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Bibiana Zeller
Bitte lasst mich mitspielen!

Bibiana Zeller

Bitte lasst
mich mitspielen!

Erinnerungen
Aufgezeichnet von
Marina C. Watteck

Mit 47 Abbildungen

AMALTHEA

Allen meinen Lieben

Inhalt

Anstatt eines Vorworts

1. Kindheit und Katastrophe

2. Ich muss spielen …

3. Josefstadt, Ausland und Otto Anton Eder

4. Burgtheater, Peymann und Bernhard

5. Ilse Kottan

6. Eine Ehe geht zu Ende. Eine neue Liebe – ein neues Haus

7. Theaterleben oder Die Angst, nicht gebraucht zu werden

8. Scheinwerfer

Nachwort

Rollenverzeichnis

Theater

Film und Fernsehen

Personenregister

Bild- und Textnachweis

… nämlich du weißt ja, man soll
nicht alles aufschreiben, was man denkt,
aber die flüchtigen Dinge
besitzen so viel Irrlicht, daß
die Leuchtfeuer ihres
Wahns … sich wie Feste bewegen …

Friederike Mayröcker

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»Doktor Faustus – my love is as a fever«, Burgtheater, 2008.

 

»Wahrgenommen zu werden, ist etwas Merkwürdiges.
Bei Proben habe ich bemerkt, dass die Virtuosität in der
Nicht-Wahrnehmung besteht. Die eigene Virtuosität kann
nur stattfinden, wenn du nicht wahrgenommen wirst.«

Bibiana Zeller, August 2013

Anstatt eines Vorworts

Mein Name ist Bibiana Zeller. Heute trage ich einen Rock, der ist furchtbar lang, sehr unmodern. Ich habe schon lange nichts mehr gekauft, nichts angeschafft, seit ich den Thomas Mann – »Doktor Faustus – My love is as a fever« in der Spielzeit 2008/ 2009 am Wiener Burgtheater – gespielt habe. Seitdem trage ich wohl nur Hosen.

Ich bin seit dem Jahr 1972 am Burgtheater. Musik, bitte.

Am liebsten würde ich jetzt eher zuhören, statt diese Musik als Untermalung für meine Rede zu verstehen, aber … okay. Ich habe mir immer gewünscht, diesen Beruf ausüben zu dürfen. Ich habe mich sehr danach gesehnt, die Realität des Alltags nicht zu 100 Prozent aufnehmen und ganz leben zu müssen. Und da ist das Theater natürlich ein Ort, der tatsächlich ein »woanders sein« bedeutet. Und dennoch ist es ein Trugschluss, denn auch das Theater ist genauso eine Realität und eine Wirklichkeit – das ist klar.

Ich war von 1950 bis 1958, mit Unterbrechungen, am Theater in der Josefstadt. Ganz, ganz vorher, gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, habe ich begonnen – da war ich noch in der Schule –, am Hochschulstudio zu spielen und zu lernen. Das war so eine Art Zimmertheater, wo wir sehr viele interessante Stücke spielten, weil wir damals sehr ausgehungert waren durch diese furchtbare Zeit vorher, in der wir von aller Literatur außer der deutschsprachigen und der offiziell zugelassenen ja völlig abgeschnitten waren. Da war das Spielen der französischen, italienischen – egal: europäischen – Stücke eine wunderbare Beschäftigung. Es gab auch die vielen Kellerbühnen damals, in den Wiener Kaffeehäusern, aber ich dachte: Das kann’s doch nicht sein. Auch war ich lange arbeitslos, und daher machte ich mich auf die Beine und bin auf Tournee gegangen mit diesem Hochschulstudio und hab mir Europa anschauen dürfen. Wir haben den »Jedermann« gespielt zum Beispiel, in Rom und Amsterdam, bis eines Tages unser Prinzipal mit der Kasse durchbrannte und wir zurückgeschickt wurden.

Nun ja, dann kam das Theater in der Josefstadt und dann … Dann bin ich hierher, ans Burgtheater gegangen und habe vorgesprochen. Ich wurde engagiert und habe hier 40, 50 Jahre verbracht. In dieser Zeit habe ich unglaubliche Durststrecken erlebt, als ich überhaupt nichts angeboten bekam. Wartend, ob ich was kriege, wartend, sitzend – mehr als kämpfend, denn das kann ich leider nicht –, hab ich alle möglichen Zustände gehabt, die man sich überhaupt nur vorstellen kann.

Der Grund für meine Schauspielerei – das ist wie eine Überschrift über mein Leben –, das ist die Flucht vor dem Alltag. Und hier am Burgtheater, das ist so ein Kosmos in sich, eine Kugel, die steht hier irgendwie mitten in Wien und ist völlig autark. Es kam aber immer viel, viel von außen herein, also zumindest das Interesse an unserem gesellschaftlichen Leben, das wir immer hineintrugen und versuchten, irgendwie zu einem Ausdruck zu kriegen oder zu finden.

Es gab Zeiten, da habe ich gar keine Verbindung nach außen gebraucht, da war ich täglich 20 Stunden hier. Zeiten, wo man ununterbrochen vormittags probt, dann ein bissel Pause macht und in die Kantine geht – und danach, was weiß ich, schaut man in den Text, und am Abend dann die Vorstellungen …

Und außerhalb des Theaters, unsere Innenstadt, überhaupt die Umgebung ist ja sehr, sehr unterschiedlich, sehr liebevoll, dann wieder voller Hass, voller Gemeinheiten. Ich habe inzwischen den fünften Direktor gesehen, oder den sechsten, ich zähle ungern nach und denke auch ungern über die Vergangenheit nach, gebe ich zu, dazu habe ich aber eben sehr viel Tagebuch geschrieben.

Ich habe mir die Tagebücher binden lassen, damit nicht so flatternde Schulhefte herumliegen. Ich hab den 1987er-Jahrgang herausgezogen, und da hab ich mir eigentlich gedacht, ob ich 1983 aufschlage oder 1997 oder 1970 … Das Theater und meine Verzweiflung, das ist durchgehend niedergeschrieben.

Ich weiß natürlich, dass man sich in einem Ensemble immer die beste Rolle wünscht, man weiß aber auch, dass man sie nicht immer haben kann. Das ist doch logisch.

Ich weiß gar nicht, was habe ich denn vor Matthias Hartmann gespielt … ich bin so lange nicht drangekommen.

Meistens habe ich sehr liebevolle Charaktere gespielt .Was ich jetzt spiele, dieses »Geschichten aus dem Wiener Wald«, das ist eigentlich die erste ganz böse Rolle, ansonsten hat man mir immer gesagt: »Sei nicht so leise, du musst schauen, dass du nach hinten kommst, in die letzte Reihe, du musst mehr geben, intensiver sein.« Das wird ja jetzt so verlangt. Das war früher nicht so schlimm, da durfte man auch stillere Figuren spielen, stillere Menschen, die hie und da was sagen.

Doch in der jetzigen Rolle zum Beispiel gebe ich meiner unglaublich hässlichen Tochter eine Ohrfeige, aber so was von einer Ohrfeige, dass ich also nur glücklich bin, dass ich das endlich geschafft habe, und dann, in derselben Szene, verfluche ich alle, die mir den Tod wünschen.

Als alter Mensch hat man das Gefühl, es wünscht einem fast jeder den Tod. Aber ansonsten bin ich sehr glücklich.

Eigentlich.

Nun ja, und die Tagebücher. Die sind ja eine Katastrophe, das ist alles nichts, nichts, gar nichts.

Okay, das wär alles.

Bibiana Zeller

(Diesen Text habe ich wahrscheinlich 2012 entworfen – er war für eine Rede gedacht.)

1. Kindheit und Katastrophe

Als Hitler im März 1938 in Wien einmarschierte, nahm mein Vater Wilhelm Zeller uns Kinder, also meine Halbbrüder Fritz und Wilhelm, meine Schwester Friederike und mich, mit zur Mariahilfer Straße. Da erlebten wir den »Triumphzug«. Eine Weile beobachtete mein Vater das infernalische Treiben, die zu Tausenden erhobenen Hände, das Geschrei und die Vorbeifahrt des Diktators, der selbst die Hand zum Hitlergruß erhoben hatte, dann sah er uns Kinder an und sagte: »Da machen wir nicht mit, gell!« Das war alles. Dieser Satz hat sich mir bis heute eingeprägt. Und wir haben auch nicht mitgemacht. Es war der Tag, an dem meine Kindheit endete.

Jahrzehnte später notierte ich dazu in einem meiner vielen Tagebücher:

19. Juni 1989

Ich war mit meinen Eltern in der Stumpergasse, es war 1938 – die Machtübernahme. Auf der Mariahilfer Straße die Massen – und dann haben uns der Gemüsehändler und der Tischler im Haus tyrannisiert. Sie zwangen uns, mit »Heil Hitler« zu grüßen, und wir haben uns gefürchtet! Ganz schrecklich gefürchtet.

Es war mir damals vollkommen klar, dass dieses Regime nicht akzeptabel war, und bei jeder Gelegenheit versuchte ich, Reglementierungen zu untergraben. Selbst wenn es nur kleine Gesten waren: Für mich waren sie von großer Bedeutung. Ich bekam beispielsweise immer wieder einen schrecklichen Hustenanfall, wenn ich im Stiegenhaus oder auf der Straße einem Nachbarn oder Passanten »Heil Hitler!« entgegenrufen musste. So brauchte ich meinen Arm nicht zu heben. Eine winzige Geste, doch für mich eine Art der Verweigerung. Das war natürlich brandgefährlich, denn jederzeit konnte man dafür angezeigt und verhaftet werden. Aber irgendwie musste ich diesem Wahnsinn etwas entgegensetzen, viel konnte ich ja als Kind nicht tun.

Ich besuchte das Gymnasium in der Rahlgasse. Als gute Sportlerin, die ich immer war, wurde ich für das Amt der BDMFührerin in Betracht gezogen. Die Burschen kamen damals in die Hitlerjugend und wir Mädchen zum »Bund Deutscher Mädchen«. Um dafür ausgewählt zu werden, musste man eine Prüfung ablegen. Nächtelang überlegte ich, wie ich das System austricksen könnte. Plump die Prüfung einfach zu schmeißen, das ging nicht. Und so konzentrierte ich mich darauf, bei den Wettbewerben nicht als Erste ans Ziel kommen, sondern als Dritte oder Vierte. Zu schlecht durfte ich nicht abschneiden, das hätten sie mir nicht abgenommen. Zu gut aber auch nicht, sonst hätten sie mich verpflichtet.

Damit wir – es waren mehrere aus meiner Klasse ausgewählt worden – zu dieser BDM-Prüfung antreten konnten, mussten wir Kurse besuchen, in denen wir Führungsdisziplin, Gehorsam und was nicht noch alles lernen mussten. Ich kann mich noch an das Haus am Judenplatz erinnern, in dem diese Kurse im ersten Stock stattfanden. Wir »Auserwählten« saßen in riesigen Räumen im Kreis, vorne stand immer die Kursleiterin – und alle waren sie blond und blauäugig. Allein diese Tatsache hat mich fertiggemacht. Sie haben alle gleich ausgesehen – auswechselbar sozusagen.

Ich schaffte den Rausschmiss mit einem Pokerface, wie man so schön sagt. Seit damals weiß ich, was ein Pokerface ist. Ich musste diese Rolle durchgehend spielen, sozusagen in der Rolle bleiben. So gesehen war es wahrscheinlich meine erste Rolle, die ich jemals gespielt habe.

Die Ereignisse von 1938 haben mich nachhaltig traumatisiert. Meine Erlebnisse, die ich als damals Zehnjährige hatte, lassen mich bis heute nicht los. Ich bin über den Judenplatz marschiert, und aus den Kellern hörte ich die grauenvollen Schreie von Menschen, die dort gefangen gehalten wurden. Sie waren zusammengepfercht und mussten auf ihren Abtransport in die Lager warten – wie ich später erfuhr. Irritiert von den Hilfeschreien, kniete ich mich vor die Kellerfenster, rief hinein, fragte, wie ich helfen könnte – es kamen aber keine Antworten. Höchstens unartikulierte Schreie. Ich konnte überhaupt nicht verstehen, dass niemand eingriff – die Leute gingen achtlos vorbei. Die Menschen in den Kellern waren so verzweifelt und schon so hoffnungslos, sie haben nicht mehr damit gerechnet, dass ihnen irgendwer zu Hilfe kommen würde, und schon gar nicht eine Zehnjährige.

Auch aus dem Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz hörten wir Tag und Nacht Schreie von gefolterten und misshandelten Menschen. Mich verfolgen diese Schreie bis heute. Ich kann nicht verstehen, wieso heute wieder so viele Neonazis herumlaufen. Nicht nach all dem, was geschehen ist. Es ist so furchtbar entmutigend, vor allem wenn ich mir die Zukunft vorstelle. Hat denn niemand aus der Vergangenheit gelernt? Bald sind alle Zeitzeugen weg, und dann gibt es nur mehr Erinnerungen aus zweiter Hand.

Jahrzehnte später, im Februar 2000, als die ÖVP die Koalition mit der FPÖ einging, empfand ich das als politische Katastrophe. Ich musste zwei Interviews geben und notierte in mein Tagebuch:

14. April 2000

Gestern, am 13. April, zwei Interviews im Herrenhof. Ich sprach von der Vertreibung meiner Freundin Agi Boroš und der Arisierung der Wohnungen. Von dem Schock und über die Enttäuschung der obersten Führer dieses Landes; von ihrer Unanständigkeit. Über Karrieren – und davon, dass sie sich nicht halten, wenn sie kein Fundament haben. Heute um 8 Uhr in den Nachrichten hörte ich die Meldung, dass die Rückzahlungen an die Opfer des Nationalsozialismus 21 Milliarden Schilling kosten werden.

Mein Vater Wilhelm Zeller (1882–1954) war schon 50, als ich auf die Welt kam; er war ein alter, aber sehr liebevoller Vater. Er starb mit 72 Jahren. Meine Mutter Anna (1893–1970) hat ihn noch um 16 Jahre überlebt. Meine Kindheit war sehr behütet. Ich erinnere mich nicht an viele Dinge vor 1938, wahrscheinlich, weil meine Welt eben in Ordnung war.

Ich bin das jüngste Kind, das Nesthäkchen. Ich wurde auch lange Zeit nur Zwetschgerl genannt. Erst als ich ein junges Mädchen war, wurde aus Zwetschgerl Wetschi, und meine Freunde von damals nennen mich heute noch so. Ich war – und das bin ich bis heute – irrsinnig neugierig. Immer wollte ich alles wissen, alles erklärt haben. Diese Neugier wird wohl nie aufhören.

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Meine Halbschwester Mimi mit ihrem Ehemann, meine Mutter, meine Schwester Friederike und mein Vater.

Mein Vater, ein Geschäftsmann, von dem ich nie wusste, welche Geschäfte er genau betrieben hat, war, wie man es damals bezeichnet hat, ein »Entrepreneur«. Er hatte großartige Ideen, war aber seiner Zeit immer voraus. Einmal war er in der Filmbranche tätig, dann hatte er eine Bar mit Vitamindrinks, die »Bibi-Bar« in der Rotenturmstraße – und so gab es bei uns immer wieder finanzielle Engpässe. Als Mann war er ein Charmeur der alten Schule. Er hat die Frauen geliebt, und ich meine wirklich geliebt. Sie waren für ihn einfach verehrungswürdige Geschöpfe. An ihm und seiner hinreißenden Art Frauen gegenüber habe ich sicherlich jeden Mann in meinem Leben gemessen. Ich habe ein paar Mal in meinem Leben solche Männer getroffen, die voller Ehrfurcht und Liebe Frauen gegenüber waren – allerdings konnten sie auch nie Nein sagen.

Mein Vater war drei Mal verheiratet, seine ersten zwei Ehefrauen starben beide jung. Ich weiß nicht genau woran, ich weiß nur, dass die zweite im Kindbett bei der Geburt meines Halbbruders Fritz starb. Das ist auch der Grund, warum zwischen meiner ältesten Halbschwester Wilhelmine, genannt Mimi, und mir 30 Jahre Altersunterschied liegen.

Mimis Mutter war Jüdin, was meiner Schwester natürlich später sehr gefährlich wurde. Es war ein Wunder, dass sie die schrecklichen Jahre in Wien überlebt hat. Irgendwie ist es meiner Familie gelungen, sie mit vereinten Kräften zu schützen. Sie überstand die gesamte Nazizeit sozusagen als »U-Boot«. Viel weiß ich nicht darüber, weil ich noch sehr jung war. Ich weiß nur, dass sie in der Operngasse gewohnt hat und irgendetwas mit einem Verlag zu tun hatte. Offenbar hatte sie, neben der Familie, auch noch ein anderes Netzwerk an Freunden, das sie geschützt hat.

Meine beiden Halbbrüder Wilhelm und Friedrich, die aus der zweiten Ehe meines Vaters stammten, waren durch den großen Altersunterschied zu mir eher wie liebevolle Onkel für mich. Nach dem frühen Tod ihrer Mutter lebten sie in Hietzing, im sogenannten »Schönbrunner Stöckl« direkt am Hietzinger Platz, und wurden von ihrer Tante, der Schwester ihrer verstorbenen Mutter, aufgezogen. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass sie täglich ihre Ponys im Schönbrunner Park spazieren führten – das hat mich als Kind natürlich sehr fasziniert.

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Fritz, mein Halbbruder.

Obwohl wir Geschwister nicht zusammenlebten, war der Kontakt speziell zu den Brüdern sehr eng. Ich fuhr ständig mit der Straßenbahn zu ihnen, und wir verbrachten viel Zeit gemeinsam im Hietzinger Bad. Es waren Wilhelm und Fritz, die mir später Mut machten, meinen Weg zu gehen und Schauspielerin zu werden. Sie setzen sich sehr für mich ein, als meine Eltern ihre Zweifel hatten, ob das wohl die richtige Berufswahl für mich wäre.

Aus der dritten Ehe meines Vaters – mit meiner Mutter, Anna Wohlgemuth – gab es noch meine einzige richtige Schwester: Friederike. Sie war sechs Jahre älter als ich.

Meine Mutter war eine stille und sehr liebevolle Frau, die oft sehr traurig war. Sie weinte viel. Ich weiß noch, dass ich oft einfach bei ihr gesessen bin und sie nur gestreichelt habe. Ich hatte immer Angst um sie, sie wirkte so verletzlich und zart, dann aber auch wieder sehr distanziert, so als ob sie in ihrer eigenen Welt lebte. Viele Jahrzehnte später erinnerte ich mich an ihre Aufenthalte in Steinhof. Ich drehte dort gerade den Film »Ene mene muh – und tot bist du« (2000) von Houchang Allahyari, und plötzlich fielen mir die Besuche bei meiner Mutter im Spital wieder ein. Mir war als Kind nicht wirklich klar, warum sie dort war, heute weiß ich, dass sie wegen Depressionen in Behandlung war.

Sie hat sicher auch darunter gelitten, dass mein Vater andere Frauen so verehrt hat. Einmal stand die Ehe meiner Eltern sehr an der Kippe. Es gab damals eine Frau im Leben meines Vaters, die immer wieder bei Einladungen in unserer Wohnung auftauchte. Mir fiel sie auf, denn sie hatte eine ganz besondere Ausstrahlung. Irgendetwas an ihr war einfach anders. Abgesehen davon wechselten die Gäste oft, nur sie kam immer wieder. Obwohl ich nichts Genaues wusste, hatte ich so meine Vermutungen. Ich war gerade im Maturajahr, also beileibe kein Kind mehr, und mein Vater bat mich, mit ihm in den Volksgarten zu gehen, er müsse mit mir etwas sehr Ernstes besprechen. Mir wurde ganz schlecht, weil ich mir nicht vorstellen konnte, was das sein sollte. Wir setzten uns auf eine Bank, und er fragte mich, ob ich es ihm sehr übelnehmen würde, wenn er meine Mutter verließe.

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Anna Wohlgemuth, meine Mutter.

In meinem jugendlichen, unreflektierten Ungestüm war meine Antwort klar: »Das wäre sehr gemein, das darfst du nicht machen.« Ich wusste, meine Mutter hätte diese Trennung nicht überlebt.

Nie wieder wurde über dieses Thema gesprochen. Heute tut mir das leid. Wer weiß, vielleicht habe ich meinem Vater ein großes Glück zerstört.

Ich bedauere, dass ich nie Großeltern hatte. Die Eltern meiner Eltern waren alle schon tot, als ich auf die Welt kam. Daher ist mir vieles in meiner Familie unklar – ich hatte niemanden, den ich fragen konnte, und mit den Eltern hat man andere Dinge besprochen als beispielsweise die Vorfahren. Ich hätte einfach gerne mehr über unsere Familie gewusst. Ich sehe es ja bei meinen Enkelkindern: Man erzählt ihnen ganz andere Dinge als beispielsweise den eigenen Kindern, man hat zu Enkeln einfach einen anderen Zugang. Ich glaube, dass man als Kind mit Großeltern ganz anders spricht als mit Eltern, und das hätte ich mir gewünscht.

Kurz nach Kriegsende war mein Vater viel auf Reisen. Er arbeitete damals für eine Firma, die Filmrollen herstellte, und musste regelmäßig nach München fahren. Immer, wenn ich nachgefragt habe, meinte meine Mutter nur: »Du weißt ja, er muss arbeiten …« Mein Vater war oft wochenlang fort, und wenn ich ihn fragen wollte, was er denn genau gemacht hätte, zog er einfach – anstatt zu antworten – ein neues Kleid oder etwas anderes Schönes aus seinem Koffer und sagte: »Schau, was ich dir mitgebracht habe. Die Reise hat sich doch ausgezahlt, oder?« Damit war das Thema erledigt. Ich hätte nie gewagt, näher nachzufragen.

Ein Erlebnis mit meinem Vater hat mir die Augen geöffnet. Ich war etwa 17 oder 18 Jahre alt und mit meiner ersten großen Lebensliebe, dem späteren Dirigenten Michael Hutterstraßer, liiert. Seine Eltern führten die Firma Bösendorfer in Wien und hatten Anteile am Hotel »Österreichischer Hof« in Salzburg. Wir sind dauernd zwischen Wien und Salzburg hin und her gefahren, saßen oft an der Salzach, ließen die Füße ins Wasser hängen und haben viel geredet. Michaels Großvater war der legendäre Opernsänger Richard Mayr (1887–1935), der 1911 erstmals in der Wiener Staatsoper den »Ochs von Lerchenau« in Richard Strauss’ Oper »Der Rosenkavalier« gesungen hat. 1924 spielte er diese Rolle in London in Covent Garden und begründete damit seine internationale Karriere. Michael sah in ihm ein großes Vorbild, und manchmal fuhr er einfach aus einer Laune heraus nach Salzburg, nur um sich das Bild seines Großvaters, das überlebensgroß im »Österreichischen Hof« hing, anzusehen.

An einem dieser Ausflugstage begegneten wir völlig unerwartet meinem Vater. Er war nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, heimlich mit einer Geliebten unterwegs, nein, er war inmitten eines ganzen Freundeskreises, mit dem er sich angeregt unterhielt. Als er mich sah, erschrak er nicht etwa oder war bestürzt – im Gegenteil, er forderte mich und Michael auf, uns einfach dazuzusetzen, teilzuhaben und mitzudiskutieren. Mein Vater führte sozusagen ein Parallelleben.

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Michael Hutterstraßer, meine erste große Lebensliebe.

Sein zweites Leben war ausgelassen, lustig und sehr geistreich. Ganz anders als sein Wiener Leben. Meine Mutter war immer sehr traurig, hat wenig gesprochen und sich auch nur für wenige Dinge interessiert. Also nahm sich mein Vater Auszeiten, sozusagen als Ausgleich. Wenn er dann zurückkam, war er ausgeglichen, liebenswürdig, fröhlich – und auch meine Mutter blühte dann wieder etwas auf.

Ich weiß nicht, wie viel und was sie genau über diese »Ausflüge« meines Vaters wusste. Meine Eltern haben wahrscheinlich auch unseretwegen den Schein aufrechterhalten. Meine Schwester und ich sollten nichts merken. Das war damals so – über Persönliches wurde nicht gesprochen.

Wir lebten zuerst in Mauer, dann, als ich in die Schule kam, in der Stumpergasse im 6. Bezirk, später im 1. Bezirk, in der Gölsdorfgasse 2, Ecke Rudolfsplatz. Dort wurden wir ausgebombt und siedelten in die Rotenturmstraße 19. Verschafft wurde uns diese Wohnung von einem Freund meines Vaters. Sie war sehr klein und wir lebten recht eng aufeinander. Da war auch kein Platz für eine Bibliothek. Es hat sich – außer mir – auch niemand dafür interessiert. Weder Literatur noch Kunst spielten in meinem Elternhaus eine besondere Rolle.

Einer meiner stärksten Kindheitseindrücke ist ein kleiner Frosch, den sich meine Schwester in einem winzigen Terrarium hielt. Alles drehte sich um diesen Frosch und was er gerade machte oder nicht machte. Ich weiß nicht, warum ich mir gerade diese Belanglosigkeit gemerkt habe. Das Gedächtnis ist schon etwas Merkwürdiges.

Jahrzehnte später, als ich in Reichenau Sommertheater spielte, fiel mir wieder ein, dass wir einmal im Sommer in Payerbach gewohnt haben. Ich muss noch sehr klein gewesen sein, wahrscheinlich war ich gerade in der ersten Klasse Volksschule. Wir, das waren meine Schwester Friederike, genannt Dita, meine Mutter und mein Vater:

8. Juli 1990

Schöne Parkanlagen – wunderbare Bäume. Sicher haben wir auch deshalb in Payerbach gewohnt. Ich erinnere mich an meinen Tretroller, an den Pavillon, der noch immer im Park dort steht. Ich erinnere mich an die zu hohe Türschnalle am Bahnhof, wenn ich Papa zum Zug brachte. An einen großen Streit meiner Eltern – wo Papa mich gern zu sich genommen hätte, ich aber zu Mutti floh, in ihren Schoß. An Dita, meine Schwester. Die gemütlichen Nachmittagsschläfchen mit Papa, wo wir einen Doppeladler bildeten beim Schlafen. Wir lagen Rücken an Rücken.

Ich erinnere mich an das Kochenspielen, wo ich Kirschenkompott und Apfelkompott erzeugte, das weiß ich noch genau. Es taucht alles unglaublich klar auf. Dita hatte einen ganz geraden Haarschnitt. Wir trugen Dirndlkleider einfachster Art und Jackerln.

Ich hatte immer kurzes Haar, mit einer Welle. (Ich habe die Haare meiner Mutter geerbt.) Ich vermute, Papa hatte seine Abenteuer in Wien und kam nur am Wochenende. Wir waren sehr arm, glaub ich. Ich habe den Verdacht, dass das Geld von einer der Geliebten meines Vaters kam, die damit meine Mutti, meine Schwester und mich ernährte. Denn damals war große Arbeitslosigkeit. Ungefähr 1931–1932, 1933, 1935 fuhren wir dann in die Großstadt. Über die Mariahilfer Straße. Das erste Mal Schilder lesen; versuchen, zu lesen. Ganz arm in der Webgasse Untermiete – noch ärmer in der Stumpergasse 8. (Diesen Wohnungsalbtraum habe ich bis heute noch.) Unvorstellbar klar ist der Alltag mir noch von dort. Ich glaube der einzige Gedanke meines Vaters war: Wie ernähre ich meine dritte Frau mit dem vierten und fünften Kind – also meine Schwester Dita und mir.

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Mit Mimi und Friederike.

Ich besuchte die Volksschule in der Mittelgasse 24 im 6. Bezirk. Fast alle meine Freundinnen waren Jüdinnen. In der Klasse waren wir 33 Schülerinnen, und von einem Tag zum anderen waren wir nur mehr zu acht. Buchstäblich über Nacht sind 25 Mitschülerinnen verschwunden. Natürlich haben wir uns sofort gefragt, was da denn los war. Die Antwort der Lehrer, kurz und lapidar: »Das sind alles Jüdinnen. Die mussten weg und haben schon die Stadt verlassen.« Meine Reaktion: Um Gottes willen, ich muss raus aus meiner Schulbank, sofort nach Hause laufen und schauen, ob ich meinen Freundinnen wenigstens noch ein Bussi oder irgendetwas mitgeben kann, denn die haben ja gestern noch gar nicht gewusst, dass sie weg müssen.