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ELISABETH ORTH
»AUS EUCH WIRD NIE WAS«

ELISABETH „AUS EUCH
ORTH  WIRD NIE WAS“

Erinnerungen. Aufgezeichnet von Norbert Mayer

MIT 72 ABBILDUNGEN

AMALTHEA

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© 2015 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagfotos: © Andreas Rhinky (vorne) © Privatarchiv Elisabeth Orth

(hinten links: Paula Wessely und Elisabeth Orth; hinten rechts oben: Elisabeth Orth,

Cornelius Obonya, Hanns Obonya) © Foto Pálffy (hinten rechts unten: Szenenfoto

»Maria Stuart«, 2001, Burgtheater Wien, mit Nicholas Ofczarek)

Lektorat: Martin Bruny

Satz: Gabi Adébisi-Schuster

Gesetzt aus der Sina Nova 11,2/14,4

Printed in the EU

ISBN 978-3-85002-911-7

eISBN 978-3-902998-82-8

Für Attila Ruben Obonya

INHALT

Vorspiel in Salzburg

Kindheit

Paula Wessely und Attila Hörbiger

Max Reinhardt Seminar

Ulm und München

Hanns und Cornelius Obonya

Burgtheater

Andrea Breth

Von Kušej bis Schmiedleitner

Heimkehr

Nachwort

 

Rollenverzeichnis

Personenregister

Bildnachweis

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»Jedermann«, 1990. Salzburger Festspiele (Glaube)

 

»Jedermann, hörst mich nit?«
HUGO VON HOFMANNSTHAL

VORSPIEL IN SALZBURG

Am 20. Juli 2013, einem herrlichen Sommertag – früher hätte man wohl Kaiserwetter dazu gesagt –, bin ich am Salzburger Dom vorbeigegangen und habe mit meinem verstorbenen Vater zu reden begonnen. Ich unterhalte mich recht oft in Gedanken mit ihm, und auch mit meinem Mann, Hanns Obonya, der inzwischen schon Jahrzehnte tot ist, und erzähle ihnen Neuigkeiten. Diesmal aber musste ich unbedingt meinem Vater etwas sagen. Ich spürte einen tieferen Grund für dieses Gespräch. So viele Erinnerungen stürzten auf mich ein, dass ich einfach etwas loswerden musste, bei einem Menschen, der mir besonders nah gestanden ist.

In Salzburg habe ich damals mit meinem Vater Attila Hörbiger geredet, am Domplatz, wissend, dass mein Sohn Cornelius Obonya am Abend dort oben auf der Bühne vor dem Portal stehen wird, um Hugo von Hofmannsthals Protagonisten des »Jedermann« zu geben, im Spiel vom Sterben eines reichen Mannes, wie schon zwei Generationen zuvor mein Vater. Bekannt ist der Spruch des Regisseurs Max Reinhardt: »Der Alexander Moissi ist der Besondermann, der Attila Hörbiger ist der Jedermann.«

Meine Mutter, mein Vater, mein Mann, meine Schwester und ich – wir alle haben im »Jedermann« in Salzburg gespielt. Und da sollen einem nicht die Erinnerungen aufsteigen beim Überqueren des Domplatzes?

Die Premiere von Cornelius war umjubelt. Ich konnte mich wirklich von Herzen für meinen Sohn freuen. Er hatte sich ja auf das Wagnis einer Neuinszenierung durch die Regisseure Brian Mertes und Julian Crouch eingelassen. Sie betonten wieder das Mittelalterliche an diesem Mysterienspiel, nachdem in den Jahren zuvor eine Art Volksstück daraus geworden war. Mein Vater aber hatte bei den Salzburger Festspielen noch in der ursprünglichen Inszenierung von Max Reinhardt gespielt, erst von 1935 bis 1937, dann wieder von 1947 bis 1951.

An eine dieser späten Aufführungen erinnere ich mich noch genau. Mein Vater, bereits in Kostüm und Maske, hatte das Privileg, seine beiden Töchter, die in weiße Faltenröcke und Jäckchen gesteckt worden waren, zur fürsterzbischöflichen Residenz zu führen, wo wir von oben dem »Jedermann« zuschauen durften. Die Fensterbretter für Erzbischöfe waren viel zu hoch für uns Kinder und deshalb sehr intensiv fürs Kinn. Mein Vater verschwand, tauchte unten am Domplatz wieder auf. Wir sahen, wie er, nachdem er ein Kreuz geschlagen hatte, mit fünf Schritten oben war auf der Pawlatschen. Wir waren immer aufgeregt für den Vater. Ich habe bis heute noch Lampenfieber. Aber dann war er ganz der Jedermann.

Und nun sehe ich mehr als sechs Jahrzehnte später meinen Sohn in dieser Rolle, sehe nicht nur ihn, sondern in manchen Gesten und Mienen meinen Vater wie auch meinen Mann in dem Kind. Mich erkenne ich hingegen kaum, am ehesten noch in der Stimme. Bei Cornelius sehe ich in jedem Auftritt eine unbeschreibliche Mischung zwischen Attila Hörbiger und Hanns Obonya, das geht bis in die Stirnfalten, bis in die Bewegung beim Atemholen, wenn schwierige, lang dauernde klassische Sätze folgen. Die Kopfbewegungen und Haltungen erinnern mich an seinen Vater und Großvater.

Das Wichtigste bei beiden war der Brustkorb, der musste immer total aufgerichtet sein, darauf legten sie größten Wert. Cornelius hat das in der Natur übernommen, er muss es gar nicht üben, er hat es einfach. Mein Gott, denke ich, wie viele Möglichkeiten des Ausdrucks besitzt dieser Knabe, wie sehr erinnert mich seine Stimme an meine Liebsten.

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Großvater und Enkel – Cornelius Obonya und Attila Hörbiger

Die Kritikerin der »Salzburger Nachrichten« schrieb am nächsten Tag über Cornelius: »Seine Stimme ist so füllig und kräftig, dass er mit ihr auch ohne Verstärker den Domplatz füllen könnte. In den folgenden zwei Stunden zieht er alle Register seiner Darstellkunst – von sanft bis tobend, vom schrillen, gicksenden oder grölenden Lachen bis zum reuigen, bitterlichen Weinen. Brillant!«

Von seinem Großvater hat Cornelius die unbedingte Lust am Spielen, von seinem Vater die rasche Auffassungsgabe. Mein verstorbener Mann war das unbeschreibliche Beispiel dafür, einen Text zu lesen und bereits bei diesem ersten Kennenlernen verinnerlicht zu haben. Er brauchte sich eine Seite nur anzuschauen und hatte sie schon im Kopf, auch noch am nächsten Tag. Darauf konnte man als Kollegin neidisch sein. Meine Mutter, Paula Wessely, hat sich jede Rolle hart erarbeitet, sie ging ganz planmäßig und methodisch vor. Meinem Vater fiel das Textlernen sehr schwer, obwohl er ein schauspielerisches Naturtalent war.

An diesem Julitag im Jahre 2013 musste ich lange nachdenken über meine Familie, aus der so viele Schauspieler stammen, nun schon längst in vierter Generation, ausgehend von der Verwandten meiner Mutter, Josephine Wessely, die noch zu Kaisers Zeiten im k.u.k Hofburgtheater gespielte hatte und viel zu früh starb. Sie spielte in den 1880er- und 1890er-Jahren klassische Rollen junger Liebhaberinnen: das Gretchen, die Julia, Hero und auch die Jungfrau von Orleans – eine Rolle, die auch ich im Jahrhundert darauf in Deutschland spielen sollte.

Ich sehe also meinem Sohn zu, vor dem Dom, wie er als Jedermann feiert, in Saus und Braus lebt, wie ihn das Schicksal schlägt und er zur Läuterung kommt. Und plötzlich steht er vor mir, als Gymnasiast in der sechsten Klasse, der mir gesteht, dass er die Schule vorzeitig beenden, jetzt gleich Schauspieler werden wolle. In dieser Situation habe ich genau dieselben bürgerlichen Angstsätze von mir gegeben, die meine Eltern mir drei Jahrzehnte zuvor serviert hatten: »Du weißt aber schon, wie hart das ist?« Man wisse ja nicht einmal, wie das in der Zukunft mit dem Theater sein werde, vielleicht gebe es die Theater gar nicht mehr, wenn er dann dazu bereit sei. Er müsse doch langsam aus der Erfahrung seiner Mutter wissen, wie schwer dieser Beruf sei.

Cornelius erwiderte ganz ruhig: »Ich habe es schon gemerkt, Mami. Die Matura werde ich nicht schaffen, das hängt an Physik und Mathematik und etwas auch an Chemie. Gib mir in der nächsten Zeit eine gewisse Freiheit.«

Da dachte ich mir, ich hörte meine eigene Vergangenheit, mit meiner Todesangst vor Physik und Mathematik. Glücklicherweise habe ich nach dieser Eröffnung auch Freunde gefragt, dachte mir, wir leben nicht mehr in den Fünfzigerjahren. Noch während ich vor meinem Sohn Argumente gegen meinen Beruf anführte, merkte ich, was für einen unbeschreiblichen Stuss ich redete – eine alleinerziehende Mutter, die sich Sorgen machte. Sie haben sich dann als unbegründet herausgestellt. Denn bald schon konnte ich lachen über all diese Ängste, die dieses Geständnis des Sohnes in mir ausgelöst hatte, über die Vorbehalte, die ich meinem hoffnungsfrohen Sohn entgegengehalten hatte. Ich erkenne inzwischen nämlich klar, wie sich ein Muster wiederholte.

Wie bin denn ich zu meinem Beruf gekommen? Was haben meine Eltern dazu gesagt? Die Szene, in der ich ihnen beichte, dass ich nun doch auch ans Theater wolle, habe ich noch genau vor mir: ihre Ängste, ihre Vorbehalte, meine Hoffnung, die sich in diesem Moment des Geständnisses zu einem Hochgefühl entwickelt. Ich muss noch einmal lachen über diese Parallelaktion, die in meiner Erinnerung hochkommt.

Es war wahrlich nicht leicht für mich, als Kind berühmter Schauspieler diesen Beruf zu wählen. Ich bin vor fast 60 Jahren wie eine Katze lange um den heißen Brei geschlichen. Meine ungeordneten Gedanken damals waren ungefähr diese: »Ich trau mich nicht. Ich weiß nicht. Sagt mir bitte jemand ehrlich, ob ich begabt bin oder nicht?«

Ohne Ausbildung, dekretierten meine Eltern, sei dieser Beruf nichts. Dieses Gesetz erließen sie für ihre drei Töchter, obwohl mein Vater keine einzige Schauspielstunde gehabt hatte. Das sei doch ein ganz anderer Fall gewesen, in ganz anderen Zeiten, erwiderten sie auf meine Einwände. Und meine Mutter hatte sehr wohl eine Ausbildung, sie ließ das auch spüren, wenn sie über jene redete, die das nicht hatten.

Während ich also noch überlegte, was ich mit meinem Leben anfangen sollte, war meine um zwei Jahre jüngere Schwester Christiane noch als Teenager »schwupstiwups« beim Film, und das nach kurzem Hineinschnuppern ins Max Reinhardt Seminar.

»Uh«, dachte ich mir, »das ging aber schnell.« Sie durfte mit meinem Vater nach München zum Drehen fahren, in Begleitung der alten Kinderschwester. »Aber die Christiane hat ja gar keine richtige Ausbildung, und jetzt ist sie schon beim Film«, dachte ich mir, ganz streng nach der Argumentation unserer Mutter.

Und ich? Irgendwie traute ich mich noch nicht, hatte Zweifel, obwohl ich mir genau ausmalte, wie es wäre, auf der Bühne zu stehen. Nein, von einem feurigen Erweckungserlebnis kann in meinem Fall keine Rede sein. Durch die beispielgebenden Eltern war mein späterer Beruf schon seines Unschuldszaubers verlustig gegangen. Stets hieß es, ich sei »das Kind von …«.

Wahrscheinlich hat mich dieses Gerede sogar in meine erste Ehe getrieben, denn dadurch konnte ich endlich draußen sein aus dem Elternhaus. Also machte ich damals in Wien zuerst meine Matura. Ich kam tatsächlich mit Ach und Krach über meine Schwäche, die Mathematik, drüber, mit großer Hilfe unserer sehr strengen, aber gerechten Mathematikprofessorin, die wir alle wegen ihrer Weltlichkeit liebten. Von dieser Frau Professor Knopp reden meine Schulkolleginnen und ich heute noch mit Hochachtung.

Die meisten Mitschülerinnen wussten nach der Reifeprüfung schon genau, was sie werden wollten – zum Vater in die Bank gehen oder gleich in ein riesiges Geschirrunternehmen heiraten. Die halbe Maturaklasse war bereits verlobt. Nur ich, so empfand ich es damals, hatte als Einzige keine Ahnung, was ich werden wollte. Anscheinend muss ich ein Spätzünder gewesen sein, jedenfalls war ich wohl behütet. Wir drei Hörbiger-Töchter hatten mit dem sogenannten Leben ganz wenig Verbindung. Träumerin war ich schon immer, aber damals nach der Matura war das Schauspiel weit weg von mir.

Eines Tages sagte meine Mutter, sie wisse schon einen Beruf für mich: »Bei dir muss es etwas Künstlerisches sein, aber zugleich auch etwas Realistisches. Das ist wichtig fürs Leben, man muss ja Geld verdienen.« Das hat meine Mutter selbst immer gemacht, sie war stets selbstständig und hat ihre Töchter nie zum Heiraten erzogen und zum Kinderkriegen, sondern immer nur für einen Beruf. Ich bin ihr dankbar dafür, das war damals gar nicht selbstverständlich.

Meine Mutter hatte in jungen Jahren sehr um ihren Beruf gekämpft, das gab sie ganz natürlich als Erbe an uns Mädeln weiter. Sie sorgte sich stets um unsere Zukunft. So lange ich mich erinnern kann, fiel immer wieder der schöne Satz der Mutter, der für mich und meine zwei Schwestern zu einer stehenden Redewendung wurde: »Wenn ihr so weiter machts, aus euch wird nie was.« Diesen Satz konnten wir über die Jahre noch häufig abwandeln. Wir hörten ihn zu verschiedenen Anlässen: »Aus euch wird nie was … wenn ihr die Fahrräder im Regen stehen lasst … wenn ihr heimlich in abgelegten Drehbüchern schmökert … wenn ihr die Türen immer zuhaut … wenn ihr freche Antworten gebt … wenn ihr bei Tisch lümmelt … wenn ihr im Kinderzimmer oben so herumtobt, dass unten bei mir im Schlafzimmer der Luster klirrt.«

Später hat dann meine wunderbare Lehrerin am Max Reinhardt Seminar einen Komplementärsatz geprägt: »Es ist ein Wunder, dass aus euch das geworden ist, was aus euch geworden ist«, erklärte Susi Nicoletti, die sich selten ein Blatt vor den Mund genommen hat, mit Nachdruck. Sie war eine geniale Lehrerin. Fast nie hat sie den Humor verloren und in keiner Weise mit erhobenem Zeigefinger gearbeitet. Niemals.

Wenn Mütterchen hingegen schimpfte, dauerte es immer recht lang. Daher schalteten wir zu Beginn der Suada meist schon ein bisschen ab. Uns zu bändigen, gelang immer dem Vater. Er hatte eine trickreichere Methode, spielte den Trauernden, den schwer mit uns Geschlagenen. Immer bin ich ihm senkrecht hereingefallen, wenn er etwa nach einer schlechten Mathematik-Schularbeit, die bei mir öfter vorkam, den bitter Enttäuschten und alles Wissenden vorspielte. Ich wusste zwar ganz genau, dass er im Rechnen als Schüler auch nicht so toll gewesen war, aber er konnte mir tatsächlich ein so schlechtes Gewissen machen, dass ich lernte.

Ich habe den drohenden Einleitungssatz der Mutter, den ich zum Titel meiner Erinnerungen gemacht habe, später auch als Appell zur Selbstständigkeit verstanden. Denn er hat auch eine durchaus positive Bedeutung für mich, ich sehe meine Mutter als Vorbild. Es sollten nie abhängige Hausfrauen und Mütter aus uns werden, anzustreben waren Selbstständigkeit und Beruf. Ich weiß nicht, ob Mutter glücklicher gewesen wäre, wenn plötzlich eine gesagt hätte, ich werde Cellospielerin bei den Philharmonikern. Wahrscheinlich wäre sie bereits glücklich gewesen mit einem Sicherheit versprechenden Brotberuf. Sie war die Tochter eines Fleischhauers in der Sechshauser Straße im 15. Bezirk.

Meine Mutter sagte mir also, ich müsse etwas Künstlerisches und zugleich etwas Praktisches machen; unterm Strich kam heraus, dass ich Filmcutterin werden sollte, bei der »Wien Film«. Man verdiene sogar Geld damit. Ich sagte Ja, und schon steckte ich in einem richtigen Arbeitsmantel, als ich in die Kopieranstalt in Grinzing eintrat, vom Vater begleitet. Der Chef war ein strenger, kleiner, mit bösartigem Blick gesegneter Mann. Ich kam in die Positivabteilung, denn die heiklen Negative durften Volontäre nicht angreifen.

Den Arbeitsmantel habe ich lange gehabt, meine Mutter trug ihn schon im Film »Vagabunden« (1949). Er war extra für sie geschneidert worden und sollte weiß wirken. Weil aber Kameraleute reines Weiß hassen, muss man solch ein Kleidungsstück entweder in eine Blaulauge geben oder durch Tee ziehen. Der Arbeitsmantel, den meine Mutter als Ärztin in »Vagabunden« getragen hatte, war durch Tee gezogen worden, war also von einem undefinierbaren Beige. Ich hasste ihn, aber ich trug ihn brav, weil das eben Vorschrift war und meine Eltern in dieser Hinsicht sparsam waren. In diesem Falle zu Recht, denn das ganze Unternehmen als Cutterin stellte sich als nicht sehr ertragreich heraus, genauso wenig wie der erste Ehemann, der mir dazwischenkam. Doch das ist eine andere Geschichte, und eine sehr kurze.

Bald wusste ich, dass Cutterin für mich kein Lebensberuf sein würde. Just zu dieser Zeit aber war ein Verehrer unterwegs und hat mich gefragt, was ich da eigentlich mache, beim Film. Dieser Herr meinte dann, als ich es ihm erklärt hatte, ich könnte genauso gut seine Frau werden, was ich dann auch nach einer längeren Phase der Verlobung wurde. Er hat befunden, ich solle etwas Praktisches lernen. Also schob ich die Kunst weg von mir, belegte einen Kurs für Stenografie und Maschinschreiben. Erst als ich bemerkte, dass dieses Praktische ein Fehler gewesen war, wurde der Brei, um den ich ging, wirklich heiß. Da sagte ich mir mit gerade 21 Jahren: »Elisabeth, du musst dich entscheiden. Jetzt heißt es: Spring!«

Das ist im Nachhinein leicht gesagt. Wie bin ich also gesprungen? Es hatte bei mir auch etwas mit Emanzipation zu tun, so wie die Flucht in eine Ehe eine Form der Loslösung vom Elternhaus war. Ich empfand es besonders am Anfang bedrückend, ja belastend, dass meine Eltern berühmte Schauspieler waren, ja es schien uns Kindern, dass sie sowohl meinen beiden Schwestern als auch mir den Anfang versaut haben. Wir konnten eben nicht als unbeschriebenes Blatt beginnen, waren stets die Tochter eins, die Tochter zwei – hoppla, da ist doch noch eine! So ungefähr muss man sich unsere Ausgangssituation vorstellen. War das schwer? Es war!

Meine Mutter war eine Perfektionistin, die ununterbrochen an sich arbeitete, bis es unangenehm wurde. Ich habe mich immer geweigert, von den Eltern zu lernen. Sie haben auch nie mit mir gearbeitet, niemals – nicht, als wir, gut behütet, noch gar nicht wussten, was Vater und Mutter machten, wenn sie aus dem Haus gingen und erst zurückkamen, während wir längst schliefen. Und schon gar nicht, als ich mich endlich dazu entschlossen hatte, zum Theater zu gehen. Dieser Weg war mir tatsächlich nicht vorgezeichnet, nur über einige Umwege erreichte ich mein Ziel. Dann aber war ich mir völlig sicher, das Richtige getan zu haben.

Februar 1957: Ich bitte meine Eltern, sie mögen sich in der Bibliothek zusammensetzen, ich hätte ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Als mir nun Paula Wessely und Attila Hörbiger wie zwei Richter gegenübersitzen, kommt mein Geständnis: »Ich bin seit gestern im Reinhardt Seminar, als Gasthörerin.«

Keine Reaktion. Als Schauspieler können sie einen Schock mühelos überspielen. Nach einigem Zögern kommt von meiner Mutter der schöne Satz: »Ja, da können wir aber nichts mehr machen, das läuft jetzt anscheinend.« Dann der harte Nachsatz: »Wir werden sehr schnell wissen, ob du begabt bist. Wir kennen ja alle Lehrer dort.«

Meine Mutter drohte mir mit ihren Kollegen. Das hatte ich erwartet. Und doch jubelte ich innerlich über einen unbeschreiblichen Sieg: Paula Wessely und Attila Hörbiger, unter deren riesigem Image ich die ganze Zeit gelebt hatte, das der Hauptgrund dafür war, dass ich so lange gebraucht, mich lange nicht getraut hatte, begegnete ich damals zum ersten Mal auf Augenhöhe. Diese Szene war meine Initiation. Danach hätten mich meine Eltern nicht mehr aufhalten können, das war das Ende meiner behüteten Kindheit.

Wenn ich mich an die Zeit davor erinnere, an ein Aufwachsen, bei dem es wenig Schrecken gab, so sehe ich heute, dass unsere Eltern damals ihr berufliches Leben vollkommen von uns ferngehalten haben. Dazu möchte ich noch ein wenig weiter zurückgehen in meinem Leben, in die magische Welt der Kindheit. Die Geschichte, die ich erzählen will, ist nämlich eine ganz persönliche, keine Chronik der laufenden Ereignisse, sondern eine intime Erinnerung, an meine Lieben, an die Familie, an Freunde und all die tollen Kollegen, die ich in meinem Beruf kennenlernen durfte.

Doch zuerst tritt ein Kind auf, das von ihren Nächsten »Lilabeti« genannt wurde, Hörbiger hieß und im 19. Bezirk in Wien aufwuchs. Es ist jetzt Zeit für dieses Mädchen, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Es beginnt der Ernst des Lebens in den 1940er-Jahren.

»In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat …«
JACOB UND WILHELM GRIMM

KINDHEIT

Ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal in die Volksschule ging, mitten im Krieg im Jahre 1942 in Wien. Man musste mich zwingen zu frühstücken, sowohl die Lehrerin als auch die Mutter, weil ich anscheinend so aufgeregt war, dass ich das Essen vor der Schule abgelehnt habe. Es sei doch ganz ungesund, mit leerem Magen in die Schule zu gehen, ich solle wenigstens ein bisschen was essen. Ich hab es dann mit Müh und Not gemacht, damit sie Ruhe geben. Der erhobene Zeigefinger, sowohl zu Hause als auch in der Schule, langweilte mich, also habe ich danach schon aus Bestemm gefrühstückt, bevor ich in die Schule in der Mannagettagasse 1 in Grinzing ging.

Sie hat immer ganz leicht nach einer Mischung aus Klo und Bohnerwachs gerochen. Diesen Geruch würde ich wieder erkennen, wenn es ihn noch gäbe, er ist für mich eine Art vertrauter Anstrengung. Es gibt ihn natürlich nicht mehr, in dieser Schule schon gar nicht mehr.

Die dort, die Lehrerschaft, wollte immer etwas von mir. Auf dem Prüfstand: Ich werde abgefragt, ich fühle mich nicht wohl, also mache ich dann lieber Dinge, die mir Wohlgefühl bringen. Die Volksschule, das ist für mich der Oberlehrer in schwarzem Arbeitsmantel und mit Ärmelschonern bis über die Ellbogen hinauf. Er war ein Batzen von einem Nazi und trug auch tatsächlich ein Hitlerbärtchen. Dass er damit den deutschen Diktator nachahmte, sahen wir, denn wir hatten auch ein »Führer«-Bild in der Klasse hängen. Wir Kinder wussten aber nicht wirklich, wer der Herr da an der Wand war. Ich erinnere mich deutlich daran, wie uns dieser schwarz gekleidete Lehrer forsch den Hitlergruß üben ließ. Wir mussten die rechte Hand hinaufstrecken und oben lassen. Was wir dazu gesprochen oder gesungen haben, dass wir unserem Führer danken oder irgendetwas Ver blödetes, weiß ich nicht mehr im Detail, aber ganz genau erinnere ich mich daran, dass mir der Arm eingeschlafen ist. Dieser simple Streckgruß dauerte einfach zu lang für meine Kräfte. Es tat mir weh, also habe ich den Arm heruntergenommen und dachte mir, das sehe der Lehrer sowieso nicht, weil ich nicht in der ersten Reihe stand. Da hatte ich mich aber getäuscht. Ich musste nach vorne, um ganz allein den Hitlergruß vorzuexerzieren. Dann kriegte ich eine Verwarnung.

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Baby Elisabeth

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Mutter und Tochter – Paula Wessely und Elisabeth

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Kleinkind Elisabeth

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Die Eltern mit Elisabeth und Bekannten vor dem Jagdhaus in Klingfurth

Meine Schulzeit begann mitten im Krieg, im Jahr 1942, also bereits nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion. Davon hatte ich damals natürlich gar keine Ahnung. Ich wusste nur, es ist Krieg. Was das wirklich bedeutet, haben wir erst kapiert, als meine Eltern unseren alten Weinkeller für die Nachbarn aufmachten, für den Luftschutz. Ich erinnere mich daran, wie ich mit meiner Schwester Christiane im Hof des Elternhauses in Grinzing stand, in der Himmelstraße. Wir konnten damals schon die englischen Bomber von den deutschen unterscheiden, am Motorengeräusch, so sehr gehörte das damals zum Alltag. Dieses bedrohliche Brummen hörten wir auch im Jagdhaus meines Vaters in Klingfurth in der Buckligen Welt, das er fast allein gebaut hatte. Dort am Fuß des Rosaliengebirges waren wir als Kinder immer im Sommer. Auf einem Hügel oben stand das Blockhaus, Vater hatte eine Jagd gepachtet.

Ich sehe es noch wie heute, dass am Ende des Tals plötzlich ein Feuerstreifen rot aufleuchtete. Es war die Munitionsfabrik von Wiener Neustadt, die bombardiert worden war. Zum ersten Mal habe ich damals das Wort Krieg kapiert. Der Krieg war für mich ein roter Horizont in der Ferne, ein Donnern ganz weit weg, und mir wird erklärt, das sind die Bomben, die gerade in Wiener Neustadt eingeschlagen haben.

Im Herbst 1944 sind wir dann nach Sölden im Ötztal geflüchtet. Dort in Tirol war ich gerne, denn wir hatten eine sehr gute Lehrerin, die alles andere war als eine »Nazisse«. So nannte man damals Frauen, die besonders stark von Hitler begeistert waren. An Sölden kann ich mich sonst nur dunkel erinnern, es war damals ein kleines Bauerndorf, nicht zu vergleichen mit dem Skibetrieb von heute. Höher als Sölden lagen nur noch Gurgl und Vent, am Fuße der Wildspitze.

Die Lehrerin hat es verstanden, mit mir und meiner um zwei Jahre jüngeren Schwester Christiane umzugehen, mit zwei Wiener Mädchen, die der Krieg in eine rustikale Gegend verschlagen hatte. Die Buben dort waren bereits werdende Machos, schon mit sechs Jahren, und die Mädchen waren riegelsame Bauerntöchter. Die meisten dieser Kinder hatten einen weiten Schulweg und kamen von in den Bergen verstreuten Weilern. Die Schüler mussten in der Früh selbst noch im Frühling durch den Schnee stapfen. Auch wir trugen, was mich fasziniert, aber auch abgestoßen hat, weil die Wolle so kratzte, selbst gestrickte Stutzen. Der Schnee klebte in dicken Klumpen an ihnen. Den haben wir vor dem Eintritt in die Klasse so gut wie möglich abgeribbelt. Drinnen gab es einen kleinen Ofen, der hat den Rest besorgt. Die meisten von uns Kindern saßen für die Dauer des Unterrichts in einer kleinen Lacke. Ich sehe noch heute diese Lacken, ich spüre die kratzende Wolle. Das mag ich bis heute nicht. Fremd war mir all das. Außerdem habe ich die Tiroler zuerst gar nicht verstanden, und sie mich auch nicht. Für mich klang diese raue Sprache so fremd wie Chinesisch oder Kirgisisch.

Mein Vater hat dort im Ötztal einen Film gedreht, die Romanze »Ulli und Marei«. Es geht darin um einen Berghofbauern, um Naturburschen. Beim Dreh hat mein Vater mit einem Hotelier Freundschaft geschlossen, mit Isidor Riml aus einer alten Tiroler Gastwirtsfamilie. Es gab damals in Sölden nur zwei Hotels – das zur Sonne und das zur Post. Sie existieren noch heute. Damals war der Ort wirklich überschaubar: Kirche, Schule, die zwei Hotels und ein einziger Arzt, Dr. Praxmarer, der über der Ache drüben wohnte, einem schnellen, wilden Bach, und mit der Beiwagenmaschine die Weiler abfuhr, die Kinder auf die Welt bringen half, die beim Bergsteigen Gestürzten versorgte – der einzige Arzt weit und breit.

Für uns Mädchen fing der Ernst des Lebens mit der Schule an. Meine Mutter hatte ursprünglich Lehrerin werden wollen, sie schwärmte von der guten Glöckel-Schule, in die sie gegangen war. Otto Glöckel war jener sozialdemokratische Wiener Kommunalpolitiker, der nach dem Ersten Weltkrieg in Wien Schulreformen eingeführt hatte. Das Reformpägdagogische brach auch ein bisschen bei unserer Erziehung durch. Wenn wir zum Beispiel in den Wald gingen, um Preiselbeeren zu brocken, hat meine Mutter mich das kleine Einmaleins abgefragt. Ich empfand das als grauslich, weil ich es wirklich nicht konnte. Wie ungerecht dachte ich, es wäre doch eigentlich Freizeit, wenn man zum Beerenbrocken geht. Aber meine Mutter, die beruflich sehr beschäftigt war, hatte dann eben gerade Zeit dafür. Sie hat diese Art des Lernens im Wald gegen meinen Protest, dass hier in der Natur doch keine blöde Schule sei, konsequent durchgedrückt. Ich tat mir schwer bei dieser Rechenarbeit – nicht auszudenken, sie hätte sich ans große Einmaleins getraut, da wäre es überhaupt zappenduster gewesen. Solche Exkursionen waren also für mich kein Honiglecken, und bei Preiselbeeren denke ich immer an Zahlen. Meine Mutter konnte hervorragend Kopfrechnen, wie das von einem Kind aus einem Geschäftshaushalt zu erwarten war. Ich hingegen habe auf diesem Feld eine Antibegabung, schon damals bereitete mir das Rechnen Magenbeschwerden.

Damals war meine Mutter schon mit meiner jüngsten Schwester Maresa schwanger. Christiane und ich wussten das natürlich nicht, Mami war eben ein bisschen dick geworden. Maresa wurde nicht in Sölden, sondern in Seefeld auf die Welt gebracht, in einem SS-Lazarett, das sei die beste Möglichkeit gewesen, hat meine Mutter später gesagt und die Situation so geschildert: An ihrem Bett standen eine Nazi-Krankenschwester und eine katholische. Die haben sich irgendwie nicht ganz über der gerade entbunden Habenden gefunden, aber Maresa ist gesund auf die Welt gekommen. Sie wurde aus dem mütterlichen Bauch durch einen Militärarzt hervorgeholt, der nur mehr mit leichtem Alkoholspiegel seinen Beruf ausüben konnte. Es ging aber alles gut, vor allem auch mithilfe der zwei sehr unterschiedlichen Schwestern.

Wir Kinder lebten zu dieser Zeit in Sölden im Hotel und wussten noch gar nichts vom neuen Nachwuchs. Dann aber hat uns Vater, der angezogen zum Weggehen auf dem Ehebett lag, ins Zimmer gerufen, uns beide genommen, neben sich gelegt und gesagt: »Ihr habt jetzt ein kleines Schwesterlein!« Da haben wir »Iiihh« gemacht und konnten es gar nicht fassen. Ich weiß noch, dass ich auf der Leitung stand und dachte: Wieso bringt sie jetzt ein Baby nach Hause? Wir brauchen doch kein Baby hier. Ich sehe noch heute, wie dieses kleine Bündel an einem sonnigen, noch immer kalten Frühlingstag 1945 in das Hotel gebracht wird, in dem Bündel ein krebsrotes Wesen, das nach Herzenslust brüllt. Das war eine Riesenfreude. Später haben wir Maresa oft gesagt: »Du hast schon als Baby einen solchen Krach geschlagen!«

Oben im Zimmer war schon ein Stubenwagen hergerichtet, aus Stroh und Holz, mit Rädern und einem Dach. Mit großer Vorfreude waren für das Baby auch weiße Schleier darübergehängt worden. Sie blähten sich im Frühlingswind. Die Kinderschwester mit dem schreienden Baby im Arm betritt das Zimmer, sieht diese Pracht und sagt: »Das ist ganz ungesund, bitte all die Schleier weg, das sind nur Staubfänger.« Da hat sie recht gehabt. Das schreiende Bündel landete im Korb, und wir durften es nicht berühren. Wir durften von weit her hineingucken auf unser jüngstes Schwesterchen.

Dieses Gefühl kannte ich bereits aus Wien, als ich ungefähr drei Jahre alt war. Christiane, die mittlere Tochter meiner Eltern, stand als Kleinstkind in einer Gehschule oben in unserem Grinzinger Haus im Kinderzimmer. Man hatte mir eingeschärft, ja nicht zu nah an die Schwester heranzugehen. »Du hältst dich bitte weg!«, hieß es streng. Christiane aber spielte besonders gern mit einem Holzspielzeug. Das Schwesterchen schmeißt also ein hellblaues Rundhölzchen heraus aus der Gehschule, es rollt auf mich zu. Was jetzt? Ich darf doch nicht hin. Aus drei Metern Abstand, so nah glaubte ich mich nähern zu dürfen, warf ich das Ding in Richtung Gehschule. Es klirrte – ich hatte die Fensterscheibe getroffen. Als mich die Kinderfrau tadelte, habe ich aufbegehrt: »Nein, ich musste doch weit weg bleiben. Und Christiane wollte doch das Hölzchen wiederhaben.« Meine Logik hat mich vor noch mehr Tadel bewahrt.

Später haben Christiane und ich uns als Kinder auch furchtbar gestritten, es gab Zeter und Mordio. Einmal habe ich ihr sogar eine kleine Ecke eines Zahns ausgeschlagen – wir hauten uns damals richtig. Meist aber spielten wir in Eintracht, am liebsten »Vater-Mutter-Kind«. Maresa war natürlich das Kind, aber da weit und breit kein gleichaltriges männliches Wesen verfügbar war, musste ich fast immer den Vater spielen. Denn Christiane bestand auf der Mutterrolle. Auch beim Krippenspiel in der Schule fiel mir immer die Rolle des Josef zu. Nie durfte ich die Maria sein, dass fand ich irgendwie ungerecht. Die Jüngste war also unser Kind. Wir nahmen dieses sich schon wehrende Wesen und stopften es in den Puppenwagen – nicht in den Kinderwagen, der war schon weg.

Mit Puppenspielen hingegen haben wir es eigentlich nie so gehabt. Maresa hat sich dieses Spiel eine Zeit lang gefallen lassen, weil sie mitspielen wollte und durfte. Und ich ließ mir eine Zeit lang gefallen, dass ich immer den Vater spielen musste. Ich fand Christiane damals immer raffinierter, und sie ist es bis heute. Sie war viel besser als ich im Durchschlängeln durch die Unbill, die ein Kind den Erwachsenen gegenüber immer hat, weil sie sehr schnell herausfand, dass man nicht immer mit der Tür ins Haus fallen muss. Wenn ich als die Älteste fragte, warum, dann blieb die Frage immer im Raum. Ich habe stets darauf bestanden, eine Antwort zu erhalten, war frech genug, nachzufragen. Christiane hat mit dieser hartnäckigen Direktheit gar nicht erst angefangen, das war ihr viel zu mühsam und auch zu dumm. Sie musste als Mittlere zwischen dem Benjaminkindlein und der älteren Schwester austarieren und hat das wunderbar geschafft.

Ein Beispiel aus unserer Teenagerzeit: Mit dem Taschengeld war es immer ein bisschen schwierig. Viel haben wir nicht bekommen, und das unregelmäßig. Aber man brauchte ja auch Geld für Schulutensilien. Häufig kam also der berühmte Satz von Christiane: »Ich brauche wieder einmal neun Schilling für Hefte.« Sie bekam selbstverständlich das Geld, eine ganz schöne Summe für damals. Neun Schilling kostete aber auch ein Platz im Kino in der Sieveringer Straße, wo auch das Geschäft für Schulartikel war. Meine Schwester ging unheimlich gern ins Kino. Sie fuhr mit der Straßenbahn zu diesem Geschäft, um angeblich die Hefte zu kaufen Ein paar Meter daneben war das Kino, und dort landeten diese neun Schilling des Öfteren in der Kasse. Das war schwer verboten, aber meine Eltern blieben, glaube ich, ahnungslos.

Man könnte auch sagen, die Christiane hat schon für ihre Kino-Karriere geübt. Sie wollte schon immer ein Star werden, eine wie Rita Hayworth oder Bette Davis. Bei einem Spaziergang von uns zwei Schwestern schleppte Christiane einmal einen riesigen Föhrenast aus dem Garten mit. Irgendwann zeigte sie zurück auf diesen Ast, der für sie in diesem Moment eine Kutsche war und sagte kühl: »Da hinten sitzt mein Personal.« Sie sagte: »Pirsonal«.

Am liebsten spielten wir drei in Wien dann unter dem Mietklavier im Kinderzimmer oben »Flucht«. Das Wort müssen wir aus dem Radio aufgeschnappt haben. Wir mussten erst einmal zusammenpacken – Hausschuhe und Spielzeug kamen in den Polsterüberzug. Dann wurde mit eingezogenen Köpfen gerannt, von unterm Tisch bis unters Klavier, das waren ungefähr zwei Meter. So lang war unsere Flucht.

Ich habe mich bald darauf zurückgezogen von den Spielen mit den Schwestern, da ging es schon ans Lesen. Dabei wollte ich als Große von den Kleinen keinesfalls gestört werden.

Zurück nach Sölden: Maresa wurde in der Pfarrkirche getauft. Nach altem Brauch musste man an das Kirchentor klopfen, um Einlass für das Ungetaufte zu erbitten. Ich weiß, dass wir in Eiseskälte vor der Kirche standen. Damals kam auch Doris zu uns nach Sölden, genannt Goschi, die Nichte meiner Mutter. Doris war noch ein Teenager, sie wurde aus dem Arbeitsdienst geholt und zur Tante Paula geschickt, um ihr mit dem Kind zu helfen. Es kam aber noch eine Krankenschwester dazu, Wilma. Die war so wie der Lehrer in Wien ein Nazi durch und durch, so wie auch die Direktorin der Volksschule in Sölden. Unsere Lehrerin hingegen, eine heitere Frau, war diskret gegen das Regime, das ging dort oben sogar. Die Leute im Dorf arrangierten sich. Bei meiner Lehrerin habe ich immer das Gefühl gehabt, falls es mir einmal zu viel mit dem Einmaleins würde, könnte ich mich bei ihr noch anhalten. Die würde sicher sagen: »Geh, gnädige Frau, lassen Sie das Kind, das kommt schon.« So habe ich mir jedenfalls eine Krisensituation vorgestellt – die Lehrerin unterstützt mich gegen die strenge Mutter.