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    Birgit Mosser-Schuöcker    

Leopold Figl

BIRGIT MOSSER-SCHUÖCKER

LEOPOLD FIGL
DER GLAUBE AN ÖSTERREICH

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Mit 74 Abbildungen

AMALTHEA

© 2015 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisbeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagfotos: © Privatbesitz Familie Figl

Lektorat: Martin Bruny

Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der: 10,65/14,85 pt Cambria

ISBN 978-3-85002-917-9

eISBN 978-3-902998-65-1

Inhalt

Einleitung

Teil I: Krise

1. KAPITEL

Der Beginn einer Freundschaft: November 1918

Ein Traum wird wahr: Juni 1926

Ein anstrengender Sonntag: Oktober 1932

2. KAPITEL

Die Bewährungsprobe: 2. Februar 1934

Ein sonntäglicher Besuch: 6. März 1938

Ein letzter Versuch: 11. März 1938

Teil II: Ohnmacht

3. KAPITEL

Die Verhaftung: 12. März 1938

Die Bestrafung: Frühling 1938

4. KAPITEL

Der Steinbruch: Winter 1940

5. KAPITEL

Nicht mehr lang? 1940 bis 1943

6. KAPITEL

Die Heimkehr: 8. Mai 1943

Das Treffen: 4. Mai 1944

7. KAPITEL

Das zweite Mal: 6. Oktober 1944

8. KAPITEL

In der Todeszelle: April 1945

Teil III: Glaube

9. KAPITEL

Vom Keller in die Kommandantur: April 1945

Die Proklamation: 29. April 1945

10. KAPITEL

An der Wand: April 1945

Der erste Besuch: Mai 1945

11. KAPITEL

Die Regierungserklärung: 21. Dezember 1945

Die Weihnachtsansprache: 24. Dezember 1945

12. KAPITEL

Die Konfrontation: 1946

Befehl Nr. 17: 5. Juli 1946

13. KAPITEL

An der Zonengrenze: 1947

Die Wahlschlacht: Frühling 1949

14. KAPITEL

Der Streik: Oktober 1950

Die Reise: Mai 1952

15. KAPITEL

Der Sturz: 22. März 1953

16. KAPITEL

Die Enttäuschung: 18. Februar 1954

17. KAPITEL

Der Durchbruch: 15. April 1955

18. KAPITEL

Die Beerdigung: 11. Mai 1955

Die Mitschuld-Klausel: 14. Mai 1955

19. KAPITEL

Der große Moment: 15. Mai 1955

20. KAPITEL

Der alte Bekannte: 1960

Das Wochenende: 1963

21. KAPITEL

Der Abschied: 26. April 1965

Anmerkungen

Gästebuch-Transkriptionen

Literaturverzeichnis

Dank

Personenregister

Bildnachweis

Einleitung

2015 ist ein Jubiläumsjahr: 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, 60 Jahre nach Abschluss des Staatsvertrages gedenkt das offizielle Österreich seiner Anfänge. Die schwersten Jahre der Zweiten Republik sind untrennbar mit Leopold Figl verbunden. Zwei Ereignisse haben ihren festen Platz in der kollektiven Erinnerung der Österreicher: die erste Weihnachtsansprache des Bundeskanzlers und die Balkonszene nach der Unterzeichnung des Staatsvertrages. 1945 versucht Leopold Figl mit seiner Radioansprache den Österreichern trotz bitterster Not ein wenig Zuversicht zu schenken. 1955 kann der glückliche Außenminister seinen Landsleuten endlich den lang ersehnten Schlüssel zur Freiheit präsentieren. Zwei völlig unterschiedliche Situationen, die doch das große Lebensthema Leopold Figls vereinen: den Glauben an Österreich.

Der spätere Kanzler hat schon zu einer Zeit, als dies noch nicht selbstverständlich war, an ein selbstständiges Österreich geglaubt und diese Überzeugung mit KZ und Todeszelle bezahlt. Er geriet in Extremsituationen, aus denen es keinen Ausweg gab. Momente, in denen der Charakter unbarmherzig freigelegt wurde. Tapferkeit, Mut, Entschlusskraft, aber auch die Bereitschaft zur Versöhnung waren damals keine leeren Phrasen, sondern lebenswichtig: in den Jahren der Ohnmacht für die Kameraden im KZ, in den Jahren des Wiederaufbaues für ein ganzes Volk. Der NS-Terror hat Leopold Figls Bekenntnis zu Österreich nicht gebrochen, sondern gestärkt. Den Mut, auch angesichts eines übermächtigen Gegners nicht aufzugeben, hat Figl auch nach 1945 noch gebraucht: zunächst in der unmittelbaren Konfrontation mit der sowjetischen Besatzungsmacht, später im zähen Ringen um den Staatsvertrag.

Leopold Figl hat für Österreich gelitten, gekämpft und gearbeitet wie kein anderer Kanzler vor oder nach ihm. Trotzdem war er kein Säulenheiliger, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Ein Mensch mit vielen Stärken und manchen Schwächen. Aufgewachsen und sozialisiert im bäuerlich-konservativen Milieu, war es selbstverständlich, dass er im Ständestaat auf der Seite der Regierung stand. Als hoher Funktionär des Bauernbundes und Führer der Niederösterreichischen Sturmscharen unterstützte er Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg, deren Kurs er immer als einen Kampf um die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit Österreichs verstand. Er war ein Kind seiner Zeit. Einer Zeit, in der Begriffe wie Heimat und Treue allgegenwärtig waren. Einer Zeit, die Leopold Figl immer wieder in scheinbar aussichtslose Situationen gebracht hat. Er hatte das Glück und die Stärke, nicht an ihnen zu zerbrechen, sondern an ihnen zu wachsen. So wurde er, noch zu seinen Lebzeiten, zum wohl beliebtesten Politiker der Zweiten Republik.

Man sagt, dass ein Mensch weiterlebt, solange an ihn gedacht wird. Üblicherweise sind damit die privaten Erinnerungen von Familienmitgliedern und Freunden gemeint. Leopold Figl lebt im kollektiven Gedächtnis der Österreicher weiter.

Teil I: Krise

1. KAPITEL

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Leopold Figl im Jahr 1912 als Zehnjähriger mit seiner Mutter und zwei Geschwistern. Zwei Jahre darauf wird der Vater sterben.

Der Beginn einer Freundschaft: November 1918

So viele Menschen hat der Schüler noch nie auf den Straßen von St. Pölten gesehen. Seit drei Jahren besucht Leopold Figl hier das Gymnasium. Eigentlich wird auch am Samstag unterrichtet, doch heute ist ein besonderer Tag. Eine Sappeur-Kompanie wird von der Front zurückerwartet. Heinrich will seinen großen Bruder Julius empfangen, der 16-jährige Leopold begleitet ihn. Frauen, Kinder und alte Männer drängen sich auf den holprigen Pflastersteinen und warten. Die meisten von ihnen sind schlecht ernährt, tragen verschlissene Kleidung und sehen älter aus, als sie vermutlich sind. Die Stimmung ist angespannt und hoffnungsvoll zugleich. Wird der Ehemann, der Vater, der Bruder unter den Heimkehrern sein?

„Da kommen sie!“, schreit Heinrich glücklich. „Schau, Poldl! Der Julius führt sie an!“

Julius Raab, der seinen Männern vorausreitet, ist auch nach vier Jahren Krieg und in einer verschlissenen Uniform eine imposante Erscheinung. Die Soldaten gehorchen ihm, auch wenn sein Offiziersrang seit dem Waffenstillstand an Bedeutung verloren hat. Der Oberleutnant führt den Rest seiner Kompanie zum elterlichen Bauhof. Aufgeregt beobachten Heinrich und Leopold, wie die Soldaten ihre Waffen in einem absperrbaren Raum verstauen. Wer kann, tauscht seine hechtgraue Uniform gegen Zivilkleidung. Nach und nach verabschieden sich die Männer von ihrem Oberleutnant. Die gemeinsam überlebten Isonzo-Schlachten und der lange Marsch in die Heimat verbinden. Der Offizier und „seine“ Soldaten wünschen sich gegenseitig Glück und wissen, dass sie es brauchen werden. Zwar schweigen die Waffen, doch bis zum Frieden ist es noch ein langer Weg.

Die beiden Buben weichen den Erwachsenen nicht von der Seite. Schließlich will Julius Raab seine Heimkehr mit einigen Freunden im Gasthaus feiern. Endlich kommt Heinrich dazu, seinen Freund vorzustellen.

„Alle sagen Poldl zu mir!“, sagt der Gymnasiast etwas schüchtern.

„Na, dann kommst halt mit, Poldl!“, antwortet der Ältere. Später wird viel über gewonnene Schlachten, vergebene Siege, den verlorenen Krieg und über Österreich gesprochen. Die beiden Schüler, die ihr Alter davor bewahrt hat, kämpfen zu müssen, hören mit roten Ohren und offenen Mündern zu. Der 16-jährige Poldl ahnt nicht, dass die Freundschaft zu Julius Raab sein Leben prägen wird.

Der 27-jährige Julius Raab kehrt in eine Heimat zurück, die sich – wie er es selbst einmal beschrieben hat – in völliger Auflösung befindet. Nur 20 Tage zuvor, am 3. November 1918, ist der Waffenstillstand zwischen der Entente und Österreich-Ungarn unterzeichnet worden. Die »Neue Freie Presse« berichtet in ihrer Ausgabe vom 24. November 1918, dass die Personendemobilisierung nunmehr beendet sei. An allen Ecken und Enden bemächtigen sich fremde Soldaten österreichischen Gebiets: An dem Tag, an dem der spätere Bundeskanzler heimkehrt, besetzt serbisches Militär Kärnten und rücken italienische Truppen nach Innsbruck vor. Das Gebiet, das später Südtirol genannt werden wird, ist bereits seit Wochen italienisch besetzt. Marburg ist in serbischer Hand. In St. Pölten, der Schulstadt Leopold Figls, müssen die Menschen keinen Einmarsch fremder Soldaten fürchten. Doch auch hier kämpft man mit riesigen Problemen: Ein Fünftel der St. Pöltner, die für Gott, Kaiser und Vaterland in den Krieg gezogen sind, kehrt nicht mehr in die Heimat zurück. Soldatenräte haben die Stadtverwaltung übernommen. Die Ernährungslage ist katastrophal, viele Menschen hungern.

Leopold Figl ist in jenen bitteren Jahren sicherlich dankbar, aus einer Bauernfamilie zu stammen. Der Gymnasiast kommt aus Rust im Tullnerfeld, wo seine Mutter gemeinsam mit den acht Geschwistern einen ansehnlichen Hof bewirtschaftet. Seit Beginn des 16. Jahrhunderts ist die Familie Figl im Tullnerfeld ansässig. »Seit Anno Domini 1752 sitzen wir Figl auf dem Bauernhaus Nr. 37 in Rust, Bezirk Tulln. Dass es immer so bleibe, das walte Gott!«, kann man im »Goldenen Ehrenbuch der niederösterreichischen Bauernschaft« nachlesen. Leopold Figl ist stolz auf seine traditionsreiche Familie. Das Gemälde des 1702 geborenen Balthasar Figl und seiner Gattin Juliane wird auch in der »Kanzler-Wohnung« in der Peter-Jordan-Straße im 19. Bezirk hängen. Balthasar hält den sogenannten Roßstock in der Hand, das Zeichen des freien Bauern.

Genau 200 Jahre nach ihm kommt Leopold Figl zur Welt. Als er zwölf Jahre alt ist, stirbt sein Vater im Alter von 44 Jahren. Die Mutter, die »Figlin«, wie sie im Ort respektvoll genannt wird, ist eine Frau, die Gehorsam einfordert. Eine Witwe mit neun Kindern, die im Jahr, als der Erste Weltkrieg ausbricht, plötzlich auf sich allein gestellt ist, muss sich durchsetzen können. Josefa Figl führt ein Leben, dessen Belastungen man heute kaum nachempfinden kann: Sie muss mit dem plötzlichen Verlust des Familienoberhauptes fertigwerden, bringt neun Kinder durch den Krieg und führt einen großen Hof. Für Zärtlichkeiten oder Freizeit mit den Kindern bleibt kaum Zeit.

Der Alltag des kleinen Poldl wird vor allem durch Pflichten bestimmt: Lernen für die Schule, Arbeit auf dem Feld oder auf dem Hof, Kirchgänge. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen – das gilt zu dieser Zeit auch für Kinder. Leopold ist ein aufgeweckter kleiner Bursche. Nach sechs Jahren Volksschule rät der Pfarrer, den Poldl aufs Gymnasium nach St. Pölten zu schicken. Vermutlich denkt er an eine Karriere als Seelsorger. Eigentlich ist Leopolds älterer Bruder Josef als »Studierter« vorgesehen: Er besucht die Bürgerschule in Neulengbach. Schließlich folgt die Mutter dem geistlichen Ratschlag, und der schmächtige 13-Jährige wird aufs Gymnasium geschickt. Josef muss wieder nach Hause kommen; zwei Söhne kann Josefa Figl auf dem Hof nicht entbehren.

1915, als Leopold Figl seine Gymnasiallaufbahn startet, befindet sich die Monarchie im zweiten Kriegsjahr. Die Köpfe der Buben sind voll von Propaganda und heldenhaften Geschichten über Schlachten und Siege. So geht auch der 13-jährige Ruster mit dem Gedanken an eine militärische Laufbahn in die Stadt: »Es war ja Krieg, und da hat man gesagt: mach das Gymnasium, dann kannst du nachher gleich Leutnant werden. Mit dieser Begeisterung bin ich nach St. Pölten gegangen.«1

Trotz der räumlichen Trennung bleibt der Gymnasiast seiner Familie eng verbunden: Wann immer es Geld und Zeit zulassen, fährt er nach Hause und hilft selbstverständlich bei allen Arbeiten auf dem Hof mit. Erst danach ist Zeit für Radtouren oder Turnen. Die starke Beziehung zu seinen Geschwistern und vor allem zur Mutter wird Leopold Figl auch später aufrechterhalten. Das Wort von Josefa Figl hat auch für den Bundeskanzler der Republik Österreich noch Gewicht. Wenn Leopold Figl einen Rat braucht, fährt er nach Rust und vertraut der Meinung jener Frau, die ihm und seinen acht Geschwistern trotz Krieg und Krisen eine behütete Kindheit ermöglicht hat.

Ein Traum wird wahr: Juni 1926

Der junge Mann hat es eilig. Ausgerechnet heute hat der Ringwagen Verspätung gehabt; aus der kalkulierten halben Stunde vom 1. Bezirk in die Josefstadt sind 40 Minuten geworden. Leopold Figl beschleunigt seine Schritte. Gerade er, sicherlich einer der jüngsten Gäste, darf nicht zu spät kommen. Heute wird im Gasthaus „Grünes Tor“ in der Lerchenfelder Straße die Gründung des Niederösterreichischen Bauernbundes vor 20 Jahren gefeiert.

Da war ich noch nicht einmal in der Schule, überlegt der Bauernsohn kurz. Umso mehr freut es den Studenten, dass die Honoratioren an ihn gedacht haben.

Sogar eine Rede soll er halten, als Vertreter der Jugend sozusagen. Leopold Figl hat sich viel Mühe mit der Vorbereitung gegeben, auf seiner Bude im Studentenheim daran gefeilt und sie eingeübt. Die Herren sollen einen guten Eindruck von ihm haben.

Josef Stöckler, der Obmann des Niederösterreichischen Bauernbundes, ist ein beeindruckender Mann. Der 24-jährige Figl kennt den Bauernpolitiker schon seit er ein kleiner Bub war. Als der Vater noch gelebt hat, ist Stöckler hin und wieder auf den Hof gekommen, um ein Pferd zu kaufen. Ein großer Mann mit buschigem Schnurrbart und ordentlich gezogenem Scheitel, der mit dem Vater wichtige Dinge besprach. Der kleine Poldl wich ihnen nicht von der Seite und versuchte zu verstehen, was die Erwachsenen besprachen. Heute wird er selbst sprechen, und der Bauernbundobmann wird ihm, dem Studenten, zuhören.

Wenige Meter vor dem Lokal bleibt der junge Mann stehen, richtet sich den grünen Kragen seines Trachtenanzuges zurecht und streicht sich ordnend durch die Haare. So viel Zeit muss sein. Die Tür des Gasthauses steht offen, Stimmengemurmel dringt auf die Straße. Viele Bauern haben die Gelegenheit zu einer Fahrt in ihre Landeshauptstadt genutzt. Als sich Leopold Figl einen Weg durch den Saal bahnt, sieht er nicht wenige bekannte Gesichter. „Servas, Poldl!“, grüßt ein entfernter Verwandter und klopft ihm väterlich auf die Schulter. Andere nicken ihm freundlich zu. Der Poldl ist beliebt bei den Älteren, er gilt als fleißig und hilfsbereit. Aus dem Buben wird einmal etwas werden, da ist man sicher.

Als sich der Student der Festtafel nähert, bemerkt er, dass der Bundeskanzler neben dem Bauernbundobmann sitzt. Nervosität steigt in ihm auf. Mit der Anwesenheit des Prälaten hat Leopold Figl nicht gerechnet. Ignaz Seipl ist eine respekteinflößende Erscheinung: Kahlköpfig, immer dunkel gekleidet, wirft er durch eine randlose Brille strenge Blicke auf seine Mitmenschen. Sein Urteil kann vernichten.

Der Agrarstudent atmet tief durch. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Er grüßt die hohen Herren höflich und nimmt Platz. Leopold Figl wird seine Rede halten. Er wird den Eltern keine Schande machen, das hat er sich fest vorgenommen.

Die Rede des 24-Jährigen findet Anklang. Sie gefällt so gut, dass der junge Ruster eingeladen wird, mit den Älteren zu Mittag zu essen. Man erkundigt sich, wie lange Figl noch für sein Studium brauchen werde. »Eineinhalb Jahre«, antwortet der Student. »Du musst Bauernbundsekretär werden!«, heißt es. Leopold Figl hat einmal selbst über den Beginn seines Politikerlebens erzählt: »Na, und ich bin dagesessen mit geschwellter Brust, und ich habe die vielen Verwandten und Freunde aus der Heimat gesehen, die alle applaudierten und sich freuten, dass der Bua doch was kann und nun mit den großen Politikern beim Mittagessen sitzen durfte. Und ich hab gesagt: ›Gut, ich werde mich hineinknien und sehr fleißig studieren.‹«2

Ein Jahr später, die Staatsprüfung ist mittlerweile abgelegt, meldet sich der Direktor des Niederösterreichischen Bauernbundes, Josef Sturm, bei Figl und überredet ihn zu einer zweiwöchigen Vertretungsarbeit im verwaisten Büro. Nach seiner Rückkehr will der Direktor nichts davon hören, dass Figl wieder studieren geht. Doch der junge Mann zögert. Er will kein »verbummelter« Student sein.

Dollfuß, der seine Karriere ebenfalls als Bauernbundsekretär begonnen hat, rät ihm abends im Studentenheim zu: »Da schau, jetzt brauch ma an Sekretär, und des muaßt bleiben. Ob du dein Diplom morgen machst oder übermorgen, is wurscht!«3 Engelbert Dollfuß und Leopold Figl ahnen bei diesem abendlichen Gespräch nicht, dass sie es beide zum Bundeskanzler bringen werden. Sie werden das kollektive Gedächtnis der Österreicher prägen, jedoch auf völlig unterschiedliche Weise: Dollfuß, der autoritäre Kanzler des Ständestaates, der 1934 im sogenannten Juliputsch von Nationalsozialisten ermordet wird, und Leopold Figl, der den Österreichern 1945 Hoffnung und 1955 den lang ersehnten Staatsvertrag geben kann.

Jedenfalls nimmt Leopold Figl den Rat des zehn Jahre Älteren an, wird Bauernbund-Sekretär und 1931 stellvertretender Bauernbunddirektor. Zuerst beendet er noch – mit Hilfe eines vierteljährigen Urlaubs – sein Studium.

Als Student der Universität für Bodenkultur wohnt er, wie könnte es anders sein, in einem katholischen Studentenheim in der Habsburgergasse. Es wird vom späteren Kardinal Innitzer geleitet. Viel Zeit verbringt der junge Figl auch auf der Bude der Cartellverband-Verbindung »Norica« in der Schwarzspanierstraße. Er hat dort viele Freunde, die ebenfalls zuerst in St. Pölten das Gymnasium besucht haben und dort schon Mitglied der »Nibelungia«, einer Verbindung des Mittelschülerkartellverbandes (MKV), waren. Für einen jungen Bauernsohn, der plötzlich in der Großstadt lebt, ist die Verbindung nicht nur eine Freizeitbeschäftigung, sondern auch eine Art Familienersatz. Darüber hinaus dient der Cartellverband der Anbahnung von Lebensfreundschaften, die einem jungen Mann so manche Türe öffnen. Der »Norica« entstammen zahlreiche Politikerpersönlichkeiten wie beispielsweise Julius Raab, Hermann Withalm, Alois Mock und Michael Spindelegger. Leopold Figl wird auch später, als bekannter Politiker, noch gerne das weiß-blau-goldene Band und die hellblaue Mütze tragen.

In einem Gespräch mit dem legendären Heinz Fischer-Karwin stellt Leopold Figl den Zusammenhang zwischen seiner Herkunft und seiner Politikerlaufbahn her: »So hab ich mir gedacht, als studierter Bauernbua könnte man in den Bauernbund hineingehen und die Alten ablösen. Wenn man schon studiert, dann soll man dem Stand, dem man entstammt, auch im öffentlichen Leben dienen. Mein Ziel war es von Anfang an, Bauernbund-direktor von Niederösterreich zu werden.«4

1933 ist es so weit: Der erst 31-jährige Agraringenieur wird zum Bauernbunddirektor ernannt. Eine glanzvolle Karriere scheint vor ihm zu liegen. Auch privat ist sein Glück perfekt: Leopold Figl ist seit drei Jahren mit Hilde Hemala verheiratet und Vater eines kleinen Buben.

Doch das Unheil, das diese und Millionen anderer Familien in Europa bedrohen wird, beginnt sich schon zusammenzubrauen. 1933 wird Adolf Hitler Reichskanzler des Deutschen Reiches. Den sechsten Geburtstag seines Sohnes wird der vormalige Bauernbunddirektor im KZ Dachau verbringen.

Ein anstrengender Sonntag:
Oktober 1932

Etwas umständlich befestigt Leopold Figl den langen Ehrensäbel an seiner Uniform. Vor einigen Wochen haben ihm seine Sturmscharmänner das gute Stück bei einem Treffen in Krems überreicht. Auch heute ist wieder Sonntag, auch heute muss er wieder zu einem Sturmschartreffen aufs Land fahren. Wieder keine Zeit für die Familie, wie fast jedes Wochenende.

Hilde sagt nichts dazu; es ist auch nicht notwendig. Der Familienvater weiß genau, dass er mehr Zeit mit seiner Frau und dem kleinen Hansl verbringen sollte. Aber es ist wichtig, dass er zu seinen Männern spricht. Eine mitreißende Rede ist gut für die Moral. Die jungen Bauernburschen hängen an seinen Lippen, vertrauen seinen Auffassungen. Er sieht es in ihren Augen, hört es an ihrem Applaus. Nach einer sonntäglichen Figl-Rede glauben die Zuhörer wieder ein bisschen mehr an ein starkes, unabhängiges und katholisches Österreich. In diesen unruhigen Zeiten kann man nicht genug dafür tun, damit die Menschen fest und treu zur Regierung, zum Kanzler, stehen. Jeden Tag bringt die RAVAG, bringen die Zeitungen neue beunruhigende Meldungen. Da marschieren die Roten, dort marschieren die Braunen. Schlägereien, Saalschlachten, sogar Attentate sind an der Tagesordnung. Sie alle haben es darauf abgesehen, die Regierung in die Enge zu treiben – die Macht an sich zu reißen.

Dollfuß ist trotz seiner geringen Körpergröße ein großer Mann. Er bietet ihnen die Stirn, den Roten, den Braunen – den Feinden Österreichs. Trotzdem ist er ein geselliger, charmanter Mensch geblieben. Vielleicht ergibt sich ja bald wieder die Gelegenheit, ein bisserl zu plaudern. Der Kanzler weiß den Einsatz für die Sturmscharen zu schätzen.

Ein Klopfen an der Wohnungstür reißt den niederösterreichischen Sturmscharführer aus seinen Gedanken.

Kurz darauf steckt Fritz Eckert, sein Sekretär, den Kopf ins Vorzimmer. „Poldl, komm, wir müssen fahren!“

Ein letzter Blick in den Spiegel. Ein Mann in hechtgrauer Uniform, Schulterriemen, Breeches und Stiefeln blickt Leopold Figl entgegen. Fast unmerklich schüttelt der Agraringenieur den Kopf. Er kann sich an den Anblick nicht gewöhnen.

Der Nachwelt sind unzählige Fotos von Leopold Figl erhalten geblieben. Der Bundeskanzler und Außenminister ist in verschiedenen Lebensphasen zu sehen, staatstragend oder privat, oftmals im Trachtenanzug. Einige wenige Aufnahmen haben mit jenem jovialen Politiker, an den sich heute noch viele Österreicher erinnern, kaum etwas gemein. Sie zeigen einen Mann in einer grauen, mit Orden geschmückten Uniformjacke, das rombusförmige Pax-Zeichen am Ärmel. Es ist die Uniform der Niederösterreichischen Sturmscharen, deren Landesführer Leopold Figl war.

Anlässlich der Gründung der neuen, wie es in der zeitgenössischen Sprache heißt, Wehrformation, druckt der »Bauernbündler« Leitsätze aus ihrem Programm ab: »Das österreichische Volk, das durch Jahrhunderte als Bollwerk der christlich-deutschen Kultur gegen die Barbarei des Ostens wie kein anderer deutscher Volksstamm seine nationale Pflicht erfüllt hat, ist gegenwärtig durch den zersetzenden Bolschewismus des Ostens und den übertriebenen Nationalismus des Nordens am schwersten gefährdet. […] Die Sturmscharen wollen in diesem Sinne den österreichischen Staats- und Kulturgedanken vertreten. Die Niederösterreichischen Sturmscharen fordern die Durchdringung des gesamten öffentlichen Lebens mit katholischen Grundsätzen. […] Wir bekennen uns stolz als Deutsche und damit zur Schicksals- und Kulturgemeinschaft des gesamten deutschen Volkes. […] Wir wollen den wahren Volksstaat und die richtige, pflichtgemäße Einstellung des Staatsbürgers zum Volksganzen. Daher fordern wir eine starke Staatsgewalt; denn eine zügellose Demokratie führt zum Chaos. […] Zum Schutze unseres Vaterlandes erhalten und pflegen wir die Wehrhaftigkeit unseres Volkes.«5

In derselben Ausgabe berichtet die Zeitung des Niederösterreichischen Bauernbundes über die Antrittsrede des neuen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß und fordert: »Wir haben Bauern- und Volksinteressen mit Ernst zu vertreten. Rafft sich das Parlament zu dieser Arbeit nicht auf, versagt die heutige Art der Demokratie, dann heißt es halt einen anderen Weg gehen!«

Aus heutiger Sicht klingen diese Sätze fast prophetisch. Nicht einmal ein Jahr später, am 4. März 1933, führt eine Geschäftsordnungsdebatte im Parlament zum Rücktritt aller drei Nationalratspräsidenten. Der christlichsoziale Bundeskanzler Dollfuß weiß diesen Umstand geschickt zu nutzen. Die Regierung missbraucht das aus Kriegszeiten stammende Notverordnungsrecht, um ohne Volksvertretung regieren zu können. »Das Parlament hat sich selbst ausgeschaltet«, heißt es im regierungstreuen Lager. Viele Bürger bedauern diesen Umstand nicht oder nehmen ihn zumindest gleichgültig zur Kenntnis. Zu lange wurde das Parlament als nutzlose »Quatschbude« verunglimpft. Außerdem haben die meisten Menschen angesichts der wirtschaftlichen Not ohnehin andere Sorgen.

Neben der weit verbreiteten Ablehnung des Parlamentarismus sind politische Privatarmeen eine andere unheilvolle Zeiterscheinung. Zu Beginn der 1930er-Jahre stehen sich in Österreich rechtsgerichtete Heimwehrverbände und der linke Schutzbund, der seine Anhänger aus der Arbeiterschaft rekrutiert, bewaffnet und aggressiv gegenüber. Die »Ostmärkischen Sturmscharen« entwickeln sich aus einer Tiroler Jugendbewegung. Ihre Kleidung erinnert bewusst an die hechtgrauen Uniformen der k. u. k. Armee. Mit der Bezeichnung »ostmärkisch« soll auf das karolingische österreichische Kernland verwiesen werden. Dass wenige Jahre später in Hitlers Reich alles österreichische durch »ostmärkisch« ersetzt werden wird, weiß man noch nicht. Noch grüßt man seine Sturmscharkameraden zuversichtlich mit »Treue« und »Österreich«.

1932 übernimmt Leopold Figl die Führung der »Niederösterreichischen Sturmscharen«. Die politischen Gegner verspotten Figls Mannen und alle anderen Träger dieser Uniform ob ihrer besonders zur Schau gestellten Bindung an die katholische Kirche als »Herzjesuhusaren«, »Ölbergindianer« oder, besonders freundlich, »Tabernakelwanzen«. Juden werden in die Sturmscharen nicht aufgenommen.

Eine persönliche Einschätzung seiner Tätigkeit als »Niederösterreichischer Sturmscharführer« ist von Leopold Figl nicht überliefert, vermutlich hat ihn auch kein Journalist der Nachkriegszeit danach gefragt. Erhalten geblieben ist ein Schreiben von Figl an Bundeskanzler Schuschnigg vom 19. November 1936. In zeitgenössisch schwülstigen Ton heißt es: »Hochverehrter Herr Kanzler! In der Not des Vaterlandes hast Du die Sturmscharbewegung gegründet, als selbstlose und opferbereite Kameradschaft ehrlicher Katholiken und absolut bekenntnistreuer Österreicher. […] Ich durfte in der Bewegung durch Dein Vertrauen Landesführer von Niederösterreich sein. Ich danke dir […], dass ich mitarbeiten, mitkämpfen und Verantwortung tragen durfte. Ich gelobe, dass ich auch in Zukunft in absoluter Dollfuß-Treue Dir, Kanzler und Führer Österreichs, bedingungslos folgen werde.«6

Es ist schwer zu sagen, ob aus diesem kurzen Brief etwas über die tatsächliche Einstellung des späteren Kanzlers gewonnen werden kann. Der übertrieben respektvolle Ton ist sicherlich dem Stil der Zeit geschuldet. Abzüglich des servilen Duktus des Schreibens, bleibt eine Vorstellung bestehen: In der Stunde der Not müssen alle aufrechten Österreicher bereit sein, Opfer für das Vaterland zu erbringen und ihren Führern treu zu folgen. Dieser Gedanke mag Leopold Figl in den beginnenden 1930er-Jahren geleitet haben. Es ist eine Einstellung, die Millionen Österreicher geteilt haben. Die unterschiedliche Einschätzung, welchen Führern man Treue schulde, wird im Jahr 1934 zur Katastrophe des Bürgerkrieges führen.

2. KAPITEL

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Ungewohnt martialisch: Figl in der Uniform der Ostmärkischen Sturmscharen.

Die Bewährungsprobe: 2. Februar 1934

Es ist ein kalter Wintervormittag, aber Leopold Figl friert nicht. Wenigstens hält die Bewegung warm, wenn er auch sonst dem Marschieren nichts abgewinnen kann. Der Bauernbunddirektor führt eine scheinbar endlos lange Marschkolonne an. Er hat „seine“ Bauern nach Wien gerufen, und sie sind seinem Aufruf gefolgt. Es geht um „Sein oder Nichtsein Österreichs“, wie er als Schriftleiter im „Bauernbündler“ getitelt hat. Die Sozis und die Nazis bedrohen den Staat, sind eine Gefahr für die Heimat. Man muss an das Verantwortungsgefühl der Menschen, an ihr Bekenntnis zu Österreich, appellieren. Der Ruster lässt seinen Blick zufrieden über die Marschierenden schweifen: Junge und Alte, Männer und Frauen, Bauern und Knechte ziehen einträchtig über den Ring. Nie zuvor hat Leopold Figl solche Menschenmassen auf den Straßen Wiens gesehen. Seit sechs Uhr früh rollt Zug um Zug aus Niederösterreich auf die Bahnhöfe und spuckt immer neue Kundgebungsteilnehmer aus. Man hat ihm berichtet, dass selbst der Schwarzenbergplatz die vielen Bauern nicht fassen konnte. Die Kundgebungsteilnehmer standen bis zum Karlsplatz. All diese Menschen sind nach Wien gekommen, um Engelbert Dollfuß in dieser schweren Zeit zu unterstützen. Der Kanzler, der selbst aus einer Bergbauernfamilie stammt, soll sehen, dass er sich auf seine Bauern verlassen kann.

Schon kann Leopold Figl den Kanzler erkennen, der den Bauern von seiner Ehrentribüne vor dem Kriegsministerium freudig zuwinkt. Es muss ein großartiger Anblick sein, der sich Engelbert Dollfuß bietet: Die Bauern marschieren in 16er-, ja sogar 20er-Reihen, die die ganze Breite der Ringstraße ausfüllen. Sie tragen Bezirkstafeln mit sich, die ihre Herkunft anzeigen. Rot-weiß-rote Fahnen werden geschwenkt. Jede größere Abordnung hat ihre eigene Musikkapelle mitgebracht. Man sieht Spruchbänder und Transparente aller Größen. „Österreich über alles, wenn es nur will! Wir wollen es!“, „Glaube, Volk und Vaterland“ und viele andere Parolen sind darauf zu lesen. Die Sturmscharmänner heben die Finger zum Schwur, als sie den Kanzler passieren.

Je näher Leopold Figl der Ehrentribüne kommt, desto lauter werden die „Heil“-Rufe. Er weiß, dass sie nicht nur dem Kanzler, sondern auch ihm, dem Organisator des heutigen Tages, gelten. Alles hat reibungslos funktioniert. Die Feuertaufe als Bauernbunddirektor ist überstanden.

Am 2. Februar 1934 »huldigen«, wie es damals heißt, 110 000 niederösterreichische Bauern auf der Wiener Ringstraße dem Kanzler, der seit dem 4. März 1933 ohne Parlament und damit ohne Kontrolle regiert. Engelbert Dollfuß mag sich an diesem Tag von der Bevölkerung anerkannt, ja geliebt fühlen, doch es ist ein trügerisches Gefühl. Gleichartige Aufmärsche seiner Gegner sind 1934 bereits untersagt.

Seit Ende März 1933 ist der Republikanische Schutzbund verboten, ebenso Streiks und – zur Erbitterung der »Roten« – der traditionelle Maiaufmarsch. Anfang Mai 1933 werden alle Wahlen auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene ausgesetzt. Erst am 19. Juni 1933 wird die NSDAP in Österreich verboten. Am 11. September verkündet Bundeskanzler Dollfuß bei einer Kundgebung am Wiener Trabrennplatz: »Die Zeit der Parteienherrschaft ist vorbei! Wir lehnen Gleichschalterei und Terror ab, wir wollen den sozialen, christlichen, deutschen Staat Österreich auf ständischer Grundlage, unter starker, autoritärer Führung! Autorität heißt geordnete Macht, heißt Führung durch verantwor-tungsbewusste, opferbereite Männer.«7

Viele Österreicher, zermürbt durch einen verlorenen Krieg, wirtschaftliche Not und gewalttätige politische Auseinandersetzungen, haben gegen dieses Führerprinzip nichts einzuwenden. In ihren Augen hat die Demokratie, ohnehin nur ein neumodisches Experiment, versagt. Sie sehnen sich nach wirtschaftlichem Auskommen, Ruhe und Ordnung.

Einer jener Männer, der als Garant für Ordnung und als Bollwerk gegen die »Roten« und »Braunen« gilt, ist der niederösterreichische Landeshauptmann Reither. Am Lichtmesstag 1934 hält er eine flammende Rede für die Selbstständigkeit Österreichs: »Wir stehen aber nunmehr am Ende dieser unserer Gutmütigkeit. Wir haben Sie in ernster Stunde heute nach Wien gerufen, um in Wien aufzumarschieren und damit zu zeigen, dass hinter dem Bundeskanzler und seiner Regierung noch Männer stehen, die entschlossen sind, diese Regierung und ihren Kanzler im Kampfe um Österreichs Unabhängigkeit auch durch die Tat zu unterstützen.«8

Reither wird diese kompromisslose Ablehnung des Nationalsozialismus fünf Jahre später im KZ büßen. Auf den 31-jährigen Leopold Figl, für den Reither, wie er oft betont hat, immer ein Vorbild war, hat diese Rede sicherlich großen Eindruck gemacht. Auch er wird seinen Glauben an Österreich bald mit KZ-Haft bezahlen. Bundeskanzler Dollfuß, der nach dem Landeshauptmann spricht, warnt ebenfalls eindringlich vor der braunen Gefahr. Gleichzeitig droht er den Sozialdemokraten und Kommunisten: »All denen, die den Aufbau unseres Staates auf berufsständischer Ebene verhindern wollen, all denen, denen Parteipolitik über Staats- und Volkswohl geht, all denen rücksichtsloser Kampf!«9

Nur zehn Tage später, in der »Kälte des Februars«, bricht der Bürgerkrieg aus. Der kleine Kanzler macht seine Drohung wahr und geht rücksichtslos gegen die Schutzbündler vor. Auch die Sturmscharen sind in jenen blutigen Februartagen im Einsatz. Der für das Sicherheitswesen zuständige Staatssekretär Carl Karwinsky lobt: »[D]ie Ostmärkischen Sturmscharen kämpften auf vielen Fronten unerschrocken mit. So nahmen drei Kompanien der Sturmscharen trotz heftigster Beschießungen vereint mit der Polizei den Gemeindebau auf dem Gaudenzdorfergürtel stürmend ein.«10

Was immer auch die Aufgabe Leopold Figls in jenen traurigen Tagen gewesen sein mag, er wird sie mit wenig Begeisterung erfüllt haben.

Bei der Kundgebung am Lichtmeßtag waren auf Transparenten auch noch versöhnliche Aufschriften zu lesen: »Wir sind mit den heimattreuen Arbeitern einig!« oder »Wiener, die Bauern reichen Euch die Hände«. Damit ist es ab dem 12. Februar 1934 vorbei. Der »Bauernbündler«, dessen Schriftleiter Leopold Figl ist, freut sich an diesem Tag über die »Niederschlagung der roten Revolution«.

Die österreichische Gesellschaft ist zutiefst gespalten. Internierungen, Haftstrafen, standrechtliche Hinrichtungen und Todesurteile verbittern Sozialdemokraten, Kommunisten und deren Verwandte sowie Freunde. Die Regierung hat sich einen großen Teil der Bevölkerung zu Feinden gemacht. Menschen, die sie im Kampf gegen den übermächtigen Nationalsozialismus dringend brauchen wird. Die Patrioten jener Tage sind oftmals keine Demokraten, die Demokraten keine Patrioten. Ein Umstand, den der Anti-Demokrat und Anti-Patriot Hitler auszunutzen verstehen wird. Er wird den Untergang Österreichs bedeuten.

Ein sonntäglicher Besuch: 6. März 1938

Der Applaus klingt noch in seinen Ohren. Nur ungern hat Leopold Figl die Versammlung, auf der er gesprochen hat, verlassen. In Loosdorf hat ihn ein Anruf des Kanzlers erreicht: Er soll zurück nach Wien kommen. Das kann nur bedeuten, dass sich die Situation weiter zugespitzt hat. Seit Kurt von Schuschnigg vom Obersalzberg zurückgekehrt ist, wissen es alle Vertrauten des Kanzlers: Adolf Hitler wird nicht zögern, seine Macht auch gegen seine Heimat auszuspielen. Beim Gedanken an den demütigenden Besuch des österreichischen Kanzlers beim „Führer“ verhärten sich die Gesichtszüge Leopold Figls. Man darf nicht nachgeben, man darf den Nazis Österreich nicht kampflos überlassen. Das muss vor allem der Jugend klargemacht werden. Deshalb versucht er, möglichst oft zur Bevölkerung zu sprechen, wie heute in Loosdorf. Der Reichsbauernführer weiß, dass viele schon angesteckt sind vom „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“-Taumel. Aber warnen, denkt er trotzig, muss man doch. Auch er selbst wurde schon gewarnt: Er solle nicht gar so wettern gegen die Nazis. Wer weiß, was noch kommt. Doch irgendetwas in Leopold Figl weigert sich, diesem gut gemeinten Rat zu folgen.

Das Auto wird langsamer, Rust ist erreicht. Eine Schar bloßfüßiger Buben in Lederhosen trabt neben der schwarzen Limousine her. Trotz aller Anspannung muss der Politiker lächeln. Modernisierung hin oder her, ein Auto ist in seinem kleinen Heimatort immer noch eine Seltenheit und damit eine Sensation. Der Fahrer hält vor dem Figl’schen Hof. Die Mutter kommt ihm entgegen, sie muss das Auto gehört haben. Forschend betrachtet Josefa Figl ihr drittgeborenes Kind. Ob etwas passiert ist, dass ihr der Sohn einen so überraschenden Besuch abstattet? Die Rusterin weiß, dass ihr „Poldl“ ein viel beschäftigter Mann ist.

„Na, komm erst einmal herein!“, sagt sie und zieht ihren Sohn in die Küche. „Ich richt dir was her, du bist ja ganz schmal geworden!“

Während sie sich am Herd zu schaffen macht, betrachtet Leopold Figl das faltige Gesicht seiner Mutter. 65 ist die Mutter mittlerweile, und man sieht ihr das Alter auch an. Sie hat ihr ganzes Leben schwer gearbeitet; zuerst für den Vater, dann für die eigene Familie. „Ihrem Fleiß habe ich alles zu verdanken. Das Gymnasium, das Studium, den Beruf“, geht es Leopold Figl durch den Kopf.

Josefa Figl stellt einen dampfenden Teller auf den großen Holztisch und reißt ihren Sohn damit aus den Gedanken. „So, Poldl, und jetzt erzähl, was du auf dem Herzen hast!“

Als Leopold Figl den Hof wenig später verlässt, ahnt er nicht, dass dies der letzte Besuch für fünf lange, bittere Jahre gewesen ist. Schon längst steht der Reichsbauernbunddirektor auf der schwarzen Liste der Nazis für den Fall ihrer Machtübernahme in Österreich. Durch Reden wie jene, die er am 6. März 1938 hält, hat er sich den Hitler-Anhängern verhasst gemacht.

»Den Nationalsozialisten geht es nicht um eure blauen Augen und eure blonden Haare. Es geht ihnen um unsere Wälder, denn sie brauchen Holz. Es geht ihnen um unseren Erzberg, denn sie brauchen Eisen. Es geht ihnen um unser Gold und um unsere Devisenschätze. Wenn ihr dem Nationalsozialismus huldigt, dann seid ihr nächstes Jahr im Krieg. Und wer von euch noch heimkommt, das weiß ich nicht!«11

Worte, die sich auf tragische Weise bewahrheiten werden.

Der 6. März ist ein langer Tag für Leopold Figl. Nach seiner Ansprache in Loosdorf, dem Kurz-Besuch bei seiner Mutter in Rust und einer Besprechung im Kanzleramt sitzt er noch mit Freunden in seiner Wohnung in der Kundmanngasse zusammen. In der holzgetäfelten Bauernstube, die Figl eigens für seine Wohnung anfertigen ließ, drängt man sich bis spät in die Nacht um den wuchtigen Holztisch und spricht über die Heimat. Die Regierung steht mit dem Rücken zur Wand, das wissen alle Anwesenden. Auch Julius Raab, der väterliche Freund aus der Gymnasialzeit, ist dabei. Der Sohn eines Baumeisters wurde vor Kurzem zum Handelsminister ernannt. Die Stimmung ist gedrückt. Was wird werden? Die Befürchtungen, die Vermutungen gehen auseinander. In einem sind sich die Männer einig: Österreich muss weiterleben. Julius Raab, der gerne dichtet, fasst in Reimform, was wohl viele der Anwesenden an diesem Abend fühlen:

»Am Anfang des März

da geht es um Österreich.

Wir bleiben die alten fürs Heimatreich.

Mögen viele sich drehen,

mögen manche sich neigen,

mag alles vergehen,

Österreich muss bleiben.

Rot-weiß-rot bis in den Tod

ist nicht nur ein schales Wort,

ist unser Sinn, ist unser Hort.

Ist Österreich nun, für das wir stehen,

ist die Heimat, für die wir leben.«

Es ist der letzte Eintrag in das Figl’sche-Gästebuch für lange Zeit. Der Hausherr wird in den nächsten Jahren keine Gelegenheit haben, Gäste zu empfangen.

Auch wenn es spät wird an jenem Sonntagabend, am nächsten Morgen muss jeder wieder auf seinem Posten sein. Es sind hektische Tage. Am 7. März werden den Arbeiterführern freie Versammlungen gestattet. Erst jetzt, viel zu spät, versucht der Kanzler, dem Feind aus dem blutigen Jahr 1934 die Hand zu reichen. Man braucht sie jetzt, die »Roten« und die Kommunisten. Am 9. März gibt Kanzler Schuschnigg bekannt, dass er bereits am kommenden Sonntag, den 13. März, das Volk darüber abstimmen lassen werde, ob es ein »freies und deutsches, unabhängiges und soziales, ein christliches und einiges Österreich« wolle oder nicht. So gut er kann, unterstützt Leopold Figl den Kanzler. Er wendet sich mit einem Aufruf an die Bauernschaft, der Heimat treu zu bleiben. »Ich werde den Tag niemals vergessen, als wir am 10. März 1938 die Landesbauernräte, unsere Funktionäre und Mandatare im Landhaus zusammenriefen, um ihnen zu sagen: Es geht um Sein oder Nichtsein Österreichs!«, wird Leopold Figl später berichten.12

Freitag, 11. März 1938. Der Niederösterreichische Bauernbund hat zu einer Massenkundgebung in den Sophiensälen aufgerufen. Die Bauern sollen vor dem Bundespräsidenten und dem Bundeskanzler 13