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Christian Hlavac

Wiener

PARK

GESCHICHTEN

Von Gärtnern, Kaisern und Grünoasen

Mit 68 Abbildungen

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Bildnachweis

Otto Croy/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com (10), Austrian Archives/Imagno/picturedesk.com (13, 117, 145), Christian Hlavac (16/17, 28, 36/37, 47, 53, 55, 64, 70, 81, 86, 93, 97, 99, 102, 111, 112, 124/125, 127, 132, 134/135, 136, 139, 141, 151, 152, 154, 160, 165, 171, 173, 187, 188, 193, 199, 204, 207, 209, 217, 221, 231), Pressestelle der Stadt Wien (21), Christian Hlavac/Österreichisches Gartenbaumuseum (26/27), Sammlung und Archiv Christian Hlavac (32, 44, 51, 61, 77, 104, 120, 157, 178), Franz Antoine/Wien Museum (35), Josef Hlavac/Familienarchiv Hlavac-Englinger (42), Wien Museum/Imagno/picturedesk.com (68/69), Österreichisches Volkshochschularchiv/Imagno/picturedesk.com (73), Helmut Englinger/Familienarchiv Hlavac-Englinger (87, 184), Österreichisches Gartenbaumuseum (88), Archiv Seemann/Imagno/picturedesk.com (107, 225), ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com (174), Johann Kräftner/Imagno/picturedesk.com (201), Archiv Lunzer/Imagno/picturedesk.com (213), Christian Hlavac/Rollettmuseum Baden (219)

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© 2021 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Katharina Zenger

Umschlagabbildung: © iStockphoto.com/Andres Garcia M

Lektorat: Helene Breisach

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

ISBN 978-3-99050-195-5

eISBN 978-3-903217-74-4

Inhalt

Vorwort

Von Kühen und Kirschblüten

Belvedere, Landstraße (3. Bezirk)

Tastpflanzen und Akustikbrunnen. Ein Park für Blinde

Wertheimsteinpark, Döbling (19. Bezirk)

Seine Majestät als Gärtner im Burggarten

Burggarten, Innere Stadt (1. Bezirk)

Offizier und Parkgestalter: Graf Lacy und sein Park

Schwarzenbergpark, Hernals (17. Bezirk)

Venedig in Floridsdorf

Wasserpark, Floridsdorf (21. Bezirk)

Schuld waren die Gärtner: die Vienna und ein Dorado der Gartenkunst

Heiligenstädter Park/Rothschildpark, Döbling (19. Bezirk)

Ist es eine Wiese? Adalbert Stifter und der Prater

Der Prater, Leopoldstadt (2. Bezirk)

Von Diogenes zum Film: ein verstecktes Kleinod

Dehnepark, Penzing (14. Bezirk)

Von der Müllhalde zur Gartenschau

Donaupark, Donaustadt (22. Bezirk)

Schönbrunn: eine Reise von Ägypten bis Rom

Schönbrunner Schlosspark, Hietzing (13. Bezirk)

Ein Geschenk der Kommune an das Volk

Stadtpark, Innere Stadt (1. Bezirk) und Kinderpark, Landstraße (3. Bezirk)

1775: »Jedermann« im Augarten

Augarten, Leopoldstadt (2. Bezirk)

Japan und ein Flugzeughangar

Setagayapark, Döbling (19. Bezirk)

Der Volksgarten und die »Polizey«

Volksgarten, Innere Stadt (1. Bezirk)

»Fix Laudon« – ein General mit grünem Daumen

Schloss Laudon und Umgebung, Penzing (14. Bezirk)

Milch trinken im bürgerlichen Park

Türkenschanzpark, Währing (18. Bezirk)

Die Gärten des unvollendeten Neugebäudes

Neugebäude sowie Urnenhain des Zentralfriedhofes, Simmering (11. Bezirk)

Der »verschwenderische« Schlosspark

Pötzleinsdorf, Währing (18. Bezirk)

Eine mystische Grotte am Cobenzl

Cobenzl, Döbling (19. Bezirk)

Die WIG 74 und ein Kurpark

Kurpark Oberlaa, Favoriten (10. Bezirk)

Rathauspark – Platz oder Grünfläche?

Rathauspark, Innere Stadt (1. Bezirk)

Einmal Liechtenstein und retour: eine Oase in der Rossau

Garten des Palais Liechtenstein, Alsergrund (9. Bezirk)

Maria Theresia schaut auf Hamburg

Maria-Theresien-Platz, Innere Stadt (1. Bezirk)

Ein Freimaurer und sein Garten in Kalksburg

Jesuitenkolleg Kalksburg, Liesing (23. Bezirk)

Die Verschönerung des Glacis

Wiener Ringstraße, Innere Stadt (1. Bezirk)

Dank

Ausgewählte Literatur

Namensregister

Vorwort

Es ist kein Zufall: Das Wort Paradies aus dem Altpersischen bedeutet »umzäunte Fläche«. Daraus entwickelte sich im Neupersischen der Begriff für Garten. Unsere heutigen kleinen und großen Paradiese nutzen wir zum Flanieren, zum Atemholen in der Mittagspause, zum Spielen und Sporteln. Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass uns in Städten eine Vielfalt und Vielzahl öffentlicher Grünflächen zur Erholung einlädt. Meist denken wir nicht daran, wie und unter welchen Umständen diese Gärten und Parks entstanden sind. Wer hatte die Idee, genau an dieser Stelle eine Grünfläche anzulegen? Wie sahen diese einst aus? Welche Geschichten ranken sich um ihre Entstehung und Gestaltung? Welche Geheimnisse verbergen sich hinter den Gartenmauern?

Manches, was wir über sie zu wissen glauben, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Legende. Trotzdem – oder gerade deswegen – lassen sich über jeden Garten und jeden Park spannende und überraschende Geschichten erzählen.

Nehmen Sie sich ein wenig Zeit und lassen Sie sich auf den folgenden Seiten in die Vergangenheit zahlreicher Wiener Grünflächen entführen. Egal, ob Sie das Buch daheim auf der Couch lesen oder es auf Ihren nächsten Spaziergang mitnehmen und es sich damit auf einer Parkbank gemütlich machen. Ganz nach dem Motto des bengalischen Dichters und Philosophen Rabindranath Tagore (1861–1941): »Dumme rennen; Kluge warten; Weise gehen in den Garten.«

Christian Hlavac

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Weidende Kühe im Belvedere, Aufnahme von Otto Croy, 1945

Von Kühen und Kirschblüten

Belvedere, Landstraße (3. Bezirk)

Wer kennt das Bild nicht: Der österreichische Außenminister Leopold Figl hält am 15. Mai 1955 auf dem Balkon des Oberen Belvedere den Staatsvertrag in die Höhe. Tausende Menschen stehen im Gartenparterre und jubeln ihm und den anderen Politikern zu. Man ist sichtlich erleichtert: Österreich ist frei – bestätigt durch Unterschriften und Siegel.

Wer aber weiß heute noch, dass einige Jahre zuvor nicht Menschen den Belvederegarten zum Schauen, Erholen und Spaziergehen nutzten, sondern dort Kühe grasten? Ein Bild aus dem Jahr 1945 zeigt drei Kühe auf dem damaligen Rasenparterre, die – für wen auch immer – Milch und Fleisch lieferten. In jener Notzeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in fast jeder Grünanlage Wiens in irgendeiner Weise Gartenbau beziehungsweise Landwirtschaft betrieben. Die damalige städtische Abteilung für Gartenanlagen hatte in verschiedenen Parks in Summe rund 250 000 Quadratmeter mit Gemüse, Ölfrüchten, Kartoffeln und Medizinalpflanzen bebaut. 40 000 Kilogramm Gemüse konnten so im ersten Halbjahr 1946 zur Versorgung der Bevölkerung zur Verfügung gestellt und drei Millionen Gemüsepflanzen an Erntelandbesitzer und Kleingärtner abgegeben werden. Bis Mai 1947 hatte sich der Ertrag beim Gemüse auf 145 000 Kilogramm erhöht. Das Frischgemüse ging an Spitäler und Kindergärten. Die für diese Aktion notwendigen Anbaupflanzen wurden in den städtischen Reservegärten in der Vorgartenstraße (Leopoldstadt) und in den ehemaligen Rothschild-Gärten auf der Hohen Warte (Döbling) gezogen.

Besonders bemerkenswert ist, dass im ersten Nachkriegsjahr auf einer Wiese des Rathausparks Mohn angebaut wurde. Dieser diente mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit medizinischen Zwecken: Da Narkosemittel und Schmerzmittel damals mehr als rar waren, wurde der morphinhaltige Schlafmohn zur Schmerzlinderung oder zur Betäubung bei Operationen verwendet.

Zu Gast: Japan und der Nordpol

In der Zwischenkriegszeit diente der Belvederegarten nicht der Lebensmittelversorgung, sondern bot Raum für viele Veranstaltungen. Damals war der Garten noch deutlich schlichter gestaltet: Große Rasenflächen prägten sein Aussehen; von einer barocken Farbvielfalt in den Broderieparterres (französisch broderie = Stickerei), wie sie zu Zeiten der Errichtung zu erleben war – und auch heute wieder ist –, war nichts zu sehen. Farbe und Abwechslung brachte jedoch am 7. Juli 1923 ein »Japanisches Kirschblütenfest«, welches von einem Komitee zur Unterstützung der Kinderheilanstalt im niederösterreichischen Alland organisiert wurde und unter der Schirmherrschaft des japanischen Botschafters stattfand. Da das Fest vor allem als Redoute gedacht war, bat der Veranstalter die Damen, maskiert zu erscheinen. Als »allgemeine Toilette« galten Kimono, Sommer- oder Abendkleidung. An mehreren Verkaufsständen bot man Waren an, die von Wiener Firmen gespendet wurden. Die Dekorationen stammten aus einer Aufführung der Operette Die Geisha, die damals schon längere Zeit in Wien gespielt wurde.

Fast 100 Jahre zuvor hatte eine aus heutiger Sicht sehr eigenartige Veranstaltung im großen Bassin vor dem Oberen Belvedere stattgefunden. Wie ein zeitgenössischer Werbezettel, Ankündigungen in Zeitungen sowie Berichte danach zeigen, trat am Abend des 4. August 1825 unter dem Titel »Der Esquimeaux-Indianer aus der Baffins-Bay am Nordpol« ein Indigener auf, der seine Künste im Rudern und Jagen mit dem Speer im großen Bassin zeigte. Er führte auch die sogenannte Eskimorolle vor: eine Methode, um ein gekentertes Kajak wieder aufzurichten. Der Eintrittspreis für einen Platz auf einer Bank direkt um das Bassin betrug stolze zwei Gulden, trotzdem war der Andrang groß. Veranstaltet hatte die Aufführung ein Herr Hadlock, ein Schiffskapitän aus Nordamerika, der mit dieser Aufführung – so ist zu vermuten – durch halb Europa tingelte.

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Plakat zum »Kirschblütenfest« im Belvedere, 1923

Die Ursprünge des Gartens

All das hätte es ohne den Bauherrn nicht geben können: Prince François-Eugène de Savoie-Carignan (1663–1736). In Wien wird der in Frankreich geborene und aufgewachsene Adelige meist vereinfacht Prinz Eugen genannt.

Sein barockes Belvedere gehört noch heute zweifellos zu den bedeutendsten historischen Gartenanlagen Europas. Eugen begann im Jahr 1697 Grundstücke entlang des Rennwegs zu erwerben sowie erste Gartenarbeiten in Auftrag zu geben. Nachdem um 1708 der Entschluss erfolgt war, die ursprünglichen Bau- und Gartenpläne umzustoßen, wurde in den Jahren 1712 bis 1716 das Untere Belvedere und von 1717 bis 1723 das Obere Belvedere nach Plänen des gebürtigen Genuesen Johann Lucas von Hildebrandt errichtet. Erst nach unglaublichen 29 Jahren war die Anlage, bestehend aus den beiden Schlossbauten, dem dazwischen eingespannten großen Garten, der Menagerie, einem Küchen- und Kammergarten sowie der Orangerie fertiggestellt. Beim Oberen Belvedere musste Hildebrandt später noch einmal »einspringen«, als die Decke der Eingangshalle im Winter 1732/1733 einzustürzen drohte. Er zog ein Gewölbe mit vier freistehenden Atlanten ein, die noch heute den Eingangsbereich dominieren und diesen etwas gedrungen erscheinen lassen. Man möchte meinen, dass einem die Decke sprichwörtlich auf den Kopf fällt.

Im Jahr 1717 wurde mit der Gestaltung des unteren Gartens – die noch heute erhalten ist –, mit der Anlage des oberen Gartens, der Brunnenanlagen und wohl auch des Kammergartens und des Küchengartens begonnen. Die Wasserspiele gehen auf den Franzosen Dominique Girard zurück. Mit großer Wahrscheinlichkeit stammt auch die Planung der Gärten – in Kooperation mit Hildebrandt – von ihm. Die konkrete Ausführung erfolgte jedoch durch den Gärtner Anton Zinner.

Zinner und Hildebrandt waren zu jener Zeit auch damit betraut, den Garten des Harrach’schen Gartenpalais in der Wiener Ungargasse neu zu gestalten. Die Vielbeschäftigung der beiden führte auch zu Zwistigkeiten. So beschwerte sich Johann Joseph Philipp Graf Harrach, dass Anton Zinner und Johann Lucas Hildebrandt ständig auf anderen Baustellen tätig seien. Der Feldmarschall und Präsident des Hofkriegsrates Harrach lässt tief in die zwischenmenschlichen Beziehungen blicken, als er 1730 in einem Brief schreibt, dass ihn Hildebrandt, »der verfluchte Kerl«, so aus der Fassung bringe, dass er »ime möchte in die Ohren beissen«.

Optische Tricks

Man wird beim Belvedere an die Kunst des französischen Gärtners André Le Nôtre (1613–1700) in Versailles, mit ihrem raffinierten Spiel aus Proportionen und Täuschungen, erinnert. Auch das optische »Verschlucken« von Gartenteilen und Gebäuden finden wir im Belvedere. Eine besondere Wirkung erhält der Garten durch eben dieses Spiel vom Verschwinden und Sichtbarwerden des Oberen Belvedere, wenn man den Garten von unten her durchschreitet. Dieser »Trick« gelingt nur, weil es zwischen dem Oberen und dem Unteren Belvedere einen markanten Höhenunterschied gibt. Das Gelände dazwischen wurde nicht als einfache Ebene gestaltet, sondern mit drei eigenständigen Gartenteilen, die sich unterschiedlich präsentieren. Das Wasser spielt in allen eine große Bedeutung, von exotischen Pflanzen ganz zu schweigen. So berichtete im Jahr 1730 der Reisende Johann Basilius Küchelbecker von kostbaren und raren Gewächsen in der Orangerie: »Derer raren Gewächse, welche theils von Florenz, theils von Genua, von Neapolis [= Neapel], aus Peru, Malabar, Indien und Türckey hierher gebracht worden, werden über zwey tausend gezehlet.«

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Das Obere Belvedere mit dem Großen Bassin

Die große Blütezeit der Anlage endete mit dem Tod Eugens im Jahr 1736. Da er unverheiratet und ohne Kinder geblieben war, erbte seine Nichte Anna Victoria von Savoyen sein gesamtes Vermögen. Im Jahr 1752 verkaufte sie den Besitz an die Monarchin Maria Theresia, die dem Ensemble wegen seiner Lage mit Blick über die Stadt den Namen Belvedere (italienisch für »schöne Aussicht«) gab. Übrigens: Eugens Nichte heiratete 52-jährig den wenig begüterten Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen. Sie schenkte ihrem fast 20 Jahre jüngeren Ehemann die Herrschaft Hof im Marchfeld, die wir heute als »Schloss Hof« kennen und die ebenfalls Eugen gehörte. Im Herbst 1754 lud Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen wieder einmal das Ehepaar Maria Theresia und Kaiser Franz I. Stephan auf sein Marchfeld-Schloss ein. Es wurde ein dreitägiges Fest gefeiert, das seinesgleichen suchte. Der Gastgeber ließ Uraufführungen von Opern, Gesangseinlagen mehrerer Chöre, Festmähler, Jagdausflüge und ein Wasserballett mit einem Gesamtaufwand von 60 000 Gulden veranstalten, nur um ein Ziel zu erreichen: den Verkauf der Herrschaft Hof an Maria Theresia und Franz Stephan. Sein Einsatz lohnte sich: Im März 1755 ging der gesamte Besitz an Maria Theresia, die ihn vier Tage später per Schenkungsvermerk an ihren kaiserlichen Ehemann Franz Stephan weitergab. Der Kaufvertrag war still und leise im Hintergrund von ihm abgewickelt worden und auch der Kaufbetrag wurde aus seinem Privatvermögen beglichen.

Doch kommen wir zurück zum Belvedere: Der Pflegeaufwand für die Gärten wurde unter Maria Theresia deutlich reduziert. Trotzdem lobten noch zahlreiche Besucher die entzückende Aussicht über die Stadt und die damaligen Vorstädte, das Kahlengebirge und die Donau. Wie sich die Zeiten ändern: Durch die laufende Bewilligung von Hochhäusern wird dieses hochgelobte Panorama in den letzten Jahrzehnten immer stärker eingeschränkt – und dadurch unweigerlich gestört. Ob Maria Theresia auch heute noch von einer »schönen Aussicht« sprechen würde?

Übrigens war der fehlende Schatten im Belvederegarten schon Ende des 18. Jahrhunderts ein Thema. So heißt es 1792 in einem Wien-Reiseführer über die öffentlich zugängliche Anlage: »Aus Mangel dieser einem Garten so wesentlichen Eigenschaft wird er nicht sehr häufig, und nur gegen den spätern Abend hin, von der schönen Welt besucht.« Schon seit einiger Zeit war der Garten öffentlich zugänglich. Auslöser war eine Neuerung im Jahr 1777: Das Obere Belvedere wurde zum Ausstellungsort der kaiserlichen Gemäldegalerie. Spätestens zwei Jahre später konnte man den gesamten Garten zum Spaziergehen benutzen. Dementsprechend ließ man steinerne Gartenbänke für die Besucher aufstellen, die inzwischen schon längst durch bequemere Bänke ersetzt wurden. Sie dienen vor allem jenen Menschen, die in der Nähe des Belvedere wohnen und den barocken Garten als Naherholungsgebiet nutzen. Ob noch wer von ihnen weiß, dass einst Kühe hier grasten …

Tastpflanzen und Akustikbrunnen. Ein Park für Blinde

Wertheimsteinpark, Döbling (19. Bezirk)

Mit dem im Oktober 1959 eröffneten städtischen Blindengarten im Wertheimsteinpark konnte Wien für sich beanspruchen, die erste Stadt auf dem europäischen Festland zu sein, die eine derartige Anlage gestaltete. In zahlreichen Pressemitteilungen und Broschüren wurde damals betont, dass es auf der ganzen Welt nur drei Gärten gäbe, die speziell für Blinde errichtet wurden: einen im südafrikanischen Johannesburg und zwei in Großbritannien. Heute wissen wir, dass in den 1950er-Jahren in Europa bereits Blindengärten in den britischen Städten Exeter, Edinburgh, Hove/Brighton und London existierten.

Zweck des Wiener Blindengartens war – wie der Pressedienst der Stadt damals schrieb – die Förderung eines gesunden Heranwachsens blinder Kinder durch den Aufenthalt und das Spiel in Licht, Luft und Sonne. »Ihr Wissen soll außerdem durch eine eingehende Bekanntschaft mit der Pflanzenwelt erweitert und bereichert werden. […] So sollen die Blinden in diesem Garten ohne fremde Hilfe, ja sogar ohne ihren Führungshund, sich überall frei bewegen und orientieren können.«

Die Verwirklichung des Blindengartens in Wien geht auf eine Idee des damaligen Leiters des Stadtgartenamtes, Alfred Auer, zurück, der auf seinen Studienreisen in England dazu angeregt wurde. Als Errichtungsort bestimmte man den zwischen der Döblinger Hauptstraße und der Heiligenstädter Straße liegenden Wertheimsteinpark, den man für den Blindengarten eigens erweiterte. Ende 1957 schrieb die Stadt Wien in Kooperation mit Vertretern von Blindenorganisationen und der Leitung des Wiener Blindenerziehungsinstituts einen Gestaltungswettbewerb für Gartenarchitekten aus. Der erste Preis ging an die Wiener Gartenarchitekten Viktor Mödlhammer und Josef Oskar Wladar. Mödlhammer ist später unter anderem als Planer des Rosariums in Baden bekannt geworden und durfte 1974 in Jerusalem – auf Anregung des damaligen Bürgermeisters Teddy Kollek – einen weiteren Blindengarten errichten.

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Besucherinnen im Blindengarten, um 1963

Die Bauarbeiten in Döbling begannen nach dem von Vizebürgermeister Karl Honay vorgenommenen Spatenstich und einigen notwendigen Detailänderungen im September 1958, basierend auf den Entwürfen der Preisträger. Die Eröffnung, über die alle Wiener Tageszeitungen ausführlich berichteten, nahm der damalige Wiener Bürgermeister Franz Jonas am 3. Oktober 1959 vor.

Von Duftpflanzen und Eseln

Bei der Gestaltung des Blindengartens wurde insbesondere auf gute Orientierungs- und Informationsmöglichkeiten für blinde Menschen, auf das Ansprechen aller Sinne und auf geeignete Aufenthalts- und Spielbereiche für Jung und Alt geachtet. Die Grundidee bestand darin, blinden Menschen die Beschäftigung mit Pflanzen ohne fremde Hilfe zu ermöglichen. Daher wurden an den beiden Eingängen Orientierungspläne mit Brailleschrift aufgestellt, die in Reliefform die Einrichtungen des 6000 Quadratmeter großen Blindengartens darstellten. Schon am Eingang in den Wertheimsteinpark an der Döblinger Hauptstraße fanden die Besucher in einem Kleinsteinpflasterstreifen einen taktilen Wegweiser vor, der am Haupteingang des Blindengartens endete. Gärtnerischer Höhepunkt der Anlage waren sieben erhöhte Beete mit Küchengewürzen, Heil- und Duftpflanzen, Sommerblumen, Rosen, Kleinkoniferen sowie Zwiebelpflanzen und Blütenstauden. Diese Bankette mit Duft- und Tastpflanzen wurden mit Tafeln bestückt, die in Braille- und Letternschrift Auskunft über Art und Verwendung jeder Pflanze gaben. Man setzte vor allem Pflanzen, die sich besonders gut durch Riechen oder Abtasten erkennen ließen, wie beispielsweise Lavendel, Minze, Heidekraut und Zwergfichte.

Durch die Pflanzenwahl und einen Akustikbrunnen (Entwurf von Josef Seebacher-Konzut, ausgeführt vom Bildhauer Wander Bertoni) sollten Tast-, Geruchs- und Gehörsinn der blinden Besucher angesprochen werden. Der Brunnen war nach dem Zwölftonsystem gestimmt: Die Tropfen von drei Wasserstrahlfontänen fielen auf Messingresonanzplatten und erzeugten so verschiedene Töne.

Ein sogenanntes Klubhaus mit Tischen, Bänken und Sesseln sowie Boxen für die Blindenhunde wurden in der südwestlichen Ecke der Anlage errichtet. Wie ein zeitgenössisches Foto vom Herbst 1959 belegt, gab es auf der Liegewiese neben dem Klubhaus Liegestühle und Sonnenschirme, später standen auch Hollywoodschaukeln dort. Ergänzt wurde das Areal durch die noch heute vor Ort existierende Plastik »Vogeltränke« von Andrea Schrittwieser und die ebenfalls von ihr gestaltete Plastik »Die Woge«.

Von April bis September 1960 wurden in diesem Spezialgarten sage und schreibe 8500 blinde Besucherinnen und Besucher gezählt. In den 1960er-Jahren war der Blindengarten zumeist nur zwischen Ostern und Anfang Oktober von 9 Uhr morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit geöffnet.

Nahe der Heiligenstädter Straße legte das Stadtgartenamt damals auch einen Kinderspielplatz an, der heute allen Sicherheitsfachleuten ein Dorn im Auge wäre: Betonröhren und eiserne Klettergerüste auf Asphaltflächen drückten damals diesem Gelände für Kinder den Stempel auf. Gleich daneben gab es einen Kleintierstall mit einer Auslauffläche für Esel, Lämmer, Kaninchen und Ziegen. Besonderer Beliebtheit erfreute sich eine Eselfamilie, bestehend aus drei Tieren, welche im September 1968 allerdings durch zwei Islandpferde ersetzt wurde. Der vom Stadtgartenamt veranlasste Tausch fand – wie der Pressedienst der Stadt mitteilte – statt, »weil die Eselchen die unangenehme Eigenschaft haben, sich immer wieder im Schmutz zu wälzen. Die blinden Kinder, die das Erlebnis Tier ja nur mit Hilfe des Tastsinns empfinden können, werden nach dem Angreifen und Streicheln ihrer vierbeinigen Gefährten immer wieder schmutzig. Um diesem, für die Kinder nicht sehr glücklichen Zustand abzuhelfen, werden nun die Ponies im Blindengarten Einzug halten.«

Was blieb vom Blindengarten?

Mit der Übersiedlung des nahen Blindenerziehungsinstitutes in den Prater verlor der Blindengarten an Bedeutung. Alle Tafeln an den Beeten und am Eingang sind inzwischen verschwunden, die letzten Tiere des Tiergartens wurden in den 1980er-Jahren umgesiedelt, die Reste des Akustikbrunnens 2013 abgebaut, das Klubhaus 2014 abgerissen. Die Beete pflegte man nicht mehr, viele Pflanzenindividuen wuchsen stark in die Höhe und in die Breite oder sind durch Spontanvegetation verdrängt worden. Aufgrund der fehlenden Nachfrage funktionierte man 2014 die sieben Beete zu abgezäunten »Naturinseln« um, die nun unter anderem als Lebensräume für Mauereidechsen und Wildbienen dienen.

Der Blindengarten war in den 1980er- und 1990er-Jahren versperrt, den Schlüssel erhielt man auf Nachfrage in der nahe gelegenen Gärtnerunterkunft. Im Jahre 2008 wurde die Fläche des Blindengartens in den übrigen Park integriert, indem man die niedrigen Tore nicht mehr versperrte. Ein Vorstoß der Stadt Wien, den Blindengarten im EU-weiten »Jahr der Menschen mit Behinderung« 2003 zu einem Mehrzweckgarten für verschiedene Arten der Behinderung zu adaptieren, wurde nicht weiterverfolgt. Nach Auskunft des Blindenverbandes bestand kein Interesse an der Fortführung des Blindengartens, da die zentralen Einrichtungen für Blinde in Wien inzwischen in weit entfernten Bezirken angesiedelt sind und nur mehr wenige blinde Menschen den weiten Weg in den 19. Bezirk auf sich nehmen würden. Andererseits haben sich auch die gesellschaftlichen Anforderungen an Grünräume geändert. Das Beispiel der Generationenspielplätze zeigt, dass nicht mehr nur für einzelne Zielgruppen Flächen zur Verfügung gestellt werden, sondern der Versuch unternommen wird, vielseitig nutzbare Grünräume zu schaffen, die barrierefrei von Menschen unterschiedlichen Alters oder unterschiedlicher physischer Verfassung benutzt werden können.

Obwohl die Stadt Wien in einer Pressemitteilung im Oktober 2009 des 50-jährigen Jubiläums gedacht und so ein wenig Aufmerksamkeit auf diesen historischen Sondergarten gelenkt hat, löst sich diese spezielle Grünfläche seit Jahren im umliegenden Parkgelände auf. Oder anders ausgedrückt: Die Geschichte des Blindengartens ist auch eine Geschichte des Verlustes, denn alle paar Jahre verschwindet ein Teil seiner einstigen Ausstattung. So existiert seit der Neuasphaltierung der Parkwege im Sommer 2020 der taktile Wegweiser für Blinde, der Kleinsteinpflasterstreifen, nicht mehr. Er ermöglichte den Blinden, »ihren« Garten mit dem Blindenstock und somit ohne fremde Hilfe zu finden. Dazu passend gab es über viele Jahrzehnte in der Straßenbahnlinie 37 die Durchsage »Nächste Station: Wertheimsteinpark, Blindengarten«, mit der auf diesen besonderen Wiener Garten hingewiesen wurde. Aber an diese Worte aus dem Lautsprecher werden sich nur mehr ältere Semester erinnern können.

Der Wertheimsteinpark

Unweit vom einstigen Blindengarten befindet sich eines der ersten Denkmäler in Wien, das für eine Frau errichtet wurde. Das von Nadelbäumen beschattete Felsenmonument mit einer Inschriftentafel ist Franziska von Wertheimstein (1844–1907) gewidmet, welche die Villa und die Parkanlage der Stadt Wien vermachte. Sie war die letzte private Besitzerin der Villa Wertheimstein und des dazugehörigen Parks. Deren Geschichte beginnt beim sogenannten Tullner Hof, dem lange bestehenden Wirtschaftshof der Tullner Dominikanerinnen. Im Jahre 1834 erwarb der Wiener Großhändler, Produzent von »Shawls« und Kunstsammler Rudolf von Arthaber das Areal. Er ließ die meisten Gebäude des Wirtschaftshofes abreißen und an deren Stelle eine neoklassizistische Biedermeiervilla errichten. Als »eifriger Blumenfreund« legte er einige Gewächshäuser an, in denen er vor allem Hyazinthen, Eriken und Azaleen zog. Das Gründungsmitglied der k. k. Gartenbaugesellschaft öffnete seinen Garten und die Gewächshäuser für zahlreiche Vereinsausstellungen.

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Übersichtsplan des Wertheimsteinparks von Wenzel Hybler, 1910

Als im Jahre 1870 die Arthaber’schen Erben die Villa zum Kauf anboten, erstand ein Bekannter Arthabers Villa und Park: Leopold von Wertheimstein, ab 1820 im Bankhaus von Salomon Rothschild tätig. Seine Frau Josephine und ihre gemeinsame Tochter Franziska führten in ihrer Stadtwohnung in der Singerstraße und in ihrer Döblinger Villa einen Salon, der zu einem geistigen und kulturellen Zentrum Wiens wurde und in dem bedeutende Künstler und Wissenschaftler verkehrten.

Der Park, heute wie einst vom Hof der Villa durch ein niedriges Gitter getrennt, wurde zu Zeiten der Familie Wertheimstein zur eigenen Erholung genutzt, er diente aber auch als Ort privater Einladungen und künstlerischer Gespräche. Bezeugt sind zahlreiche und lange Morgenspaziergänge von Franziska mit dem Dichter Ferdinand von Saar. Hugo von Hofmannsthal war 1893 und 1894 mehrmals zu Gast in der Villa und unternahm Spaziergänge im Park. Andererseits diente die Gärtnerei mit mehreren Glashäusern im Park dazu, Blumendekorationen für die Villa bereitzustellen. In verschiedenen zeitgenössischen Beschreibungen des Salons und anderer Räume der Villa wird immer wieder die umfangreiche Dekoration mit Blumen erwähnt. Josephine von Wertheimstein dürfte die große Vielfalt an Pflanzen und deren Blüten geschätzt haben: In einem Brief vom April 1874 schreibt sie kurz vom Garten: »Der Garten ist in vollstem Glanze: Flieder, weiß und blau, alle möglichen farbigen Blüthen an den Gebüschen, die Obstbäume weiß und rosenroth blühend, die Wiesen und Bäume in saftigsten Grün.« Josephine Winter, eine Nichte von Josephine von Wertheimstein, hat in ihren Erinnerungen eine kurze Beschreibung, vermutlich aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts, hinterlassen: »Von dort [= Salon] ging’s auf die säulengeschmückte Terrasse hinaus, die mit ein paar breiten Stufen in den endlosen Park hinunterführte. Auf seinen sonnigen Wiesenflächen, wo im Sommer das Gras hoch ausschießen durfte, und unter den prachtvollen alten, im Mai über und über mit Blütenkerzen bedeckten Kastanienbäumen wurden die Kinder nicht müde, ihre Phantasiespiele und Theaterstücke aufzuführen. Auch das hochgewölbte, als Gesellschaftsraum gedachte Glashaus mit auf Marmorstufen erhöhten Sitzplätzen um den Springbrunnen, voll herrlicher Palmen, Kamelien, Azaleen und anderer exotischer Gewächse, bot einen besonderen Reiz.« Vor dem erwähnten großen Glashaus, das als Wintergarten diente und in der Nachkriegszeit abgerissen wurde, standen zu jener Zeit im Sommer Rhododendren und Palmen.

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Blumenbeet im Wertheimsteinpark beim Denkmal für Franz Keim

Vom privaten zum öffentlichen Park

Als Leopold von Wertheimstein Anfang 1883 starb, erbte alles seine Tochter Franziska. Da sie kinderlos blieb, bedachte sie in ihrem Testament die öffentliche Hand: »Ich vermache mein Besitzthum in Döbling Hauptstraße Nr. 96 […] der Commune Wien unter der Bedingung, daß der Garten als öffentlicher Garten dem Publikum für ewige Zeiten zugänglich gemacht werde und für immer den Namen ›Wertheimstein-Park‹ zu führen hat.« Die Stadt hielt sich an dieses Testament und adaptierte den Park für eine öffentliche Benützung. Im Juni 1908 nahm der Wiener Bürgermeister Karl Lueger die Eröffnung des nun öffentlichen Wertheimsteinparks mit einem damaligen Flächenausmaß von 45 000 Quadratmeter vor. Die Villa und ein daran anschließender alter Trakt des Tullner Hofes dienen seit 1964 als Döblinger Bezirksmuseum.

Mehrmals wurde der Park um neue Flächen erweitert und mit neuen Sitzgelegenheiten und Kinderspielgeräten versehen. Diese relativ stille Oase mit ihrem zum Teil alten Baumbestand liegt am Rande der lauten Heiligenstädter Straße, und die meisten der neu zugezogenen Bewohnerinnen und Bewohner wissen nichts von der besonderen Geschichte dieser Grünfläche.

Seine Majestät als Gärtner im Burggarten

Burggarten, Innere Stadt (1. Bezirk)

Wer in den florentinischen Boboli-Gärten aufwächst und von den Eltern genügend Freiraum im doppelten Sinne des Wortes erhält, muss – so die Vermutung – zwangsläufig einen »grünen Daumen« bekommen, wie das Beispiel von Kaiser Franz zeigt. Dieser kam am 12. Februar 1768 als erstgeborener Sohn des Großherzogs der Toskana, Leopold, und der Maria Ludovica im Palazzo Pitti in Florenz zur Welt. Man könnte sagen: Glück muss der Mensch haben, einen so schönen, großen Spielplatz hinter dem Haus zur Verfügung zu haben.

Der als Kind eher schmächtige, aber lebhafte Erzherzog Franz galt bereits im Kindesalter als Thronfolger, da sein Onkel Kaiser Joseph II. kinderlos war. Das Studium der Natur und der Gärten nahmen bei Franz seit der Kindheit einen wichtigen Stellenwert in seinem Leben ein. Ermuntert durch seinen Geschichtslehrer Sigismund Anton von Hohenwart verbrachte er schon in seiner Jugend viel Zeit sowohl in den Boboli-Gärten, die sich hinter dem Palazzo Pitti hangaufwärts erstrecken, als auch in anderen Gärten großherzoglicher Villen in und um Florenz. Damit wurde eine