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Eva Male

Wenn uns die Fälle davonschwimmen …
Sprachspaltereien

Eva Male

Wenn uns die Fälle
davonschwimmen …

Sprachspaltereien

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FÜR SISSELA

Inhalt

Vorwort

Der tägliche Pleonasmus

Ein sprachlicher Höhepunkt jagt den anderen. Was der „Doppler-Effekt“ aus der Sprache macht

Da ist mit einer Schweigeminute noch nicht das letzte Wort gesprochen

Die Welt der Gegensätze und Widersprüche

Tschüss die Hand!

Grüße aus der Sprachwelt

E-Mail for you

Die Etikette elektronischer Post

Lieber Weihnachtsmann, bitte bringen Sie mir …

Du oder Sie – das ist die Frage

Kasse dich furz

Der moderne Telegrammstil und andere Schweinereien

Abrobo wie get es dir? Hast du fiel Abeit?

Wenn der Fehlerteufel zuschlägt. Recht- und Schlechtschreibung in der Praxis

Büro’s zu vermieten, Auto’s zu gewinnen!

Der leidige Apostroph – und überflüssige Beistriche

„Der Natur brauchst nix lernen!“

Wenn uns die Fälle davonschwimmen

Baiser-Krise in ganz Europa

Die richtige Aussprache ist gar nicht so einfach

„Alle anderen Alternativen waren noch schlechter“

Da fällt uns die Wahl schwer!

„Hausgemachte“ Spezialitäten im Gasthaus „Zur“ Tante Renate

Wie wir mit Anführungszeichen an der Nase herumgeführt werden

Frische Kochteiltomaten

Sprache als Lebensmittel-Punkt

Gefühlte Teuerung und gefüllte Paprika

Sprache geht durch den Magen

Wenn der Gastgeber Weinchâteau auf Tablett bringt …

… und der Gast im Konfirmationslexikon nachschauen muss

In der Bar wird mit Sekt diskutiert

Dem Alkohol kann man auf viele Arten zusprechen

Der, die, das Joghurt

Das grammatikalische Geschlecht als Chamäleon

Achtung, Pferde übersetzen die Straße

Bei Übersetzungen geht es häufig drunter und drüber

Lass mich dein Probehase sein

Deutsch von Ausländern. Wenn aus der Not eine Tugend wird. Und wie man sich zu Koseworten inspirieren lässt

Der Klammeraffe und sein Rattenschwanz

Sprache kann tierisches Vergnügen bereiten

Kein Schwein ruft mich an!

Rinderwahnsinn – einst und jetzt

Maria zu McDonald’s ging

Kindliche Missverständnisse, phonetische Hoppalas

Eine Super-Location zum Chillen – da geht’s heiß her!

Angewandte Jugendsprache. Morgen ist heute schon von vorgestern

Die Elektrische und der Omnibus

„Oldie-Sprache“ im Wandel der Zeiten

Hauptsache, die Chemie stimmt!

Die heutige Großfamilie und ihre sprachliche Umsetzung

Weicheier und Frauenversteher

Moderne Schimpfwörter im Aufwind

Fußhaupt und Handpediküre

Wenn Sprache Hand und Fuß hat

Vor-Sicht, Vor-Silbe!

Vorreservieren, rückantworten, andiskutieren. Warum einfach, wenn’s kompliziert geht?

Eine beleidigte Leberwurst

Streichfähig, aber ungenießbar. „Verzichtbares“ aus dem Wörterbuch

Sind Sie bitte so lieb!

Imperativ-Mangelerscheinungen, Konjunktiv-Überdosis – und andere Stärken wie Schwächen bei der Abwandlung von Verben

Gewendet oder Gewand(t) – Jacke wie Hose?

Wendehälsen geht es an den Kragen

Im Süden geht sich noch ein bisschen Sonne aus

Wetterbericht und Erdkunde als sprachliche Fundgruben

Vorsicht bei rosarem Fleisch!

Die Welt der Farben, in aller Munde

Wellness & Wohlergehen

im Urlaub oder beim Arzt

Ob Sie vielleicht ein Zigarettchen für mich hätten?

Verniedlichung und Verharmlosung in der Sprache, Bescheidenheit als falsche Zier

Auch Einfalt hat seine Reize

Übereinstimmungen und Überkeinstimmungen

Neger mit Zöpfen, Frau ohne Schatten

Political correctness – und mögliche unerwünschte Nebenwirkungen

Liebe Mitglieder und Mitgliederinnen!

Über den geschlechtergerechten Gebrauch von Sprache

Sexuelle Belustigung

Wenn Partner mit dem Fernseher im Schlafzimmer nur noch 1,5-mal pro Monat Sex haben

Wat, bitte, soll ein Jaukerl sein?

Was Österreicher und Deutsche trennt, ist die gemeinsame Sprache

Dich haben sie wohl mit dem Klammerbeutel gepudert

Manchmal versteht ein Blaustrumpf eben nur Bahnhof

Pensch und Nursch

Wie man Wörter unter seine Fittiche nimmt

Die reinste Verarsche

Un-Wörter, die auf die Watchlist gehören

Mozart’s Kugel: Ein Allegro in Süß

Oh Gott, Werbesprache!

Das hohe Ross und der Amtsschimmel

Vielen „geschwollenen“ Texten täte es nicht schlecht, ein wenig abzuspecken

Weil in der Zeitung haben sie geschrieben …

Über die richtige Bildung von Sätzen

„Tiefste Anteilnahme statt Blumen“

Sogenannte Trauerarbeit kann auch sprachliche Schwierigkeiten bereiten

Mischen Impossible

Der verzweifelte Kampf gegen das Englische und andere Einflüsse von außen

Mischen Possible I – Engleutsch/Denglisch

Ein bisschen Englisch, ein bisschen Deutsch. Plädoyer für ein friedliches Nebeneinander von Fremdsprache und Muttersprache

Mission Possible II

Lehnwörter aus dem Deutschen

Mit dem Latein am Ende

Wie man eine Sprache endgültig umbringt

Vorwort

„Der auch dem Latein-Unkundigen als demonstratives Pseudonym erkennbare Name Male verrät, dass dem Vorgebrachten nicht zu trauen ist, und der ebenso demonstrative Vorname Eva kündet Verführung zur Sprachsünde an.“

Diese Worte eines Lesers sind mir im Gedächtnis geblieben.

Die Leser dieses Buches mögen selber entscheiden, inwieweit sie der Sprachkritik „trauen“ und sich zu Sprachsünden verführen lassen wollen. Den folgenden 200 Seiten liegen jedenfalls fast zehn Jahre intensiver Beobachtung des sprachlichen Alltags zugrunde.

Die Liebe zur Sprache ist mir sozusagen in die Wiege gelegt worden. In der Familie wurde auf korrekten Sprachgebrauch großer Wert gelegt, Sprachwitz und Wortspielereien standen hoch im Kurs. Dass die Kinder häufig ausgebessert wurden, ging ihnen natürlich auch kräftig auf die Nerven. Eher gefiel ihnen, wenn sie für Fehler, die sie etwa in der Zeitung entdeckten, Prämien erhielten.

Eine wichtige Rolle spielte dabei der im Folgenden oft zitierte Onkel Otto, der die Spracherziehung der Sprösslinge mit Zuckerbrot und Peitsche forcierte und den die Autorin posthum ehren möchte. Wobei der Verwandtschaftsgrad leicht verändert wurde. Onkel Otto hätte sich gefreut, die Sprachkolumnen in Buchform erscheinen zu sehen. Herzlich danke möchte ich Monika Streissler und Claudia Schreiner für die sorgfältige Durchsicht des Manuskripts.

Seit 1998 habe ich die Ehre, im „Spectrum“, der Wochenendbeilage der „Presse“, auf den Spuren von Karl Hirschbold („Pirschgänge im Sprachrevier“) und Edwin Hartl („Sprachspaltereien“) zu wandeln. Aus den gesammelten Sprachkolumnen, die im Zwei-Wochen-Rhythmus erscheinen, ist das vorliegende Buch entstanden. Die ursprünglichen Texte wurden adaptiert und thematisch geordnet in Kapiteln zusammengefasst.

Von Anfang an war es mir ein Anliegen, Fehler und sprachliche Ungereimtheiten weniger mit erhobenem Zeigefinger als vielmehr mit spitzer Feder und Augenzwinkern aufzugreifen. Sprachkritik – ja, aber, wie ich hoffe, auf unterhaltsame Weise.

Wien, 13. September 2007

Eva Male

Der tägliche Pleonasmus

Ein sprachlicher Höhepunkt jagt den anderen. Was der „Doppler-Effekt“ aus der Sprache macht

Wir leben in einer Welt, in der Superlative nicht mehr ausreichen. Optimale Bedingungen werden heute gern in optimalste gesteigert. Optimal sollte freilich genau genommen schon das höchste der Gefühle sein, weil die zweite Steigerungsstufe grammatikalisch nicht mehr übertroffen werden kann; schließlich würde man auch die deutschsprachige Version des lateinischen Wortes – die „günstigsten, besten“ Bedingungen – nicht noch höher in den Himmel heben.

Man muss optimal aber auch nicht „herunterstufen“, indem man etwas, was weniger als optimal ist, suboptimal nennt, also ein bisschen weniger gut als am besten. Warum nicht einfach nicht optimal? Weil es nicht ganz so gebildet klingt? Im Gegenteil! Suboptimal macht einen nicht ganz so gebildeten, also halb- respektive subgebildeten Eindruck.

Quasi suboptimal ist auch der an Fehlern reiche Elternbrief, den die neue Direktorin eines Wiener Gymnasiums den Kindern nach Hause mitgab. „Es ist uns ein großes Anliegen, Ihr Kind in seiner Persönlichkeitsentwicklung bestmöglichst zu fördern.“

Auch die Tourismus-Werbung schlägt gelegentlich munter über die Stränge, etwa indem sie bestausgestattetste Kurhäuser anpreist. Der Superlativ steckt bereits in best- (und der Teufel im Detail) – doppelt hält in diesem Fall nicht besser. Auch kann ein Land nicht das dichtbevölkertste Europas sein. Dichtestbevölkert!

Mit Nachdruck behauptet mancher, er habe etwas in keinster Weise beabsichtigt. Der Gebrauch von „in keiner Weise“ würde das Gewissen des Reumütigen freilich auch in sprachlicher Hinsicht beruhigen. Kein ist kein Adjektiv und kann daher keinesfalls gesteigert werden. Die Leute mögen sich bitte nicht so hineinsteigern.

„Heute um 16 Uhr gibt es die aller-allerletzte Vorstellung im Wiener Rennaissancetheater.“ Sollen wir nun hineinrennen? Angesichts des „Rennaissancetheaters“ will man am liebsten davonrennen. Re-naissance, Wiedergeburt.

Es mutet wie eine Art „Doppler-Effekt“ an: In einem Geschäft fragte man mich, ob die gesuchte Hose schwarz oder schwarz-schwarz sein sollte. Wie bitte, noch schwärzer als schwarz? Na ja, verwaschen oder richtig schwarz, erläuterte die Verkäuferin.

Nicht einmal auf Farben ist mehr Verlass. Kann die sprichwörtliche weiße Weste etwa noch weißer werden? Auch kurze Shorts fallen in diese Kategorie, sind doch Shorts per definitionem kurz.

Die Verdoppelung lässt das Gesagte häufig nicht nachdrücklicher wirken – im Gegenteil: Durch die Übertreibung wird die Aussage geschwächt. Je dicker die Leute auftragen, desto dünner ist das, was „ankommt“, was haften bleibt.

Nichts gegen einen ordentlichen Pleonasmus, bewusst eingesetzt und wohl platziert. Ein weißer Schimmel da, ein alter Greis dort. Jene Pleonasmen jedoch, wie sie sich heute so großer Beliebtheit erfreuen, sind meistens keine Stilmittel, sondern einfach Irrtümer.

Wenn beispielsweise jemand von einem Journalisten als früherer Veteran des Vietnamkrieges bezeichnet wird. Ist der Mann jetzt etwa kein Veteran mehr? Sie wissen schon, worauf wir hinauswollen: Veteran allein genügt.

Um einen Pleonasmus handelt es sich übrigens auch bei der sprichwörtlich gebrauchten alten Vettel. Onkel Otto pflegte seine Gemahlin unter anderem mit diesem liebevollen Kosenamen zu benennen, zu ihrer mäßigen Freude.

Was da phonetisch nach einer fetten Person klingt – und eine solche war die Gemahlin keineswegs! –, entpuppt sich in Wirklichkeit schlicht als alte Frau, lateinisch vetula. Die vetula ist dem Veteranen etymologisch verwandt, die alte Vettel sinngemäß dem früheren Veteranen.

Ständig sind wir auf Reisen, immer unterwegs. Internationale Globetrotter nennt uns die Nachbarin ehrfürchtig. Schmeichelhaft – aber zu viel des Guten: Die Erdkugel, der Globus, ist per se international, ebenso der Globetrotter, auch ohne selbiges Attribut.

Doppelt gemoppelt ist auch das Totenrequiem – denn wer feiert schon ein Requiem für Lebende? Requies, die Ruhe. Ewige Ruhe.

Der allgemeine Hang zu Pleonasmen ist ebenso feststellbar, wenn etwa eine Zeitung von einem alljährlichen annual meeting oder von einem studierten Wissenschaftler schreibt.

Dazugehören müssen auch – per definitionem – Accessoires, wenn sie ihrem Namen gerecht werden wollen. Dazugehörige Accessoires? Ein Overkill! Genauso der Inzest innerhalb der Familie, den das Fernsehprogramm ankündigt, ein mündliches Gespräch, ein endgültiges Ultimatum.

In Zeitungen liest man von Megastaus mal zwei. Als ob Megastaus mal eins nicht ausreichen würden, um die Lage treffend zu beschreiben. Der sprachliche Größenwahn, die Megalomanie, gibt sich damit allerdings nicht zufrieden.

Oder soll es ein modernes Stilmittel sein? Ist es etwa höflicher, Fotojournalisten eine Gelegenheit für eine Foto- und Filmmöglichkeit zu geben als bloß letztere?

Auf der Zunge zergehen lassen kann man sich auch die als solche angepriesene Schachtel Bonbonniere. Da eine Bonbonniere eine Schachtel für/mit Bonbons ist, muss eine Schachtel Bonbonniere eine Schachtel sein, gefüllt mit Schachteln voll Bonbons, eine Bonbonniere-Babuschka sozusagen. Was will man mehr?

Auch der Wunsch Gute Besserung ist genau genommen ein Humbug. Gut ist in gesteigerter Form ja bereits in Besserung enthalten und passt nicht als Attribut. Sinnvoller erscheint Baldige Besserung. Onkel Otto jedenfalls, der in den letzten Jahren vor seinem Tod sehr krank war, wurde von dem Genesungswunsch Gute Besserung nur noch kränker.

Zu Lebzeiten aber wollen wir uns die – an sich überflüssigen – Pleonasmen nicht immer versagen. Der tägliche Pleonasmus vermag es schließlich, den faden Alltagstrott ein bisschen aufzulockern. So fragte eine Freundin jüngst in pikant-provokativem Ton, ob nicht Oralsex am Telefon ein Pleonasmus sei. Und ein Freund sinnierte über die Formulierung bar freigemacht. Ist es eine zu freie Interpretation, bar der Vernunft, auch hier an einen Pleonasmus zu denken?

„Wir schicken Ihnen monatlich frische Versandideen – portofrei.“ Was da im Eduscho-Prospekt angepriesen wird! Das möchte ich sehen, wie Eduscho Versandideen versendet – und vor allem, wie die Empfänger reagieren würden. Es handelt sich wohl eher um den Versand von Artikeln, denen jeden Monat neue Ideen zugrunde liegen.

Da ist mit einer Schweigeminute noch nicht das letzte Wort gesprochen

Die Welt der Gegensätze und Widersprüche

Stolz auf seinen Service ist das Hotel Marriott am Wiener Parkring, das die Wünsche seiner Gäste bestmöglich zu erfüllen versucht. „Sollte dies nicht der Fall sein“, heißt es in einer Information für die Kunden, „so sind Sie für die nicht erbrachte Leistung unser Gast.“

Nichts leichter als das. Jemanden auf eine nicht erbrachte Leistung einzuladen, macht ja in Wirklichkeit keine Mühe. Liebe Gäste: Was Sie nicht bekommen haben, wird Ihnen großzügig geschenkt.

Ein Angebot, das sich das Hotel schenken könnte. Oder anders formulieren müsste. Etwa: „Sollte die Bedienung nicht Ihren Erwartungen entsprechen, entschädigen wir Sie umgehend, indem wir Ihre Wünsche kostenlos erfüllen.“

Anderswo wirbt ein Bekleidungsgeschäft für den Ausverkauf: „Auf alle Waren minus zehn Prozent Preisnachlass.“ Da bedanken wir uns herzlich!

Eine No host cocktail party wurde kürzlich auf einer Tagung in den USA gegeben. Eine Party ohne Gastgeber? Wie ungewöhnlich! (Aber gut, schließlich kann ja auch Butter durch nichts ersetzt werden – warum nicht das Gleiche mit Gastgebern tun?) Wie sich herausstellte, hieß die Cocktailparty nur so, weil im Unterschied zu anderen Empfängen während der Tagung nicht eine bestimmte Firma einlud. Wenn man’s wörtlich nimmt, könnte man sich also von der nächsten eigenen Party einfach davonschleichen.

Auch Lebensqualität betrifft nicht nur Lebende, wie eine Aussendung der Wiener Stadtwerke annehmen lässt: „Die Wiener Stadtwerke bemühen sich stets, durch ihre Dienstleistungen – öffentlicher Verkehr, Energieversorgung und Bestattungswesen – die Lebensqualität in unserer Stadt zu steigern.“ Lebensqualität, bis in den Tod hinein. Eine interessante Formulierung.

Gleiches gilt – inhaltlich – für folgenden Satz, von der verwegenen Konstruktion einmal abgesehen: „Was ein echter Fan ist, da ist mit einer Schweige minute noch nicht das letzte Wort gesprochen.“ Dem ist eine gewisse Logik nicht abzusprechen. Wie will man das letzte Wort sprechen, wenn man schweigt?

„Fehlendes Spezialgerät macht die Bergung schwer“, schreibt eine Zeitung. Wie kann jedoch ein Gerät, das gar nicht vorhanden ist, etwas erschweren? Richtig müsste es heißen: Das Fehlen von Spezialgerät … Und wie soll man sich den allgegenwärtigen Platzmangel im Café Prückel vorstellen?

„Ich zieh’ mich gerade an, um Nacktgerste kaufen zu gehen“, sagt eine Freundin am Telefon. Wenn das nicht unfreiwillig komisch klingt! Gegensätze ziehen sich an, Freundinnen auch, Gerste bleibt nackt.

Ein bewegliches Fest – man weiß, was das ist. Ostern etwa, das nicht auf einen fixen Kalendertag fällt, sondern sich jeweils nach dem ersten Frühlingsvollmond richtet. Wenn man es sich genau überlegt, ist es freilich auch ein hübscher Gegensatz: beweglich – oder fest? Von herausragenden Wermutstropfen war andernorts die Rede. Inhaltlich ist es klar, das Bild indes schief. Geradezu ein Widerspruch, Contradictio in adiecto. Tropfen können tropfen, aber können sie herausragen? Es erinnert an die aktive Pause, welche die Turnlehrerin Inge immer ansagt. Entweder Pause oder aktiv, finden wir!

Hübsch auch die Straßenbahnstation Lange Gasse: Kurzstreckengrenze, oder die jüngst aufgeschnappte Aussage: „Ich bin eingefleischte Vegetarierin“ – ein Widerspruch, stilistisch charmant. Unorthodox indes das in einer Illustrierten entdeckte Rezept für vegetarisches Chili con carne – wie kann es vegetarisch und zugleich mit Fleisch sein? Es gibt Speisekarten, die bereits auf Chili sin carne ausweichen. Warum nicht?

Absurd mutet auch das vorläufige Endergebnis an, von dem im Fernsehen häufig die Rede ist: Solange es kein endgültiges Resultat gibt, ist es einfach ein vorläufiges Ergebnis oder ein Zwischenergebnis. Das vorläufige Endergebnis erinnert mich unweigerlich an unsere alte Kinderfrau, die seinerzeit einen Beschwerdebrief an den damaligen Bürgermeister Zilk schrieb. Sie unterzeichnete: „Mit vorläufiger Hochachtung, Ihre XY“. Zilk rief umgehend an, um sich die endgültige Hochachtung zu sichern.

Minus mal minus ergibt plus, wie man weiß. Mathematisch gesehen oder nach Boolescher Logik lässt sich wohl auch folgender Dialog im „Morgenjournal“ verstehen. Frage des ORF-Reporters an Herrn Gorbach zur Bundespräsidentenwahl: „Weist das nicht auf fehlendes Selbstbewusstsein Ihrer Partei hin, wenn Sie keinen eigenen Kandidaten aufstellen?“ Antwort: „Nein, dieses fehlende Selbstbewusstsein gibt es jetzt nicht mehr.“ Wie es um das Sprachbewusstsein bestellt ist, ist eine andere Frage.

„Ich würde die Wahrheit sagen, wenn ich ehrlich bin“ – dieser hübsche Satz war unlängst im Gespräch zwischen Halbwüchsigen zu erlauschen. Ähnlich ist’s, wenn einer erzählt, bei Graffiti Schmiere gestanden zu sein.

„Das Ozonloch verflüchtigt sich wieder.“ Im Prinzip eine erfreuliche Nachricht – aber wie kann sich ein Loch verflüchtigen, auflösen? Das muss man sich erst einmal bildlich vorstellen! Andererseits: Auch geistige Blackouts, von meiner amerikanischen Nachbarin senior moments genannt, verflüchtigen sich immer wieder – zum Glück! Wie sonst sollte man es formulieren? Dass sich die Leere wieder füllt?

Bleiben wir in den USA: „Streiche oder Süßigkeiten!“ So lautete in einer synchronisierten US-Serie die deutsche Übersetzung für die Halloween-Parole: „Trick or treat!“ Dies rufen die Kinder, wenn sie von Tür zu Tür ziehen und um Naschereien (treat) bitten beziehungsweise mit Streichen (trick) drohen.

Wer mit dem amerikanischen Brauch nicht vertraut ist, wird freilich mit „Streiche oder Süßigkeiten“ wenig anzufangen wissen. Viel besser gefällt mir da die Formulierung: „Süßes, sonst gibt’s Saures!“ Das versteht jeder, und die Antithese ist nebst der vom Englischen übernommenen Alliteration ein hübsches Stilmittel.

Tschüss die Hand!

Grüße aus der Sprachwelt

Sag zum Abschied leise Servus. Das war einmal. In Österreich greift heute wie eine ansteckende Krankheit der in Deutschland übliche Gruß Tschüss um sich. Manchmal auch Tschüssi oder gar Tschühü, mit einem stummen oder höchstens hingehauchten H.

„Umgangssprachlich“, erklärt der Duden lapidar. Wobei man in Deutschland – anders als in Österreich – durchaus auch Leute mit Tschüss verabschiedet, mit denen man per Sie ist.

Im Österreichischen Wörterbuch kann man nachlesen, dass Tschüss ursprünglich aus Norddeutschland kommt. Es soll sich aus dem bis in die 1940er Jahre üblichen Atschüs entwickelt und zunehmend auch auf den hoch- und oberdeutschen Sprachraum übergegriffen haben. Wobei es sich um ein Lehnwort aus dem Romanischen handelt: Adieu, von ad deum, zu Gott.

Also alles halb so wild. Onkel Otto hätte sich über den seiner Meinung nach gar zu lässigen Gruß also gar nicht so echauffieren müssen. Aber so sind die älteren Österreicher nun einmal. Sie haben eine Abneigung gegen alles, was respektlos oder im entferntesten piefkinesisch klingt.

Vielleicht gelingt es ja umgekehrt, den zahlreichen in Österreich studierenden Studenten das eine oder andere Servus, Pfiati oder Baba schmackhaft zu machen?

Und von wegen respektlos: „Dass meine kleine Enkelin mich nicht mit Servus grüßt, sondern sich mit einem munteren Tschüss verabschiedet, tut weh! Aber sie hat’s wohl aus dem Fernsehen“, klagt eine Leserin.

Hier muss ich schmunzeln: Zu meiner Zeit hatte sich die Großmutter just über unser Servus beklagt, auch wenn wir mit gespielter Unterwürfigkeit konterten, dass dies „Ich bin dein Diener“ heißt. So ändern sich die Zeiten – und die Großmütter!

„Ich putz’ jetzt den Fisch“, pflegt indes die junge Kollegin zu sagen, wenn sie die Redaktion verlässt. Diese Wendung für weggehen soll angeblich echt wienerisch sein, behauptet sie – obwohl (oder gerade weil?) sie Vorarlbergerin ist. Wienern selbst ist das Fischputzen zumeist nicht geläufig. Aber eh man sich’s versieht, hat sich der geputzte Fisch schon in den Sprachschatz eingeschlichen.

Und wie sieht’s mit der Begrüßung aus? Aber hallo! Weit verbreitet ist es heute, Hallo zu rufen. Auf der ersten Silbe betont, tönt es uns von allen Seiten entgegen. Wildfremde grüßen mit Hállo!, was so mancher sich verbittet – und den Grüßern verbietet. Guten Tag, Grüß Gott. So einfach ist das. Und das Hallooooo bleibt dem Telefonieren vorbehalten.

Auch mit Glückwünschen ist es so eine Sache: Eine Zeitung wünschte auch heuer wieder „Ihren Lesern“ „Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr“, anstatt sich an ihre (klein geschrieben!) Leser zu wenden. In einem anderen Blatt war unterdessen zu lesen: „Jedes Jahr muss zu den heiligen Zeiten alles so sein, wie es immer schon war. So wie der Christbaum mit drei dagestanden ist, muss er auch mit 30 noch dastehen.“

Was ist das für ein Wunder-Christbaum, der unbeschadet die Jahrzehnte überdauert? Gemeint war natürlich das Alter der Kinder, die auf der liebgewordenen Tradition beharren.

Zu Silvester wünschen dann wieder alle einen guten Rutsch. Bei vielen Sprachliebhabern stößt diese Formulierung auf wenig Gegenliebe. Klingt so negativ nach ausrutschen, hinfallen. Hals- und Beinbruch!

Allerdings hat der Rutsch etymologisch nichts mit rutschen zu tun, sondern kommt vom rotwelsch-jiddischen rosch, das Kopf, Anfang bedeutet, Segen.

Seltsam mutet es aber auf jeden Fall an, wenn die Kassierin im Drogeriemarkt einem Kunden nach dem anderen einen guten Rutsch im neuen Jahr wünscht. Dieser Wunsch muss im Prinzip auch nach dem 1. Jänner weiter gelten, da er sprachlich ja nicht das glatte Hinübergleiten ins neue Jahr bezeichnet, wie man es üblicherweise meint.

Auch der Hals- und Beinbruch, den man den anderen an den Hals (und an das Bein) wünscht, leitet sich übrigens nicht von brechen ab, sondern von broche. Was man natürlich wissen muss, um sprachlich nicht darüber zu stolpern. Was sollen jene tun, denen Onkel Otto nicht als wandelndes Lexikon zur Verfügung steht?

„Schönes Neues Jahr noch“, lautete der Text einer SMS, die zu Silvester zirka fünf Sekunden nach Mitternacht auf dem Mobiltelefon eintrudelte. Für Sekt und Walzer ist ja heute kaum noch Zeit, weil zur Jahreswende jeder verzweifelt sein Glück im völlig überlasteten Netz versucht. Der Glückwunsch „Schönes Neues Jahr noch“ mutet jedenfalls sonderbar an, wenn selbiges erst vor wenigen Sekunden begonnen hat.

„Guten Putsch“, schreibt mein freches Handy. Es ist wieder einmal schneller als ich. Bedächtig tippe ich meine SMS, und das Wortfindungsprogramm macht Vorschläge. Die erste Wahl für den Neujahrswunsch „Guten Rutsch“: „Guten Putsch“. Ein Glück, dass ich’s noch entdeckt und korrigiert habe.

Selber schuld, wenn man sich dazu hinreißen lässt, per Handy Glückwünsche zu versenden – statt handgeschriebener, persönlicher Billets! Aber es geht nun einmal so schnell und ist so praktisch …

Oder soll man den Vorschlag einfach annehmen und den Mitmenschen wünschen, dass ihnen im neuen Jahr ein Putsch gelingen möge? Dass sie an die Spitze gelangen, die bestehende Ordnung über den Haufen werfen sollen? Jawohl!

Schließlich war auch der per Handy versandte Weihnachtswunsch nicht von der feinen englischen Art gewesen. „Frohe Weihnachten“, will man schreiben, und das Handy hebt an: „Droge …“ Droge Weihnachten? Dröge war man ja häufig während der Feiertage, auch träge. Aber ob man gleich Drogen nehmen musste? Sie den Feiernden schon im Vorfeld an den Hals wünschen?

Was nach Neujahr folgt, ist die gern zitierte Zeit zwischen den Jahren. Jene Tage zwischen Weihnachten und Dreikönig, angefüllt mit Katzenjammer und guten Vorsätzen. Wir wissen, was gemeint ist.