image

ELFRIEDE OTT

»VERZEIHUNG, WENN ICH STÖRE …«

Spitzen und Pointen aus Kabarett und Theater

Mit 22 Abbildungen

image

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Und wenn sie nicht gestorben wären, lebten sie noch heute

Sie würden sagen, was sie wüßten

Aber wer hört schon auf Kabarettisten?

Auf einem kleinen Brettl stehn

Das Unrecht und den Untergang sehn

Man trat mit Worten gegen Windmühlen an …

Die Worte sind noch immer da

Die Unvernunft auch – und sie kann triumphieren

Den Rufer in der Wüste hört man leider nie.

Gerhard Bronner

Inhalt

Ich hab immer gespielt

ELFRIEDE OTT

Licht und Schatten

HANS WEIGEL

Ballgeflüster

HANS WEIGEL

Die Geschichte vom Dichter Kaspar

HANS WEIGEL

Über Rudolf Weys

HANS WEIGEL

Die kompetente Behörde

HANS WEIGEL UND RUDOLF WEYS

Schale Nußgold oder Die Kellnerprüfung

RUDOLF WEYS

Der Scherben

ELFRIEDE OTT

Die Kleinkunst

HANS WEIGEL

Über Peter Hammerschlag

HANS WEIGEL

Pekinesen

PETER HAMMERSCHLAG

Herzbrüderlein Popo

PETER HAMMERSCHLAG

Angewandte Psychoanalyse oder Die Ballade vom Lustmörder Alois Blawatschek

PETER HAMMERSCHLAG

Für Elfriede Ott 12. März

GERHARD BRONNER

Der Zerrissene oder »Wohin rollst du, Christelchen?«

PETER HAMMERSCHLAG

Die Welt ist klein geworden

PETER HAMMERSCHLAG

Von der Lüneburger Heide und der Simmeringer Had

PETER HAMMERSCHLAG

Wenn man in Wien zur Welt kommt

ELFRIEDE OTT

Die Stachelbeere

ELFRIEDE OTT

Die drei Wünsche

HANS WEIGEL UND RUDOLF WEYS

Über Jura Soyfer

HANS WEIGEL

Telegraphen-Chanson

JURA SOYFER

Lied des einfachen Menschen

JURA SOYFER

Über Harald Peter Gutherz

HANS WEIGEL

U. A. F. A. U.

HANS WEIGEL

Das Lampenfieber ist …

ELFRIEDE OTT

Der Panther

RAINER MARIA RILKE

Über Josef Pechacek

HANS WEIGEL

Chanson für eine Dompteuse

JOSEF PECHACEK

Die Phantasie

ELFRIEDE OTT

Ö-Dur

ELFRIEDE OTT

Mein Nestroy-Schicksal

ELFRIEDE OTT

Wer weiß –

ELFRIEDE OTT

Über Hans Horwitz

HANS WEIGEL

Das Lied vom kleineren Übel

HANS WEIGEL

Cabaret und Kabarett

RUDOLF WEYS

Über Rudolf Spitz

HANS WEIGEL

Wippchen plädiert!

HANS WEIGEL

Kabarett-Praktikum

ELFRIEDE OTT

Schwejk-Conference

JURA SOYFER UND HANS WEIGEL

Der Mann im Durchschnitt

HANS WEIGEL

Cilli!

ELFRIEDE OTT

Ernst Waldbrunn

ELFRIEDE OTT

Hier spricht der Portier

ERNST WALDBRUNN

Karl Farkas

ELFRIEDE OTT

Frauen unter sich

KARL FARKAS

Liebe Cissy, lieber Hugo –

ELFRIEDE OTT

Fritz Grünbaum

ELFRIEDE OTT

Mein Kollege, der Affe

FRITZ GRÜNBAUM

Die Schauspielakademie

ELFRIEDE OTT

… und immer wieder die Jugend

ELFRIEDE OTT

Das Ende des Kabaretts

HEINZ R. UNGER

Text- und Bildnachweis

Es gab schon von der Jahrhundertwende an »Kabaretts« in Wien, in der Hölle, einem Raum neben dem Theater an der Wien, wohin die »Budapester« zogen, mit einem Repertoire im Jargon, eines, das in der Annagasse zuhause war und später als »Simpl« nach Münchner Muster, einen Bulldoggen als Wappen, in der Wollzeile bis heute zuhause ist: Die Glanzzeit war unter Karl Farkas und Fritz Grünbaum, um die sich Komiker reihten, traditionellerweise hauptsächlich männlichen Geschlechts.

Ganz und gar unterschieden von dem unterhaltenden Genre war das, was wir in Wien Kleinkunst nannten, aktuell, satirisch, politisch. Viele Autoren fanden Anschluss an diese politischen Bühnen. Die erste war »Der liebe Augustin«, begründet von Stella Kadmon, die sehr lange gelebt hat, die aus Deutschland nach Wien zurückgekehrt ist, die den Dichter Peter Hammerschlag in den Vordergrund stellte, mit kleinen schauspielerischen Aufgaben, vor allem aber als Blitzdichter und Improvisator. Als dritter wirkte der junge Däne Tom Kraa.

Ort der Handlung war das Café Prückel, Biberstraße, Ecke Wollzeile.

… der Anfang eines neuen Buches, am Tag, der der letzte in seinem Leben sein sollte. Dieses Buch sollte folgenden Inhalt haben:

Das Kabarett in Wien vor 1938. Die Lebenszeit eines Schriftstellers besteht aus Schreiben, Schreiben, Schreiben. Hans Weigel hat in jeder Lage geschreiben. Im Auto, im Kaffehaus, überall, wo ein Platz zum Sitzen war.

In »unserer« Zeit hat er immer diese großen schwarzen Mappen mitgeschleppt, in denen das Material für seine Molière-Übersetzungen war. Er hat sie nicht nur übertragen, er hat sie mit großer Kunst nachgedichtet. Die Verse aus dem Französischen mit allen Pointen und Reimen. Er hat dafür seine Theaterkritik aufgegeben, um sich auf seinen Molière konzentrieren zu können. Und so ist die Gesamtausgabe entstanden, und ich durfte alles miterleben, als erstes Wesen seine Texte lesen! (Wenn ich manches Mal laut auflachte und er zufrieden sagte, wie es ihn freue, dass ich mich so unterhalte, musste ich gestehen, dass es die Druckfahnen waren, die so komisch wirkten.) Man kann sich seine Reaktion vorstellen.

Jetzt, wo er nicht mehr am Leben ist, dieser Tag schon so weit zurück, ich konnte mir nicht vorstellen, dieses Leben alleine fortzusetzen, aber es gibt mich noch, und ich lebe mit dem, was er mich gelehrt hat.

Er hat es nicht geahnt, dass …

Er war ein Mensch, der den Mut hatte, ohne Furcht und Rücksicht alles zu sagen, wovon er überzeugt war, dass man es sagen muss. Und das war für einen Menschen neben ihm nicht leicht mitzuleben. Und dieser Mensch bin ich, Elfriede Ott, Schauspielerin, 60 Jahre im Ensemble des Theaters in der Josefstadt, in erster Ehe mit Ernst Waldbrunn verheiratet, schon da war das Kabarett in meinem Kopf. Ich spielte auch mit ihm ein kabarettistisches Programm mit schauspielerischen Mitteln in Berlin im Kabarett »Greifi«, eigentlich war es mehr eine Bar.

Damals war ich im Burgtheater engagiert. Und bei einem Abend im »Greifi« traute ich meinen Augen nicht: Im Publikum Lothar Müthel, bei dem ich vor damals kurzer Zeit im Akademietheater die Jutta in einem Stück von Gerhard Hauptmann spielte. »Die goldene Harfe«. Er hatte die Regie. Und jetzt sah er mich als Kabarettistin. Aber nachher kam er zu mir und sagte: »Gut, mein Kind, sehr gut, das freut mich.« Und wie mich das gefreut hat!

Dann ist Hans Weigel in mein Leben getreten, ich hab seine Kabarettliebe geteilt, habe aufgenommen, was er mir davon erzählt hat. Immer wieder von der Literatur am Naschmarkt.

Ich habe Stella Kadmon gekannt und bewundert im Theater Courage. Leider nicht in der Literatur am Naschmarkt.

Ich hab immer gespielt

Das war das Ende seines unsagbar reichen Schriftstellerlebens, das in seinen jungen Jahren bei Verlagen in Deutschland begonnen hatte. Dann hat er seine Liebe zu Österreich erfüllt (er war ja in diesem Land geboren) und hat für hiesige Cabarets Texte geschrieben, auch Stücke, dann die Emigration in der Schweiz, viele Bearbeitungen von Nestroy-Stücken und eigenen, zum Beispiel »Barabbas«, das nach dem Krieg in Wien gespielt wurde und ein großer Erfolg war. Dann war er Autor in allen Sparten der Kunst. Theaterkritiker, von uns allen gefürchtet. Musikkritiker. Die Musik war seine Leidenschaft. Dann bin ich in sein Leben getreten. Ich weiß, dass ich für ihn wichtig war. Er hat mich vieles gelehrt. Mir Unbewusstes aufgeschlossen. Und meine künstlerische Entwicklung gefördert. Wir wurden unzertrennlich. Wenn man einen von uns gesehen hat, war der andere nicht weit. Unser beider Leben war erfüllt. Ich spielte, er schrieb.

Dann kam die große Zeit meiner Soloabende. Er stellte die Programme für mich zusammen. Es wurde eine wienerische Historie. Das Erste »Phantasie in Ö-Dur«. Er fand Lieder, Arien und Szenen aus der Zeit der Wiener Volkskomödie. Am Flügel begleitete mich Prof. Erik Werba. Ich spielte diese »Phantasie« im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses elfmal hintereinander.

Es begann eine Reihe von Programmen:

»Wiener Komödienlieder« mit Julius Patzak

»Die lustigen Klassiker«

»Der anmutsvolle Prater«

»Rotweißrot Kehlchen« mit Gerhard Bronner

und und und …

Wenn ich darüber nachdenke, ich habe eigentlich immer gespielt.

Wir fuhren auf Tourneen, spielten in vielen großen Städten Europas, in London, Kopenhagen, Salzburg (Mozarteum), Graz, Paris, Innsbruck, Berlin, München, Hamburg (Schauspielhaus), Oslo, immer wieder in Wien und in vielen kleineren Städten.

Wir waren zu dritt und alle drei im Sternbild Zwillinge geboren. Also verstanden wir uns gut!

Die wichtigsten Titel:

»Das ist ein Theater«, »Melancholie mit Flinserln«, »Apropos Nestroy«, »Das kleine Zweimaleins«. Mein Partner war Waldemar Kmentt.

In dieser Zeit immer wieder Stücke in den Kammerspielen und im Theater in der Josefstadt. Es war die für mich künstlerisch tollste Zeit meines Lebens. Josefstadt-Direktor war in dieser Zeit Professor Franz Stoß, der mir alles ermöglichte, sogar einen Abstecher in die Oper und viele Fernsehstücke. Bei ihm habe ich auch eine jahrelange Fernsehserie gespielt. Eine samstägliche Live-Sendung »Die liebe Familie«. Das war eine wirklich schwere Sache, vor der ich mich oft eine Woche lang gefürchtet hab. Mit einer Probe für Kamera und Stellungen. Einmal (es waren immer Gäste dabei) habe ich bei einem »Star« den Ausruf nach dieser Probe gehört: »Ich bring mich um!« Ich habe seinen Angstausruf verstanden.

In einer dieser Sendungen plauderte ich ganz locker los und nannte ein Datum eines Geschehens – und im nächsten Augenblick war ich starr vor Schreck, weil mir einfiel: Das war gar nicht richtig, das ist wahrscheinlich eine falsche Information für die Zuschauer. Ich wäre gerne in der Erde versunken, musste aber weiterspielen. Ich erwartete nach der Sendung eine große Ermahnung von der Sendeleitung. Aber sie kam nicht. Entweder hat es niemand bemerkt, oder es war eh richtig. Aber Herzklopfen hab ich noch immer gehabt! Das sind oft so Zittersachen. – Du lieber Himmel!

HANS WEIGEL

Licht und Schatten

Als ich zur Welt kam, war der Hausarzt ratlos,

Die Mutter weinte über solch ein Kind,

Klagen und Medizin blieb resultatlos,

Ich schien gesund und stark, doch war ich blind.

Zwar: hell und strahlend leuchtete mein Auge,

Doch spiegelte kein Leben sich im Blick,

Man fand kein Mittel, das dagegen tauge,

So blieb in Nacht und Dunkel mein Geschick.

Ich wurde größer, redete und hörte,

Man hielt die Sorgen weit von mir entfernt,

Als man mich aber nachzudenken lehrte,

Da habe ich das Lachen doch verlernt.

Nur mit dem Herzen sah ich alle Dinge,

Das Leben fühlt ich nur, das um mich war,

Ich betete, daß Licht ins Auge mir dringe,

Auf daß die Welt mir offen sei und klar.

Und eines Tages – niemand kann ergründen,

War’s Zufall, war es Gott, war’s Medizin –

Sah’n plötzlich meine armen, toten, blinden

Augen die Erde, und die Sonne schien.

Was ich bisher geahnt, lern’ ich nun kennen,

Was ich bisher geträumt, kann ich nun sehn,

Ich blicke in die Welt und muß bekennen:

Die Welt hat mich enttäuscht. Sie ist nicht schön.

Denn Farben, die ich hell und herrlich ahnte,

Sind trüb und matt, ihr Anblick tut mir weh,

Ich liebte Menschen, ehe ich sie kannte,

Nun hab’ ich Angst, so oft ich einen seh’.

O über jene tiefe, dunkle Ruhe,

Die mich umhegte, als ich noch nicht sah,

Grell dringt der Tag, was immer ich auch tue,

In meine Welt und bleibt mir störend nah.

Ich will von neuem träumen, möchte fühlen,

Ich will nicht wissen, wie die Dinge sind,

Zu vieles muß ich sehn und wär im Stillen

So gerne wieder Kind und wieder blind.

Denn nichts ist derart, daß es sich verlohnte,

Genauer hinzusehn, nichts hält dem Auge stand,

Nur der vom Tageslicht gnädigst Verschonte

Glauben und Ruhe, Glück und Hoffnung fand.

Ihr blinden Freunde, ihr braucht nicht zu klagen;

Die Welt ist schöner, wenn man sie nur träumt;

Ich habe sie gesehen und kann euch sagen:

Bleibt ruhig blind. Ihr habt nicht viel versäumt.

HANS WEIGEL

Ballgeflüster

Wissen Sie, warum Sie hier sind? –

Ich nämlich nicht –

Finden Sie nicht auch, daß viele Menschen wie ein Tier sind? –

Im Wesen und im Gesicht –

Können Sie unter allen diesen Leuten

Irgend einen wirklich leiden? –

Gibt es auch nur zwei, die Ihnen etwas bedeuten? –

Wenn ja, dann sind Sie zu beneiden –

Gnädigste lachen häufig, doch wohl kaum von innen heraus –

Wann war Ihnen zum letzten Mal wirklich heiter zu Mut? –

Aha, unsicher, nervös und viel Verdruß zuhaus –

Sie müssen nichts mehr erzählen, ich kenn’ das alles so gut –

Natürlich, das stimmt, man muß froh sein, daß man

Heute überhaupt Arbeit hat –

Und welche hat schon den richtigen Mann? –

Das vergebliche Warten macht matt –

Ja, alles verkrampft und überall Qual –

Und alles halb krank und keiner normal –

Sie denken auch nicht ans Heiraten? Fein! –

Und wünschen sich kein Kind? –

Ich freue mich, daß wir beide ein

Und derselben Meinung sind –

Es soll heutzutage manchen geben,

Der so oder ähnlich spricht –

Wissen Sie eigentlich, wozu Sie leben? –

Ich nämlich nicht.

HANS WEIGEL

Die Geschichte vom Dichter Kaspar

Der Kaspar, der war kerngesund,

War für die Kunst und gegen Schund,

Er schrieb Gedichte, gut und fein,

Die sandte er Verlegern ein.

Und wenn mal jemand von ihm wollt,

Daß er was andres schreiben sollt,

Dann fing er immer an zu schrein:

Ich mach’ nicht Konzessionen, nein,

Ich wässere meine Suppe nicht,

Nein, meine Suppe wässer’ ich nicht!

Im nächsten Jahr, ja sieh nur her,

Da war er schon viel magerer,

Ins Kaffeehaus rief man ihn

Und schlug ihm vor: Schreib doch Revuen.

Da fing er wieder an zu schrein:

Ich mach’ nicht Konzessionen, nein,

Ich schreib’ für diese Gruppe nicht,

Nein, für die Gruppe schreib’ ich nicht!

Im dritten Jahr, o weh und ach,

Wie war der Kaspar dünn und schwach!

Die deutsche Tonfilmproduktion

Bot ihm für Texte reichlich Lohn.

Gleich fing er wieder an zu schrein:

Ich mach’ nicht Konzessionen, nein,

Ich schreib’ für diese Sippe nicht,

Nein, für die Sippe schreib’ ich nicht!

Im vierten Jahre endlich gar

Der Kaspar wie ein Fädchen war.

Ein Doktor kam herbei und riet:

Schreib doch ein kriegerisches Lied.

Da fing der Kaspar an zu schrein:

Ich mach’ nicht Konzessionen, nein,

Ich schreib’ für diese Truppe nicht,

Nein, für die Truppe schreib’ ich nicht!

Der Kaspar, der war gegen Schund,

Drum kam er völlig auf den Hund,

Er wog bald nur ein halbes Lot

Und war im nächsten Jahre tot.

Ich wühle in den Kabarett-Texten aus der Zeit zwischen 1933 bis 1938. Da war Hans Weigel einer, der 1000 Texte geschrieben hat. Es ist ein großer Sprung von meinen jetzigen Theatererfahrungen: ein großer Sprung zurück. Aber mich fasziniert diese Cabaret-Literatur. Sie geht in unsere jetzige Zeit hinein. Immer wieder kommt man auf »Was, das war damals? Das könnten doch unsere Sorgen und Themen von jetzt sein!«. Ich sehe nichts Altmodisches, höchstens Parallel-Gedanken. Auch damals war es Ö-Dur in Schärfe und Zynismus – aber in dieser österreichischen »Dur« mit viel »Moll«-Gedanken.

Und im Gehirn von Hans Weigel in beiden Zeiten wohnend, und so war’s nicht nur in der »Literatur am Naschmarkt«, sondern auch in der »Stachelbeere«, im »ABC«, im »Lieben Augustin«, im Café Prückel, im Café Dobner.

Überall diese Cabaret-Dichter: Rudolf Weys, Peter Hammerschlag, Jura Soyfer, Josef Pechacek …

Hans Weigel über Rudolf Weys

Siebenter März 1978. Heute um halb elf haben sie ihn auf dem Döblinger Friedhof begraben.

Um eins bekam Gerhard Bronner im Unterrichtsministerium eine hohe Auszeichnung.

Wäre Rudolf Weys damals in den dreißiger Jahren nicht gewesen, hätte Gerhard Bronner vielleicht die Auszeichnung nicht bekommen.

Hinter seinem Sarg gingen etwa fünfzig Trauergäste: Kollegen von der »Wochenpresse«, für die er Filmkritiken schrieb. Einige vom Burgtheater, wo sein Sohn Dramaturg ist. Vertreter der Autoren-Vereinigungen, einige wenige aus unserer »Kleinkunst«-Zeit.

Er hat mir aus einer Krise dieser Aufzeichnungen herausgeholfen. Ich war in meinen alphabetischen Gedenkblättern längst bis hierher gelangt und hatte die Arbeit unterbrechen müssen. Und da fiel mir auf, daß ich selbst jetzt der nächste im Alphabet wäre, zwischen Jura Soyfer und Herbert Zand. Und eine kindische abergläubische Hemmung hielt mich vom Weiterschreiben ab. Ich erwog ernstlich, meinen eigenen Nekrolog zu schreiben und das Manuskript für den Verlag satzfertig vorzubereiten.

Jetzt ist Rudolf Weys gestorben – und weil er hier herein gehört, muß und kann ich weiterschreiben.

Er war sehr wichtig. Das haben einige gewußt. Er war ein letzter Zeuge einer wichtigen Zeit, unserer großen und schrecklichen Tragödie, die wir »Erste Republik« nennen.

Er war Buchhändler in Wien, in Graz geboren, und wollte Autor sein.

Immer wieder wurden damals in Wien Kabaretts gegründet, meistens war er dabei. Und einmal, endlich, stimmte alles, und im Souterrain des Cafés Dobner eröffnete im Herbst 1933 die »Literatur am Naschmarkt«. Rudolf Weys war das Zentrum, das Oberhaupt, das Gewissen des Unternehmens.

Er war zehn Jahre älter als ich, 1898 geboren. Er hatte noch erwachsen werden können. Uns hatte die Unruhe unserer Welt seit 1914 gleichsam unter einem Glassturz an allem Regulären des Lebens und der Berufsausübung gehindert. Wer, wie ich, 1933 fünfundzwanzig war, konnte nichts werden, bestenfalls Auswanderer. Wir blieben die »Jungen«, verbittert, negativ, verzweifelt, fatalistisch, voll berechtigter Skepsis gegen alle rund um uns.

Rudi Weys wußte, was wir wußten, aber er war verbindlicher, weicher, sanfter. Wir waren wie Johann Nestroy, er wie Ferdinand Raimund.

Autoren und Komponisten fanden sich zusammen, Schauspieler kamen dazu, die Deutschland hatten verlassen müssen oder verlassen wollen oder die anfingen und keine andere Chance fanden.

»Literatur am Naschmarkt« war ein Kabarett ohne Beispiel, denn es war denkbar weit entfernt vom »Brettl«, wie es in Deutschland geblüht hatte (zuletzt Werner Fincks »Katakombe«), wie es dann auch in der Schweiz entstanden war (das »Cornichon« als erstes), wie es vor der »Literatur« Stella Kadmon und dann andere Wiener Gründungen versucht hatten. »Literatur am Naschmarkt« war vom Theater inspiriert, spielte Einakter und kleine Stücke, hatte perspektivisch gebaute Dekorationen. »Literatur am Naschmarkt« war das unkabarettistischeste Kabarett und darum vermutlich besonders wienerisch, aber »Literatur am Naschmarkt«nahm sich diese Richtung nicht ausdrücklich vor – sie lag in der Luft der Linken Wienzeile, ein paar Häuser entfernt vom Theater an der Wien.

Rudi Weys war nicht Leiter, nicht Direktor, er war der Senior mit allen Vorrechten und Belastungen dieses seines Ranges, den wir ihm aber nicht streitig machten, wenn man ihm auch noch so heftig opponierte.

Ich war vom vierten Programm der ersten Spielzeit an mit dabei und auch noch, nach einigen Krisen und Separationen, beim letzten Programm – also von der Spielzeit 1933/34 bis zum März 1938. So kurz war das.

Im fünften Programm der ersten Spielzeit (Frühjahr 1934) gelang dem Rudi Weys unbewußt ein Geniestreich, der Kabarettgeschichte machte: das Mittelstück.

Wir waren im besten Einvernehmen mit dem Cafetier, Herrn Bauer, und dem Ober, Herrn Jean. Beide wollten, ehe ein Programm endgültig fixiert war, genau Bescheid wissen: über die Dauer der einzelnen Nummern und Abteilungen, um sich auf das heikle Geschäft des Aufnehmens von Bestellungen, des Servierens und des Kassierens vorzubereiten.

Es ergab sich aus der Praxis, daß eine ganz kurze Pause nach relativ kurzer Zeit stattfinden mußte, um die Gäste, die knapp vor dem Beginn gekommen waren, nach ihren Wünschen zu fragen, dann, nach einem etwas längeren Block von Darbietungen, eine erste größere Pause, die Servierpause. Und etwa eine Viertelstunde vor Schluß war die zweite große Pause, die Zahlpause, anzusetzen. Denn die Gäste wollten nach dem Schluß nicht mehr aufgehalten werden und mußten daher schon vorher »abkassiert« werden.

So sahen die Grundlagen einer Programmsitzung aus, wenn wir den Ablauf festlegten. Jeder zog auf ein Blatt Papier die drei Linien.

Rudi Weys hatte die gloriose Idee: Wie sähe die Welt heute aus, wenn Österreich den Krieg gewonnen hätte? Ein Wiener Hofrat geht auf Inspektionsreise in den Ural, nach London (wo man ihn um eine Anleihe anbettelt), an den Suezkanal (wo ein österreichischer Stationsvorstand die Seefahrt in Unordnung bringt) … zwischen den einzelnen Szenen fiel der Vorhang, vor ihm blieb ein Darsteller allein und sang ein Chanson, hinter ihm wurde umgebaut.

So entstand das Mittelstück, setzte sich durch, im »Lieben Augustin« als eine Paraphrase der Abenteuer des Odysseus, des »Reineke Fuchs«, als Volksstück-Bilderbogen vom »Lieben Augustin«; in der »Stachelbeere« schrieb ich mit Rudolf Spitz und Hans Horwitz ein Mittelstück, das eine ironische Wiederkehr der Donaumonarchie prophezeit und einen Vater, dessen Baby ein Abführmittel braucht, so lange von Amt zu Amt pilgern läßt, bis das Baby einen Bart hat – ein anderes, von Spitz allein, spaltete die Stadt Wien in einzelne Nachfolgestaaten, die mit- und gegeneinander große Politik machen. Ein Mittelstück war auch die Richard-Strauss-Operette »Der Walzerkavalier« von Hans Horwitz und mir.

Mit Weys zusammen arbeitete ich für das zweite Programm der zweiten »Literatur-am-Naschmarkt«-Spielzeit »Die drei Wünsche«: in Form eines Zaubermärchens die Abrechnung mit der Gegenwart. Es war eine gute Mischung: seine Milde und meine Schärfe.

Ich kann hier nicht die Geschichte der »Literatur am Naschmarkt«, noch weniger eine Geschichte der Wiener Kleinkunstbühnen schreiben. Sie ist, was Jura Soyfer betrifft, einigermaßen überliefert, durch drei Bücher von Rudolf Weys in der Skizze dargestellt. Das meiste aber ist heute schon verweht, versunken, zu zwei Dritteln vergessen. Niemand hat sich, als noch Zeit war, um die Bewahrung, Aufzeichnung gekümmert – eine Dissertation am Wiener Institut für Theaterwissenschaft (von I. Reisner) hält Namen und Daten fest, einige Sendungen des Österreichischen Rundfunks und Fernsehens haben einige Verdienste um historische Aufarbeitung eines großen, vernachlässigten Themas

Das Schönste von Rudolf Weys war sein Mittelstück »Pratermärchen«. Es schien vielen damals zu verbindlich, zu wenig aggressiv. Erst später erkannte ich die Größe dieses kleinen Volksstücks mit Musik, das in märchenhafter Manier ein gültiges, authentisches Bild der schrecklichen Zeit der Armut, Arbeitslosigkeit und Ratlosigkeit in den dreißiger Jahren festhält. (Ich glaube: ich habe noch nie über die dreißiger Jahre gesprochen oder geschrieben, ohne das Wort »Ratlosigkeit« zu gebrauchen.)

Rudi Weys war kritisch, aber freundlich, eine einzigartige Mischung. Er konnte, was uns anderen unmöglich war, die Zeit kritisieren, aber an Österreich glauben … vielleicht weil er um zehn Jahre älter war.

Einmal kam das an den Rand der Pleite geratene Wiener Raimundtheater zu uns und erhoffte sich Sanierung durch eine kabarettistische Revue. Wir akzeptierten und begannen die Arbeit: die Musiker Hans Horwitz und Herbert Zipper (der sich Walter Drix nannte), Rudolf Weys und ich. Wir ersannen eine Rahmenhandlung: Im geschlossenen Theater erwacht der Geist Ferdinand Raimunds und erweckt die Geister der großen Erfolge aus der Vergangenheit des Theaters, die drei Mäderln aus dem »Dreimäderlhaus«, Mackie Messer aus der »Dreigroschenoper«, den braven Soldaten Schwejk und den Straßenmusikanten aus dem ins Wienerische transponierten Volksstück »Straßenmusik«. Diese Figuren begeben sich auf einen Stationsweg durch das gegenwärtige Wien, wobei zum Teil bewährte Kabarettnummern eingebaut sind, hauptsächlich aber neue Szenen und Chansons stattfinden. Besonders erinnerlich ist mir eine Parodie auf die Mode der Schubert-Filme, ein neu textierter Kanonensong und der Ausspruch Schwejks »La donna e herich mobile«.

Die Premiere war erfolgreich, es folgten einige, allzu wenige Wiederholungen an der Schwelle des Sommers und eine erfolglose Wiederaufnahme im Herbst.

Rudolf Weys hat, fast ganz allein, für »Literatur am Naschmarkt« ein Programm »1913« geschrieben, das erfolgreichste Programm des Hauses – unvergeßlich bleibt mir das Schlußbild: Silvester 1913, ein Ringelspiel von Figuren um die Statue der Fortuna, ein Refrain: »Hoch das Vierzehnerjahr«, der Gesang wird leiser, das Licht wird eingezogen

Außer diesem Programm hatten unsere Programme nur Nummern, keine Namen; und immer wieder wollten wir solche Gesamttitel, der Übersichtlichkeit wegen, einführen. Beim letzten Programm war es dann soweit, und dieses Programm hieß »Der Wiener geht unter«.

Da war eine Szene von Rudolf Weys, in der er versuchte, den Marxismus und das Christentum zu versöhnen. Da war, Text gleichfalls von ihm, eine wienerische Arche Noah, in der die Bewahrenswerten einstiegen … alles makaber prophetisch.

Und dann war’s aus. Viele Autoren und Darsteller verschwanden. Der Rest etablierte sich in der Liliengasse als »Wiener Werkel«. Man hat viel und vielerlei über dieses Kabarett geschrieben, hat es als Alibi-Ventil, als manipulierte Opposition von des Gauleiters und des Propagandaministeriums Gnaden attackiert. Ich will hier in memoriam Rudolf Weys wiederholen, daß es keine Zweifel an seiner Lauterkeit und Anständigkeit geben durfte und darf: Hätte ich damals bleiben dürfen, hätte ich auch dort mitgearbeitet.

Das große, geradezu populär gewordene, spektakuläre Mittelstück der neuen Ära war eine Vision von der Eroberung Chinas durch die Japaner, wobei kein Zweifel darüber denkbar war, daß mit den Chinesen die Österreicher und mit den Japanern die Deutschen gemeint waren. Am Ende des ersten Bildes sieht ein »Chinese« den Japanern nach und sagt: »Wir werd’n s’ scho demoralisieren

Rudolf Weys hielt sich und seine Frau und seinen ganz kleinen Sohn mit Müh und Not in schwerer Zeit über Wasser.

Als ich im Oktober 1945 nach Wien zurückkam, war einer meiner ersten Wege zu ihm – und das war eine jener Szenen, die ich mir immer ausgemalt hatte. Ich läute – er macht auf – ich sage »Servus« – er erkennt mich, hat Tränen in den Augen und sagt in äußerster Zärtlichkeit immer wieder: »Du Trottel!«

»« »«, »«, »«, »«, »« .