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Michael Niavarani

Der frühe Wurm hat einen Vogel

Michael

Niavarani

DER FRÜHE
WURM
HAT EINEN
VOGEL

Vermischte Schriften
Band I

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Für Arsch & Friedrich,
mit denen ich viele Stunden
verbringen durfte

Besuchen Sie uns im Internet unter:
http://www.amalthea.at

© 2011 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Kurt Hamtil/ © Stefan Boroviczeny
Detail aus dem Bergl-Zimmer/Schloss Schönbrunn
Foto/Schutzumschlag: © Petra Benovsky
Gesetzt aus der 10,5/13 Goudy Oldstyle
Gedruckt in der EU

ISBN 978-3-85002-764-9
eISBN 978-3-902862-19-8

Wer wird nicht einen Klopstock loben?
Doch wird ihn jeder lesen? – Nein!
Wir wollen weniger erhoben,
und fleißiger gelesen sein!

Gotthold Ephraim Lessing

Heutzutage machen schon drei Pointen und eine Lüge
einen Schriftsteller
.

Georg Christoph Lichtenberg

Die wirklichen Erlebnisse liegen im Gebiet
des Unausgesprochenen und Unaussprechlichen.
Was sich sagen lässt, kann niemals ganz wahr sein.
Kleide einen Gedanken in Worte
und er verliert alle Bewegungsfreiheit
.

Egon Friedell

DANKE

Ich danke Richard Kitzmüller für die vielen Pointen, Ideen und intelligenten Ergänzungen.

Ich danke Walter Kordesch für die dramaturgische Beratung.

Ich danke Michael Blaha für die mathematische Begleitung.

Ich danke der lieben LeserIn für das letzte Kapitel.

Ich danke dem Urknall für das Universum.

Für meine Freundin des Herzens

INHALT

Die erste Geschichte

Ménage à Cinq

Mein letzter Tag

Ein Nachmittag in Schönbrunn – Verregnet, weshalb ich spontan nach New York flog

Erleuchtung auf den Malediven

Monsieur Descartes holt sich den Tod

Es war einmal

Die Leiter in der Hüpfburg

Abschlussparty

DIE
ERSTE
GESCHICHTE

Nicht unsere Dummheiten machen
mich lachen, sondern unsere Weisheiten
.

Michel de Montaigne

Dies ist also die erste Geschichte. Diese erste Geschichte schreibe ich nur aus einem einzigen Grund: Man hat mir abgeraten, mit der zweiten Geschichte zu beginnen. Ich selbst hätte nichts dagegen gehabt, aber von Seiten des Verlages meinte man, es würde ein wenig Verwirrung stiften, mit der zweiten Geschichte zu beginnen und dann erst als zweite Geschichte die erste Geschichte zu bringen. Wobei ich ja gestehen muss, ich habe keine erste Geschichte. Ich leide nämlich seit einiger Zeit an einer offensichtlich unheilbaren Krankheit: Ich kann nichts schreiben. Ganz ehrlich: Ich habe überhaupt keine Geschichten. Also im Kopf habe ich sie sehr wohl, aber nicht im Computer. Noch nicht.

Ich habe schon eine Kieferknochenentzündung vorgetäuscht, um den Abgabetermin verschieben zu können. Zu allem Überfluss habe ich dann wirklich eine Kieferentzündung bekommen. Psychosomatisch sozusagen. Die Vortäuschung der Krankheit hatte einen umgekehrten Placebo-Effekt und so litt ich acht Wochen lang an unbändigen Schmerzen in meinem rechten Oberkiefer. Umgekehrt hat das leider nicht so gut funktioniert. Die Kieferknochenentzündung ließ sich zwar her-, aber nicht wegdenken. Zwei Wochen Antibiotika und entzündungshemmende Medikamente waren die Folge. Was lernen wir daraus? Man soll nur schmerzfreie Krankheiten erfinden, um Termine zu verschieben. Schnupfen, Fieber, eine Nierenkolik. Wobei die wahrscheinlich auch zu schmerzhaft ist.

Liebe LeserIn, ich befürchte, das Buch, das Sie gekauft haben, ist leer. Ich kann Ihnen das zum jetzigen Zeitpunkt nicht hundertprozentig sagen, aber wenn es mit mir und meiner Schreibblockade so weitergeht, dann gibt es für Sie nichts zu lesen. Ich habe schon überlegt, ob es nicht einen anderen Weg gäbe, die Geschichten in meinem Kopf unter die LeserInnen zu bringen, aber nachdem es noch sehr lange dauern kann, bis wir in der Lage sind, Gedanken zu lesen, scheint es keinen anderen Ausweg zu geben: Ich muss schreiben. Oder auf die Bühne gehen. Aber deswegen schreibe ich ja, damit ich nicht auf die Bühne muss.

Sie können das Buch aber auch gleich weglegen, wenn Sie wollen. Und in drei Wochen wieder reinschauen, vielleicht hab ich bis dahin etwas zustande gebracht. Ich habe ohnehin schon die letzten Tage in Ihrer Handtasche verbracht. War ganz nett übrigens. Möchte mich noch bei Ihnen bedanken, dass Sie mich nicht in der Toilette abgelegt haben, sondern mit mir unterwegs sind. Können Sie sich noch erinnern, liebe LeserIn, wie wir uns das erste Mal getroffen haben? Sie sind in der Buchhandlung gestanden und haben mich durchgeblättert. Sie haben wunderschöne Hände. Wie sehr ich es in diesem Moment bereut habe, nichts geschrieben zu haben und Sie enttäuschen zu müssen. Ich schwöre Ihnen, ich werde schreiben. Ich werde alles versuchen, um Ihnen Freude zu bereiten.

Also dann. Ich schreibe jetzt. Oder kann ich Ihnen vielleicht auf eine andere Art Freude bereiten? Wollen Sie einen Strauß Rosen oder eine Bonboniere? Ja, eine Bonboniere ist vielleicht gar keine so schlechte Idee. »Der frühe Wurm hat einen Vogel« – lauter kleine Milchschokowürmer, die von Vögeln aus Bitterschokolade aufgepickt werden. Das wär doch was! Aber woher nehmen jetzt? Unglaubwürdig.

Okay. Okay. Ich seh schon, Sie haben ein Buch gekauft und Sie wollen ein Buch. Aber Buch hin, Buch her, ich kann nicht schreiben. Keine Ahnung, woran das liegt. Intellektuelle Impotenz. Im Kopf funktioniert es wunderbar, aber kaum gehts um was, versagt mein primäres Schreiborgan und ich liege reglos auf der Couch. Und denke mir, ich sollte mich ein wenig bewegen, der Gesundheit zuliebe. Wobei das mit der Bewegung ist ja nur eine Sache des Bezugssystems. Bewegung ist nur relativ zu einem Bezugspunkt nachweisbar. Wenn ich auf der Couch liege, bewege ich mich sogar sehr schnell. Und zwar mit der Erde, die sich mit circa 1.240 km/h um ihre eigene Achse dreht. Wenn ich jetzt noch einen Schritt weiter hinaus in den Weltraum mache, dann sehe ich mich nicht nur auf der Couch mit der Erde um ihre eigene Achse drehen, ich sehe mich auf der Couch mit der Erde um die Sonne drehen und zwar mit circa 107.000 km/h. Noch weiter hinaus: Unser Sonnensystem bewegt sich in unserer Galaxie, der Milchstraße, mit circa 960.000 km/h spiralförmig auf das in der Mitte befindliche Schwarze Loch zu. Und unsere Galaxie bewegt sich mit 2.100.000 km/h gekrümmt durch das Universum. Objektiv betrachtet bewege ich mich, wenn ich stundenlang auf der Couch liege, gekrümmt durch das Universum spiralförmig auf das Schwarze Loch zu, ellipsenförmig um die Sonne und kreisförmig um die Erdachse – kein Wunder also, dass mir, wenn ich von der Couch aufstehe, immer so schwindelig ist.

All diese Bewegungen können wir übrigens (wie sie sicher schon bemerkt haben) nicht wahrnehmen. Soviel zu der Ansicht, dass wir mit unseren Sinnen die Wirklichkeit wahrzunehmen im Stande wären. Sinnlose Sinne!

Obwohl – Wie zärtlich Sie jetzt umgeblättert haben! Sinnlich irgendwie! Ich mag das, wenn Sie mit den Fingern über meine Seiten streichen. Bitte verstehen Sie das jetzt nicht als plumpe Anmache, aber ich gehe davon aus, dass Sie mich auch ins Bett mitnehmen werden. Macht ja nichts, wenn Ihr Mann oder Freund daneben liegt. Ich will nur nicht schuld sein, wenn Sie zu streiten beginnen, weil Sie schon wieder lesen und es keinen Sex gibt. Falls Sie jetzt im Bett neben einem Mann liegen, dann legen Sie mich doch kurz zur Seite und greifen Sie rüber. Küssen Sie ihn leidenschaftlich und haben Sie Sex. Lang, wenn es geht, damit ich genug Zeit habe nachzudenken, was ich schreiben soll.

Falls Sie gerade in einem Wellness-Hotel im Ruheraum liegen, tun Sie mir einen kleinen Gefallen: Erschrecken Sie die schlafenden Wellness-Gäste, indem Sie ganz laut niesen oder eine Hupe imitieren. Ich weiß nicht warum, aber jedes Mal, wenn ich in so einem Ruheraum liege, überkommt mich das Bedürfnis, ganz laut zu rufen. Ich trau mich natürlich nicht. Aber Sie könnten ja sagen, wenn sich die anderen dann beschweren, dass es so geschrieben steht, dass Sie diese Anweisung aus meinem Buch haben, dass ich Sie gebeten habe, das zu tun.

Okay, ich gebe es zu, ich lenke nur davon ab, dass ich nicht schreiben kann. Wissen Sie, liebe LeserIn, ich bin in diesem Buch gefangen. Ich komme da nicht raus, solange die Seiten leer sind. (Es hat übrigens keinen Sinn, jetzt auf Seite 171 zu blättern, die ist sicher leer). Ich kann einfach nicht schreiben. Es ist grauenhaft.

Folgende Idee: Sie müssen dasselbe tun wie ich, wenn ich nicht schreiben kann. Sie müssen jetzt in ein Kaffeehaus gehen. Oh ja! Bitte lassen Sie uns auf einen Kaffee gehen. Ich treffe dann meistens Freunde zum Plaudern, um mich von der eigenen Unfähigkeit abzulenken. Und genau das müssen Sie auch tun. Sie können nicht lesen, Sie haben eine Leseblockade und gehen jetzt ins Kaffeehaus, um sich mit jemandem zu treffen! Wie wäre das?

Ich nehme einen Espresso Macchiato und ein kleines Soda-Zitron. Und einen Schinken-Käse-Toast, ich hab heute noch nichts gegessen. Sehen Sie. Ist doch besser als ein Buch zu lesen, in dem nichts steht. Danke übrigens, dass wir im Raucherbereich sitzen. Ich hasse den Nichtraucherbereich. Und das, obwohl ich selbst mit dem Rauchen aufgehört habe. Ich bin Nichtraucher und sitze lieber im Raucherbereich. Und wissen Sie warum? Weil es bei den Nichtrauchern stinkt! Ja, es stinkt nach fettiger Kopfhaut, Schweiß, ausgelatschten Schuhen, Mundgeruch und eingewachsenen Zehennägeln, vermischt mit dem Geruch von Essen. Es stinkt erbärmlich nach Mensch in diesen Nichtraucherlokalen. Ist Ihnen das noch nie aufgefallen? Ein wenig wie im Speisesaal eines Kindergartens oder einer Schule, nur ohne den Geruch von Wachstums- und Pubertätshormonen. Natürlich ist es gesünder dort zu sitzen, aber wie alles Gesunde ist es grauslich. Da lobe ich mir den Zigarettenduft im Raucherbereich. In meinem Lieblingskaffeehaus kommt man nur durch den Nichtraucherbereich auf die Toilette, da halte ich immer die Luft an und atme erst wieder auf der Toilette ein und am Rückweg halte ich abermals die Luft an, bis ich endlich wieder in einer Nebelschwade aus Zigarettenrauch stehe, atme dann tief ein und danke dem Herrn für die frische Luft. Ich bin Nichtraucher, wohlgemerkt.

Und? Wie gefällt es Ihnen bis jetzt? Ich finde es großartig: Statt zu schreiben, gehe ich mit meinen LeserInnen ins Kaffeehaus. Herrlich! Die besten Geschichten schreibt das Leben. Ja! Dann soll sich halt das Leben jeden Tag acht Stunden in mein Büro an meinen Computer setzen und dieses Buch schreiben. Empfehle mich, bin inzwischen auf ein Sprüngerl im Kaffeehaus!

Wirklich, das Leben geht mir auf die Nerven! Kommt ungefragt daher, teilt einem nicht mit, wie lange es zu bleiben geruht und ist auch schon wieder weg, wann immer es ihm gerade passt, ohne auf irgendjemanden Rücksicht zu nehmen. Ich würde mein Leben gerne fragen, was es sich dabei denkt, mich immer wieder in Situationen zu bringen, in denen ich mich fragen muss, ob dieses Leben wirklich meines ist. Manchmal scheint mir, ich lebe ein fremdes Leben. Ich finde mein Leben sehr unsympathisch, fast ein wenig arrogant. Schmeißt mir Schicksalsschläge hin und geht davon aus, der Trottel wird das schon meistern. Mit mir kann man das ja machen! Und kaum findet man eine Antwort auf das Leben, hat sich die Frage verändert.

Aber ich rede so viel und Sie haben noch gar nichts gesagt. Wie geht es Ihnen und Ihrem Leben? Sind Sie glücklich? Ja. Sie denken sich, Sie sind ganz zufrieden mit dem Leben. Sie sind glücklich und ausgeglichen. Wirklich? Warum sitzen Sie dann mit einem Buch, in dem nichts steht, im Kaffeehaus? Oh, Verzeihung! Ich habe einen wunden Punkt getroffen. Sie sind nämlich gerade sehr unglücklich, weil Sie Single sind oder besser gesagt weil Sie zum Single gemacht wurden. Er hat Sie verlassen. Er liebt Sie nicht. Da kann ich Sie trösten, das kenne ich auch. Wer kennt das nicht? Auch ich war vor langer Zeit in der Situation zu lieben, aber nicht wiedergeliebt zu werden. Ich schäme mich nicht, es zu sagen. Ich war unglücklich verliebt. Nicht wie Don Quijote, rein und unberührt aus der Ferne, sondern schmutzig und sexuell in großer Nähe. Drei Monate lang lief damals eine Liebesgeschichte, in der ich mehr liebte als sie. Es ist ja meistens so, dass einer mehr liebt als der andere. In einer Beziehung liebt einer, während der andere sich lieben lässt. In unserem Fall war ich derjenige, der mehr liebte. Nach drei Monaten teilte sie mir mit, sie könne sich nicht für mich entscheiden, sie könne sich aber auch nicht gegen mich entscheiden. Sie wisse nicht, was sie tun solle. Sie könne nicht mit mir, aber auch nicht ohne mich. Und ich sage Ihnen eines: Bei Liebeskummer, bei gebrochenem Herzen hilft am besten die Einsicht, dass man von dieser Person nie geliebt wurde. Niemals. Und dass man diese Person auch selbst nie geliebt hat. Niemals. Dass es sich bei den Liebesschwüren um Verirrungen des Herzens gehandelt hat. Das ist vielleicht genauso eine Illusion, aber es hilft. Glauben Sie mir, ich bin ein Trennungsspezialist. Heutzutage brauchen wir keinen Ratgeber, der uns dabei hilft, eine glückliche Beziehung zu führen, sondern einen Trennungsratgeber. Wie können wir uns trennen, ohne dabei gleich selbst zum Strick greifen zu müssen oder die Partnerin in die Donau zu treiben. Wie wird man eine Liebe los. Ich meine jetzt nicht eine Geliebte, sondern die Liebe selbst. In heutiger Zeit ein wichtiges Thema. Die neue Patchwork-Family gibt es ja nur deshalb, weil irgendwann immer einer aufgehört hat zu lieben, während der andere noch weiterliebt. In den seltensten Fällen haben beide aufgehört zu lieben. Auf wie vielen Scheidungspartys waren Sie und haben dem glücklichen Expaar zur gemeinsamen Trennung gratuliert?

Wenn Ihnen also Ihr Partner oder Ihr Geliebter mitteilt, er oder sie könne sich nicht entscheiden, wisse nicht, ob er oder sie mit Ihnen leben wolle, dann hilft Folgendes, um die Liebe, die Sie noch empfinden, auszulöschen: Lesen Sie vom römischen Dichter Ovid das Buch »Remedia amoris«, Arznei gegen die Liebe. Habe ich damals getan. Ovid macht sich Gedanken darüber, wie man eine frische, aber unglückliche Beziehung beenden kann, aber auch, wie man einen langjährigen Partner loswird. Dieses Buch gibt es in einer schönen Ausgabe nur antiquarisch, das heißt, Sie sind eine Zeitlang damit beschäftigt, es zu finden. Womit Sie schon den ersten Rat Ovids befolgt haben: Vermeiden Sie es, nichts zu tun zu haben. Lenken Sie sich ab, damit Sie nicht an die geliebte Person denken müssen. Dann rät Ovid zu einer Reise, sich weit von dem Menschen, den Sie lieben, zu entfernen. Damals in der Antike eine einfache Sache, aber heutzutage durch Facebook kaum möglich. Hier mein Rat: Entfernen Sie die Person aus der Freundschaftsliste. Klicken Sie sich nicht nächtelang durch ihr Profil, um sich die Bilder zum tausendsten Mal anzusehen. Entfernen und basta! Löschen Sie die Telefonnummer aus Ihrem Speicher! Was nur Sinn macht, wenn Sie sie nicht auswendig wissen. Aber wer weiß heutzutage schon Telefonnummern auswendig?

Mein Lieblingsratschlag von Ovid, um die Liebe zu einem Menschen, der einen nicht widerliebt, zu töten, ist, ihn in der Öffentlichkeit in Situationen zu bringen, in denen er oder sie sich blamiert. Ovid rät zum Beispiel, einen Menschen, der eine schlechte Stimme hat und unmusikalisch ist, vor Freunden zum Singen zu überreden. Das ist heutzutage sehr einfach. Laden Sie Freunde ein und gehen Sie mit ihnen und dem Menschen, der Sie nicht liebt, in eine Karaoke-Bar und sagen Sie: »Schatz, alles von ABBA und dann noch Celine Dion!« Das wirkt Wunder. Ovid rät des Weiteren, sich an der oder dem Geliebten zu übersättigen. Verbringen Sie gemeinsam eine Woche auf einer einsamen Insel, haben Sie jeden Tag mehrmals Sex und stellen Sie sich dabei vor, dieser Zustand würde ewig andauern.

Oder – eine der besten Methoden – nehmen Sie sich einen zweiten Partner. Lassen Sie sich den oder die andere durch eine Übergangsliebe aus dem Herzen reißen. Was ja heutzutage keine große Sache mehr ist, denn ich sage Ihnen eines, die Monogamie ist am Ende. Wir steuern auf eine ganz neue Gesellschaftsform zu. Jeder Mensch in den nächsten hundert Jahren wird mindestens zwölf Beziehungen in seinem Leben haben. Das wird ganz normal sein. Da wird sich niemand wundern. Wobei ich trotzdem glaube, dass wir langfristig zur Monogamie zurückkehren werden. Aus einem einfachen Grund. Wenn wir offen herummachen könnten, sozial akzeptiert, dann würde es stundenlang dauern, wenn sich zwei Freunde auf der Straße begegnen:

»Hallo, wie geht’s dir?«

»Danke gut, und dir?«

»Auch gut, danke, wie geht’s deiner Frau?«

»Sehr gut, wie geht’s deiner Frau?«

»Blendend! Wie geht’s deiner Geliebten?«

»Hervorragend, deiner?«

»Hervorragend, danke! Wie geht’s dem Mann deiner Geliebten?«

»Dem geht’s sehr gut. Ich soll dich von seiner Frau grüßen lassen!«

»Danke. Sag, wie geht es denn der zweiten Freundin vom Mann deiner Geliebten?«

»Sehr gut. Wie geht’s dem Freund deiner Frau und seiner Frau?«

»Sehr gut, die sind jetzt mit dem Mann meiner Geliebten und seiner Geliebten auf Urlaub, während der Mann der Geliebten mit dem Freund des Mannes meiner Geliebten und seiner Frau bei mir in der Wohnung wohnt, weil ich mit meiner neuen Geliebten und der Freundin ihres Mannes übers Wochenende nach Paris fliege!«

Der einzige Grund, der für die Monogamie spricht, ist die Abkürzung von Smalltalk. An sich schon ein Nervengift, müssen wir ihn zu unserem Selbstschutz unbedingt small halten.

Wenn Sie die Ratschläge in Ovids Buch befolgen, dann haben Sie sich erfolgreich entliebt. Sie müssen dabei kein schlechtes Gewissen haben, denn wie gesagt, das Gegenüber hat auch Sie niemals geliebt. Wenn man sich, wie damals in meinem Fall, nicht entscheiden kann, mit jemandem zu leben, hat man sich wie von selbst, ohne überhaupt eine Entscheidung zu treffen, für ein Leben ohne den anderen entschieden.

Ich hoffe, ich langweile Sie nicht mit meinen Ausführungen. War das jetzt ein bisschen zu intim? Naja, für unseren ersten gemeinsamen Kaffee …? Wollen wir uns noch einen Kaffee bestellen? Darf ich Sie kurz alleine lassen, ich muss auf die Toilette. Komme gleich wieder.

Jetzt sitzen Sie da alleine im Kaffeehaus und warten, bis ich von der Toilette zurück bin. Schräg, oder? Oh nein, sehen Sie die Frau, die soeben aufgestanden ist, zwei Tische weiter? Das ist sie. Das ist die, die mich damals nicht liebte. Gott sei Dank bin ich grad nicht da. Ich muss sagen, dass ich ihr bis heute ungern begegne. Eigentlich gar nicht so hübsch, wie ich damals dachte. Und sie singt wirklich erbärmlich. Egal. Sie können ihr ja ein Bein stellen, wenn sie an unserem Tisch vorbeigeht. Egal. Wirklich egal.

Das Schöne daran, ein Buch zu schreiben, ist nämlich, dass ich zugleich auf der Toilette sein und trotzdem mit Ihnen hier sitzen kann. Also, ich bin jetzt nicht da, aber gleichzeitig doch. Und das Beste: Sie können jetzt machen, was Sie wollen, und ich werde es nicht wissen, wenn ich von der Toilette zurückkomme. Sie könnten den Kellner küssen, nackt auf dem Tisch tanzen oder Ihre Mutter anrufen und ich weiß nichts davon. Gleichzeitig ist es trotzdem unser gemeinsames Geheimnis, weil ich ja doch irgendwie noch immer da bin. Und Sie denken jetzt sicher über mich nach. Warum ich mit Ihnen auf diesen Kaffee gegangen bin? Ob es wirklich nur daran liegt, dass ich nicht schreiben kann, oder ob ich was von Ihnen will? Sie überlegen gerade, wie sympathisch Sie mich finden und ob ich wohl ein guter Liebhaber wäre. (Falls Sie, liebe LeserIn, ein Mann sind, können Sie jetzt eine Seite überspringen, außer Sie sind homosexuell.)

Ich bin natürlich kein guter Liebhaber, denn jeder Mann, der von sich sagt, er sei ein solcher, ist keiner. Hier ist Tiefstapeln angesagt. So gesehen bin ich ein guter Liebhaber. Sie merken es sicher schon, wir befinden uns in einer gedanklichen Schleife. Wenn ich Ihnen nämlich sage, dass nur ein guter Liebhaber von sich sagt, er sei ein schlechter Liebhaber, und ich dann sage, ich bin ein guter Liebhaber, was darauf hinweist, dass ich ein schlechter Liebhaber bin, dann sage ich das ja nur, um Sie darauf hinzuweisen, dass ich ein schlechter Liebhaber bin, was wiederum nur heißen kann, dass ich ein guter bin, was wiederum, und so weiter. Ich glaube, aus diesem Dilemma gibt es nur einen Ausweg: die Phantasie. Die ja übrigens die einzige Möglichkeit ist für die Erkenntnis der Wahrheit. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Sie dürfen sich, wenn Sie mich das nächste Mal ins Bett mitnehmen, alles Mögliche vorstellen, was wir miteinander tun könnten. Ich erlaube es Ihnen. Ja, ich muss Ihnen ehrlich sagen, es gibt keine größere Ehre, die man mir erweisen könnte … Aber, pscht! Wir müssen jetzt damit aufhören. Ich sehe, ich komme gerade vom Klo zurück.

Hallo. Sorry. Bin wieder da. Wie geht’s? Alles okay? Sie sind ganz rot, ist es Ihnen zu heiß hier? Was denken Sie gerade? Nichts! Alles klar. Hören Sie, ich habe wirklich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht schreibe. Aber es geht derzeit nicht. Keine Ahnung warum. Ich kann mich nicht konzentrieren. Ich kann nicht einmal etwas lesen. Aber das Problem kennen Sie ja, Sie können ja auch nichts lesen, weil ich nichts geschrieben habe. Verdammt! Vielleicht bin ich einfach überarbeitet. Ich bin definitiv überarbeitet. Ich habe ein Burnout. Um Gottes Willen, jetzt bin ich eh schon überarbeitet und habe auch noch ein Burnout.

Jeder hat heute ein Burnout. Jeder ist überarbeitet. Stress. Mails. Nachrichten. Überstunden. Arbeit am Wochenende. Burnout. Wissen Sie, dass es ein Burnout gar nicht gibt? Es gibt keine Krankheit namens Burnout. Es gibt keine Diagnose, die so lautet. Burnout gibt es nicht. Aber jeder hat es. Kein Wunder, wir trinken ja auch koffeinfreien Latte Macchiato mit Sojamilch. Wenn man weder Kaffee noch Milch verträgt, warum trinkt man einen Latte Macchiato? Wieso nicht ein Glas Wasser? Wenn man erschöpft ist und Angstzustände hat, warum kriegt man dann ein Burnout, statt sich rechtzeitig zu erholen? Warum ist heutzutage genug nicht genug, sondern zu viel immer noch zu wenig? Wenn die Wirtschaft nicht wächst, dann ist sie in der Krise, dann ist sie kaputt. Was für ein Schwachsinn! Wenn ein Baum nicht mehr wächst, dann ist er nicht kaputt, sondern groß genug, um ein Baum zu sein. Warum sind wir im einundzwanzigsten Jahrhundert immer noch so gläubig und fromm wie im Mittelalter, nur dass wir nicht an Gott glauben, sondern an die Marktwirtschaft, an den Kapitalismus. Der Markt wird das regeln. Der Markt muss sich erholen. Das gibt der Markt vor. Der Markt ist unser neuer Gott. Und die Wirtschaft ist die Inquisition, die die Menschen verbrennt. Wir sind gläubiger denn je. Da haben wir die katholische Kirche mittels der Aufklärung in ihre Schranken gewiesen, damit niemand mehr am Scheiterhaufen verbrannt wird, um sie flugs durch die freie Marktwirtschaft zu ersetzen, die uns Panikattacken und Depressionen beschert und uns innerlich verbrennt. Wie dumm kann man eigentlich sein? Das Problem ist nur: Aus der katholischen Kirche kann man austreten, aber aus dem liberalen Kapitalismus …? Wo gibt es das Formular? Ich trete aus. Ich muss nicht im Jänner Kirschen kaufen können, ich brauche keine fünfhundert Handytarife, ich muss nicht unbedingt mein Geld anlegen. Im Gegenteil. Ich gebe mein Geld lieber für Alkohol, Prostituierte und Drogen aus. Aktien sind mir zu ordinär! Aber wo können wir austreten? Nirgendwo, weil wir dann nämlich als Ketzer verurteilt würden. Der Kapitalismus erlebt gerade sein finsterstes Mittelalter. Der Kapitalismus braucht, wie vor fünfhundert Jahren die Kirche, seine Aufklärung.

Aus der Kirche bin ich übrigens ausgetreten. Damals mit achtzehn Jahren. Nicht wegen der Kirchensteuer. Schon gar nicht, weil ich Jesus Christus für besonders unsympatisch halte. Nein, im Gegenteil. Ich hatte damals in einem Geschichtsbuch etwas gelesen, das mich dazu bewogen hat, aus der Kirche auszutreten.

Im dreizehnten Jahrhundert beschäftigten sich katholische Theologen mit der Frage, was denn mit der Vorhaut Jesu Christi passiert sei. Jesus war Jude und wie alle Juden beschnitten. Jetzt ist aber der Messias leibhaftig in den Himmel aufgefahren. Also fragten sich die Theologen ernsthaft, unter ihnen auch der damalige Papst, wo denn die Vorhaut des Messias geblieben sei. Ist sie sofort nach der Beschneidung in den Himmel aufgestiegen, weil sie schon wusste, dass der Messias dreißig Jahre später nachkommen würde, oder ist sie jahrelang irgendwo herumgelegen, um dann gemeinsam mit dem Messias in den Himmel zu fahren? Man möchte meinen, dass dies eigentlich für die Erlösung der Menschheit nicht von Belang sei. Den Kirchenvertretern aber war diese Frage sehr wichtig, denn wenn Jesus ohne Vorhaut in den Himmel gefahren ist, dann sitzt beim Jüngsten Gericht ein beschnittener Jude zur rechten Hand Gottes. Und will man als Christ, dass ein Jude über einen zu Gericht sitzt? Also musste man die Vorhaut auch auferstehen lassen. Als Beweis dafür führte man die mystischen Visionen der Heiligen Agnes Blannbekin an. Sie lebte von 1250 bis 1315 in Österreich und war eine christliche Mystikerin. Sie hatte Visionen, die sie ihrem Beichtvater, dem Franziskanermönch Ermenrich, erzählte, der sie in lateinischer Sprache niederschrieb. Ihre wichtigste Vision war, dass sie die Vorhaut Christi in ihrem Mund spüren konnte, wenn sie die Hostie empfing. Der Mönch schreibt wörtlich:

Weinend und voller Barmherzigkeit begann sie, an das Praeputium* Christi zu denken und wo sich dieses nach der Auferstehung des Herrn befinden könne. Und siehe, schon bald verspürte sie die größte Süße auf ihrer Zunge, ein kleines Stückchen Haut, ähnlich der Haut in einem Ei, welche sie schluckte. Nachdem sie diese Haut geschluckt hatte, konnte sie erneut die kleine Haut auf ihrer Zunge fühlen, mit ebensolcher Süße wie zuvor, und wieder schluckte sie diese. Und dies geschah an die hundert Mal. Und da sie das Häutchen so oft spürte, war sie versucht, es mit ihrem Finger zu berühren. Als sie dies versuchte, da wanderte das Häutchen von selbst in ihre Kehle hinunter. Da wurde ihr offenbar, dass die Vorhaut Jesu gemeinsam mit dem Herrn in den Himmel aufgefahren war am Tage seiner Auferstehung. So groß war die Süße des Geschmacks dieser kleinen Haut, dass sie eine süße Verwandlung in all ihren Gliedern zu spüren vermochte.

Das war selbst mir zu absurd. Ich trat aus der Kirche aus.

So unglaublich die Geschichte klingt, sie ist wahr. Den lateinischen Originaltext, der Agnes Blannbekins Visionen beschreibt, findet man in dem 1713 in Wien erschienenen Buch »Venerabilis Agnetis Blannbekin«, das von der Kirche später auf den Index gesetzt wurde.

Die Causa »Praeputium Domini« hatte noch ein Nachspiel. Wenige Jahre nach meinem Austritt fand ich einen Artikel über Kirchengeschichte, in dem von einem gewissen Leone Allacci, ab 1661 Bibliothekar der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek, die Rede war, der in seinem Werk »De Praeputio Domini Nostri Jesu Christi Diatriba« die Theorie vertrat, die Vorhaut des Herrn wäre bei der Auferstehung ebenfalls in den Himmel aufgefahren und habe dort die Ringe des Planeten Saturn gebildet.

Ich muss sagen, diese theologische These hat mich derart amüsiert, dass ich um ein Haar wieder eingetreten wäre.

Ich will nicht unhöflich sein, liebe LeserIn, aber Sie haben jetzt schon wieder auf Ihr Handy gesehen! Ist Ihnen die Vorhautgeschichte zu peinlich? Ja, was kann denn ich dafür? Die hab ich nicht erfunden! Das ist katholische Theologie.

Jetzt drehen Sie doch Ihr Handy ab, wenn wir im Kaffeehaus sind und plaudern. Sie haben schon vier SMS geschrieben und drei Mal Mails gecheckt. Das ist nicht gesund. Mein Handy wurde mir gestern übrigens gestohlen – es ist zum Wahnsinnigwerden. Darf ich kurz bei Ihnen meine Mails checken? Später dann, okay. Danke. Man hat nämlich bei mir eingebrochen. Vor zwei Wochen. Zusätzlich zu meiner Kieferknochenentzündung wurde bei mir eingebrochen. Und ich hab eine Anzeige wegen Drogenbesitzes am Hals. Aber es ist nicht meine Schuld, ich wollte meine Schreibblockade beheben und ein guter Freund gab mir den Rat, es in bekifftem Zustand zu probieren. Also hab ich mir, wieder von einem Freund, etwas Marihuana besorgt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon alles Mögliche probiert. Ich hatte mich in meinem Büro drei Tage eingesperrt, ohne Fernseher und DVD, ohne Handy: nichts, nicht eine Zeile. Stattdessen hatte ich über mein Leben sinniert und darüber wie unsympathisch es mir wäre. Ich war in ein Wellness-Hotel gefahren, hatte Bäder genommen, hatte mir stundenlang ayurvedisches Öl über die Stirn rinnen lassen: nichts, nicht eine Zeile. Jeden Abend war ich mit zwei kaputten typen, einem Arzt und einem Manager, die sich wegen ihres Burnouts behandeln ließen, an der Hotelbar gesessen und hatte mein Lieblingsthema, wie unsympathisch ich mein Leben fände, um ein paar neue Facetten erweitert. Ich hatte mit Doreen, der Rezeptionistin, eine Nacht durchgesoffen und etwas sehr Trauriges über ihr Leben erfahren, von dem ich versprochen habe, es nicht weiterzuerzählen. Ich hatte mich tagelang im Kinderzimmer meiner Tochter eingesperrt, mit Barbiepuppen gespielt und Märchenbücher gelesen, statt zu schreiben. Ich hatte mir in London ein Zimmer gemietet, um in Schreibklausur zu gehen – nichts! Keine einzige Zeile. Stattdessen war mir meine Kreditkarte gestohlen worden.

Da kam der Vorschlag meines Freundes, mich zu bekiffen, gerade recht. Das hatte ich noch nicht probiert. Verzweifelt wie ich war – und bis heute bin –, dachte ich mir, vielleicht hilft es ja.

Zwei Wochen, nachdem ich das Marihuana besorgt hatte, wurde bei mir eingebrochen. Die Diebe waren am Marihuana nicht interessiert und konzentrierten sich auf die Videokamera, den Fotoapparat, den Laptop (Gott sei Dank hatte ich noch nichts geschrieben, sonst wäre es weg gewesen) und ein wenig Bargeld. Und ich muss sagen, ich bin wirklich ein Vollidiot. Natürlich musste ich eine Anzeige machen. Zwei Polizisten kamen und ich gratulierte den Dieben im Geiste: Von diesen Beamten des Ministeriums für Inneres würden sie nichts zu befürchten haben. Sie machten mir mit routiniertem Taktgefühl – und »unter uns« – klar, dass es äußerst unwahrscheinlich sei, je wieder etwas von den gestohlenen Gegenständen zu Gesicht zu bekommen. Das sei natürlich traurig und ganz schlecht für die Polizeistatistik, aber sie würden sich freuen, dass der Einsatz doch nicht ganz umsonst gewesen sei. Merkwürdigerweise kam jetzt Leben in die Beamten. Kein Wunder, das geschulte Auge hatte Marihuana erblickt. Und statt zu lügen und es den Dieben in die Schuhe zu schieben: »Das müssen die verloren haben!«, hörte ich mich sagen: »Nein, nein, das gehört mir. Wenigstens haben sie mir das gelassen.«

Ich bin ja selbst für einen Versicherungsbetrug zu blöd. Nach dem Raub habe ich mit der Kreditkartenfirma telefoniert, um den Diebstahl meiner Karte zu melden. Die Londoner Diebe hatten insgesamt dreitausendsechshundert Pfund damit ausgegeben, weil ich erst zwei Tage später, nämlich beim Einchecken am Flughafen, den Verlust bemerkte. Als ich in Wien ankam, war der Akku meines Handys leer und ich musste warten, bis ich ihn zu Hause aufladen konnte. Ich fuhr zu meiner Wohnung und fand sie aufgebrochen vor. (Jetzt wissen Sie vielleicht, warum ich mein Leben unsympathisch finde.) Nachdem die Polizisten die gestohlenen Gegenstände aufgenommen und mich wegen Drogenbesitzes angezeigt hatten, rief ich die Kreditkartenfirma an.

»Aha, das heißt, man hat Ihnen in London die Karte gestohlen!«

»Ja.«

»Wann war das?«

»Keine Ahnung – ich habe es erst am Flughafen bemerkt. Aber es muss drei Tage davor gewesen sein, weil das war das letzte Mal, dass ich in der Stadt war.«

»Wieso, wo waren Sie denn?«

»Im Hotelzimmer.«

»Drei Tage lang. Warum denn das? Waren Sie krank?«

»Nein, ich habe an meinem neuen Buch geschrieben.«

»Ah, sehr interessant, wie heißt es denn?«

»›Der frühe Wurm hat einen Vogel‹.«

»Ach so. Aber das ist ja verkehrt herum! Sie meinen: ›Der frühe Vogel fängt den Wurm‹?«

»Nein, nein, das stimmt schon so. Wissen Sie, das ist Absicht. Damit will uns der Dichter etwas sagen, weil das Sprichwort ja den Menschen Fleiß und Disziplin als Tugenden verkaufen soll und ich der Meinung bin, Fleiß und Disziplin sind keine Tugenden, sondern Laster. Wissen Sie! Wegen der vielen Menschen, die an Burnout leiden …«

»Burnout gibt es gar nicht. Das ist ein Modebegriff für Depression und Panikattacken.«

»Ja, ja – ich weiß.«

»Aha. Und was haben Sie in den drei Tagen geschrieben?«

»Nichts.«

»Bitte?«

»Nichts. Ich konnte nicht. Ich hatte und habe eine Schreibblockade.«

»Aha.«

»Ja. Auf jeden Fall finde ich, dass der frühe Wurm einen Vogel hat, wenn er so früh aufsteht, weil er dann ja gefressen wird. Also wenn wir diesen Wahnsinn mitmachen und immer fleißig und diszipliniert an der Vermehrung des Kapitals arbeiten, werden wir zu Grunde gehen.«

»Und deswegen haben Sie drei Tage lang nichts geschrieben?«

»Ja. Also nein. Obwohl, vielleicht doch … ich weiß es jetzt nicht. Auf jeden Fall ist meine Kreditkarte weg und es wurde bei mir in die Wohnung eingebrochen. Videokamera, Fotoapparat, Bargeld und der Blu-Ray-Player sind weg.«

»Auch das noch! Naja, der Schaden, der durch den Diebstahl Ihrer Karte entstanden ist, wird von der Versicherung abgedeckt. Sie haben, wie ich sehe, den Flug auch mit der Karte bezahlt.«

»Ja.«

»Das heißt, die dreitausendsechshundert Pfund zahlt die Versicherung.«

»Sehr schön.«

»Und sonst wurde Ihnen auf der Reise nichts gestohlen?«

»Nein, nur die Kreditkarte.«

Und jetzt werden Sie gleich sehen, meine geliebte LeserIn, dass ich wirklich ein Vollidiot und der schlechteste Betrüger der Welt bin. Die Dame am Telefon sagte zu mir:

»Ist Ihnen in London sonst noch etwas gestohlen worden?«

»Nein. Nur die Karte!«

»Den Schaden zahlt die Versicherung.«

»Ja, das haben Sie schon gesagt.«

»Und sonst ist Ihnen wirklich nichts gestohlen worden auf der Reise? Kein Fotoapparat oder eine Videokamera?«

»Nein«, ich wurde sogar etwas ungeduldig, »in London wurde mir nur die Kreditkarte gestohlen!«

»Also kein Fotoapparat oder eine Videokamera?«

»Nein, sagen Sie, sind Sie begriffsstutzig? Die Videokamera und der Fotoapparat wurden in meiner Wohnung in Wien gestohlen. Es wurde eingebrochen!«

»Ach so! Weil wissen Sie, wenn Ihnen nämlich auf der Reise etwas gestohlen worden wäre, dann wären Sie versichert.«

»Sagen Sie, wie oft muss ich es Ihnen noch sagen? In London wurde nur die Kreditkarte gestohlen und sonst nichts!«

»Kein einziger Fotoapparat?«

»NEIIIN!«

»Auch kein Bargeld?«

»NEIIIN! Verstehen Sie mich so schlecht? Rede ich undeutlich, oder was? Es wurde in meine Wohnung eingebrochen!«

»Das habe ich schon verstanden – ich möchte Ihnen nur zu verstehen geben, dass Sie, wenn Sie auf einer Reise bestohlen werden, durch Ihre Kreditkarte versichert sind. Verstehen Sie denn nicht, was ich meine?«

»Ja, ich verstehe Sie – aber Sie verstehen mich nicht! Es wurde nichts außer der Kreditkarte auf der Reise gestohlen und jetzt muss ich auflegen, ich muss an meinem Buch schreiben. Guten Tag!«

Zwei Stunden später dämmerte mir, dass diese nette Dame mir einen kleinen Hinweis geben wollte. Ich bin ein zu ehrlicher Mensch.

Gestern ist mir dann etwas ganz Entsetzliches passiert. Ich gehe zum Bankomaten und will Geld abheben, aber ich kann mich an meinen Code nicht mehr erinnern. Ich will die Zahlen eintippen und weiß sie einfach nicht mehr. Das ist ein schreckliches Gefühl. Schweißausbruch. 2378 oder 8732 oder 7382. Ich verwende diesen Code seit zehn Jahren und weiß ihn nicht mehr! Das ist, als ob man nicht mehr weiß, wo man wohnt, oder seinen eigenen Vater nicht mehr erkennt. Alzheimer! Ich hatte urplötzlich Angst, Alzheimer zu bekommen und das wäre das erste Anzeichen. Seither fühle ich mich so nackt und verletzlich. 3728. Nein, auch nicht. Und natürlich wurde die Karte nach dem dritten Versuch eingezogen. Da stand ich ohne Geld und ohne Hirn. Wie kann es sein, dass man einen Code vergisst, den man seit zehn Jahren mehrmals täglich verwendet hat? 8273. Nein. Keine Ahnung! Was ist nur los mit mir? Ich kann nicht schreiben, habe eine eingebildete Kieferentzündung, die zu unerträglichen Schmerzen geführt hat, und vergesse meinen Bankomatcode. Vielleicht hängen diese zwei Regionen im Gehirn zusammen? Vielleicht hat der Bankomatcode die Synapsen verstopft? Vielleicht habe ich einen Gehirntumor und zwar genau an der Stelle, wo der Bankomatcode gespeichert ist. Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der einen Bankomattumor hat. Vielleicht hat der Schmerz der Kieferentzündung im Gehirn den Code gelöscht? Um Gottes willen, was ist nur los mit mir? Ich werde sterben. Vielleicht nicht jetzt gleich, aber eines Tages werde ich sterben. Mich ärgern Leute, die sagen, wenn es nachher nichts gibt, dann habe ich wenigstens meine Ruh. Kinder, das ist ein Gedankenfehler, denn wenn es nachher nichts gibt, also wenn wir nicht existieren, dann haben wir auch keine Ruhe, denn um Ruhe haben zu können, muss man existieren.

Aber ich komme vom Hundertsten ins Tausendste. Wollen wir zahlen oder trinken wir noch was? Bitte? Ich soll was schreiben gehen? Ja, würde ich ja gern, aber … Nein, Sie haben Recht! Ich werde mich jetzt hinsetzen, zuerst begleite ich Sie noch zum Taxi. Sie nehmen den Bus? Auch gut. Ich begleite Sie noch ein Stück und dann gehe ich in mein Büro und schreibe Ihnen etwas. Ja! Das ist es. Ich schreibe für Sie, liebe LeserIn.

Wir waren zwar erst ein einziges Mal Kaffee trinken. Ob es da nicht zu früh ist, etwas für Sie zu schreiben, ob man da nicht noch zwei, drei Dates abwarten sollte? Ich mag übrigens Ihr Lächeln. Es ist bezaubernd. Wobei ich auch Ihren Gesichtsausdruck bei der Vorhautgeschichte mochte. Was sagen Sie? Ich? Oh, danke! Also gut, dann zahlen wir. Das Peinliche an unserem ersten Date ist, dass Sie zahlen müssen. Ich hab kein Bargeld, keine Kreditkarte und vor allem: Ich bin da in diesem Buch drinnen. Ich komm da jetzt schwer raus. Könnten Sie das übernehmen? Danke! Und ganz ehrlich, so viel hab ich ja auch wieder nicht konsumiert.

Sehen wir uns wieder? Ich will nicht aufdringlich sein, aber wie wäre es, wenn wir uns nach den nächsten zwei Geschichten in Schönbrunn treffen. Beim Eingang zum Tiergarten? Gut. Sie können es sich ja nochmal überlegen – ich werde auf jeden Fall da sein.

* Vorhaut

MÉNAGE À CINQ

Hat man denn nicht bemerkt, wie
illicio post coitum cachinnus auditur Diaboli

(man gleich nach dem Beischlaf
das schallende Gelächter des Teufels hört)?

Arthur Schopenhauer

1

Moderne Verhältnisse, denkt Bernhard Silbermann, den Ausführungen seines besten Freundes Martin folgend. Sie sitzen auf einer griechischen Insel am Strand, ganz in der Nähe von Martins Haus.

Martin ist etwas angespannt.

Unruhig vergräbt er die Überreste seiner Wassermelone im Sand.

»Kannst du das nicht in den Müll werfen? Das ist Umweltverschmutzung!«

»Das ist keine Umweltverschmutzung, das ist biologisch abbaubar, das ist Natur!«

»Das ist nicht Natur – das ist Dreck.«

»Und biologischer Dreck ist immer Natur.«

»So ein Blödsinn, dann wären abgeschnittene Zehennägel auch Natur.«

Die beiden sind seit fünfunddreißig Jahren befreundet.

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Vor exakt fünfunddreißig Jahren waren sie schon einmal an diesem Strand gesessen, versunken in ein Gespräch. Damals hatte Martin freilich noch kein Ferienhaus besessen. Sie waren neunzehn Jahre alt und hatten einander erst vor kurzem auf der Insel Santorin in dem Ort Oia kennengelernt, wo Bernhard in einer kleinen Buchhandlung für überwiegend englischsprachige Literatur jobbte. Martin war wie immer auf der Suche nach Büchern. Eine Angewohnheit, die, seit er denken oder besser gesagt lesen konnte, seine Reisebegleiter auf die Palme brachte; und Palmen waren in der Regel zahlreicher in der Nähe als Buchhandlungen. Zuerst waren es seine Eltern, später seine jeweiligen Lebenspartnerinnen und dann seine Frau und sein Sohn, die nach dem schönsten Strand oder dem besten Eis oder der interessantesten Sehenswürdigkeit Ausschau hielten, während ihn nur eine Buchhandlung glücklich machen konnte. Egal wohin sie kamen, eine Insel in Griechenland, eine Stadt in Europa, ein Dorf in Asien … irgendwo musste es doch eine Buchhandlung geben. Und meistens wurde er auch fündig. Oft gab es keine wirklich interessanten Bücher zu kaufen, oft nur Bücher in der Landessprache. Aber mindestens ein Buch musste er von jedem Ort der Welt mit nach Hause bringen. So besitzt er unter anderem eine arabische Ausgabe von »Hamlet« aus Dubai, eine tschechische Ausgabe von »Feuchtgebiete« aus Prag, eine englische Ausgabe dreier Theaterstücke von Johann Nestroy aus New York und eine thailändische Ausgabe von Konsaliks »Liebesnächte in der Taiga«.

»Ich werde auf jeden Fall heiraten«, hatte Bernhard Silbermann vor fünfunddreißig Jahren zu Martin gesagt.

»Warum?«

»Weil es die einzige Möglichkeit ist, außerehelichen Sex zu haben!«

Ein für Bernhard Silbermann typischer Spruch. Martin liebte Bernhards Fähigkeit, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Im Laufe ihrer fast dreißigjährigen Freundschaft hatte Bernhard einige sehr bemerkenswerte Sprüche losgelassen und Martin hatte sie sich alle gemerkt. Vor allem die Weisheiten, die sich um die Themen Sex, Ehe und Beziehungen ranken.

»Weißt du, was in Beziehungen das Problem ist?«, hatte Bernhard seinen Freund vor zwölf Jahren gefragt, als er kurz vor seiner ersten Scheidung stand.

»Was?«

»Dass die Lösung eines Beziehungsproblems oft ein noch größeres Problem verursacht!«

Einfach, aber wahr, wie Martin fand.

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»Wann ist es eigentlich Betrug?«, hatte Martin vor drei Monaten seinen Freund Bernhard gefragt, kurz nachdem er eine außereheliche Affäre begonnen hatte. »Wenn man zum ersten Mal daran denkt? Wenn man jemanden küsst? Oder erst wenn man mit einer anderen Sex hat? Wann? Sag mir doch bitte, wo beginnt der Betrug?«

Bernhard schnitt genüsslich in sein Sirloin-Steak und dachte präzise 2,6 Sekunden nach, um ihm nicht minder genüsslich folgende Formulierung aufzutischen: »Ganz einfach. Wenn du mit deiner Ehefrau schläfst und das Gefühl hast, dass du deine Geliebte betrügst, dann erst betrügst du deine Ehefrau!«

Sie hatten sich in ihrem Lieblingsrestaurant, einem Steakhaus in Wien getroffen und Martin hatte Bernhard seine Affäre offenbart.

»Ich liebe sie, das ist nämlich das Problem!«, sagte Martin.

»Liebe? Was habe ich dir schon vor zehn Jahren über die Liebe gesagt?«

»Die Liebe ist nur eine Illusion, die uns über die Tatsache hinwegtäuschen soll, dass unsere Existenz keinen Sinn macht. Und die uns ein bisschen Ewigkeit vorgaukelt, damit wir uns nicht gleich umbringen!«

»Sehr brav!« Bernhard tätschelte Martin wie einem gelehrigen Schüler die Wange. Martin hatte sich tatsächlich in eine um zweiundzwanzig Jahre jüngere Frau verliebt. Er war sechsundvierzig, seine außereheliche Affäre vierundzwanzig, seine Frau fünfundvierzig, sein Sohn neunzehn, sein Freund Bernhard fünfundvierzig und seine zwei Katzen fünf und sieben.

»Ich habe mich – und das ist mir seit zehn Jahren nicht mehr passiert – Hals über Kopf in sie verliebt!«

»Verliebtheit ist ein hormoneller Ausnahmezustand und in keiner Weise dazu geeignet, zwei Menschen erkennen zu lassen, ob sie miteinander leben können!«

»Wer möchte mit ihr leben?«

»Ja, du! Bis jetzt wolltest du noch mit jeder Frau, in die du verliebt warst, dein ganzes Leben verbringen.«

»Weil die Liebe immer so groß war.«

»Schön und gut, aber da hättest du bis jetzt genau sieben Leben gebraucht.«

Hätte Bernhard ähnlich gedacht, wären es bei ihm zwölf gewesen. Derzeit war er allerdings Single.

»Was soll ich machen, man ist machtlos gegen die Liebe!«

»Was ist mit deiner Frau und deinem Sohn – möchtest du sie verlassen?«

»Aber nein, so weit ist es noch nicht. Keine Ahnung. Ich bin verwirrt, komplett verwirrt.«

»Das ist nur eine Midlifecrisis.«

»Nein. Es ist Liebe. Echte Liebe!«

»Wie lange kennst du sie schon?«

»Drei Wochen.«

»Das ist nicht einmal eine Midlifecrisis – Du bist nur notgeil.«

»Aber es kommt mir vor, als hätten wir einander immer schon gekannt. Ich schwöre dir, es ist, als ob wir uns immer schon nahe waren.«

Nun, wie wir wissen, ist es meistens bei Verliebten der Fall, dass sie, wenn sie sich zum ersten Mal begegnen, in dem Moment, in dem sie sich ineinander verlieben, das Gefühl entwickeln, als wären sie schon sehr lange miteinander vertraut. Manchmal glauben sie sogar, sich bereits aus einem früheren Leben zu kennen. Genau diese Vermutung hatten Martin und seine neue Geliebte Penelope bereits angestellt. Penelope war halbe Griechin.

»Wir sind uns sicher schon in einem früheren Leben begegnet«, sagte sie, während Martin gerade dabei war, ihren Hals zu küssen.

»Ja. Ja. Ich kann es mir nicht anders erklären.«

»Es ist alles so selbstverständlich. So normal. Nichts fühlt sich fremd an mit dir.«

»Ja, mir geht es genauso«, sagte Martin.

»Völliger Schwachsinn!« Bernhard sah in die Speisekarte. »Wollen wir ein Dessert bestellen?«

Martin lehnte ab und trank seinen Rotwein aus.

»Warum nicht? Warum kann es nicht sein, dass man sich aus einem früheren Leben kennt?«

»Weil wir nicht wiedergeboren werden!«

»Was, wenn doch?«

»Warum können wir uns dann nicht an unser letztes Leben erinnern?«

Martin dachte nach. Er wollte Bernhard wenigstens einmal auch eine schlüssige Antwort in einem brillant formulierten Satz geben. Es fiel ihm keiner ein. Stattdessen meinte er:

»Weil es sonst zu zwischenmenschlichen Katastrophen kommen würde und weil Mann und Frau dann gar nicht miteinander leben könnten.«

»Wieso?«

»Naja, entschuldige! Wie kompliziert ist das Zusammenleben mit einer Frau?«

»Sehr!«

»Ja, eben!«

»Hä?«

»Naja, denk doch bitte mit! Wie viele tausend Themen zwischen Männern und Frauen führen ohnedies schon zum Streit? Du weißt doch, wovon ich rede!«

»Ja, ja, ich weiß schon: Wieso willst du am Sonntag nur faul auf der Couch liegen und nicht mit mir spazieren gehen?«, sagte Martin uncharmant, eine keifende Frau imitierend.

»Was hat das mit der Reinkarnation zu tun? Und damit, dass wir uns, selbst wenn wir reinkarnieren, nicht an unser letztes Leben erinnern können?«

»Naja, wenn du dich an dein letztes Leben erinnern könntest und wenn wir davon ausgehen, dass sich zwei Liebende schon einmal in ihrem früheren Leben begegnet sind, dann kann sich eine Beziehung in diesem Leben überhaupt nicht ausgehen!«

»Wieso?«

»Weil dann sagt deine Frau, wenn du faul auf der Couch liegst: ›Du Arschloch! Mich vor zweihundert Jahren auf dem Scheiterhaufen verbrennen, das geht – aber einmal den Mist runtertragen, dazu sind wir nicht in der Lage!‹«

Martin hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Sollten wir tatsächlich mehrere Leben haben, so ist es unbedingt notwendig, dass wir uns nicht daran erinnern können! Stellen Sie sich vor, um wie viel komplizierter unser Leben wäre, wenn Sie wüssten, dass Ihr Chef Sie vor tausendzweihundert Jahren in Rom am Sklavenmarkt verkauft hat. Oder dass Ihre Großmutter vor fünfhundert Jahren als Quacksalber eine Zahnbehandlung an Ihnen vorgenommen hat, an deren Folgen Sie verstorben sind. Oder dass Ihre Frau Adolf Hitler war! Stellen Sie sich das einmal vor: Jedes Jahr Urlaub in Polen.

Martin saß bei sich zu Hause im Wohnzimmer neben seiner Frau vor dem Fernseher und fühlte sein Handy in der Hosentasche vibrieren. Er schielte zu seiner Frau, die starrte in den Fernseher. Scheinbar gelangweilt fischte er das Handy heraus: »Denk an dich … love, P.« Er tippte zurück: »Miss you too. Kann nicht telefonieren, bin bei Frau … love, M.« Wenige Sekunden später kam zurück: »Kein Problem, kann auch nicht, Freund ist da … call you tomorrow!«

Sie waren beide in Beziehungen und hatten sich ineinander verliebt. Das kann vorkommen. Sie ist vierundzwanzig, er ist sechsundvierzig, auch das kann vorkommen. Überhaupt kann in der Liebe vieles vorkommen. Man hört hier die abstrusesten Geschichten. Ich habe einmal die Geschichte eines dreiundzwanzigjährigen Mannes gehört, der sich in die zweiundvierzigjährige Mutter seiner siebzehn Jahre alten Freundin verliebte, sie dann heiratete, um zwei Jahre später eine Affäre mit ihrer fünfunddreißig Jahre alten Schwester anzufangen, die schwanger wurde und die er dann eine Woche nach seiner Scheidung ebenfalls heiratete