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KARL WANKO

»Weil ich die
Menschen liebe«

Kräuterpfarrer
Weidinger

Leben
und Wirken

Mit 43 Abbildungen

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Bildnachweis

Die Zahlen in Klammer bezeichnen die Seiten im Bildteil. Gerda Christ (1), Archiv Hermann-Josef Weidinger (2 oben, 4, 5, 11 unten, 15 oben), Sebastian Kreit (2 unten links), Ernst Kainerstorfer (2 unten rechts, 8 unten), Emil Jaksch (3 oben, 7 oben), Benedikt Felsinger (3 Mitte), Dieter Dorner (3 unten), Archiv Kräuterpfarrer-Zentrum (6 oben, 16 oben), Karl Wanko (6 unten, 7 unten links), Ernst Gratzl (7 unten rechts, 12 oben links), Gerhard Hofstätter (8 oben), L’Osservatore Romano Città del Vaticano/Arturo Mari (9 oben), Gert Eggenberger (9 unten, 13 oben), Thomas M. Laimgruber (10 oben, 12 oben rechts, 13 unten, 16 unten rechts), Herbert Schleich/NÖ Landespressedienst (10 unten, 11 oben), ORF/Redaktion Tritsch-Tratsch (12 unten), Michael Schmidt (13 Mitte), Verein Freunde der Heilkräuter (14 oben links), Adolf Blaim (14 oben rechts), Reinhard Bimashofer (14 unten), Alfred Wieser (15 Mitte, 15 unten), Miriam Höhme (16 unten links)

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© 2018 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagfotos: Thomas M. Laimgruber

Lektorat: Maria-Christine Leitgeb

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11,25/14,25 pt Minion Pro

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-116-0

eISBN 978-3-903217-14-0

Inhalt

Vorwort

Benedikt Felsinger O.Praem.

Was davor noch zu sagen wäre

Lasst mich vom Leben reden

15 Jahre im Reich der Mitte

Landpfarrer im weißen Ordenskleid

Der Verein »Freunde der Heilkräuter« in Karlstein

Als Kräuterpfarrer in der Öffentlichkeit

Neuerlich »Stunde null« und bald wieder auf »100«!

Entscheidende Schritte: Produktion und Verkauf

Vollendung

Dem Ziel entgegen

Nicht die Asche beweinen, sondern die Glut bewahren!

Hermann-Josef Weidinger

Lieblingspflanzen und Rezepte des Kräuterpfarrers

Bibliografie

Danksagung

Personenregister

Vorwort

Bevor Sie weiterblättern …

… lassen Sie mich bitte noch kurz zu Wort kommen. Nicht, dass es einer Vorwegnahme oder gar einer Ergänzung zum Inhalt dieses Werkes bedürfte, das dem Verfasser selbst schon lange am Herzen lag. Aber ich sehe mich eingespannt zwischen dem, was Hermann-Josef Weidinger in unermüdlichem Eifer säte, und dem, was mittlerweile weiterwachsen möchte bzw. zur Ernte ansteht. Dabei ging es nicht in erster Linie um Kräuter und deren Gebrauch. Das wäre viel zu wenig. Der Mensch, der in Gott seinen Ausgangspunkt und sein Ziel hat, der darf Stück um Stück die Welt entdecken, sie auskosten, sie erleiden und sich auf den Weg zum Heil machen. Gesund sein zu dürfen, bedeutet durchaus eine große Gnade. Aber Heil ist noch viel mehr. Es geht ums Ganze. Zwischen Himmel und Erde. So hat einst der große Kirchenlehrer Augustinus (354–430 n. Chr.) den Begriff vom Buch der Natur verwendet. Damit ist gemeint, dass nicht bloß die Heilige Schrift der Bibel im Alten sowie Neuen Testament eine Weise darstellt, in der die göttliche Offenbarung dem Menschen zutage tritt; darüber hinaus ist die Natur so etwas wie eine Quelle, aus der die Erkenntnis des Allmächtigen fließen kann. Und in diesem Buch zu lesen, bleibt keineswegs Botanikern, Zoologen, Geologen oder sonstigen akademisch Graduierten vorbehalten, sondern darf jedem möglich sein, der sich eingebettet weiß in dem, was die gesamte Schöpfung umfasst. Wie gesagt, es geht ums Ganze. Und darum ist auch jedes Detail wichtig.

Hermann-Josef Weidinger hat immens viel beigetragen, um das Interesse zu wecken, durch das es möglich ist, im Buch der Natur zu blättern. Er hat uns geholfen, immer tiefer in das Geheimnis einzudringen, das im Wesen der Pflanzen steckt. Neben jeder praktischen Empfehlung, die er sammelte, ausprobierte und weitergab, hat stets die Betrachtung der Heilkräuter einen breiten Raum eingenommen. Und keiner wird leugnen können, dass gerade darin schon sehr viel Heilendes abzuschöpfen ist. Es geht eben nicht nur um den Leib, sondern auch um die Seele. Es geht ums Ganze! So gesehen ist es nicht schlecht, noch einmal den Weg abzuschreiten, den Hermann-Josef Weidinger speziell als Kräuterpfarrer zurückgelegt hat. So markant sein Charakter und sein Wille auch waren, die schließlich dazu führten, dass man in der Befassung mit den Heilkräutern gut vorankam, so sehr wollte er die Strecke nicht allein gehen. Immer wieder hat er mit seinen Vertrauten, zu denen auch Obmann Karl Wanko zählte, gerungen, auf welche Weise er möglichst vielen Menschen dienlich sein könnte. Er hat seine Aufgabe als Sendung betrachtet, da er – selbst reich beschenkt von den Kräften der Natur – stets ein Gebender sein wollte, getragen durch die Kraft seines Gebets als Priester und als Ordensmann. Schließlich ging es ihm darum, eine vergessene Dimension der Kirche wiederum ganz und gar zu verkörpern, die gerade durch die Industrialisierung und Technisierung des 20. Jahrhunderts ins Hintertreffen geraten ist. Das Evangelium nach Lukas erinnert uns gleich am Anfang des neunten Kapitels an diesen Auftrag Christi: »Dann rief er die Zwölf zu sich und gab ihnen die Kraft und die Vollmacht, alle Dämonen auszutreiben und die Kranken gesund zu machen. Und er sandte sie aus mit dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen« (Lk 9, 1–2).

Diese Dimension des Heilens hat den Prämonstratenser von Geras nicht mehr losgelassen. Nach seinen vielfältigen Erfahrungen, die er rund um seine Ausbildung und Weihe zum Priester in China und auf seinen weiten Reisen machte, hat er die ländlichen Bedingungen eines kleinen Dorfes namens Harth, wo er an der Kirche St. Rochus als Pfarrer wirkte, durchaus als etwas Segensreiches entdecken dürfen. Als Werkzeug Gottes ließ er sich einspannen, um das Reich Gottes zu verkünden und vorerst als Schwerkranker selbst Heilung an sich zu erfahren. Dieser Prozess blieb nicht ohne Frucht. So konnte er selbst als Mitfühlender und Einfühlender denen begegnen, die ein Kreuz auferlegt bekamen, auf welche Art und Weise auch immer. Wenn der heilige Augustinus also vom Buch der Natur spricht, aus dem Hermann-Josef Weidinger so vieles herausbuchstabieren konnte, dann liegt es nahe, ein abgeschlossenes Leben wie eine Erzählung zu sehen, die der liebe Gott selbst an seine Nachwelt geschrieben hat. Mit den Zeilen, die in dem Rückblick enthalten sind, lässt sich ohne Umschweife sagen, dass ein so erfülltes Leben wie das des Hermann-Josef Weidinger als Kräuterpfarrer selbst zum Buch wird.

Es lässt sich immer öfter feststellen, wie groß die seelische Not der Menschen in unseren Tagen geworden ist. Der Wohlstand und alles gottferne Selbstzurechtgelegte bringen gleichzeitig eine Leere mit sich, die nicht wenige leiden lässt. Es ist oft die Unfähigkeit, mit dem eigenen Leben zurechtzukommen, da offenkundig das Leiden nicht sein darf. Weidinger hat diese Schattenseite unserer Existenz nicht angestrebt, um in ihr womöglich eine Satisfaktion auszukosten. Er hat aber die schmerzvollen Phasen angenommen und sie mit Sinn erfüllt, immer mit dem an der Seite, der als Erlöser den Weg übers Kreuz zur Verherrlichung gegangen ist. Und in den schier unzählbaren Hilfsweisen der pflanzlichen Natur hat er uns allen gezeigt, dass es möglich ist, den Schöpfer als den Mitleidenden zu finden, der uns auf Erden so manches zumutet, um dem eigentlichen Leben auf die Spur zu kommen. Ein Leben ist ein Buch. Lesen wir also gerade die Bände, die beherzte Vorfahren, charaktervolle und mutige Menschen wie Weidinger, uns hinterlassen haben.

Aus dem Tagebuch des Kräuterpfarrers, der die Menschen mochte, nach den schweren Verletzungen durch einen Verkehrsunfall 1984:

So, wie das Feuer

im Ofen brennt,

erwärmt

und stirbt,

möchte ich sein.

Wärme spenden,

Kälte vertreiben.

Still im Dienste

mich verzehren.

So möchte ich sein.

Leben

und

Leiden.

Benedikt Felsinger O.Praem.,

Karlstein, am 20. Oktober 2017,

Fest des sel. Jakob Kern

Was davor noch zu sagen wäre

Gelassenheit und Zuversicht

Unsere Welt, so scheint es, ist aus den Fugen geraten. Kriege, Flüchtlingsströme, Terroranschläge, selbstherrliche Staatsmänner, Solidaritätsschwund, Globalisierung, Klimawandel und weiß Gott, was sonst noch alles, machen uns Angst. Populisten in vielen Ländern schüren diese Ängste und profitieren davon. Angst und Panik führen zu Fehlentscheidungen. Sie machen das Übel nur noch größer.

Im Kräuterpfarrer-Museum in Karlstein ist in einer Schreibmaschine ein Blatt Papier eingespannt. Darauf der letzte Text, den Hermann-Josef Weidinger selbst geschrieben hat – just an seinem letzten Geburtstag, dem 86., am 16. Jänner 2004. Der Text, gedacht für eine Zeitungskolumne, ist unvollständig. Die Überschrift aber ist eine zeitlose Botschaft: Gelassenheit und Zuversicht.

Was kann man den Verantwortungsträgern in Politik und Wirtschaft, den Journalisten in all den Medien, was kann man dir und mir in einer gesundheitlichen oder seelischen Notlage wohl Besseres ans Herz legen, als mit einer Portion Gelassenheit und Zuversicht an die Dinge heranzugehen!

Die letzte Botschaft des Kräuterpfarrers, eine von vielen.

Wer schreibt, der bleibt!

Ja, er war ein unermüdlicher Prediger, ein »Augenöffner« für das Leben, für die Vielfalt und die Wunder der Schöpfung. Aber er hat uns nicht nur Botschaften vermittelt, sondern vielmehr unzählige praktische Ratschläge und Tipps – stets in gegenseitiger Ergänzung – gegeben: kaum eine Botschaft ohne praktische Anleitungen, kein Kräuterwissen ohne begleitende »geistige Nahrung«.

In die oben erwähnte Schreibmaschine, seine legendäre »Olympia«, hat er den Großteil der Manuskripte für unzählige Zeitungsartikel und vor allem für seine vierzig (!) Bücher selbst getippt – im »Adler-System«, ehe sie von Melitta Blaim in druckreife Form gebracht wurden, doch darüber später. Vierzig Bücher in etwa zwanzig Jahren, von seinem 63. bis zu seinem 84. Lebensjahr! Dazu unzählige Beiträge in verschiedenen Printmedien, monatlich, wöchentlich, täglich. Das macht ihm nicht gleich einer nach, weder schöpferisch noch physisch.

Als wir unmittelbar nach Weidingers Ableben von der Redaktion der auflagenstärksten Tageszeitung Österreichs gefragt wurden, wie es mit der täglichen Kräuterpfarrer-Kolumne weitergehen solle, war unsere Antwort: »Mit dem, was uns Weidinger hinterlassen hat, können wir die Kolumne auf Jahrzehnte bedienen!« Das war nicht übertrieben, denn immer noch unentbehrlich ist sein unerschöpfliches Vermächtnis. Wer schreibt, der bleibt!

Weidinger hat nicht nur viel getippt, er gab auch unendlich viele Tipps. Einige seiner Bücher nannte er Guter Rat … oder Tipps … Deshalb wollen wir gleich mit einigen Beispielen seiner Tipps ins Praktische einsteigen:

Lass Kräuter um dich sein!

Es ist schön, mit Kräutern zu leben. Möglichkeiten dazu gibt es viele, und man sollte sie ausschöpfen. Wie wär’s zum Beispiel mit einem Stück Süden in unserem Garten? Kräuter im Steingarten verwandeln auch das kleinste Grundstück in ein Duftgärtlein: Thymian, Rosmarin, Weinraute, Salbei, Dost, Bohnenkraut und Ysop fühlen sich im Steingarten sehr wohl und bringen auch ihren Duft mit. Wichtig sind ein trockener, sonniger Standort und eine mäßig kalkhaltige Erde. Es braucht nicht viel gegossen zu werden, höchstens nach einer längeren Trockenperiode und dann nur am Abend …«

So geht es weiter mit den Kräutern im Garten sowie auf der Fensterbank und dem Balkon:

Auch die Zwiebel kann man im Blumentopf ziehen. Man kauft Saatzwiebeln und setzt in ein größeres Gefäß rundum im Abstand von 10 cm vier bis fünf Zwiebelchen. Ich würde hier nicht zu großen Wert auf die Knollen- beziehungsweise Zwiebelernte legen, sondern auf das Grüne der Zwiebel, auf die Blätter und Stängel. Blätter kann man ja einkürzen, und so hat man immer etwas Frisches für die Suppe. Zwiebel ist nicht nur Wasser treibend, sondern auch gut zum Ausgleich des Cholesterinspiegels. Das Zwiebelgrün fördert die Verdauung und regt den Appetit an.

Kräutertees richtig trinken: Nicht das ganze Jahr über den gleichen Tee! Teekuren im Rhythmus des Mondes, das heißt, drei Wochen hindurch, dann eine Woche Pause. Langsam und schluckweise genießen, nicht im Vorbeilaufen hinunterschütten, sondern sich niedersetzen. Etwa eine halbe Stunde nach dem Trinken meldet sich meist der Harndrang, daher die Zeit einteilen. Die günstigsten Zeiten sind morgens und abends, außer bei Tees, die die Verdauung ankurbeln, in diesem Fall eine halbe Stunde vor dem Essen.

In der Folge von Radio- und Fernsehsendungen wandten sich viele Menschen mit ihren Problemen an den Kräuterpfarrer, und dieser schüttelte neben vielen begleitenden Ratschlägen fast immer eine Teemischung aus dem Ärmel – zum Beispiel bei Herz- und Kreislaufbeschwerden: Frauenmantel, Weißdorn, Johanniskraut, Veilchengemisch (je 4 Teile), Anis, Basilikum, Pfefferminze (je 3), Arnika, Hirtentäschel (je 2), Thymian (1 Teil).

Weil man mit einem Sportschlitten nicht in den Himmel fährt …

Die vorher angeführten Beispiele sind ein kleiner Auszug aus den 1986 als Taschenbuch erschienenen Tipps von Kräuterpfarrer Weidinger, redigiert von Dieter Dorner. Auf dem Buchumschlag liest man:

Warum die Menschen den Kräuterpfarrer

hören, sehen und lesen?

Warum der Kräuterpfarrer jedem etwas zu sagen hat?

Weil er mit der Natur lebt,

das Ohr am Puls des Lebens hat.

Weil er so redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Weil er an das, was er sagt, auch glaubt,

das macht ihn glaubwürdig.

Weil er keine leeren Phrasen drischt.

Weil er urig wie ein Rindvieh ist.

… So sagen andere.

Und was sagt er?

Weil ich die Menschen liebe.

Ob ich jemanden bevorzuge?

Ja. Die Ärmsten und Leidenden.

Weil das Leben so kurz ist

und man nicht genug Gutes tun kann.

Weil das Leben so schön ist,

wenn man Leben achtet und schützt.

Weil man mit einem Sportschlitten

nicht in den Himmel fährt,

sondern Tag für Tag mühselig hinaufklettern muss.

Weil für mich der schönste Urlaub Arbeitswechsel ist.

Weil ich an das Gute in jedem Menschen glaube.

Weil jeder Mensch für mich einmalig

und von unendlichem Wert ist.

Weil nicht das zählt, was andere von mir halten,

sondern was ich anderen Gutes tun kann.

Ob das kein Lebensprogramm ist?

Kräuterpfarrer?

Kräuter sind heute mehr denn je »in«. Zeitungen und Illustrierte bemühen sich, mit Artikeln und regelmäßigen Kolumnen diesem Trend gerecht zu werden. In Radio und Fernsehen geht es fast täglich um Kräuter in Küche und Hausapotheke. In modernen Sozialmedien kann man alles Wissenswerte darüber erfahren. An allen Ecken werden Kräuter und Kräuterprodukte angeboten.

Kräuterkenner, in der Mehrzahl weiblich, ob sie sich nun Kräutertanten, -feen oder -hexen nennen, pflegen Kräutergärten und führen Kräuterwanderungen in der freien Natur. Wozu bedarf es da noch eines Kräuterpfarrers?

Den französischen Kräuterexperten Maurice Mességué (geb. 1921) nannte man »Kräuterpapst«. Er war allerdings nicht von geistlichem Stand. Nun, es muss nicht gleich ein Papst sein, es genügt schon ein (wirklicher) Pfarrer. Weidinger hatte mit Mességué persönlichen Kontakt – auf Augenhöhe –, aber auch mit zwei (wirklichen) Päpsten, mit Paul VI. und mit Johannes Paul II.

Und dass heute Heilkräuter so »in« sind, daran haben Pfarrer Weidinger und der Verein »Freunde der Heilkräuter« einen nicht unerheblichen Anteil.

»Ich dachte, das müsste ein altmodischer Typ sein«, sagte mir ein Besucher in unserem Kräuterpfarrer-Weidinger-Ausstellungsraum in Karlstein und war danach wahrscheinlich eines Besseren belehrt.

Benedikt Felsinger O. Praem., die jüngere Ausgabe der »Marke Kräuterpfarrer«, der zu diesem Buch das Vorwort geschrieben hat, ist ein recht lustiger Kerl. Zur Predigt geht er oft in den Mittelgang der Kirche – zu den Menschen. Eine Ausnahme davon erlebte ich bei der Floriani-Messe im Stift Geras, Benedikt ist nämlich auch Feuerwehrkurat: Nachdem er in Feuerwehruniform mit den Kameraden und Kameradinnen in die Kirche eingezogen ist, zieht er schnell das Messgewand über und feiert die Messe; zur Predigt steigt er ausnahmsweise auf die sonst verwaiste Kanzel – den Mittelgang füllt ja die Feuerwehr – mit der Begründung: »Ich bin nicht so groß wie mein Mitbruder Conrad (der Stiftspfarrer), also muss ich hier herauf.« – Und ein Kräuterseminar-Teilnehmer schrieb ins Gästebuch: »Besonders zugesagt hat mir die Kompetenz der Vortragenden und der erdige Schmäh von Herrn Benedikt!«

»Herr« Benedikt? – Die Prämonstratenser-Chorherren im weißen Habit spricht man mit »Herr« an und nicht mit »Pater« wie die Benediktiner und Zisterzienser. Und auch Benedikts großes Vorbild, Hermann-Josef Weidinger, hatte diesen erdigen Schmäh, war »urig wie ein Rindvieh«.

»Benedikt« und »Weidinger« – der Vorname des einen und der Familienname des anderen, so sind sie den meisten geläufig. Wir sagen gerne, wir haben einen Kräuterpfarrer auf Erden und einen im Himmel. Aber dorthin kommt man eben nicht mit einem Sportschlitten!

Tausende … ja Millionen Menschen

Warum sich ein Pfarrer mit den Kräutern befasst? Der soll sich doch um seine »Schäflein« kümmern. Keine seiner mehreren Hundert »Seelen« in der Pfarre Harth bei Geras hat sich je darüber beklagt, dass Pfarrer Weidinger sich zu wenig um sie gekümmert hätte. Im Gegenteil, sie waren sehr stolz darauf, dass ihr Pfarrer außer ihnen auch noch Tausende andere Schäflein hatte:

die Tausenden Menschen, die sich persönlich, telefonisch oder schriftlich an ihn wandten und denen er in ihren Sorgen und Problemen Trost und Hilfe spenden konnte,

die Mitglieder seines Vereines »Freunde der Heilkräuter«, um die 20 000 weltweit, denen er vierteljährlich die Zeitschrift Ringelblume widmete,

die Besucher seiner Vorträge – in 24 Jahren (1980–2003) im Schnitt hundert pro Jahr (in den besten Jahren jeweils über 200), oft überfüllte Säle, dazu Hunderte Teilnehmer an seinen Kräuterwanderungen und Seminaren, die Zahlen liegen sicher im sechsstelligen Bereich,

die Leser seiner täglichen Kolumne in Österreichs meistgelesener Tageszeitung, der Kronen Zeitung, und zahlreicher anderer Artikel sowie seiner Bücher, die Zuhörer und Zuseher seiner unzähligen Auftritte in Hörfunk und Fernsehen … Millionen Menschen, die den Kräuterpfarrer »hören, sehen und lesen«, wie es eingangs hieß.

»Nicht alle meiner Mitbrüder haben die Möglichkeit, so viele Menschen zu erreichen«, sagte Weidinger. »Wo immer ich spreche, spreche ich als Priester.«

Auch wenn er Tausende oder Millionen Menschen erreichte, war er nicht »abgehoben«, redete er nie über die Köpfe hinweg. Es ging ihm immer um den Einzelmenschen, um das Du. Stets nahm er sich Zeit zuzuhören, um dann persönlich Rat zu geben und Trost zu spenden.

Sowohl Weidinger als auch Benedikt wurden gelegentlich zu einer »Most-Taufe« eingeladen, natürlich im Mostviertel. Was lässt man einen Pfarrer nicht alles segnen! Autos, Pferde, die Jägerei, Kräuter und den Wein … Er macht sich damit volksnah und findet so auch zu Menschen Zugang, die der Kirche sonst eher fernstehen. Der »Weinpfarrer« segnet dort und da den Wein, kostet, kennt ihn wohl auch und ist gern gesehener Gast bei Festen und in den Seitenblicken. Einen »Kräuterpfarrer« stellen sich viele ähnlich vor. Weidinger war wohl auch gern gesehener und humorvoller Gast, hat gesegnet, vielleicht manches auch gekostet. Dass er mit seinem Lebenswerk aber in einer ganz anderen Kategorie steht, das darzustellen, ist das Ziel dieses Buches. Anlass dafür ist der hundertste Geburtstag von Hermann-Josef Weidinger.

Der Priester und die Druidensichel

Kneipp, Künzle, Pühringer, Rauscher, Weidinger, Felsinger … Weidinger war nicht der einzige, auch nicht der erste oder der letzte Kräuterpfarrer. Der rote Faden geht mindestens zurück bis zu Albertus Magnus und Hildegard von Bingen – diese war Äbtissin, jener Bischof.

Sebastian Kneipp (1821–1897) ist der Gesundheitspfarrer schlechthin. Unzählige Kuranstalten berufen sich auf ihn und seine Heilmethoden. Wenn er es auch hauptsächlich mit dem Wasser hatte, so waren doch auch für ihn die Heilkräuter wichtig. Was Kneipp für Deutschland ist, ist Johann Künzle (1857–1945) für die Schweiz und Weidinger für Österreich. Diese drei folgen nach jeweils einem halben Jahrhundert aufeinander. Mit Weidinger zusammen muss man Maria Treben und Karl Rauscher nennen – doch darüber später.

Kräuterpfarrer Benedikt Felsinger hat zu seinem fünfzigsten Geburtstag bei der Kräutersegnung in der Kirche eine Sichel überreicht bekommen, keine goldene, sondern eine aus Damaszener-Stahl. Ist es nicht ein Sakrileg, einem katholischen Pfarrer eine heidnische Druidensichel, wie wir sie aus der Asterix-Lektüre kennen, wo Miraculix damit die Misteln für seinen Zaubertrank schneidet, zu schenken?

Ob keltischer Druide, buddhistischer Mönch oder christlicher Pfarrer – es war immer schon eine priesterliche Aufgabe quer durch die Religionen, die Kräfte der Natur – auch in Form der Heilkräuter – zu nutzen und den Menschen die Augen zu öffnen für das, was wir Schöpfung nennen.

Lasst mich vom Leben reden

Ein Kieselstein – lass mich sein

Kieselsteine

hab’ ich gern

und sammle sie mit Leidenschaft.

Aus dem Geröll.

Halte sie

in meiner Hand.

Erleb ihr Schicksal.

Getrieben.

Gestoßen.

Geschliffen.

Unten am Grunde

des Flusses.

Den Blicken verborgen.

Über sich

dahingleitendes Leben.

Milliarden Tropfen

zu Wellen vereint,

verleihen Form durch Schliff.

Ein Kieselstein

in Deiner Hand,

Herr,

lass mich sein!

Hermann-Josef Weidinger

31 477 – jeder Tag zählt!

Es ist dies nicht die erste Biografie über das Leben und Wirken von Kräuterpfarrer Weidinger. Elfriede Wagner hat ihre Diplomarbeit zum Mag. phil. an der Uni Wien Kräuterpfarrer Weidinger – ein Protagonist der alternativen Heilkulturwissenschaft – eine volkskundliche Erhebung zum Problemfeld der Volksmedizin 1996, zu Weidingers Lebzeiten, verfasst. Kräuterpfarrer Hermann-Josef Weidinger ist der Titel der Diplomarbeit zur Ausbildung als Diplomierte Blütenberaterin (Bach-Blüten) von Heide Kober (2005). Die ausführlichste und authentischste Grundlage für dieses Buch bildet Weidingers Autobiografie Lasst mich vom Leben reden (1990). In dieser erzählt er allerdings nur bis zum Jahr 1980, jenem Jahr, in dem er mit dem Einstieg in den Verein »Freunde der Heilkräuter« als Kräuterpfarrer an die Öffentlichkeit trat. Er schließt dort lakonisch: »Alles andere ist mehr bekannt als mir lieb.« Anno 1980, da hatte er noch 24 Lebensjahre vor sich. In einem Leserbrief zu diesem Buch heißt es: »Man sollte es jedem Österreicher zur Pflichtlektüre machen – wenn man liest, was ein Mensch alles auszuhalten imstande ist – wo wir doch so gerne über alles raunzen …!«

Weidinger hat außerdem spätere Skizzen zu einer Autobiografie hinterlassen, aber auch in seine Bücher hat er immer wieder Erlebnisse, Begebenheiten und Erfahrungen aus seinem Leben eingewoben. Ohne Eigentumsrechte zu verletzen, ist es oft notwendig, wörtlich daraus zu zitieren – denn Weidingers »O-Ton« ist unersetzlich! Längere Zitate daraus sind in anderer Schrift gedruckt.

Schließlich hat die Vereinszeitschrift Ringelblume Pfarrer Weidingers Weg ab 1980 begleitet, beziehungsweise war sie sein Sprachrohr. Als Ringelblume-Redakteur der ersten Stunde (1978) war ich selbst der Chronist seines Wirkens. Es erfüllt mich mit gewissem Stolz, dass ich zusammen mit Melitta Blaim, seiner »rechten Hand«, Aloisia Hadraba, seiner Pfarr-Haushälterin, und unserem Herrn Benedikt zu den engsten Begleitern von Hermann-Josef Weidinger zählen darf.