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Antonia Rados

Die Bauchtänzerin und die Salafistin

Antonia Rados

Die Bauchtänzerin
und die Salafistin

Eine wahre Geschichte aus Kairo

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Besuchen Sie uns im Internet unter: www.amalthea.at

INHALT

Vorwort

ZWEI VON UNS / 1

1 Die Unnahbare

2 Eine ägyptische Kindheit

3 Die Queen von Kairo

4 Ritas letztes Lied

5 Allah kehrt zurück

6 Februar-Hoffnung

7 Planet der Salafisten

8 Dinas A-Klasse

9 Der Skandal

10 Tahani & Co.

11 Unter Freundinnen

ZWEI VON UNS / 2

12 Die Stadt der Schwestern

13 Villa mit Hunden

14 Nimm sie dir!

15 Meine Schwester, meine Feindin

16 Rita und die vier Katzen

17 Unter Radikalen

18 Das Ende

ZWEI VON UNS / 3

19 Made in Cairo

20 Das Geständnis

Epilog. Mutterliebe

Dank

Zeittafel

VORWORT

Recherchen in Ägypten haben es in sich. Sie sind eine Herausforderung für eine Frau. Proteste, Blut und Tod auf den Straßen – neben den inzwischen wohlbekannten Schwierigkeiten wie sexuellen Belästigungen – sind die nicht wegzudenkenden Zutaten vieler Reportagen in diesem Land. Ich habe einige solcher Berichte hinter mir in den vergangenen drei Jahren.

2011 fand die Revolution statt. Seither war ich zunächst Stammgast in verschiedenen zentralen Kairoer Hotels. Weil die regelmäßig von Demonstranten gestürmt wurden und Tränengaswolken über den Lobbys hingen, zog ich in eine Mietwohnung um. Dort schlafe ich besser. Ich wohne da, wann immer mich die Nachrichtenlage nach Kairo bringt.

Während eines meiner zahlreichen Besuche fand die erste Verabredung mit der Bauchtänzerin Dina Talaat statt, um eine kleine Reportage über eine Künstlerin im islamisierten Kairo zu drehen. Wie kommt so eine Frau zurecht in diesem aufgeheizten politischen Klima? Das war im unruhigen Winter 2012. Täglich gab es Proteste auf den Straßen.

Das Treffen war im Vergleich zu vielem in Kairo ein kinderleichter Termin. Dina ist ein professioneller Star. Das hat den Vorteil, dass sie es, im Unterschied zu anderen Ägyptern, nicht für eine Tugend hält, um Stunden zu spät zu kommen.

Sie ist es gewohnt, mit uns Journalisten umzugehen. Sie spricht gut Englisch. Sie hat keine Scheu vor dem Kameramann, mit dem ich eines Abends in der Eingangshalle einer Nobelherberge auf sie wartete. Ich wollte ein Interview und danach einige Szenen ihres Tanzes bei einer privaten Hochzeit filmen. Mehr war nicht vorgesehen. Dina war von einem amerikanischen Wochenmagazin Ägyptens letzte Bauchtänzerin genannt worden. Damit ist gemeint, dass keine ihr das Wasser reichen kann. Sie ist einzigartig. Ich war gespannt, sie zu sehen, aber mehr nicht.

Sie lief mir mit wehenden Haaren, in einem kurzen Wollkleid und einer standesgemäßen Pelzjacke darüber, entgegen, obwohl Kairo weit weg von Sibirien liegt.

In unserem ersten Gespräch schien sie mir beinahe zu unexotisch. Ihre Antworten waren vorhersehbar. Dina hatte keinerlei Starallüren. Geduld paarte sich mit Pünktlichkeit. Sie schien eine Diva, wie es viele andere auch in der muslimischen Welt gibt. Eine hart arbeitende Künstlerin. Keine durchschnittliche Ägypterin jedoch, wie man sie sich bei uns vorstellt. Sie hätte sich dagegen gewehrt, wenn sie jemand als solche bezeichnet hätte.

Dina ist extrem westlich. Sie hat mit ihrer Familie einen Teil ihrer Kindheit, wie ich später herausfand, in Italien verbracht. Sie liebt Europa. Mehr noch liebt sie die Modeschöpfer Europas.

Sie passt nicht in das Land am Nil, wie ich es von den meisten meiner Dreharbeiten in Armenvierteln kenne. Menschen wie mein kinderreicher, mittelloser Fahrer und mein hart arbeitender Übersetzer stehen sehr viel mehr für die Verhältnisse in Ägypten.

Über das Luxusgeschöpf Dina hätte ich kein Buch verfasst.

Meine Interesse an Dina erhöhte sich blitzartig, als ich erfuhr, sie habe eine extrem religiöse Schwester. Danach hörte ich noch, diese Schwester sei früher Nachtclubsängerin gewesen. Sie habe ihren Beruf 2001 an den Nagel gehängt. Jetzt sei sie Salafistin. Das war eine längere Reportage wert, beschloss ich. Aus dieser Idee entstand schließlich auch dieses Buch.

In meinem Kopf begann sich die Vorstellung zu formen, nicht über eine Frau, sondern über zwei zu rechercherieren. Das schien mir keine allzu schwierige Aufgabe. Dina war bereit, mir den Kontakt zu ihrer salafistischen Schwester Rita herzustellen. Ich stellte mir vor, dass diese mir erklären würde, wie sie dazu kam, einer der radikalsten Versionen des Islams anzuhängen. Das könnte relativ zügig geschehen, einige Zusammenkünfte würden, im Gegensatz zu ihrer tanzenden Schwester, reichen. Mein Übersetzer fand heraus, dass die Salafistin ihre Tage ohnehin untätig daheim verbringt. Sie hat keinen Job. Sich mit einer arbeitslosen Religiösen zusammenzusetzen, musste um vieles leichter sein, als die berühmteste Bauchtänzerin Ägyptens zur Mitarbeit zu bewegen. Dina hatte zwar nicht zugesagt, mich wieder zu treffen. Meine Idee abgewiesen hatte sie aber ebenso wenig. Sie schlug den orientalischen Weg ein.

Es dauerte jedoch mehrere Wochen, bevor die salafistische Schwester Zeit für mich fand. Nach meinem Eindruck war unser erstes Gespräch gut verlaufen. Die Salafistin teilte diesen Optimismus offenbar nicht. Wieder dauerte es Wochen, bis sie sich überzeugen ließ, mir ein paar Stunden zu schenken. So ging es weiter. Einige Treffen wurden in letzter Minute verschoben, andere unerwartet wieder angesetzt.

Rita erklärte mir jedes Mal eine weitere Facette des für uns so schwer verständlichen Salafismus. Der Gedanke, dass sie eine Radikale ist, wäre ihr selbst nie gekommen. Das hat sie mit anderen Extremisten gemeinsam, die glauben, der andere sei radikal, aber nicht sie. Unzählige Male endeten unsere Gespräche mit betroffenem Schweigen. Wir wussten beide nicht mehr weiter. Für die Salafistin Rita ist das letzte Prinzip der Glaube. Ich als Frau aus dem Westen hatte oft Schwierigkeiten, ihrer Argumentation zu folgen.

Trotzdem erweckte diese Schwester mehr mein Interesse als die Bauchtänzerin. Die Gründe liegen auf der Hand. Bauchtänzerinnen wie Dina sind öffentliche Personen. Jeder kann sie treffen.

Der Salafismus ist eine sektenartige Gruppierung. Misstrauen gegen Außenstehende ist weit verbreitet, und Gewalt gegen Andersgläubige bei manchen. Obwohl Rita kein weiblicher Osama bin Laden ist.

Ja, sie war argwöhnisch mir gegenüber. Das forderte meine journalistische Neugierde regelrecht heraus. Je mehr sie eine menschliche Festung darstellte, umso mehr bohrte ich an ihren Mauern. Das entging ihr nicht. Es amüsierte sie.

Vor ihrem zweiten Lebensweg war sie viel gereist. Sie kannte fast jedes europäische Land.

Warum interessieren Sie sich für Ägypten?, fragte sie mich.

Weil Ägypten eine Art Nachbar ist am anderen Ende des Mittelmeeres, erwiderte ich.

Ja, erwiderte Rita. Aber ein lauter Nachbar!

Daraufhin brach sie in Lachen aus.

Rita entpuppte sich als humorvoll. Sie scherzte über ihr angeblich zu hohes Gewicht. Für mich war es schwer einzuschätzen. Ihre überflüssigen Kilos waren unter dem Ganzkörperumhang versteckt.

Ihre anderen verborgenen Seiten machten es mir bisweilen schwer, ihr gerecht zu werden. Eindeutig war sie im Nachteil gegenüber der reichen, erfolgreichen, eloquenten Bauchtänzerin. Die Salafistin ist zurückhaltender.

Bei Dina bekommt man, was man vordergründig sieht. Tanz, Designermode, Make-up. Alles in perfekter Ausführung. Sie ist ein Hochglanz-Werbeplakat auf zwei Beinen.

Die Bauchtänzerin teilt die Ägypter in Klassen ein. Die oberen Zehntausend bezeichnet sie als die A-Klasse. Die Leute unten sind für sie die C-Klasse. Ihr Planet ist der der A-Klasse. Der Rest interessiert sie nur am Rande.

So betrachtet, sind beide Schwestern extrem: Die eine ist bis zum Äußersten materialistisch, abgesehen von ihrer Großzügigkeit. Die andere ist am religiösen Rand angesiedelt. Das Interesse an den zwei Frauen führte zwangsläufig zu anderen Fragen: Wie hoch ist der Preis, den westlich orientierte Frauen wie die Bauchtänzerin in Ägypten zahlen müssen? Unterliegen andere Frauen der ständigen Versuchung des Islams wie Rita? Und mit welchen Folgen für ihr Leben und ihre Kinder? Aus meinen parallel geführten Gesprächen in Kairo mit solchen Frauen und aus selbst erlebten Ereignissen entstanden ergänzende Kurzporträts unter dem Titel: Zwei von uns.

Meine Gespräche mit den beiden Schwestern waren über ein Jahr verteilt. Sie wurden einige Male verschoben durch Dinas Termine, dann verschloss sich wiederum Rita. Weitere Unterbrechungen gab es durch meine Rückkehr nach Paris, meinen Hauptwohnsitz.

Im Sommer 2013 musste ich überstürzt wieder nach Kairo. Die Militärs hatten den demokratisch gewählten Präsidenten Mohammed Mursi vertrieben. Erneut floss Blut.

Dina hasste Mursi. Rita hatte ihm ihre Stimme gegeben.

Das Verhältnis zwischen den beiden Schwestern wurde durch die Ereignisse bis aufs Äußerte belastet. Wochenlang sprachen sie nicht miteinander. Für mich war das eine weitere erzwungene Arbeitspause.

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Zu dem Zeitpunkt, an dem ich dieses Buch schreibe, ist Ägypten weder friedlich noch geeint. Terror erschüttert das Land. Laut Militärs stecken islamische Radikale hinter den Anschlägen. Der mächtige Sicherheitsapparat beschränkt aber skrupellos alle Freiheiten im Land, die im »arabischen Frühling« von der Jugend gerade erst erkämpft wurden.

Hätte ich eine durchschnittliche ägyptische Familie porträtiert, hätte ich eine gemäßigt religiöse mit zahlreichen Kindern aussuchen müssen. Das ist Ägypten.

Die Bauchtänzerin Dina und die Salafistin Rita sind jedoch typischer, als man bei uns glaubt. Konflikte, am Mittagstisch ausgetragen, sind insofern etwas Universelles.

Ständig habe ich junge Ägypter und Ägypterinnen getroffen, die der Religion wegen im Streit mit ihren Vätern und Müttern lagen. Der Islam entzweit Ägypten. Die Bevölkerung ist gespalten. Ein gespaltenes Land ist ein gefährliches Land.

Paris, im Februar 2014
Antonia Rados

ZWEI VON UNS / 1

Es ist bald Mitternacht. Die vergewaltigte junge Frau ist blass, und die Polizei ist informiert, um zu kommen und sie zu verhaften.

Das Hotel, wohin sie sich in Panik mit ihrer Mutter geflüchtet hat, wird ihr nur so lange Schutz gewähren, bis die Sicherheitskräfte eintreffen. Danach werden die zwei Polizisten von dem unterwürfigen diensthabenden Manager sofort in Richtung Opfer dirigiert werden. So gehört sich das in Ägypten. Ein Teil des Personals arbeitet für den Staatssicherheits-Untersuchungsdienst. Die beiden Frauen dürfen auf keinen Fall durch einen Hintereingang verschwinden. Einige Angestellte, die richtigen, passen auf.

Die Befragung wird auf der Polizeistation stattfinden, wann sie enden wird, ist unklar. Vergewaltigte Frauen werden mindestens eine Nacht in Polizeigewahrsam festgehalten. Die Polizei nimmt sich Zeit. Sie überprüft die Identität der Personen. Ein männliches Familienmitglied zu kontaktieren, ist die Regel. Wer keine Familie hat, ist von vornherein suspekt.

Ich sehe der Frau an, dass sie sich vor dem Polizei-Besuch beinahe genauso fürchtet wie vor der Horde von Männern, die ihr nur zweihundert Meter entfernt vom Hotel die Jeans herunterrissen, bevor einer nach dem anderen den Akt der Penetration durchführte, in Sichtweite einer Auffahrt der belebten 6. Oktober-Stadtautobahn, auf einer schlecht beleuchteten Verkehrsinsel, zwischen Müll, erzählt sie mir. Sie sagt, sie konnte sich befreien. Eine Behinderte werde dort unter der Autobahn weiter misshandelt. Mutter und Tochter kannten die Behinderte nicht, sondern befanden sich nur zufällig zum selben Zeitpunkt an derselben Stelle, um die Straße zu überqueren, als es plötzlich geschah. Ich frage, welche Behinderung die andere habe. Als Antwort erhalte ich eine diffuse Beschreibung von einem gehbehinderten, blutjungen Mädchen.

Während der Warterei auf die Polizei in dem Hotelrestaurant mutmaßt die junge Frau, soweit sie es in der Finsternis und in ihrer Panik überhaupt sehen konnte, sei die Behinderte so misshandelt worden, dass sie, ihrer Auffassung nach, ins Krankenhaus müsste. Sie habe geblutet. Sie habe versucht, auf allen Vieren wegzurobben. Die Männer hätten sie wieder geschnappt und zu sich gezerrt.

Wenn der Mutter Gewalt angetan wurde, so verliert sie kein Wort darüber. Sie schweigt, während die Tochter mir den Hergang ihrer sexuellen Nötigung in gebrochenem Englisch beschreibt. Zwischendurch sieht sie sich misstrauisch um in dem leeren, verglasten Raum des Hotel Hilton am Tahrir-Platz. Sie will nicht, dass unabsichtlich Zeugen lauschen. Außer ein paar Kellnern und mir ist ohnehin niemand mehr da. Das Abendbuffet ist längst abgeräumt und war es schon, als ich hungrig aufgetaucht bin. Das Personal servierte mir gerade ein aufgewärmtes Gericht, als die beiden Frauen hereingeführt wurden, damit die Polizei sie da finden könne. So kamen wir ins Gespräch.

Mutter und Tochter sind westlich angezogen – sieht man von dem Kopftuch ab, das die Mutter locker um die Haare umgebunden hat, ein teuer aussehendes, schickes Kopftuch, was darauf hinweist, dass sie zwar religiös ist, aber wohlhabender als viele in Ägypten. Leute aus der ägyptischen Mittelschicht ziehen sich so an, weil sie mit einem Fuß in der modernen Welt, mit dem anderen noch in der Vergangenheit stehen. Frömmigkeit zeigen gehört dazu. Bei genauem Hinsehen merke ich, dass die Mutter leicht zittert. Die unterwürfige Tochter scheint schicksalsergeben.

Sie sei Studentin, erzählt das Mädchen, während sie einen Schluck Wasser trinkt. Sie wartet nun auf den zweiten Teil der Qual in dieser Nacht: das Verhör.

In den Quartieren der ägyptischen Polizei und der Armee ist es üblich, »Jungfrauentests« durchzuführen im Falle eines Verdachts der Prostitution, die in Ägypten verboten ist und mit sechs Jahren Freiheitsentzug bestraft wird. Vergewaltiger gingen in Ägypten hingegen bis zum Jahre 1999 straffrei aus, solange sie das Opfer heirateten. Seither gibt es Prozesse mit milden Strafen. Es sind endlose, bürokratische Verfahren mit einem voraussehbaren Ende. Die Akten werden ohne Urteilsspruch abgelegt – wie bei den Verfahren davor und denen danach.

In den Polizeistationen getestet zu werden, wird gerechtfertigt mit dem Argument, so könne die Frau später nicht behaupten, sie sei von den Polizisten vergewaltigt worden. Das ist die kalte Logik der Sicherheitskräfte. Sich gegen diese erniedrigende Prozedur zu wehren, ist für eine junge Ägypterin zwecklos. Sie wird gleich vor Ort von einem Polizeiarzt, meistens ein Mann, gynäkologisch untersucht, außer sie hat Glück und die Sicherheitskräfte können keinen auftreiben.

Nach Vergewaltigung, Polizei-Jungfrauentest und Entlassung aus der Haft beginnt das nächste schwierige Kapitel, die Rückkehr in die Familie. Es ist nicht leichter zu ertragen als die vorigen.

Mädchen aus besserem Haus können die gesellschaftliche Schande mit dem Gang zu einem diskreten Arzt so weit als möglich rückgängig machen. Die operative Wiederherstellung des Hymens ist in Ägypten weit verbreitet. Bei Vergewaltigungen, oder auch in Fällen von freiwilligem Geschlechtsverkehr, einer unverheirateten Frau. Dies ist die einzige Garantie, damit das Opfer in der Hochzeitsnacht sicher sein kann, als Jungfrau in die Ehe zu gehen und damit ihren eigenen Ruf, den des Bräutigams und den der Familie zu erhalten. Ehre ist ein oft gebrauchtes Wort in Ägypten. Ehre des Ehemanns. Ehre der Familie. Die Ehre der Frau hängt in vielen Fällen von der Ehre der anderen ab.

Jungfernhäutchen und damit Ehre wiederherzustellen, so lese ich, ist ein Riesengeschäft. Wegen der starken Nachfrage bietet eine chinesische Firma im Internet ein künstliches Hymen an, das mit Kunstblut beschichtet ist. Es löst sich bei Wärme und Feuchtigkeit auf und bildet einen roten Kunstblutfleck.

Das ungeschriebene Gesetz der Jungfräulichkeit geistert durch alle Schichten, egal ob Mittelstand oder Slumbewohner. Pubertierende Mädchen nehmen nicht am Sportunterricht teil, weil das Hymen da angeblich verletzt werden könne. So etwas gehört sich nicht in einem Land des Islams, der Traditionen, einer Mischung aus allem. Eine Frau hat auf sich aufzupassen.

Sie hat wenig mehr zu verlieren als ihre Ehre.

Das Mädchen, das ich treffe, verliert die ihre in der Nacht auf den 2. Februar 2011 am Ende eines Protesttages, an dem für Freiheit demonstriert wird. Wie viele andere Frauen an diesem Tag dasselbe Schicksal ereilt, ist unbekannt. Es würde mich wundern, wenn die Polizei Buch führen würde über Vergewaltigungen oder erzwungene Jungfrauentests.

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An einem der Tage davor

Abenddämmerung bricht an, als eine andere junge Frau, ungefähr im selben Alter, vor meinen Augen auf eine Absperrung zuläuft und ein Polizist eine Pistole in die Luft streckt, um sie zu erschießen.

Während sie weiterrennt mit wehenden Haaren, verliert sie einen ihrer Flipflops und ich sehe, wie sie der Länge nach, nicht weit von mir entfernt, zu Boden stürzt. In der ersten Sekunde sieht es aus, als hätte der Sicherheitsmann abgedrückt und die junge Frau getroffen.

Jeder, der aus Ägypten berichtet, weiß, dass Vorwarnungen unüblich sind bei ägyptischen Sicherheitskräften. Dass geschossen wird, muss nicht angekündigt werden. Im Nachhinein gibt es keine Rechtfertigung, weder von Uniformierten noch von den Männern in Zivilkleidung, die, auf Dächern stationiert, eine Menschenmenge mit ihren Scharfschützengewehren in Schrecken versetzen können, indem sie einmal abdrücken. Nur ein Schuss genügt und jeder verschwindet in einem Hauseingang, allein aus Angst, er könnte der Nächste sein.

Hier gelten nicht dieselben Regeln wie in westlichen Ländern, wo der Einsatz von Scharfschützen bei Protesten nicht üblich ist. Im Westen müssen Sicherheitskräfte erkenntlich sein. Nicht so in Kairo. Polizei, Geheimdienste und Armee bestimmen die Regeln. Sie sind allmächtig, ein unberührbarer Staat im Staat.

Bei Polizeieinsätzen verletzte Demonstranten liegen oft stundenlang in Hauseingängen, bevor sie ein Krankenwagen aufnimmt. Eine Bergung der Opfer hat für die Polizei keinen Vorrang. Der gesamte Staatsapparat ist ein Musterbeispiel an Willkür, beginnend bei den Jungfrauentests und endend beim Erschießen von unschuldigen Zivilisten.

Das kommt mir unwillkürlich in den Sinn in diesem Bruchteil von Sekunden. Die junge Frau liegt noch immer auf dem Boden.

Ich hätte sie zurückgehalten, wäre ich nicht abgelenkt gewesen vom Lärm in einer Seitenstraße. Die Katastrophe ist beinahe schon geschehen, als ich die Szene schließlich sehe.

Jetzt steht sie wieder auf. Sie erhebt sich genau vor dem Mann mit der Pistole. In einer Mischung von Unterwerfung und Trotz sagt sie: Law samaht! Bitte! Wir wollen zum Hotel Hilton! Der Polizist kann seine Augen nicht von ihr lösen, beinahe legt er seine Hand um ihre Taille, während er ihr erklärt, wir müssten auf die entgegengesetzte Seite des Platzes und das gehe nur über einen weiten Umweg, weil es überall Polizeisperren gebe. Da sei ein direktes Weiterkommen unmöglich. Die junge Frau geht los. Alle Männer sehen ihr nach. Die Blicke sind verstohlen, aber eindeutig.

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Alle Regeln des Zusammenlebens in Kairo sind gerade im Begriff zu kollabieren. Nebel hängt in der Luft, der von Tränengas, das die Polizei wild verschießt, egal in welche Richtung. Die Horden von jungen Vorstadt-Jugendlichen bringen sich in den Seitengassen in Sicherheit, um sofort wieder aufzutauchen. Wir geraten ihnen in den Weg. Sie kommen auf uns zu. Schreie, Warnungen, Polizeisirenen sind in der Ferne zu hören. Männer mit Holzstöcken tauchen auf, die uns begleiten wollen – so seien wir sicherer. Wir hauen so schnell wie möglich ab.

Weiter entfernt, unter der Autobahnbrücke, lungern die Vergewaltiger herum. Hungrig nach Freiheit, Streit, Einbrüchen oder Frauen, alles, was das chaotische Kairo in der aufbrechenden Revolution anbieten kann, ohne dass sie dafür bestraft werden.

Erschöpft erreichen wir das Hotel. Wir setzen uns in das gläserne Restaurant, weil wir Hunger verspüren und dort gerade damit begonnen wird, das Buffet für das Abendessen aufzubauen. Zuerst bestellen wir Getränke.

Und unmittelbar danach bricht es aus ihr heraus in einem nicht enden wollenden Wortschwall. So würde sie normalerweise nicht aus dem Haus gehen, sagt sie, einen Blick auf ihre Flipflops werfend. So, mit einem alten T-Shirt und Jeans bekleidet, würde man sie selten sehen. Ein verbittertes Lachen folgt.

Am Vorabend hat sie mit ihrem Vater gestritten. Bei dem Schreiduell brüllt er sie an, ihre Ausflüge seien zu Ende, sie werde das elterliche Haus vorerst nicht mehr verlassen, jetzt, wo nichts als Kommunisten und Islamisten unterwegs seien. Keine anständige Frau habe da draußen etwas zu suchen. Ein Wort folgt dem anderen, und am Ende gewinnt der Vater. Er sperrt seine erwachsene Tochter in ihrem Zimmer ein. Davor nimmt er ihr das Handy und alles Geld, ohnehin sein Geld, ab. Sollte sie es wagen, das Haus zu verlassen, werde er dafür sorgen, sagt er, dass es ihr leid tue. Cholerischer Typ, mein Vater, sagt sie.

Dass sie seit einigen Tagen als Übersetzerin mit mir arbeitet, hat die junge Frau daheim verschwiegen. Arbeiten ist nicht Frauensache in dieser Familie. Die Mutter ist, zum Ärger der Tochter, nur Hausfrau. Wenn die Mutter aus dem Haus geht, dann nur, um einzukaufen oder Freundinnen zu treffen. Der Chauffeur bringt sie zu den jeweiligen Verabredungen und wartet, bis sie fertig ist.

Als Mutter und Vater noch schlafen, entwischt die Rebellin. Sie steigt durch das Fenster und über die Mauer um das Grundstück. Die Wachen in der Straße kennen sie. Die kilometerlange Strecke ins Zentrum läuft sie zu Fuß, weil sie keinen einzigen Geldschein bei sich hat.

Wir treffen uns nur zufällig am Rande von um sich greifenden Unruhen. Die Proteste sind überall in Kairo im Gange.

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Vom Restaurant aus können wir gerade noch eine Rauchwolke über einem Regierungsgebäude beobachten, bevor die Hotelbediensteten die Fenster sicherheitshalber mit Bretterwänden abdecken.

Das Haus ihrer Familie liegt in dem Regierungsviertel Heliopolis, in der Nähe des Präsidentenpalastes, was das Wachpersonal erklärt. Präsidentenpalast und eine der Residenzen des ägyptischen Staatsoberhauptes sind umgeben von Kasernen der Armee und von Regimetreuen. Wer hier wohnt, gehört zum engsten Kreis der Macht.

Die Leute aus dem direkten Umfeld des Präsidenten, egal in welcher Funktion, genießen in Ägypten, neben dem privilegierten Wohnsitz, das eine oder andere politische Amt in Ministerien oder in Betrieben. Einige sind glückliche Nutznießer einer Privatisierungswelle, weil staatliche Betriebe gelegentlich unter dem Marktpreis verkauft werden. Zu Ägyptens inneren Kreisen gehören selbstverständlich Militärs, ihrerseits stolze Besitzer so unterschiedlicher Unternehmen wie Munitionsfirmen oder, weniger naheliegend, Nudelfabriken. Die Armee kontrolliert massiv die Wirtschaft. Die Ägypter scherzen, andere Armeen seien Kriegsmaschinen, die ägyptische hingegen ein Geldautomat. Das trifft den Kern der Sache.

Als wäre das nicht genug, spielt die Armee die Rolle des allgemeinen Sittenwärters, wenn sie weibliche Demonstranten auf dem Tahrir-Platz wie jetzt pauschal der Prostitution bezichtigt. In die Hände der Armee zu geraten, ist nicht minder erniedrigend als in die der Polizei. Beide Apparate arbeiten insofern zusammen, als sie gemeinsam junge Männer aus der Menge der Demonstranten heraus ohne Rücksicht verhaften. Mit einer Frau geht man nicht zimperlicher um. Eine wird, als sie sich wehrt, wie ein Mehlsack von Soldaten über den Platz gezogen, bis sie nur noch in der Unterwäsche daliegt. Niemand hätte davon erfahren, wären nicht Handy-Aufnahmen von einem Opfer im Internet als Beweis aufgetaucht. Die Armee weist jede Schuld zurück.

Eine andere wird von den Sicherheitskräften lächerlich gemacht, weil sie über den ihr aufgezwungenen Jungfrauentest spricht. Sicher hätte es einen guten Grund dafür gegeben, wird ihr höhnisch entgegnet.

Meine Übersetzerin deutet an, sie wisse, dass die Typen von der Polizei genauso brutal wie bestechlich seien, außerdem habe ihr Vater Beziehungen. Welche Tätigkeit der ausübt, ob er Militär, Berater des Präsidenten oder hoher Beamter eines Ministeriums ist, kann ich nicht eindeutig aus ihr herauskriegen. Erstaunlich ist jedoch, über wie viel sie Bescheid weiß. Das macht den Satz, ihre Familie verkehre in den höchsten Kreisen, glaubwürdig. Ich lausche gespannt. Sie erzählt von den erwirtschafteten Milliarden des Mubarak-Clans. Suzanne Mubarak, meint sie, sei nichts als eine ehrgeizige, intrigante Frau. Ständig versuche sie, ihre eigenen Verwandten in die höchsten Posten zu hieven, selbst bei verbriefter Unfähigkeit. Ihr wichtigstes Anliegen sei es, den eigenen Sohn zum nächsten Präsidenten zu küren. Die Armee sei dagegen, weil sie einen aus ihren Reihen im Präsidentenpalast wolle, wie schon in den Jahrzehnten davor. Davon spricht man offen in den Villen in Heliopolis. Deswegen gibt es bei den Mubaraks Spannungen.

Die junge Frau hat keinerlei Scheu, darüber zu reden. Andere Ägypter hätten das nicht gewagt. Furcht ist ein gutes Mittel, die Leute unten zu halten. Darüber kann die junge Frau nur lachen. Wovor sich fürchten? Vor einer wie Suzanne?

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Zeitungen und staatliches Fernsehen berichten in höchsten Tönen über die Präsidentengattin. Sie gilt als Förderin der Ägypterinnen. Ihr ist zu verdanken, dass ein ägyptischer Ehemann zuerst die Zustimmung seiner ersten Frau braucht, wenn er sich eine Zweitfrau nehmen will. Vorher konnte er seine erste Frau einfach verstoßen. Dank der Präsidentengattin muss er sie nun zumindest über seine Entscheidung informieren oder er beauftragt einen Anwalt, das zu tun. Ungeändert bleibt das Gesetz, dass sich jeder Mann bis zu vier Ehefrauen gleichzeitig nehmen kann. So ist das in den meisten islamischen Ländern.

Frau Mubaraks zweites Anliegen ist es, die Beschneidungen von Mädchen einzuschränken. In Ägypten soll über die Hälfte der Frauen beschnitten sein. Ganze Generationen von Frauen halten daran fest, obwohl Islamgelehrte der angesehenen Al-Azhar-Moschee, der höchsten religiösen Instanz im Lande, sich dagegen aussprechen. Beschneidung, sagen sogar sie, habe ohnehin nichts mit Religion zu tun. Es sei eine Unsitte, aus Afrika kommend, zu dem Ägypten geografisch gehört. Das erklärt, warum die Beschneidung unter Kopten genauso verbreitet ist wie unter Muslimen. Koptische Mütter ersparen ihrem weiblichen Nachwuchs die Prozedur der Beschneidung ebenso wenig. Kopten sind Ägyptens vorislamische, christliche Minderheit. Sie machen ungefähr zehn Prozent der Bevölkerung aus.

Suzanne Mubaraks Kampf wird im Westen recht positiv angemerkt und oft mit entsprechenden Ehrungen bedacht. Es gibt kaum eine internationale Veranstaltung für Frauenrechte, bei der sie nicht in der ersten Reihe sitzt. Vorkämpferin der Frauen in der islamischen Welt zu sein, ist eine schwierige Rolle. Jeder weiß das. So eine muss gewürdigt werden in den Augen der Welt.

Daheim in Ägypten sind die Spielregeln verschwommener. Suzanne Mubaraks Ehemann, Präsident Hosni Mubarak, lässt Kairo seit zwanzig Jahren mit Plakaten mit Aufrufen vollpflastern, mehr Ägypterinnen sollten als gute Musliminnen ein Kopftuch tragen. Wie alle Präsidenten vor ihm benützt er den Islam ebenso, wie er ihn bekämpft. Die ägyptische Verfassung wurde bereits von seinem Vorgänger, Präsident Anwar as-Sadat, islamisiert, ohne dass sich jemand darüber im Westen aufgeregt hätte.

Daheim in Ägypten sind die Spielregeln brutaler als in den Festsälen, in denen die Ehrungen stattfinden. Daheim werden Mädchen und Frauen auch mitten in Kairos Zentrum von Jugendbanden vergewaltigt. So geschehen in der Mubarak-Zeit, in einer trüben Novembernacht, ausgerechnet während eines der hohen Festtage.

Tage, an denen Familien spazierengehen. Tage, an denen Eltern und Kinder gemeinsam eines der zentral gelegenen Kinos besuchen, um dort die neuen Filme zu sehen. Danach geschieht es. Frauen kreischen, während Mubaraks Ordnungshüter zusehen. Nur einer versucht den Frauen zu helfen, erzählen schockierte Zeugen. Kein Polizist wird diszipliniert. Keiner verliert seinen Posten. In den staatlichen Medien wird der Zwischenfall totgeschwiegen. Aus dem Munde der Präsidentengattin kommt kein Wort der Kritik. Das Gerücht geht um, eine Bauchtänzerin hätte den Aufruhr ausgelöst.

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In dem immer turbulenten Zentrum, in dem Straßengewirr um den Tahrir-Platz, Sammelplatz für Demonstranten, Straßenhändler, Diebe und gewalttätige Typen jeder Art, will meine Übersetzerin nicht bleiben. Wir können von unserem Tisch im Hotelrestaurant aus den Platz beinahe sehen. Rennende Polizisten. Tränengas. Das hier sei sie nicht gewöhnt, sagt sie, so ein unübersichtliches Chaos, außerdem sei sie todmüde, der Fußmarsch habe ihr den Rest gegeben. Sie sagt, sie gehe nie zu Fuß. Für körperliche Ertüchtigung gebe es Sportclubs. Normalerweise würde sie den Fahrer ihres Vaters nehmen, wenn sie einen Weg zurückzulegen habe, etwa zur Universität. Ein Viertel wie das um den Tahrir sei ihr unbekanntes Territorium. Sie kenne sich überhaupt in Kairo wenig aus.

Die junge Frau wäre verschwunden, hätte ich sie nicht überredet, im Hotel zu übernachten. Der Rezeptionist findet ein Zimmer für sie. Die Nacht über wird draußen geschossen, während die Hoteleingänge verbunkert werden. Niemand wird eingelassen. Keine Demonstranten, keine Verletzten.

In den Tagen darauf wird es noch unruhiger, aber meine Übersetzerin wird es nicht mehr so hautnah miterleben. Gleich am nächsten Morgen ruft sie daheim an. Ihre Familie ist besorgt. Bald ist der Wagen des Vaters mit Chauffeur unterwegs zum Hotel, um sie abzuholen und in Sicherheit zu bringen. Sie solle, sagt ihr die Familie, nur ja kein Taxi nehmen.

Als der Fahrer vor dem Hoteleingang parkt und ihr die hintere Wagentür aufhält, treffen zwei Welten aufeinander. Eine junge Frau, die nicht gewohnt ist, Befehle entgegenzunehmen. Eine aus Heliopolis. Eine, die ungeduldig wird, wenn der Fahrer nicht sofort spurt. Sie will so schnell wie möglich zurück in die Villa. Die Wohnung des Fahrers liegt vermutlich in einem der weit entfernten Stadtteile, Ain Schams oder im Viertel Imbaba. Sicher hat er eine Ehefrau mit Kopftuch. Eine, die oft beten geht, weil sie glaubt, es würde helfen, Miete und Strom zu bezahlen.

Der Fahrer muss, während er den Autoschlüssel hervorholt, jeden einzelnen harten Tag vor Augen haben, den Menschen wie er schon hinter sich liegen haben, und die Tage, die noch bevorstehen. Bis in alle Ewigkeit. Bis sich vielleicht etwas daran ändert, dass er, wie fast die Hälfte der Bevölkerung Ägyptens, unter dem Existenzminimum lebt, trotz seines Jobs als Fahrer. Jedes Pfund umdreht, bevor es ausgegeben wird. Jede Preiserhöhung als Bedrohung empfindet. Auch wenn er, wie viele Ägypter, vielleicht nicht einen, sondern zwei Jobs hat. Tagsüber fahren, nachts in einem Restaurant arbeiten, von zehn Uhr abends bis drei Uhr morgens.

Der Fahrer tritt das Gaspedal durch.

Ich blicke dem Wagen nach, der die junge Frau zurückbringt in ihre gutbehütete Welt, dorthin, wo sie sicher ist vor allen Übeln des unberechenbaren Kairo.

1 Die Unnahbare

Niemand in der Familie kann mir genau sagen, warum aus der Nachtclubsängerin und Kettenraucherin ausgerechnet eine Salafistin geworden ist. Salafistin, ein Schreckenswort. Salafismus ist eine der radikalsten Strömungen des Islams. Die Sängerin hätte sich nichts Schlimmeres aussuchen können. Aber das war ihre Wahl und daran hält sie seit Jahren fest.

Das Datum ihrer Bekehrung ist allen wie eine Wunde ins Gedächtnis eingebrannt. Es war 2001. Jeder erinnert sich noch daran. Es war vor mehr als dreizehn Jahren, als die in Kairos Unterhaltungsszene bereits gut etablierte Sängerin namens Rita sich von der Welt abwandte, um von da an die von Salafisten vorgeschriebene Bekleidung anzulegen und die Trennung von Männern und Frauen strikt einzuhalten. Seither verbringt sie den Großteil ihrer Tage mit Gebeten. Sie folgt ausnahmslos allen vorgeschriebenen Regeln. Nur mit den Fingern essen, was einige Salafisten praktizieren, tut sie nicht. Alles andere, merke ich selbst mehr als mir recht ist, befolgt die Salafistin Rita bis ins letzte Detail.

Ihr dunkler Ganzkörperumhang ist das sichtbarste Anzeichen ihrer strengen Religiosität. Der Gesichtsschleier mit dem Schlitz, durch den jeder, auch ich, Ritas Augen nur erahnen kann. Riesige, dunkle Augen mit überlangen Wimpern, die den Rand des Gesichtsschleiers berühren, sobald Rita mit den Augen klimpert. Niemand kann umhin, sofort daran zu denken, dass diese Frau dieselbe religiöse Richtung eingeschlagen hat wie der berüchtigtste Salafist der Welt, Osama bin Laden. Und sie trägt, auch bei den höchsten Temperaturen in Kairo, Handschuhe. Schwarze Handschuhe, die so weit reichen müssen, dass man bei keiner Bewegung ein Stück ihrer weißen Haut sehen kann.

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Mein ursprüngliches Interesse gilt nicht der Salafistin, sondern ihrer Schwester, der berühmtesten Bauchtänzerin Ägyptens: Dina Talaat.

Bei einem Dreh mit ihr bei einer ihrer Tanzvorführungen Ende 2012 erfahre ich von der Existenz ihrer salafistischen Schwester. Während Dina vor einer Gesellschaft in einem Luxushotel tanzt, erzählt mir eine Bekannte, die mich zu ihr gebracht hat, von der religiösen Schwester, als wäre das etwas Normales hier.

So habe ich zunächst noch keine konkrete Vorstellung von der Salafistin Rita. Früher gab es in Ägypten eine westlich orientierte Alltagskultur. Seit mehr als einem Jahrzehnt gehört die zur Vergangenheit. Heute wird das Land nicht nur von Revolten und Protesten erschüttert, sondern es durchlebt eine zunehmende Islamisierung. Kairo, das Hollywood arabischer Unterhaltung mit seinen Kinos im Zentrum, den großen Film-Hits und nicht zuletzt den angehimmelten Bauchtänzerinnen, ist eine zerrissene Stadt. Hier Freizügigkeit, dort religiöser Fanatismus. Nötigung von Frauen in Seitenstraßen, und eine Tänzerin wie Dina, in ein und demselben Viertel.

Die Vorstellung, dass es in derselben Familie zwei so unterschiedliche Schwestern gibt, liegt weniger nahe. Eine Salafistin wie Rita würde normalerweise in eine arme Familie gehören, eine Frau wie Dina in eine reiche, so glaubt man in Europa.

Meine Bekannte kennt beide Schwestern gut. Während Dina vor der Hochzeitsgesellschaft tanzt, erzählt sie mir so einige Einzelheiten. Etwa, dass die Schwester offenbar von niemand Konkretem bekehrt wurde. Niemand hat ihr den Salafismus aufgezwungen. Schließlich sei sie Sängerin gewesen. Sie habe mit ihrer tiefen Mezzosopranstimme Erfolge gehabt, sei zusammen mit ihrer Schwester jahrelang auf Tournee durch Europa unterwegs gewesen. Dann habe sie plötzlich mit allem gebrochen, von einem Tag auf den anderen. Kaum vorzustellen, sagt sie, wo doch Rita früher arabische Stars wie Umm Kulthum und Fairuz geliebt habe. Frank Sinatra und Céline Dion seien damals ihre Vorbilder aus dem Westen gewesen.

Seit ihrer Bekehrung zum Salafismus, so die Bekannte, sei Dinas Schwester insofern unzugänglich, als sie das bei Religiösen übliche abgeschirmte Leben führe. Man könne versuchen, einen Kontakt herzustellen. Wenn Dina mir einen Draht zu ihrer Schwester legen würde, müsste es klappen. Immerhin seien die beiden nicht zerstritten.

Das macht die Sache in meinen Augen noch eine Spur ungewöhnlicher. Ich versuche mir die beiden nebeneinander vorzustellen. Die eine, Dina, in einem ihrer umstrittenen Bauchtanzkostüme, die für den Geschmack vieler Ägypter allzu offenherzig sind. Sie sind eines von Dinas Markenzeichen. Die andere, Rita, mit Gesichtsschleier und Ganzkörperumhang. Da sagt mir die Bekannte, die Schwester habe sich auch umbenannt. Sie heiße nicht mehr Rita. Ihr neuer Name laute Rokkaya, nach einer der Töchter des Propheten Mohammed. Ich erfahre, dass ihre salafistischen Freundinnen ihr diesen Namen nahegelegt hätten. Rita klinge zu christlich, eine Salafistin dürfe so nicht heißen.

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So, wie sie eines späten Morgens neben mir steht, nichts als ein schwarzer, unnahbarer Schatten, so werden die meisten unserer Begegnungen ablaufen. Wie sich unterhalten mit einer Frau ohne Gesicht? Lächelt eine Salafistin jemals? Wie sieht so eine aus, wenn sie zornig wird? Die unwirkliche Szenerie, überflutet von einer grellen Sonne, die uns blendet, erweckt bei mir den Eindruck, eine solche Frau gehöre nicht ins Kairoer Verkehrschaos. Altersschwache Autos fahren zwischen von Eseln gezogenen Karren, Staubwolken hinter sich herziehend, die einem das Atmen schwer machen. Als würde das nicht genügen, begleiten Schreie von Kleinhändlern und unentwegtes Hupen die Szene. Jedes Hupen klingt wie ein Wutausbruch.

Und mittendrin die Salafistin, die vorsichtig, wie eine Blinde, versucht, die dichtbefahrene Straße zu überqueren. Ich beobachte sie, wie sie ihren ganzen Körper nach rechts dreht, um überhaupt etwas zu sehen mit ihrem eng um die Augen liegenden Gesichtsschleier. Normalerweise haben wir mit beiden Augen ein Gesichtsfeld von etwa 180 Grad, bei Rita ist es nicht einmal halb so viel. Sie hat ein echtes Handikap in dieser unübersichtlichen Verkehrslage.

An den Füßen trägt sie ausgerechnet Crocs. Bequeme Schuhe, sagt Rita später, seien das Um und Auf. Damit könne sie besser gehen als in Schuhen mit Absätzen. In diesem Verkehrsgewirr geht sie nur einen kleinen Schritt nach vorne und muss sofort wieder zurück, weil ein Taxifahrer aufs Gas steigt anstatt zu bremsen. Sie hat ihn nicht gesehen.