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Egyd Gstättner

Herzmanovskys kleiner Bruder

Egyd Gstättner

Herzmanovskys
kleiner Bruder

und andere Geschichten
von Künstlern, Müßiggängern
und Abenteurern

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© 1999 by Amalthea
in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, Wien · München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel
Umschlagmotiv: Der Bücherwurm (Ausschnitt) von Carl Spitzweg
Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut Neuberger
& Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11/14 Punkt New Caledonia
Druck und Binden: Wiener Verlag, Himberg bei Wien
Printed in Austria
ISBN 3-85002-431-8
eISBN 978-3-902862-62-4

Inhalt

I. Großaufnahmen kleiner Helden

Please, hold the line

Thomas Bernhards Adabeis

Aus Herzmanovskys Tagebüchern

II. Zwischenzeiten

Fitness for Europe, naja

Mein Villacher Exil

1989 und was daraus wurde

2000 und was daraus wird

III. Oed und Edelschrott – Abenteuer auf Lesereisen

1. Quoten

2. Der ganz normale Fernsehstudiogast

3. Unter dem Christbaum

4. Im Bücherhotel

5. Debakel

6. Socken machen Leute

7. Autobahnen

8. Feldkirchen

9. Vor der Lesung

10. Im Prinzip von Prag nach Brünn

11. Die Augen der Kroatinnen

12. Nach der Lesung

IV. Stilleben

Frauenwallner –
Oder: Stilleben mit Wrackbarsch

Svetlana –
Oder: Stilleben mit Notausgang

Narziß –
Oder: Stilleben mit Tischtennistisch

Lukullus –
Oder: Stilleben mit Cholesterinspiegel

Cupido –
Oder: Stilleben mit Oleanderschwärmer

Hiob –
Oder: Stilleben mit Handgranate

Stilleben –
Oder: Winterzeit am Wörthersee

I. Großaufnahmen kleiner Helden

Please, hold the line!

Anrufbeantworter österreichischer Gegenwartsliteratur

Die Errungenschaften der Technik sind derart aberwitzig, daß mir daneben Aberwitz, Kreativität und Phantasie versagen. So habe ich unlängst eine message machine geschenkt bekommen. Mir sind aber nur völlig unpersönliche und banale Anrufbeantwortertexte eingefallen, was gerade in meinem Beruf doch peinlich ist. So bin ich in meiner Ratlosigkeit auf die Idee gekommen, ein wenig bei der Konkurrenz zu spionieren und abzuhören, wie die Kollegen das Problem gelöst haben.

Julian Schutting: Guten Tag. Ich bin gerade dabei, den Flügel meines Fensters immer wieder auf- und zuzuklappen und damit Lichtspiegelungen zu erzeugen. Ich bin daher leider nicht erreichbar. Falls Sie mir eine spannende Nachricht hinterlassen wollen, tun Sie das bitte schonend.

Bernhard C. Bünker: Sers, Oida. I binid daham, oba du konnst ma a kridische Nochricht hintalossn. I ruaf zruck. Sers.

Alois Brandstetter: Grüß Gott! (Sic!). Ich bin derzeit in der Kirche. Wenn Sie mir im Namen des Vaters, des Sohnes oder des Heiligen Geistes eine Nachricht hinterlassen wollen, so sprechen Sie bitte nach dem Amen. Amen.

Raoul Schrott: Schrott Schalamaleickum Schervasch / Bin nischt in Innschbruckck, Wattensch oder Imscht / Bin nicht in Alschier, Ckaschablancka oder schonschtwo / Bin auf dem Otschean / Da schnaltschen Wellen / ckracht die Brandunck / peitschen Schtürme / zischt die Gischt / Drum höre ich Schie leider nischt.

Peter Turrini: Liebe Mörder! Liebe Sünderinnen und Sünder! Hallo Fremder! Ich habe gar keine Angst vor Dir, und Du mußt gar keine Angst vor mir haben, denn ich bin ein Gemisch von Dir und Du bist ein Gemisch von mir. Ich bin so wie Du, also zum Beispiel nicht hier. Aber ich kann dir alles erklären. Sprich nach dem Signalton, wie Dir der Schnabel gewachsen ist.

Franz Innerhofer: Hmm! Hmm! Grrrh! Wrrm! Tüüt. So-was.

Michael Köhlmeier: Grüziwol, oderr. Das ist ein Anrufbeantwortertext, darin gehandelt wird von einem, der auszog und sich jenun noch nicht zurückgebracht hat, und der ist ohn Zweifel um ein vieles schöner als der Anrufbeantwortertext von einem, der gerufen wird Robert Schneider, welcher, falls er bar Anstand anderenends der Leitung Aufenthalt nimmt, aufgefordert ist, gleich wieder aufzulegen.

Robert Menasse: Please, hold the line! Ein nochmaliger Anruf wird neu gereiht und verlängert daher die Wartezeit. Delirieren Sie bitte nicht. Platz 27 wird sich in Kürze melden. Österreicherklärungs GesmbH, Intellektualitäten, Realitätsstrukturerklärungsmodelle, Phänomenologien, Mythen, Märchenfiguren aller Art; persönlicher Assistent des persönlichen Sekretärs des persönlichen Dr. Robert Menasse, derzeit großprojektswegen unterwegs in a) Rio de Janeiro, b) Venedig, c) Amsterdam, d) Wien I, Minoritenplatz; Guten Tag! Unsere Büros sind derzeit leider nicht besetzt. Wenn Sie eine Eröffnungsrede bestellen wollen, sprechen Sie bitte nach dem Signalton.

PS 1: Beachten Sie auch unser Sonderangebot der Woche: Sieben Hegelzitate zum Preis von sechs.

PS 2: Herr Haider, schleichen Sie sich Ihnen aus meiner Aura!

Peter Handke: Du Arschloch! Du hast mich angerufen, und ich bin nicht da. Selber schuld, Du Fernfuchtler! Wer immer Du auch sein magst (ausgenommen Sie, lieber Herr Unseld und Du, mein lieber, lieber Slobodan!), Du hast mir gar nichts zu sagen! Geh’ ins Wirtshaushinterzimmer und rede mit Deinesgleichen. Merke: Wer gegen mich ist, ist ein Arschloch. Wer für mich ist, ist ein Arschkriecher. Der Rest sind Pfaffen. Wenn Du das nicht verstehst, brauchst Du hier erst gar nicht weiter zuzuhören, also schiebe Dir den Piepston nach dem Piepston in den Arsch!

PS: Für den serbischen Schriftstellerverband: Nein, Schispringen werde ich nicht! Arschlöcher ...

Josef Winkler: Guten Tag. Ich bin am Friedhof. Danach werde ich auf einen anderen Friedhof gehen. Wird irgendwo auf der Welt ein Krematorium in Betrieb genommen, flieg ich gleich hin. Wenn Sie was wegen einer Kreuzigung wissen, rufen Sie nächstes Jahr wieder an. Sonst nicht.

Alfred Kolleritsch: Mahlzeit! (Man hört Gurgeln, Kauen, Schmatzen) Alle haben mich verlassen, und haben keine Nachricht, nur Enten und Fasane hinterlassen. (Schmatzt ungerührt weiter).

Gert Jonke: (zunächst ein Klavierkonzert, dann flüsternd:) Wenn Sie, geehrter Herr oder geehrte Dame oder aufgrund vergangener, gleichwohl aber ins Präsens hereinreichender Vorkommnisse und Wunderkünstlergeisteshaltungen entgegengesetzter Geisteshaltungen weniger oder gar nicht zu ehrender Herr oder Dame, nun abheben, sind Sie die überaus wahnwitzige Akrobatik der Technologie für sich nutzend mit einem funkelnden Schallwellenzauberkasten verbunden, der, bevor er sich in mystifizierender Absicht in eine andere Weltgegenwart begeben hat, von Gert Jonke mit einer sich selbst vorauseilenden und sich aus dem Unbekannten ihrer selbst heraus anstaunenden Sprache mit diesem von Ihnen nun akustisch wahrgenommenen regenwurmwachstumsartigen Endlossatzungetüm de luxe ausgerüstet worden ist, und Sie können anschließend nach Belieben ebenfalls eine milde Sprachgabe in den Klangklingelbeutel werfen. Ich muß Sie aber auffordern, wenn Sie sprechen, jedenfalls leise zu sprechen. Noch leiser! Noch leiser! Nein, immer noch zu laut. Ganz leise! Bemächtigen Sie sich einer an Stille heranreichenden Leisigkeit. Sprechen Sie genau in der Lautstärke, die das menschliche Ohr nicht hören kann.

Werner Kofler: Hier ist der Anrufbeantwortertext vom ähah Blblblblutwiesenwerner. Brrrrnhard! Grrrrnhardt! Ich bin nicht da, weil ich gerade dem Professor Ähah Amann drei schallende Ohrfeigen versetze. Der mag das, wenn ich das ähah mach’. Wenn Sie auch eine wollen, bestellen Sie nach dem Signalton. Oder klagen Sie mich. Sie können mich ruhig klagen. Klagen Sie mich ähah endlich!

Antonio Fian: Ich beteilige mich nicht an solchen Umfragen. Das ist unseriös. Unseriös kann ich nicht leiden. Literaturkabarett, peinlich! Heller! Also ohne mich!

André Heller: Ich bin ... ver...schwunden ...

Alexander Widner (1): Widner! Du kannst mich, er kann mich, sie kann mich, ihr könnt mich, Sie können mich alle nicht erreichen. Basta.

Alexander Widner (2): Hier ist der Anrufbeantworter des Klagenfurter Kulturstadtrats, Kulturamt. Ich tachiniere gerade. (Ich, der Anrufbeantworter, nicht der Boß. Der Boß ist super! Also ganz echt! Hähä!). Die nächste freie Leitung ist für Sie reserviert. Kann aber dauern. Hinterlassen Sie uns, was Sie wollen, aber eines sag’ ich Ihnen gleich: Budget haben wir keines.

Gernot Wolfgruber: Guten Tag. Ich bin in der Versenkung verschwunden und daher nicht erreichbar. Was wollen Sie denn? Man kann ja nicht jedes Jahr ein neues Buch machen. Oder jedes Jahrzehnt. Wo gibt’s denn sowas. Die Diana Kempf zieht sich ja auch zurück. Und die Jelinek. Hat nicht einmal einen Anrufbeantworter. Aus Wien zieht sich die Jelinek nach Hamburg zurück, aus Hamburg nach Wien. Von einem Theater versenkt sie sich ins andere und erzählt allen pausenlos, daß sie von niemandem etwas wissen will, weil sie keinen mehr aushält. Überhaupt wird sie jetzt demnächst aufhören, sagt sie. Versinkt, versinkt, versinkt. Und ist noch immer nicht versunken. Ich mach’ das gleich richtig. Auf Nimmerwiederhören.

Reinhard P. Gruber: (Man hört das Ploppen und anschließende Zischgeräusch, wenn eine Bierflasche geöffnet wird) Gausthaus zum Grourber vulgo Schülcher hicks, Griaß Goud! Schreibm tamma hicksgamma. Oun jougendliche Zniarchtlstairer darf kein hicks Grourberix ausgehickst rülps klick tütütüt.

Marie Thérèse Kerschbaumer: Guten Tag, Herr Ministerialrat. Ich habe mir gleich gedacht, daß Sie es sind. Der Herr Bundeskanzler hat ja keine Zeit mehr für die Kunst, seit er Kunstkanzler ist. Sie können mir leider keine Nachricht nach dem Signalton hinterlassen. Ich lasse gar keinen Signalton tönen, weil ich die ganze Kassette für ein Märchen brauche. Ja, ich möchte Ihnen ein Märchen erzählen. Ein Märchen von einem steuerpflichtigen Stipendium. Ein Stipendium, das ich nicht bekommen habe. Doch, das gibt’s. Es war einmal ein armes, trauriges Stipendium, das einem überwiesen wurde, der ohnehin publiziert. Was soll ich denn bei dem?, dachte das arme, traurige Stipendium, ich möchte viel lieber zur Marie Thérèse Kerschbaumer. Das Stipendium begann bitterlich zu weinen und tütütüt.

Josef Haslinger (Man hört den Soundtrack von Bonanza, durchmischt mit Peitschenknallen, dem Getrampel einer Büffelherde, Cowboylustjauchzern, dem Lachen von J. R. Ewing, dann Haslingers Stimme. Er rappt): Howdie, friends, neighbours and Franz Shoe. This is Joe speaking. I’ve just gone to the west. Keine Bange, was Scharang kann, kann ich schon lange. John-Wayne-Stipendium. Horrorthrillerworkshop. Im nächsten Roman lasse ich ganz Österreich explodieren. Wird sehr psychologisch. Austria missing in action. Für Fischer tut man alles. Rückflug über Dover. Tschau, Servus, off and over.

Gerhard Roth: Roth! Gerhard Roth! Ja, genau der. Einziger würdiger, sinnvoller, rechtmäßiger, einschichtiger Nachfolger von T. B. (Man hört das Summen von Bienen). Einziger lebender Großdichter, der Nazis schon fünfzig Kilometer gegen den Wind erschnuppert. Sagen Sie nichts! Hinterlassen Sie nichts! Dafür bin ich da. Außerdem ist die Wirklichkeit so schlimm, daß sie nur von mir beschrieben werden kann. Und von Ivica Osim. (Das Bienensummen wird lauter). Ach! Einmal so philosophisch sein wie Ivica Osim! So dunkel! So schwermütig! So slawisch seelisch! Ach! Einmal Trainer von Sturm Graz sein. Eine Reise ins Innere von Sturm Graz. Aber nein, nach Schwarzenegger benennen sie das neue Stadion, diese Heckennazis! Warum nicht gleich nach Wolfgang Bauer oder Werner Schwab! (Roths Stimme geht im dröhnenden Bienensummen unter).

Ernst Jandl: Ich sein Anrufenenantwortenenmaschinenen. Nix dadasein jetzen Jandelen an Muschelen. Vielleicht Mayröckerle sein. Vielleicht Friederickelen sein. Vielleicht Wendelen Schmidtelen Dengelen sein. Vielleicht einfach Doktorle sein. Nix wissen nix ich Blechtrottelen modernenen. Wollen sprechen, sprechen nach düüd. Aber nix plemplem Plappernen machenen!

Thomas Bernhards Adabeis

Eine Erinnerung

Folge 1

Prof. Rudolf Brändle, Kapellmeister: Als ich T.B. kennenlernte, war er erst achtzehn, während ich schon siebenundzwanzig war, das ist ein großer Unterschied. Er war damals ein magerer Kaufmannslehrling, aber das schlanke Bürscherl hatte eine profunde Baßstimme. Am liebsten ging er in die Dorfkirche von St.Veit und sang Sarastroarien. Seine Stimme war zwar naturbelassen, aber von klarer Diktion. Er wollte damals allen Ernstes Sänger werden. Ich wollte damals allen Ernstes Kapellmeister werden.

Folge 2

Ingrid Bühlau, Mozarteumskollegin: In seiner Jugend hatte T.B. eine innere Schüchternheit, die er zeitlebens nicht abgelegt hat. Wir haben in Hamburg zusammen schwermütige, kraftvolle Lieder im Bauernmilieu gespielt mit stetig wachsender Besessenheit. Dann hat uns meine Mutter zum Essen geholt. Als T.B. immer berühmter wurde, habe ich ihn in Ohlsdorf besucht, und wir haben wunderschöne Reisen gemacht. Aber da war die Jugend schon vorbei.

Folge 3

Ulrike O’Donnel (lebt mit ihrem Mann Gabriel in Hochkreuth): Bei uns hat T.B. die Extremsituation kennengelernt, die ist, wenn man auf dem Berg ist. Wenn mehr Leute waren, war er eher scheu. Wenn eine kleinere Gruppe war, ist er aus sich herausgegangen. Das ist interessant gewesen. Wen er aufs Korn genommen hat, der ist ganz schön drangekommen. Das war eine Extremsituation, ganz schön eine. Aber man hat ihn ja gekannt, wie er war.

Gabriel O’Donnel: Ja, hähä, schon.

Folge 4

Lieselotte Üxküll, Brüsseler Quartiergeberin: T.B. hat aus dem Stand heraus erzählen können. Einmal hat er ein Buch gelesen, und da haben wir ihn gebeten, daraus vorzulesen. Er hat daraus vorgelesen, und nach ein paar Minuten haben wir bemerkt, daß er gar nicht aus dem Buch vorgelesen, sondern einfach irgend etwas dahererzählt hat, aber ganz flüssig. Da haben wir gewußt, es ist ein Wunder geschehen.

Ein kurzes Zwischenspiel:

T. B.: Von Küste zu Küste – wenn man das wüßte!

(Krista Fleischmann in stillem Gebet versunken)

Folge 5

Gerda Maleta (schreibt ein Buch über T.B. und wurde beim Alma-Mahler-Ähnlichkeitswettbewerb 25.): Alle meine Freunde umarmen mich, ich umarme alle meine Freunde, außer T. B., weil T. B. nicht immer in der Stimmung war, umarmt zu werden. Wenn T. B. etwas geschrieben hat, hat er immer ein böses Gesicht gemacht, das hat geheißen: Sprich mich nicht an. Da habe ich ihn nicht angesprochen. Bevor T. B. angefangen hat, etwas zu schreiben, ist er immer zu einem kleinen Friseur gegangen – er mochte keine großen Friseure – und hat sich fast kahl schneiden lassen mit der Begründung, daß er sich jetzt vollkommen in seinen Denkkerker zurückzieht und absolut niemanden sehen will, auch mich nicht. Stell’ dir vor, ich müßte mir während des Schreibens plötzlich die Haare schneiden lassen, sagte er einmal, nicht auszudenken. Dann hat er sich eine Woche, zwei Wochen wie ein Igel eingeigelt und geschrieben. Nach zwei Wochen ist T. B. wieder aus seinem Denkkerker herausgekommen, hat ganz lange Haare gehabt, aber er war völlig entigelt. Ich habe ihn umarmt, und er hat gesagt: Siehst du, wie gut, daß ich beim Friseur gewesen bin!

Folge 6

Gerda Maleta (schreibt ein Buch über T. B.): Ein Schriftsteller schöpft immer aus seiner Umgebung (siehe dazu auch: Gerda Maleta schreibt ein Buch über T. B.; Anm. d. Autors), woher denn sonst! Die Jagdgesellschaft spielt fast hier – nur mit anderen Auswirkungen. Wir haben keine Borkenkäfer. Das muß der Phantasie freigelassen sein! Also noch einmal: Wir haben wirklich keine Borkenkäfer hier. Ich hab’ noch keinen gesehen, auch nicht auswirkungsweise. Anderenfalls hätte T. B. die gastfreundliche Atmosphäre im Hause Maleta auch nicht so geschätzt. Aber ein Schriftsteller muß aus seinem Material machen dürfen, was er will (Siehe dazu auch: Gerda Maleta schreibt ein Buch über T. B.).

Ein kurzes Zwischenspiel:

T.B.: Wenn ich Sie anschaue, ist das Liebe ...; und wenn ich wegschaue, ist das wieder Liebe ...

(Krista Fleischmann weiß nicht, wo sie hinschauen soll, läuft hinter der Kamera blutrot an und erhöht das Bettempo).

Folge 7

Alfred Morth, Wirt: T.B. ist so dagesessen und hat sich die Leute angeschaut, die Gegend angeschaut, alles angeschaut. Fünfmal hat er sich umgedreht, bevor er hinausgegangen ist, manchmal sechsmal. Er hat alles irgendwo registriert, im Kopf. Er hat immer zu denen gezählt, die, was sie registrieren, im Kopf registrieren.

Anna Brandl, Wirtin: Er war ein ganz bescheidener Mensch, alles hat er gegessen, was grad da war, und wir haben ihn halt sehr verehrt. Eine Woche vor seinem Tod hat er noch einen Surbraten gegessen, mit einem Knödel dazu, gell, und dann hat er zur Mizzi, der Kellnerin, gesagt: Mei, war der wieder gut.

Mizzi (schluchzt verhalten, schluckt Tränen und Nasensekret hinunter)

Alfred Morth, Wirt: T. B. hat den Todessurbraten registriert, im Kopf.

Folge 8

Bei der Familie Altenburg (direkte Nachkommen Kaiser Franz Josephs) lernte T. B. die Probleme einer kinderreichen Familie kennen. Neugierig verfolgte er Schwangerschaften und Geburten. Bei jeder Schwangerschaft fragte er sich, was wohl daraus würde. Jedes Mal ist ein Kind daraus geworden. Bei jeder Geburt fragte er sich, was wohl daraus würde. Es ist jedes Mal ein direkter Nachkomme Kaiser Franz Josephs daraus geworden.

Christa Altenburg: Er hat bei uns die Familie gesehen. Das Wachsen der Familie hat ihn schon sehr beeindruckt.

Ein kleines Zwischenspiel

T.B.: Der Luchs und sein Luxus ...! Der Mauerluchs und sein Mauerluxus ...!

(Krista Fleischmann in stillem Gebet versunken)

Folge 9

Ein holländischer Fernsehfilmer (schleicht seit Tagen um den Vierkanthof in Obernathal herum): Herr Bernhard, haben Sie sich jetzt für das Leben entschieden?

B.: Weiß ich nicht.

Holländer: Schreiben Sie jetzt ein neues Stück?

B.: Vielleicht.

Holländer: Warum leben Sie so zurückgezogen?

B.: Ich leb’ gar nicht zurückgezogen.

Holländer: Das Problem ist, daß ich überhaupt keine Fragen habe.

B.: Die Schwierigkeit ist, daß ich überhaupt keine Antworten habe.

Folge 10

Krista Fleischmann (dreht Filme über T. B., über sämtliche Hinterbliebene, die sich interviewen lassen, über sämtliche Gummistiefel, die in der Garderobe aufgeschlichtet sind, und baut damit ein Wochenendhaus in Niederösterreich) faßt zusammen:

1) Der unveröffentlichte literarische Nachlaß bezeugt T. B.’s Formenwillen. (Aha-Erlebnis 1)

2) T. B. sagt: Wichtig ist nicht, was ich schreibe, sondern wie ich es schreibe (= nicht der Inhalt ist das Entscheidende, sondern die Form!) (Aha-Erlebnis 2, gleichzeitig Nona-Erlebnis 29)

3) T. B. sagt: Alles, was ich zu sagen habe, steht in meinen Büchern. Aber das wollen wir noch sehen.

Morgen: Auf vielfachen Wunsch wiederholen wir die Folgen Gerda Maleta und Gerda Maleta, Teil 2. (Gerda Maleta hat ein Buch über T. B. geschrieben. Es heißt Wie ich Thomas Bernhard umarmt habe).

Aus Herzmanovskys Tagebüchern

4. 10.

Endlich! Der Nebel im Kopf lichtet sich. Idee für einen neuen Roman. Titel: Ich bin ein langweiliger Mensch und keiner kommt mich besuchen. Weiter bin ich noch nicht. Aber das werde ich den Journalisten jetzt immer sagen, wenn sie mich nach meinen nächsten Projekten fragen. Was vorläufig zu tun ist: Recherchieren, Materialien sammeln. Den Verleger begeistern. Den Vertrieb begeistern.

7. 10.

Habe heute im Wirtshaus ein Mädchen kennengelernt. Daß mir noch sowas passiert in meinem Alter! Das Mädchen ist bei der Tür hereingekommen und hat sofort mein gesamtes Gehirn in einen Schlagertext verwandelt. Habe mich sehr bemüht, ihr meine heruntergekommene Gesamtgesundheit zu verbergen. Nicht geräuspert, nicht gehustet, nicht gerotzt, nicht ausgespuckt. Sie arbeitet in der Buchhandlung und heißt Mercedes. Würde gerne einsteigen.

15. 10.

Von Fritz ist wieder ein Band mit Skizzen und Fragmenten erschienen. Titel: Im Garten der Erkenntnis. Ein ganz schlechter Titel, letztklassig. Wie maßlos Fritz überschätzt wird! Im Nachwort wird Fritz Meister der sublimen Bagatelle genannt. Da habe ich sofort wieder Kopfschmerzen bekommen.

16. 10.

Idee für Romantitel: Otto Normalverbrauchers Glück und Ende. Erst einmal einwirken lassen.

24. 10.

Ein Herr Doktor Mumelter von der Stadtbibliothek Meran hat angerufen und will mich für eine Dichterlesung im Frühjahr verpflichten. Er hat ausdrücklich das Wort Dichterlesung verwendet, nicht einfach bloß Lesung. Na also. Aber wie der geleiert hat, nicht anzuhören. Angeblich leiern alle Südtiroler. Und alle heißen Mumelter. Das Leiern kommt wohl von Oswald von Wolkenstein. Fritz meint, hinter der Südtiroler Artikulationslahmarschigkeit und dem gutturalen Geleier verbirgt sich aber allzu oft padanisches Dynamit. Fritz hat mir aber auch viel von den landschaftlichen Schönheiten Südtirols erzählt. Werde brieflich prinzipiell zusagen. Außerdem eine Gelegenheit, nach so vielen Jahren Fritz wiederzusehen. Hatte neben Kopfschmerzen auch wieder Rachenschmerzen, Atemnot, Schwindelanfälle.

27. 10.

Fritz meint, Meran sei ischlerischer als Ischl. Chronisches Kaiserwetter. Außerdem die Zedern, die Aurakien, die duftumwobenen Hochgebirge, die weißen Riesen. Meran ist gut gegen Tuberkulose, die Tuberkulose aber freilich nicht gut für Meran. Viele Meraner stecken sich an der von der mondänen Kurgesellschaft mitgebrachten TBC an und sterben jämmerlich. Des einen Freud, des andern Leid. Aber Fritzens saurem Nierndl geht es gut in Meran.

2. 11.

Wollte am Friedhof Mercedes treffen. Vor dem Friedhof war aber solches Gedränge, daß ich gar nicht hineingegangen bin. Statt dessen zum Autofriedhof spaziert. Womöglich wird eine sublime Bagatelle daraus entstehen. Schluckbeschwerden. Nebenhöhlenweh.

5. 11.

Nicht umhingekommen, höflichkeitshalber eine Vernissage zu besuchen. (Habe dem Buben der Galeristin letztes Jahr die Beistrichregeln beigebracht): Wiederum fürchterliches Gedränge. Es war aber auch diesmal eine Art Allerheiligenverrichtung. Der Maler ist tot, und der Eröffnungsredner sagt, der Maler hat zu Lebzeiten intensiv daran gearbeitet, alles Biographische aus seinen Bildern herauszumalen. Das Publikum war schon zu Lebzeiten ganz gebannt und hat dem Maler zugerufen: Toll! Superidee, alles Biographische aus deinen Bildern herauszumalen! Darauf haben wir lange gewartet! So sind die kohlrabenschwarzen Bremsspuren des Malers entstanden, die jetzt an den Galeriewänden hängen. Autofriedhof. Die Galeristin ruft ins Gedränge: Bitte passen Sie mit den Kaviarbrötchen auf! Ich hoffe, es haben alle etwas zu trinken! Der Bub der Galeristin ist übrigens trotzdem durchgefallen.

7. 11.

Idee für einen Lyrikband. Titel: Dicke Hausfrau in den Wechseljahren im November. Gar kein Procedere. Sowas schreibt sich ganz von allein.

8. 11.

Denke unentwegt an Mercedes, allerdings nichts Besonderes. Das, was man eben so denkt. Fühle mich um zehn Jahre jünger, war vor zehn Jahren allerdings auch miserabel beisammen.

9. 11.

Karte von Fritz. Er freut sich auf ein Wiedersehen. Wir können, schreibt er, das linke Ufer der Passer entlang auf der Sommerpromenade, am rechten Ufer die Winterpromenade bei der Wandelhalle zurückflanieren, die Kurgesellschaft beim Lustwandeln und Herumsitzen beobachten, vielleicht einem Platzkonzert beiwohnen, vielleicht einen Ausflug auf das Vigiljoch oder ins Etschtal oder nach Tarockanien unternehmen, das Puccinitheater besichtigen, auf alle Fälle Vernatsch trinken und schönen durchwachsenen Speck und Vintschgerlaibchen kauen. Ich kann ohne weiteres bei ihm auf Schloß Rametz übernachten. Außerdem schöne Grüße von Tante Berta.

Gebrummel im Oberbauch. Atemnot. Keine Ahnung von Vintschgerlaibchen. Will und kann nicht Karten spielen.

10. 11.

Komme mit dem Langweiligen Menschen nicht so richtig weiter. Bin nervös. Habe immer das Gefühl, daß etwas Großes vor der Tür steht. Dafür Idee für einen Roman. Titel: Bei der nächsten Frau wird alles anders. Verleger begeistern. Vertrieb begeistern. Um den Buchhändler herumscharwenzeln. Auch dann und wann ein Gesichtsbad bei Lesungen anderer Leute nehmen.

14. 11.

Am Anrufbeantworter eine Nachricht von einem Wiener Ideenbüro. Ein Widerspruch in sich. Soviel ich verstanden habe, geht es um einen workshop für creative writing bei einer Winterakademie. Wo soll da jetzt die Idee sein? Die können mich! Werd’ ich irgendwelche Tante Bertas im Jänner in Hinterstoder zwischen Nebelschwaden und Eiszapfen zum Texten animieren! Als ob es nicht schon genug Leute geben würde, die schlecht und überflüssig schreiben und sich weiß-Gott-was darauf einbilden. Soll jeder glücklich und zufrieden und dem Schicksal dankbar sein, wenn er nicht kreativ ist. Wenn schon, dann lieber töpfern oder batiken. Om! Oder Ungarisch nach der Naturmethode. Literaturworkshops sind Schwachsinn, vor allem im Winter. Fritz denkt genauso. Nachricht unbeantwortet gelöscht. Die Dicke Hausfrau in den Wechseljahren im November macht sich.

15. 11.

In Meran ist ein Mord passiert, steht in der Zeitung. Genaueres weiß man noch nicht. Morde kommen natürlich überall vor.

22. 11.

Der Verleger meint, die Geschichte mit Otto Normalverbraucher erinnere ihn zu sehr an Grillparzer. Kinderzimmergrillparzer, hat er gesagt. Soll meinen eigenen Stil finden. Absage. Ohrenschmerzen.

25. 11.

Idee für ein Drama. Titel: Wirkl. Hofrat Ost.Prof.Mag. DDr. Faust. Sowas sollte jeder anständige Dichter im Programm haben.

27. 11.

Mercedes erzählt, Fritz verkauft sich ganz ausgezeichnet. Die Leute reißen sich um den Garten der Erkenntnis. Ein Zischbuch, sagt sie, ein richtiges Zischbuch. Starke Kopfschmerzen, Rachenschmerzen, Schluckbeschwerden, Atemnot, Schwindelanfälle, Gallenweh! Glaube aber nicht, daß Mercedes mich absichtlich quälen wollte. Zugegeben, sie ist ein oberflächlicher Mensch. Aber was für eine Oberfläche!

28. 11.

Terminvorschlag aus Meran: 26. März. Läßt sich machen. Hatte am 26. März noch nichts vor. Ort der Lesung wird das Café Palmengarten direkt an der Promenade sein. Im Meranerhof ist ein Einzelzimmer für mich reserviert.

29. 11.

Habe der Journalistin in den Notizblock diktiert, daß ich Nihilist bin und praktisch unentwegt im Keller Tischtennis gegen die Wand spiele. Während des Tischtennisspielens spiele ich immer Mozarts Requiem, und immer gewinnt die Wand. Eigentlich dichte ich auch nur, um mich vom Tischtennisspielen und für das Tischtennisspielen zu erholen. Ein spezifisches Konzentrationsprinzip. Habe meinen eigenen Stil beim Tischtennisspielen. Bin wesentlich stärker als Fritz, auch besser als Tante Berta. Habe der Journalistin gegenüber das Marathonextremtischtennisspielen als den Sinn des Lebens bezeichnet. Das soll mir erst einer nachmachen. Übermorgen soll das Interview in der Zeitung stehen. Etwas Großes steht vor der Tür. Da werden die Leute schauen. Es wird der Tag kommen, an dem man nicht mich als Bruder von Fritz, sondern Fritz als Bruder von mir bezeichnet. Einstweilen Halsschmerzen.

Idee für eine sublime Bagatelle. Titel: Stilleben mit Tischtennistisch.

1. 12.

Der Meranerhof, meint Fritz, sei ein vorzügliches, altehrwürdiges Hotel ganz nach meinem Geschmack. Da haben schon Zweig, Kafka, Schnitzler, Dietmar Grieser übernachtet, und alle haben sich an der Rezeption im Goldenen Gästebuch mit einem goldenen Aphorismus verewigt, Dietmar Grieser außerdem mit einer eigenen Autogrammkarte mit Portraitphoto. Die Zimmer mit allem Komfort wie Badewanne und Fernsehgerät – man kennt ja die Inhalte der italienischen Sender nach Mitternacht – dazu ein barockisierender Luster, ein barockisierender Schreibtisch und barockisierendes Hotelbriefpapier. In der Schreibtischlade liegt der dreisprachige Führer Südtirol im Jahreskreis mit dem Vermerk Bitte nicht mitnehmen!, im Nachtkästchen ein Neues Testament, ebenfalls dreisprachig, aber ohne weiteren Vermerk. Im Kleiderkasten hängt ein Kärtchen, auf dem die Direktion ihre Gäste höflichst ersucht, im Hotelzimmer aus Sicherheitsgründen bitte nicht zu bügeln. Diesbezüglich, schreibt Fritz, macht er sich bei mir aber von Haus aus gar keine Gedanken. Er weiß, daß ich weiß, was sich gehört.

Weiteres Procedere: Einen Aphorismus für das goldene Gästebuch überlegen. Barocklyrik studieren. Autogrammkarten mit Portraitphoto anfertigen lassen.

2. 12.

Nachricht vom Verleger. Bei der nächsten Frau wird alles anders scheint ihm doch eher in die Leiste Negative Emanzipationsliteratur zu gehören. Paßt nicht ins Verlagsprogramm. Absage. Schimpfwort.

In Meran ist noch ein Mord geschehen. Mache mir Sorgen um Fritz. Diesmal ein ganzseitiger Bericht in der Zeitung. Man kennt weder den Mörder noch das Motiv, nur die Opfer, Angehörigen, Gerüchte und Mutmaßungen. Vermutlich mußte deswegen aus Platzgründen auch mein Interview entfallen. Macht nichts, ich bin zeitlos. Dann eben morgen.

3. 12.

Das Interview ist wieder nicht erschienen. Habe in der Zeitungsredaktion angerufen. Die Journalistin hat sich aber verleugnen lassen. Schluckbeschwerden.

Noch eine Nachricht vom Wiener Ideenbüro wegen des creative writing- workshops. Die Winterakademie findet auf Teneriffa statt, im Jänner Durchschnittstemperaturen von + 25° C. Im Grunde kann es ja nicht schaden, wenn man seine literarischen Erfahrungen weitergibt. Procedere: Noch einmal über das Angebot nachdenken, dann schleunigst zusagen.

Heute abend beinahe mit Mercedes ins Bett gegangen. Sie wollte dann aber doch noch nicht. Sie sagt, sie muß zuerst mit ihrem Freund Schluß machen. Momentan geht das aber nicht, weil er in Budapest ist. Sublim. Sie ist so süß!

4. 12.

Das Interview ist wieder nicht erschienen. Dafür hat aber eine Frau Doktor – ihren Namen habe ich nicht verstanden – vom Das Blaue Who is Who. Verlag für Prominentenenzyklopädien AG angerufen: Ich bin Who, ich bin aufgenommen, was, wie die Frau Doktor sagt, eine große Ehre ist, weil man sich diese Aufnahme nicht erkaufen kann. Fein. Wenn ich mit Bild vertreten sein will, kostet das aber vierhundert Schilling. Ich will nicht mit Bild vertreten sein. Wenn ich gleich ein Exemplar bestelle, kann ich es zum Subskriptionspreis bestellen. Ich bestelle kein Exemplar zum Subskriptionspreis: Meine Biographie kann ich auswendig, und die anderen Prominenten interessieren mich nicht. Ich bin undankbar. Ich glaube, man wird mich im letzten Moment aus der Prominentenenzyklopädie wieder hinauswerfen. Aber so bin ich.

Nachmittags in der Redaktion angerufen und diesmal die Journalistin erwischt. Habe sie gefragt, was sie glaubt, wer ich bin, und ich habe ihr dann gleich von mir aus gesagt, daß ich Who und in Who is Who bin, und wenn ich gewollt hätte, sogar mit Bild. Habe gesagt, ich bin keiner, der Interviews gibt, damit sie dann nicht erscheinen.

6. 12.

Faust fallenlassen. Heiße Magister, heiße Doktor gar, das ist im Grund ein altes altösterreichisches Thema. Aber im übrigen ist Faust unösterreichisch. Faust ist deutsch. Überhaupt: Deutsch ist unösterreichisch, österreichisch undeutsch. Deutschland ist Unösterreich, Österreich Undeutschland. Aufheben für den nächsten Aphorismenband! Jetzt, wo die Deutschen im großen und ganzen aufgehört haben, ihre Kinder Lothar zu nennen und wieder massenhaft Kuscheldeutsche durch Uerdingen flanieren, werden sie erst recht gespenstisch.

Idee für ein Alternativprojekt: Den ganzen Faust I. und II. Teil mit Kasperlfiguren auf einer Puppenbühne spielen. Hätte einen sublimen Herabwürdigungseffekt und wäre nebenbei vergleichsweise eine enorm kostengünstige Produktion. Procedere: Das Krokodil in Mephistopheles umbauen, Theaterverlag motivieren, Intendanten interessieren, hartnäckig sein. Am meisten Geld ist aber in Deutschland.

Wegen der Kopfschmerzen, Rachenschmerzen, Schluckbeschwerden, Atemnot zum Homöopathen gegangen. Der Homöopath hat gefragt, ob ich auf Behindertenparkplätzen parken würde. Werde nicht mehr zum Homöopathen gehen. Seit heute nachmittag auch Würgereiz.

Wieder zwei Morde in Meran. Bitte Fritz brieflich um nähere Informationen.

7. 12.

Idee für einen Roman mit dem Titel Ackermanns Gespräche mit der Finanz. Procedere: Schreiben. Am Christkindlmarkt für Mercedes einen Plüschteddybären gekauft. Soll eine Weihnachtsüberraschung werden. Beim Photographen wegen der Autogrammkarten mit Portraitphoto gewesen. Sind für mich aber unerschwinglich. Also weiterhin Aphorismen ohne Bild. Würgereiz.

9. 12.

In der Zeitung steht, das hiesige Landestheater plant die Aufführung eines Stückes von Fritz. Titel: Abduhenendas mißratene Töchter. Im Grund unaussprechbar. Da ist das Scheitern vorprogrammiert. Völlig schwachsinniger Plot, übelste Boulevard-Fantasy. Fritz ist drauf und dran, sich sein bißchen Karriere vollends zu ruinieren.

Komme meinerseits jetzt doch recht gut mit dem Langweiligen Menschen voran. Besserung der Ohrenschmerzen. Mercedes hat mir abends gesagt, daß sie mich irgendwie liebhat. Ein großartiger Tag. Tandaradei.

10. 12.

Bei den Tischtennis-Stadtmeisterschaften in der Vorqualifikation ausgeschieden. Mein Gegner hat Horst Huber geheißen, ist aber Mitinhaber eines Chinesischen Restaurants und hat von daher einen signifikanten sinologischen Vorteil gehabt. Es war von der Turnierleitung nicht erlaubt, das Requiem zu spielen, und Huber hat nur auf meine Fehler gewartet.

11. 12.

Mein Interview ist in der Zeitung erschienen! Die Journalistin hat aber alles falsch wiedergegeben. Sie hat weder etwas von meinem Nihilismus, noch etwas von meiner Tischtennismanie erwähnt, geschweige denn vom metaphysischen Sinnhintergrund dieser Tischtennismanie oder von der musikalischen Begleitung durch das Mozartsche Requiem. Dies irae, backhand cross. Statt dessen hat sie geschrieben, daß ich darunter leide, überall im Schatten meines berühmten Bruders zu stehen. Bin sofort zum Anwalt gelaufen. Der Anwalt meint, eine Klage sei eher aussichtslos. Arge Kopfschmerzen, Alpdruck, Sodbrennen.

13. 12.

Fritz arbeitet an einem Mittelding zwischen Ritterstück und Puppenkomödie, das von zwei Tiroler Drachen namens Blasius Pfurzschnöller und Ingenuin Pflusterwimmer handelt. Mache mir Sorgen um Fritz.

14. 12.

Idee: Etwas über Meran schreiben, was ich dann nach Meran mitbringen und den Meranern im Original vorlesen kann. Weiteres Procedere: Nachdenken was.

War abends mit Mercedes verabredet. Wollte einmal richtig mein Herz ausschütten. Sie hat mich aber versetzt. Seit Tagen nichts von ihr gehört. Wohin mit meinen Innereien? Es ist vorbei mit dem Tandaradei. Procedere: Alles Biographische aus meinen Texten heraustexten. Radikale Vertotung des Privatlebens.

15. 12.

Idee für einen Roman. Titel: Radikale Vertotung des Privatlebens. Untertitel eventuell Wohin mit meinen Innereien? Procedere: In der Szene annoncieren. Literaturkritiker begeistern.

16. 12.

Der Theaterverlag schickt mir eine Empfangsbestätigung bezüglich der Faustsache und bittet gleichzeitig um Geduld. Dessen ungeachtet lädt er mich zu einem Festival ungarischer Gegenwartsdramatik nächstes Jahr nach Budapest ein. Obwohl ich eigentlich kein ungarischer Gegenwartsdramatiker bin, sage ich prinzipiell zu. Was nicht ist, kann ja noch werden.

17. 12.

Weihnachtskarte von Fritz. Er freut sich schon auf meine Lesung und will zuhören kommen. Grüße auch von Tante Berta. Ob auch sie zur Lesung kommt, hängt von der TBC ab. Tante Berta ist eigentlich gar keine richtige Tante.