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GEORG
MARKUS

Was uns geblieben ist

DIE GROSSEN FAMILIEN IN ÖSTERREICH

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1. Auflage September 2010
2. Auflage November 2010
3. Auflage November 2010
4. Auflage Dezember 2010
5. Auflage Dezember 2010
6. Auflage Dezember 2010

Meiner Familie
in Liebe

INHALT

FAMILIÄRE SPURENSUCHE

Vorwort

KENNEDY & KAISERHAUS

Eine ungewöhnliche Familiengeschichte

»AUCH SEIN BETT SOLLTE RÄDER HABEN«

Vom Entstehen des Porsche-Clans

NICHT IMMER IM DREIVIERTELTAKT

Bekannte und weniger bekannte »Sträuße«

ZWEI PORTIONEN TAFELSPITZ

Die Stürgkhs und die Adlers

EINE SCHRECKLICH UN-NETTE FAMILIE

Die Vorfahren der Romy Schneider

»DIE WILDE BRUT«

Alltag in Maria Theresias Großfamilie

REICH WIE ROTHSCHILD

Eine Bankiersdynastie und ihr Wiener Zweig

»GOTT SEI DANK KEINE KLAVIERFÜSS«

Das Haus Bösendorfer und seine Instrumente

»ÄHNLICH GELIEBT WIE CASANOVA«

Metternich, Eros und Politik

SOHN ODER DOPPELGÄNGER?

Der Kokoschka-Krimi

KEIN VERKANNTES GENIE

Auer von Welsbach, Vater und Sohn

»MAN HÄTTE EINANDER NICHT FINDEN SOLLEN«

Schnitzlers privates Familiendrama

DIE RITTER VON LAUDA

Blaues Blut unterm roten Kapperl

»DAS GESINDEL GEDEIHT PRÄCHTIG«

Sigmund Freud und seine Familie

»WAS NIMMST DU FÜR EINEN KÜNSTLERNAMEN

Die Hörbiger-Dynastie

»ICH BIN KEIN GENERALDIREKTOR«

Die Mautner Markhofs

LIEBESGESCHICHTEN UND HEIRATSSACHEN

Nestroys familiäre Probleme

WER WAR DIE TANTE JOLESCH?

Eine Spurensuche

»SIE DÜRFEN NICHT WISSEN, WOHER ICH KOMME«

Familie Hitler

»DARF ICH UM DIE HAND IHRER GATTIN BITTEN

Julius Meinl I. bis V.

»ALMA WAR GANZ ANDERS«

Ein Besuch bei Gustav Mahlers Enkelin

ZUSAMMENGERAUFT

Die Theaterdynastie Thimig-Reinhardt

Quellenverzeichnis

FAMILIÄRE SPURENSUCHE

Vorwort

Johann Strauß hätte nicht der Walzerkönig werden können, wäre er nicht genau in diese eine Familie hineingeboren worden. Vom Vater mit musikalischem Genie versehen, bekam er von der Mutter andere Eigenschaften, die um nichts weniger wichtig waren, um seine Persönlichkeit reifen zu lassen. Und dann gab es noch die Groß- und Urgroßeltern, alle mit speziellen Talenten und Charaktereigenschaften versehen.

Ich begab mich auf Spurensuche, ging der Entstehung österreichischer Familien nach, die Geschichte schrieben und deren Schicksale weit über ihr Privatleben hinausreichen. Nehmen wir die Familie Schnitzler. So manches von dem, das die Figuren des Dichters auf der Bühne erzählen, hat er selbst erlebt. In seinen Beziehungen, aber auch in den Qualen seiner Ehe, in der Tragödie seiner Tochter.

In einigen Kapiteln wird ein Phänomen geschildert, das es heute praktisch nicht mehr gibt. Die Großfamilie. Maria Theresia scheint mit sechzehn Kindern rekordverdächtigt, wird jedoch von ihrer Tochter Maria Karolina mit achtzehn und dem Gründer des Bankhauses Rothschild und seiner Frau mit zwanzig Kindern übertroffen. Noch an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte ein Ehepaar durchschnittlich vier bis fünf Kinder, von denen allerdings nur drei überlebten.

Zeigt das Maria-Theresia-Kapitel den Alltag einer Großfamilie auf, deren Oberhaupt nebenbei noch ein Riesenreich zu regieren hatte, so wird bei der Wiener Linie der Rothschilds die Geschichte einer jüdischen Dynastie erzählt, der in ihren Anfängen der Besitz von Grund und Boden untersagt war, die später aber zu den größten und reichsten Gutsherren der Monarchie zählte. Bei ihrer Vertreibung aus Österreich im Jahre 1938 befanden sich die Rothschilds dann wieder dort, wo sie am Anfang gestanden hatten: Jeglicher Besitz wurde ihnen von den Nationalsozialisten geraubt.

Unter den bedeutenden Industriellen- und Kaufmannsfamilien begegnet man in diesem Buch auch den Porsches, den Meinls, den Mautner Markhofs. Und den Laudas, von denen man bislang wenig wusste, da der Formel-1-Weltmeister kaum je über seine Vorfahren sprach.

Im Kapitel »Zwei Portionen Tafelspitz« geht es um zwei Familien, die unterschiedlicher nicht hätten sein können: Die Grafen Stürgkh waren kaisertreue Aristokraten, die Adlers sozialistischer Uradel. Am 21. Oktober 1916 erschoss Friedrich Adler den k. u. k. Ministerpräsidenten Karl Stürgkh beim Mittagessen. Von diesem Tag an sind die Geschichten der beiden Familien schicksalhaft miteinander verbunden.

Frauen spielen eine scheinbar untergeordnete Rolle. Die Großen, die Berühmten waren fast immer die Männer, ihre Gemahlinnen für Haus und Kindererziehung zuständig. Von Martha Freud, der sechsfachen Mutter und Frau des Vaters der Psychoanalyse, ist der Satz überliefert: »Die Psychoanalyse hört an der Tür des Kinderzimmers auf« – soll heißen: Was der Papa so erforscht, das mag ja ganz interessant sein, hat in unserem Privatleben aber nichts zu suchen.

Und doch beweist dieses Buch, dass die familiäre Rolle der oft »hinter den Herd« verbannten Frauen um nichts weniger bedeutsam ist, als die der im Rampenlicht stehenden Männer. Sie haben ihre Kinder großgezogen und zu dem gemacht, was sie wurden. Apropos Frauen: In kaum einer Strauß-Biografie wird erwähnt, dass die drei berühmten Brüder auch zwei gar nicht berühmte Schwestern hatten. Auch sie sollten die Strauß-Kapelle dirigieren, scheiterten jedoch an diesem Plan – die Welt war eben noch nicht soweit.

In jedem Schicksal des 20. Jahrhunderts spielt ein Name eine beklemmende Rolle. Es gibt kaum eine Familie, die nicht durch Adolf Hitler ins Unglück gestürzt wurde, sei es, dass deren Mitglieder aus »rassischen« oder politischen Gründen verfolgt, sei es, dass Väter und Söhne in den Krieg gehetzt wurden. Ich bin auch der Geschichte von Hitlers Ahnen nachgegangen, die sich ganz anders darstellt, als sie durch die NS-Propaganda konstruiert wurde und heute noch verfälscht in mancher Biografie des »Führers« zu finden ist.

Zwei familiäre Beziehungen haben schon im Vorfeld dieses Buches Aufsehen erregt. Die der 1921 in der Hinterbrühl bei Wien geborenen Lisa Lanett, die offen über ein Kapitel ihres Lebens spricht, das sie jahrzehntelang für sich behielt: Über ihre Affäre mit Amerikas legendärem Präsidenten John F. Kennedy. Sowohl sie als auch der aus dieser Beziehung stammende Sohn Tony Bohler vertrauten mir ihre außergewöhnliche Geschichte an, deren Spuren ich zwischen Österreich, Mexiko und den USA weiterverfolgte.

Auch der Maler Oskar Kokoschka hat uns möglicherweise einen Sohn hinterlassen, von dem bisher niemand wusste: In New York lebt der Filmregisseur und Oscarpreisträger Peter Foges, der Kokoschkas Doppelgänger sein könnte. Eine zufällige Ähnlichkeit käme jedoch einem Wunder gleich, da Peter Foges’ Mutter und Kokoschka miteinander befreundet waren.

Die Liebe spielt in allen Familienkonstellationen eine wichtige Rolle, in manchen aber eine noch wichtigere: Vom Staatskanzler Metternich weiß man, dass er neben seinen drei Ehefrauen Dutzende Geliebte hatte. Ein Rätsel bleibt, wie er Familienleben, zarte Bande und einen Fünfzehn-Stunden-Arbeitstag unter einen Hut brachte – und das über mehrere Jahrzehnte. Ein großer Frauenfreund war auch Österreichs Nationaldichter Johann Nestroy, der zur Finanzierung seiner Amouren ein eigenes System geschaffen hatte: Ein Teil seiner Honorare ging an die »offizielle Geliebte« Marie Weiler, den Rest streifte er selbst ein, um sein aufwendiges Doppelleben finanzieren zu können.

Aus der jüngeren Zeit werden die Schicksale dreier Schauspieler-Dynastien geschildert: Die der Hörbigers, der Thimigs und der Familie Albach-Retty. Die Albach-Rettys sind heute in der sechsten Generation beim Theater, und vielleicht kann man den ebenso beeindruckenden wie tragischen Lebensweg der Romy Schneider ein wenig besser verstehen, wenn man die biografischen Details ihrer Ahnen kennt.

Sehr viele Familiengeschichten, auch aus längst vergangenen Zeiten, lassen sich bis ins Heute nachvollziehen. So konnte ich noch Angehörige der Familien Nestroy und Strauß treffen, aber auch eine Enkelin von Gustav und Alma Mahler und die Schwiegertochter Arthur Schnitzlers. Sie alle und viele andere Nachfahren hatten Interessantes, Dramatisches und Amüsantes aus den familiären Überlieferungen ihrer berühmten Ahnen zu erzählen.

In die eine Familie wird man hineingeboren, die andere gründet man. Liebe, Streit, Hass, Intrigen, Heiteres und Tragisches, manchmal sogar Mord und Totschlag – all das gab es innerhalb der hier beschriebenen Familien. Genügend Themen jedenfalls für ein Buch. Ich wünsche spannende Unterhaltung.

GEORG MARKUS
Wien, im August 2010

Danksagung

In vielen Fällen hatte ich Gelegenheit, die jeweiligen Familiengeschichten aus erster Hand zu erfahren, so durch Lisa Lanett und Tony Bohler; Roman Kokoschka und Peter Foges; Elisabeth und Niki Lauda; Alma Zsolnay; Rosa Albach-Retty; Ernest Freud; Manfred Mautner Markhof sen. und jun., Julius Meinl IV.; Paula Wessely, Attila und Paul Hörbiger, Christiane und Maresa Hörbiger, Monica Tramitz; Othmar Nestroy; Lilly und Michael Schnitzler; Eduard Strauss; Desirée Treichl-Stürgkh, Ladislaja Seyfferitz; Hermann und Hans Thimig, Vilma Degischer sowie Michael Heltau.

Darüber hinaus gilt mein Dank folgenden Personen: Verena Fischer, Kathy Alberts/Museum The Kennedys, Berlin; Gabriele Fischer/Medizinische Universität Wien; Roland Adunka/Auer von Welsbach Museum Treibach-Althofen; Iris Fink/Österreichisches Kabarettarchiv; Gabriele Hassler (Alma Zsolnay); Michael Hubenstorf/Institut der Geschichte der Medizin (Ernst Lauda); Marina Watteck (Familien Kokoschka und Foges); Gottfried Riedl (Familie Nestroy); Judith Pór-Kalbeck (Familie Jolesch); Jens Torner, Dieter Landenberger, Yvonne Knotek (Familie Porsche); Christine Karner, Susanne Schoberberger und Stefan Raynova-Lintl/Kurier; weiters Dietmar Schmitz sowie Carina Kerschbaumsteiner und Victoria Bauernberger vom Amalthea Verlag.

Aus diesen Familienarchiven wurden mir freundlicherweise wichtige Dokumente und Materialien zur Verfügung gestellt: Auer Welsbach, Bösendorfer, Freud, Hörbiger, Kokoschka, Lauda, Mautner Markhof, Nestroy, Porsche, Schnitzler, Strauss, Stürgkh, Thimig-Reinhardt.

KENNEDY & KAISERHAUS

Eine ungewöhnliche Familiengeschichte

Eines Tages läutet mein Telefon. Die Anruferin teilt mir mit, dass in den nächsten Tagen eine alte Dame nach Wien käme, die ich unbedingt treffen müsse, weil sie eine hochinteressante Familiengeschichte zu erzählen hätte.

Nun treffe ich immer wieder alte Damen, die mir hochinteressante Familiengeschichten erzählen, wobei sie einmal mehr und einmal weniger hochinteressant sind. Diese Familiengeschichte sollte sich allerdings in der Tat als außergewöhnlich erweisen. Bringt sie doch eine Verbindung zwischen den Häusern Habsburg und Kennedy zustande. Aber davon hatte ich vorerst noch keine Ahnung.

Die Anruferin erklärte, dass die Freundin mit der hochinteressanten Familiengeschichte Lisa Lanett heiße und als gebürtige Österreicherin seit vielen Jahren in den USA lebe. Ich gab mich zurückhaltend, auch als die Dame am Telefon sagte, dass Lisas Großvater ein echter Erzherzog gewesen sei – schließlich gibt es immer wieder solche Fälle, weil eine nicht unerhebliche Anzahl von Angehörigen des ehemaligen Kaiserhauses illegitime Kinder in die Welt gesetzt hat, deren Enkel und Urenkel nach und nach ihre Geschichten erzählen wollen.

Ich kann beim besten Willen nicht alle Leute treffen, die über hochinteressante Familiengeschichten verfügen, ich schaff es einfach nicht. Vielleicht war’s Zufall, vielleicht Intuition – Glück war’s auf jeden Fall. Denn ich sagte zu und traf die Anruferin ein paar Tage später in Begleitung ihrer mittlerweile in Wien eingetroffenen Freundin Lisa Lanett im Café Diglas auf der Wollzeile.

Mrs. Lanett war damals 87 Jahre alt, in sehr guter Verfassung und immer noch berufstätig. Sie lebt in San Antonio im US-Bundesstaat Texas, wo sie trotz ihres hohen Alters ein kleines Immobilienbüro betreibt. Sie hat ein aufregendes Leben hinter sich, war Fotomodell, Tänzerin, Schauspielerin, eine wunderschöne Frau – und sechs Mal verheiratet. Aber das große Geheimnis ihres Lebens hatte sie bisher für sich behalten. Es betrifft ihren Sohn Tony, heute 65 Jahre alt.

»Also, Mrs. Lanett«, sagte ich, nicht ahnend, was da auf mich zukommen würde, »erzählen Sie mir Ihre Geschichte.«

Und sie erzählte: Dass sie am 7. August 1921 als Elisabeth Hortenau in der Hinterbrühl bei Wien zur Welt gekommen, dass ihr Vater Alfred von Hortenau ein unehelicher Sohn der Hofoperntänzerin Marie Schleinzer und des berühmt-berüchtigten Lebemannes Erzherzog Otto gewesen sei.

Nun ist in der Geschichtsschreibung der Familie Habsburg hinlänglich bekannt, dass »der schöne Otto«, wie man ihn in der Monarchie nannte, als Schürzenjäger verschrien war. Man weiß auch von seiner Liaison mit der Tänzerin Marie Schleinzer, der zwei Kinder entsprangen. Lisa Lanetts Herkunft als Enkelin der Marie Schleinzer ist nachweisbar, die Beziehung des Erzherzogs mit der Solotänzerin vielfach dokumentiert und unbestritten. Das also war die Geschichte, die Lisa Lanett mir erzählen wollte. Der Name John F. Kennedy war bis dahin nicht gefallen.

Ob sie selbst auch Kinder hätte, fragte ich Frau Lanett.

»Ja, einen Sohn«, antwortete sie.

»Und welcher Ihrer sechs Männer ist der Vater?«, wollte ich noch – eher aus Höflichkeit denn aus ehrlicher Neugierde – wissen.

»Keiner von ihnen.«

»Wer sonst?«, staunte ich.

Frau Lanett wandte sich nun ihrer Freundin Verena Fischer zu, der seinerzeitigen Anruferin, und fragte sie: »Soll ich’s ihm sagen?«

»Ja«, nickte Frau Fischer, »sag’s ihm.«

»Der Vater meines Sohnes ist John F. Kennedy.«

In diesem Moment drohte ich an einem Stück Kuchen zu ersticken, den ich an dem kleinen Kaffeehaustisch zu mir nahm. »Wie bitte? Wer ist der Vater Ihres Sohnes?«

»Präsident Kennedy.«

Ich sah sie ungläubig an und ließ Lisa Lanett weiterreden. Sie ist in Wien, Abbazia, Mailand, Paris, London und Salzburg aufgewachsen. Als Hitler 1938 in Österreich einmarschierte, war sie siebzehn und besuchte gerade eine Schauspielschule in Rom. Gemeinsam mit ihrer Mutter beschloss sie, nicht nach Wien zurückzukehren, sondern in die USA zu reisen. Nach ihrer ersten kurzen Ehe ging Lisa mit ihrer Mutter nach Phoenix, der Hauptstadt von Arizona, wo sie mit dem bisschen Geld, das sie aus Europa mitnehmen konnten, ein kleines Motel, das Monterey Lodge, eröffneten.

Dort wurden während des Krieges amerikanische Offiziere und Soldaten einquartiert. »Einer von ihnen hieß John F. Kennedy«, erzählte Lisa. »Er war auf dem Weg nach Florida und blieb für ein paar Tage bei uns im Monterey Lodge

Wir schreiben das Jahr 1942. Der gutaussehende Millionärssohn ist 25 Jahre alt, die bildschöne Lisa vier Jahre jünger. »Wir verliebten uns, und ehe er weiterzog, lud er mich ein, ihn in Miami zu besuchen. Danach verbrachten wir ein Wochenende in Kuba und waren dann einige Zeit in New York. Das ging drei Jahre so, bis ich im Frühjahr 1945 feststellte, dass ich schwanger war. Ich fuhr zu ›Jack‹ und teilte es ihm mit. Er bot mir daraufhin an, mich zu heiraten.«

»Jack«, wie Kennedy von Freunden gerufen wurde, gehörte einer damals schon sehr prominenten Familie an, war aber natürlich noch lange nicht der Kennedy. »Ich hatte bis dahin ein wunderbares, freies Leben geführt«, fuhr Lisa Lanett an jenem Nachmittag im Café Diglas fort, »und dieses freie Leben wollte ich nach meiner ersten Scheidung, die ich bereits hinter mir hatte, auch nicht aufgeben. Deshalb kam eine Ehe für mich zu dieser Zeit nicht infrage. Ich muss auch sagen, dass ›Jack‹ nicht unbedingt die große Liebe meines Lebens war. Wir waren jung, und er hat mir gefallen, weil er fesch war. Und umgekehrt war’s wohl ebenso. Dass mehr daraus wurde als ein Gspusi, wie man in Wien sagt, liegt nur daran, dass ich 1945 unseren Sohn Tony zur Welt brachte. Kennedy ist damals aus allen Wolken gefallen und hat wohl auch nur im ersten Schock gemeint, dass wir heiraten sollten.«

Und doch blieben Lisa und »Jack« auch nach dem 29. September 1945, dem Tag an dem Tony zur Welt kam, in Kontakt. Auch noch nach 1953, als »JFK« Jacqueline Bouvier, Amerikas spätere First Lady, heiratete. »Wir trafen uns immer wieder, auch als seine politische Karriere begann und er Senator in Massachusetts wurde. ›Jack‹ kam für die Kosten der Peekskill Militärakademie bei New York auf, die unser Sohn Tony besuchte.«

Das war Lisa Lanetts Erzählung während unseres ersten Treffens in einem Kaffeehaus in der Wiener Innenstadt. Ich verabschiedete mich, glücklich eine so aufregende Geschichte erfahren zu haben, und beschloss ihr auf den Grund zu gehen.

Als erstes nahm ich Kontakt mit ihrem Sohn Tony auf. Antonio Bohler lebt in der kalifornischen Stadt Fairfield, er ist mittelgroß, hat graue Haare, einen dichten Bart und ist als kaufmännischer Angestellter bereits in Pension. Seine Ehe mit einer gebürtigen Sizilianerin, der die Söhne Richard und Michael entsprangen, ist geschieden.

Tony Bohler sprach gleich ganz offen mit mir. »Als ich jung war, sagte mir meine Mutter, dass ihr erster Mann, Juan del Puerto, mein Vater sei. Eine Zeitlang habe ich das geglaubt, aber irgendwann begann ich daran zu zweifeln. Denn Juan war Mexikaner und sah auch sehr mexikanisch aus. Ich aber gar nicht. Als ich etwa dreißig war und sie meine Zweifel bemerkte, gestand sie mir, dass mein tatsächlicher Vater ein anderer sei. Ich fragte sie nach seinem Namen. Und sie sagte John F. Kennedy.«

Und dann erzählte sie ihrem Sohn, wie sie den späteren US-Präsidenten kennen gelernt und sich in ihn verliebt hätte.

Tony Bohler war, wie er mir berichtete, zunächst fassungslos. »Ich bin mit Mutters Geschichten von österreichischen Erzherzögen aufgewachsen, die ich in meiner Kindheit alle nicht recht glauben konnte, aber heute weiß ich, dass sie stimmen. Also vielleicht stimmt auch die Geschichte mit Kennedy. Bitte, sie war eine wunderschöne Frau, es würde mich nicht wundern.«

Tony heißt übrigens Bohler, weil er als Kind von Lisa Lanetts Mutter Charlotte adoptiert wurde, die in zweiter Ehe mit dem österreichischen Industriellen Richard Böhler verheiratet war. In den USA wurde der Name Böhler dann auf Bohler geändert.

Einen Beweis für Kennedys Vaterschaft konnte Lisa ihrem Sohn nicht liefern. Als der Präsident der Vereinigten Staaten 1963 in Dallas ermordet wurde, war Tony achtzehn Jahre alt. Es gab damals noch keine DNA-Analysen, mit deren Hilfe verwandtschaftliche Beziehungen festgestellt werden können. Lisa hat auch zu Kennedys Lebzeiten nie einen Vaterschaftstest beansprucht. Es gibt also keine Beweise.

Jedoch eine nicht unerhebliche Kette von Indizien, die belegen, dass Lisas Geschichte stimmen kann:

Erstens haben sich alle nachweisbaren Details der von ihr geschilderten Familienchronik in meinen Recherchen als korrekt erwiesen.

Zweitens handelt es sich bei ihren Erinnerungen zweifelsfrei nicht um die Fantasien einer alten Frau, die mit weit über achtzig Jahren ihre Lebensgeschichte neu erfunden hat. Das ist schon deshalb nicht möglich, weil sie ihrem Sohn bereits dreißig Jahre zuvor erzählt hatte, dass John F. Kennedy sein Vater sei.

Weitere Hinweise finden sich in Wien:

Die Arztwitwe Verena Fischer, die mir Lisa Lanett vorgestellt hat, kennt sie seit mehr als zwanzig Jahren: »Etwa im Jahre 2005 sahen wir uns gemeinsam Bilder aus ihrer Familie an, und bei dieser Gelegenheit hat sie mir zum ersten Mal erzählt, dass Kennedy der Vater ihres Sohnes ist. Ich kenne sie sehr gut und habe keinen Zweifel an dem, was sie sagt. Ich glaube zu hundert Prozent, dass es stimmt.«

Der Wiener Rechtsanwalt Professor Nikolaus Lehner vertrat Lisa Lanett in den 1990er-Jahren in einer Erbschaftsangelegenheit. »Sie erzählte mir schon damals plausibel und glaubwürdig davon, dass Präsident John F. Kennedy der Vater ihres Sohnes sei«, erinnert sich Lehner. »Ich habe, da ich als Anwalt an die Verschwiegenheitspflicht gebunden bin, natürlich nie darüber gesprochen.«

Um Lisa Lanetts Geschichte weiter zu verfolgen, versuchte ich herauszufinden, ob John F. Kennedy in der fraglichen Zeit überhaupt in Phoenix in der Nähe des damaligen Wohnsitzes der gebürtigen Österreicherin gewesen sein konnte. Die Stationen seines Lebens sind angesichts seiner historischen Bedeutung als 35. Präsident der Vereinigten Staaten penibel dokumentiert: in der John F. Kennedy Library in Boston ebenso wie im Berliner Kennedy Museum, in seiner umfangreichen Korrespondenz wie in Dutzenden Biografien.

John F. Kennedy war seit 1941 Mitglied der US-Armee und wechselte nach dem Angriff auf Pearl Harbor zur Marine über. Tatsächlich befand er sich zur Jahreswende 1942/43, wie von Lisa behauptet, auf dem Weg nach Florida, genau genommen nach Jacksonville, einer am Atlantischen Ozean gelegenen Stadt, in der er auf weitere Befehle warten sollte. In Joan und Clay Blairs Biografie The Search for J.F.K., die sich im Besonderen mit den Kriegsjahren des späteren Präsidenten beschäftigt, ist sein Leben in dieser Zeit minuziös dokumentiert. Interessanterweise fehlen – so schreiben die Autoren – in sämtlichen Aufzeichnungen am Beginn des Jahres 1943 dreizehn Tage. Dreizehn Tage, von denen niemand weiß, wo Kennedy sich aufhielt, und über denen ein geheimnisvoller Schleier des Schweigens liegt. Verbrachte »Jack« diese Zeit im Monterey Lodge?

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass im März 1942, wenige Monate ehe seine Beziehung mit Lisa begonnen haben soll, Kennedys erste große Liebe auf dramatische Weise zu Ende gegangen war: »Jack« hatte als blutjunger Armeeangehöriger ein Verhältnis mit der verheirateten Journalistin Inga Arvad. Was er nicht wissen konnte, war, dass die gebürtige Dänin unter ständiger Beobachtung des FBI stand, da sie während der Zeit ihrer journalistischen Tätigkeit in Berlin in Nazikreisen, auch mit Hitler und Göring, verkehrt haben soll. Kaum in die USA eingereist, stand sie unter Spionageverdacht. Als »Jacks« Vater, Joseph Kennedy, davon erfuhr, untersagte er seinem Sohn jeden weiteren Kontakt mit der schönen Inga, da diese seiner weiteren Karriere, egal ob bei der Marine oder im Staatsdienst, im Wege gestanden wäre.

John F. Kennedy hatte mittlerweile erfolgreich die Marineoffiziersschule absolviert und wurde als Kommandant des Schnellbootes PT 109 in den Pazifik entsandt. Als das Kriegsschiff am 2. August 1943 von einem japanischen Zerstörer gerammt wurde, erlitt er schwere Verletzungen, die seine ihn seit Jugendtagen plagenden Rückenschmerzen erheblich verschlimmerten. Ende November 1944 wurde Lieutenant Kennedy deshalb nach zwei Operationen, die sein Leiden nicht lindern konnten, für »dauerhaft dienstuntauglich« erklärt.

Und damit gelangen wir in die Zeit, in der Lisa Lanett den späteren US-Präsidenten – so ihre Geschichte stimmen sollte – getroffen haben muss, da sie nun schwanger wurde. Es gibt mehrere Hinweise darauf, dass Kennedy und Lisa einander in der »fraglichen Zeit« gesehen haben können. So schreibt JFK im Herbst 1944 an Paul B. Fay* aus dem Marinespital in Chelsea: »Von hier werde ich zu Weihnachten nach Hause fahren und dann ungefähr ein Jahr in Arizona bleiben, um wieder eine gute Kondition zu bekommen.«

Kennedy ist kein ganzes Jahr geblieben, wie er es vorhatte, hielt sich aber mehrere Monate in Arizona auf, wo auch Lisa Lanett lebte. Laut Robert Dalleks Kennedy-Biografie Ein unvollendetes Leben verbrachte er den Winter 1944/45 zur Rekonvaleszenz in einem Vorort von Phoenix/Arizona – und zwar in der für ihre heilenden Quellen berühmten Kuranstalt Castle Hot Springs. Dort wurde er mehrmals von seinem behandelnden Arzt Frank Lahey besucht, der Joseph Kennedy schriftlich über den jeweiligen Zustand seines Sohnes informierte.

Mit anderen Worten: John F. Kennedy war nachweislich zu dem Zeitpunkt in der Stadt, in der er Lisa Lanett rund drei Jahre zuvor kennen gelernt hatte, in der sie nach wie vor lebte und in der sie neun Monate später ihren Sohn Tony zur Welt brachte.

Das ist natürlich noch immer kein Beweis für John F. Kennedys Vaterschaft, aber ein weiteres Indiz dafür, dass Lisa Lanett jedenfalls keine Märchenerzählerin ist.

Bei unserer zweiten Begegnung, diesmal in der Wohnung ihrer Freundin Verena Fischer, ging Mrs. Lanett auf ihre Verbindung zum österreichischen Kaiserhaus ein. »Meine Großmutter Marie Schleinzer war eine berühmte Tänzerin«, setzte Lisa die Erzählung aus ihrem Leben fort. »Eines Abends bemerkte sie nach der Vorstellung, dass ihr ein eleganter Herr von der Oper bis zur Straßenbahnstation gefolgt war. Er stieg in denselben Tramwaywagen ein und sprach sie an. Der Mann hatte sie während der Aufführung im Opernhaus beobachtet und an ihr Gefallen gefunden.«

Der elegante Herr war Erzherzog Otto, eine der schillerndsten Figuren des österreichischen Kaiserhauses:

Er war der Neffe Kaiser Franz Josephs,

der jüngere Bruder des 1914 in Sarajewo ermordeten Thronfolgers Franz Ferdinand,

der Vater des späteren Kaisers Karl und

der Großvater Otto von Habsburgs.

Die Beziehung zwischen Erzherzog Otto und Marie Schleinzer dauerte von 1891 bis zu seinem Tod im Jahre 1906. Damit erlebte die Tänzerin an seiner Seite die wohl aufregendsten Jahre im Leben des Habsburgers, da dieser 1896 – sieben Jahre nach dem Tod Kronprinz Rudolfs und unmittelbar nach dem Tod seines Vaters Karl Ludwig – an die zweite Stelle der Thronfolge rückte. Besonders dramatisch wurde die Situation, als sein älterer Bruder Franz Ferdinand an einer lebensbedrohlichen Tuberkulose erkrankte und man Otto schon als künftigen Kaiser sah, was in der Monarchie angesichts seines ausschweifenden Lebenswandels für gehörige Unruhe sorgte.

»Aus der Beziehung meiner Großmutter mit dem Erzherzog gingen mein Vater und dessen Schwester Hildegard hervor, die vom Erzherzog beide offiziell als seine Kinder anerkannt wurden.«

Marie Schleinzer war eine von vielen Affären des Erzherzogs, eine weitere hatte er mit der Schauspielerin Louise Robinson. Und verheiratet war er natürlich auch – und zwar mit der sächsischen Königstochter Maria Josepha, die er ständig mit seinen außerehelichen Skandalen brüskierte. Zur berühmtesten Eskapade kam es in einem Séparée des Hotel Sacher, das er fluchtartig verließ, als ihn ein eifersüchtiger Ehemann in den Armen seiner Frau ertappte. Das Pikante an der Szene war, dass Otto beim Verlassen des Hotels nur mit einem Säbel »bekleidet«, ansonsten aber splitternackt gewesen ist. Der »Auftritt« des Erzherzogs machte noch am selben Abend in Wien die Runde.

Offiziell wohnte Otto mit seiner Frau und seinen beiden ehelichen Söhnen – unter ihnen der spätere Kaiser Karl – im Augartenpalais, tatsächlich aber mit Marie Schleinzer und den unehelichen Kindern Alfred und Hildegard in einer Villa in der Anton-Frank-Gasse in Wien-Währing.

Marie Schleinzer hat im Übrigen den Beweis erbracht, dass sie mehr als eine Mätresse war: Sie pflegte den Erzherzog in seinen letzten Lebensjahren aufopfernd, ehe er im November 1906 qualvoll an den Folgen seiner Syphiliserkrankung zugrunde ging.

Dabei hatte die Tänzerin noch zu Ottos Lebzeiten den angesehenen, in Abbazia ordinierenden Kurarzt Julius Hortenau geheiratet, der später von Kaiser Franz Joseph in den erblichen Adelsstand erhoben wurde. Derartige »Vorgänge« waren durchaus üblich, um den Konkubinen des Kaiserhauses und ihren Nachkommen eine gutbürgerliche Existenz zu ermöglichen. Den Namen »von Hortenau« nahmen dann auch Ottos und Marie Schleinzers Kinder an.

Stammbaum
(Auszug)

 

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Lisa Lanett hat ihre Großmutter Marie Schleinzer noch in guter Erinnerung, »schon weil ich nach der Scheidung meiner Eltern bei ihr aufwuchs. Sie kannte Gott und die Welt, und als ich zwölf war, besuchten wir gemeinsam ihre Freundin Katharina Schratt in deren Villa in der Gloriettegasse, wo sie uns eine Jause mit Guglhupf servierte, genau wie früher dem Kaiser, wie sie uns sagte.«

Lisas Vater Alfred von Hortenau »führte ein ähnlich unstetes Leben wie sein Vater, Erzherzog Otto. Er hat sein ganzes Geld auf dem Spieltisch verloren und soll sogar mein Gitterbett verspielt haben. Wie der Erzherzog hatte auch er zahllose Affären. Die Ehe meiner Eltern wurde geschieden, als ich zwei Jahre alt war, danach war er zwei weitere Male verheiratet.«

Kaum hatte ich Lisa Lanetts Aussage, dass John F. Kennedy der Vater ihres Sohnes war, in meiner Kolumne im Kurier am 22. März 2009 veröffentlicht, berichteten Medien aus aller Herren Länder darüber: amerikanische Blätter und Fernsehstationen ebenso wie die Süddeutsche Zeitung, der Daily Telegraph, The Sun, Le Soir, La Repubblica und Le Figaro, ja sogar eine chinesische Zeitung vermeldete das Auftauchen von »John F. Kennedy’s Austrian Son«. Während der Name Lisa Lanett vor Erscheinen meines Artikels in der Internet-Suchmaschine Google kein einziges Mal aufschien, findet er sich danach in rund 40 000 Einträgen.

Jetzt einmal abgesehen von ihren Verbindungen zu den Häusern Kennedy und Habsburg, hat Lisa Lanett auch sonst ein spannendes Leben hinter sich. Der erste ihrer sechs Ehemänner war Mexikaner, der letzte hieß Joe Lanett und fand ein tragisches Ende: »Er wurde am 4. März 1974 in einer Bar in der kalifornischen Stadt Sacramento erschossen. Er saß dort zufällig als Gast, als eine Schießerei losging, mit der er absolut nichts zu tun hatte.«

In Mexiko hat Lisa Lanett als Schauspielerin unter dem Namen Isabel del Puerto zwölf Spielfilme gedreht, ohne eine große Karriere zu schaffen. Und doch: Ihre betörende Schönheit und ihr Sexappeal waren wohl der Grund, dass der Frauenheld Kennedy bei ihr Feuer fing. Er hatte ein Faible für Schauspielerinnen und solche, die es werden wollten – wobei die anderen wesentlich berühmter waren als Lisa. Sie hießen Sophia Loren, Zsa Zsa Gabor, Lee Remick, Marilyn Monroe …

Dass Kennedy keine Schauspielerin, sondern Jacqueline Bouvier heiratete, lag wohl auch daran, dass sich in den Fünfzigerjahren sein politischer Höhenflug abzuzeichnen begann und »Jackie« aus einer erstklassigen Familie stammte. »Sie war die ideale Frau für ihn«, sagt Lisa Lanett, »ich wäre als seine Frau ungeeignet gewesen, ich war ein bunter Vogel und hätte ein Leben am Rande der Politik nicht ertragen. Abgesehen davon hätte er nie Präsident werden können, wenn bekannt geworden wäre, dass wir ein uneheliches Kind haben. Daher haben wir unsere Affäre immer privat gehalten. Dass ich mit Ihnen darüber spreche, ergab sich nur, weil ich über meine Beziehungen zur Familie Habsburg reden wollte.«

Einen Nachweis für John F. Kennedys Vaterschaft gibt es bis zum heutigen Tag nicht, zumal kein Mitglied der First Family in den USA bereit ist, sich einem DNA-Test zu stellen.

Eigentlich schade. Käme es bei einer solchen Analyse zu einem positiven Ergebnis, wäre dieses wohl auch mit einer kleinen genealogischen Sensation verbunden.

Dann wären nämlich die Habsburger mit den Kennedys verwandt.

* Paul B. Fay (1918–2009) war ein enger Freund Kennedys und wurde von diesem nach seiner Wahl zum US-Präsidenten als Marine-Staatssekretär in die Regierung geholt.

»AUCH SEIN BETT SOLLTE
RÄDER HABEN«

Vom Entstehen des Porsche-Clans

Autos galten in jenen Tagen als übelriechende Ungeheuer, vor denen die Menschen mehr Angst als Respekt hatten und an deren Zukunft kaum jemand glauben wollte. »Wird aa wieder abkommen«, murrten die Dorfbewohner, wenn so ein stinkendes Gefährt unter enormer Lärm- und Staubentwicklung die Landstraße hinaufzuckelte.

In Maffersdorf freilich, einem Vorort der sehr früh vom industriellen Zeitalter erfassten Stadt Reichenberg in Böhmen, gab es einen kleinen Buben, der sich nicht satt sehen konnte an den sonst so misstrauisch beobachteten Kraftfahrzeugen. Sie übten eine Faszination auf ihn aus, und er träumte von nichts anderem, als selbst einmal so einen Wagen fahren – oder gar bauen zu können.

Da er mit vierzehn noch keine Autos chauffieren, geschweige denn konstruieren konnte, tröstete sich Ferdinand Porsche vorerst mit einer anderen technischen Spielerei, der die Menschen damals ähnlich skeptisch gegenüberstanden. Mit der Elektrizität. Und so brachte er auf dem Dachboden seines Elternhauses durch eine Batterie kleine Lämpchen zum Glühen. Mit unheilvollem Ausgang, denn als ihn sein als cholerisch verschriener Vater bei der Herstellung einer solchen Lichtquelle ertappte, zertrampelte er den »Firlefanz«, nannte seinen Sohn einen elenden Nichtsnutz und untersagte ihm jedwedes weitere Experiment.

Ferdinand Porsche nahm diese Anordnung nicht besonders ernst, er setzte seine Experimente fort – und das für den Rest seines Lebens. Der Grund für die unbarmherzige Reaktion des Vaters Anton Porsche war sein Wunsch, dass der 1875 geborene Ferdinand das Spenglerhandwerk erlernen und später einmal seinen Betrieb übernehmen würde, statt unsinnige Flausen wie Autos und elektrisches Licht im Kopf zu haben, die ohnehin keine Zukunft hätten. Hinter der strengen Forderung des Vaters stand eine Familientragödie: Ferdinands für die Übernahme der Spenglerei ursprünglich vorgesehener älterer Bruder war bei einem Unfall in der familieneigenen Werkstatt ums Leben gekommen, weshalb nun der Zweitgeborene verpflichtet wurde, eine Spenglerlehre zu absolvieren.

Kaum hatte sein Vater jedoch ein paar Tage außerhalb von Maffersdorf zu tun, wurden sie von Ferdinand genützt, um im ganzen Haus heimlich elektrischen Strom zu installieren. Als er heimkam, verfügten Wohnung und Werkstatt nicht nur über eine Klingel, sondern auch über elektrisches Licht. Das war der Moment, in dem Anton Porsche erkannte, dass der Bub für das »möglicherweise doch« anbrechende technische Zeitalter wie geschaffen – und für den Familienbetrieb verloren war. Und er ließ ihn schweren Herzens aus der Spenglerei ziehen, in der nun sein dritter Sohn Oskar ausgebildet wurde.

Ferdinand Porsche ging in die Haupt- und Residenzstadt, mietete sich in einem kleinen Zimmer nahe der Matzleinsdorfer Kirche ein und wurde Praktikant der Vereinigten Elektrizitäts-AG, aus der später die Brown Boveri Werke hervorgingen. Béla Egger, der Chef des Unternehmens, zählte zu den technischen Pionieren der Gründerzeit und hatte sich auf die Elektrifizierung von Eisenbahnen, Fabriken sowie die Errichtung von Kraftwerksanlagen spezialisiert. Porsche beschäftigte sich als einer seiner dreihundert Mitarbeiter mit der Entwicklung des Radnabenmotors, einem revolutionären Elektroantriebssystem, nach dessen Prinzip siebzig Jahre später das erste Mondauto bewegt werden sollte.

Wenn der junge Ferdinand Porsche von seinen Biografen als Workaholic beschrieben wird, der nichts anderes als die Konstruktion von Automobilen im Kopf hatte, dann stimmt das nur bedingt. Denn gerade in der Zeit, als er für Béla Egger tätig war, dachte er sehr wohl auch an sein privates Glück. Eines Tages fiel ihm auf dem großen Werksgelände eine junge Mitarbeiterin namens Aloisia Kaes auf, die 1895 im Alter von siebzehn Jahren als Lager-Buchhalterin bei der Vereinigten Elektrizitäts-AG begonnen hatte.

Porsche zog es nun nicht nur auffallend oft ins Lager, sondern auch vor Aloisias Elternhaus, um das er seine Runden drehte. Zwei Kolleginnen machten die junge Buchhalterin auf den offensichtlichen Verehrer aufmerksam, der zu schüchtern war, sie anzusprechen. Stattdessen besorgte sich Ferdinand Porsche eine Fotografie, auf der alle weiblichen Mitarbeiter der Vereinigten Elektrizitäts-AG abgebildet waren und ließ daraus das Porträt der von ihm angehimmelten Aloisia vergrößern. Er zeigte es ihr – und sie war beeindruckt, dass der junge Mann sich so viel Mühe gegeben hatte, um mit ihr in Kontakt zu kommen. Der Bann war gebrochen, und in den nun folgenden Monaten konnten die beiden einander näherkommen.