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ERWIN JAVOR

ICH BIN EIN ZEBRA

EINE JÜDISCHE ODYSSEE

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© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagmotiv: Anas Abdurrahman/designhill.com

Zeichnung Nachsatz: Martin Holt

Lektorat: Maria-Christine Leitgeb

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11,75/16,25 pt Adobe Caslon Pro

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-092-7

eISBN 978-3-903083-76-9

»… und Lächeln ist das Erbteil meines Stammes.«

FRIEDRICH TORBERG

Inhalt

Vorwort

Oj! Vom Schtetl nach Budapest

Mit einem Schlag ist alles anders

Nach dem Krieg – und wieder von vorn

Der eigentliche Plan

Ein Jude wird geboren

Beschneidung – Brith Milah

Erwachsen werden – Bar Mitzwa

Heiraten – Chassene

Familie – Mischpoche

Sterben – Chewra Kadischa

Pax heißt nicht Friede – von Budapest nach Wien

Eva

Holz und gestickte Blusen

»Schtetele« Wien

Ein Gott, mit dem man verhandeln kann

Mein Vater und ich

Wie man seinen Lebensunterhalt verdient

Schtetlkunde – Die praktische Anwendung

Erfolg und Misserfolg

Preis des Erfolgs

Luxuszores – Hypochonder wie du und ich

Die Tür in der Außenmauer

Integration und Paradoxon

Identitäten, so viele Identitäten

Wir und die Gojim

Happy End?

Halt mir das Kamel! Wien – Israel – Wien

Israel ist ein ganz normales Land, aber nur fast

Tel Aviv Alltag

Men kennt lejbn, ober men losst nischt

Postscriptum – Dichtung und Wahrheit

Kleines Schtetl-Lexikon

Vorwort

imageTreffen sich zwei Freunde. Sagt der eine: »Ich hab’ einen neuen Witz für dich.« – »Neuer Witz?«, entgegnet der andere mit tieftrauriger, gelangweilter Miene. »Ich kenne schon alle Witze, du hast mir doch nie einen neuen erzählt, und wenn, dann hast du ihn nicht verstanden und völlig falsch erzählt.« – »Aber den kennst du sicher noch nicht: Fahren zwei Juden mit der Eisenbahn …«

Der andere unterbricht ihn genervt: »Also jetzt hör schon auf. Immer diese jüdischen Witze. Gibt es keine anderen Länder? Gibt es keine anderen Völker? Gibt es keine anderen Religionen? Gibt es keine anderen Kulturen? Immer, immer wieder Juden, Juden und jüdische Witze! Ich kann es nicht mehr hören!«

Das sieht der andere ein und fährt fort: »Also gut. Fahren zwei Chinesen mit der Eisenbahn, sagt der Blau zum Grün …«

Ich schreibe über Dinge, die mich bewegen, und es ist mir bewusst, dass ich eigentlich immer nur über zwei Themen schreibe. Erstens darüber, was gewisse Nichtjuden den Juden antun. Zweitens darüber, was gewisse Juden den Juden antun. Manchmal denke ich mir, es muss doch noch ein drittes Thema geben. Drittes Thema. Dritter Mann, Dritte Welt, dritte Zähne, drittes Lager, Drittes Reich. Themenwechsel!

Aber welches Thema? Es muss doch irgendetwas geben, das nichts mit Juden zu tun hat! Ja, genau. Weihnachten. Da wird zwar die Geburt eines Juden gefeiert, aber wir wollen ja nicht kleinlich sein. Das berühmte Lied »White Christmas«, die meistverkaufte Single aller Zeiten, hat übrigens Irving Berlin geschrieben, der eigentlich Israel Isidore Beilin hieß.

Also gut, ich gebe auf. Es gibt kein drittes Thema.

Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an meine verstorbenen Eltern und ganz besonders an meinen Vater, weil ich dank ihm noch Zeuge der Reste einer heute verlorenen Welt bin. Ich möchte die Erinnerung an die untergegangene Welt der Ostjuden, die ich noch in mir trage, am Leben erhalten. Sie setzt sich in meinem Leben auf meine Weise und im Leben meiner Kinder auf ihre Weise fort.

Was gibt es hier zu lesen? Jüdische Witze? Ja, auch, aber nicht nur. Der jüdische Witz gilt als etwas Besonderes. Die Bibliotheken sind voll mit Erklärungen, warum das so ist. Sogar Sigmund Freud hat über den »Witz und seine Beziehung zum Unbewussten« geschrieben. Der hohe Anteil an Juden unter Komikern ist vermutlich auch kein Zufall.

Für mich sind die essenziellen Elemente, die den jüdischen Witz zu dem machen, was er ist, zunächst einmal seine Kraft als Vehikel des Widerstands gegen Antisemitismus und Verfolgung, aber auch gegen alle anderen widrigen Umstände des Lebens. Gegen übermächtige Gegner und Umstände lässt es sich nur gewitzt kämpfen – das wissen wir schon seit David und Goliath. Typische Facetten dieses Humors sind Selbstironie, aber auch Selbstzweifel, Selbstkritik und kreative Lösungen.

Hier gibt es aber nicht nur Witze zu lesen, sondern auch wahre, vor allem persönliche Geschichten über deren Nährboden. Jüdische Geschichte ist der Hintergrund des jüdischen Witzes, der ohne sie nicht so entstanden und geworden wäre. Deshalb entwickelt er sich auch immer weiter. Dieselben Geschichten, die mir mein Vater erzählt hat, gibt es in Varianten meiner Generation und in wieder neuen Varianten der Generation meiner Kinder und in europäischen, amerikanischen oder israelischen Abwandlungen. Es besteht wenig Gefahr, dass der jüdische Witz aussterben wird. Erst wenn die jüdische Erzähltradition humorlos wird, geht es den Juden vielleicht endgültig und überall gut, dann erst wird der jüdische Witz aussterben. Damit könnte ich gut leben.

Wer soll dieses Buch lesen? Ich stelle mir ganz unterschiedliche Leser vor, die Freude daran haben könnten: Nicht-Juden, die sich für die jüdische Kultur interessieren und wenig Gelegenheit haben, Juden kennenzulernen. Ich gehe auch davon aus, dass Juden sich für dieses Buch interessieren, obwohl ich schon ein mulmiges Gefühl habe, wenn ich an ihre Reaktion denke. Zuerst werden sie behaupten, sie kennen viel bessere Witze, Anekdoten und Typen. Ich höre sie schon: »Den hättest du schreiben sollen!« Dann werden sie mir erklären, was ich alles falsch erzählt habe. Aber was soll’s? Juden sind sowieso schwer zu unterhalten:

imageEin Zirkusartist steht auf dem Kopf auf dem Sattel eines Einrads ohne Netz auf dem Hochseil und spielt dabei Geige. Das Publikum ist verzückt und begeistert. Aber nicht alle. Voller Herablassung sagt der Blau zum Grün: »Yehudi Menuhin ist der keiner!«

Im Übrigen ist es das beste Buch, das ich je geschrieben habe, aber Yehudi Menuhin bin ich keiner.

Oj! Vom Schtetl nach Budapest

Das Schtetl ist, mit Sehnsucht verklärt, im kollektiven jüdischen Gedächtnis immer noch präsent. Auch und besonders jene, die es verdrängen wollen, als Ballast empfinden und über lange Strecken hinweg vergessen, tragen es weiter in sich. Mein Vater konnte mir noch davon erzählen. Durch die Sprache, Jiddisch, durch seine Geschichte und seine Geschichten, durch die Art, wie diese mich geprägt haben, ist und bleibt ein Teil von mir dort verhaftet. Wie bei den Generationen vor mir werden diese alten Geschichten durch mein eigenes Leben gefiltert und entstehen so immer wieder neu.

Also, reden wir einmal kurz über die Juden.

Die versunkene Welt des Schtetl war eine harte, erbarmungslose Lebenswelt. Aber gerade daraus entstand, was heute zahllose Wälzer über den jüdischen Humor füllt. Wieso ist gerade der so lustig? Weil hinter jeder guten Pointe wie bei jeder guten Komödie eine Tragödie steht.

Ein Blick zurück, und ich bin in Tarnopol und Jablonica. Ich bin 1947 in Budapest zur Welt gekommen und habe das Schtetl nicht mehr selbst erlebt. Auch meine Mutter ist bereits in der Großstadt, in Budapest, geboren. Aber ich fühle das Leben im Schtetl, sehe es vor mir, höre die Geräusche und Stimmen, die Muttersprache, die Mameloschn, rieche den Scholet, den schweren Bohneneintopf, schmecke die trockenen Mazzes, spüre die bittere Not, die Starre der Angst ums nackte Leben und die Kälte der Mörder, die immer nah waren. Ich spüre aber auch den Zusammenhalt, den Überlebenskampf, das Gottvertrauen, den Bildungshunger und die Hoffnung auf ein besseres Leben für die Kinder. Immer.

Markus Mordechai Engelstein, wurde als Sohn von Dvora und Eli Engelstein, Forstwirt und Holzhändler, am 23. Juni 1911 in Jablonica in Ostgalizien geboren – sofern das überhaupt stimmt. Es war im Schtetl nämlich vorausschauend üblich, genau zu überlegen und zu diskutieren, wann Geburten eines Sohnes den lokalen Behörden gemeldet werden sollten, um dem Buben eine Zukunft beim Militär und somit den drohenden Verlust der jüdischen Identität und Traditionen zu ersparen:

imageEine Schwangere kommt zum Rabbiner. »Was soll ich tun? Wenn es ein Bub wird, wann soll ich es melden? Was gebe ich als Geburtsdatum an?« Der Rabbiner schüttelt verständnislos den Kopf. »Ich verstehe die Frage nicht.« – »Falls ich das Kind älter mache, kommt der Bub zu früh für sein Alter zum Militär. Und wenn ich ihn jünger mache, als er ist, dann hat er vielleicht schon Frau und Kinder, wenn er eingezogen wird. Also was soll ich tun?« – »Dann sag doch die Wahrheit!«, bot der Rabbiner als alternative Vorgangsweise an. Die Schwangere war hocherfreut: »Auf die Idee wäre ich nicht gekommen!«

Als Eli Engelstein in der niederösterreichischen Kaserne Wöllersdorf zum k. u. k. Soldaten in kaiserlichen Diensten ausgebildet wurde, war Ostgalizien noch Teil Österreich-Ungarns und gehörte später zu Polen. Sein Sohn Markus wurde allen elterlichen Bemühungen zum Trotz als polnischer Ulan einberufen. Man hatte ihn wie alle anderen Burschen im Schtetl vor der Musterung angehalten, sich zu »plagen«, also nichts zu essen und einige Nächte lang nicht zu schlafen, um möglichst überzeugend krank zu erscheinen und dem Militärdienst entgehen zu können. Aber das gelang nicht. Markus Engelstein war tauglich, und es gefiel ihm sogar beim Militär. Die Pferde, der Kraftsport beim Drill, eine eher untypische Alltagsbeschäftigung für einen jungen, unverheirateten Juden, einen Bocher, fingen an, ihm Freude zu machen. Zur Überraschung des ganzen Schtetls verlängerte er sogar freiwillig seinen Dienst um ein weiteres Jahr. Markus war nicht nur der Größte und Kräftigste in der Familie, sondern auch im Vergleich zur nicht-jüdischen Dorfbevölkerung eine stattliche Erscheinung. Also hieß er »der Lange«.

Sein Bruder Pinkas war das schwarze Schaf der Familie. Er wollte aus der Starre der religiösen Traditionen ausbrechen, ging mit nicht-jüdischen Mädchen aus, feierte öfter, als er betete, und war selbstbewusst genug, um vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit gefälschten christlichen Papieren zur polnischen Armee zu gehen und einen Nicht-Juden zu spielen.

Der dritte Bruder, Max, war in seiner Jugend ein talentierter Fußballer und stand im Tor einer Regionalmannschaft. Er war der Begabteste der Familie, schrieb Gedichte und war hochmusikalisch. Zunächst ging er nach Wien, um Medizin zu studieren, wurde später aber ein beliebter Kantor in Warschau.

Karol, der jüngste der Engelstein-Brüder, sollte mit seinem Bruder Markus noch mehr gemeinsam haben, als sie sich in ihren schlimmsten Albträumen ausdenken hätten können.

Bis zu Hitlers Machtübernahme führte die Familie Engelstein ein fast normales jüdisches Leben. Markus, seine drei Schwestern und drei Brüder gingen Seite an Seite mit den Kindern polnischer und huzulisch-ukrainischer Nachbarn in die Dorfschule, die Buben gleichzeitig in die religiöse Schule, den Cheder, und danach kam das Militär für die Buben und der Heiratsvermittler, der Schadchen, für die Mädchen.

Zwei der Töchter wurden schon in den 1920er-Jahren nach Amerika geschickt, um ihre Chancen zu verbessern, eine gute Partie zu machen und ein besseres Leben zu finden. Die dritte Tochter wurde von den Nazis ermordet.

Markus sollte später – ein gefühltes ganzes Leben später – mein Vater werden.

Die achtköpfige Familie Kister kam ursprünglich aus Tarnopol in Ostgalizien. Sie ging wie viele Juden Ende des 19. Jahrhunderts auf der Suche nach einem besseren Leben nach Budapest und begann – mit nichts – von vorne. Die Mutter und die fünf Töchter schufen eine Existenzgrundlage für die Familie und waren über viele Jahre hinweg als Marktfahrerinnen in ganz Ungarn unterwegs, während das Familienoberhaupt und der einzige Sohn der Schtetl-Tradition verbunden blieben und sich in das Studium der Torah vertieften.

Eine der fünf Kister-Töchter, Ernestine, heiratete später Salomon Schmuel Schwarzthal. Ihr erstes Kind, Rose, kam am 20. Juli 1912 in Budapest zur Welt, einige Jahre danach ihr Bruder Marzi.

Rose sollte später meine Mutter werden. Sie und ihr Bruder wuchsen in Budapest in einer behüteten bürgerlichen Welt auf. Ihre Mutter Ernestine hielt die raue Marktfahrerwelt, die sie selbst als Kind kennengelernt hatte und mit der sie auch ihre eigene Familie ernährte, bewusst von ihren Kindern fern. Sie sollten es besser haben, sollten eine ganz andere Welt erleben. Sie schickte sie auf die Handelsschule und zum Klavierunterricht, sie waren Mitglieder im Ruderclub, im Tennisclub, Ernestine verschaffte ihnen ein deutschsprachiges Kindermädchen, ganz so, wie es in besseren Kreisen üblich war.

Roses Vater Schmuel blieb vor allem als leidenschaftlicher Kartenspieler, Kettenraucher und geheimnisvoller Geschäftemacher präsent. Keiner durchschaute seine Tätigkeiten allzu genau, jedenfalls trugen sie wenig zum Lebensunterhalt der Familie bei, der im Wesentlichen von Ernestine verdient wurde, indem sie weiter als Marktfahrerin arbeitete. Sie lebte wie in einer zweiten, pragmatischen Welt, die das bürgerliche Leben für ihre Kinder auch ermöglichte.

Aus Rose und ihrem Bruder wurden so erfolgreich Vertreter der jüdischen Budapester Bildungsschicht, die nur eine sehr vage Vorstellung davon hatten, dass es auch andere Lebensbedingungen gab. Rose wuchs zu einer selbstbewussten, starken jungen Frau heran, heiratete 1934 standesgemäß den Prokuristen einer Maschinenfabrik, Joseph Jàvor, und brachte zwei Jahre später ihre Tochter Eva zur Welt.

Mit Schwung und unbeirrbarer Energie eröffnete sie dann auch ein Kurzwarengeschäft und packte das Leben mit beiden Händen an. Die Welt der kleinen Familie war im Lot. Rose und ihr Mann Joseph waren erfolgreich. Sie bereisten Europa und zogen ihre Tochter in einer Variante jüdischer Traditionen groß, die mit der Religiosität ihrer Vorgängergenerationen nicht mehr viel gemeinsam hatte. Sie waren in vielen Bereichen assimiliert und verstanden sich in erster Linie als Teil der Budapester jüdischen Gesellschaft und weniger als religiösorthodoxe Juden. Sie hielten zwar die Traditionen hoch, aber mit Religion im engeren Sinn hatte das nicht mehr viel zu tun.

So ging es vielen Juden, deren Eltern noch mit einem Fuß im Schtetl standen und mit dem anderen schon in ein Leben danach getreten waren. Die jüdische Schtetl-Identität mischte sich mit den Insignien des Erfolgs und Wohlstands des Ortes, an den es die Menschen verschlagen hatte. Sie tat zwar weh, diese Sehnsucht im Herzen, andererseits war da die Möglichkeit des Weiterkommens weit weg vom Schtetl. So entstand mitunter gerade aus diesem Zwiespalt die unfreiwillige Komik derer, die einmal etwas anderes gewesen waren, als sie werden wollten und geworden waren:

imageDie Wiener Philharmoniker waren immer schon viel unterwegs, und gleichzeitig bei jeder Vorstellung in Wien in der Staatsoper zu hören. Das liegt daran, dass es genügend Zweit-, wenn nicht Drittbesetzungen gibt, sodass sich das berühmte Orchester jederzeit bei Bedarf ausreichend klonen kann, um seinen vielen sonstigen Verpflichtungen nachzukommen. Dazu gehörte eines lauen Maiabends auch das große Gartenfest der Frau Neményi in Budapest. Es war eine Mottoparty zum Thema Wien, und dafür hatte sie fünf echte Wiener Philharmoniker gebucht, um ihre Gäste musikalisch mit Original Wiener Heurigenmusik zu beeindrucken. Alles war perfekt, das Buffet, die Tischdekoration, die originellen Lampions, die von den Bäumen hingen, und auch das Personal war handverlesen. Die ersten elegant gekleideten Gäste waren schon da, aber die Musiker noch immer nicht. Frau Nemenyi wurde langsam nervös und rief die Agentur an, von der sie üblicherweise ihre Philharmoniker bezog. Dort entschuldigte man sich ausführlich, erklärte, dass es eine Überbuchung gegeben, man aber bereits Ersatz gefunden hätte und die fünf Musiker schon auf dem Weg und jeden Moment da wären. Kaum hatte Frau Neményi den Hörer aufgelegt, läutete es auch schon. »Ah, da sind sie ja endlich!« Vor ihr standen tatsächlich fünf Musiker mit ihren Instrumenten – mit langen Bärten, Pajes und allem anderen optischen Zubehör orthodoxer Juden. Klezmer-Musiker.

Frau Neményi schreckte zurück und schnappte nach Luft. »Wer um Gottes Willen sind denn Sie?« Der Klarinettist lächelte freundlich und sagte beruhigend: »Mir sennen die Schrammeln!«

Egal, wohin es die Ostjuden auf dem Weg in ein besseres Leben verschlug, das ihnen im Schtetl nicht möglich gewesen wäre, mit einem Fuß blieben sie noch lange dort verhaftet:

imageSelig, dem Sohn vom alten Faiwisch, war das Schtetl immer schon ein bisschen zu eng gewesen. Kaum war er alt genug, machte er sich auf den Weg in die weite Welt. Faiwisch ließ ihn traurig ziehen. Was hatte er im Schtetl denn schon für Möglichkeiten, etwas aus sich zu machen? Im Lauf der Jahre landete Selig in London, nannte sich um auf Peter Green und schaffte es, sich ein kleines Geschäft aufzubauen, das immer größer wurde. Die Zeit verging, Selig wurde immer erfolgreicher, und eines Tages war die Zeit gekommen, seinem Vater zu zeigen, was aus ihm geworden war, und er ließ den Alten einfliegen.

Faiwisch kam in London an, und es war ihm auf den ersten Blick anzusehen: Der war nicht von hier. Selig, der sich nun als Mr. Green in britischen Kreisen tummelte, war das unangenehm. Also packte er seinen alten Vater zusammen und verschaffte ihm ein komplett neues Aussehen. Der Bart fiel als Erstes, die Pajes folgten, die abgetragenen Schtetl-Schmatten tauschte der beste Schneider Londons in einen Anzug aus feinstem Tuch, er bekam maßgeschneiderte Hemden mit Monogramm, eine Melone, wie sie nur die Feinsten der Feinen trugen, und Schuhe aus bestem Leder. Faiwisch sah aus wie ein Lord. Solange er den Mund nicht aufmachte und auch nicht mit den Händen kommunizierte, ging er jederzeit für einen echten englischen Gentleman durch.

Als Faiwisch sich zum ersten Mal als Sir, der er geworden war, im Spiegel sah, begann er bitterlich zu weinen. Selig erschrak, fühlte sich ein bisschen schuldig, dass er seinen alten Vater so völlig seiner Identität beraubt hatte, und fragte ihn leise: »Weinst du, weil du deinen Bart verloren hast?« – »Aber nein«, schluchzte Faiwisch, »ich weine um unsere verlorenen Kolonien!«

Wie unterscheiden sich Engländer und Juden?

Engländer gehen, ohne sich zu verabschieden, und Juden verabschieden sich, ohne zu gehen.

In diesem Leben zwischen den Welten, zerrissen zwischen dem Schtetl und der weiteren Welt, die für Hoffnung auf ein besseres Leben stand, gelang das Bemühen, dort auch anzukommen, nicht immer zu hundert Prozent:

imageJakob Herzberg saß wie jeden Tag im Kaffeehaus und las die Zeitungen. Es ging die Tür auf, und Feiwel Tennenboim kam herein. »Feiwel!«, rief Jakob aus, »dich habe ich ja ewig nicht gesehen, seit Monaten! Wo warst du die ganze Zeit?«

Feiwel setzte sich dazu, bestellte seinen kleinen Mokka und erzählte stolz. »Ich bin gereist. Wie Jules Vernes. In achtzig Tagen um die Welt.« – »Oh? Wo warst du denn?« – »Also zuerst war ich in Amerika, auf den Spuren von Einstein.« Jakob ungläubig: »Wie hast du dich denn dort verständigt?« Feiwel stolz und souverän, ganz der Weltreisende: »Ech mit maan Taatsch?« Er meinte damit, dass er mit seinem hervorragenden Deutsch überall durchkäme.

Jakob verstand. Er war ja genauso aufgewachsen. Erst hatte man ihn angehalten, die fünf Bücher Mose zu lesen, dann hatte ihm der Melammed, sein Lehrer, beigebracht, das Gelesene sofort zu taatschen, also in die Sprache zu übersetzen, die sie für das wahre Deutsch hielten, auch wenn es tatsächlich das vom Mittelhochdeutschen stammende Jiddisch war. »Ah! Und wo warst du dann?«

»Nu, dann war ich natürlich in Frankreich.« – »Auf den Spuren der Rothschilds?« – »Du sagst es. Ein Erlebnis!« – »Und dort hattest du auch keine Verständigungsschwierigkeiten?« – »Aber nein. Was denkst du denn. Ech mit maan Taatsch.«

Jakob hinterfragte das nicht weiter und hätte auch keine Gelegenheit dazu gehabt, denn Feiwel, ganz Kosmopolit, ließ sich nicht unterbrechen. »Nu und dann war ich in England, in Indien, in Shanghai und in Russland.« Und bevor Jakob auch nur einatmen konnte, fuhr Feiwel gleich überlegen lächelnd fort: »Nein, Jakob, frag mich gar nicht erst, ich konnte mich auch dort mühelos verständigen.« Jakob nickte ergeben und versuchte, gar nicht erst Zweifel zu signalisieren: »Ja, ja, alles klar, du mit dajn Taatsch. Und wo warst du noch?«

»Zum Schluss war ich in Deutschland auf den Spuren von Raschi, dem berühmtesten deutschen Torah-Kommentator.« – »Und dort hattest du erst recht keine Verständigungsschwierigkeiten!« Feiwel seufzte. »Im Gegenteil. Dort bin ech geween takke ojf Zores. Dort hatte ich echte Probleme!«

Bei allem Blick nach vorn, bei aller Offenheit für einen Aufbruch in neue Zeiten und neue Länder haben Juden ein gutes Gedächtnis. Bis heute haben wir nicht vergessen, dermannen wir uns, was Eva ihrem Adam angetan hat. Alljährlich müssen wir acht Tage lang ungesäuerte und somit unverdauliche Mazzes essen, nur weil wir nicht vergessen können, dass wir es vor über zweitausend Jahren eilig gehabt haben, Ägypten zu verlassen, um das Rote Meer zu teilen. Und wir werden es den Griechen nie verzeihen, dass sie unseren Tempel entweiht haben, auch dessen gedenken wir jedes Jahr pinkt, noch dazu genau zur Weihnachtszeit. Wir merken uns alles. Davon konnte der alte Dr. Kandinsky aus Warochta ein Lied singen:

imageKandinsky hatte das Schtetl vor langer Zeit verlassen, war in die Welt gezogen, hatte studiert und war ein berühmter Arzt in Warschau geworden. Ganz Warochta war stolz auf ihn. Einer von ihnen, den sie noch als Jeschiwebocher, als Talmud-Student, durchgefüttert hatten, war jetzt weltberühmt!

Als Dr. Kandinsky dann nach vielen Jahren zurück ins Schtetl kam, um seine Familie und seine Freunde zu besuchen, war ganz Warochta in heller Aufregung. Der Gemeindesaal war neu ausgemalt, geputzt und geschmückt worden, damit er seine neuesten medizinischen Erkenntnisse in einfachen Worten ganz exklusiv den staunenden Bewohnern von Warochta nahebringen konnte. Der Applaus brandete ihm entgegen, als er auf das Podium stieg. Minutenlang. Gerührt bedankte sich der Heimkehrer, und als der Applaus langsam abebbte, zog er sein Manuskript hervor und begann mit seinem Vortrag.

Doch oj! Plötzlich fegte ein Windstoß durch die geöffneten Fenster des Saals, vor denen die weniger Privilegierten, die keine Sitzplätze mehr bekommen hatten, Kandinskys Worten lauschen wollten. Die Blätter segelten zu Boden, und Kandinsky bückte sich, um sie aufzuheben. War es der Scholet vom Vortag, waren es die Aufregung oder einfach die Strapaze der Reise, man weiß es nicht. Jedenfalls entwischte Dr. Kandinsky ein sehr lautes, unüberhör-bares – doch bitte völlig natürliches! – Körpergeräusch.

Man konnte eine Stecknadel fallen hören. Die Menge war dankbar, dass die Fenster, alle Fenster, ganz weit geöffnet waren. Kandinsky versank vor Scham fast in den Erdboden. Seine Rede fiel deutlich kürzer aus, als ursprünglich geplant. Während er sprach, schaute er kein einziges Mal ins Publikum und verschwand dann sofort durch den Hintereingang.

Viele Jahre später erkrankte sein Vater schwer, und Kandinsky sah es als unumgänglich an, wieder nach Warochta zu reisen. Diesmal plante er aber, wie er hoffte, unerkannt in einem kleinen Gasthof im Nachbarort Jeremtscha zu übernachten. Bei seiner Ankunft kam er zunächst einmal mit dem Wirt ins freundliche Gespräch, der ihn danach fragte, wer er denn sei und was er hier in dieser Gegend zu tun hätte. »Mein Vater ist krank«, erklärte Kandinsky, »und ich besuche ihn.« – »Und warum wohnst du dann hier und nicht bei deiner Familie?«, wunderte sich der Wirt. Kandinsky schluckte verlegen und gab dann zu, dass er vor vielen Jahren in Warochta eine peinliche Situation erlebt hätte und er es daher vorziehen würde, inkognito zu bleiben. Der Wirt beruhigte ihn: »Was immer damals passiert ist, die Leute haben das sicher schon längst vergessen und auch nicht so ernst genommen wie Sie! Machen Sie sich keine Sorgen!« Kandinsky wurde nachdenklich und musste, rein logisch betrachtet, dem Wirt recht geben. »Wann hat sich das überhaupt abgespielt, vor wie vielen Jahren?«, fragte der Wirt. – »Ich weiß es nicht mehr genau«, meinte Kandinsky, »aber zehn, fünfzehn Jahre wird es schon her sein.« Der Wirt nickte kurz verständnisvoll mit dem Kopf und fragte nach: »War das vor dem Kandinsky-Furz oder nachher?«

Der Weg vom Schtetl in die Städte – und retour – verlief also nicht immer ganz perfekt. Das wäre ja noch kein Problem. Aber die ewige Zerrissenheit als definierender Seelenzustand fühlte sich oft durchaus schmerzhaft an. Die Sehnsucht nach der sicheren Zweifelsfreiheit von Dazugehören oder nicht, dessen, was schwarz und was weiß war, blieb. Gleichzeitig zerrte das Streben nach Neuem an den Menschen. Letztlich gewann die Erleichterung darüber, Pogromen und Perspektivenlosigkeit entkommen zu sein, die Oberhand. Zumindest was die grundlegenden Umstände anging, waren die Schtetl-Juden zunächst in einem besseren Leben angekommen. Das würde sich nur allzu schnell wieder ändern.

Mit einem Schlag ist alles anders

Für die junge Rose, die in der jüdischen Budapester Bildungsschicht angekommen war, schien es kaum vorstellbar, dass es auch andere Lebensbedingungen geben konnte. Doch als die Pfeilkreuzler, die ungarische Spielart der Nazis, die Macht ergriffen, wurde alles anders. Roses Mann Joseph und ihr Bruder Marzi wurden in ein Arbeitslager verschleppt, das Joseph nicht überlebte. Er starb dort an Entkräftung. Der athletische Hüne Marzi wurde gegen Kriegsende auf dem Todesmarsch im Burgenland von den Nazis erschossen, als er sich, völlig erschöpft, weigerte weiterzugehen.

Rose und ihre neunjährige Tochter Eva schlugen sich in Budapest noch eine Zeit lang durch, bevor sie verschleppt und mit etwa dreißig anderen Juden in eine überfüllte Wohnung im Budapester Ghetto gepfercht wurden. Dort hatten sie unter einem Esstisch ihren Schlafplatz und lebten in ständiger Angst, nach Auschwitz deportiert zu werden.

Als der Krieg endete, hatte Rose ihren Mann, ihren Bruder und die meisten anderen Mitglieder ihrer Familie bis auf ihre Mutter und drei ihrer Tanten an die Mörder des Naziregimes verloren.

Unter dajne wajße Stern, streck zu mir dajn wajße Hand, majne Werter sennen Trern, weln ruhen in dajn Hand. Sej, es dunkelt sejer finkel, in majn kellerdikn Blick, un ech hob gur nischt kajn Winkl sej zu schenkn dir zurick. Un ech will doch Gott, majn trajer, dir vertrojen majn Farmeg, weil es muhnt in mir a Fajer, un in Fajer majne Teg. Nor in Kellern un in Lecher wejnt die merderische Ruh. Lojf ech hecher iber Decher un ech such, wu bis du, wu?

Unter deinen weißen Sternen, reich mir deine weiße Hand, meine Worte sind nur Tränen, wollen ruhen in deiner Hand. Dunkel ist’s in diesem Keller, dir zurückzugeben hab’ ich gar nichts mehr. Und würd’ ich doch, mein treuer Gott, dir mein Vermögen geben wollen, denn wie ein Feuer lodert es in mir. Nur in Kellern und in Löchern find’ ich vor den Mördern noch die Ruh’. Lauf ’ ich höher, über Dächer, such’ ich dich, wo, ach wo, bist du?

(Text Abraham Sutzkever, Musik Avreml Brodna, deutsche Übersetzung vom Autor)

In Worochta, ganz in der Nähe von Jablonica, begannen die Deutschen 1942 mithilfe der Einheimischen, die ansässigen und die aus Ungarn dorthin deportierten Juden zu erschießen. Fast die ganze Familie Engelstein wurde ermordet. Auch Markus’ Frau, die er noch im Schtetl geheiratet hatte, wurde in Polen von österreichisch angeführten Nazis umgebracht. Pinkas Engelstein, der mit gefälschten Papieren zur polnischen Armee gegangen war, wurde verraten und von der SS erschossen, nachdem er gezwungen worden war, sein eigenes Grab auszuheben. Auch Max Engelstein wurde mit seiner gesamten Familie ermordet. Nur die beiden Brüder Markus und Karol waren, ausgerechnet von einem der als besonders primitiv geltenden Huzulen in Worochta, gewarnt worden: »Geht nicht in euer Haus. Sie erschießen Juden.«

S’ brent! Briderlech, s’brent! Oj, unser orem Schtetl nebbich brent!…

Es brennt, Brüder, ach, es brennt! Ach, unser armes Schtetl, alles brennt! …

Und ir schtejt un kukt asoj sich mit farlejgte Hent,

Und ihr steht nur da und schaut mit verschränkte Händ’.

Un ir schtejt un kukt asoj sich – unser Schtetl brent!

Und ihr steht nur da und schaut – unser Schtetl brennt!

(Text und Musik Mordechai Gebirtig, deutsche Übersetzung vom Autor)

Die beiden Brüder flohen daraufhin mit falschen Papieren über Rumänien und landeten in einem Arbeitslager in Ungarn. Eine einflussreiche polnische Adelige, die sich für ihre Landsleute im ungarischen Arbeitslager einsetzte, erwirkte ihre Freilassung. Markus und Karol kamen zu dem Schluss, dass sie so weit wie möglich östlich, den russischen Truppen entgegen, am sichersten wären. Sie hofften, unter den Russen bessere Überlebensbedingungen vorzufinden.

Nach Jablonica, wo ihre ganze Familie ausgerottet worden war, wollten sie nicht zurück. Aber genau dort landeten sie nach einem unglaublich langen und gefährlichen Fußmarsch letztlich doch wieder. In Jablonica kannten sie sich wenigstens aus und würden es leichter haben, ein Versteck zu finden.

Sie hatten sich allerdings zeitlich verkalkuliert, denn als sie im Ort ankamen, waren die Russen noch nicht dort, und sie saßen abermals in der Falle. Obwohl es riskant war, bat Markus eine der Dorfbewohnerinnen um Hilfe. Sie und ihr Mann beauftragten ihre Pflegetochter, zwischen einem Apfel- und einem Birnbaum ein Erdloch zu graben, in dem sich die Brüder verstecken konnten. Nachts brachte man ihnen Essen und Wasser. Die Angst davor, erwischt und von der Gestapo dafür erschossen zu werden, war groß, wurde aber von diesen einfachen Menschen heldenhaft besiegt.

Zu Kriegsende nach einem halben Jahr im Erdloch hatten Markus und Karol lange Bärte wie Rabbiner – oder Popen, und Popen waren den Russen zu diesem Zeitpunkt ebenfalls suspekt. Dass sie Juden waren, mussten sie nun nicht verbergen, sondern beweisen. Um den russisch-jüdischen Offizier zu überzeugen, der in diesem Moment ihr Schicksal in der Hand hatte, begannen die Brüder, laut auf Hebräisch zu beten.

Es half, und nachdem zu diesem Zeitpunkt, 1944, nicht allzu viele glaubwürdige Nicht-Nazis in der Gegend zu finden waren, machten die Russen Markus Engelstein im mittlerweile »judenreinen« Jablonica zum Bürgermeister und beauftragten ihn, von Haus zu Haus zu gehen und ihnen die Mörder auszuliefern.

Nach dem Krieg – und wieder von vorn

In Budapest allein mit ihrer kleinen Tochter Eva, begann Rose ihr neues Leben und erkämpfte sich wieder eine Existenz und ihre Würde. Ihre Kraft hatte sie nie verloren. Sie baute wieder ein Kurzwarengeschäft auf und richtete den Blick nach vorne.

Eva vermisste ihren Vater. Wie viele Überlebende der Schoah hatte sie Demütigungen erlebt, die sie nie wieder abschütteln konnte. Für das Trauma ihrer Tochter hatte Rose aber ebenso wenig Zeit wie für ihr eigenes. Sie richtete all ihre Kraft auf eine neue Existenz aus. Sie kümmerte sich um das Geschäft, sorgte dafür, dass Eva in die Schule ging, schlug sich durch und kämpfte sich wieder nach oben. Eva war still, traurig, verschlossen, aber wie ihre Mutter funktionierte sie einfach weiter. Es war keine Zeit, um über Lebensqualität nachzudenken, um zuzulassen und auszusprechen, was man fühlte. Rose packte an.

Die Ära von Markus Engelstein als Bürgermeister von Jablonica endete, nachdem er auf die Abschussliste der UPA, der Ukrainischen Aufstandsarmee, geraten war. Es wurde ihm bewusst, dass er hier allein unter Feinden, wo er nicht einmal mehr die Gräber der Seinen finden konnte, kein Leben hatte. Seine Heimat war »judenrein« geworden. Abermals von Bauern, diesmal in einem Heuwagen, versteckt, floh er nun vor den Sowjets, die ihren nützlichen Vertrauensmann nicht ziehen lassen wollten, wieder nach Ungarn. Er ließ ein Grundstück in Jablonica, sogar einen ganzen Berg, Wald- und Grundbesitz zurück, denn diesmal würde Markus nie mehr heimkommen.

In Ungarn begann er wieder von vorne. Import-Export war die Branche der Stunde. Markus machte Geschäfte, so, wie das dem Bedarf nach dem Krieg in Ungarn entsprach, eine Gratwanderung zwischen kriminellem Schwarzmarkt und kapitalistischem Wiederaufbau einer zusammengebrochenen Wirtschaft, die in unausgesprochenem Einverständnis zwischen Ostjuden und russischen Soldaten stattfand. Niemand hatte zu diesem Zeitpunkt das Gefühl, dass es sich hier um etwas Unrechtes handeln könnte, alle suchten Wege, sich zu ernähren und wieder neu anzufangen. Auf abenteuerliche Weise verschaffte sich Markus Engelstein von einem jüdischen Offizier der russischen Besatzungsmacht eine Uniform und einen Lastwagen und transportierte von Rumänien nach Budapest und retour, was immer gebraucht wurde und zu bekommen war: Fensterscheiben, Zigaretten, Lebensmittel. Das Geschäft florierte.

In der Laudon Utca in der Budapester Innenstadt gab es dieses Kurzwarengeschäft, das von einer schönen und ganz offensichtlich tüchtigen jungen Frau geführt wurde. Sie hatte dort sogar ein Telefon. Markus fiel durchaus auf, dass seine drahtige Statur in der schicken Uniform die Wirkung auf sie nicht verfehlte. Es war nicht zu übersehen, die Augen der jungen Frau blitzten, wenn er vorbeiging. Ein Jude in Uniform, egal in welcher, das gefiel ihr. Welche Umkehr von Macht nach den Jahren der Demütigung. Mit selbstbewusster Großzügigkeit ließ sie ihn sogar – »Aber gern, warum nicht?« – ihr Telefon benützen. Um diese Gefälligkeit bat er sie dann auch immer öfter, denn er war auf dem besten Weg, sich unsterblich in sie zu verlieben.