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Eva Maria Klinger
Nie am Ziel
Helmuth Lohner

EVA MARIA KLINGER

Nie am Ziel
Helmuth Lohner

DIE BIOGRAFIE

Mit 82 Abbildungen

AMALTHEA

© 2015 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Umschlagfotos: © Ullstein-Timpe/Ullstein Bild/picturedesk.com (vorne),
© Ali Schafler/First Look/picturedesk.com (hinten)
Lektorat: Martin Bruny
Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH,
Heimstetten
Gesetzt aus der 11,5/15 pt Minion
ISBN 978-3-99050-022-4
e-ISBN 978-3-903083-09-7

Inhalt

Die wichtigsten Fragen beantwortet man immer mit seinem ganzen Leben

Das Spiel beginnt
1933 bis 1965

Nie am Ziel
1965 bis 1980

Schubumkehr
1980 bis 1990

Heimkehr
1990 bis 1997

Die Mühen der Ebene
1997 bis 2006

Die große Freiheit
2006 bis 2015

Rollenverzeichnis

Bild- und Textnachweis

Quellen

Danksagung

Personenregister

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Die wichtigsten Fragen beantwortet man immer mit seinem ganzen Leben

Wir begegnen einander zufällig in der Wiener Innenstadt an der Ecke Kärntner Straße/Staatsoper. Es ist ein kühler Nachmittag im März 2010. Helmuth Lohner verlangsamt seinen sportlichen, etwas eckigen Gang, sobald er mich erkennt. Hautenge Hosen kleben an den schlaksigen, leicht nach außen gewölbten Beinen, und die teure, edle Jacke, eigentlich zu dünn für die Witterung, wirkt so unterspielt lässig, dass ich mit fragendem Blick über das feine Tuch streiche.

Er nennt das italienische Label mit lächelndem Understatement. Es ist dieses typische, vertraute, fast verlegene Lohner-Lächeln, das Zurückhaltung, Unsicherheit womöglich, das jedenfalls seine tiefe Überzeugung ausdrückt, der Alltag, die Menschen, die Welt, und eben auch dieser kleine Hang zum Luxus seien nur mit Humor zu ertragen.

Liebenswert ist der Mann, aber niemals liebenswürdig im wienerischen Sinn, wo meistens ein Hauch von Anbiederung oder verlogener Freundlichkeit mitschwingt.

Und dann hat er sofort ein kleines Bonmot parat: »Als hätten wir’s uns ausg’macht«, sagt er.

Wir haben es uns nämlich tatsächlich ausgemacht, allerdings erst für eine Viertelstunde später und im Kaffeehaus.

Wir passieren die Rückseite der Oper, wo er seit der Silvesterpremiere 1979 in der bis heute unverwüstlichen Fledermaus-Inszenierung von Otto Schenk in den ersten Jahren danach an jedem Silvester den Frosch gespielt hat. Auch in München, Hamburg, Zürich, Bonn, Berlin und Lissabon ist sein betrunkener Dummkopf, der erstaunlich kluge, alljährlich aktualisierte Weltbetrachtungen zum Besten gibt, begehrt. Ich bin nicht sicher, ob das zur puren Unterhaltung wild entschlossene Silvesterpublikum das Bemerkenswerte seiner Rollengestaltung zu würdigen weiß. Dieser in der Operette unverzichtbare 3.-Akt-Komiker liefert in Lohners Darstellung nicht aus Lust am Blödeln komische Spaß-Einlagen ab, sein Gefängniswärter Frosch steht unter dem Schock einer existenziellen Bedrohung. Für ihn werden die sich überstürzenden, durch übermäßigen Schnaps-Konsum umso unverständlicheren Ereignisse zum ausweglosen Desaster, dem er mit Galgenhumor und einem akrobatischen Sprung auf den Kasten entflieht. Zum Verzweifeln komisch!

Staatsoperndirektor Dominique Meyer hat einmal noch vor Amtsantritt seinen 14-jährigen Sohn in eine Fledermaus-Vorstellung mitgenommen und ihm versprochen, dass er, aus Frankreich kommend und noch schlecht deutsch sprechend, während der vielen Dialoge im 3. Akt den Zuschauerraum verlassen darf. Der Bub war jedoch so fasziniert von Lohners Frosch, dass er in allen künftigen Vorstellungen ausschließlich den 3. Akt besucht hat.

Niemals konnte man Helmuth Lohner in den unzähligen komödiantischen Erfolgs-Rollen platt servierter komischer Tricks überführen, obwohl er sie sich zweifellos minutiös zurechtgelegt hat. Es ist eines der Geheimnisse seiner bezwingenden Wirkung, dass seine der Lächerlichkeit preisgegebenen Figuren von einer Notlage in die Enge getrieben werden und gezwungen sind, die merkwürdigsten Maßnahmen zu ergreifen, um der schier unabwendbaren Katastrophe zu entfliehen.

Auch in diesem Jahr, 2010, wird Helmuth Lohner zum Finale der Ära Holender am Silvesterabend noch einmal das Publikum in der Wiener Staatsoper zum Lachen bringen. Er arbeitet sowieso lieber, als an den zwangsveranstalteten Silvester-Partys teilzunehmen. Seine seit 18 Jahren an seiner Seite lebende Gefährtin Elisabeth Gürtler, die höchst erfolgreiche Chefin des Hotels Sacher und langjährige fabelhafte Organisatorin des Wiener Opernballs, der er 2011 das Ja-Wort geben wird, respektiert seine Silvesterverpflichtungen. Hat sie doch selbst an diesem Abend ihren Gästen und ihrem Personal im Hotel zur Verfügung zu stehen.

»Wenn der Helmuth von der Vorstellung kam, hat er eine Kleinigkeit gegessen, und dann sagte er: ›Jetzt müssen wir das neue Jahr einläuten!‹ Wir sind Hand in Hand vors Hotel gegangen, haben die schweren Klänge der Pummerin ganz nah vom Stephansplatz gehört und in den vom Feuerwerk erleuchteten Himmel geschaut«, wird mir Elisabeth Gürtler nach seinem Tod sagen, und nachdenklich hinzufügen: »Wir haben eigentlich in all den Jahren trotz vieler Unterschiede nie ernsthaft gestritten, höchstens wenn Helmuth zu viel geraucht oder zu viel getrunken hat. Da konnte ich wirklich böse werden.«

Das Café Sacher, wo der »Herr Lohner« vom Personal geliebt und verwöhnt wird, wo er, obwohl er täglich taxfrei dinieren könnte, peinlichst bedacht ist, jeden Mocca fürstlich zu bezahlen, lassen wir an diesem Nachmittag rechts liegen. Wir hatten das Café Tirolerhof, sein bevorzugtes Wiener Kaffeehaus, als Treffpunkt für das Interview vereinbart. Dort wird er nicht weniger respektvoll begrüßt. Er wird gemocht, weil er ein feiner Mensch ist, der Verständnis für die Mühsal der Beladenen hat und der sicher ein sehr guter Schauspieler ist, so liest man es zumindest in den im Café aufliegenden Zeitungen. Ein angesehener Direktor des Theaters in der Josefstadt war er bis vor ein paar Jahren auch, großer Kunstverstand, Weitblick und selten gewordene Anständigkeit wurden ihm attestiert.

Wir bestellen Tee und Kaffee, Helmuth greift zur unverzichtbaren Zigarette. Wie oft klebte schon ein Entwöhnungspflaster an seinem Rücken, während er den Zigarettenrauch mit Genuss einsog! Den Tisch neben uns hält der Kellner frei.

Der Anlass für mein Interview, das im Aprilheft des Monatsmagazins Bühne erscheinen wird: Helmuth Lohner hat, entgegen seinen sehr glaubwürdigen Beteuerungen, nie mehr Theater spielen zu wollen, doch wieder eine Rolle gelernt. Diesmal sogar aus eigenem Antrieb und nicht, weil ihn entweder der Theaterdirektor Föttinger oder sein langjähriger Bühnenpartner Otto Schenk unter großen Anstrengungen zu einer Rolle überredet haben, was früher öfter geschehen ist und in den nächsten fünf Jahren zum Glück noch ein paar Mal passieren wird. Diesmal hat ihn ein Stück, das fast nur aus einer – seiner – Rolle besteht, gereizt.

»Englische Freunde haben in London Jeremy Irons in einem Stück von Christopher Hampton gesehen. Sie waren so begeistert, dass sie es mir empfohlen haben«, entschuldigt Helmuth Lohner seinen Rückfall.

Es handelt sich um die dramatisierte Fassung des Romans Die Glut von Sándor Márai. Mit der Grazer Intendantin Anna Badora war er darüber schon länger im Gespräch, sie interessiert sich für die Rechte an dem Stück, und vor allem für Helmuth Lohner. Die älteren Grazer Theaterliebhaber erinnern sich noch, dass er zur Wiedereröffnung des Schauspielhauses im Frühjahr 1964 mit einem gefeierten, unvergessenen Hamlet beeindruckte, den er »einschob«, obwohl er zu dieser Zeit fünf große Rollen an drei verschiedenen Bühnen spielte und einen Film drehte. Er war damals 31 und wurde landauf, landab als Jahrhundert-Talent gepriesen. Seinen Hamlet, die bedeutendste Shakespeare-Rolle überhaupt, musste er im Zeitraum von 13 Jahren in verschiedenen Inszenierungen auch in Basel, Düsseldorf und Zürich spielen. An die 300 Mal wird er Hamlet gespielt haben, aber »wirklich gut waren vielleicht nur drei Vorstellungen«, sagt er, der ewig mit sich Unzufriedene. Die Grazer Augenzeugen schrieben von einem »Mittelding zwischen einem Pessimisten und einem exaltierten Hysteriker«. (Österreichische Neue Tageszeitung) Im Kurier liest man: »Die oft seltsam brüchige Stimme im Gehäuse eines knabenhaften Leibes findet auch die ergreifenden Seelentöne und durchleuchtete das Wort oft ganz neu mit faszinierender Eindringlichkeit.«

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Hamlet, Komödie Basel, 1961 (Hamlet)

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Hamlet, Düsseldorfer Schauspielhaus, 1970 (Hamlet)

Peter Simonischek, der wie Lohner später vom Tod im Jedermann zur Titelrolle aufsteigen wird, besuchte als 16-Jähriger die Vorstellung. Helmuth Lohners Hamlet gab die Initialzündung für den endgültigen Entschluss, Schauspieler zu werden. »Ich habe Helmuth Lohner um jeden Schritt auf der Bühne beneidet. Er war so zerbrechlich, so durchlässig, und er hatte eine wunderschöne Bühnenpräsenz. Ich war vollkommen gebannt.« (Peter Simonischek, Ich stehe zur Verfügung) Gegen den väterlichen Wunsch und neben dem offiziellen Architektur-Studium besuchte er daraufhin heimlich die Schauspielschule in Graz.

Neben dem Grazer Hamlet hatte Lohner den Alfred in Ödön von Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald, die Titelrolle in der Uraufführung von Max Frischs Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie, den Dauphin in George Bernard Shaws Die heilige Johanna, den frühreifen Knaben in Roger Vitracs absurder Farce Victor oder Die Kinder an der Macht und einiges mehr im Kopf. Auf solch unvorstellbare Kollisionen angesprochen, sagt Lohner knapp: »Ach, das war doch immer so. Entweder hab ich tagsüber gedreht und bin am Abend zur Vorstellung gefahren oder ich hab tagsüber Probe gehabt und habe am Abend in einem anderen Theater gespielt.«

Diese jahrzehntelange Rastlosigkeit mag seinen drahtigen Körper gestählt, aber seine inneren Energien wohl auch zeitweise erschöpft haben. Angesichts dieser enormen Anforderungen und der Tatsache, dass er »alles gespielt« hat, wie er immer wieder als Begründung fürs Aufhören anführte, musste man Verständnis dafür aufbringen, dass er sich mit 73 Jahren nach Ende seiner Direktionszeit von der Bühne verabschieden wollte, um nur noch Regie zu führen, zu lesen, Berge zu besteigen oder wochenlang endlose Strecken zu wandern. Allein. Eventuell in Begleitung eines schweigsamen Bergführers.

Und er hat ja tatsächlich »alles gespielt«. Ich kenne in seiner Generation keinen anderen Schauspieler, der Schnitzler und Shakespeare, der Nestroy und Molière, der Hofmannsthal und Schiller, der Horváth und Kleist und Ibsen gleichermaßen überzeugend verkörpern kann, wie Helmuth Lohner es konnte. Zu all diesen diametral auseinanderliegenden Welten konnte er überdies in tragischen Rollen tief erschüttern wie er in komischen herzerfrischend erheitern konnte, ohne jemals dem Affen Zucker zu geben, ohne die dünne Grenzlinie zum Klamauk zu überschreiten.

»Ich habe Nestroy nie als lustig empfunden!«, war seine lakonische Erklärung.

Otto Schenk, der Lebensfreund, der ihn besser kannte als jeder andere, der mit ihm gemeinsam auf der Bühne stand, der ihn in seinen Inszenierungen besetzt hat, weil Lohner die Idealbesetzung war, gibt eine »schenk«-haft formulierte Analyse: »Der direkte Weg zu einer Rolle war ihm, wie mir, immer dubios und fad. Deshalb hat er die Sachen sehr ungeschickt begonnen, absichtlich, um ja nicht in eine selbstverständliche Gasse hineinzuschlittern. Wir nannten es, den Wahnsinn der Szene finden. Der Hofreiter oder der Titus Feuerfuchs denkt eigentlich an etwas anderes, als er spricht, er hat die Sorge, sich nicht zu verraten, und dadurch hat jede Szene bei ihm einen Zauber gehabt. Er hat nie direkt gespielt. Es war immer eine Spur von seltsamer Distanz darüber.«

Helmuth Lohner war der einzige Jedermann auf dem Salzburger Domplatz, dem man sowohl den beklemmenden Auftritt des Todes als auch die komödiantische Zote als Teufel und die Titelrolle zumuten konnte.

Sobald man ansetzte, seine vielseitige Kunst zu preisen, wehrte er ab, relativierte schnell mit einer bagatellisierenden Handbewegung: »Geh, a Schauspieler ist doch kein Künstler. Große Maler, Dichter, Komponisten – das sind Künstler.«

Sein Publikum und seine Kollegenschaft, seine Direktoren und seine Regisseure hielten zeitlebens mehr von ihm als er von sich. Er kämpfte als immerwährender Zweifler an sich selbst um höchste Qualität und meinte, sie nie ganz zu erreichen. Wie es seiner Meinung nach auch wenige Kunstwerke gebe, die wirklich fertig seien. »Figaros Hochzeit und Tristan und Isolde und Vermeers Das Mädchen mit dem Perlenohrring, das sind fertige Kunstwerke«, sinnierte er öfter stockend und nachdenklich.

Drei Monate vor unserem Gespräch im Café Tirolerhof hatte er also in Graz mit der Glut einen Sensationserfolg, und nun übernimmt sein »Haupthaus«, das Theater in der Josefstadt, die Produktion. Ein zweistündiger Fast-Monolog eines ehemaligen Generals, der ein schicksalhaftes Ereignis zerpflückt, das vor 41 Jahren seine Ehe und seine Freundschaft mit seinem Jugendfreund zerstört hat. Schicht für Schicht wird in diesem Psychokrimi die Vergangenheit aufgedeckt, 41 Jahre hat der Mann in völliger Einsamkeit über den Ehebruch, den Freundschaftsverrat, einen Mordversuch und die Flucht des Freundes nachgedacht.

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Mit Peter Simonischek, Anna Badora und Elisabeth Gürtler, Graz 2009

»Das gibt es, dass ein Mensch mit entscheidenden Dingen in seinem Leben nicht fertig wird. Viele Menschen reden sich ihr Leben schön, aber ob sie glücklich sind, weiß niemand. Es hat doch jeder Mensch etwas erlebt, das er nie verwindet oder nie vergisst. Das kann Glück oder Tragik sein.«

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Vor dem Auftritt: Die Glut, Schauspielhaus Graz, 2009 (Henrik)

Helmuth spricht stockend, er ringt sich jede Silbe ab, als wäre das Wort nicht gut genug oder zu banal, als könnte es seinem Anspruch nach Klarheit und Wahrheit nicht genügen.

»Der Mann ist ein eisiger Typ. Er entschied, seine Frau nach diesen Vorfällen nie mehr zu sehen, obwohl sie im selben Gutshaus wohnten. Sie tut mir leid, ich kann ihren Ausbruch aus dieser konventionellen Ehe verstehen und ihr nicht bös sein, dass sie sich in einen Romantiker verliebt hat. Sándor Márai sagt in diesem Text viel Wahres. ›Wenn unsere Liebe den anderen nicht glücklich macht, was in der Welt gibt uns das Recht, Treue zu erwarten?‹ zum Beispiel oder ›Wer sich weigert, einen Teil anzunehmen, will das Ganze‹ oder ›Die wichtigsten Fragen beantwortet man immer mit seinem ganzen Leben.‹ – Beim Lesen des Stücks erklangen in mir sofort die Schalmeien, trotz der größten Bedenken, die ich bei jeder Rolle habe. Einen Schauspieler, der bei Richard III. keine Bedenken hat, den gibt es nicht.« Er lacht sein leicht krächzendes Lachen.

Anna Badora musste ihm gleich neben der Bühne ein Kabäuschen bauen, weil er vor dem Auftritt so zitterte, dass er den Weg von der Garderobe zur Bühne scheute. Auch bei der bevorstehenden Übernahme an die Josefstadt wird man seinen Schminktisch hinter der Bühne einrichten.

»Bei dieser Rolle hab ich bezweifelt, ob ich die Möglichkeit finden werde, Dramatik in diesem langen Monolog aufzubauen. Ich habe eben einen fast schon übertriebenen Respekt vor der Schauspielerei. Für mich war es nie leicht. Deshalb hab ich mich auch nie um eine Rolle gerissen. Ich musste immer überredet werden.«

Das kann einer leicht sagen, den die Intendanten in Berlin, Zürich, München, Hamburg, Düsseldorf und Wien mit Angeboten umworben, ja überschüttet haben. Und selbst in den neun Jahren als Direktor des Theaters in der Josefstadt wählte er keine Stücke mit Rollen »für sich«, obwohl er jede Freiheit dazu gehabt hätte.

»Es war eigentlich immer an jedem Theater, an dem ich war, eine schöne Zeit. Es gibt keines, wo ich nicht gern war«, erinnert sich mein jugendlicher, gut trainierter Gesprächspartner, der in einem Monat seinen 77. Geburtstag feiern wird. Er hat immer noch ein bubenhaftes, glucksendes Lachen und eine kindliche Freude an einer skurrilen Situation, wie sie soeben im Lokal passiert: Ein mit zwei riesigen weißen Stoff-Servietten fuchtelnder Kellner versucht in heroischem Abwehrkampf eine resolut auf unseren Nebentisch zustrebende, auffallend herausgeputzte Dame von ihrem Vorhaben abzubringen und in einer etwas entfernteren Fensternische unterzubringen, Trost spendende Worte findend: »Gnädige Frau, von dort können S’ alles gut überblicken.« Er wirft uns nach geglückter Intervention einen erleichterten Blick zu.

Es interessiert mich, wie tief Helmuth Lohner in eine Figur eindringt, um sie sich anzueignen. Man kann mit ihm wunderbar über Gott und die Welt, Kunst und Politik reden, nur nicht über ihn selbst. Im Gegensatz zu den meisten anderen Schauspielern spricht er über sich einsilbig und lenkt ab.

»Ich lerne den Text und mithilfe des Textes versuche ich, die Figur zu finden. Erst aus der Kenntnis des Textes kann man etwas machen, sonst wäre es ja aufsagen. Ich wollte mich nie verstellen, sondern immer derjenige sein. Dann lese ich viel zusätzlich. Diesmal habe ich den Roman mehrmals gelesen, das Stück natürlich auch, und mich mit der erschütternden Biografie von Sándor Márai beschäftigt. Wie kommt er zu dieser extremen Geschichte?«

Da ist sie wieder, die unstillbare Neugier nach Literatur und deren Schöpfer, die Lust, sich in andere Personen zu verwandeln. Diese meisterhafte Studie einer unbewältigten Seelenpein hat der ungarische Autor Sándor Márai 1942, mitten im Krieg, veröffentlicht. Doch erst nach seinem Tod, 1989, löst die Wiederentdeckung des Romans mit 200 000 verkauften Exemplaren einen regelrechten Márai-Hype aus. Er hat zwei Verfolgungen überstanden, zuerst unter den Nazis und dann unter den ungarischen Kommunisten, er verließ Ungarn, obwohl er sich zeitlebens als ungarischer Schriftsteller verstand, zog quer durch Europa bis nach Amerika, wo er sich niederließ. Er beging Selbstmord.

Die Kritiken von der Grazer Glut-Premiere hatte ich schon gelesen: »Seelenqual und Selbstanklage, Erstarrung oder Furor in fast Thomas Bernhard’scher Manier – all das zaubert … er mit Gesten, Blicken und prägnanter Raufaserstimme quasi aus dem Schauspielerärmel«, lobt der Kritiker der Kleinen Zeitung. Es wird auch in Wien eine bewegende Etüde eines hin- und mitreißenden Schauspielers.

Für dieses Jahr ist keine Regiearbeit vereinbart. In Düsseldorf hat er mit Molières Eingebildetem Kranken vor fünf Jahren seine letzte Schauspielregie hinter sich gebracht.

»Mich interessiert eigentlich nur das Musiktheater. Ich gehe auch nicht mehr ins Theater. Nur in die Oper geh ich gern, sehr gern. Musik ist meine Leidenschaft von Kindheit an.«

So sehr, dass er träumte, Opernsänger zu werden, bis er akzeptieren musste, dass die Stimme nicht ausreicht.

Wir verlassen vergnügt das Kaffeehaus und plaudern über die Zukunft. Helmuth ist körperlich fit, geistig flink und neugierig auf das Leben. Ich glaube, es wird immer so weitergehen. Vielleicht wünsche ich es auch nur.

In einem Monat wird Helmuth seine Wortbrüchigkeit fortsetzen und an der Josefstadt in einem Schnitzler-Stück spielen, das er auswendig kann, wie er sagt, weil er drei Mal die Hauptrolle gespielt hat: Er war am Burgtheater, in Zürich und im Theater in der Josefstadt der Hofreiter im Weiten Land, »die böseste Männerfigur, die je geschrieben wurde«, wie er meint. »Er hintergeht seine Frau nach Strich und Faden und knallt den jungen Nebenbuhler eiskalt ab, nur weil er den Blick der Jugend nicht erträgt.« Und nach einer Pause fügt er an: »Stark autobiografisch vom Schnitzler.«

Er verliert sich in Gedanken. Wahrscheinlich fällt ihm zu Schnitzler gerade wieder viel ein.

Nach einer Weile setzt er fort: »Die Burgtheater-Aufführung, die der Otti inszeniert hat, war die beste, mit der Jesserer als Genia, dem Muliar als Natter, der Nicoletti als Frau Wahl und dem Liewehr als Aigner, dem man wirklich geglaubt hat, dass er gebrochen ist, weil er leichtsinnig die große Liebe seines Lebens betrogen hat und damit alles zerstört hat.«

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Rechts: Das weite Land, Theater in der Josefstadt, 1994 (Friedrich Hofreiter) mit Erwin Steinhauer Unten: Das weite Land, Akademietheater, 1978 (Friedrich Hofreiter) mit Gertraud Jesserer

Diese kleine, aber wichtige Rolle, die die titelgebenden Worte »Die Seele ist ein weites Land« spricht, wird Helmuth Lohner in der bevorstehenden, seiner vierten, Annäherung an Das weite Land zufallen. Er wird mit Langmut die Schnitzler-Inkompetenz des im Musical-Genre bewährten Regisseurs ertragen. Er wird Striche wichtiger Stellen hinnehmen, obwohl dadurch eine Charakterisierung seiner Figur unmöglich wird. Er wird den Schnitzler-Ton, die Schnitzler-Haltung, vermissen und wird nur zu Gertraud Jesserer nach einer Probe leise zischen: »Sooo g’hört’s nicht.«

Es wird zum Glück noch nicht seine letzte Rolle gewesen sein. Er spielt buchstäblich bis zum Umfallen, und sogar nach der schweren Krebsoperation bewältigt er die vorher zugesagte, besonders schwierige Rolle in Heiner Müllers Zweipersonenstück, das irreführend Quartett heißt. Ein für österreichische Ohren sperriges Textgebirge. Lohner hatte Heiner Müller oft in Berlin in der Paris Bar getroffen, wo der DDR-Starautor die West-Künstler mit scharfer Dialektik und dicken kubanischen Zigarren beeindruckte. Es ist die Erfüllung eines Lebenswunsches, den Lohner mit Elisabeth Trissenaar seit Ende der 1980er-Jahre hegte, als sie Klaus Maria Brandauers Buhlschaft und er abwechselnd Teufel oder Tod war, einmal miteinander in der Regie ihres Mannes Hans Neuenfels zu spielen.

Definitiv kein Lebenswunsch von Helmuth Lohner war es, eine Autobiografie zu schreiben. Mit der flapsigen Begründung »Die Leut’ wollen doch nur lesen, mit welchen Frauen ich was g’habt hab« und mit der ernsthaften: »Ich bin nicht wichtig genug und ich will mich auch nicht wichtig nehmen«, hat er das Ansinnen stets abgelehnt. Während seiner Direktionszeit – etwa um die Jahrtausendwende – hat ihn jemand dazu gebracht, eine »oberflächliche vorläufige Vita« zu beginnen. Nach zweieinhalb Seiten beendet er den Versuch: »Mir fällt solch ein Bericht meiner Natur entsprechend sehr schwer, da man leicht in Klippen des Eigenlobes gerät, denn das Gespenst der Eitelkeit ist kaum zu vertreiben. Vielleicht beginne ich eines Tages, wenn die Zeit reichlicher vorhanden ist, mein Leben zumindest schriftlich zu ordnen – die Erlebnisse, die Begegnungen, die Niederlagen und die eventuellen Höhepunkte. Bis jetzt war alles nur ein ziemlich makabrer Spaß.«

Er hatte außerdem ein gespaltenes Verhältnis zur Vergangenheit. In meinem JosefStadtgespräch sagte er 2008: »Ich habe alle Bilder aus meiner Jugend weggeschmissen. Ich will nicht sehen, was einmal war, neugierig bin ich, was in der nächsten halben Stunde passiert. Ich zehre nicht von Erinnerungen.« Einerseits. Und andrerseits hat er nichts vergessen. Er konnte bis ins kleinste Detail präzise Angaben über Rollen, Partner, Regisseure, Datum und Ort eines Jahrzehnte zurückliegenden Ereignisses machen.

Er war ein bedeutender, hoch talentierter, hoch gebildeter, hoch sensibler Mann und ein zwischen Himmel und Hölle, zwischen Glaube und Zweifel, zwischen Melancholie und Humor Zerrissener, ein rastlos Getriebener, der souveräne Ruhe ausstrahlte. Ein Suchender, ein Einsamer, ein Humanist, ein Pessimist. Ich will versuchen, ihm in all seiner Widersprüchlichkeit gerecht zu werden, seinen verborgensten und verstricktesten seelischen Komplikationen nachzuspüren. Trotz meiner Empathie und meiner Wertschätzung für diesen außergewöhnlichen Mann werde ich mich bemühen, den Verhaltenskodex für verantwortungsvollen Journalismus, das Prinzip der gemessenen Distanz einzuhalten, das da lautet: Mache dich mit keiner Sache gemein, auch nicht mit einer guten. Also: keine Hymne, vielmehr der Spur der Wirklichkeit folgend. Es wird nicht leicht.

Das Spiel beginnt
1933 bis 1965

Überschattet vom Zweiten Weltkrieg verläuft seine Kindheit. Im fatalen Jahr 1933 geboren, wächst Helmuth Lohner in den grauen Hinterhöfen des Arbeiterbezirkes Wien-Ottakring auf. Die Volksschule in der Wiesberggasse und die Hauptschule in der Lorenz-Mandl-Gasse kann nur unregelmäßig besucht werden. Ein Schock, als ein amerikanisches Kriegsflugzeug über ihm und seinen mit ihm im Liebhartstal streunenden Freunden abgeschossen wird. Todesangst. Einen Luftschutzkeller wollen sie trotzdem nicht aufsuchen.

Nach Kriegsende spielen die Kinder auf den Schutthalden der zerbombten Häuser und im Staub der Straßen um den Stillfriedplatz. Armut. Lebensmittelrationierung. Er stiehlt von der russischen Besatzung ein paar Zigaretten, die die Mutter für einen Laib Brot und ein Ei eintauschen kann. Er entwendet Handgranaten, die er mit seinen Freunden im Donaukanal ins Wasser wirft, damit sie nach der Explosion ein paar tote Fische fangen können.

Einmal kann die Mutter mit großer Mühe ein paar Groschen erübrigen, um dem Sohn Butter auf das trockene Brot zu streichen. Er legt das Butterbrot einem ebenfalls hungernden Freund in den Briefkasten. Als die Mutter draufkommt, schlägt sie ihren Sohn.

Der erste Kuss in der Kälte. Ein Mädchen küsst ihn überfallsartig, wild, intensiv, der 15-Jährige will sich aus der Umklammerung lösen, aber sie flüstert: »Bleib noch ein bissl.«

Der Vater war Mechaniker, er musste sich in der Wirtschaftskrise der 1920er- und 1930er-Jahre mal als Schlosser, mal als Schuster durchschlagen. Aus dem Zweiten Weltkrieg kehrt er, von Krankheit gezeichnet, nach langer Kriegsgefangenschaft heim und stirbt 1957 an den Folgen.

Die Mutter, eine einfache, tatkräftige Frau, bringt den Sohn als Arbeiterin in einer Zuckerfabrik durch, heiratet ein zweites Mal. Helmuth absolviert eine Lehre als Grafiker, holt die Matura in einer Arbeiter-Bildungsinstitution nach. Er besitzt drei Reclam-Hefte, eines davon, Goethes Faust, kann er mit 16 Jahren auswendig. Er nimmt nebenbei privaten Schauspielunterricht bei Zdenko Kestranek. Ein paar Monate nur. Er ist ein Naturtalent.

»Ich glaube, er war von Anfang an Schauspieler, so wie ich, das hat uns verbunden«, sagt Otto Schenk. »Noch bevor man es weiß, dass man es ist, ist man schon Schauspieler. Wir sind auch beide vom Opernliebhaber zum Theaterliebhaber geworden. Er hat Mozart geliebt und ich Wagner. Ich hab Mozart ganz gern, ich lasse ihn mir gefallen, aber Wagner ist für mich der große Mann. Bei Verdi haben wir uns getroffen. Aber wenn er mir manchmal von Mozart so vorgeschwärmt hat, war ich plötzlich für kurze Zeit auch Mozartfan.«

Früh wurde Lohners außerordentliches Talent erkannt. Eine Saison singt und tanzt er im Chor des Stadttheaters Baden bei Wien für 380 Schilling Monatsgage. Die Mutter weiß nichts davon. Er leidet immer noch Hunger. Danach spielt er 14 Rollen in einer Saison als Operettensänger und jugendlicher Held im Stadttheater Klagenfurt. Den Faust-Text braucht er vorerst nicht.

»Meine Anfänge als Schauspieler, Chorsänger, Tänzer, Operettenbuffo sind zwar skurril und eventuell lustig, allerdings erst im Nachhinein. Wir hatten alle zwei Wochen eine Premiere, mussten überall mitspielen, allerdings der Gehaltssprung von Baden nach Klagenfurt war so hoch wie nie mehr in meinem Leben. Die Gage hat sich verdreifacht!«, erzählte Lohner später launig. Allerdings war auch die höhere Gage sehr wenig Geld. »Ich weiß nicht, wie ich mit 1100 Schilling ausgekommen bin, aber ich habe nicht mehr Hunger gelitten.«

Er ist erst 19 Jahre alt und wird sofort in der lokalen Presse wahrgenommen, als »talentiert« und »angenehm auffallend« beschrieben. Von einem Einakter-Abend mit Tschechows Heiratsantrag liest man in der Klagenfurter Volkszeitung: »Der hochbegabte Lohner ist ein von seinem Recht besessener, in allen nervösen Zuckungen, fahrigen Grimassen und originellen Nuancen unübertrefflicher und urkomischer Lomow.«

Und in Gogols Komödie Der Revisor bekommt er die Hauptrolle, den leichtsinnigen, charmanten Hochstapler Chlestakow: »Helmut Lohner spielt ihn mit jugendlicher Unbekümmertheit. Charmant und auch ein bisserl ›langhaxet‹ in der Bewegung, fürchtete er die Obrigkeit, gewann aber dann Oberwasser und behauptete in anmutiger Unverfrorenheit den angemaßten Grad in doppeltem Sinne. Er bestach auch, wenn er bestochen wurde, und stand sogar noch in der Übertreibung der Liebeserklärung immer in und nicht außerhalb der Komödie.« (Klagenfurter Volkszeitung).

Der Klagenfurter Intendant Theo Knapp hatte offenbar einen untrüglichen Blick für herausragende junge, noch völlig unbekannte Talente, denn der Nachfolger von Helmuth Lohner als jugendlicher Bonvivant wurde der um drei Jahre ältere Peter Weck. 25 Jahre später haben die beiden dann nicht hintereinander, sondern miteinander gespielt, als die Schnitzler-Herren Anatol und Max, mit Christiane Hörbiger als Gabriele in den Weihnachtseinkäufen, 1977 im Corso, das damals als Ausweichquartier des im Umbau befindlichen Zürcher Schauspielhauses diente. Und 1980 bei den Wiener Festwochen waren sie, bis heute unübertroffen in ihren Rollen, Optimist und Nörgler in der ebenfalls unübertroffenen Inszenierung Hans Hollmanns von Karl Kraus’ Die letzten Tage der Menschheit im Wiener Konzerthaus. Unnötig zu erwähnen, wem welche Rolle zufiel. Peter Weck war längst festgelegt als unwiderstehlicher Sonnyboy und Helmuth Lohner als tiefschürfender Zweifler und komödiantischer Verzweifler.

Vor dem letzten Zusammenspiel, der Reminiszenz an Max und Anatol als alte Herren, im Theater in der Josefstadt für Dezember 2015 geplant, trat der Tod dazwischen.

Sofort nach Ende der Klagenfurter Saison, am 25. Juli 1953, hat Lohner bereits die erste Premiere im Theater in der Josefstadt. »Es war wie ein päpstlicher Segen, wie ein Wunder, als mir der damalige Josefstadt-Direktor Rudolf Steinboeck mitteilte, er will mich an die Josefstadt engagieren«, erzählte mir Helmuth Lohner bei einem unserer vielen Gespräche. »Das Stück hieß Südfrüchte, der zweite Debütant war der Qualtinger.« Der andere Helmut, ohne h am Ende. Die Schreibweise »Helmuth« hat sich bei Lohner erst in den 1970er-Jahren etabliert, bis dahin war auch sein Vorname »h«-los.

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Südfrüchte, Theater in der Josefstadt, 1953 (André Birabeau) mit Peter Czeike, Hilde Jaeger, Christl Erber

Die anderen, später berühmten »Jungen« an diesem Theater waren Senta Berger, Nicole Heesters, Michael Heltau, Erni Mangold, Otto Schenk. Lohner wusste noch Jahrzehnte später alle Details, Stücktitel und Besetzung. Ganze Monologe, sofern sie von Shakespeare oder zumindest Nestroy stammen, konnte er lebenslang auswendig. Er hatte beim Textlernen ein fotografisches Gedächtnis.

»Die Thimig, die Degischer, die Almassy haben uns unter ihre Fittiche genommen, waren hilfreich und kollegial. Sogar die für ihre spitze Zunge verschriene Adrienne Gessner hat uns wie Kinder behandelt. An der Josefstadt war alles ganz anders als in dem Dreispartentheater in Klagenfurt. Es waren ganz andere, großartige Schauspieler, und ich war von der Ernsthaftigkeit, mit der hier vier Wochen lang geprobt wurde, überrascht.«

Er kam immer noch auf acht Rollen pro Saison.

In der Josefstadt spielte man in den 1950er-Jahren die Stücke in der vom Autor gemeinten Zeit, man öffnete peu à peu den Spielplan für französische und englische Gegenwartsstücke. Es herrschte der sogenannte Josefstädter Ton, den Otto Schenk immer als das spielerische Beherrschen von Zwischentönen beschreibt.

Helmuth Lohner hingegen bestritt dies immer: »Ich habe den Josefstädter Stil nie recht feststellen können. Natürlich wird der Ton auf der Bühne vom Haus geprägt, auch von der Art der Stücke, die dort gespielt werden. Aufgefallen hingegen ist mir der familiäre Umgang. Man ist in den engen Garderoben, bevor man auf die Bühne ging, zusammengesessen und hat sich unterhalten. Nur eine winzige Veränderung ergab sich durch das Kostüm, und man hat die Unterhaltung mit dem Text des Stückes auf der Bühne fortgesetzt – das ist vielleicht das Geheimnis der Josefstädter Familie. Jeder hat jeden gut gekannt, geliebt, gemocht – oder auch weniger gemocht. Es war eine ungeheure Beziehung. Ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemals einer über eine zu kleine Rolle beschwert hätte. Ich war ohnehin mit meinen Rollen immer zufrieden.«

Bereits nach dem ersten halben Jahr an der Josefstadt wird Lohner trotz kleiner Rollen von der Kritik wahrgenommen. In Christopher Frys damals viel gespieltem Konversationsstück Die Dame ist nicht fürs Feuer fällt dem allseits hofierten Schriftsteller und Rezensenten Friedrich Torberg der Schauspieler Helmuth Lohner als »eine neue bemerkenswerte Begabung« auf.

Er war 20, und »er war so wahnsinnig schön, beneidenswert schön, deshalb kam er auch gleich zum Film, das hat uns auseinandergerissen, in die Diaspora getrieben. Jeder hat sofort gewusst, dass der Helmuth ein besonderer Schauspieler ist«, schwärmt Otto Schenk, der ein Jahr nach Lohner vom Volkstheater zum Josefstädter Ensemble gestoßen ist. »Ich hab ihn in der Josefstadt zum ersten Mal in so einem japanischen Stück gesehen, Das kleine Teehaus, da hat er japanisch gesprochen, und ich hab gedacht: Wieso verstehe ich das Wienerische nicht. Er hat so japanisch gesprochen, wie wenn ein Wiener eine japanische Zeitung vorlesen würde. Er hat mich verzaubert. In zwei schrecklichen Inszenierungen (Meuterei auf der Caine und Don Camillo und Peppone) haben wir dann kleine Rollen gespielt, wir haben uns nur zugezwinkert und uns gleich verstanden. Wir waren wie Partisanen im Theater. Also ich, Helmuth war ja gleich reüssiert.«

Die Partisanen werden eingeschworene Freunde, Otti wird auch von Helmuths Mutter aufgenommen: »Ich war in seiner Familie amalgamiert, seine Mutter war, wie meine, eine einfache Frau mit großem Talent für Krautfleckerl.« Die Mutter hat nach dem Tod von Helmuth Lohners Vater den Zuckerbäcker Franz Rauch geheiratet. Er war zwar Zuckerbäcker, aber »etwas Höheres«, wie der Stiefsohn schmunzelnd anmerkte, eine Art Innungs-Inspektor über die Konditormeister in einem bestimmten Rayon. »Alle Zuckerbäcker zwischen Hernals und Breitensee haben vor ihm gezittert«, zitierte Lohner gerne mit schelmischem Grinsen seine Mutter. Sie wollte wohl dem Sohn die Bedeutung des Stiefvaters klarmachen und gleichzeitig erklären, warum sie ein zweites Mal geheiratet hat, eben eher aus Gründen der Versorgung.

Die Mutter war vom überragenden Talent ihres Sohnes von Anfang an überzeugt: »Der Helmuth gehört ans Burgtheater!«, verkündete sie schon damals. Und als es ihr nicht schnell genug ging, stand sie eines Tages am Wiener Rudolfsplatz, wo die Schenks bis heute wohnen, und hat Renee Schenk gegenüber noch einmal eindringlich dieses Statement wiederholt: »Der Helmuth g’hört ans Burgtheater!«

1967 erfüllt ihr Otto Schenk den Wunsch. Der mittlerweile sehr gefragte Regisseur überredet seinen mittlerweile sehr gefragten Freund, unter seiner Regie in Georg Büchners Dantons Tod am Burgtheater den St. Just zu spielen. Lohner lebt zu der Zeit längst in der Schweiz, ist zum zweiten Mal verheiratet, jettet zwischen Zürich, München, Düsseldorf, Hamburg und Berlin. Er wird die Rolle annehmen, aber aus Wien wieder lieber abreisen als ankommen. »Ich glaube, er wollte sein Leben lang Ottakring entfliehen«, mutmaßt der Otti.

Zurück zu Lohners erster Josefstädter Zeit. 1956 schreibt Torberg eine Hymne über eine offenbar insgesamt geglückte Aufführung von Anton Wildgans’ Familiendrama Armut: »Helmuth Lohner sprach die Verse, die Gottfried am Sterbebett seines Vaters zu sprechen hat, mit so blutvoll durchpulster Intensität und zugleich mit so klar aufgegliedertem Verstand, dass man wahrhaftig den Atem anhielt, um nur ja nichts zu versäumen.«

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Armut, Theater in der Josefstadt, 1956 (Gottfried)

Ein halbes Jahr später folgt eine Vernichtung. Lohner gibt in der Regie des späteren Burgtheater-Direktors Paul Hoffmann Armand Duval, den jungen Liebhaber der fast zu erfahrenen Kameliendame Hilde Krahl. Es regnet für alle veritable Verrisse. »Mit zwei ihrer wichtigsten Gegenspieler, Sohn und Vater Duval, hatte sie noch größeres Pech als Dumas es vorschreibt. Doch mag dem jungen Helmuth Lohner die Art, wie er mit seinem Armand nicht fertigwurde, sehr wohl zu fruchtbarer Gebarung gedeihen. Er gab die Nöte einer Pubertätsliebe zwischen zwei Gleichaltrigen, nicht die leidenschaftliche Eifersucht eines jungen Herrn der Gesellschaft, der an eine große Kokotte geraten ist. Er gab Wedekind, nicht Dumas. Und das spricht zwar nicht gegen ihn, sprach aber gegen die Rolle.« (Friedrich Torberg) Paul Blaha spricht im Kurier von einer eklatanten Fehlbesetzung: »Lohner warf sich mit viel Eifer, viel Pathos, viel jugendlicher Romantik und viel echter Gestaltungskraft einer Rolle entgegen, die ganz einfach nicht die seine war.«

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Solche Einbrüche mögen ihn in seiner Entscheidung bestätigt haben, schmachtenden Liebhaberrollen aus dem Weg zu gehen und Wien hinter sich zu lassen. Als 1958 seine endgültige Abwanderung aus Wien drohte, schrieb Hans Weigel am Schluss der Rezension über eine missglückte Dramatisierung des Romans Schau heimwärts, Engel von Thomas Wolfe: »Jedoch Gewinn, Glanz und erschütterndes Ereignis des Abends: Helmuth Lohner! Da blüht aus den Niederungen der Dramatisierung Thomas Wolfe empor, da ist Ahnung der leidvollen Größe eines Poeten von Gnaden darstellerischer Vollendung besonderer Art. Da möchte man über die beschwörende Magie Wolfes verfügen, um den gelegentlichen Gast heimzuholen und auf dem Theater sich selbst entdecken zu lassen – schau heimwärts Lohner.«

Er schaut noch drei Mal heimwärts, einmal für Die Spur der Leidenschaft in der Regie von Leonard Steckel, ein zweites Mal für Carlo Goldonis Der Lügner.