auch am Wechsel des Wohnortes ab: Von der Leopoldstadt geht es meist in den neunten Bezirk und danach in die Innenstadt – kaum jemand, der zu Geld kommt, bleibt im zweiten Bezirk.

Nicht jedoch Simon Marmorek. Er hält dem zweiten Bezirk die Treue und bringt sein Familienhaus in einen Fonds ein, der allen Familienmitgliedern gleichermaßen zugutekommt und zehn Prozent der Erträge für wohltätige Zwecke widmet. »Im Namen Gottes, der mich und meine ganze Familie bisher gesegnet, beschützt, mit Wohltaten überhäuft hat, soll auch mein gesamt Vermögen an meine geliebten Kinder verteilt werden. Möge auch Euch Gottes Segen in allem, was Ihr tun und beginnen werdet, zu Teil werden, glaubt an Euren väterlichen Gott, seid dankbar jedem, der Euch Gutes getan hat, und seid bescheiden. Mit aufgehobenen Händen segne ich Euch, meine lieben Kinder und wünsche, dass Ihr friedlich in aufrichtiger Treue und Liebe miteinander leben sollt, meine bestehenden Unternehmungen weiterfortzuführen.« So schreibt er in seinem Testament ein Jahr vor seinem Tod.

Am 9. Juli 1922 erwirbt Simons Tochter Elsa, die Cousine des Architekten Oskar Marmorek (siehe Kapitel 10 und 28), mit ihrem Erbteil ein Haus mit großem Garten in Seewalchen. Ein halbes Jahr später lässt sie sich von ihrem Mann Leopold Andorff scheiden. Gemeinsam mit ihrem zweiten Mann Peter Westen und ihren Kindern Heinrich, einem Rechtsanwalt, und Hildegard, die 1929 den Fabrikanten Otto Schratter heiratet, macht sie ihr Anwesen zu einem fröhlichen und mondänen Zentrum der Seewalchener Sommerfrischegesellschaft.

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Sommer bei Familie Andorff-Westen: Marlen Fischer und Marianne »Nandi« Hergesell, verehelichte Schwaighofer, auf der Terrasse des Seepavillons

1924 lässt sie ein neues Haus, die sogenannte Waldvilla, bauen, den Auftrag erhält jedoch nicht ihr Cousin Oskar Marmorek, sondern Architekt Josef Zotti, der in Seewalchen auch für sich selbst ein Haus errichtet hat. Zotti, ein Schüler Josef Hoffmanns, ist heute völlig in Vergessenheit geraten, seine Bauten in Seewalchen existieren nicht mehr.

Das angrenzende Grundstück samt Badehütte und dazugehörigen Rechten kauft am 14. April 1924 die Internationale Industrie und Handels A. G. mit Sitz in Vaduz. Dahinter verbirgt sich bereits der zukünftige Ehemann Peter Westen, ein Großindustrieller, dessen Reputation nicht ganz makellos ist und dem Geschäfte nachgesagt werden, die in den 1920er-Jahren zwar vielleicht üblich, aber nicht immer ganz sauber sein dürften. Ob dies zutrifft oder nicht, bleibt offen – im Jahr 1931 verkauft die Aktiengesellschaft, vertreten durch ihren Präsidenten Peter Westen, das Grundstück jedenfalls an Elsa Andorff weiter. Hier entsteht ein neues Boots- und Badehaus – mehr eine prächtige Seevilla, die mit einer Küche, »einer Liegeterrasse und Verbindungsstiegen mit Balkons« ausgestattet ist, wie in einem Schätzgutachten vom 5. September 1941 zu lesen ist.

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Innen und außen: Die sogenannte Waldvilla Andorff-Westen von Josef Zotti, 1928

Die beiden Grundstücke werden zusammengelegt – eine perfekte Ergänzung, denn die Erlaubnis, eine neue Badehütte zu errichten, ist nicht so leicht zu bekommen. Ein wunderbares Geschäft also, das auch in eine Ehe mündet.

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Mehr als eine Badehütte: der Seepavillon, zu Recht auch Seevilla genannt

Peter Westen ist auch an der Aktiengesellschaft der Schroth’schen Kuranstalt in Nieder-Lindewiese beteiligt. Der Ort mit diesem idyllisch klingenden Namen liegt in Böhmen an der tschechischpolnischen Grenze und zählt zu den bekanntesten Kurorten der Habsburgermonarchie, vor allem wegen der von Johann Schroth entwickelten Kaltwasserkur. Die sogenannte »Schroth-Kur« wird bis heute als Entschlackungs- und Entgiftungskur angeboten – ein Erfolgsrezept.

1938 nimmt die Idylle am Attersee ein abruptes Ende. Am 3. September 1938 landet Elsa Andorff-Westen, von Kuba kommend, auf dem Flughafen von Miami/Florida – in ihrem Ankunftsschein finden sich neben dem Ausgangspunkt ihrer Reise weitere Angaben: Ihre Größe beträgt 1,63 Meter, sie ist blond und blauäugig. Als Beruf gibt sie »Direktor eines Sanatoriums« an – das entspricht den Tatsachen, ist sie doch Vizepräsidentin der Schroth’schen Kuranstalt in Böhmen.

»Nach einer Meldung der Kreisleitung der NSDAP Vöcklabruck besitzt eine Jüdin namens Westen-Andorf[,] die angeblich amerikanische Staatsbürgerin ist, in Seewalchen 134 eine Seevilla und eine Waldvilla in Seewalchen 132.« Das schreibt der Gauwirtschaftsberater am 26. Jänner 1939 an die Vermögensverkehrsstelle mit der Bitte, dem angeblichen Veräußerungswunsch von Elsa Andorff-Westen nachzugehen. Da aber alles seine Ordnung haben muss, versuchen die Behörden herauszufinden, welche Staatsbürgerschaft Elsa tatsächlich besitzt, und kontaktieren daher ihren Anwalt Dr. Franz Balling in Wien. Dieser lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und teilt mit, dass auch er dies nicht beantworten könne. Er schlägt jedoch vor: »Im übrigen stelle ich Ihnen anheim, sich auch direkt mit Frau Andorff in Verbindung zu setzen[,] und gebe Ihnen zu diesem Zwecke nachstehend deren Adresse bekannt: Amherst, Great Neck, Long Island, New York.« Die Behörden vertrauen auf diesen direkten Weg aber weniger als auf den ihnen näherliegenden, denn »vielleicht könnte eher der Hausmeister der Genannten, Herr Lothar Werner deren Staatsbürgerschaft erheben.« Wieso der Hausmeister mehr Erfolg haben soll als eine direkte Kontaktaufnahme, bleibt offen. Die Sache gerät ins Stocken, Dr. Balling beauftragt die Hausverwaltung Franz Schröpfer mit der Betreuung der Liegenschaft. Diese gibt 1941 über deren aktuelle Nutzung Auskunft und teilt mit, dass das Seehaus der Dienststelle der Feldpolizei Nummer L 30.763, Luftgaupostamt, zur Verfügung gestellt ist und im Waldhaus »Umsiedler aus Südtirol, und zwar ein Ehepaar mit 2 Kindern«14 wohnen.

»Ich habe viele Kauflustige für das Waldhaus, bis jetzt jedoch unterlassen, in ernste Kaufverhandlungen einzutreten, weil ich noch nicht sicher bin, wer den Kaufvertrag für die Verkäuferin – Elsa Sara Andorff-Westen – fertigen wird, damit dieser auch vom Grundbuchsgerichte anstandslos genehmigt wird«15, schreibt Franz Schröpfer. Tatsächlich lässt die unklare rechtliche Lage zwar viele »Kauflustige« diverse Eingaben bei den Ämtern machen, doch eine Entscheidung fällt niemand. Es geht sogar so weit, dass das Reichsinnenministerium eingreift – und das alles wegen einer vergleichsweise unbedeutenden Liegenschaft in Seewalchen.

Dass der Gesamtzustand der Seevilla immer mehr zu wünschen übrig lässt, verwundert nicht, das Haus hat »durch Witterungseinflüsse und Seewasser sehr gelitten.« Niemand will entscheiden, niemand kann entscheiden, und so wird die Liegenschaft nicht verkauft. 1942 wird immerhin ein Inventar der Waldvilla angelegt – das gesamte Mobiliar ist noch vorhanden, »ich habe nur die Wäsche, Bettzeug, Matratzen, Silberzeug und Teppiche sichergestellt und in 2 Zimmern im Hause Seewalchen Nr. 132 versperrt. Weiters habe ich auch eine wertvolle Bauernstubeneinrichtung sichergestellt«, berichtet der Bürgermeister dem Reichsstatthalter für Oberdonau. Zwei Inventarlisten existieren, eine für die versperrten Gegenstände, die andere für die zugänglichen. Zweitere gibt ein karges Bild einer Sommervillen-Einrichtung mit einigen Schlafzimmern, ausgestattet mit den notwendigen Möbeln und Waschtischen, die wesentlich schöneren Dinge sind tatsächlich versperrt und der einquartierten Familie nicht zugänglich. Dazu zählt alles, was ein Haus wohnlich und komfortabel macht, wie Tischtücher und Servietten oder Handtücher, deren Monogramme Elsas unterschiedliche Lebenssituationen dokumentieren: E. M. für ihren Mädchennamen Elsa Marmorek, E. A. für Elsa Andorff, E. W. für Elsa Westen und E. A. W. für Elsa Andorff-Westen – ein schöner Einblick in die Traditionen eines bürgerlichen Haushaltes. Dazu kommen »rumänisch gestickte« Tischtücher, was wohl bunt bestickt bedeutet, Deckerln und Bettdecken und Draperien. Geschnitzte Sessel, diverse Möbel, eine Laute und ein Schnapskastl, Besteck und Bettzeug lagern alle in den beiden verschlossenen Zimmern.

Auf mehrmalige Nachfrage, ob es denn nun eine Entscheidung zum Verkauf der Liegenschaft gebe, hüllt sich der Reichsinnenminister in Schweigen – so bleibt die Situation über Jahre in Schwebe, und niemand fühlt sich für die Erhaltung der Villa, des Gartens und des villenartigen Bootshauses verantwortlich. Dem Hausmeisterehepaar wird gekündigt, stattdessen wird ein Kriegsblinder in der Wohnung untergebracht, sehr zum Ärger des Hausverwalters Franz Schröpfer, der dem Bürgermeister von Seewalchen erbost schreibt: »Es mutet mich nur sonderbar an, dass Sie auf der einen Seite meine Anschrift kennen, wenn es sich darum handelt, Rechnungen zu bezahlen, hingegen mich vollständig übergehen, wenn Sie, obwohl ich der Verwalter bin, die Vermietung des Grundstückes ohne meine Befragung und ohne meine Zustimmung vornehmen.« Der Hintergrund liegt auf der Hand: Der einquartierte Mieter zahlt keine Miete. Und seine Reputation ist alles andere als gut, daher zieren sich alle Behörden, ihm eine Kaufzusage zu erteilen – doch eine solche bekommt auch niemand anderer. Denn am 20. April 1943 wird Elsas gesamtes Vermögen zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen. »Ich weise darauf hin, dass der Herr Reichsminister der Finanzen angeordnet hat, dass der Verkauf von Grundstücken aus eingezogenem und verfallenem Vermögen ausnahmslos einzustellen ist, sodaß der Verkauf des Hauses Seewalchen Nr. 132 an Powischer derzeit nicht in Frage kommt.«16

Mit diesem Beschluss setzt der Reichsstatthalter von Oberdonau dem jahrelangen Hin und Her ein Ende – doch was bedeutet dies für die Liegenschaft? Verantwortlich ist nun das »Deutsche Reich«, um Haus und Garten kümmert sich niemand, ihr Zustand wird immer schlechter. Josef Powischer, der Kriegsblinde, verklagt den Bürgermeister von Seewalchen, der ihm die Waldvilla angeblich geschenkt und ihm freie Wohnung zugesagt habe. Die Angelegenheit wird immer komplizierter, ergeben Nachforschungen doch, dass Powischer 1935 und 1936 bereits wegen Betrug und Erpressung zu Gefängnisstrafen verurteilt worden war und sich nun mit großer Dreistigkeit eine freie Wohnmöglichkeit erschleichen möchte. Letztendlich kommen andere Interessenten zum Zug: Ab 1. April 1944 vermietet das Großdeutsche Reich dem Bürgermeister von Seewalchen für 8 Reichsmark Monatsmiete zwei Zimmer der Waldvilla – jene beiden, in denen die sichergestellten Möbel aufbewahrt werden. Und am 29. April 1944 erhält die bereits seit 1939 dort befindliche Flugmelder-Reservekompanie einen Pachtvertrag über das Bootshaus.

Nach dem Ende des Krieges werden Erhebungen angestellt, auch über den Verbleib des sichergestellten Mobiliars, das längst verkauft wurde. Wenig ist im Haus übrig geblieben, die schönen geschnitzten Sessel befinden sich im Finanzamt Vöcklabruck, einige wertvolle Gegenstände sind dem Oberfinanzpräsidenten übergeben, das restliche Inventar dem Kreisamt für Volkswohlfahrt verkauft worden.17 Mutter und Sohn Powischer wohnen noch immer in der Villa, im Bootshaus ist angeblich eine ungarische Familie untergebracht – ohne Inventar.

1947 bekommt Elsa Andorff-Westen ihren Besitz zurück, das Inventar ist bis auf wenige Stücke in alle Winde zerstreut, Villa, Bootshaus und Grundstück befinden sich in erbärmlichem Zustand. Elsa, die mittlerweile in Kalifornien lebt, verkauft die gesamte Liegenschaft im Jahr 1954 an die Gemeinde Seewalchen. Am 10. September 1978 stirbt sie in Santa Barbara.

3 Die Ringstraße am Attersee. Familie Paulick

Seewalchen, Promenade 12

»Fast in allen Monumentalbauten die den Glanz der Ringstraße ausmachen, hat Paulick die inneren Einrichtungen besorgt oder zumindest hat er daran mitgewirkt. So in der Hofoper, in der neuen Universität, im Rathause, in den beiden Hofmuseen, im neuen Burgtheater, im kaiserlichen Jagdschlosse im Lainzer Tiergarten und im Sühnhause auf dem Schottenring. Unter Hansen war er Bauleiter bei der Erbauung des Arsenals. In der Votivkirche ist die prächtig geschnitzte, mit Intarsien gezierte ›Session‹ das heißt das Gestühle vor dem Hochaltar, ein Geschenk Paulicks. Mit den großen Architekten und Künstlern, die an der Verschönerung Wiens mitwirkten, war Paulick vielfach befreundet.«18

Friedrich Paulick prägt das Bild der Ringstraße im Inneren – und trägt den Historismus in seiner intensivsten Ausprägung auch an den Attersee. Es ist kein Zufall, dass sich die Villa Schmidt (siehe Kapitel 4 versucht Monika Oberhammer die Verwirrung in Worte zu fassen. Wie oft sich die Besucher wohl verirrt haben?