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Freda Meissner-Blau

DIE FRAGE BLEIBT

Freda Meissner-Blau

Die Frage bleibt

88 Lehr- und
Wanderjahre

Im Gespräch mit Gert Dressel

Mit 75 Abbildungen

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Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien

eISBN 978-3-902998-08-8

Meinen Eltern Mimikatz und Ferry,

meiner Schwester Doris,

meinen Kindern und Enkelkindern:

Ted Olivier, Aleksandra, Nicolas Yves,

Adam, Karina, Maximilian, Lorenz, Ilja

»Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Schüren der Flamme.«

Jean Jaurès

INHALT

San Francisco, 1947/48

Prolog

1Wurzeln

2Im Elternhaus

3Gottloses Kind

4Jugend im Nationalsozialismus

51945: Flucht und Überleben

6Den Frieden gewinnen

7Sehnsucht Kongo

8How do we tick?

9Aufbruch in Paris

10Boden unter die Füße bekommen

11Mir auf die Spur kommen

12Geschichten aus der Au

13Eine Politikerin, die keine ist

14Weggefährten

15Übers Alter(n)

Epilog

Das letzte (Nach-)Wort

Christine von Weizsäcker: Laudatio für Freda Meissner-Blau

Bildnachweis

SAN FRANCISCO, 1947/48

Der Professor sah mich prüfend an. Dann fiel sein Blick auf den Zettel, auf den ich einen Vers geschrieben hatte. Und es entfuhr ihm: »Dass Sie noch nicht hinter Gittern gelandet sind, ist höchst erstaunlich!« Ich erschrak bis ins Mark. Meinte er das ernst? Als ich mich verabschiedete, deutete er ein Lächeln an.

Was bedeutet es, wenn ein renommierter Graphologe be-, ja verurteilt?

Was hat er in meiner Schrift gesehen? Was weiß er von mir, das ich nicht weiß?!

Ich begann mir Fragen zu stellen, über woher, wohin, warum. Kann ich überhaupt mein Schicksal selbst bestimmen? Frei denken?

Dinge, die mir bisher festgefügt und absolut erschienen waren, hatten ihre Selbstverständlichkeit verloren: Sie konnten infrage gestellt werden …

FMB

PROLOG

Gert Dressel: Wir könnten Ihre autobiografischen Rückblicke ganz klassisch beginnen: Geboren 1927 in Dresden, die ersten Jahre Ihres Lebens haben Sie im nordböhmischen Reichenberg verbracht, die weitere Kindheit und Jugend in Linz und Wien und immer so weiter. Das sagt aber noch wenig darüber aus, wer oder was Sie sind. Wenn Sie sich kurz beschreiben müssten, was fällt Ihnen da spontan ein? Wer, was und wie ist Freda Meissner-Blau?

Freda Meissner-Blau: Ich habe so lange gelebt, Gert, dass ich das gar nicht sagen kann. Ich war in meinen jetzt 87 Lebensjahren dauernd in Veränderung. Mein Leben ist ja geprägt durch Wandel, mit viel Passion für das Leben und für den Gang der Welt, mit vielen Interessen, zu denen immer wieder neue kamen. Wenn ich mich schon definieren muss, dann würde ich mich als ewig Interessierte definieren, als immer Wissen-Wollende.

Mein hohes Alter bringt es mit sich, dass ich oft gebeten werde, das eine oder andere aus meinem Packerl an Erfahrungen zu erzählen. Erst kürzlich hat mich die durchaus engagierte Barbara Stöckl vom ORF gefragt: »Was waren die markanten Punkte Ihres Lebens?« Ich begann mit dem Februar 1934; vielleicht hat mich das Parlament, wo das Gespräch stattfand, dazu herausgefordert: »Ich erinnere mich, ich war fast sieben Jahre alt, als in Linz und Wien die Heimwehr auf die Arbeiter geschossen hat und ich nicht auf die Straße gehen durfte – striktes Verbot! Und die nächsten Verbote kamen dann im März 1938.« Ich begann zu erzählen, wie ich mit meiner Schwester in Linz auf eine unüberblickbare Menge gestoßen bin, die brüllte: »Wir wollen unseren Führer sehen!« Es war eine überwältigende, erschreckende Stimmung, die ich da erlebte – die aber auch einen eigentümlichen Sog hatte. »Ja, und das war an meinem elften Geburtstag.« Da unterbrach mich die Interviewerin auch schon: Aber ich sei doch bekannt für den Umweltschutz, für den Kampf um Hainburg, als Pionierin der Grünen in Österreich. Ich wurde auf dieses Thema reduziert. »Ja, das waren sicher wichtige Momente«, sagte ich, »aber nicht so wichtig, wie das von außen aussehen mag.« – »Wussten Sie damals, dass Sie österreichische Geschichte geschrieben haben?« – »Nein, überhaupt nicht, ich bin gar nicht auf so eine Idee gekommen. Ich habe das getan, was ich im Moment als dringend notwendig erachtet habe, was mein Gehirn und mein Herz mir angeordnet haben.« – »Sind Sie jetzt stolz drauf?« – »Stolz, nein, ich bin zufrieden und froh, dass es die Au noch gibt. Was heißt stolz? Sie vergessen, ich war doch nicht die Einzige, wir waren Tausende.« Als ob ich eigenhändig mit der linken Hand die Au gerettet hätte!

Also, was war in meinem Leben markant? Weiß ich gar nicht. Es gab viele Hochs und viele Tiefs – als Teile, die ein Ganzes ausmachen.

1WURZELN

Um uns dem ein wenig anzunähern, wer oder was Freda Meissner-Blau vielleicht ist, lassen Sie uns einen Blick werfen auf Ihre sozialen und kulturellen Wurzeln. Wenn Sie an das Herkunftsmilieu zurückdenken, in das Sie vor 87 Jahren hineingeboren worden und in dem Sie aufgewachsen sind: Woran erinnern Sie sich?

An das Haus meiner Großeltern mütterlicherseits. Wenn ich mich daran zurückerinnere, denke ich an Solidität, eine selbstverständliche Beständigkeit, auch an hohe Bildung und Kultur. Ich bin mir immer wie ein Halbidiot vorgekommen, weil ich ja kein perfektes Latein konnte. Latein und Französisch waren selbstverständlich. Und die griechischen Götter schwirrten auch immer durch die Zimmer. Jeder wusste genau, wer der unehelich Gezeugte von irgendeinem Halbgott ist. Auch kunsthistorisch war man gebildet, man war weltoffen, mein Onkel Harry zum Beispiel fuhr nach Ägypten zu Ausgrabungen. Man war sehr an der Vergangenheit orientiert, eigentlich immer an der Vergangenheit, von der Gegenwart wurde wenig gesprochen. Wissen Sie, wenn ich an dieses Milieu zurückdenke, ist das für mich sehr ambivalent.

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Das Haus meiner Großeltern mütterlicherseits in Reichenberg

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Mein Großvater Wilhelm von Stiepel

Ambivalent?

Ja, und ich muss zunächst über meinen Großvater sprechen, der dabei eine ganz maßgebliche Rolle spielte. Dieser Großvater mütterlicherseits wäre jetzt 160 Jahre alt, er wurde 1854 geboren. Seine Vorfahren waren von Westfalen nach Reichenberg, ins heutige Liberec, in Nordböhmen gezogen. Mein Großvater hatte aus einer kleinen Druckerei eine große Druck- und Verlagsanstalt gemacht. Und als Industrieller trug er stets eine starke innere Verantwortung gegenüber seinen circa achthundert Arbeitern. Das war überhaupt nicht gönnerhaft nach dem Motto »Sei gütig und spende«, sondern er fühlte sich einfach verantwortlich. Er baute ihnen Häuser, die Kinder der Arbeiter wurden zu Weihnachten neu eingekleidet. Man kann so etwas natürlich auch Patriarchentum nennen. Aber er war hoch geachtet und angeblich ein gütiger, auch bescheidener und eher schweigsamer Mensch. Als ich ihn kennenlernte, war er schon sehr schwerhörig, sodass man kaum mit ihm sprechen konnte. Er war schon unerreichbar für mich geworden.

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Mein Großvater in seinem Comptoir

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Großmutters Biedermeiersalon

So war es für mich ein großer Moment, als er mich eines Tages in sein Comptoir, wie das damals hieß, rief. Ich sehe das wie heute: Der Großvater sitzt in diesem Raum mit lauter dunklen Möbeln an einem großen Schreibtisch unter einer grünen Lampe. Ich sehe seine knochigen Finger unter der Lampe. Plötzlich streicht er mir übers Haar. Das war wie eine Auszeichnung, mir ist ganz warm geworden. In diesem Moment habe ich mich sehr behütet, zugehörig, eigentlich zu Hause gefühlt – ein Gefühl, das ich sonst kaum kannte.

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Das Esszimmer

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Der Aufgang ins Musikzimmer

Diese Verpflichtung und Verantwortung meines Großvaters gibt es vielleicht heute kaum mehr in dieser Form. Heute gibt’s »hire and fire«, es wird nicht gefragt, ob jemand fünf Kinder hat oder nicht, sondern man fragt, ob jemand genug Profit bringt, sonst raus mit ihm! Für den Preis eines Älteren könnten wir uns doch zwei Jüngere leisten, und dann schmeißen wir auch einen der beiden Jungen raus, und schon haben wir wieder Geld gespart. Dazu diese krasse Individualisierung in unserer heutigen Gesellschaft! Nicht, dass ich möchte, dass wir alle dauernd zusammenhocken, das fände ich anstrengend, regelrecht schrecklich. Aber dieses natürliche Verantwortungsbewusstsein für den Nachbarn, für den Nächsten und Übernächsten scheint mir verloren zu gehen.

Die gute alte Zeit?

Nein, nein, nein. Dieses Milieu empfinde ich wie gesagt rückblickend als unglaublich ambivalent. Mein Großvater ist im Ersten Weltkrieg ein Kriegsgewinnler gewesen. Neben der Druckerei und dem Verlag hatte er noch eine Kofferfabrik. Und als es im Krieg kein Leder mehr gab, fabrizierte er Tornister für Soldaten aus besserem Papiermaché. Das waren Riesenaufträge, und dadurch ist er zu großem Vermögen gekommen. Ich erröte nicht, denn ich hab’s ja nicht gemacht, aber ein bissel peinlich ist mir das schon im Nachhinein. Ich denke an den grausigen Russlandfeldzug, den hat es im Ersten Weltkrieg ja auch schon gegeben: Die Soldaten erfroren, die Tornister weichten auf und zerfielen. Das war für mich keine »Gnade der späten Geburt«, dass ich es erst zwanzig Jahre später erfuhr.

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Meine Stiefgroßmutter Anna von Stiepel

Aber wenn ich nochmals an das Haus meiner Großeltern zurückdenke: Jeden Donnerstag gab es ein Hauskonzert im Musiksalon. Meine Großmutter, die eigentlich meine Stiefgroßmutter war, war eine ausgezeichnete Pianistin. Sie kam aus einer Zeit, in der Frauen nichts anderes gelernt haben als Sticken, Tanzen, Musizieren und Singen. Das war’s. Sie gehörte der letzten Generation von Frauen an, die noch nicht an die Universitäten durften, weil man ihnen geistig nichts zutraute. Meine Mutter war dann schon eine der frühen Studentinnen, aber die Stiefgroßmutter noch nicht. Dafür hat sie eben ganz ausgezeichnet Klavier gespielt. Und donnerstags kam der Stadtchirurg dazu, der Geige spielte, und zwei andere »Honoratioren« kamen mit ihren Cellos. Dieser Musiksalon war wunderhübsch, es hingen Gobelins an den Wänden, dort standen auch gobelinüberzogene Bänke mit Goldfusserln, und das Klavier war natürlich ein Steinway. Aber: Bei den Hauskonzerten durften wir Kinder nicht dabei sein. Überhaupt galt im Großelternhaus: »Children should be seen, not heard!«

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Die »Alm«, unser Sommerhaus

Für uns Kinder war die sogenannte Alm da. Meine Großeltern hatten für ihre fünf Söhne und Töchter eine wunderhübsche Holzvilla am Waldrand auf einem Hügel bei Reichenberg gebaut, mit einer Aussicht, die ich heute noch vor meinem inneren Auge habe, mit viel Land drum herum. Es gab eine große Kiesterrasse vorm Haus, die mit Rhododendron zugewachsen war. Wie diese Hecken im Frühjahr blühten, habe ich nie vergessen. Es gab eine abschüssige Wiese, mit zwei Felsen am unteren Ende, auf die wir raufklettern konnten; sie hießen die Mimi-Felsen. Die Mimi war meine Mutter. Sie liebte es als junges Mädchen auf die Felsen zu klettern. Wir haben schon bald in Linz und dann in Wien gewohnt, aber wir kehrten in den Ferien immer wieder auf die Alm nach Reichenberg zurück, auch meine Cousins und Cousinen. Hier auf der Alm, auf der Wiese konnten wir herumtoben und laut sein.

Aber sonst musste immer alles so liebenswürdig sein. Es durfte nie Streit geben. Gefühle wurden nicht gezeigt, über Gefühle wurde nicht gesprochen, schon gar nicht über negative Gefühle. Einfach undenkbar! Und als Kind hattest du zu bitten. Wir durften nicht einfach etwas zu essen nehmen – so wie später meine Kinder. Die sind reingekommen und haben sich eine Banane genommen, ganz selbstverständlich. Nein, damals musste man um alles bitten. Die Küche war im Untergeschoß, gegessen wurde im Obergeschoß. Eines Nachmittags, es muss so fünf Uhr gewesen sein, hatte ich Hunger. Ich gehe runter in die Küche und will die Köchin bitten, mir etwas zu geben. Es ist aber niemand da, und da schneide ich mir selbst ein Stück Brot ab. Ich buttere es und begehe das unerhörte Verbrechen, so einen Dreieckskäse, einen Rigi, wie der damals hieß und den ich sehr liebte, in Scheiben zu schneiden. Und in dem Moment kommt die Tante Hannah, die sogenannte Froschi, und fragt: »Was machst du da?« Wir hatten in der Küche nichts zu suchen. »Ich hab so einen Hunger!« – »Wen hast denn gefragt, ob du das darfst?« Sag ich: »Es war niemand da.« – »Ja, das muss ich der Großmama sagen.« Ich flehe sie an: »Bitte, Tante Hannah, sag’s ihr nicht!« Denn ich wusste, wenn die Großmama davon erfährt, wird es für mich furchtbar unangenehm. Ich bitte sie also, und sie verspricht mir, es nicht der Großmama zu sagen. Um solche Sachen ging es damals, stellen Sie sich das vor, auch das macht ja eine Welt aus: Wohlhabende Leute, mit einem Schwanz von Bediensteten, aber die Kinder dürfen sich nicht selbst ein Stück Brot nehmen. Und die Tante hat’s der Großmama gesagt, und ich habe einen Riesentanz von ihr gekriegt. Seither mochte ich die Froschi nicht mehr. Der erste Verrat!

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Die fünf Söhne und Töchter meiner Großeltern, v. l. n. r.: Hannah (»Froschi«), Wilhelm, Änni, Harry, »Mimikatz« (ca. 20 Jahre alt)

Jahrzehnte später, es ist noch gar nicht so lange her, war ich zum Evangelischen Kirchentag in München eingeladen, um über die Donau zu sprechen. Nachher gehe ich aus dem Zelt raus, es war ein strahlender Tag, gehe in der Hitze herum, bin ein bissel abgeschlafft, sehe eine Bank, wo einer sitzt. Ich denke mir noch: Will ich mich dazusetzen? Ach Gott, ich setz mich einfach hin. Und ich sag: »Entschuldigen Sie …« Da schaut er mich an und fragt: »Bist du nicht die Tante Freda?« – »Nein, ich bin keine Tante. Aber ich bin die Freda, meinst du die Freda Meissner?« – »Ja, ja.« Dann stellt sich heraus: Er ist ein Enkel der Tante Hannah, der Froschi, ein Architekt aus Kiel. Das war ein richtig nettes Treffen, wir saßen stundenlang und erzählten – und haben uns dann nie wiedergesehen.

Ich möchte noch etwas über diese Tante Hannah erzählen: wie es dazu kam, dass sie überhaupt Enkelkinder bekommen hat. Das sagt auch einiges über meine sozialen Wurzeln oder das Milieu, in dem ich aufgewachsen bin. Diese Tante Hannah war das Fröschlein bzw. die Froschi, weil sie ganz zart war und den ganzen Hals voller Akne hatte. Damit hatte sie keine guten Heiratsaussichten, die auch standesgemäß gewesen wären. Eines Tages wurde sie auf eine Ägyptenreise geschickt – mit einer Chaperon.

Eine Chaperon? Was ist eine Chaperon?

Kennen Sie nicht mehr die Institution der Chaperon? Eine Chaperon ist eine Anstandsdame, die – wie soll ich sagen – die Konvention aufrecht erhält, eine Dame, meist aus verarmtem Adel, die eine jüngere Person aus guter Familie begleitet, damit ihr nichts zustößt. Auf gut Deutsch: damit sie keinen ungehörigen Flirt anfängt oder Ähnliches. Aber auf der anderen Seite hätte man die Froschi schon ganz gern verheiratet, trotz oder wegen der Akne. Sie fährt also nach Ägypten – das war damals eine exklusive Unternehmung – und lernt dort tatsächlich auf einem Nildampfer einen jungen Deutschen kennen: Hans Poser, damals schon Doktor Hans Poser. Er hatte Geografie studiert. Nach der Ägypten-Reise kam er und hielt um Froschis Hand an. »Sein Vater ist Gärtner«, sagte die Großmama noch, »ein G-ä-r-t-n-e-r!« Aber weil die Froschi keine großen Chancen hatte, wurde die Heirat genehmigt, obwohl die Eltern »nur« Gärtner waren. Ich fand das toll, denn seine Eltern waren ganz urige, nette Leute. Sie kamen zur Hochzeit, daran erinnere ich mich gut, obwohl ich noch klein war. Dieser Hans Poser zog dann mit Froschi nach Göttingen, wo er an der Universität ein bedeutender Grönlandforscher wurde.

Die Gärtner waren ja überhaupt für mich eine wichtige frühe Erfahrung.

Wegen der Natur oder …?

Nein, nicht was Sie jetzt vielleicht glauben. Sondern: Auf der Alm, bei dieser Holzvilla, gab es einen Gärtnerburschen, der für meine Großeltern gearbeitet hat. Er war ein Tscheche, der schlecht Deutsch konnte. Ich hab ihn ein bissel verehrt, er war so etwas wie meine erste Liebe, natürlich heimliche Liebe, was immer Liebe heißt, wenn man gerade einmal sechs oder sieben Jahre alt ist. Eines Tages arbeitete er wieder auf der Alm, auf der Böschung. Meine Großmutter ist auch da – diese äußerst gestrenge, selbstbewusste und mächtige Frau, vor der ich immer etwas Angst hatte. Sie steht hinter dem Rhododendron, tritt hervor, und sie spricht zu ihm herunter. Streng sagt sie zu ihm, was er zu tun hat, und nicht dort soll er arbeiten, sondern das soll er machen. Er nimmt seine Kappe runter, beugt demütig den Kopf und sagt: »Ja, vážená paní!« »Gnädige Frau«, heißt das. Ich hätte heulen können. Ich wollte ihm sagen: »Steh gerade, mach das nicht!« Ich wusste, er war bettelarm, es waren so viele bettelarm in den 1930er Jahren. Diese Unterwürfigkeit hat mir damals sehr wehgetan.

Nach einigen Wochen war er verschwunden. Sie hat ihn wahrscheinlich gekündigt. Ich konnte ihn nicht vergessen, und so habe ich das Stubenmädchen nach ihm befragt. Ich erfuhr, dass er ins tschechische Militär in die Kaserne in Znaim einberufen worden war. Ich bekniete dann den Chauffeur meiner Großeltern, der uns von Reichenberg nach Linz fuhr, wo wir damals schon wohnten, einen Umweg über Znaim zu fahren. Wir fuhren an der Kaserne vorbei. In meiner Naivität habe ich geglaubt, er steht da und wartet, bis wir kommen. Es war spät am Abend, und natürlich war kein Mensch auf der Straße, also null Erfolg, ich habe ihn nie wieder gesehen. Aber damals kam mein Schmerz über Unterdrückung erstmals auf, zugleich habe ich so etwas wie eine Revolte gegen meine Großmutter in mir gespürt. Ich habe zumindest innerlich gegen sie revoltiert. Denn wie kann sie so zu ihm sprechen, dass er so demütig den Kopf beugt?

Revolte, Rebellion … Gab es in dem Milieu, in dem Sie aufgewachsen sind, womöglich auch in Ihrer Verwandtschaft Personen, die ein Gegenbild zu den strengen Konventionen dargestellt hätten?

Ja! Ich hatte ja noch einige andere Tanten und Onkel, nicht nur die Froschi. Und eine dieser Tanten habe ich bewundert und geliebt. Sie hatte große Schwierigkeiten mit ihrer Mutter, die ja eben meine Stiefgroßmutter war. Sie war eigentlich eine Rebellin. Denn diese Tante Änni hatte verschiedene Liebeleien, und das war ja etwas völlig Verbotenes. Es wurde immer bloß so leise gesprochen, geflüstert. »Da in Innsbruck«, hieß es immer, sie hatte jemanden in Innsbruck. Ich habe natürlich nie die Details erfahren. Änni war relativ groß, hatte einen freien Gang, trug ihre Haare kurz und ein bissel wild. Wenn sie gelacht hat, habe ich immer an eine Löwin mit strahlenden Augen gedacht. Wir haben Ausflüge zusammen gemacht. Die schmiss sich in jeden Tümpel. Das habe ich von ihr; ich kann kein Wasser sehen, ohne hineinzuhupfen. Sie strahlte und rief: »Was für ein wunderschöner Nachmittag!« Und: »Ach, das war so herrlich mit euch«, und hat die Arme ausgebreitet, »es war so herrlich mit euch!« Also, sie war ein leicht ekstatischer, aber ein herrlicher Mensch. Da fiel sie in unserer Verwandtschaft völlig aus der Reihe. Und sie war auch geistig so lebendig.

Ihre Jugendliebe durfte sie nicht heiraten, sondern musste einen Industriellen aus Gablonz ehelichen, der eine Porzellanfabrik hatte. Damals war’s halt noch so. Die Mädchen haben sich in ihrer Abhängigkeit und ihrem fehlenden Selbstbewusstsein gefügt. Ein paar Jahre später hätte sie es denen vermutlich gezeigt. So musste sie diesen Industriellen, einen Otto Dressler, heiraten. Sie gingen nach Berlin, wo er eine Porzellanfabrik und eine Villa in Schlachtensee hatte. Dort wohnten sie und bekamen zwei Buben. Das war herrlich für uns: Denn wenn die beiden Cousins im Sommer zu den Großeltern auf die Alm kamen, waren die noch viel ungezogener als wir. Der kleine wunderhübsche Harry, der in meinem Alter war, stotterte. Die Ehe muss gespensterhaft gewesen sein. Eines Tages verließ sie ihn. Und was macht damals eine Frau, die ihren Mann verlassen hat, von dem sie materiell – ja, in jeder Hinsicht – abhängig war? Sie geht zurück zu den Eltern. Das kann nicht gut gehen. Der Große blieb beim Vater, der Kleine wurde mitgenommen, stotterte immer mehr, und der Vater hetzte den Großen gegen die Mutter auf. Und Änni stand unter der Fuchtel von meiner Großmutter. Und da begann sie scheinbar eine Liebschaft mit jemandem in Innsbruck.

Später ist sie nach Berlin zurückgegangen, weil ihr Mann Tuberkulose bekam. Im Krieg sind sie in den Westen geflüchtet, wohnten in einer Dachkammer in einem Dorf im Siegerland in Westfalen. Ich studierte damals in Frankfurt und habe sie einmal dort besucht. Der Onkel Otto lag im Bett, ganz weiß, er ist auch bald danach gestorben. Dann ging’s ihr ganz schlecht. Sie hatte aber immer noch ein Stück von ihrem Strahlen. Doch dann heiratete sie einen norddeutschen Regierungsrat, der gerade seine Frau verloren hatte, mit der Änni befreundet gewesen war. Der Herr Regierungsrat war gewöhnt, dass seine Brötchen gewärmt werden und sein Ei gerade richtig ist. Er brauchte wieder eine Frau. So hat er meine Tante Änni geheiratet. Das war schlimm für sie, jetzt wurde sie wirklich eingeengt. Sie verlor nun endgültig ihr strahlendes Lächeln.

Änni hatte mich immer »Dächslein« genannt, von Dachs. Das mochte ich so gern. Eine Tante, die aber nur eine Nenn-Tante war, nannte mich übrigens »Friedrich«. Das liebte ich. Ich wäre ja so gerne ein Junge gewesen. Aber die Änni war ein Vorbild für mich: Mit ihrem Die-Welt-Umarmen, sie hat immer die Welt umarmt. Die Natur hat sie umarmt, sie konnte in Entzücken geraten über eine Heidelbeer- oder Erikahalde. Sie erstrahlte ganz von innen, sobald sie glücklich war, und sie war oft glücklich. Sie hatte so was ungeheuer Freies. Ich habe sie geliebt dafür. Aber sie hat in ihrem Leben leider nie, wie ich später, die Chance bekommen, wirklich sie selbst zu sein, sondern eigentlich immer nur Schläge. Wissen Sie, ich habe jetzt Jahrzehnte nicht an die Tante Änni gedacht, ich freue mich, dass ich sie jetzt wieder vor Augen habe. Sie hätte sich auch gefreut. »Ah, mein Dächslein!« Sie war ein toller Mensch, und sie war eigentlich die Einzige in der Familie, die ich richtig gerne hatte. Nein, das stimmt nicht …

Wer war da noch?

Mein liebster Onkel, einer der beiden Halbbrüder meiner Mutter, der Onkel Harry. Ihn habe ich auch sehr bewundert. Er war Junggeselle und lebte sein Leben. Er hatte im großen Stadthaus der Großeltern zwei große Zimmer unter dem Dach, die er sich sehr fesch eingerichtet hatte. In diesem Appartement hatte er einen Boxsack aus Leder, mit dem er trainierte. Onkel Harry selbst war auch sehr fesch, sportlich und modern. Er hatte damals schon einen Flitzer, eine »décapotable«, also ein Cabrio, das war eindrucksvoll. Er war in Ägypten und Amerika gewesen. Damals war das ja noch was, und das hat mir alles sehr imponiert. Dieser Onkel Harry hatte eine Eigenschaft, die ihn von allen anderen unterschieden und die mich tief berührt hat: Er hat meine Schwester Doris und mich, wir wurden ja immer zu zweit genommen, nicht wie kleine Kinder, sondern wie Menschen behandelt. Ich muss so acht oder neun Jahre alt gewesen sein, er hatte Doris und mich in sein Appartement eingeladen. Wir sitzen in den Fauteuils, er bietet uns Likör und eine Zigarette an – ägyptische Zigaretten mit bunten Mundstücken. Wir waren hingerissen! (beide lachen)

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Onkel Harry

Die große, weite Welt …

Ja, und die Freiheit. Er verkörperte für mich die Idee der Freiheit. Aber dieser Onkel Harry bringt sich plötzlich mit 27 Jahren um, er schießt sich in den Kopf. Das hat mich als Kind, das ich damals war, sehr nachdenklich gemacht. Zuerst einmal war ich geschockt, denn das war ja eigentlich meine erste Konfrontation mit dem Tod. Ich habe natürlich mit niemandem darüber reden können; wie immer hat man die Dinge mit sich selbst ausmachen müssen. Ich habe gestaunt, wie leise das alles in dem Haus vor sich ging. Das muss doch ein Zusammenbruch gewesen sein: Dieser strahlende Jüngling, mit dieser Zukunft, die er als Erbe hatte, die kaum jemand in der Welt hat, der bringt sich um. Aber es wurde alles korrekt abgewickelt. Natürlich gab es Tränen, wie sich das gehört, aber es war eigentlich mehr ein stilles Entsetzen darüber, dass das geschehen war, als dass wirklich Emotionen da gewesen wären. Auch in Momenten der Krise wurde Haltung bewahrt, eigentlich unglaublich! Bei meiner Großmutter, die ja seine Mutter war, hatte ich damals immer den Eindruck, dass sie ein steinernes Herz hat.

Ich habe mir damals gedacht: Dieser Harry war doch so ein Prachtbursche. Wie ist das möglich? Warum denn, warum? Bis endlich einmal meine Mutter sagte: »Ja, er wollte die Sine Holdinghausen heiraten, und die Großmama hat Nein gesagt, obwohl sie aus einer guten Reichenberger Familie stammt.« Das habe ich damals nicht verstanden: Bringt man sich deshalb um? Dann heiratet man sie doch trotzdem, ist doch ganz einfach, wenn man sie heiraten will. So folgsam war der nicht. Der machte doch sonst auch, was er wollte, Großmama hin, Großmama her. Jetzt, vor wenigen Jahren, habe ich einen uralten Herrn, der muss weit über neunzig gewesen sein, in Wien getroffen, einen ehemaligen Freund von meinem Onkel Harry. Von ihm habe ich erfahren, dass Harry homosexuell war. Er ist immer wieder in düsteren Lokalen gesehen worden; anderswo konnten Homosexuelle damals nicht hingehen. Und heute denke ich mir: Da hat er sich lieber umgebracht als in einer Welt zu leben, in der man die eigene Homosexualität verbergen muss. Oder ist er möglicherweise wegen seiner Homosexualität erpresst worden?

Wenn ich Ihnen so zuhöre, entsteht bei mir das Bild, dass Sie sich schon sehr früh gerade mit denen, die sich aufgelehnt oder dem Mainstream nicht entsprochen haben, verbunden fühlten.

Ja, das stimmt schon, aber es war noch mehr. Ich spürte damals bereits so etwas wie Empörung. Bei dieser Geschichte mit dem Gärtnerburschen war ich ja furchtbar zornig auf die Großmama. Vielleicht liegt da eine der Ursachen für mein späteres Rebellieren. Aber als Kind habe ich mich in meiner Empörung oft hilflos gefühlt. Wenn mein Bruder mich immer wieder im Schwitzkasten hielt, war ich zwar wütend, konnte mich aber nicht wehren. Erst sehr viel später bin ich draufgekommen, dass man sich wehren und etwas verändern kann.

Dazu erzähle ich Ihnen noch eine Geschichte aus Reichenberg: Ich erinnere mich noch gut daran, als im Sommer 1939 mein Großvater gestorben ist. Da war ich zwölf Jahre alt. Bei seiner Beerdigung gab es einen Zug zum Familiengrab, der durch ganz Reichenberg zum Friedhof führte. Alle weinten, nur ich nicht; und ich dachte mir, alle weinen, ich müsste eigentlich auch weinen. Aber ich konnte keinen Grund finden, ich konnte nicht weinen. Na, hab ich halt nicht geweint. Der Großvater war schon so entfernt, ich habe das nicht als schlimm empfunden. Er war ja schon sehr alt, weit über achtzig, und das war damals extrem alt. Und wie wir auf dem Weg zum Familiengrab sind, sind plötzlich alle achthundert Arbeiter der Fabrik aufgereiht Spalier gestanden. Am Beginn des Beerdigungszuges wurde der Sarg von Pferden gezogen, dann kamen die Großmama, die Onkel und Tanten und dann wir Enkelkinder. Als wir an den Arbeitern mit ihren abgearbeiteten Händen vorbeigehen, verbeugen die sich alle tief. Mir wurde richtig heiß vor Unwohlsein. Ich vergesse nie dieses Gefühl, das ich damals hatte. Ich war empört, und ich habe mich geschämt vor ihnen. Ich habe mich richtig geschämt, dass ich da durchtanze und die sich verbeugen. Ich kannte ja einige von ihnen aus der Fabrik. Da war zum Beispiel der Eduard, der immer das große Fabriktor aufmachte und so eine Art Hausmeister war. Er war eigentlich Friseur, ein g’spaßiger Bursche, den mochte ich. Der stand auch da, und ich hatte das Gefühl, die dürfen sich doch nicht vor uns Kindern verbeugen.

Also Sie hatten schon früh so etwas wie ein soziales Gewissen?

Kann schon sein, das muss wohl sehr tief sitzen, denn ich weiß nicht, woher das wirklich gekommen ist. Es muss etwas sein, an das ich mich nicht erinnern kann, oder gibt’s so etwas wie eine Genetik des sozialen Gewissens? Meine Mutter hatte das übrigens auch, aber in einer Art und Weise, gegen die ich ein bissel rebellierte. Die Mami war ungeheuer »charitable«, so typisch wohltätig. In den 1930er Jahren gab es noch zahlreiche Invaliden aus dem Ersten Weltkrieg. Viele hatten nur mehr ein Bein. Ich sehe heute noch diese Holzprothesen vor mir, die Stöcke, mit denen sie gegangen sind. Und die meisten hatten nur eine abgefetzte Kriegsuniform; sie hatten seither nichts Neues bekommen. Ausgesteuert hieß das damals. Sie wissen, was ausgesteuert ist? Wenn überhaupt nichts mehr an sie gezahlt wird. So sind sie betteln gegangen, konnten auch nichts anderes tun als betteln oder mit dem Leierkasten spielen.

Die Kriegsinvaliden waren klarerweise oft in der Villengegend in Linz, wo wir damals gewohnt haben, unterwegs, obwohl ich glaube, sie hätten bei den einfachen Leuten wahrscheinlich mehr gekriegt. Mich schickte die Mami immer, um ihnen eine Suppe und Brot zu bringen. Ich habe das gerne gemacht, habe die Männer auch stets beobachtet, ob sie essen. Eines Tages sage ich zur Mami: »Warum lässt du sie nicht hier bei uns essen?« Da war sie verlegen. Schließlich erlaubte sie es aber doch, dass welche zu uns essen kommen, zwei Bauernmädel aus der Nähe. Die Bauern hatten ihre ganze Ernte abgeben müssen; und die beiden waren nun unsere Esskinder und kamen regelmäßig, um zumindest eine warme Mahlzeit zu bekommen. Aber auch die mussten sie in der Küche einnehmen und nicht mit uns zusammen. Ich mochte die beiden und wollte mit ihnen spielen, sie waren in meinem Alter. »Mami, dürfen sie nicht mit uns essen? Ich möchte gerne mit ihnen zusammen sein.« Da sagte sie Nein. »Warum denn?«, fragte ich. Sie dachte nach, und dann fiel ihr zum Glück etwas ein: »Weil sie Läuse haben. Sie dürfen nicht mit uns essen, weil sie Läuse haben.« Sie hatte nicht den Mut zu sagen: »Weil sie nicht unsere Klasse sind.« Immerhin, sie hat sich ein wenig dafür geniert, das mit den Läusen zu sagen.

Dennoch: Sie war mir ein Vorbild dafür, dass man etwas tut, wenn’s anderen schlecht geht, dass man andere nicht hungern lässt. Wenn man selber etwas zu essen hat, dann gibt man auch. Das verdanke ich ihr – auch wenn es für sie eher Almosen waren, und für mich war es eine Frage der Gerechtigkeit. Aber es geht ums Tun, und sie hat etwas getan.

2IM ELTERNHAUS

Zuvor haben Sie über die Reichenberger Großeltern erzählt. Von Ihren Eltern war bislang noch nicht so viel die Rede. Wie waren Ihre Mutter, Ihr Vater? Und wie erlebten Sie Ihre Kindheit im Hause Meissner zunächst in Linz und dann in Wien, wo Sie in den 1930er Jahren gelebt haben?

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Meine Mutter, »Mimikatz« von Stiepel

Meine Mutter kam aus diesem Reichenberger bürgerlichen Milieu. Ich habe schon erzählt, dass meine Großmutter eigentlich meine Stiefgroßmutter war. Denn die Mutter meiner Mutter ist an Krebs gestorben, als meine Mutter drei Jahre alt war. Dann hat mein Großvater für die Mimikatz, wie meine Mutter genannt wurde, eine zweite Mutter gesucht und ist bei einer Rechtsanwaltsfamilie in Wien gelandet. Das ist sicher eine arrangierte Sache gewesen. Meine Stiefgroßmutter hat fünf weitere Kinder gekriegt, das waren die Halbgeschwister meiner Mutter und die Tanten und Onkel, von denen ich bereits erzählt habe.

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Sie war eine leidenschaftliche Alpinistin.

Meine Mutter hing enorm an ihrem Vater. Der hatte ihr die Welt geöffnet, er ist mit ihr nach Südtirol gefahren, nach Meran, und hat ihr die Dolomiten gezeigt. So ist sie zu einer leidenschaftlichen Alpinistin geworden. Dann hat sie einige Jahre in England verbracht, »finishing school« hieß das damals, wo sie auf ein bürgerliches Leben vorbereitet wurde. Ansonsten hat sie noch mit Privatlehrern studiert, sie durfte in kein Knabengymnasium gehen, das war noch ein Tabu. Sie war wahnsinnig ehrgeizig und hat dann jährlich die Prüfungen vor den Professoren in der Bubenschule mit Auszeichnung gemacht. Sie konnte Altgriechisch und fing alles Mögliche an, interessierte sich für Archäologie und studierte schließlich Kunstgeschichte.

Ihr vieles Lernen war aber auch Kompensation. Denn für meine Mutter wird’s nicht lustig gewesen sein. Ihre leibliche Mutter hatte sie kaum gekannt. Sie hat sie nur als Sterbende in einem dunklen Zimmer gesehen, in das sie von der Gouvernante einmal in der Woche geführt wurde. Sie hat sie nie umarmt, da stand das kleine Mädchen und wurde wieder rausgeführt. Und dann bekam sie eine Stiefmutter, diese strenge Frau, die fünf eigene Kinder bekam, und sie als Große wurde kaum beachtet. Mutterliebe hat meine Mutter nie gekannt. Und wenn man Mutterliebe nicht empfangen hat, kann man sie auch nicht geben. Das ist unmöglich. Da bin ich aber erst später als Erwachsene in meiner Psychoanalyse draufgekommen. Ich habe innerlich immer etwas von ihr sehnsüchtig gefordert, was sie ratlos machte, und ich wusste nicht genau, was das ist, was ich erwarte. Das blieb als Spannung zwischen uns bis in ihr Alter.

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Mein Vater, Ferry von Meissner

Und was meinen Vater betrifft: Dem war ich eigentlich tief verbunden. Ich habe ihn sehr verehrt, bewundert und hätte nur eines gewollt: dass er mich beachtet und dass ich Anerkennung von ihm bekomme. Aber mein Herr Papa war immer viel zu sehr mit sich befasst. Stets war er weg, war fast nie zu Hause. Eine Tante in Linz hat gesagt: »Den Ferry, den trifft man nur am Bahnhof, entweder fährt er in die Berge oder er kommt vom Gebirge.« Durch meine Mutter war er nämlich vom Alpinismus angesteckt worden. Und als er wieder einmal übersiedeln und irgendetwas anderes machen wollte, sagte meine Mutter: »Ferry, so denk doch an die Kinder!« Er hat angeblich geantwortet: »Die Kinder können mir jetzt nichts bedeuten.« Mein Vater war eigentlich immer auf der Flucht, meist wohl vor sich selbst. Ich bin ja später auch zu einer Flüchtenden geworden.

Aus welchem Milieu kam denn Ihr Vater?

Er war der jüngere von zwei Söhnen eines k. u. k. Obersten, dann Generals im Ersten Weltkrieg, und der sogenannten Güldenen Mitzerl, die dieses »epitheton ornans« in der Armee bekam, weil sie so wunderhübsch gewesen sein soll. Der erste Sohn, mein Onkel Rudi, war ein sehr sanftes, liebes Kind, der zweite, der Ferry, also mein Vater, war ein aufbegehrendes Kind und wurde später rebellisch, unendlich attraktiv, interessant, klug, eigentlich mit viel zu viel Hirn. Er wurde für mich unbewusst damals zum Sinnbild des Mannes.

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V. l. n. r.: Großmama Meissner und ihre Söhne Rudi und Ferry

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Die Prager Großeltern Maria und Rudolf von Meissner von Hohenmeiss

Meine Mutter und er hatten sich beim Studium der Kunstgeschichte in Prag kennen- und einander lieben gelernt. Prag war eine aufregende Stadt damals, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, es gab viele künstlerische und avantgardistische Strömungen, Freundschaften mit Schriftstellern und Komponisten, für meine späteren Eltern eröffnete sich die große Welt. So ist meine Mutter in den Semesterferien bei ihren Eltern in Reichenberg angerückt und hat ihnen erklärt, dass sie sich mit dem Ferry von Meissner verloben möchte. »Kommt nicht infrage! Nie erlauben wir eine derartige Mesalliance!«, war die barsche Antwort. Aber siehe da, meine brave, wohlerzogene Mutter hat anders entschieden. Zurück in Prag sorgte sie höchst entschlossen für eine Schwangerschaft und kehrte nach Hause zurück, um zu erklären: »Jetzt muss ich heiraten!« Worauf die ach so kultivierte Mutter zornig befand: »Wenn du einen Funken Ehre hättest, gingest du mit deiner Schande ins Wasser!« Ein liebevoller Rat, den Mami klugerweise nicht befolgte. Auch war gerade der Erste Weltkrieg ausgebrochen, und sofort gab es Schwierigkeiten, denn mein Vater rückte als Einjährig-Freiwilliger ein. Doch der Kaiser hatte schon ein Dekret herausgegeben, welches jungen Offizieren die Ehe verbot: Er brauchte sie ja als Kanonenfutter. Jetzt herrschte bei meinen Großeltern große Aufregung, und Großmutter nützte die Bekanntschaft ihrer Wiener Familie mit Frau Schratt, der Hofschauspielerin und Gefährtin des Kaisers. Sie bat sie inständig, beim Kaiser einen Heiratsdispens für meinen Vater zu erwirken, was auch geschah. Es war angeblich eine besonders bescheidene und stille Hochzeit. Später kam Vater an die italienische Isonzofront, die er mehrere Jahre durchlitt. Die »Schande«, in der Person meiner Schwester Marianne, hat 1915 in Oberdrauburg in Kärnten das Licht der Welt erblickt.

Mein Bruder Peter kam 1920 in Leipzig, wo unser Vater Nationalökonomie studierte und 1926 promovierte, auf die damals auch recht unruhige Welt; meine Schwester Doris schließlich 1925 in Prag. Mit ihr hätte die Familie komplett sein sollen. Doch als Papa seine erste Stelle in Dresden bei General Motors (!) annahm, war meine Mutter ein viertes Mal schwanger. Mein Vater fand, dieses Kind sollte nicht geboren werden. So hat es mir jedenfalls meine Mutter später erzählt – verbunden mit einer ziemlich drastischen Beschreibung, wie sehr sie sich bemühte, mich abzutreiben. Ich war in diesem sehr frühen Stadium offensichtlich schon rebellisch genug, mich dem Willen der Eltern nicht zu fügen: Ich blieb frech vorhanden. Schließlich kam auch ich zur Welt, das war im März 1927, und enttäuschte meine Eltern gleich ein zweites Mal: Ich war nicht der – zumindest – erwartete Bub, der Thomas hätte heißen sollen, sondern ein dünnes, rothäutiges Mädchen mit Haarbüscheln auf den Ohren. »Das ist doch kein Kind«, soll meine verehrte Erzeugerin gesagt haben, »das ist ja ein abgehäuteter Hase«! Die Freude war also nicht überwältigend. Aber der Mensch ist doch ein Wesen der Möglichkeiten und alles fließt: Noch bevor ich erwachsen werden sollte, sagte meine Mutter mir, wie herzinniglich froh sie sei, dass es mich gibt.

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Mit meiner Mutter und meinen Geschwistern, Weihnachten 1927, v. l. n. r.: Doris, Marianne, Freda, Mimikatz, Peter

Mein Vater war übrigens auch Journalist und hat geschriftstellert; er engagierte sich vor allem für die Rechte von Minderheiten. Das Geld hatte die Mami. Sie kam aus einer sehr wohlhabenden Industriellenfamilie in Nordböhmen, und er war der Sohn einer k. u. k. Offiziersfamilie, die nach dem Ende der Monarchie nichts mehr hatte. Er suchte permanent seine Bestätigungen in der Welt und führte ein Leben als Mann wie als Intellektueller, der jede Gesellschaft bezaubern kann. Betrat er einen Raum, war er sofort der Mittelpunkt, da war viel Ausstrahlung und Witz, auch eine gerüttelte Portion Ironie.

Gibt es eine Geschichte dazu?

Ich kann mich an einen dieser Damentees meiner Mutter erinnern, die sie regelmäßig abhielt. Diese »jours«, wie das hieß, habe ich gehasst. Wir Kinder mussten dort reingehen und Knickschen machen und »Küss die Hand!« sagen. Dann kamen von den Damen immer diese dummen Fragen: »Ist der Herr Lehrer brav?« Ich hatte eine widerwärtige Frau Lehrerin, was soll ein Kind da sagen? Dann sind wir wieder abgezogen und haben neidisch auf die delikaten Brötchen geschaut und geflüstert: »Hoffentlich bleiben welche übrig.« Einmal kam auch mein Vater herein. Die Damen werden plötzlich alle ganz still und der Papa hat seine Vorführung. Dann geht er wieder weg, und da höre ich, wie eine sagt – bitte, ich muss damals gerade einmal sechs Jahre alt gewesen sein: »Ein dämonischer Intellekt!« Ich wusste natürlich weder was ein Intellekt noch was dämonisch ist, aber ich habe mir das bis heute gemerkt. Nachher habe ich gespürt, wie sich die Atmosphäre schlagartig veränderte, da gab es dann plötzlich wieder das Damentee-Geplaudere. Aber vorher diese Stille, nachdem der Papa reingekommen war … Damit hat er mir eigentlich immer noch mehr imponiert, aber mich auch ein wenig erschreckt.

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Mit meinen Geschwistern Marianne, Peter und Doris, 1931 in Linz (Freda 2. v. l.)

Meine Mutter hat eigentlich überhaupt nicht zu ihm gepasst. Der brauchte eine schicke, mondäne Frau, nicht eine so bescheidene, denn meine Mutter war unerhört bescheiden, eher frugal und nicht auftrumpfend. Das alles war ihr völlig fremd, das gehörte sich auch nicht. »It was not done«, das war wirklich so, man hat das nicht getan. In der Kunstgeschichte und im Alpinismus, ja, da haben sich die beiden sicher verstanden, aber sonst hatten sie kaum Gemeinsamkeiten.

Obwohl: Beide waren sehr anglophil und sehr gebildet. Sie haben vieles gekannt und gelesen, auch den Freud haben sie gelesen, nur haben sie in keiner Weise vom Gelesenen Gebrauch gemacht. Ich kann mich an die Gespräche und Situationen bei Tisch erinnern, bei denen wir Kinder natürlich nicht sprechen durften, da haben wir einfach zugehört. Da ging’s die ganze Zeit um die Ereignisse und Großen dieser Welt, was die so alles geschrieben haben. Und wenn sich die Eltern stritten, sprachen sie immer englisch, damit wir sie nicht verstehen. Genau dadurch lernte ich schnell Englisch, weil ich wissen wollte, was sie sagen. Früher oder später fing meine Mutter bei Tisch zu weinen an. Sie war ein bissel neurotisch und instabil, sie hat auch immer Schlafmittel genommen. Dann hat sie uns erpresst, zum Beispiel: »Wer mich lieb hat, holt mir ein Glas Wasser.« Meine drei Geschwister sind gesessen und haben gegrinst, aber ich bin gerannt, immer! Sie wussten ja, die Freda, die rennt. Und wenn sie unglücklich war, sorgte ich mich: »Mami, was hast du denn?« Ich wollte sie trösten. In ihrer Art hat meine Mutter mich ja geliebt, aber es war eben nicht das, was ich gesucht habe, dieses Bedingungslose, sondern es hieß immer »wenn – dann«: »Wenn du das machst, dann bist du lieb.« Ich bin immer gerannt, habe mir ihre Liebe erarbeiten wollen und fühlte mich immer verantwortlich für sie, als sei ich ihre Mutter.

Nein, es war keine harmonische Familie: ein Vater, der sich für uns eigentlich nicht interessiert hat; und die Mutter, die ihre Emotionen nicht in der Hand hatte, die immer aus ihr ausbrachen, ohne zu bedenken, was das für uns Kinder hieß, wenn sie zum Beispiel sagte: »Euer Vater, der Schuft, hat uns verlassen!« Ja, 1939 verließ er uns ja wirklich und endgültig, und ich war traurig. Aber dass er dazu auch noch ein Schuft war, das fand ich schrecklich.

Natürlich gab es auch schöne Momente. An manchen Abenden sind wir zusammengesessen und haben gespielt: Mikado, Dame, Domino oder Quartett. Diese seltenen Momente habe ich sehr genossen. Sonst gab es kaum Familienleben. Ich habe zum Beispiel meine Eltern kaum jemals mit ihren Händen arbeiten gesehen, jeder war in seinem Zimmer auf seiner geistigen Ebene. Wie hat das später meine Tochter Aleksandra genannt? »Ihr mit eurer Kopflastigkeit!« Ich hatte ihr, die ja bereits mit sechzehn Jahren maturierte, gesagt: »Du kannst mit zwanzig dein Doktorat haben.« Und da sagt sie: »Ich denke nicht dran, dass ich eure Hirnwichserei mitmache!«

Diese »Hirnwichserei« – jetzt müssen wir beide lachen: Wie hat sich die in Ihrem Elternhaus geäußert?

soso