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Gabriele Praschl-Bichler

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Kinderjahre Kaiser Karls

Gabriele Praschl-Bichler

KINDER
JAHRE
KAISER KARLS

Aus unveröffentlichten Tagebüchern
seines Großvaters

Mit 47 Abbildungen

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Bildnachweis
Alle Abbildungen entstammen dem Privatarchiv der Autorin.

Besuchen Sie uns im Internet unter:
www.amalthea.at

© 2014 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Silvia Wahrstätter, vielseitig.co.at
Umschlagfoto: Erzherzog Carl Ludwig mit seinem Enkel Carl,
ca. 1889 © Privatarchiv der Autorin
Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11,25/14,35 Punkt Minion
Printed in the EU
ISBN 978-3-85002-879-0
eISBN 978-3-902862-99-0

Inhalt

Zu dieser Ausgabe

Zur Einführung

Tagebücher eines Habsburgers,
die noch nie jemand gelesen hatte

Familienalltag und offizielle Verpflichtungen
in den Tagebüchern

Die »kleine« Geschichte des privaten Lebens:
aus Briefen und Tagebüchern

Die Kaiserfamilie im öffentlichen und
im privaten Leben

Zu den Erkenntnissen aus den Tagebüchern

Die »handelnden« Personen

Erzherzog Carl Ludwig,
der Tagebuchschreiber und Großvater Carls

Erzherzogin Marie Theresia,
dritte Ehefrau Erzherzog Carl Ludwigs und Stiefgroßmutter Carls

Erzherzog Otto,
Sohn des Tagebuchschreibers und Vater Carls, des nachmaligen Kaisers

Marie Josepha,
Ehefrau Erzherzog Ottos und Mutter Carls

Carl,
Enkel des Tagebuchschreibers und späterer Kaiser

Die Tagebucheintragungen
Erzherzog Carl Ludwigs (1887–1896)

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Stammtafeln

Personen- und Ortsregister

Zu dieser Ausgabe

Kaiser Karl schrieb seinen Vornamen als Kaiser mit K.1 Vorher war er wie die meisten seiner Zeitgenossen ein Carl mit C. Diese Schreibung leitete sich von der lateinischen Form des Vornamens Karl = Carolus ab. Der spätere Kaiser wurde nach seinem Großvater Erzherzog Carl Ludwig genannt, der auch sein Taufpate war und der die Tagebücher geschrieben hat. Der Enkel wird darin als Carl geführt. Ich habe diese Schreibung übernommen. Nur wenn im begleitenden Text vom späteren Herrscher die Rede ist, habe ich Kaiser Karl geschrieben.

Der Vorname des Kronprinzen erscheint in den Aufzeichnungen in damaliger Originalschreibung Rudolph, im kommentierenden Text mit dem modernen -f am Ende.

Die Zitate aus den Tagebüchern werden in originaler Schreibung wiedergegeben. Um sie vom begleitenden Text zu unterscheiden, sind sie kursiv gesetzt. Unterschiede gibt es hauptsächlich bei der ss-/ß-Schreibung (daß statt dass etc.) und bei der C-Schreibung. Beinahe jedes heute mit K geschriebene Wort (Compliment, Clavier, Commandant etc.) wurde damals mit C geschrieben.

Eine besondere Eigenheit dieser Zeit war, dass man Verben/Zeitwörter, die man heute mit ie schreibt, damals mit kurzem i schrieb (rasiren, spaziren, kursiren etc.).

Im Tagebuch verwendete französische Ausdrücke, die Räume, Raumfolgen (salon, appartement) oder kunsthandwerkliche Gegenstände (broche, bracelet) bezeichnen, finden sich im Anschluss an den fremdsprachigen Begriff ins Deutsche übersetzt. Französische Ausdrücke schrieb man damals auch im deutschen Sprachraum nach französischer Orthographie, also auch alle Substantive/Hauptwörter klein geschrieben.

Erzherzog Carl Ludwig verwendete im Tagebuch viele Abkürzungen. So nannte er seine Ehefrau Erzherzogin Marie Theresia darin immer nur MTh. Gf, Gfin, Br, Brn bedeuten Graf, Gräfin, Baron und Baronin. Weiters gibt es die üblichen Abkürzungen für militärische Ränge und akademische Titel, die sich nicht wesentlich von den heutigen unterscheiden.

Zur Einführung

Tagebücher eines Habsburgers,
die noch nie jemand gelesen hatte

Zu den vielen Überraschungen, die ich erlebte, als ich vor etlichen Jahren ein Habsburger Archiv zur Betreuung übernahm, gehörte der Fund von Tagebüchern, die ein Bruder Kaiser Franz Josephs ab der Geburt seines ersten Kindes (1863) bis zu seinem Tod (1896) ohne Unterbrechung führte. Es fehlen nur zwei Bände, die auf ungeklärte Weise abhanden gekommen sind (einer ist in Bayern aufgetaucht, konnte aber für die vorliegende Arbeit nicht eingesehen werden). Diese Tagebücher stellen nicht nur wertvolle Ergänzungen der großen Geschichte dar, sie dokumentieren auch den allerprivatesten Alltag der Kaiserfamilie.

Der Autor der Tagebücher war Erzherzog Carl Ludwig, Bruder und eifrigster Mitarbeiter Kaiser Franz Josephs und Großvater des späteren Kaisers Karl. Seine Aufzeichnungen waren noch nie gelesen und auch noch nie für Dokumentationszwecke verwendet worden. Im Speziellen interessierte mich die darin enthaltende Kindheitsgeschichte Kaiser Karls. Über diesen Lebensabschnitt ist wenig bekannt.

Den Habsburgern zu Ehren sei gesagt, dass in den Tagebüchern nur wenig Unerfreuliches zutage trat. Hauptsächlich findet man darin Familiengeschichte mit allen großen und kleinen Erlebnissen, die auch der kaiserliche Alltag mit sich bringt. Die Themen sind vielfältig und immer sehr familienbezogen: Sie handeln von fröhlichen und ernsten Gesprächen bei gemeinsamen Mahlzeiten, von Friseur-, Zahnarzt- und Schneiderbesuchen, von Krankenpflege, Weihnachtseinkäufen und Familienfesten, von logistischen Meisterleistungen bei kurzen und langen Reisen und vom dichten Arbeitspensum eines Mitglieds der Kaiserfamilie.

Erzherzog Carl Ludwig war sich der Pflichten seiner hohen Stellung bewusst und hat einen Großteil seiner Arbeitszeit in den Dienst des Kaisertums gestellt. Das tat er freiwillig, er hätte es nicht müssen, er hat dafür auch keine höhere Apanage erhalten. Auch seine Söhne, die wie alle männlichen Habsburger eine Militärausbildung erhalten hatten, standen als Erwachsene im Dienst der Monarchie. Besonders hart war das für den zweitältesten Sohn Otto, der als 22-Jähriger bereits eine Familie hatte und von Kaiser Franz Joseph alle paar Monate an einen anderen Standort versetzt wurde. Von seinem Vater hatte er Schloss Persenbeug an der Donau zum Geschenk erhalten, es war aber selbst von Wien nur in einer langen Anreise mit mehrmaligem Wechsel der Verkehrsmittel zu erreichen. Die Garnisonstädte, in denen sich Otto oft monatelang aufhielt, lagen meist noch weiter entfernt.

Im Sommer 1887 war das Leben in und um Schloss Persenbeug allerdings rege, denn es stand die Geburt von Ottos erstem Kind bevor. Der kleine Carl, der spätere Kaiser Karl, sollte dort im August dieses Jahres zur Welt kommen. Um die Stimmung rund um dieses Ereignis einzufangen und das Größerwerden des Enkels mitverfolgen zu können, wurden für dieses Buch die Tagebucheintragungen seines Großvaters Erzherzog Carl Ludwig herangezogen. Alles begann recht unspektakulär und nur im engsten Familienkreis. Unspektakulär war die Geburt deshalb, weil das Baby nicht der Herrscherlinie entstammte. Damals lebte noch Kronprinz Rudolf, von dem man zwar wusste, dass er keine (männlichen) Nachfolger mehr haben würde, aber er sollte auf jeden Fall der nächste Kaiser werden. Als er nur eineinhalb Jahre später starb, rückte Erzherzog Carl Ludwig an vorderste Stelle. Er und/oder sein ältester Sohn Franz Ferdinand sowie dessen ältester noch nicht geborener Sohn standen als nächste Herrscher fest. Für den kleinen Carl änderte sich durch den Tod Rudolfs nichts, da die Kaiserwürde über seinen Onkel und dessen Nachkommenschaft weitergegeben werden sollte.

Doch brachte ein ungewöhnliches Ereignis den 13-jährigen Carl plötzlich ganz nahe an den Thron heran. Im Jahr 1900 heiratete sein Onkel, der Thronfolger Franz Ferdinand, Gräfin Sophie Chotek, eine nach Habsburger Hausgesetz nicht standesgemäße Frau. Infolge dieser Mesalliance musste er – nach damaliger Bestimmung unter der Regentschaft Kaiser Franz Josephs – für etwaige ungeborene Söhne auf den Herrschaftsanspruch verzichten, wenn auch allgemein angenommen wird, dass Franz Ferdinand diesen Verzicht als Kaiser rückgängig gemacht und selbstverständlich seinen ältesten Sohn2 als Thronfolger eingesetzt hätte. Der 13-jährige Carl wurde damals also offiziell übernächster Thronfolger, niemand war sich aber sicher, ob er es nach dem Tod seines Großonkels Kaiser Franz Joseph geblieben wäre. Wie hinlänglich bekannt ist, änderte sich die Geschichte aber noch einmal auf unvorhersehbare Weise. Franz Ferdinand wurde 1914 in Sarajewo ermordet und Carl war nun, im Alter von 27 Jahren, tatsächlich Thronfolger von Österreich-Ungarn.

Wie nahe oder wie weit entfernt sich Carl in seiner Kindheit auch zum bzw. vom Thron befand, war er dennoch ein Mitglied einer Herrscherfamilie und musste als solches einen Teil seines Lebens in der Öffentlichkeit verbringen. Da sein Großvater Erzherzog Carl Ludwig ab dem Tod Kronprinz Rudolfs das ranghöchste Familienmitglied nach dem Kaiser war, kannte er von klein auf die Aufmerksamkeit, die man erweckte, wenn man auch nur spazieren ging. Dabei wurde der Kleine nicht nur von Verwandten, sondern auch von Kinderfrauen begleitet. Kritikern fällt an dieser Stelle auf, wie viele – vermeintliche – Privilegien der kleine Carl besaß, der schon als Baby mit Gefolgsleuten unterwegs war. In dieser Gesellschaft befanden sich die meisten Kinder aus Fürsten- und aristokratischen Familien sowie jeder Baby-Erzherzog und jede Baby-Erzherzogin. Kinder, die von Kindermädchen aufgezogen wurden und werden, sahen/sehen ihre Eltern selten oder nie. So geschehen auch beim kleinen Carl. Sein Vater Erzherzog Otto war wie jeder männliche erwachsene Habsburger im Militärdienst und lebte das Jahr über in Garnisonstädten – in Prag, in Brünn, in Enns, in Krems, in Ödenburg oder wohin immer ihn sein Onkel Kaiser Franz Joseph schickte.

Carls Mutter Marie Josepha, eine geborene Prinzessin von Sachsen, war eine typische Dame ihrer Zeit. Da sie finanziell in besten Verhältnissen lebte, konnte sie es sich leisten, ausschließlich Dame zu sein. Wie Kaiserin Elisabeth litt sie an »nervösem Husten«, dem sie gerne nachgab, um lange Reisen unternehmen zu können. In den Haushalten, die sie mit ihren Schwiegereltern teilte, ging sie ihren eigenen Interessen nach, schlief viel und extrem lange, was für ein Mitglied der Kaiserfamilie ungewöhnlich war. Wie ihr mutmaßliches Vorbild Kaiserin Elisabeth entzog sie sich gerne den Pflichten als Ehefrau und Mutter. Wenn sie unterwegs war, überließ sie die Betreuung des kleinen Carl Kinderfrauen. Ihren Ehemann Otto, der das Jahr über seinem Militärdienst nachging, sah sie nur selten.

Im Unterschied zu ihrer Familie – sie entstammte dem Geschlecht der Wettiner3, die als Könige von Sachsen regierten –, deren Mitglieder alle intensive und häufig sogar wissenschaftliche Hobbys betrieben, interessierte sich Marie Josepha eigentlich nur für das Leben in Gesellschaft. Wenn es keine Empfänge, Diners, Bälle oder Theateraufführungen gab, langweilte sie sich. Das vormittägliche Familienleben verschlief sie meist, später nahm sie an den zwei üblichen gemeinsamen Mahlzeiten teil. Sie scheint kaum etwas aus eigenem Antrieb unternommen zu haben. Sie aß, weil man sie zum Essen bat, sie ging aus, weil jemand sie einlud, sie begab sich auf Reisen, weil ein Arzt es für ratsam hielt oder weil Verwandte besucht werden wollten. Besonders auffallend ist ihr eigentümliches Verhalten als Mutter, auf das an den betreffenden Stellen hingewiesen werden wird.

Familienalltag und offizielle Verpflichtungen in den Tagebüchern

Was in den täglichen bis zu 60-zeiligen Eintragungen Erzherzog Carl Ludwigs über das Privatleben der Familie zu lesen ist, klingt außerordentlich modern. Er und seine Frau lebten zwar im selben Haushalt, jeder ging aber seinen eigenen Beschäftigungen und Verpflichtungen nach: Erzherzog Carl Ludwig hatte als ranghöchster Erzherzog und erster Vertreter seines Bruders Franz Joseph einen beinahe so dichten Tagesplan wie der Kaiser. Ähnliches galt für seine Frau Erzherzogin Marie Theresia, aber nicht nur, weil sie die ranghöchste Erzherzogin war, sondern weil ihre Schwägerin Kaiserin Elisabeth fast ständig auf Reisen war und sie häufig in deren Namen öffentliche Termine wahrnahm.

Generell gilt, dass Ehepaare oberer Gesellschaftsschichten früher innerhalb ihrer Residenzen in getrennten Wohnungen lebten. Auch die Kinder wohnten mit Kinderfrauen, Erziehern und Lehrern in eigenen Appartements. Wenn sie ein gewisses Alter erreicht hatten, durften sie beim Mittag- und Abendessen dabei sein. Das hat jede Familie individuell gehandhabt, die Habsburger haben ihre Kinder sehr früh an den gemeinsamen Essen teilnehmen lassen. Und sie durften sie, sobald sie ein gewisses Alter erreicht hatten, in die tägliche Messe begleiten.

Zum Alltag der Kinder gehörte auch die Schulpflicht. Sie wurden – auch in den Sommerferien – täglich unterrichtet. Geschwister ähnlichen Alters nahmen die Stunden gemeinsam. Über den Lehrstoff des Gymnasiums hinausgehend, erhielten sie Unterricht in den wichtigsten Sprachen der Monarchie und auch schon damals in Englisch. Je nach Interessen und Begabungen erhielten die jungen Habsburger Sport-, Kunst- und Musikunterricht. Beinahe jedes Kind konnte reiten und ab etwa dem zehnten Lebensjahr eigenständig eine Kutsche lenken.

Das Familienleben spielte sich bei den zwei bis drei täglich gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten ab, die nie sehr lange dauerten. Als gläubige Katholiken haben die Habsburger stets Maß gehalten, nie ausschweifend gelebt, also auch nicht im Übermaß geschlemmt oder zu lange geschlafen. Genauigkeit in den kleinsten Dingen, vor allem Höflichkeit und Pünktlichkeit wurden als wichtigste Tugenden vorausgesetzt. Die schlimmste Strafe erhielt ein Kind, wenn es nicht pünktlich war: Wer zu spät zum Essen kam, musste zurück in sein Zimmer und dort alleine essen. Diese Regel galt in allen Generationen, und man liest auch immer, dass die kinderliebenden Eltern unter dieser Strafe mehr litten als die Kinder. Aber es war eine wichtige Maßnahme, um sie zu Pünktlichkeit zu erziehen.

Wenn ein männlicher Habsburger um die 20 Jahre alt war, wurde er vom Kaiser als Militär eingesetzt. Von klein auf hatte er die wichtigsten praktischen und theoretischen Fertigkeiten dafür erlernt. Einige studierten an einer Militärakademie. Alle Erzherzoge durchliefen eine mehrjährige Ausbildung, bis sie den Offiziersstand erreicht hatten.

Mit den erwachsenen Kindern, die in Garnisonen lebten, die weggeheiratet hatten oder die sich auf Reisen oder auf Kuraufenthalten befanden, hielt ihr Vater Erzherzog Carl Ludwig ständig Kontakt, ebenso mit seinen Brüdern, Verwandten und Freunden, aber auch mit Künstlern und Wissenschaftlern. Täglich schrieb er zahl- und inhaltsreiche Briefe, da das Telefon Ende des 19. Jahrhunderts zwar schon erfunden, aber im Alltag noch nicht eingeführt war. Erzherzog Carl Ludwig war wie seine Mutter Erzherzogin Sophie ein eifriger Korrespondent und schickte jedem Kind, das nicht zu Hause lebte, zumindest ein- bis zweimal pro Woche mehrseitige Briefe.

In dringenden Fällen bediente sich der Erzherzog des Telegraphen, über den man schon damals Nachrichten innerhalb kürzester Zeit übermitteln konnte. So war es z. B. möglich, dass seine Schwiegertochter Marie Josepha auf eine telegraphische Benachrichtigung, die sie am Vormittag in Schloss Persenbeug erhielt, am Nachmittag in Wien eintreffen konnte. Die über 150 Kilometer Strecke musste sie in mehreren Fahrzeugen zurücklegen. Mit einem Wagen fuhr sie vom Schloss zur Schiffsanlegestelle, überquerte die Donau mit einer Fähre, nahm dann abermals einen Wagen zur Bahnstation Kemmelbach, von dort den Zug nach Wien und zuletzt einen Wagen vom Bahnhof in die Innenstadt zum Palais ihres Schwiegervaters. Selbst heute braucht man für die Strecke über Autobahn oder Schnellstraße und weiter von den Außenbezirken Wiens bis ins Zentrum an die ein-, eineinviertel Stunden. Der Grund, warum Erzherzog Carl Ludwig seine Schwiegertochter einmal so rasch nach Wien bat, war eine schwere Erkrankung seiner ältesten Tochter Margarethe, die beinahe zu ihrem Tod führte. Das war ein tiefer Einschnitt im sonst so harmonischen Alltag der Familie und lastete schwer. In solchen Momenten legte der Erzherzog großen Wert darauf, mit der engeren Familie zusammen zu sein.

Wenn jemand aus dem Familienverband ernsthaft krank war, wurden mehrere Ärzte gebeten, Untersuchungen vorzunehmen und sich miteinander auszutauschen und zu beratschlagen. Beim Enkel Carl reichte eine hartnäckige Erkältung, dass zwei bis drei Ärzte zu Rate gezogen wurden. Lange Zeit war er in seiner Generation das einzige Kind. Als er geboren wurde, lebten noch ein Onkel und drei Tanten (siehe S. 48) als Teenager im Haushalt seines Großvaters. Wenn sie unterrichtet wurden oder die Großeltern Termine hatten, war der Kleine in Gesellschaft seiner Kinderfrauen. Man fand aber alle im selben Haushalt Wohnenden – Großmutter und Großvater, Onkel und Tanten – täglich im Spielzimmer Carls. Seine Mutter, Erzherzogin Marie Josepha, traf man dort am seltensten an. Meist war sie unterwegs, und wenn sie einmal – im Palais in Wien oder in der Villa Wartholz – im selben Haushalt mit ihren Schwiegereltern wohnte, kümmerte sie sich nicht um ihr Kind, sondern machte sie ihren Einfluss als Erzieherin auf eigenwillige Art geltend. Sie hielt Carl vom Familienleben fern, vor allem von den gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten, weil sie vermutlich dachte, dass ein Kind nicht in die Gesellschaft Erwachsener gehört. Der Großvater, der den Enkel dann nicht in Gesellschaft sah, musste ihn alleine in seiner Wohnung besuchen. War Marie Josepha auf Reisen und Carl mit Großeltern, Onkeln und Tanten allein, durfte er, sobald er in einem Kinderstühlchen sitzen konnte, bei jedem Essen dabei sein. Da Erzherzog Carl Ludwig viel Freude hatte, bei Tisch alle Familienmitglieder zu versammeln, fand er für die Zeit, wenn die Schwiegertochter im Haus war, eine Notlösung. Da sie morgens lange schlief, holte er den Kleinen in der Früh persönlich zum Frühstückstisch. Selbst wenn die Kinderfrauen andere Anweisungen gehabt hätten, wagte natürlich niemand, den Hausherrn daran zu hindern. Für ihn, der täglich etliche offizielle Termine und oft 50 bis 70 Audienzen und mehr ableistete, der stundenlang Akten, Broschüren und Protokolle der verschiedensten Gesellschaften las, deren Schirmherr er war, gehörte das Frühstück in der Gesellschaft der im Haus lebenden Kinder und des Enkels zum geliebten Morgenritual. Dort holte er sich die Kraft für einen langen Arbeitstag, der meist 12 bis 14 Stunden dauerte und ihn nicht selten mehrere Hundert Kilometer durchs Land führte.

Die »kleine« Geschichte des privaten Lebens: aus Briefen und Tagebüchern

Da meine Publikationen immer der Geschichte und nicht der Kulturgeschichte zugeordnet werden, möchte ich im Folgenden die beiden Begriffe kurz erläutern und voneinander abgrenzen. Ich habe mich seit Beginn meiner publizistischen Arbeit der Geschichte des Alltags sowie der Geschichte des privaten Lebens4 verschrieben. Im Unterschied zur großen Geschichte, in der meist nur von Herrschern und mächtigen Leuten die Rede ist, beschäftigt sich die Alltags- oder Kulturgeschichte mit dem täglichen Leben aller Menschen unter Berücksichtigung ihres sozialen Umfelds. Die Fragen nach den Einzelheiten sind mannigfaltig: Mit welcher Bekleidung und in welcher Art von Betten schliefen die Menschen einer bestimmten Epoche? Wann standen sie auf? Wie viel Zeit wendeten sie für Körperhygiene auf? Welche kosmetischen Hilfsmittel kannten und verwendeten sie? Wie viel und was aßen die Bewohner der verschiedenen Regionen? Welche Kleider trugen sie zu welchen Anlässen? Wie führten sie den Haushalt? Welche Geräte und welche Art von Geschirr verwendeten sie? Wie und wo lagerten Lebensmittel? Wie sahen Möbel der Vorratshaltung aus, wie die Kochstellen? Welche Berufe gab es, wie und wo wurden sie ausgeübt? Welche Transportmittel standen den Menschen zur Verfügung? Welche sozialen Einrichtungen gab es? Wie feierte man Feste? Wie spielte sich das Leben innerhalb der Familie ab? Wie ging man mit Geburt, Kindheit, Krankheit und Tod um?

Meist schränkt man sich bei der Beobachtung auf einen bestimmten Zeitraum ein und man vergleicht in Bezug darauf den Tagesablauf der Mitglieder verschiedener sozialer Schichten. Dabei ergeben sich häufig nur geringe Unterschiede, manchmal sogar keine. Besonders auffällig ist, wie wenig den Menschen aller Gesellschaftsschichten in früheren Epochen sanitäre Einrichtungen bedeuteten und wie ungesund und wie wenig abwechslungsreich sie aßen.

Die stärksten Unterschiede in Bezug auf Tagesablauf, Kleidung, Essen und auf Hilfsmittel gab es in der barocken Epoche. In dieser Zeit zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert huldigten die Mitglieder der obersten Gesellschaftsschichten einer überfeinerten und gekünstelten Lebensart. Sie benahmen sich geziert, gestalteten ihre Auftritte theatralisch, verwendeten die kostbarsten Materialien für Kleidung und Einrichtung und aßen die exotischsten Lebensmittel. Wenn man einmal von den Kosten absieht, die dieser Lebensaufwand verursachte, kann man sich vorstellen, wie viel Zeit und Personal dafür benötigt wurde. Alleine für den Ablauf des Morgenrituals, der Ankleiden, Frisieren und das Trinken heißer und erlesener Getränke aus kostbaren Porzellanschalen umfasste, war zahlreiche Dienerschaft nötig. Darüber hinaus sorgten Geistliche und gebildete Personen für Erbauung und Unterhaltung der Herrschaften des Hauses. Der weitere Tagesablauf setzte sich bei den Menschen, die nicht arbeiten mussten, meist mit dem Besuch der Messe fort. Danach nahm man in Gesellschaft einiger Erwählter das Souper, das mehrere Stunden dauern konnte, und vergnügte sich anschließend je nach Jahreszeit mit Spaziergängen, Bootsfahrten und Jagden. Während des Tages wechselte man je nach Anlass mehrmals Kleidung und Frisur. Am Abend besuchte man Konzerte oder Theatervorführungen. Nachts nahm man ein Diner und unterhielt sich anschließend bei Tanz und Gesellschaftsspielen.

Aller Luxus und Nichtsnutz endete im späten 18. Jahrhundert. Die Französische Revolution, Wirtschaftskrisen in vielen europäischen Ländern sowie Bankrotte etlicher Familien hatten den Vorgang ausgelöst und führten zum Zusammenbruch des Systems. Als logische Folge entwickelte sich das 19. Jahrhundert zu einer ruhigen, bürgerlichen Epoche, in der man sich im Familien- oder Freundeskreis auf die kleinen Dinge des Lebens besann. Herr und Frau Biedermeier waren aber nicht nur im Volk zu finden, sondern auch unter Habsburgern, Wettinern und Wittelsbachern. Sie alle hatten beinahe zwei Jahrhunderte lang versucht, den aufwendigen, aber auch kraftraubenden Lebensstil König Ludwigs XIV. von Frankreich zu kopieren, und waren nun mit der Änderung ins genaue Gegenteil grenzenlos zufrieden. In Bezug auf die Geschichte des privaten Lebens hat es selten einen so tiefen Schnitt zwischen zwei so nahe liegenden Epochen gegeben.

Am Ende dieses Einschubs, der dazu dienen sollte, den Unterschied zwischen großer Geschichte und Alltagsgeschichte aufzuzeigen, komme ich wieder auf die Tagebücher Erzherzog Carl Ludwigs zurück. Nichts eignet sich besser, das Privatleben einer Familie zu dokumentieren, als in täglich geführten Aufzeichnungen eines Familienmitglieds zu lesen. Sie bieten eine ideale Vorlage, um Einblick in den Alltag nehmen zu können, und erlauben den logischen Schluss, dass Herrscher und alle Menschen des öffentlichen Lebens den Großteil ihres Lebens Privatleute waren.

Die Kaiserfamilie im öffentlichen und im privaten Leben

Im Volksglauben herrscht seit jeher die Meinung, dass Kaiser und Könige ihr gesamtes Leben nach Zeremoniell lebten. Wenn die Volksmeinung auch häufig im Recht ist, so liegt sie in diesem Fall völlig falsch. Es stimmt zwar, dass es für Kaiser, Könige und Fürsten fein ausgeklügelte Zeremonielle und für alle Feinheiten im Tagesablauf die Etikette gab; sie galten aber ausschließlich im öffentlichen Leben. Das Privatleben, also der Alltag im Kreis der Familie mit Ehefrau, Kindern, Geschwistern, Eltern und Verwandten, spielte sich in privaten Räumen genau so privat ab wie das der Untertanen. Sogar König Ludwig XIV. von Frankreich, der vermutlich als einziger europäischer Herrscher das Zeremoniell in den privaten Tagesablauf miteinbezog (man denke an das Lever und Coucher du Roi, die Rituale des Aufstehens und Zubettgehens des Königs, die von einer Menge Höflingen mitgetragen wurden), hat sich mit fortschreitendem Alter einige Stunden des Tages davon freigemacht. Sein Nachfolger Ludwig XV., der schon als Kind in der Öffentlichkeit als König auftreten musste, war eine schüchterne und unsichere Persönlichkeit und litt unter dem aufgezwungenen Leben vor Publikum. Bis an sein Lebensende arbeitete er vorsichtig, aber stetig daran, mehr Raum für sein Privatleben zu schaffen. Das war nicht einfach, da man jahrzehntelang geübte Rituale nicht mit einem Schlag abschaffen konnte. Denn die daran beteiligten Höflinge waren Erwählte und Ausgezeichnete. Sie hatten sich das Recht, diese Dienste zu bestimmten Zeiten durchführen zu dürfen, durch besondere Taten, durch steten Eifer und Loyalität erworben.

Auch am Habsburger Kaiserhof gab es Zeremonien, die bei öffentlichen Festen und Veranstaltungen angewendet wurden. Allerdings hat man sie im 18. Jahrhundert auf ein Mindestmaß verringert. Das geschah zum einen, um Kosten zu sparen, und zum anderen wohl zum Schutz des Privatlebens. Die Habsburger hingen liebevoll an ihren Kindern, die sie nicht zu früh dem Druck des öffentlichen Lebens ausliefern wollten. In Frankreich war das aus natürlichen Gründen nicht möglich, da der jeweilige Dauphin/Thronfolger häufig das letzte männliche Mitglied der Familie war und schon im Kleinkindalter – Ludwig XIV. und Ludwig XV. jeweils mit fünf Jahren – König wurde.

Zu den Regeln, die auch am Kaiserhof in Wien streng gehandhabt wurden, gehörte z. B. der Kammerzutritt (er regelte, wer auf welche Weise, mit oder ohne Voranmeldung durch Personal oder Beamte, Zutritt zum Herrscher und zu seiner nächsten Familie hatte), Begrüßungszeremonien und Sitzordnungen nach hierarchischem Prinzip sowie die Vergabe von Diensten und Ämtern, um Gefolgsleute oder Beamte auszuzeichnen. Generell war es eine Ehre, bei Hof angestellt und der Kaiserfamilie nahe zu sein. Darüber hinaus verfügten Hofangestellte über große Macht bis in die kleinsten Dinge. Ohne Einflussnahme vonseiten der kaiserlichen Familie bestellten sie Lebensmittel, entwarfen Speisepläne, verteilten Essensreste, überwachten und kontrollierten Silber, Glas und Porzellan, aber auch die persönliche Leibwäsche und Garderobe der Habsburger, sie besorgten Hygieneartikel, veranlassten Näharbeiten und Reparaturen.

An höchster Stelle aller bei Hof Bediensteten stand der Obersthofmeister, der Hüter von Recht, Etikette und Ordnung. Er hatte eine besondere Machtposition inne, da er unter anderem für alle am Kaiserhof Lebenden, also auch für Gefolgsleute und sogar für die Mitglieder der Kaiserfamilie, die Wohnungen verteilte. Und zwar nach eigenem Gutdünken. Wer bei ihm um Räume ansuchte, sollte sich seiner Gnade sicher sein. Wenn er eine Wohnung vergab, konnte sie an der Nordseite im untersten Stock oder in einem hellen Obergeschoß liegen, sie konnte eng und verwinkelt oder großzügig geschnitten und weitläufig sein. Es war nur die Menge der Räume vorgegeben, die einer bestimmten Person je nach Herkunft und Rang zustand. Wie immer das Appartement aussah, das der Obersthofmeister zuteilte, und wo immer es lag, hatte akzeptiert zu werden. Die Habsburger fügten sich ihm und bezogen neue Wohnungen ohne Widerspruch. Darüber kann man ebenfalls bei Erzherzog Carl Ludwig lesen, der in der Zeit zwischen 1846 und 1848 als Jugendlicher ein Tagebuch führte5 und darin festhielt, ob er und seine Brüder bei der Rückkehr vom Sommeraufenthalt in Schloss Schönbrunn respektive vom Winteraufenthalt in der Hofburg wieder dieselben Räume wie früher bewohnten. Er freute sich, wenn es dieselben geblieben oder wenn sie besser, heller oder schöner geworden waren. So etwas erwähnte er allerdings nur im Kindesalter. Als Erwachsener hätte sich Erzherzog Carl Ludwig keine Bemerkung darüber erlaubt. Ein Habsburger nahm, was ihm von Hofbeamten zugewiesen wurde, und beanstandete nichts. Das galt auch beim Essen. Keiner von ihnen wäre auf die Idee gekommen, dem Küchenchef bei der Planung der Menus dazwischenzusprechen. Man aß, was auf den Tisch kam. Dieses Verhalten hing damit zusammen, dass jedermann, das Personal im Speziellen, zu achten und zu respektieren war.

Da die Habsburger nach strengen katholischen Grundsätzen lebten, verbaten sie sich ein Leben in Luxus und Überfluss. Man aß, man trank, man wusch und bekleidete sich, ohne großen Aufwand zu betreiben, man arbeitete und kümmerte sich um seine Nächsten. Besonders das Sorgetragen um kranke oder alleinstehende Verwandte, um Gefolgsleute und Bedienstete war ein hohes Anliegen. Darüber ist in vielen Briefen zu lesen, von denen ich schon zahlreiche veröffentlicht habe.

Außerdem waren jedem Habsburger bestimmte Aufgaben zugewiesen. Hauptsächlich waren die Familienmitglieder dazu angehalten, Schirmherrschaften verschiedenster Institutionen zu übernehmen. Das bedingte, dass man bei vielen Sitzungen, Veranstaltungen und Eröffnungen dabei sein musste. Je höher der Rang des Familienmitglieds war, umso länger war die Liste der Einrichtungen, denen er als Ehrenmitglied vorstand, und umso weitreichender war sein Aufgabenbereich. Erzherzog Carl Ludwig war seit dem Tod seines Neffen Kronprinz Rudolf der Stellvertreter Kaiser Franz Josephs, also der ranghöchste Erzherzog. Deshalb war er als Protektor besonders begehrt. Je mächtiger der Habsburger war, den man sich zum Schirmherrn erkoren hatte, desto größer war die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit und desto größer die Chance auf finanzielle Unterstützung.

In Bezug auf das tägliche Arbeitspensum kann man in den Tagebüchern lesen, dass Erzherzog Carl Ludwig sehr vielen öffentlichen Aufgaben nachkam, nicht nur in Wien, sondern auf dem gesamten Herrschaftsgebiet. Die österreichisch-ungarische Monarchie erstreckte sich damals im Norden bis Böhmen, Mähren und Galizien, im Osten begrenzten Siebenbürgen und das Banat das Reich, das im Süden weiter über Slawonien, Kroatien, Dalmatien bis in heute italienischen Raum reichte. Dazu gehörten das Küstenland um Triest und Südtirol, die Lombardei und Venetien waren damals schon bei Italien. Über Kärnten ging es im Westen weiter bis Salzburg, Tirol und Vorarlberg. Darüber hinaus reiste Erzherzog Carl Ludwig häufig in diplomatischen Angelegenheiten ins Ausland und traf sich mit Politikern und Monarchen. Wie sein Bruder erledigte er täglich waschkorbweise Akten und Korrespondenz, und er ließ sich ein Leben lang in verschiedenen Fächern unterrichten. So studierte und übte er alle Sprachen der Monarchie mit muttersprachigen Lehrern. Darüber hinaus hörte er Vorlesungen zu Geschichte, Politik und Verfassungsrecht. Auch die Damen übten die meisten Sprachen der Monarchie lebenslang. Weiterführenden Unterricht nahmen sie im Erwachsenenalter meist aber nur in künstlerischen Fächern und in Sportarten, wobei dem Reiten und dem Kutschieren besonderes Augenmerk gewidmet wurde. Stand eine berufliche oder private Änderung bevor, dann wurde das Unterrichtsprogramm im Hinblick darauf um etliche Fächer erweitert. Das betraf Familienmitglieder, die ein neues politisches oder militärisches Amt erhielten, die als Abt oder Äbtissin eingesetzt wurden oder die in ein anderssprachiges Land heirateten. Grundsätzlich galt, dass man nie genug Wissen und Fähigkeiten erwerben konnte, um im allerschlimmsten Fall – man hatte aus den Revolutionen gelernt – seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten zu können.

Zu den Erkenntnissen aus den Tagebüchern

Erzherzog Carl Ludwig, seine Eltern Erzherzogin Sophie und Erzherzog Franz Carl, sein Bruder Kaiser Franz Joseph und beider jüngster Bruder Erzherzog Ludwig Victor liebten das Leben im Familienverband. Sie hielten ständig Kontakt und trafen sich, so oft es ihnen möglich war. Alle waren »kindernärrisch« und tierlieb, was sie besonders sympathisch macht. Aus den Tagebüchern Erzherzog Carl Ludwigs geht das deutlich hervor. Nichts war ihm wichtiger, als die freie Zeit mit Kindern und dem Enkel Carl zu verbringen. Wenn eines an einer schwereren Krankheit litt, war es ihm kaum möglich, zu arbeiten. Der sonst so pflichtbewusste Mann konnte sich auf nichts anderes als auf den Zustand des kranken Kindes konzentrieren. Einmal davon abgesehen, dass er ihnen die bestmögliche Ärztebetreuung zukommen ließ, wachten er und seine Frau Marie Theresia Tage und Nächte an den Krankenlagern der Kinder, auch wenn sie schon erwachsen waren. Sie reisten ihnen an alle Orte der Welt nach, um sie zu pflegen und die Genesung abzuwarten. Zuletzt geschehen im Jahr 1896, als sein ältester Sohn Franz Ferdinand an einer schweren Lungenkrankheit litt und sich monatelang zur Kur im Vorderen Orient aufhielt. Da sich sein Zustand nur langsam besserte, schiffte sich Erzherzog Carl Ludwig mit Frau und drei erwachsenen Kindern ein, um ihn zu besuchen.

Pflichtbewusst wie der Erzherzog war, notierte er beinahe sein ganzes Leben lang jedes noch so kleine Detail in seinem und seiner Familie Tagesablauf, meist fügte er sogar die Uhrzeit hinzu, wann eine Tätigkeit begonnen und wann sie durch eine neue abgelöst wurde. So reihen sich Tag an Tag Notizen über Aufwachen, Aufstehen, »Toilette machen« und Frühstück nehmen. Gegen halb 9, 9 Uhr begannen die täglichen Termine. Mehrmals pro Woche gab es Audienzen, dazwischen traf Erzherzog Carl Ludwig Politiker, Offiziere, Künstler und Wissenschaftler zu Besprechungen, er besuchte Veranstaltungen, nahm Paraden ab, eröffnete Ausstellungen, absolvierte Staatsbesuche und empfing Staatsoberhäupter. Je höher die Anlässe und je größer die Empfänge, desto mehr Familienmitglieder nahmen daran teil und desto umfang- und inhaltsreicher sind die Eintragungen.

Die größte Hürde, die beim Lesen und Übertragen der Tagebücher genommen werden musste, war das Entziffern der Schrift Erzherzog Carl Ludwigs. Aber nicht, weil Kaiser Karls Großvater besonders hässlich oder besonders unleserlich schrieb, sondern weil er als echter Habsburger des 19. Jahrhunderts mit Papier sehr sparsam umging und viele Zeilen in der heute nicht mehr geläufigen Kurrent- oder Sütterlin-Schrift auf eine Seite setzte. Zudem gebrauchte er für häufiger verwendete Namen oder Begriffe Kürzel, die erst entschlüsselt werden wollten.

Obwohl der Erzherzog jedes Jahr dasselbe Tagebuch-Modell vom selben Hersteller kaufte – es ist in braunem Leder gebunden, hat verstärkte Ecken aus Messing und Goldschnitt –, hat jeder Band ein anderes Maß, wobei die einzelnen Stücke bestenfalls um zwei Zentimeter in Höhe und Breite differieren. Normalerweise befinden sich 50 bis 60 geschriebene Zeilen auf einer Seite. Sie stehen dicht aneinandergedrängt, auch wenn nur eine halbe Seite beschrieben ist, was allerdings nur selten vorkommt. Die Texte sind mit vielen Einfügungen und Streichungen versehen. An Tagen, an denen sich besonders viel ereignete, wurden vierseitige Bögen eingelegt und darauf weitergeschrieben. Das geschah ebenfalls nach einem sehr sparsamen System: Auf dem gefalteten Einlageblatt, das ein etwas kleineres Format als das Tagebuch hatte, wurde – mit dem Datum des bestimmten Tages versehen – die Eintragung fortgesetzt. Da sie eigentlich nie alle vier Seiten einnahm, wanderte das teilweise beschriebene Blatt weiter und wurde später, wenn wieder Bedarf war, für den Rest einer anderen Tageseintragung, abermals mit dem dazugehörigen Datum versehen, verwendet. Das geschah so lange, bis alle vier Seiten voll beschrieben waren. Man findet die Einlageblätter immer unter dem Datum der letzten Eintragung. Mitunter liegen dort sogar zwei vierseitige Bögen, da der letzte Nachtrag häufig länger als der restliche Platz auf der vierten Seite war. Also begann Erzherzog Carl Ludwig einen neuen Bogen, versah ihn weiter mit Nachträgen und legte beide Bögen beim Datum der letzten Eintragung des zweiten Blattes ein. Die letzte Seite des zweiten Einlageblatts ist häufig besonders dicht beschrieben, da der Autor meist vermeiden wollte, ein drittes Blatt anzufügen.

Da sich die Einlageblätter häufig nicht mehr an den ursprünglichen Stellen befanden und durcheinander geraten waren, lagerten sie meist als Konvolut dicht zusammengepresst am Ende der Tagebücher. Erst als die Bögen chronologisch geordnet und unter den richtigen Daten eingelegt waren, konnte mit dem Lesen und Übertragen begonnen werden.

Viel Neues und Unbekanntes ist ans Tageslicht gekommen, von dem man nichts wusste, nicht einmal ahnte. In Bezug auf die große Geschichte war es besonders interessant, ein bislang nirgendwo verzeichnetes Naheverhältnis Erzherzog Ottos, des Vaters des späteren Kaisers Karl, zu Kronprinz Rudolf aufzudecken. Otto war mit seinem direkten Cousin Rudolf innig befreundet und verbrachte in dessen letzten Lebensjahren jede freie Minute mit ihm. In den zahlreichen Biographien über Kronprinz Rudolf findet man unter seinen engsten Freunden und Vertrauensleuten den Journalisten Moriz Szeps und unter den Verwandten Erzherzog Johann Salvator (später: Johann Orth) sowie seinen Schwager Prinz Philipp Coburg.

Das ist sicher auch eine Erklärung dafür, warum Kaiser Franz Joseph nach dem Tod seines Sohns Rudolf ein so inniges Verhältnis zu seinem Neffen Otto hatte und ihn häufig dessen älterem Bruder Franz Ferdinand vorzog. Es wäre denkbar, dass Kaiser Franz Joseph Schuldgefühle am Freitod seines Sohns quälten und er an Otto gutmachen wollte, was er bei Rudolf verabsäumt hatte. Das unbeschwerte Wesen Ottos, sein Charme und seine unterhaltsame Art machten ihn überall zum gern gesehenen Gast. Auch Kaiser Franz Joseph schätzte diese Eigenschaften an seinem Neffen, da er wie alle Menschen gerne von Alltagsproblemen abgelenkt werden wollte.

Im Unterschied dazu traten bei der Lektüre der Tagebücher auch andere, weniger erfreuliche Erkenntnisse zutage. Am erstaunlichsten war sicher die Feststellung, dass Kaiser Karls Mutter, Erzherzogin Marie Josepha, keinen Bezug zu ihrem Sohn hatte. Sie hat sich mit ihrem lange Zeit einzigen Kind kaum je beschäftigt, überließ die Betreuung den Kindermädchen, selbst wenn sie nicht auf Reisen war und sich im selben Haushalt wie ihr Sohn befand. Zwischendurch wurde der kleine Carl mit seinen Betreuern häufig von einer Wohnadresse zur nächsten befördert, ohne dass es einen Grund für die Reise gegeben hätte. Denn meist war der Ort, wohin man ihn schickte, ein leerer Haushalt, in dem ausschließlich Bedienstete lebten.

Innig geliebt und als Kind wahrgenommen wurde Carl im Haushalt seines Großvaters. Erzherzog Carl Ludwig hatte eine derartige Freude, sich mit dem Enkel zu umgeben, dass man den Kleinen fast immer bei ihm fand, auch wenn er in seinem Schreibzimmer Akten und Korrespondenz erledigte, der Friseur ihm die Haare schnitt oder er Kleider wechselte. Carl durfte immer dabei sein, durfte immer Fragen stellen und wurde als kleine Persönlichkeit anerkannt und respektiert.

Im Tagebuch wurden aber nicht nur die Erlebnisse mit dem Enkel festgehalten, sondern auch die mit den anderen Familienmitgliedern. Dabei ist es interessant zu lesen, wie Ehefrau und Kinder, jeder auf seine eigene Art, den Alltag meisterten. Das lässt eine gute Charakterisierung der einzelnen Personen zu und man erkennt rasch, wer von der Familie introvertiert und wer gesellig war. Zu den ruhigen und zurückhaltenden Personen gehörten Carl Ludwigs drei Töchter Margarethe, Miana und Elisabeth, eine von ihnen war häufig zerstreut (die jüngste Tochter Elisabeth), einige waren fröhliche Unterhalter (die Ehefrau Marie Theresia, der Sohn Otto und der kleine Enkel Carl), einige waren sportlich und künstlerisch begabt (die Ehefrau sowie die Söhne Otto und Ferdinand). Eine grobe Skizzierung der am häufigsten »auftretenden« Personen findet sich im folgenden Kapitel.

Die »handelnden« Personen

Erzherzog Carl Ludwig,

der Tagebuchschreiber und Großvater Carls

Erzherzog Carl Ludwig war der drittgeborene Sohn Erzherzog Franz Carls und Erzherzogin Sophies und nach dem Fortgang seines Bruders Ferdinand Maximilian nach Mexiko 1864 der ranghöchste erwachsene Erzherzog nach Kaiser Franz Joseph und dessen Sohn Kronprinz Rudolf. Nach dem Tod des Kronprinzen im Jahr 1889 rückte Erzherzog Carl Ludwig ganz vor und wurde der erste Mann hinter dem Kaiser. Kaiser Franz Joseph hatte zu seinem Bruder Carl Ludwig, der ihm als Einziger der Familie sein ganzes Leben lang als Mitarbeiter zur Seite stand, ein besonders inniges Verhältnis. Wie der Kaiser bearbeitete er täglich waschkorbweise Akten, empfing Hunderte Personen des öffentlichen Lebens in Audienzen, besuchte im Auftrag Franz Josephs politische und öffentliche Veranstaltungen und unternahm zahlreiche diplomatische Dienstreisen im In- und Ausland.

Was Erzherzog Carl Ludwig von den meisten Habsburgern unterschied, waren seine Selbstdisziplin, seine Engelsgeduld und die Bereitschaft, an Tausenden Veranstaltungen teilzunehmen. Bei Eröffnungen von wohltätigen Instituten, von Ausstellungen, bei Audienzen, bei politischen und militärischen Gesprächen war es sein oberstes Ziel, jeden zu sprechen, der mit ihm sprechen wollte. Dafür nahm er sich immer ausreichend Zeit. Nie kam er zu spät, nie musste seinetwegen ein Termin verschoben werden. Zudem verfügte er über ein phänomenales Gedächtnis, das ihm half, jeden Menschen, den er je gesehen hatte, in Erinnerung zu behalten. Besonders beliebt war er bei Künstlern und Wissenschaftlern, von denen er viele in seine private Villa nach Reichenau an der Rax lud, um mit ihnen im Familienkreis angeregte Diskussionen zu führen. Dabei wurde viel gelacht, was die Habsburger unterhaltend und die Geladenen als sehr angenehm empfanden. Steif oder zeremoniös ging es in der Familie Erzherzog Carl Ludwigs nie zu. Dafür sorgte er als Gastgeber, als der er die Kinder als muntere Gesellschafter immer miteinbezog. Sie durften unabhängig von ihrem Alter dabei sein und mitschwätzen. Persönlich führte er jeden Gast durch die Räume des Hauses und zeigte ihm sogar sein Schlafzimmer, in dem die größten Schätze des Hauses verwahrt waren: In einem munteren Durcheinander hingen an allen freien Wandstücken Zeichnungen seiner Kinder, die er alle eigenhändig mit Datum und Erläuterungen versah (»von NN zum x.ten Geburtstag als Geschenk erhalten«) und rahmen ließ.

Im Unterschied zu Kaiser Franz Joseph liebte Erzherzog Carl Ludwig es, von Frau, Kindern und Schwiegerkindern, dem Enkel Carl, von Schwägern und Schwägerinnen und deren Kindern umgeben zu sein. In Gesellschaft ihm nahe stehender Menschen fühlte er sich besonders wohl. Er hatte früh begonnen, eine Familie zu gründen. Die erste Heirat mit seiner direkten Cousine Prinzessin Margarethe von Sachsen fand 1856 statt. Damals war er 23 Jahre alt und wünschte sich nichts sehnlicher, als bald Vater von zahlreichen Kindern zu werden. Doch der Kindersegen blieb aus. Margarethe erkrankte knapp zwei Jahre nach der Hochzeit während eines Aufenthalts in Monza an einer Infektion und starb innerhalb weniger Tage. Es dauerte lange Zeit, bis Erzherzog Carl Ludwig sich von diesem Schicksalsschlag erholt hatte.

Vier Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau fand er in einer entfernteren Cousine, Prinzessin Maria Annunziata von Bourbon-Sizilien, die Liebe seines Lebens. Ciolla, wie sie in der Familie genannt wurde, schenkte ihm vier Kinder: die drei Söhne Franz Ferdinand, Otto und Ferdinand sowie die Tochter Margarethe. Wenige Tage vor dem ersten Geburtstag der kleinen Tochter starb Maria Annunziata. Obwohl der Schmerz, diese Frau verloren zu haben, noch größer war als nach dem Tod der ersten Frau, entschied sich Erzherzog Carl Ludwig zu einer dritten und letzten Heirat, da er seinen vier kleinen Kindern eine Mutter geben wollte. 1873 heiratete er Prinzessin Marie Theresia von Braganza. Wie die verstorbene Ehefrau Ciolla war sie eine jener dunkelhaarigen Schönheiten, die auch Kaiser Franz Joseph besonders gut gefielen und damals zahlreichen zeitgenössischen Künstlern als Inspiration dienten. Marie Theresia war um 22 Jahre jünger als Erzherzog Carl Ludwig und die erste Frau, der er nicht ins Grab nachschauen musste. Sie kümmerte sich ein Leben lang liebevoll um die vier Stiefkinder und die zwei gemeinsamen Kinder, die Töchter Maria Annunziata (Miana) und Elisabeth.

Als Erzherzog Carl Ludwig im Februar 1896 gemeinsam mit seiner Frau Marie Theresia und drei Kindern Ägypten und Palästina bereiste, um seinen kranken ältesten Sohn Franz Ferdinand zu besuchen, zog er sich eine schwere Virusinfektion zu. Mit einigen Unterbrechungen auf der Heimreise erreichte er im April seine Heimatstadt Wien. Er starb nur wenige Wochen später in Schloss Schönbrunn, wo er knapp 63 Jahre zuvor das Licht der Welt erblickt hatte.

Erzherzogin Marie Theresia,

dritte Ehefrau Erzherzog Carl Ludwigs und
Stiefgroßmutter Carls (in den Tagebüchern MTh)

Obwohl der Enkel Carl, der spätere Kaiser Karl, von der zweiten Frau seines Großvaters abstammte, war für ihn Erzherzogin Marie Theresia die »natürliche« Großmutter. »Natürlich« in doppeltem Wortsinn: Er kannte auf väterlicher Seite nur diese eine Großmutter, und sie war ihm und allen Familienmitgliedern eine heitere und unprätentiöse Gesellschafterin, die wie ihr Ehemann Kinder besonders liebte. Weder von ihr noch von Erzherzog Carl Ludwig ist in den Tagebüchern je das Wort Erziehung zu hören, noch haben die beiden je erzieherische Maßnahmen gesetzt. Das Ehepaar zog die Kinder und den Enkel Carl ausschließlich mit Liebe, Umsicht und Verständnis auf und brachte ihnen die wichtigsten Tugenden – Höflichkeit, Nächstenliebe, Pflichtbewusstsein und Benehmen in Gesellschaft – ganz nebenbei bei. Man lebte dieses Verhalten vor und besprach in Ruhe, wenn es galt, sich auf eine neue Situation vorzubereiten. Wenn jemand einmal einen Fehler beging, wurde das in einem Gespräch mit dem Betroffenen alleine geklärt. Es wurde nicht geschimpft, nicht gedroht und es wurde nicht gestraft. Das hauptsächliche Ziel war es, die Kinder auf einen natürlichen Umgang mit Menschen vorzubereiten. Sie sollten lernen, auch in schwierigen Situationen ruhig und freundlich zu bleiben und den Menschen ihrer Umwelt entgegenkommend und heiter zu begegnen. Ein positiver, lebensfroher Gesichtsausdruck erleichterte jedem Gegenüber die Annäherung.

Zu den größten Stärken Erzherzogin Marie Theresias zählten Ausdauer und Liebe bei der Pflege kranker Menschen, wobei sie keinen Unterschied zwischen eigenen Kindern, Stiefkindern, Ehemann, Mutter oder Geschwistern machte. Nächtelang wachte sie an Betten von Kranken und wurde dabei selbst nie krank. Ihre Selbstdisziplin ging so weit, dass sie ein eigenes Leiden – sie litt häufig an starker Migräne – nur dann zuließ, wenn die Zeit und die Umstände es erlaubten.

Innerhalb der Familie benahm sich die temperamentvolle Dame frei und ungekünstelt, sie liebte Sport und jede Bewegung in der freien Natur. Sie hatte zahlreiche Hobbys – Fotografieren und Malen gehörten zu ihren größten Leidenschaften. Ihrer hohen Stellung innerhalb der Kaiserfamilie entsprechend musste auch sie häufig offiziellen Verpflichtungen nachkommen. Nach Kaiserin Elisabeth war sie das ranghöchste weibliche Familienmitglied und hatte wie ihr Mann ständig Audienzen und offizielle Termine, umso mehr, als sich ihre Schwägerin, die Kaiserin, kaum je in Wien aufhielt. Bei diplomatischen Empfängen, bei Bällen, aber auch bei Familiendiners übernahm Erzherzogin Marie Theresia auf Bitten Kaiser Franz Josephs häufig die Rolle der Gastgeberin. Sie war in ihrem Auftreten gleichzeitig majestätisch und einnehmend, aufmerksam, immer eine perfekte Dame und eine interessierte Gesprächspartnerin.

Als ihr Ehemann Erzherzog Carl Ludwig starb, war sie 41 Jahre alt. Zehn Jahre später folgte dem Vater sein Sohn Otto ins Grab. Er war in einer Zeit, in der man weder Vorsorge noch Medikamente kannte, mit einer aggressiven Geschlechtskrankheit6 infiziert worden, an deren Folgen er starb. Für Erzherzogin Marie Theresia war es selbstverständlich, die Pflege des unheilbar kranken Stiefsohnes zu übernehmen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1906 wachte sie unermüdlich an seinem Krankenbett.