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Gabriele Praschl-Bichler

Kaiserin Elisabeths Fitneß-
und Diät-Programm

Gabriele Praschl-Bichler

Kaiserin Elisabeths
Fitneß- und
Diät-Programm

 

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Zur Rechtschreibung

Die Autorin legt großen Wert darauf, daß das vorliegende Buch in der alten Rechtschreibung wiedergegeben wird. Was nicht bedeutet, daß sie sich dem Fortschritt oder Neuerungen entgegensetzen will. Die Entscheidung bezieht sich ausschließlich auf einzelne Regeln der neuen Rechtschreibung, die sinnwidrig oder schlicht unerklärlich sind und sich sogar gegen die deutsche Sprache – eines der größten und ältesten Kulturgüter, das wir besitzen – richten.

Interessant im Zusammenhang damit sind die vielen, im laufenden Text zitierten Schriftproben aus dem 19. Jahrhundert, die in großen Zügen der »neuen Rechtschreibung« folgen (sie sind, um sie hervorzuheben, in kursiver Schreibweise gesetzt). Damit läßt sich die sogenannte »Neuregelung« in Frage stellen.

Bildnachweis

Alles im Buch veröffentlichte Bildmaterial sowie die Abbildung auf der Rückseite des Schutzumschlags entstammen einem Privatarchiv.

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http://www.amalthea.at/

© 2002 by Amalthea
in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH,
Wien · München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Wolfgang Heinzel
Herstellung und Satz: VerlagsService Dr. Helmut
Neuberger & Karl Schaumann GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 11,5/13,5 Punkt Adobe-Garamond
Druck und Binden: Wiener Verlag, Himberg
Printed in Austria
ISBN 3-85002-474-1
eISBN 978-3-902998-35-4

Inhaltsverzeichnis

Sportlich, fit und schlank im 19. Jahrhundert
oder:
Wie eine Revolution in »allerhöchsten Kreisen«
um sich greift

Turnen war eine politisch anrüchige Sache

Die deutschen Fürsten und der Sport

1. Gehen, Wandern und Bergsteigen

2. Reitsport: Von der Hohen Schule
zur Zirkusakrobatik

3. Reitjagden in Ungarn, England und Irland

4. Gymnastik und Geräteturnen

5. Radfahren

6. Schwimmen

7. Fechten

8. Essen und Diäten

Nachwort

Dank

Kurzbiographien

Literaturverzeichnis

Abgekürzte Literatur

Sportlich, fit und schlank im 19. Jahrhundert
oder: Wie eine Revolution in »allerhöchsten
Kreisen« um sich greift

Eines vorab: Sport und die damit zusammenhängende Massenbewegung war im 19. Jahrhundert in den oberen Gesellschaftsschichten kein Thema. Und schon gar keines für Frauen, die diesen Kreisen entstammten. Die einzige Ausnahme – also der einzig anerkannte »elegante« Sport – bildete das Reiten, und selbst das betrieben die Damen meist nur sehr zurückhaltend. Allerdings bestand in Zeiten ohne Auto auch die Notwendigkeit dazu, es zu beherrschen. Denn erstens war nicht jeder Weg, nicht einmal jede Straße, so gut erschlossen, daß man ihn oder sie in einer Kutsche durchfahren konnte, und zweitens zeichnete sich die Fahrt im Wagen weder durch besondere Geschwindigkeit noch durch besondere Bequemlichkeit aus. Der Ritt bot also vor allem eine wesentliche Zeitersparnis: Allein zu Pferd konnte man das Tempo selbst bestimmen und nach Lust und Laune auch wesentlich beschleunigen. Ausnahmen waren Ausritte in Gruppen und in Gesellschaft von Frauen. Dann war es selbstverständlich, daß man sich den weniger Begabten anpaßte.

 

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Zwei Prinzessinnen von Orléans-Braganza, Graf Albrecht Meran (Bildmitte), ein französischer Graf und eine Dame des amerikanischen Geldadels vor dem gemeinsamen Ausritt (Südamerika, 1938), der auch noch um diese Zeit ein elegantes, gesellschaftliches Ereignis darstellte.

Die Notwendigkeit, das Pferd als Fortbewegungsmittel zu verwenden, bedingte, daß beinahe jeder – wenn eben auch mit unterschiedlicher Begabung – reiten konnte. Also auch die Kinder Herzog Maximilians in Bayern, zu denen Elisabeth, die nachmalige Kaiserin von Österreich, gehörte. Ihr Vater, der ein außerordentlich leidenschaftlicher Reiter war – er beherrschte nicht nur die Hohe Schule der Reitkunst, sondern konnte auf dem Pferd auch eine Menge akrobatischer Übungen ausführen – hat dieses Talent an den Großteil seiner Söhne und Töchter weitervererbt. Denn beinahe alle Kinder wurden hervorragende Reiter oder Reiterinnen, unter denen sich Elisabeth wiederum zur besten und wagemutigsten entwickelte. Diese besondere Begabung war aber nicht nur mit dem väterlichen Erbe zu erklären, sondern hatte auch noch eine andere Ursache. Denn die junge Prinzessin liebte beinahe jede (damals bekannte) Sportart und war zudem seit Kindertagen »bewegungssüchtig«: Das Mädchen wollte und konnte weder ruhig sitzen, noch war es für irgendeine ruhige Tätigkeit – wie sie zum Beispiel der Schulunterricht darstellte – zu begeistern. Gouvernanten und Lehrer hatten wenig Freude mit der Schülerin, denn Elisabeth war zappelig und beinahe ständig unkonzentriert.

Zu den vielen sportlichen Betätigungen, die die Prinzessin in ihrer Jugend betrieb und die damals natürlich noch nicht »sportliche Betätigungen« hießen, gehörten das Gehen, das Springen, das Wandern, das Kraxeln und das Bergsteigen, die meisten davon Sportarten, für die sich schon ihr Vater, Herzog Maximilian in Bayern, begeistert hatte. Daß sich dieser Wittelsbacher – entgegen den Vorstellungen der Zeit und der Gesellschaft, der er angehörte – für so viele damals unelegante Sportarten interessierte, hängt bestimmt mit der ungewöhnlichen Erziehung zusammen, die er genossen hatte: Als sicherlich einziger Mitteleuropäer seines Standes hatte er im frühen 19. Jahrhundert sowohl eine öffentliche Schule wie auch eine öffentliche Universität besucht. Das (und ein die Familie prägender, eigensinniger Charakter) scheint ihn für viele volkstümlichen und zeitgeistigen Ideen »offen« gemacht zu haben. Dazu gehörte im deutschsprachigen Raum auf dem Gebiet des Sports vor allem das Gedankengut, das der Pädagoge GutsMuths und der ihm folgende, nicht unumstrittene »Turnvater Jahn« verbreiteten.

 

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Kaiserin Elisabeth mit ihrer ältesten Schwester, verehelichte Erbprinzessin Helene von Thurn und Taxis, und ihrem Lieblingsbruder, Herzog Carl Theodor in Bayern. Alle Kinder Herzog Maximilians beherrschten die Reitkunst seit Kindertagen und waren als Erwachsene begabte Reiter.

Um nachvollziehen zu können, warum Herzog Max als Verfechter dieser Ideen so außergewöhnlich gehandelt hatte, braucht es eines kurzen Einschubes über die Kindererziehung vergangener Epochen. Denn die hatte einige Jahrhunderte lang ohne Gymnastik und Bewegungsunterricht für Kinder ihr Auskommen gefunden. Das sollte sich im 18. Jahrhundert mit einem Schlag ändern. »Schuld« an dieser völlig neuen Entwicklung war Jean Jacques Rousseau, der mit zahlreichen pädagogischen Schriften die geistige Welt seiner Zeit in Bewegung brachte. Rousseau forderte darin als einer der ersten, daß der schulische Lehrplan für Kinder neben den theoretischen Fächern fortan auch Leibesübungen enthalten sollte. Das war – was man aus heutiger Sicht nicht sofort erkennt – eine besonders radikale Forderung. Das Außergewöhnliche dieses Gedankens wird man erst dann verstehen, wenn man sich vor Augen hält, wie viele Jahrhunderte geistig arbeitende Menschen auf den Ausgleich durch körperliche Betätigung verzichtet hatten. Doch Rousseau und seine Anhänger verfolgten mit ihren Ideen noch ein anderes Ziel: Sie wollten mit »dieser neuen, philanthropischen Erziehung« aus jedem Jugendlichen einen »Menschen und Europäer … bilden, dessen Leben so unschädlich, so gemeinnützig und so zufrieden sein möge, als es durch Erziehung veranstaltet werden kann«. (alles in: Wildt, S. 14) So viel erhoffte man sich also schon damals von dieser neuen Idee, die eigentlich den Beginn aller bis heute gültigen, schulischen und gesamterzieherischen Programme darstellt.

Obwohl der Grundstein der Bewegung – also die Verknüpfung von »Unterricht für Geist und Körper« in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelegt wurde – galt die Idee sogar noch im 19. Jahrhundert als modern, mutig, ungewöhnlich und war noch immer sehr wenig verbreitet. Umso verwunderlicher ist es, daß sie schon in der Epoche, als sich Jean Jacques Rousseau *) als einer der ersten mit der Thematik auseinandersetzte, sofort einen Anhänger unter den Habsburgern gefunden hatte. Denn Kaiser Leopold II., ein Sohn und Nachfolger Kaiserin Maria Theresias und Vater von sechzehn Kindern, zählte zu den ersten Bewunderern und Nachahmern dieser Idee. Über die geistige Vermittlung Rousseaus arbeitete er für seine Kinder eigene Erziehungsprogramme aus. Er gab alle Anweisungen an Gouvernanten und Lehrer seiner Söhne und Töchter selbst und schrieb sogar vor, was die Ammen seiner Kinder zum Essen zu bekommen hatten (so verordnete er ihnen viel Obst und Gemüse und verbot ihnen andererseits den Genuß von Kaffee). Wie seine Kinder sollten sich auch ihre Erzieher viel im Freien aufhalten und sich dabei viel bewegen. »Man sieht darauf, daß sie (= die Söhne und Töchter) fleißig springen, laufen, sich gleichmäßig beider Hände bedienen, vor nichts Furcht haben … (und) man sucht sie daran zu gewöhnen, munter zu sein, Lärm zu machen etc. …« Die kleinen Erzherzoge spielten »Ball, Federball, Kegel, Billard und alles, was Bewegung macht …« (aus Briefen Kaiser Leopolds II., zit. in: Wolfsgruber, Bd. 1)

 

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Eine Turnvorführung zu Ehren Kaiser Franz Josephs (1896, Budapest). Auch hundert Jahre nach Jean Jacques Rousseau war dieser Sport noch immer eine männliche Domäne.

Wie gut kann man sich die kleinen Prinzen vorstellen, die da munter in den Schloßgärten ihrer Ahnen herumtollten. Und wie ungewöhnlich müssen diese Anweisungen im späten 18. Jahrhundert geklungen haben, als die meisten zeitgenössischen Kinder in die Kleidung von Erwachsenen gepreßt wurden – Mädchen trugen, kaum daß sie laufen konnten, Mieder und lange Röcke – und vor allem in den oberen Gesellschaftsschichten dazu erzogen wurden, immer und in jeder Situation »Haltung zu bewahren«. Die steife Kleidung hat diese Idee nicht nur unterstützt, sondern geradezu herausgefordert. Ganz davon abgesehen wird bis dahin wohl kaum je jemand seine Kinder dazu aufgefordert haben, »munter zu sein« oder gar »Lärm zu machen«.

Dieser kurze Abstecher in die Welt des 18. Jahrhunderts war nötig, um hervorzuheben, wie modern die Ideen Kaiser Leopolds II. in einer noch immer von Etikette geprägten Epoche gewesen und wie modern sie selbst noch drei Generationen später waren, als die nachmalige Kaiserin Elisabeth nach Rousseau-ähnlichen Grundsätzen erzogen wurde. Und selbst vierzig Jahre später, als in den 70er- und 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts ihr sportlicher Eifer einen Höhepunkt erreichte, galt diese Leidenschaft noch immer als aufsehenerregend, in ihrer Gesellschaftsschicht sogar als revolutionär. Denn, wenn Elisabeths Vorreiter und auch sie bei den »gymnastischen Übungen« auf Vorbilder der griechisch-römischen Antike zurückgriffen (um demselben Schönheitsideal zu huldigen und sich einen »statuenhaft vollkommenen Körper« zu meißeln), so haftete der Bewegung noch lange Zeit etwas Freigeistiges und Aufrührerisches an. Um das in seiner Gesamtheit zu verstehen, halte man sich das Gedankengut des puritanischen 19. Jahrhunderts vor Augen, in dem man in vornehmen Kreisen – außer über den Kopf – kaum je über einen Körperteil sprach, geschweige denn, daß man sich mit ihm beschäftigte oder ihn sogar formte. Zudem verlangte der Zeitgeist in den gehobenen Gesellschaftsschichten und bei den Leuten, die sich nach ihnen richteten, ein elegantes Erscheinungsbild, und das war eben nur bei der Ausübung eleganter Sportarten zu erreichen: beim Reiten, bei der Jagd, wohl auch schon beim Tennisspiel (das sich aus dem seit dem 18. Jahrhundert in Frankreich gespielten »Jeux de Pomme« entwickelt hatte) und beim gemütlichen Promenieren.

 

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Der nachmalige Kaiser Leopold II. (li., damals Großherzog von Toskana) mit seinem Bruder, Kaiser Joseph II. Im Unterschied zu seinen konservativen Vorgängern zählte Leopold zu den fortschrittlichsten Habsburger Herrschern und setzte sich auch als einer der ersten mit moderner Kindererziehung auseinander.

Im Unterschied zu ihren Zeit- und Standesgenossen verhielt sich Kaiserin Elisabeth aber immer ganz entgegengesetzt und betrieb demgemäß auch völlig andere Sportarten als sie. Tennis, das zu ihrer Zeit gerade so richtig in Mode kam, spielte sie zum Beispiel nicht. Vermutlich auch deshalb, weil sie dafür zumindest einen Spielpartner gebraucht hätte. Und von so einer Notwendigkeit hätte sie sich niemals abhängig gemacht. Sie wollte alleine sein und bleiben, duldete um sich ausschließlich von ihr erwählte Hofleute, außer dem Ehemann und den Kindern keine Verwandten, geschweige denn andere Leute der Gesellschaft. Daß Elisabeth unter den vielen Sportarten, die sie betrieb, auch eine ganz unfeine, wie das Turnen, ausübte, war daher auch sehr typisch für sie. Denn von der Hochzeit an bis an ihr Lebensende pflegte sie sich – immer ihrem Trotzkopf-Charakter folgend – alles, was »üblich« und »der Form entsprechend« war, zu widersetzen, um statt dessen allem gesellschaftlich Zuwiderlaufendem zu huldigen.

 

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Eine Tennispartie in höchsten Kreisen (Schloß Klesheim, 1891): Erzherzog Ludwig Victor (ganz rechts), der jüngste Bruder Kaiser Franz Josephs, im Spiel mit einem Württemberger Neffen (2.v.li., photographiert von dessen Vater, Herzog Philipp von Württemberg).

Waren die Ideen, die man nach Rousseau im 18. Jahrhundert mit Gymnastik verband, noch ohne böse Hintergedanken – sie sollten hauptsächlich ein Ausgleich zur Sitzarbeit schaffen –, so entwickelte sich die Bewegung im 19. Jahrhundert plötzlich in zwei verschieden verlaufenden Bahnen: Die eine (nach GutsMuths) hielt sich weiterhin an die Vorgaben der Antike, die andere, später politisch radikale, richtete sich nach den Grundsätzen des »Turnvaters Jahn«. Seiner Meinung zufolge hatten alle Menschen ein Recht auf körperliche Ertüchtigung, allen voran unbeaufsichtigte Söhne aus Arbeiterfamilien. Er sammelte sie in Gruppen, baute gemeinsam mit ihnen erste Turngeräte und unterrichtete sie selbst in den verschiedensten Sportarten. Weiters erreichte er damit, daß sie sich körperlich sinnvoll beschäftigten und auf das spätere Soldatenleben vorbereitet wurden. Denn während dieser Epoche herrschte in Deutschland Krieg gegen Frankreich, weshalb es nötig war, die »Jugend an die mit dem Wehrdienst verbundenen Strapazen zu gewöhnen«. Hauptsächlich stellte Turnen aber auch für ihn – wie schon für Rousseau – »eine Bewegung … zur körperlichen und sittlichen Erziehung zum Staatsbürger« dar. (alles in: Wildt, S. 18f.)

Wenn die Ideen Jahns bis dahin also hauptsächlich praktischen Charakter hatten, so waren sie nur an die unteren Gesellschaftsschichten gerichtet. Denn weder Fürstenkinder noch junge Mitglieder aus Adels- oder Großbürgerkreisen hatten Aufsicht oder diese Form der Soldatenerziehung nötig. Daß Herzog Max in Bayern also etwa zwanzig Jahre nach dem Erscheinen von Jahns Büchern denselben Ideen huldigte und seine Kinder derart sportlich erzog, hat in Fürstenkreisen daher viel Aufsehen erregt. Allerdings kam diese Art der intensiven körperlichen Betätigung seinen munteren Söhnen und Töchtern sehr entgegen. Allen voran dem ihm ähnlichsten Kind Elisabeth. Das Mädchen war Feuer und Flamme für alles, was ihm Bewegung verschaffte und es aus der Studierstube befreite. Im Unterschied zu den Vorstellungen Jahns, der dachte, die besten Sportler wären auch die besten Schüler, verhielt es sich bei den Wittelsbachern – und wie ich meine auch heute noch – aber völlig anders. Denn die Sportlichsten unter den jungen Prinzen und Prinzessinnen waren wie die junge Elisabeth die schlechtesten Schüler (sonderbarerweise machte die spätere Kaiserin auch in ihrem weiteren Leben kaum eine geistige Weiterentwicklung durch, wurde aber eine immer eifrigere Athletin. Mehr darüber ist in dem Buch »Mythos und Wahrheit« nachzulesen, s. dazu auf S. 208).

Kaiserin Elisabeth war zeit Lebens eine vom Sport Besessene. Etliche Stunden des Tages waren mit dieser ihrer Lieblingsbeschäftigung ausgefüllt. Nicht einmal in den Wohnungen mochte die Kaiserin auf das tägliche Training verzichten, weshalb in allen Schlössern, die sie bewohnte, Gymnastikräume mit Sprossenwänden, Leitern, Ringen und anderen Turngeräten zu finden waren. Elisabeth nutzte jede freie Minute, um sich körperlich zu ertüchtigen und absolvierte ihr Programm noch vor Bällen und Empfängen. So erwähnte ihr Griechischlehrer in seinen Erinnerungen, daß er sie einmal sogar in einer Abendrobe turnen sah: »An der offenen Tür zwischen dem Salon und ihrem Boudoir waren Seile, Turn- und Hängeapparate angebracht. Ich traf sie gerade, wie sie sich an den Handringen erhob. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid mit langer Schleppe von herrlichen schwarzen Straußfedern umsäumt … Auf den Stricken hängend machte sie einen phantastischen Eindruck wie ein Wesen zwischen Schlange und Vogel …« (Christomanos, S. 67)

 

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Ein witziges Dokument aus »nach-jahnschen« Zeiten: Zum Ausgleich für militärische Strapazen spielen Soldaten im Kasernenhof Tennis (um die Jahrhundertwende).

Am berühmtesten war Elisabeth zweifellos als Reiterin. »Wenn sie nicht Kaiserin gewesen wäre, würde sie die erste Kunstreiterin der Welt und die ausgezeichnetste Lehrerin der Reitkunst gewesen sein. Autoritäten auf diesem Gebiete haben erklärt, daß sie ein einzig dastehendes Geschick besaß, sich, wenn sie ritt, in unmittelbare, fast magnetische Verbindung mit dem Pferde zu sehen. Ihre feine Frauenhand leitete die unlenkbarsten Tiere mit erstaunlicher Sicherheit; sie verstand es, unter den schwierigsten Umständen ihre Macht über dieselben zu bewahren. Und selbst die bösartigsten Pferde ließen sich von ihr gern klopfen.« (Tschudi, S. 84) Das hielt eine der ersten Biographinnen nach dem Tod der Kaiserin fest. Die Beschreibung von Elisabeths außerordentlichem Reittalent hatte aber schon zu ihren Lebzeiten eine Menge Seiten von mehr oder weniger ernsthaften Publikationen gefüllt. Sogar in Lehrbüchern wurde die österreichische Kaiserin als besonderes Vorbild gepriesen. »Noch vor nicht zu langer Zeit sah man nur wenige Damen zu Pferde; je mehr man aber den Wert aller körperlichen Übungen auch für das weibliche Geschlecht erkannt … hat … faßte nach und nach das Reiten festeren Fuß in der Zahl derjenigen Kunstfertigkeiten, welche dem Mädchen ebenso wie Tanzen, Schwimmen, Turnen u.s.w. neben der wissenschaftlichen Ausbildung zu seiner Erholung und seiner Gesundheit nach den geistigen Anstrengungen dienlich sind. Vorbilder wie die Kaiserin von Österreich und die Kronprinzessin des Deutschen Reiches (gemeint ist die erste Ehefrau des späteren Kaisers Wilhelm II., geborene Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein), auf welche die Augen aller gerichtet sind, tragen unendlich viel zur Verbreitung des Reitens bei …« (von Heydebrand, S. 8)

 

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Schloß Schönbrunn, die kaiserliche Sommerresidenz (damals außerhalb von Wien gelegen), besaß wie die meisten Schlösser, die Kaiserin Elisa beth bewohnte, ein eigenes Turnzimmer.

Interessant in diesem kurzen Ausschnitt aus einem Lehrbuch zur »Einführung in das Gebiet der edlen Reitkunst für Damen« ist die Bemerkung, daß »das Reiten … ebenso wie … Schwimmen, Turnen« gegen Ende des 19. Jahrhunderts sogar Mädchen empfohlen wurde. Das ist als besonderer Erfolg zu werten, bedeutet allerdings noch nicht, daß es sich dabei um die damals landläufig gültige Meinung handelte. Aber immerhin hatte sich da seit der Jugend Kaiserin Elisabeths in den gesellschaftlich höherstehenden Kreisen und in den gebildeten Schichten einiges getan. Denn während ihrer Jugend waren weder das Turnen noch das Schwimmen geeignete Sportarten für Mädchen oder Frauen. Daß das Buch um die Mitte der achtziger Jahre überhaupt in großer Auflage veröffentlicht werden konnte, stellte einen schon mächtigen Fortschritt dar. Denn die Damenliteratur der Epoche war bis dahin beinahe ausschließlich von Hausfrauenweisheiten und religiösen Inhalten geprägt. Über Dinge zu schreiben oder zu sprechen, die menschliche Körperteile betrafen, war – wie früher schon erwähnt – unstatthaft.

 

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Mädchen, das mit Hanteln trainiert (aus dem damals sehr fortschrittlichen Lehrbuch zur »Einführung in das Gebiet der edlen Reitkunst für Damen«). Denn selbst gegen Ende des 19. Jahrhunderts war Gymnastik für Mädchen eine noch ziemlich unstatthafte Angelegenheit.

Wahrscheinlich werden viele Leser denken, daß es eigentlich unwichtig ist herauszufinden, ab wann genau sich Frauen öffentlich sportlich betätigen oder bilden durften. Für die an Kaiserin Elisabeth Interessierten hat die Sache allerdings eine andere und wesentlich größere Bedeutung. Denn wenn das Ausüben verschiedener Sportarten für adelige oder bürgerliche Frauen ein Tabu darstellte, dann galt das für eine Kaiserin um so stärker. Aber Elisabeth hielt sich eben nicht an die Regeln der Gesellschaft. Das macht die Sache so recht spannend und verleiht dem Band über sie und ihre sportlichen Betätigungen einen besonderen Reiz. Da sie vor allem so gerne und ausgiebig Gymnastik betrieb, das Turnen zu ihrer Zeit aber eine mehrfach »verrufene« Sportart darstellte, soll im Folgenden noch einmal genauer auf die Entwicklung eingegangen werden. Denn außer den sittlichen Bedenken, die Puritaner angesichts der spärlich bekleideten »Gymnastiker« empfanden, traten der immer stärker um sich greifenden Bewegung auch die meisten europäischen Herrscher mit äußerster Vorsicht entgegen. Denn …

*) Rousseau hatte 1762 den zukunftsweisenden Roman »Emile oder über die Erziehung« veröffentlicht, womit er sozusagen über Nacht eine neue Ära der Kindererziehung einleitete.

Turnen war eine politisch anrüchige Sache

Wie im vorherigen Kapitel schon kurz angedeutet, hatte sich die im 18. Jahrhundert mit Rousseau beginnende Turnbewegung*) über die Vermittlung von GuthsMuth und Jahn im 19. Jahrhundert in verschiedenen Bahnen entwickelt. Während sich die Anhänger der beiden Erstgenannten hauptsächlich um ihre Gesundheit und den Sport als Ausgleich kümmerten, verwickelten sich die Schüler und Anhänger Jahns in immer stärkere politische Tätigkeit. Schließlich wurden aus einigen von ihnen tatsächlich Aufrührer und Rebellen. Denn sie hatten sich nicht nur die neue Körperkultur ihres Lehrers zum Vorbild genommen, sie hatten auch seine Schriften*) gelesen und wollten nun die Theorie in die Tat umsetzen.

 

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Der erste von Friedrich Ludwig Jahn errichtete Turnplatz auf der Hasenheide bei Berlin.

Schuld an dieser Entwicklung hatte – bewußt oder unbewußt – tatsächlich Jahn getragen, der in seinen Lehrbüchern den Traum einer völlig gleichgestellten Gesellschaft träumte: Er wollte beim Turnen Zöglinge aller Gesellschaftsschichten gleichzeitig zum gemeinsamen Tun versammelt wissen. Nach seinen Vorstellungen umfaßte der Turnplatz »a) jedes Alter (den Knaben, den Jüngling, den werdenden Mann) … b) jeden Stand: er kennt … keinen Unterschied zwischen Arm und Reich, zwischen Vornehm und Gering; c) jede Bildungsstufe und Schule: es giebt fortan keine besonderen Turnplätze für gelehrte=, Bürger=, Volks=, Privatschulen u.s.w. Handwerker und Kopfwerker stehen hier sich gegenseitig bildend und ergänzend neben einander«. (zitiert in: Wildt, S. 41) Selbstverständlich stand es den Angehörigen des Adels und des Großbürgertums frei, sich nach diesen Ideen zu richten oder dem Turnplatz fernzubleiben. Die besondere Gefahr bestand aber darin, daß diese Forderungen nun einmal ausgesprochen waren und durch diese Schriften eine sehr breite Öffentlichkeit erreichten.

Unter den damals noch zahlreichen konservativen Politikern Europas beunruhigte dieses Gedankengut Österreichs mächtigen Staatskanzler, Fürst Clemens Lothar Metternich, am stärksten. Er erkannte in den Ideen Jahns eine drohende Gefahr für die – eigentlich noch immer – absolutistische Monarchie. Deshalb hegte er bald den Plan, zumindest (Gesamt)Deutschland von Jahns Einfluß zu befreien. Denn der Kanzler, der schon dem Krieg großen Respekt zollte, hatte eine noch viel größere Angst vor dem Aufstand der Massen. Und einen »Anfang der Revolution sah Metternich in der Vermischung der Standesunterschiede, die … von Jahn … im Turnwesen eingeführt worden war. Gewiß wird Jahn von der französischen Revolution beeinflußt gewesen sein, als er die Gleichstellung der Adeligen, Bürger und Bauern im Freikorps und im Turnen, die gleiche Turntracht für alle (Anm.: mit der Uniformierung sollten natürlich auch optisch alle Standesunterschiede aufgehoben werden) auf dem Turnplatz, wo neben den Kindern des Fürsten Radziwill die Söhne armer Leute turnten, die nicht einmal den geringen Beitrag bezahlen konnten, und das brüderliche ›Du‹ forderte.« (Wildt, S. 56)

 

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Fürst Clemens Lothar Metternich, Österreichs mächtiger Staatskanzler. Er erkannte in den gleichmacherischen Ideen Jahns schon früh eine drohende Gefahr für die Monarchie.

alles vereinendenBevorzugen des Deutschen vor allem Französischen