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Hademar Bankhofer

Der Wunderheiler der Kaiserin Maria Theresia

Hademar
Bankhofer

Der Wunderheiler
der Kaiserin
Maria Theresia

Roman

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Printed in Austria
ISBN 3-85002-528-4
eISBN 978-3-902862-51-8

A l s  N a t u r h e i l k u n d e
u n d  S c h u l m e d i z i n  n o c h
F e i n d e  w a r e n
  …

Vorwort von Prof. Hademar Bankhofer

Wer sich mit der Gesundheit des Menschen befaßt sowie mit den verschiedensten Heilmethoden, der wird sich in erster Linie der Phytotherapie, der Wissenschaft von den Heilpflanzen zuwenden. Er kommt aber auch an Themen wie Magnetismus, Hypnose und Suggestion nicht vorbei. Nützlich ist es auch zu analysieren, welchen Stellenwert all diese Behandlungsmethoden in früheren Zeiten hatten und welche Bedeutung ihnen in der Gegenwart zukommt.

Ich habe mich vor einigen Jahren intensiv mit diesen Fragen beschäftigt. Ganz logisch, daß man dafür vorübergehend die moderne Naturmedizin verläßt und in die Geschichte zurückgeht, in alten Quellen forscht, in längst vergangenen Zeitungen stöbert und sich mit Personen befaßt, die in der Vergangenheit für die Medizin von Bedeutung waren.

Besonders wenn man sich dann etwas gewagten und umstrittenen Therapien jenseits der von der Schulmedizin gezogenen Grenzen zuwendet, stößt man irgendwann beim Eintauchen in die Vergangenheit auf Quellen, die von Magnetismus und Hypnose berichten. Und da findet man im Lexikon den Begriff »animalischer Magnetismus« als Bezeichnung für ein universelles Fluidum. Und in diesem Zusammenhang stößt man zwangsläufig auf den Namen des Arztes und Gelehrten Dr. Franz Anton Mesmer, der diese Lehre entwickelt hat. Man spricht daher heute von Mesmerismus. Dr. Franz Anton Mesmer lebte von 1734 bis 1815 und fand in Frankreich große Anerkennung. Nur wenige wissen, daß er zuvor in Wien gelebt und gearbeitet hat, dort aber sehr umstritten war. Er galt als Modearzt vieler reicher Frauen. Seine Behandlungsmethoden waren umstritten und wurden zum Teil als äußerst fragwürdig angesehen. Aber viele seiner Patienten schwärmten für ihn, waren zum Teil auch in ihn verliebt. Ja, sogar Kaiserin Maria Theresia hatte eine Schwäche für ihn – zumindest eine Zeitlang.

Auch ich stieß bei meinen Recherchen über die Geschichte der Naturmedizin auf Dr. Franz Anton Mesmer. Ich stöberte in verschiedenen Bibliotheken und wollte wissen, wer dieser Mann wirklich war: ein begnadeter Naturarzt mit neuartigen, gewagten Methoden, ein Scharlatan, ein Angeber, ein Opfer von Intrigen? Ich versuchte, wie bei einem Puzzle Teile aus seinem Leben zusammenzusetzen. Es überkam mich wie eine Art Leidenschaft. Denn ursprünglich sollten diese Forschungen ja nur mein medizingeschichtliches Grundwissen erweitern, das ich für meine Arbeit an Büchern zum Thema Gesundheit benötige. Nicht mehr. Ich hatte mir längst ein Bild gemacht und war zu der Erkenntnis gelangt, daß dieser Dr. Mesmer für meine Bücher über natürliche Methoden fürs Gesundbleiben und Gesundwerden eigentlich ziemlich unwichtig war.

Doch ich war da auf eine Geschichte gestoßen, die mich faszinierte und einfach nicht mehr losließ. Das hatte mit meiner Kindheit zu tun. Meine Großmutter und meine Mutter hatten mit mir hin und wieder eine Tante in Wien besucht. Und da waren wir durch eine Gasse im 19. Bezirk Döbling mit dem Namen Paradisgasse gegangen, eine Seitengasse der Grinzinger Straße. Als Kind war mir gar nicht aufgefallen, daß manche diesen Namen als »Paradiesgasse« – mit »ie« – aussprachen, weil sie offenbar der Meinung waren, es handle sich um eine Gasse, die nach dem himmlischen Paradies benannt worden war.

Bei meinen Nachforschungen über die Wiener Jahre des Franz Anton Mesmer aber wurde mir erst bewußt, daß es mit dieser Gasse eine besondere Bewandtnis hatte. Sie trägt ihren Namen nach Maria Theresia von Paradis, der Tochter eines Beamten am Hof der Kaiserin Maria Theresia. Sie war ein Patenkind der Kaiserin, das im Alter von drei Jahren infolge eines Schocks erblindete. Die Kaiserin ließ das blinde Mädchen zu einer Pianistin ausbilden, die in vielen Städten Europas erfolgreich Klavierkonzerte gab.

Kein Geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart war mit der blinden Pianistin gut bekannt, Und eines Tages kam der geniale Musiker auf eine Idee: Er überredete seinen Freund Franz Anton Mesmer, all seine medizinischen Künste einzusetzen, um dem blinden Mädchen das Augenlicht wiederzugeben.

Dies war der Auftakt zu einer Folge verhängnisvoller und schicksalhafter Ereignisse. Ich trug aus Interesse zur Historie viele Details dieser Geschehnisse rund um Maria Theresia von Paradis und Franz Anton Mesmer zusammen, und dann stand eines Tages mein Entschluß fest: Ich wollte diese Episode aus dem alten Wien mit ihrer ganzen dramatischen Entwicklung als Roman zu Papier bringen. Ich dachte vorerst nicht im geringsten daran, daß dieser Roman eventuell als Buch erscheinen könnte. Im Gegenteil: Ich überlegte, ob es nicht sinnvoller wäre, in dieser Zeit ein neues Ratgeber-Buch zum Thema Gesundheit zu schreiben. Aber Sie kennen das sicher: Mitunter läßt einen eine ganz bestimmte Idee nicht los. Darum habe ich auch dieses für einen Roman ungewöhnliche Vorwort geschrieben. Es soll für all jene eine Erklärung sein, die vielleicht im ersten Augenblick gedacht haben: »Was soll das? Warum schreibt der Bankhofer auf einmal einen Roman …? Er ist doch ein Sachbuchautor.«

Dieser Roman ist auch ein Stück Sittengeschichte und ein Beitrag zur Geschichte der Medizin mit all den Facetten der damaligen Zeit. Er soll uns zeigen, in welch einer wunderbar aufgeschlossenen Zeit wir heute leben – in einer Zeit, in der die Naturmedizin mit ihren zahllosen Alternativmethoden und die Schulmedizin mit ihren großartigen wissenschaftlichen Leistungen zu einer großen Medizin zusammenwachsen. Genau so, wie es sich Hippokrates, der griechische »Vater der Medizin«, auf der Insel Kos immer erträumt hat: die besten Behandlungsmethoden für den kranken Menschen. Für die Alltagsbeschwerden zuerst immer die schonenden, sanften Therapien aus der Natur. Und dort, wo die Naturanwendungen ihre Grenzen haben, die klassischen Anwendungen der modernen Schulmedizin. Wobei man ehrlich genug sein muß zuzugeben, daß beide Methoden unerwünschte Nebenwirkungen haben können.

Die Geschichte der Maria Theresia von Paradis und des Dr. Franz Anton Mesmer zeigt, daß noch in der frühen Neuzeit, in der Epoche der Aufklärung, in ganz Europa eine unüberbrückbare Kluft bestand zwischen der Naturmedizin mit ihren zugegebenermaßen oft sehr gewagten Methoden und der Schulmedizin mit bisweilen brutalen Therapien. Der Philosoph, Arzt und Naturheiler Paracelsus, mit richtigem Namen Aureolus Theophrast Bombast von Hohenheim, der 1541 in Salzburg starb, war einer der letzten in der europäischen Kulturgeschichte, der beides vereinte: Naturheilkunde und Schulmedizin. Danach herrschte Krieg zwischen den beiden Lehrsystemen, ein Krieg, der von Widersprüchen und Mißverständnissen beherrscht war, und der mit Intrigen und sogar mit Gewalt ausgetragen wurde. Und vor der Kulisse dieses Krieges spielte sich die Geschichte der Maria Theresia von Paradis und des Franz Anton Mesmer ab. Die vollständige Wahrheit, wie sich alles wirklich zugetragen hat, wird man wohl nie erfahren. Ich habe deshalb versucht, den Lauf des Schicksals dieser beiden Menschen in einen Roman zu fassen, der zugleich ein Sittenbild des alten Wien darstellt.

Lassen Sie sich von mir an der Hand nehmen und zurückführen in die »gute alte Zeit«, die in Wahrheit gar nicht so gut war, wie immer wieder behauptet wird. Kommen Sie mit mir in die Epoche zwischen den Jahren 1777 und 1824. In diesem Zeitabschnitt ist viel passiert. Damit Sie sich ein wenig orientieren können: 1777 wird Zar Alexander I. von Rußland geboren. Zum ersten Mal wird in Hamburg auf einer deutschen Bühne mit »Hamlet« ein Stück von Shakespeare aufgeführt. Man entdeckt, daß die Luft aus zwei Komponenten besteht: aus Sauerstoff und Stickstoff. 1778 erreicht Benjamin Franklin das Bündnis zwischen Frankreich und den noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika, der französische Philosoph Jean Jacques Rousseau stirbt, Beethovens Vater führt seinen achtjährigen Sohn als Wunderkind vor, die Mailänder Scala wird eröffnet. 1779 unternimmt Geheimrat Goethe seine zweite Schweizer Reise, Lessing schreibt »Nathan der Weise«, in London wird die erste Kinderklinik eröffnet. 1780 stirbt Kaiserin Maria Theresia. Sie war 40 Jahre Herrscherin von Österreich-Ungarn. Joseph II. wird ihr Nachfolger. Franz Karl Achard entdeckt, wie man aus Rüben Zucker herstellen kann, so daß die Bevölkerung nicht mehr auf den teuren Rohrzucker aus Übersee angewiesen ist.

1781 wird der erste Fallschirm erprobt, Mozart schreibt die Oper »Idomeneo«. 1782 folgt »Die Entführung aus dem Serail«. In der Schweiz wird zum letzten Mal eine Frau als Hexe verurteilt und mit dem Schwert hingerichtet. 1783 komponiert Mozart seine H-moll-Messe, Beethoven die »Drei Sonaten fürs Clavier«. 1784 macht Goethe Versuche mit einem Heißluftballon. 1785 wird die britische Zeitung »Times« gegründet, Mozart komponiert das Klavierkonzert in d-moll, in Preußen läuft die erste Dampfmaschine an. 1786 wird Ludwig I., späterer König von Bayern geboren, Mozart schreibt »Figaros Hochzeit«, zum ersten Mal wird der Mont Blanc bestiegen.

1789 wird in Frankreich die Monarchie von der Revolution hinweggefegt, das Bürgertum emanzipiert sich gegenüber dem Adel. Das alte Europa zerbricht unter den Schlägen der französischen Revolutionsheere, Napoleon Bonaparte errichtet eine Hegemonie auf dem europäischen Festland, 1806 erklärt er das Heilige Römische Reich Deutscher Nation für aufgelöst. Erst 1815 wird er von einer nahezu ganz Europa umfassenden Allianz endgültig niedergeworfen. Die Restauration stellt die vorrevolutionäre Ordnung zumindest teilweise wieder her. Das liberale Bürgertum zieht sich enttäuscht in die Privatsphäre zurück, es beginnt die Epoche des Biedermeier.

Das sind die entscheidenden Jahre, in denen dieser Roman spielt.

Er findet dann ein abruptes Ende im Jahr 1824. In diesem Jahr komponiert Beethoven seine »Missa Solemnis«. Mozart ist seit 1792 tot. In Köln findet der erste Karnevalsumzug statt. In London wird der erste Tierschutzverein gegründet. Der französische Schriftsteller Alexandre Dumas wird geboren.

Ich habe Ihnen diese historischen Daten in Erinnerung gerufen, damit Sie sich besser in die Zeit zurückversetzen können, in die das Schicksal meiner Romanfiguren, die tatsächlich gelebt haben, eingebunden ist.

Und sollten Sie einmal in Wien in die Paradisgasse kommen, dann halten Sie kurz inne und denken Sie an Maria Theresia von Paradis und den Wunderdoktor der Kaiserin …

Viel Freude und auch ein wenig Gänsehaut beim Lesen wünscht Ihnen Ihr

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E i n  n e u e r  F a l l  f ü r
F r a n z  A n t o n  M e s m e r

Schwül brütete die Mittagshitze über dem Wien des Jahres 1777. Es war Mitte Juli. Auf dem Balkon seines Barockschlößchens auf der Wieden stand aufrecht Franz Anton Mesmer, der geheimnisumwitterte Doktor, der vielgeliebte und zugleich vielgehaßte Mediziner, von dem man sich in der Residenzstadt der Kaiserin Maria Theresia soviel Sensationelles erzählte. Es verging nicht ein Tag, an dem nicht die Kunde von einer wunderbaren Heilung auf den Straßen und in den Salons die Runde machte. Drei Jahre lang lebte er jetzt in Wien, der 43jährige, hochgewachsene und breitschultrige Arzt aus dem Schwabenland. Er war eine imponierende Erscheinung mit seiner dunklen Haut, den stahlgrauen Augen und den pechschwarzen Brauen. Er war hierhergekommen, weil ihn die magnetischen Heilmethoden des Jesuitenpaters Maximilian Hell fasziniert hatten.

Franz Anton Mesmer lächelte still und selbstsicher vor sich hin: Längst hatte er seinen Freund und Berater Hell überflügelt. Er hatte ganz neue, ungeahnte Möglichkeiten des Magnetismus entdeckt und in seine Therapie eingebaut.

Franz Anton Mesmer blickte hinüber zum Kärntner Tor. Er mußte seine Augen anstrengen, um die Spitze des Stephansturmes erkennen zu können. Zugleich lauschte er den Mittagsglocken des Doms, die bis zu ihm herüberschwangen. Unten auf der Straße, an seinem Schloß vorbei, ratterten und rumpelten die Stellwagen, Kutschen und Droschken der Bürger und Adeligen über das holprige Pflaster in Richtung Stadt.

Es war Donnerstag, und die Leute in Wien nannten diesen Tag den Nobeltag. Da legten sie fast alle mittags die Arbeit nieder und fuhren hinaus in den Prater, trafen einander im Lusthaus und besuchten abends ein Theater.

Doktor Mesmer trat einen Schritt vom Balkongeländer zurück. Er hob die rechte Hand und winkte einem Herrn zu, der freundlich lächelnd den Dreispitz lüftete. Dann starrte er wieder in die Ferne. Ein schalkhaftes Lächeln zog über sein Gesicht. Dieser Nobeltag in Wien war für Franz Anton Mesmer das große Geschäft.

Kaum waren die Vorstädte und die Stadt nach Geschäftsschluß leer, da kamen sie alle heimlich, still und leise bei ihm vorgefahren: die reichen Gräfinnen und Baroninnen, die Kaufmannsfrauen und Offiziersgattinnen. Sie vergötterten den Doktor Mesmer. Sie liebten ihn. Sie schworen geradezu auf ihn. Und dennoch wagten viele es nicht, sich in der Öffentlichkeit zu ihm und seinen Behandlungsmethoden zu bekennen. Denn für die Wiener Schulmedizin war er ein Feind, ein Scharlatan.

Die Glastüre mit den vielen, handtellergroßen Scheiben zum Balkon wurde aufgezogen. Auguste Schindler, die Haushälterin und Empfangsdame Franz Anton Mesmers, präsentierte einen perfekten Knicks und senkte voll Ehrfurcht den Kopf: »Wenn der Herr Doktor, bitt’ schön, kommen möcht’! Die Herrschaften warten schon alle im Genesungszimmer. Heut’ sind es zwanzig. Sechs Herren und vierzehn Damen!«

Doktor Mesmer nickte zufrieden. Rasch wandte er sich um und begab sich in sein Umkleidezimmer. Dort legte er seinen Hausmantel ab, den er immer noch trug, und schlüpfte in ein wallendes, lilafarbenes Gewand, das er immer während seiner medizinischen Auftritte zu tragen pflegte.

Ein kurzer prüfender Blick in den Spiegel. Das Weiß der gepuderten Perücke stand in reizvollem Gegensatz zu seiner gebräunten Haut. Dr. Mesmer war mit seiner Erscheinung zufrieden. Minuten später betrat er mit konzentrierter Miene und mit gesenktem Haupt das große, luxuriös eingerichtete Zimmer mit den wertvollen Teppichen aus dem Orient.

Die Haushälterin hatte die Patienten in einem Kreis auf gepolsterten Stühlen plaziert. In der Mitte des Kreises stand Doktor Mesmers berühmtberüchtigte Magnetwanne, ein großer ovaler Behälter mit einem nach beiden Seiten hin aufklappbaren Deckel. Wie immer lagen im Wasser Flaschen, gefüllt mit Magnetstücken, Eisenspäne und Glassplitter. Durch Löcher im Wannendeckel ragten Eisenstäbe heraus.

»Meine Damen und Herren«, begann Doktor Mesmer seine Heilbehandlung, bei der oft bis zu sechzig Personen in einem Kreis anwesend waren. »Jeder von Ihnen hat ein quälendes Leiden. Wir müssen versuchen, gemeinsam diese Krankheit zu verstehen. Ich werde versuchen, es Ihnen zu erklären. Der gesunde Körper eines Menschen befindet sich im Zustand der Harmonie. Die Krankheit ist eine Störung dieses Zustandes. Jedem Körper wohnen zwei Pole inne, ein positiver und ein negativer. Unsere Aufgabe hier ist es, daß jeder von Ihnen mit meiner fachmännischen Unterstützung die Kräfte des positiven Poles stärkt und die des negativen Poles abschwächt. Durch diesen in ihrem Inneren ablaufenden Kräftekampf entsteht ein Strom, der Ihre Körper während meiner Behandlung in unerhörte Spannungen versetzt. Genau diese Krise ist gewollt. Denn sie gehört zum Genesungsprozeß des Organismus!«

Alle lauschten angestrengt. Ein Kaufmann hob immer wieder seine rechte Hand, bis er endlich zu Wort kommen durfte. Eine Frage lag ihm schon von Anfang an auf der Zunge: »Doktor Mesmer, was eigentlich ist Magnetismus? Ganz Wien redet davon, seit Euer Hochwohlgeboren damit Krankheiten bekämpfen …«

Der Mediziner senkte den Kopf und dozierte: »Magnetismus ist eine fluide Kraft, die jeder Mensch besitzt. Er ist eine Erscheinungsform des universellen Magnetismus, von dem beispielsweise der Erdmagnetismus einen kleinen Teil darstellt. Personen, die im Magnetisieren geübt sind, wie ich es bin, können das im menschlichen Körper latent vorhandene magnetische Potential gleichrichten.«

Ein Rittmeister wollte dazu ebenfalls etwas wissen. Der Offizier sprach zögernd und leise, als hätte er Angst davor, sich mit einem so heiklen Thema auseinanderzusetzen: »Herr Doktor, kann wirklich jeder Mensch durch Magnetismus geheilt werden?«

Franz Anton Mesmer nickte überzeugend: »Das will ich meinen, Euer Exzellenz. Jeder kann magnetisiert werden, wenn er nur von einem geübten Magnetiseur betreut wird. Weiterhin ist es wichtig, daß er es vermag, mit geschlossenen Augen dazuliegen und während der ganzen Prozedur nichts, absolut nichts zu reden. Außerdem muß er an die Wirkung der wunderbaren Magnetstrahlen glauben und darf den Bemühungen des Magnetiseurs keinen Widerstand entgegensetzen. Meine Damen und Herren, das alles hat schon der große Gelehrte Paracelsus im 15. Jahrhundert gewußt. Und ich kann es durch meine Methoden und Erfolge bestätigen …!«

Mesmer machte mit beiden Händen eine abschließende Geste. Er wollte damit andeuten, daß er nicht gewillt war, noch irgend etwas zu erklären. Er wollte endlich zur eigentlichen Behandlung seiner Patienten gelangen.

Er trat nun vor jeden seiner Patienten hin und sprach kurz mit ihm. Jeder mußte ihm sein Leiden schildern. Zu diesem Zeitpunkt war es im Raum noch hell.

Dann klatschte Mesmer in die Hände und blickte zur Türe. Vier lilagekleidete Lakaien eilten fast unhörbar in den Raum und zogen die dicken Vorhänge vor die Fenster. Es war nun stockdunkel. Aus einem Nebenzimmer erklang Musik von einem Harmonium. Die Luft duftete nach betörendem Parfüm.

Einer der Lakaien brachte einen Metallständer mit zwei dünnen, langen Kerzen herein. Das unheimliche Licht warf zitternde Schatten der Anwesenden an die Wände.

Jetzt trat Mesmer an die Magnetwanne und rief seine Patienten mit gedämpfter Stimme einzeln zu sich heran. Jeder mußte sich vor ihn hinstellen. Der Doktor bestrich mit den langen, biegsamen Eisenstäben, die aus der Wanne ragten, die schmerzenden Körperstellen der Patienten. Dann ließ er seine heilenden Hände über dem Kopf des jeweiligen Patienten kreisen.

Dann wies er die Patienten an: »Ich gehe jetzt zu diesem Sofa. Kommen Sie in derselben Reihenfolge einzeln nach. Ich beginne nun mit dem eigentlichen Vorgang des Magnetisierens.«

Einige kannten den Vorgang bereits und schwiegen beeindruckt. Die anderen starrten fasziniert in die Ecke zum Sofa.

Franz Anton Mesmer winkte mit der rechten Hand. Ein Lakai brachte ein mit Wasser gefülltes Porzellanbecken. Der Doktor wusch sich darin die Hände mit Kernseife, ließ sie sich dann von einem zweiten Diener abtrocknen und träufelte Branntwein auf die Haut. Diese Flüssigkeit verrieb er leicht und ließ sie an der Luft trocknen. Nun waren seine Handflächen gereinigt und bereit zur Behandlung.

Der erste Patient wurde aufgerufen und mußte sich auf das Sofa legen. »Schließen Sie die Augen und schweigen Sie«, befahl Mesmer sanft.

Dann starrte er konzentriert auf seine Hände und flüsterte: »Alle fluidale Kraft meines Körpers dringt durch die Arme in meine Hände. Und daher strahlen diese meine Hände und die Finger heilende Kräfte aus!«

Nunmehr legte der Wunderdoktor von Wien ganz leicht beide Handflächen auf die kranken Beine des ersten Patienten auf. Er übte dabei keinerlei Druck aus, sondern setzte nur die Fingerspitzen an. Dann ließ er die Hände langsam kreisen. Er spürte, wie seine Haut heiß wurde und Strahlen aussandte. Mesmer fühlte sich sicher in seiner Arbeit.

Plötzlich gellte ein erstickter Schrei durch den Raum. Erschreckt blickten alle Anwesenden zur Magnetwanne. Die 47jährige Gräfin Hermine von Seitenstätten war von ihrem Sessel geglitten und lag nun ohnmächtig auf dem Teppich. Mesmer sah ebenfalls hin, doch er erschrak nicht. Es kam schließlich öfter vor, daß Patienten während seiner Behandlungen – speziell bei Gruppentherapien – die Nerven verloren, weil die Anspannung zu groß war. Viele wurden dann hysterisch, warfen sich zu Boden oder begannen zu weinen. Mesmer schloß daraus, daß sie die magnetischen Ströme im Raum nicht verkrafteten.

Unwillig unterbrach Mesmer seine Magnetbehandlung. Er wandte sich von dem liegenden Patienten ab und eilte mit großen Schritten zu der Ohnmächtigen. Jetzt erst erkannte er sie. Er hob sie auf seine Arme und trug sie in das nebenan liegende sogenannte Krisenzimmer. Hier sollte in derartigen Fällen der Zustand der Kranken abklingen. Mesmer bedeutete der Haushälterin mit einem Blick, sie möge die anderen draußen ein wenig vertrösten. Er selbst bettete die Gräfin Seitenstätten vorsichtig auf das Sofa.

In diesem Augenblick schlug die vollschlanke Frau, der die einstige Schönheit noch anzusehen war, die Augen auf und flüsterte: »Doktor Mesmer. Ihre Magnethände sind einfach wunderbar. Die Ausstrahlung Ihrer Worte bei den Behandlungen kommt einem Zauber gleich. Ich muß Ihnen etwas gestehen!«

Mesmer sah sie mißtrauisch an: »Was meinen Euer Hochwohlgeboren?«

Die Gräfin atmete tief ein und schob mit einer raschen Bewegung das Busentuch tiefer in ihr großzügiges Dekolleté, so daß Mesmers Blick auf ihre verführerisch wogende Oberweite fallen mußte: »Doktor, ich bin vorhin draußen gar nicht ohnmächtig geworden. Ich habe die günstige Gelegenheit nur ausgenützt. Ich habe schon darauf gewartet. Hören Sie mich an, Doktor. Ich liebe Sie. Endlich kann ich Ihnen in die Augen sehen. Endlich sind wir allein in einem Raum. Davon träume ich schon seit langem. Die starke Migräne, die mich jahrelang plagte, ist längst durch Ihr Können geheilt. Ich habe es Ihnen niemals eingestanden. Ich wollte, daß Sie weiter zu mir kommen und sich weiterhin mit mir befassen. Doktor, ich kann meine Gefühle nicht mehr länger für mich behalten. Ich bin eifersüchtig. Ich will Sie nicht mehr mit all den anderen Frauen teilen. Ich will mehr sein als Ihre Patientin … Ich liebe Sie. Ich liebe Sie. Ich liebe Sie. Doktor Mesmer, küssen Sie mich! Nehmen Sie mich … Ich gehöre Ihnen …!«

Sie richtete sich auf und warf mit einer dramatischen Geste den Kopf zurück. Dabei riß sie sich das Mieder auf, so daß ihre üppigen Brüste hervorquollen. Sinnlich öffneten sich die vollen, roten Lippen der Adeligen. Mesmer wollte sich abwenden, doch sie hielt krampfhaft seine Hände fest.

Die Blicke des Arztes glitten über die Patientin, die völlig die Kontrolle über sich verloren hatte und leise vor sich hinseufzte. Er erkannte, daß er hier mit der üblichen Ehrerbietung, die er als Bürgerlicher der Dame aus dem Adel schuldete, nicht weiterkommen würde. So richtete er sich zu seiner ganzen stattlichen Größe auf, trat einen Schritt zurück und ermahnte sie: »Gräfin, ich muß schon sehr bitten. Seid doch vernünftig. Ich bin Arzt. Ein sehr bekannter Arzt. Ich muß für alle dasein. Ich muß heilen und darf meine Patientinnen nicht lieben, auch wenn sie noch so schön und verführerisch sind.«

Mit abwehrend erhobenen Händen bewegte er sich rückwärts auf die Tür zu. Schließlich warteten draußen die anderen Patienten auf ihn, und es war deren Konzentration nicht zuträglich, wenn er sie zu lange allein ließ.

Zornesröte stieg im Gesicht der Gräfin von Seitenstätten auf. Sie setzte sich langsam auf und brachte ihre Kleidung wieder in Ordnung. Ihre Hände zitterten von der abklingenden Erregung. Sie liebte Doktor Mesmer. Ihr ganzer Körper sehnte sich nach diesem Mann.

Rasch erhob sie sich und eilte dem Doktor nach. Sie erreichte ihn genau an der Türe. Sie versuchte ihm um den Hals zu fallen, ihn mit ihren Händen zu umschmeicheln.

Doch Doktor Mesmer wehrte ihr Werben höflich, aber bestimmt ab. »Gräfin! Bitte, Sie sind eine verheiratete Frau! Es ist unmöglich … und bedenken Sie doch den Standesunterschied!«

Dieser Hinweis auf die hohe gesellschaftliche Stellung der Gräfin verfehlte nicht seine Wirkung. Denn die also Verschmähte zischte zwischen ihren Lippen hervor: »Ich hoffe, Sie sind sich dessen bewußt, was Sie soeben getan haben, Mesmer. Sie haben mich, eine Frau aus dem hohen Adel, nahe dem Kaiserthron, Sie haben mich brüskiert und beleidigt. Sie haben mich wie ein lästiges Freudenmädchen behandelt. Das werden Sie büßen. Ich gebe Ihnen eine letzte Chance, und das meine ich bitter ernst: Wenn ich nicht heute nacht in Ihren Armen liege, dann werde ich Sie in Wien zugrunde richten. Ich werde Sie dem Spott preisgeben und unmöglich machen. Auch wenn Sie heute noch berühmt sind und verehrt werden – das kann sich ändern. Denken Sie daran, Doktor Mesmer. Mein Gemahl ist ein sehr einflußreicher Mann am Hof der Kaiserin …!«

Sie zitterte am ganzen Körper und wankte zum Sofa zurück. Sie streckte die Hände nach Mesmer aus.

Er beachtete diese Geste nicht, sondern drückte die Türklinke nieder und rief nach einem seiner Lakaien. Als dieser eintrat, befahl der Arzt mit barscher Stimme: »Geleite die Gräfin von Seitenstätten hinaus und führe sie zu ihrer Kutsche. Sie möchte nach Hause fahren!«

Der Wunderdoktor von Wien wußte, daß er viele Feinde hatte. Das brachten seine vielen Erfolge, die schier unfaßbaren und unerklärlichen Heilungen mit sich.

Doch nun hatte er eine Feindin mehr. Sie war eine besonders gefährliche Gegnerin. Eine Todfeindin. Mesmer wußte, daß sie ihm die Zurückweisung niemals vergessen würde.

Mesmer hatte es nicht leicht. Viele der Frauen, die er behandelte, waren in ihn verliebt, und es waren beileibe nicht nur die Frauen von Krämern und Handwerkern. Ja, es gab viele Damen von hohem Stande, die sich ihre Krankheit nur einredeten, um von ihm untersucht und behandelt zu werden. Er nahm sich ihrer an, und er nahm ihr Geld. Doch er überhörte grundsätzlich ihre Liebesbezeugungen, und eigentlich ekelten sie ihn mit der Zeit alle an.