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Ludwig W. Müller

DER PARAGRAFENREITER

Ludwig W. Müller

DER PARAGRAFENREITER

EIN ANWALT
SIEHT ROT

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http://www.amalthea.at

© 2011 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Schutzumschlaggestaltung: Kurt Hamtil, verlagsbüro wien
Herstellung und Satz: studio e, Josef Embacher
Gesetzt aus der 11,5/14 Bembo
Gedruckt in der EU

ISBN 978-3-85002-762-5
eISBN 978-3-902862-58-7

I

Eine lackierte Stoßstange ist ungefähr so sinnvoll wie ein weißer Seidenanzug für den Rauchfangkehrer. Genauso gut könnte ich einen Vorschlaghammer mit Porzellan verkleiden oder mir die Innenseite meines Dickdarms tätowieren lassen. Denn wozu dient eine Stoßstange? Richtig: den Stoß eines anderen Fahrzeugs abzufangen. Dieser Sinn wird durch die serienmäßige Verwendung lackierter Stoßstangen heute konsequent unterwandert. Damit die Werkstätten wenigstens etwas verdienen, vermutet der Konsumentenschutz, wenn schon beim Autoverkauf selbst keine brauchbaren Margen mehr drin sind.

Der Mann, der heute Morgen aus der Garagenausfahrt Hernalser Hauptstraße 57 herauswollte, hat lackierte Stoßstangen an seinem Offroader. Der Audi Q7, der für die Fahrt durch Wald und Fels konstruiert ist, hat hinten und vorne Puffer, an denen bloß kein Kind mit dem Fingernagel streifen darf. Ein Kratzer in der Größe eines Katzenhaars und die Kiste steht eine Woche beim Karosseriespengler. Aber so weit hat es der Besitzer des Hofparkplatzes gar nicht kommen lassen. Mein Volvo Kombi ragte genau zwanzig Zentimeter in den Luftraum vor seiner Ausfahrt und das war Grund genug, meine Abschleppung zu veranlassen. Hinter mir mit seinem speziallackierten Luxusjeep vorbeizulenken, kam ihm nicht in den Sinn. Dem Herrn Doktor muss man wohl erst begreiflich machen, dass man mit dem Lenkrad nicht nur hupen, sondern auch die Fahrtrichtung verändern kann.

»Der lässt jeden abschleppen«, hat mir ein Passant mit Hund erklärt, dem der Besitzer des Offroaders bereits bekannt war. »Der macht gleich kurzen Prozess.«

Da täuscht er sich allerdings. Ich mache keine kurzen Prozesse. Ich bin Anwalt.

Aber erst einmal werden das die Herren vom Abschleppdienst zu spüren bekommen. Die haben mich nämlich unter Androhung von Gewalt daran gehindert, in meinen Wagen zu steigen und wegzufahren. Dazu hätte ich das Recht gehabt, das hat der Verwaltungsgerichtshof klar ausjudiziert. Die Vorderräder hatten beide noch Bodenkontakt. Mit seiner bulligen Figur hat er mir den Weg versperrt, dieser willige Vollstrecker der Offroaderkaste, und unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass er auch weiter gehen würde, um mich am Einsteigen und Wegfahren zu hindern. Als ich bei der Polizei angerufen habe, wurde ich harsch darauf hingewiesen, dass dies der Polizeinotruf sei. Ist Nötigung durch einen Mitarbeiter des Abschleppdiensts kein Fall für den Polizeinotruf? Werde ich dort nur weitergereicht, wenn ich mit letzter Kraft ins Telefon hauche: »Hallo, ich bin kurz am Autobahnrastplatz eingeschlafen, jetzt ist mein Auto weg, mit allem drin, ich sitz da nackt an einen Baum gefesselt und hinten fehlt mir eine Niere!«

Nachdem ich mit reichlich Verspätung in der Kanzlei angekommen bin, hört sich der Dr. Prucha geduldig meine ausführliche Schilderung des Falles an, während sich der Rauch von drei Marlboro Menthol in seiner Lunge aufstaut. Dann schüttelt er den Kopf und steckt sich noch eine an.

»Grundsätzlich hast du Recht, Kollege Just. Hol einmal dein Auto ab, dann schauen wir uns an, was wir machen können.«

»Das krieg ich aber nur, wenn ich die Abschleppung bezahl. Die Kosten für eine rechtswidrige Abschleppung.«

Der Dr. Prucha atmet den Qualm einer Schachtel Marlboro aus und hustet dabei wie ein TBC-kranker Werwolf. Kaum zu glauben, dass er zugleich ein derartiger Sportfanatiker ist. Tennis, Golf, früher war er beim ABC, dem Akademischen Boxclub. Mit Ende fünfzig hat der Prucha einen Brustmuskel, dass das Solarium nicht mehr richtig zugeht.

»Noch einmal, lieber Kollege, zum Mitschreiben. Recht haben ist ein schönes Gefühl. Aber nur im Rahmen der faktischen Durchsetzbarkeit relevant. Ich geh beim Magistrat ein und aus, da werde ich an geeigneter Stelle einmal ein deutsches Wort über die Burschen von der MA 48 reden.«

Er richtet sich die Krawatte zurecht, dann folgt die unvermeidliche Belehrung: »Kämpf doch nicht dauernd auf Nebenschauplätzen. Du hättest wirklich das Zeug für einen Spitzenplatz in der Anwaltsszene.« Und der ebenfalls unvermeidliche Nachsatz: »Manchmal frag ich mich, wozu du eigentlich Jus studiert hast.«

Und schon ist er durch die Tür verschwunden, um sich von einem gutsituierten Autohausbesitzer, den er schon zum zweiten Mal in einem Betrugsverfahren vertritt, zum Essen einladen zu lassen. Im Grunde wünschen sich die Leute immer einen Kämpfertypen als Anwalt, wie den Dr. Prucha. Und keinen feinsinnigen Intellektuellen, sondern einen Haudegen, der auftritt wie eine Naturkatastrophe.

Allein in meinem Arbeitszimmer sehe ich zu, wie der Schaum auf meinem Nespresso zusammenfällt. Ich versuche die Frage einmal wirklich zu beantworten – nur für mich. Warum habe ich Rechtswissenschaften studiert?

»Wer zwei linke Hände hat, sollte die Rechte studieren!«, hat mein Vater wieder und wieder den alten Familienwitz bemüht.

Als Kind wollte ich Dichter werden. Nicht weil ich so besonders schön formuliert oder schon früh zu schreiben angefangen hätte. Vielmehr weil mir das romantische Bild des Künstlers gefiel. Im Stiegenaufgang unseres Reihenhauses hingen sämtliche billigen Nachdrucke von Spitzweg, darunter auch der arme Poet. Täglich unzählige Male blieb mein Blick an diesem Poeten hängen, mit seinem aufgespannten Regenschirm im Bett, vermutlich wegen eines undichten Daches. So arm konnte dieser Poet gar nicht sein, dass ich ihn nicht um die Autarkie in seinem kleinen Reich beneidet hätte. Dem würde keine aufdringliche Mutter kratzige, graue Polyester-Hosen über den Sessel legen, für den nächsten Schultag. Nebst einer Strickjacke mit Zopfmuster, die meine Eltern in ausgesucht unerotischen Farben bei einer pensionierten Handarbeitslehrerin in Auftrag gaben. Dieser Poet musste offenbar weder in eine Schule noch eine Kanzlei gehen, wie mein Vater es täglich tat, und ich habe ihn in meiner Jugend kein einziges Mal begeistert dorthin aufbrechen sehen.

Also beschloss ich, Künstler zu werden. Meine Mutter hatte selbst lange Zeit von einer Karriere als Schauspielerin geträumt, bevor sie durch die Schwangerschaft mit meiner Schwester Melanie in die Realität zurückgeholt wurde. Daher erfüllte sie eine Weile jeden Wunsch nach künstlerischer Entfaltung und kaufte Musikinstrumente, Zeichen- und Schreibmaterial. Eine Zeitlang wurden mir sogar private Stunden bei einer Malerin bezahlt, die sich und ihren senilen Mann mit Schnitzkunst und bemalten Ostereiern durchbrachte.

Aus mir ist kein Maler und auch kein großer Dichter geworden. Aber meine Mutter erzählt heute noch voller Stolz, wie mich einmal im Frühjahr eine laut trällernde Blaumeise geweckt hat, die in dem großen Apfelbaum vor meinem Fenster saß. Ich hatte mich ans Fenster gesetzt und den Vogel in schillernden Farben porträtiert. Damit bin ich dann auf die Polizei spaziert, um dieses nervige Tier anzuzeigen. Angesichts der Qualität meines Stilllebens stand dann für meinen Vater endgültig fest: ich sollte Notar werden, wie er.

Die Psychoanalyse ist jene Krankheit, für deren Therapie sie sich hält. Da hatte Karl Kraus ganz Recht. Mein Psychoanalytiker, Herr Dr. Reisinger-Jakoby, sollte vielleicht erst einmal analysieren, warum er immer zwanghaft seinen kompletten Doppelnamen ausspricht. Feinster österreichischer Bindestrichadel. Ein langer Name klingt eben nach mehr, als würden hier zwei Köpfe ihren Inhalt zusammenlegen. Denn der Herr Dr. Reisinger-Jakoby ist natürlich auch Buchautor – »Das Selbst ist das Ziel. Wege aus der Ich-Krankheit«, Confutatis Verlag Wien-Zürich.

Ich habe wieder einmal unglaublich gelogen in der Kanzlei, um rechtzeitig zur Therapiestunde zu kommen. Stattdessen hätte ich Karl Kraus lesen sollen. Ich sag das auch meinem Analytiker, weil ich alles sage, was mir auf der Couch durch den Kopf geht. Und er geht wie üblich überhaupt nicht darauf ein.

»Beschreiben Sie doch einmal diesen Herrn vom Abschleppdienst.«

»Kleiner als ich, aber bullig. Schaut aus wie mit Efeu überwachsen, so drückt’s ihm die Adern zwischen den Tätowierungen raus.«

»Und das Gesicht?«

»Glatzköpfig und ganz viele Piercingringe. Ich hätte meinen gesamten Duschvorhang dran auffädeln können.«

»Und was hat dieses Bild in ihnen ausgelöst?«

»Angst … ach was … Wut!«

»Also was jetzt?«

»Dieser Typ hat mir einfach den Weg zu meinem Auto verstellt, während sein Kollege hinter mir die Ketten des Abschleppkrans angelegt hat. Ich hätte noch einsteigen und wegfahren können. Solange noch keine Bewegung stattgefunden hat, darf ich das, laut ständiger Rechtsprechung.«

»Gut, gehen wir noch einmal zurück zu diesem Herrn vom Abschleppdienst. Was will der von Ihnen?«

Von mir will der eigentlich gar nichts. Abschleppen ist ein Geschäft, das er sich oder seiner Firma nicht entgehen lassen will. Polizei und Abschleppdienst machen sich einfach zum Handlanger eines depperten Garagenbesitzers, ohne überhaupt zu prüfen, ob der nicht vielleicht eh hinter mir vorbeikommt, mit seinem SUV.«

»Ich weiß, Blechschäden sind teuer«, wirft mein hochbezahlter Analytiker ein. »Ich war selber grad in der Werkstatt, weil mir eine Dame beim Ausparken reingefahren ist.«

Sie fuhr sich durch die Dauerwelle,
stieg aus und sprach nur: Wow, a Delle!

»Entschuldigung, darf ich auch erfahren, was Ihnen grade durch den Kopf geht? Ich möcht gern mitlachen.«

»Sorry, Herr Doktor. Nur ein depperter Schüttelreim, wie üblich.«

Und so analysieren wir wieder einmal meinen Zwang, Worte zu verdrehen, und Konfrontationen, die ich nicht verarbeiten kann, in einem Kalauer aufzulösen. Im konkreten Fall über eine Frau, die an meine Stoßstange »anbumst«. Freuds »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten«, eine Privatvorlesung. Das Einzige, was mich an Dr. Reisinger immer wieder überrascht, ist sein Gedächtnis. Sogar wenn ich dachte, er wäre wieder einmal eingeschlafen, erinnert er sich auch noch eine halbe Stunde später an irgendwelche bedeutungslosen Passagen vom Beginn der Sitzung.

»Sagen Sie, was bedeutet eigentlich SUV?«

»Sport … vehicle … was weiß ich … wahrscheinlich sexuell unterversorgter Vollhorst.«

Als die Sitzung zu Ende ist, weiß ich, dass der Offroader, der da »aus seiner Öffnung herausfährt«, der im Vergleich zu mir ungleich kräftigere Penis ist. Das ist insofern richtig, als mein Volvo Kombi länger ist, aber schmäler als ein SUV. Der bodygebuildete Scherge vom Abschleppdienst wird im Wege einer Verschiebung der Bilder vom »langen Arm«, also einem Bestandteil, zum Penisbesitzer selbst, also Halter des Offroaders, was meine Aggression gegen ihn bestens erklärt. Und gegen den Analytiker selber, der auch ein Arztausfahrt-Schild über seiner Garage hängen hat, obwohl ich ihn klar darauf hingewiesen habe, dass die Aufschrift »Arztausfahrt« rechtlich völlig irrelevant ist. Ich könnte genauso gut Pfarrer- oder Analytikerausfahrt hinschreiben.

Die sechzig Euro für die psychoanalytische Sitzung haben sich wieder einmal richtig bezahlt gemacht. Die Endlosschleife in meinem Kopf über präpotente Verkehrsteilnehmer kommt danach erst richtig in Gang. Dabei ist der Hass auf Besitzer von Fahrzeugen, die einen Meter höher sitzen und anderen direkt in die Augen oder in den Rückspiegel leuchten, einfach ein Ausdruck des Überlebenswillens. Natürlich hat auch der Dr. Prucha ein solches Amphibienfahrzeug, einen BMW X5.

»Aber, ich bitt Sie, Dr. Just. Ich hab ja schließlich eine Jagd, im Waldviertel.« Das ist sein Hauptargument.

Zweimal im Jahr geht der Dr. Prucha auf die Jagd, mit dem Oberstaatsanwalt Schwarzäugl oder sonst irgendeinem Würdenträger, bei dem er sich dafür den einen oder anderen Vorteil herausschlagen kann. Einmal hat er auch etwas geschossen, und zwar einen Birkhahn. Ein völlig ausgemergeltes schwarzes Federvieh, das jetzt ausgestopft über seinem Schreibtisch hängt. Wozu braucht es für so einen rachitischen Piepmatz überhaupt Schrotflinte und Munition, da reicht doch ein Insektenspray.

Der Dr. Prucha hat für solche Raubtiere einen Waffenschrank zu Hause, ausreichend für einen Amok mit zwanzig Opfern. Aber er hat natürlich noch mehr als das Jagdargument im Talon.

»Die Knautschzone, Just. Das Thema Sicherheit hat bei mir absolute Priorität. Ich hab zwei Kinder.«

Ich selbst fühle mich in Kleinwagen auch nicht besonders wohl. In einem Smart bekomme ich sowieso klaustrophobische Zustände. Wir hatten eine Zeitlang einen kanzleieigenen Smart, für den Stadtverkehr, bei dringenden Terminen. Der Dr. Prucha hat darin ausgesehen, als hätte er ihn an. Wenn jetzt ein Offroader mit so einem Smart kollidiert, dann braucht er keine Knautschzone. Der Smart ist die Knautschzone.

Ein Fußgänger wird bei der Kollision mit einem Offroader in der Regel oberhalb der Hüfte getroffen, was seine Überlebenschancen mindert, weil er dadurch unter das Fahrzeug gedrückt wird. Und nicht wie sonst über die Kühlerhaube abrollt.

»Eben, sehen Sie. Dafür ist ja auch unter einem Offroader jede Menge Platz.«

Der Dr. Prucha ist freilich kein übertrieben scharfsinniger Jurist. Der könnte genauso gut ein Inkassobüro oder einen Gebrauchtwagenhandel leiten. Aber er kompensiert sehr gut fachliche Mängel durch charakterliche Defizite. Zum Beispiel absolute Rücksichtslosigkeit. Wenn der Dr. Prucha mit seinem Offroader eine alte Frau umfährt, dann schiebt er erst noch einmal rückwärts drüber und dann noch einmal nach vorn: »Damit sie nicht unnötig leiden muss.«

Nach meiner psychoanalytischen Sitzung haste ich zurück in die Kanzlei, um noch einmal Präsenz zu zeigen. Unsere Sekretärin, die Frau Czermak, tritt kurz darauf ein und klopft, als sie bereits herinnen steht. Eine Respektlosigkeit, die sie sich bei unseren Seniorpartnern natürlich nicht herausnimmt. Heute macht sie sich auch nicht die Mühe, ihre gewaltigen Hüften unter einem bauschigen langen Rock zu verbergen, wie üblich. Sie trägt dunkelblaue, enganliegende Jeans, die maßgeschneidert sein müssen, so einen Hintern gibt es nur einmal. Drüber trägt sie eine leichte, frühlingshafte Bluse, in ganz normaler Größe, über ihren perfekt sitzenden Brüsten. Sie ist genauso alt wie ich, sieht aber eine Generation jünger aus. Unsere Frau Czermak ist ein absolutes Unikat.

»Ich soll Ihnen das hier noch übergeben, bevor der Chef ins Wochenende geht.«

Bei der letzten Weihnachtsfeier waren wir kurz per Du. Aber so, wie dieser Abend ausging, quittierte sie schon am nächsten Bürotag mein »Servus Ulli« mit einem trockenen »Der Chef möchte Sie sprechen.«

Sie deponiert einen Stapel Akten auf meinem Schreibtisch, als wäre es der ihre. Dann erklärt sie mir kurz, worum es geht und was ich wenn möglich damit tun soll. Als ob ich das nötig hätte. Ich weiß selbst am besten, was ich mit dem juristischen Sondermüll anfangen soll, der regelmäßig in meinem Arbeitszimmer landet. Wenn ich am Verzweifeln bin, mache ich mir einen Reim drauf:

Weil die auf uns runterschifften,
sammeln wir jetzt Unterschriften
.

Als ein Mieter auf Besitzstörung klagt, weil ein besoffener Gast des Penthousebesitzers auf den Balkon gepieselt hat, zum Beispiel. Oder zum Thema Erbschaftsstreitigkeiten zwischen heillos zerstrittenen Geschwistern:

Du kriegst den Estrich,
den Rest ich
.

Ich habe ein paar Kollegen, die diese Passion mit mir teilen. Einen Staatsanwalt in Graz, Simon Pichler. Von dem ist der mit dem Estrich. Der durchgeknallteste ist der Magister Krall:

Nur wenig nützt ein Heilbad,
wenn man im Kopf ein Beil hat
.

Die meisten Gedichte tauschen wir per Internet aus. Aber wir haben auch schon Treffen abgehalten, bei denen richtig vorgetragen wird, wie bei einer Dichterlesung. Was sollten wir auch Besseres vorhaben an den Wochenenden, der Pichler ist geschieden und der Krall genauso chronisch unbeweibt wie ich.

Leider fällt mir grade überhaupt nichts Lustiges zum Thema »Kaffeefahrt« ein. Vor mir liegt eine Sammelklage von den Teilnehmern einer solchen Werbeverkaufsfahrt, bei der ihnen, von der Heizdecke bis zum Biokosmetikkoffer, alles angedreht wurde. Wer ist nach allen Konsumentenschutzsendungen noch immer so bescheuert und fährt bei sowas mit? Hätten die doch meine Münchner Tante Thérèse dabeigehabt, da wäre der Bus mit den Rentnern alleine zurückgekommen, während der Heizdeckenverkäufer mit der Leine an der Leitplanke hängte.

Tante Thérèse fällt mir nicht zufällig ein. Wenn ich den Krempel auch nur einigermaßen gesichtet habe, werde ich wieder der Letzte in der Kanzlei sein. Und zum Ausklang des Tages lädt mich meine 78-jährige Tante Thérèse zum Heurigen Zavolal ein, gemeinsam mit ihrer Wiener Freundin Bruni. Als Ausgleich für einen ziemlich unlustigen Werktag darf ich mir die fiesen Klatschgeschichten anhören, die meine Tante mit der verbiesterten, damenbärtigen Besitzerin eines Kurzwarengeschäfts auszutauschen hat. Ist das nicht ein herrliches Leben für einen »Akademiker, alleinstehend, 42?«

»Kreativ« (ich bin Mitglied des Vereins der Freunde des Schüttelreims).

»Sternzeichen: Löwe. Aszendent: Jungfrau« (das passt schon eher).

»Hobbys: Theater, private Rechtsfälle lösen« (Scrabble mit Tante Thérèse erwähne ich hier nicht).

»Sport: ab und zu Schwimmen, Wandern« (seit einigen Jahren eigentlich nur mehr im Rahmen meiner Reha-Aufenthalte wegen meines Rückens).

Wer traut sich, meine »Damen zwischen dreißig und fünfzig, gebildet und humorvoll, sexuell eher unerfahren und ungebunden?

Ich habe schon mehrmals Partnerschaftsanzeigen verfasst. Aber nur einmal habe ich auch tatsächlich eine geschaltet. Das Ergebnis war ein unvergesslicher Abend mit einer zweifach geschiedenen 55-jährigen Architektin. Sie hatte eine blitzblaue Designerbrille auf, kurzes, kupferrot gefärbtes Haar und riesige Säbelzähne, durch die sie mir permanent beim Reden in den Salat spuckte. Kurz nach unserem Treffen bekam Ute einen schizophrenen Schub und erzählte mir, sie habe ein Medikament gegen Homosexualität entwickelt, dass ich unbedingt sofort einnehmen müsse. Außerdem mache sie der Stadt Wien ein Offert für eine spezielle Schutzwand, die gegen Radioaktivität abschirmt.

Nachdem ich wegen Ute mein Festnetz abgemeldet hatte, versuchte ich es eine Zeitlang wieder wie alle anderen. Nach der Arbeit beim Afterwork-Clubbing oder in einer der einschlägigen Innenstadt-Bars. Ein paar Gesichter aus meiner Arbeitswelt wiedererkennen und ein Pseudogespräch anfangen. Und dabei ganz nebenbei die unbekannte Frau hineinverwickeln, die dabei steht und einem kurz höflich zugelächelt hat. Bei mir hat sich dieser Aufwand noch kein einziges Mal gelohnt. Kaum habe ich ein paar verkrampfte Worte gewechselt, wendet sich mein Gegenüber ab und holt sich etwas von der Bar oder fischt das Handy aus der Tasche wegen eines angeblich ganz dringenden Gesprächs. Mit einem künstlichen »Sorry, ich muss kurz ...« oder auch einfach kommentarlos. Ohne Alkohol ist diese Prozedur nicht machbar. Trinke ich aber, um meine Hemmschwelle zu überschreiten, werde ich meist so peinlich, dass ich am nächsten Tag unrasiert im Büro erscheine. Mein Badezimmerspiegel ist nämlich mein größter Feind und sagt mir am liebsten gleich am Morgen, was er von mir hält. Obwohl mein Gesicht gar nicht so unansehnlich ist, findet sogar mein Kollege, der Raschhofer. Wenn man von meinem Just-Zinken und meinem etwas breit angelegten Mundwerk absieht.

»Ferdinand, du hast markante Gesichtszüge, aber am Aussehen kann es nicht liegen. Charles Bronson hatte auch an jeder Hand zehn Frauen. Besorg dir einmal eine modische Panier’ statt deinem mausgrauen Anzug und spiel deine Qualitäten aus.« Dieser Schleimer sondert doch bloß sein Sekret ab, weil ich ihm regelmäßig seine Recherchearbeit abnehme, wenn er früher gehen will. Aber immerhin hat er mich schon einmal ganz konkret mit einer angeblich jederzeit willigen Rechtspraktikantin verkuppelt. Das Ergebnis war desaströs. Und der Dr. Reisinger-Jakoby hatte wieder jede Menge Material, um die wahren Gründe meines Versagens zu analysieren.

Es wird schon dunkel, als ich den Querbalken am Sicherheitsschloss der Kanzlei einrasten lasse. Tante Thérèse hat vermutlich schon mein Hemd gebügelt für heute Abend. Meiner eigenen Haushaltsführung traut sie nicht. Sie ist wieder für ein paar Tage aus München angereist und wohnt in ihrer Zweitwohnung, in der Anton Frank-Gasse. Von da aus kontrolliert sie das Geschäft mit ihren Wiener Immobilien und drangsaliert deren Bewohner. Vor allem mich.

Das Leben eines Anwalts in einer Topkanzlei habe ich mir eigentlich anders vorgestellt.

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Seit der letzten Weihnachtsfeier unserer Kanzlei habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt, mittlerweile fast ein halbes Jahr lang. Sogar bei Tante Thérèse in München habe ich erfolgreich das Bier zum Krustenbraten verweigert, mit der Begründung, ich müsste erst wieder unter neunzig Kilo kommen. Aber heute ist der erste Maiabend, der die Bezeichnung verdient. Und mein Tanterl wird darauf bestehen, dass ich ihr zu Liebe mit einem Veltliner anstoße. Wenigstens laufe ich dort, in Gegenwart zweier giftsprühender alter Schachteln, bestimmt nicht Gefahr, dass so ein Abend in einem Drogenexzess eskaliert. Wie seinerzeit nach unserer Kanzleifeier im Heurigen-Restaurant Schreibmüller.

Alkohol verändert mich innerhalb weniger Minuten und macht aus mir einen Springbrunnen an Redseligkeit und Aufgedrehtheit. Auf einmal macht es mir nichts mehr aus, mit anderen Menschen ganz eng an einem Tisch zu sitzen. Sogar wenn der Prucha freundschaftlich seinen Arm auf meine Schulter legt, macht es mir nach einem Viertel Wein nichts mehr aus. Oder wenn der Raschhofer diese Begrüßung macht, wo man sich erst links und rechts auf die Backen küsst und dann den Rücken reibt, bis es nach verbrannter Haut riecht (dazu braucht es allerdings schon zwei Viertel). Reicht denn der gute, alte Handschlag nicht mehr? Wenn ich mir heutzutage eine Zeitung kaufe und mit dem Trafikanten drei Sätze übers Wetter wechsle, müssten wir uns korrekterweise schon mit einem innigen Zungenkuss verabschieden.

Natürlich wissen meine Kollegen in der Kanzlei um die Wirkung, die der Alkohol auf mich hat. Und darum hat der Prucha an diesem legendären Abend gleich einen Liter Weiß nach dem andern auffahren lassen. Es gibt ja in besseren Heurigen auch schon eine richtige Weinkarte, mit fünf verschiedenen. Auch der Nobelheurige Schreibmüller hat wahrscheinlich drei oder vier verschiedene Weine, aber er serviert sie gleich alle zusammen in einer Karaffe als Cuvée. So war es auch an jenem legendären Abend kurz vor Weihnachten, an dem nach der ersten Runde MarillenEdelbrand die Phase zwei meiner Trunkenheit einsetzte.

Da habe ich nämlich begonnen, die Stunde zu nutzen und »Wahrheiten auszusprechen, die einfach mal gesagt werden sollten«. Dass sie das auf keinen Fall sollten, beweist schon die Tatsache, dass unsere distinguierte Frau Dr. Friederikowitsch sich jedesmal verabschiedet, bevor in der allgemeinen Trunkenheit das Niveau auf Grund läuft. Nämlich dann, wenn der Prucha wie jedes Jahr das kollektive Du anbietet, und zwar »allen, die ihre ganze Leistungsfähigkeit in diese Kanzlei investieren und mir ihre Karriere anvertrauen. Ich danke euch …« Da per Sie zu bleiben somit bedeuten würde, nicht die ganze Leistungsfähigkeit zu investieren, applaudierten alle ergriffen und duzten den Chef. Einzig unsere zwei ehrgeizigen Junganwälte, der Marxer und der Swoboda, schmierten demonstrativ unbeteiligt Knoblauchaufstrich auf ihre Brotlappen. Prucha & Friederikowitsch ist für sie eine Station auf der Karriereleiter, und nicht die Endstation, wie für mich. Aber in einer urtümlichen Wiener Buschenschank können wir viel eher einmal »menschlich« werden, wie er sagt. Leider trinkt die Ulrike Czermak immer nur roten Traubensaft aufg’spritzt und bleibt auch noch bis zum Schluss sitzen. Meinen Amok an Peinlichkeit hat sie also vollkommen nüchtern mitgekriegt.

Chronologisch gesehen befinden wir uns bei der Wiedergabe des betreffenden Abends noch in Phase zwei der Berauschung. Zu den Wahrheiten, die an diesem Abend einmal gesagt werden mussten, gehört etwa, dass alle Jäger Trottel sind (O-Ton ich), aber auch, dass alle Gegner der Jagd Volltrottel sind (O-Ton Raschhofer). Natürlich ist der Raschhofer selber gar kein Jäger. Aber er hat sich eben beim Prucha eingeschleimt, indem er glaubwürdig darlegt, dass es längst keinen geschlossenen Baumbestand mehr gäbe, wenn man das Wild nicht regelmäßig dezimiere. Und nachdem der Prucha zustimmend genickt hatte, hat er gleich noch mehr Sekret abgesondert und behauptet, demnächst selbst den Jagdschein machen zu wollen. Sollte sich die Frau Dr. Friederikowitsch im Gespräch mit ihm je als passionierte Wildtierschützerin herausstellen, wird er sie schamlos mit der gegenteiligen Meinung einspeicheln und propagieren, man müsse den Wald bestand regelmäßig dezimieren, weil es sonst bald keinen geschlossenen Wild bestand mehr gibt. Hauptsache, er wird irgendwann einmal Partner in der Kanzlei. Prucha & Raschhofer, das wärs. Dann werde ich lieber hauptberuflicher Pfleger meiner Tante Thérèse.

Der Raschhofer war einer von den Wiener Schnöseln, die vom ersten Tag an mit Anzug, Krawatte und Aktenkoffer auf die Uni gehen. Weil er einmal nur in Jeans und T-Shirt auf der Uni gesessen ist, erzählt er heute überall, er war einmal ein Punk. Und tatsächlich trug er bei diesem Kanzleiheurigen auf einmal ein flottes T-Shirt mit ein paar asiatischen Schriftzeichen und einem Typen drauf, der mit erhobener Faust eine Parole ruft. Wahrscheinlich hatte das Shirt in irgendeiner Designerboutique mehr gekostet als mein grauer Anzug vom Herrenausstatter Reindl in MünchenNeuhausen (natürlich ein Geschenk von Tante Thérèse). Aber der Julia Mayereder, unserer blutjungen Konzipientin aus Salzburg, schien er damit mächtig zu imponieren. Die hübsche Julia hatte sich für ihre erste Weihnachtsfeier mächtig herausgeputzt und steckte in einer dunkelblauen Kombination aus Jackett und Hose. Scheinbar wusste sie gar nicht, dass dieser alljährliche Heurigenabend ganz inoffiziellen Charakter haben soll. Die Julia nahm mich in dieser Großrunde kaum wahr, obwohl ich ihr ein paar Tage davor einen Nachmittag lang mit ihren Akten geholfen hatte und sie sich schon einmal bei mir ausgeheult hat, wegen ihrer Trennung. Ihr Ex hatte um ihr Verständnis gebeten, er müsse einfach Schluss machen, weil die Fahrten Wien-Salzburg- und-retour bei seiner momentanen Arbeitszeit einfach nicht mehr drin seien. Und als Dank für meine Gratis-Gesprächstherapie strahlte sie an diesem Abend den Raschhofer an, der immer wieder gerne in Salzburg ist, weil er ja dort auch zwei Jahre studiert hat (= Prüfungstourismus! Anmerkung des Verfassers).

Dabei hat der Raschhofer erst vor kurzem während eines Smalltalks in meinem Arbeitszimmer betont, er würde es keinen Tag mehr in dieser Ansiedlung aufgeblasener Kleinkrämer aushalten, die außerhalb der Festspielzeit ungefähr so viel Nachtleben habe wie Pjöngjang. Der Salzburger Julia gegenüber fand er aber auf einmal Salzburg »schon eine Zeitlang toll zum Leben« und beschränkte sich im Übrigen auf ungefährliche Bemerkungen über die Blödheit der Festspielgäste. Und dass die sich wahrscheinlich am liebsten »Don Giovanni im Sommersteirer« ansehen würden. Obwohl die Formulierung bestimmt nicht von ihm stammt. Er hat sie sicher aus dem Feuilleton geklaut, wie alles andere, was er so an schicken Sagern aus dem Ärmel schüttelt. Die 23-jährige Julia schaute ihn dabei mit großen Augen an und wagte nur ab und zu ein »echt« oder »voll gut«.

Salzburg war jetzt das Thema und der Prucha schaltete sich mit einer Aufzählung der besten Haubenlokale ein. Wobei er mit unglaublich bedeutungsvoller Miene festhalten musste, das beste Lokal sei nach wie vor der Schlosswirt in Aigen, aber der habe seines Wissens nach nur einen Haubenkoch, aber keine Haube. Ein ergreifendes Schicksal, trotz des gekochten Rindfleischs, das den Plachutta um Längen schlage. Dorthin lädt er unsere deutsche Partnerkanzlei einmal im Jahr ein, weil das »Preis-Leistungsverhältnis beim Schlosswirt unglaublich ist.« Die Münchner Kanzlei Schwanthaler & Schwab bezahlt dafür die Karten für den »Jedermann«. Ein schlechtes Geschäft für die deutschen Kollegen.

Spätestens hier kommt mit der dritten Phase meiner Alkoholisierung die nächste, längst fällige Wahrheit auf den Tisch. In dieser Phase ist vor allem wichtig, unter Verweis auf meinen Intellekt zu betonen, dass ich weder kulturlos noch alkoholisiert bin. Zu diesem Zweck führe ich gleich einmal aus, dass der Hofmannsthal’sche »Jedermann« ein Spektakel für die ist, die keinen Tschechow in der Inszenierung von Peter Stein aushalten oder von Martin Kušej (was ich im Übrigen auch nicht aushalten würde). Der »Jedermann« ist der kulturelle Drive-in für die Eiligen, die nachher zu irgendeinem Empfang im Restaurant M32 am Mönchsberg eingeladen sind, hab ich gemeint. Und dass der »Jedermann« nichts anderes sei als Löwinger Bühne für Altgebliebene, musste ich natürlich auch noch anbringen. Worauf der Prucha zum ersten Mal die Stirn in Falten legte und zu bedenken gab, dass Hofmannsthal ja auch ein Lehrstück fürs Volk schreiben wollte, über die Vergänglichkeit des irdischen, materiellen Glücks. Darauf habe ich wieder eingehakt, dass eigenartigerweise gerade in Salzburg irgendwelche schmierigen Autohausbesitzer und Hersteller von Kindertretminen aus aller Welt zusammenkommen, um mit Breitling-Uhren und Brillanten behängt ein zweistündiges Lehrstück über die Vergänglichkeit des Materiellen abzusitzen. Leider habe ich bei dieser abgelutschten Plattitüde überhaupt nicht so ausgesehen, wie ich wollte. Meine ganze Tirade stiftete nur etwas Betretenheit in Julias gut frisiertem Kopf. Sie lächelte künstlich und verfolgte das Gespräch wie einen Film ohne Ton, der halt zufällig auf dem Monitor im Flugzeug läuft.

»Gebts ihm noch ein Vierterl«, hat schließlich der Prucha gelacht, »damit er nicht gar so kritisch ist, unser Just.«

Als ich gemerkt hatte, dass in der Julia-Ecke definitiv nichts zu holen war, hab ich mich unserer Ulli Czermak zugewendet. Sie hatte bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch nichts gegen mich. Lächelnd verzehrt sie ihre panierten Hühnerhaxeln und schien zufrieden zu sein mit ihrem Beobachterstatus. Ich glaubte sogar, eine gewisse Gewogenheit mir gegenüber herauszuspüren. Sie hatte mich doch beim Hereinkommen so freundlich gegrüßt wie noch nie. Ich probierte es mit der Frage, ob sie Trennkost mache, weil sie nur Gurkensalat zum Hendl aß. Eine völlig blöde Frage, angesichts der fetten Panier. Sie begann ihre Antwort mit Sie und korrigierte sich dann mit einem halbherzigen: »Ach, wir sollen ja heut alle du sagen …« Ich instruierte sie, dass sie ab jetzt Ferdi zu mir zu sagen habe, als würde ich einen Pudel dressieren.

»Der Pulli steht dir übrigens super«, setze ich fort, ohne mir bewusst zu sein, dass nun mit Berauschungsphase vier der Showdown angebrochen war. »Ist der von H&M oder von irgendeinem Designerladen?«

Sie sah mich skeptisch an: »Nein, den hab ich selbst gestrickt.«

»Schön, ich hatte früher auch immer selbst gestrickte Pullis an.« Das schön ist nur teilweise gelogen. Die zopfgemusterten Korsette unserer Familienstrickerin habe ich gehasst. Aber Ende der 70er und zu Beginn der 80er trugen nun einmal sehr viele Mädchen Handstrick, eben auch die, in die ich verknallt war oder mit denen ich meine ersten Erfahrungen beim Knutschen und ein bisschen Fummeln hatte. Irgendwie ist mir da eine neurotische Fixierung geblieben, neben einigen anderen, sehr eigenwilligen Wunschvorstellungen. Einer der Gründe, warum ich seit vier Jahren zur Analyse latsche.

»Ich strick halt, weil mir Fernsehen allein zu fad ist«, antwortete die Ulli Czermak, unsicher, ob ich sie nicht doch verarschen wollte. »Erblich vorbelastet. Meine Mutter ist total strickfanatisch.«

»Ich finds schade, dass das heut kaum mehr jemand macht«, trat ich ins nächste Fettnäpfchen.

Auf einmal merkte ich, dass die anderen am Tisch uns zuhörten. Und gespannt warteten, was ich mit diesem Thema wollte.

»Ich hab sogar einmal einen Pullunder stricken müssen. Weil sie gemeint haben, geschlechterspezifische Unterrichtsaufteilung geht heute nicht mehr«, seufzte der Raschhofer. Schade, dass er an diesem Abend nicht in diesem Pullunder dasaß.

»Ich hätt das auch sollen, ich hab total verweigert«, piepste die Julia nach.

»Lieber Dr. Just, wenn die Ulli gerne so ein Hobby hat, ist das ihre Sache. Wir machen uns auch nicht über deine Schriftstellerei lustig«, schaltete sich der Prucha ein, der wieder einmal überhaupt nichts verstanden hatte.

»Nein, ich will doch die Ulli nicht verarschen. Ich hatte wirklich einmal was mit einer Handarbeitslehrerin.« Es war einer jener Momente, in denen ich mich einfach wegzaubern möchte. Ich hätte mir und anderen damit Einiges erspart.

»Ich meine ja nur, ich finde Stricken, das hat auch was von Fesseln, von jemanden einstricken … sagt auch der Dr. Reisinger … also ein befreundeter Arzt, ein Praktiker …«

Alle Blicke ruhten auf mir. Mir konnte nur mehr die Flucht nach vorn helfen.

»Mein Gott, Sadomaso ist doch heute nix Besonderes mehr. Zum Beispiel ein bisserl im Bett anbinden lassen, von einer Frau, die dabei so ganz riesige Maschen anhat, dass man noch Haut durchsieht. Peitschen oder sowas lehn ich auch ab, wenn dann nur so symbolisch …«

Julia wetzte währenddessen betreten auf ihrem Minihintern hin und her, während der Raschhofer einen Lachanfall simulierte. Die Kellnerin kam vorbei und der Prucha bestellte eine weitere Runde. Als ich beteuerte, wenn überhaupt, dann nur mit einem Wollschal geknebelt werden zu wollen, fiel mir der Prucha ins Wort und lenkte das Thema wieder auf eine nervige Mandantin. Unsere alte Burgschauspielerin, der man eigentlich wegen ihrer Paranoia einen Sachwalter bestellen müsste. Die Ulli Czermak nutzte die Gelegenheit und entschuldigte sich kurz. Aber so leicht habe ich nicht locker gelassen, jetzt wo ich die letzte Hemmschwelle überschritten hatte. Auch nicht, als sich die Czermak nach ihrer Rückkehr neben die Julia setzte.

Rückblickend sehe ich es nicht als den schwersten Fehler des Abends an, dass ich irgendwann meinen Arm um den Prucha gelegt und gemeint hab: »Gehn wir doch einmal zu zweit fort, durch die Nachtlokale, von dir kann i sicher einiges lernen …« Oder öffentlich verkündet habe, dass ich eigentlich ein Künstler bin und demnächst meinen Job hinschmeißen werde. Der Prucha hatte mich ja selbst aufgefordert, ein paar meiner Schüttler zum Besten zu geben. Und seine waren auch längst nicht mehr jugendfrei. Der größte Fehler war, dass ich mich danach vom Raschhofer in die Stadt mitnehmen habe lassen, in seinem Cabrio.

»Wie war das noch mal, das Gedicht da …«

»Welches meinst?«

»Das mit dem Gangbang. ›Ich habe keinen Tau, ob ich den deinen kau?‹«

»Nein, das mit dem Zopfpulli.«

»Strick dir einen Noppenpulli, dann werde ich dich poppen, Ulli.«

»Super, dass du die spießige Kuh einmal aus der Reserve gelockt hast.«

»Das wollte ich aber gar nicht. Ich find die Czermak wirklich scharf.«

Der Raschhofer sieht mich an, als hätte ich ihm einen One-Night-Stand mit Angela Merkel gebeichtet.

»Du verarschst mich, Ferdi, gelt. Sag mir, dass du das nicht ernst meinst. Die Czermak ist doch überhaupt nicht deine Klasse. Und Schmäh hat sie ungefähr so viel wie die Elfriede Jelinek.«

»Nein ehrlich, René. Ich steh auf so strenge Frauentypen, so Lehrerinnen halt.«

»Bist du da irgendwie fixiert? Von deinem ersten Mal Sex oder so?«

Und so kam es, dass ich dem Raschhofer von meinem Erlebnis in Neuberg an der Mürz erzählt hab.

Dort war ich wegen meines Bandscheibenvorfalls auf Reha. Folglich wehrlos. Da lernte ich eine steirische Jugendamtsleiterin kennen, die war auf Kur. Und sie war wirklich Handarbeitslehrerin, früher einmal. Als sie mich auf der Matte des Gymnastikraums ritt, war das nicht mein erstes Mal. Aber das erste Mal, dass ich den Sexualakt lege artis vollzogen habe, inklusive Erektion und Ejakulation. Der Raschhofer kann sich fast nicht mehr halten, obwohl an der Ampel gerade die Polizei neben uns hält.

»Wow, Ferdi. Das will ich auch einmal. Mit einem mundgeblasenen Schwanz auf der Matte liegen, und dann eine pensionierte Handarbeitslehrerin …«

»Die war aber noch topfit! Sie hat nur einen kürzeren Fuß gehabt.«

»Ist doch wurscht, ob sie einen kürzeren Fuß gehabt hat. Man könnte ja genauso gut sagen, sie hatte einen längeren Fuß!«

Und dann hat mich der Raschhofer eben nicht nach Hause gebracht, sondern mitgenommen auf eine superoriginelle Penthouseparty. Es war föhnig warm an diesem Dezemberabend, die Gäste saßen auf Hockern im Freien und spielten Schneebar mit Blick auf den Kahlenberg. Eine unfassbar lange Brünette reichte mir einen Joint, der roch, als hätten sie eine alte Matratze hineinverarbeitet. Fiese, bewusstseinsverändernde Kräuter. Mike, der Gastgeber, ein Flugzeugpilot, der um drei Uhr früh in einem Schi-Overall Drinks mixte, hatte mich gewarnt. Ich nahm einen höflichen Zug und hustete. Ich kenne das Zeug aus meiner wilden Zeit mit Sladko, es macht mich völlig apathisch und konfus. Aber beim Raschhofer löste es einen gewaltigen Redeschub aus.

»Ferdinand, laut Darwin entwickelte sich der Mensch durch Mutation – und nicht durch Masturbation!«

Ich nickte mit schläfrigem Blick, während sich zwei Mädels an der Bar fragten, wer eigentlich der ist, den der René da mitgeschleppt hat.

»Ich weiß, René. Kinder zeugt man nicht, indem man auf ein Hausdach wichst und wartet, bis sich der Storch draufsetzt.«

Ich versuchte, korrekt zu artikulieren, aber ich hatte keine Kontrolle mehr über meine Sprache. »Frau Spermak« habe ich immer gesagt und »Frau Dr. Frigidowitsch«. Und dabei genauso blöd gegackert wie der Raschhofer.

Und ich habe noch einmal kräftig beim Joint angezogen. Man will doch nicht immer die Spaßbremse sein. Der letzte Satz, den ich gehört habe, war: »Ferdinand, ich geh erst, wenn ich sicher bin, dass deine Wohnungstür hinter dir zufällt.«

Es war zumindest der letzte Satz, der wirklich zu mir gesprochen wurde.

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Ich sitze im Schönbrunner Zoo und betrachte die

vorbeiziehenden Besucher

Es soll drei neue Zoobesucherbabys zum Anschaun geben!

Eigentlich ist es ganz hübsch in meinem Käfig

Ein Schreibtisch, ein Regal mit Ordnern

Der Dr. Prucha kommt herein, mit einem Stapel Akten

Aber plötzlich kann ich fliegen

aus dem Käfig heraus

Ich fliege über Wien

und ärgere mich über diese Bausünden

Warum baut man denn einen achthundert Jahre alten Dom

ausgerechnet neben ein modernes Einkaufszentrum hin!

Die Häuser unter mir sehen ganz durcheinandergewürfelt aus

Offenbar gab es ein Erdbeben, aber es hat sich noch keine

Terrororganisation dazu bekannt

Ein Dermatologe rennt als Erster aus den Trümmern vor

seiner Garagenausfahrt:

Lassen Sie mich durch, ich bin ein Arsch!

Ich drehe das Radio auf, um zu erfahren, was los ist

Aber ich finde nur den Schweizer Verkehrsfunk:

»Achtung, auf der Autobahn Basel–Zürich liegt Geld auf

der Straße!«

Ich sitze in meinem Auto

Links halte ich einen riesigen Kaffee von Starbucks,

der einzige Kaffee, der auch gegen den Durst geht

Rechts blättere ich in der Weltkarte von Wien

und suche die Schweiz

Mit dem Knie lenke ich

Wozu heißt das denn Knie-Gelenk!

Ich nehme einen Autostopper mit, er entpuppt sich als

Schweizer Informant

Zum Dank für die Mitfahrt steckt er mir eine CD mit den

Daten von Schweizer Steuersündern zu,

die ihr Geld heimlich in Deutschland anlegen

Und das ist nur der Eisberg

Die Spitze ist angeblich noch viel vernachlässigbarer

Wir kommen an die Grenze

Aber das ist gar nicht die Schweiz

Das ist ja Griechenland!

Das einzige Land, das noch den Euro hat

Der Rest Europas hat in Panik die Drachme eingeführt

Ich gehe in die Taverne

Aber es ist gar kein griechisches Lokal

Ich bin im Café Engländer

und schüttle meine Kanzleikollegen mit der Hand

Dann nehme ich so Platz,

dass unter mir genau ein Stuhl Platz hat

Der Ober bringt mir mein Essen

Langsam stülpe ich Mund und Speiseröhre über das Würstel

Eine alte Dame betritt das Lokal

Entschuldigen Sie, gnädiger Mantel, sage ich höflich,

darf ich Ihnen von der Dame herunterhelfen?

Oh, das ist aber nett, junger Mann, sagt die Dame,

könnten Sie mir auch die Speisekarte vorlesen

Mein Glasauge ist angelaufen!

Leider lese ich es ihr ganz vergeblich vor, denn ihr Hund

trägt ihr Hörgerät

Nach der Sperrstunde hilft mir die alte blinde Frau über die Straße

Da stelle ich plötzlich fest:

Das ist gar keine alte Frau

Das ist die Ulli Czermak

Sie krallt sich an meinem Arm fest und schleift mich zur Kanzlei

wie einen Schulbuben

Erst im Hof lässt sie mich aus

Hilfsbereit, wie ich bin, bringe ich dem Raschhofer den

Müll mit hinauf

Dann sitze ich in meinem Zimmer

Ich klopfe an die Zimmertüre und warte,

bis jemand HERAUS ruft

Was immer jetzt passiert

ich sage nichts ohne meinen Mandanten

Mein Blick fällt auf den Terminkalender