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GEORG
MARKUS

Spurensuche

Neue Geschichten
aus Österreich

Mit 76 Abbildungen

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2020 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagabbildung: © ullstein bild – Hans Henschke/Ullstein Bild/picturedesk.com

Lektorat: Madeleine Pichler

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der Goudy Old Style 13/17,35 pt

Designed in Austria

ISBN 978-3-99050-188-7

eISBN 978-3-903217-65-2

INHALT

Es geht nicht nur um des Kaisers Bart

Vorwort

SKURRILE SPURENSUCHE

Der Doppelgänger des Kaisers

Eine österreichische Köpenickiade

Der Einbrecher auf der Ansichtskarte

Ein fataler Fehler des Meisterdiebes

Der Suaheli-Dolmetsch, der kein Suaheli konnte

Eine Erinnerung an Wiens »Schwarzmarktkönig«

Das Geheimnis des Schnorrerkönigs

Poldi Waraschitz hat nie etwas bezahlt

SPURENSUCHE IN DER WELT DER MUSIK

Mozarts Vater

Wie Leopold das junge Genie förderte

Das Verzeichnis des Herrn von Köchel

Wolfgang Amadeus Mozarts guter Geist

Das Musikgenie und der Korse

Beethoven distanziert sich von Napoleon

»Von 9–12 und von 4–6«

Beethoven verkauft Eintrittskarten

Fast immer hoch verschuldet

Franz Schuberts Finanzlage

Der erste Auftritt des »Walzerkönigs«

Die kulturhistorische Bedeutung des Dommayer

Familienzwist im Hause Strauss

Wo sind Josefs Originalnoten?

Manch Blutiges um Wiener Blut

Dramen im Dreivierteltakt

Ein Bühnenunfall, der Geschichte schrieb

Maria Jeritza an der Hofoper

Wie die Gräfin Mariza entstand

Operettenerfolg beim dritten Anlauf

Der letzte Wertgegenstand

Robert Stolz und der Gerichtsvollzieher

Die verhinderte La Traviata

Der Streit zwischen Karajan und der Callas

SPURENSUCHE IN DER K. U. K. WELT

Die letzte Nacht in der Armesünderzelle

Die Abschaffung der Todesstrafe

Verwandt mit Queen Victoria

Der erste Skandal im Hause Mensdorff-Pouilly

Der Kaiser überwies Unsummen

Die geheime Leidenschaft der Katharina Schratt

»Ich gehöre nicht mehr zu dieser Welt«

Das einzige Interview, das die Schratt gab

Der Bruder des Operettenkönigs

Die Geschichte des Generals Anton von Lehár

SPURENSUCHE IN DER WELT DES KRIMINALS

»Leben Sie wohl, Francesconi!«

Die Ermordung eines Geldbriefträgers

Ein echter Mord im Burgtheater

Tödliches Drama während einer Vorstellung

Der Tod des Politikers Franz Schuhmeier

Mordanschlag am Wiener Nordwestbahnhof

Das Attentat an der Universität Wien

Zum Tod von Professor Moritz Schlick

Der Mord beim Hochstrahlbrunnen

Ein ungeklärter Kriminalfall

SPURENSUCHE BEI PROMINENTEN WIEN-BESUCHERN

Kaiser trifft Papst

Joseph II. bleibt unnachgiebig

»Am nächsten Tag war sie weltberühmt«

Die Entdeckung der Eleonora Duse in Wien

Die große Rivalin der Duse

Das abenteuerliche Leben der Sarah Bernhardt

»Lügen Sie doch einfach!«

Mark Twains Wien-Aufenthalt

Gut is ’gangen, nix is g’schehn

Die Wiener Flugschau des Grafen Zeppelin

»Sie san heut scho der Dritte«

Giacomo Puccini in Wien

Tod im offenen Sportwagen

… und Isadora Duncans Erlebnis in Wien

Ein Amerikaner in Wien

George Gershwin bringt den ersten Kugelschreiber

»Jeder ist Professor, aber keiner kann spielen«

Toscanini dirigiert die Wiener Philharmoniker

Ein romantisches Abenteuer

Charlie Chaplins Wiener Affäre

Niemand wusste, wie alt sie war

Zsa Zsa Gabors Karrierestart in Wien

SPURENSUCHE IN DER WELT DER LIEBE

Seelenverwandte oder Geliebte

Die ungeklärte Beziehung des Prinzen Eugen

Nestroy und die Frauen

Eine seltsame Posse

Franz Ferdinand als Schürzenjäger

Das wilde Vorleben des Thronfolgers

Die wirkliche Lovestory

Das Weiße Rössl lag nicht am Wolfgangsee

Lina verlässt Adolf Loos

Eine dramatische Liebschaft

»Die Situation schrie nach einer stürmischen Affäre«

Die seltsame Lovestory der Lotte Lenya

Marlene Dietrichs Wiener Liebesabenteuer

Die Romanze mit Willi Forst

SPURENSUCHE IN DER WELT DER MALER

Der Frauenheld und der Maler

Casanovas vergessener Bruder

Das Atelier des Malerfürsten

Hans Makart und seine Skandalbilder

Die Tragödie eines großen Malers

Richard Gerstls fatale Liebesgeschichte

»In einem Atemzug mit dem Bruder«

Der Wiener Maler Ernst Klimt

SPURENSUCHE IN WIENER GEBÄUDEN

»Bete zu Gott, dass ich gesund werde«

Die wahren Todesursachen der Opernarchitekten

»Im Burgtheater hört und sieht man nichts«

Ein architektonischer Skandal

Unter keinem guten Stern

Das Palais, in dem Mary Vetsera wohnte

»Komm mit mir ins Chambre séparée«

Pikante Geheimnisse im Hotel Sacher

Ein Schloss für arme Kinder

Die Republik übernimmt Schönbrunn

Garage oder Gemeindebau

Um ein Haar hätte man die Staatsoper abgerissen

SPURENSUCHE IN DER POLITIK

Die Türken vor Wien

Zwei Versuche, die Stadt zu erobern

»I hab mir halt denkt: Man kann nie wissen!«

Die Spitzel des Fürsten Metternich

»Man hat ihn durchsucht und einen Dolch gefunden«

Mordanschlag auf Napoleon in Wien

Ein Gulasch für eine halbe Million

Ein Blick in die Zeit der großen Inflation

Ein Adjutant stirbt für seinen König

Attentat auf Albaniens Monarchen in Wien

»Das schlechteste Essen, das je serviert wurde«

Das Treffen Kennedy–Chruschtschow in Wien

SPURENSUCHE IN DER WELT DER LITERATUR

Der Fall der Komtesse Mizzi

Ein Stoff für Arthur Schnitzler

Der einsame Tod eines Dichters

Georg Trakl stirbt durch eine Überdosis Kokain

War es doch kein Selbstmord?

Erkenntnisse zu Adalbert Stifters Tod

SPURENSUCHE BEI BERÜHMTEN MUSEN

Die entzauberte Muse

Alma Mahler-Werfel heroisiert sich selbst

Mehr als bloß Muse?

Klimts Freundin Emilie Flöge

»Ja, wenn ich die Einzi zur Witwe hätt«

Muse und Managerin

SPURENSUCHE BEI GROSSEN TRAGÖDIEN

Meister Puchsbaums schreckliches Ende

Vom Baugerüst in den Tod gestürzt

Einen medizinischen Fachausdruck falsch geschrieben

Warum man seine Gegner zum Duell forderte

Zweikampf um eine schöne Frau

Fürst Liechtenstein gegen Herrn von Weichs

»Ich werde mich auf den Tod erkälten«

Der Abschied einer Burgtheatergröße

Die Tragödie eines Publikumslieblings

Lizzi Waldmüllers Tod im Luftschutzkeller

Wenn beide Elternteile sterben

Was aus Maria Cebotaris Kindern wurde

Ein Unfall mit dramatischen Folgen

Kardinal König wäre fast gestorben

Inferno in der Straßenbahn

Zwanzig Tote bei einem Tramwayunglück

SPURENSUCHE IM KAISERHAUS

Wenn Kaisers einen Ausflug machen

Maria Theresia in Haft

Beruf: Kaiser

Joseph II. als Taufpate

Eine bizarre Ehe

Kaiser Joseph II. und Maria Josepha

Gerechtigkeit für eine Königin

Die Tragödie der Marie Antoinette

Das vergessene Attentat auf den Thronfolger

Ein Mordanschlag in Baden bei Wien

»Er hatte keine Ahnung von Geld«

Kronprinz Rudolf in finanziellen Nöten

Ein merkwürdiger Jagdunfall

Wollte Kronprinz Rudolf den Kaiser töten?

Ihr Inhalt könnte Mayerling klären

Der Kronprinz und die geheimnisvolle Schatulle

Österreichs berühmteste Schmuckstücke

Wie Kaiserin Elisabeth zu ihren Sternen kam

Die Tragödie von Sisis Schwester

Eine Brandkatastrophe fordert mehr als hundert Tote

SPURENSUCHE IN DUNKLEN STUNDEN

Österreichs erster Emigrant

Stefan Zweig verlässt seine Heimat

Wie es zum »Hitler-Gruß« kam

Die Wurzeln liegen im alten Rom

Heirat ohne Bräutigam

Kurt Schuschnigg sitzt im Gefängnis

Der Burgschauspieler als Gestapo-Spitzel

Otto Hartmanns Verrat fordert Todesopfer

Hitler entführt Napoleons Sohn

Grabraub in der Kapuzinergruft

Zwei Wahrheiten

Der Dirigent Wilhelm Furtwängler

Hat Goebbels eine Ohrfeige bekommen?

Die Geliebte des Propagandaministers

Der Mann, der den Stephansdom rettete

Eine mutige Befehlsverweigerung

SPURENSUCHE IN DER WELT DER MEDIZIN

Haydns Schädel aus dem Grab gestohlen

Das Geheimnis um die Gebeine des Genies

Keine Idylle in Herrn Schrebers Garten

Der »Erfinder« des Schrebergartens war ein Tyrann

Der betrunkene Spitalsdiener

Die Pest im Jahr 1898

Freud heilt Mahler

Das Zusammentreffen zweier Genies

Der Arzt, der seine Patienten raubte

Lorenz Böhler ist der Vater der Unfallchirurgie

SPURENSUCHE IN DER WELT DES THEATERS

Die Karte war schon gekauft

Anton Bruckner überlebt den Ringtheaterbrand

Bezahlte Beifallsklatscher

Claqueure gehörten zum Alltag des Theaterbetriebs

»Schnattert nicht, hier wird gestorben!«

Adele Sandrock galt als Wiens erotischste Frau

Die längste Scheidung der Welt

Max Reinhardt braucht zwanzig Jahre

Eine schillernde Figur

Die Geschäfte des Camillo Castiglioni

Ein Star wird geboren

Die Entdeckung des Komikers Hans Moser

Der Publikumsliebling in der Hausmeisterwohnung

Die Villa des Volksschauspielers

Zusammenbruch auf offener Bühne

Peter Lorre hat ernsthafte Probleme

»Der Untergang des Burgtheaters«

Das Vorhangverbot für Schauspieler

Zum Abschied ertönt die Kaiserhymne

Wie ein Burgtheaterstar begraben wird

»Das Pissauer ist dort hinten rechts!«

Wie unsere Stars wirklich hießen

SPURENSUCHE IM REICH DER ANEKDOTE

Das vorgespielte Nachtleben

Der Herzog von Windsor in Wien

Die Dietrich ist unzufrieden

oder Das Alter des Maskenbildners

»Wie fangt’s an?«

Hans Moser und die Reblaus

»Weil i des Stückl inzwischen g’lesen hab«

Attila Hörbiger beruhigt sich

Der misslungene Practical Joke

Typisch Qualtinger

Onassis und Jackie in Graz

Ein sonderbarer Staatsbesuch

Der Streit um des Kaisers Bart

Franz Joseph und Johann Strauss

Danksagung

Quellenverzeichnis

Bildnachweis

Namenregister

Es geht nicht nur um des Kaisers Bart

Vorwort

Mein halbes Leben lang begebe ich mich jetzt schon auf Spurensuche. Umso erstaunlicher, dass ich ein paar Dutzend Bücher schreiben musste, um diesem endlich den vorliegenden Titel zu geben.

Spurensuche. Sie ist essenzieller Bestandteil meiner Arbeit als Chronist historischer Begebenheiten. Da gibt es Personen, auf deren Spuren ich mich schon in früheren Büchern begab, die hier aber mit neuen Geschichten bedacht werden. Wie etwa Kaiser Franz Joseph, der einen Doppelgänger hatte, der jahrzehntelang mit identischer Figur, ähnlichem Gesicht, Uniform und »Kaiserbart« durch die Monarchie stolzierte – bis die beiden Herren einander eines Tages persönlich gegenüberstanden.

Mit dieser Begegnung beginnt das Buch. Im Kapitel »Skurrile Spurensuche« finden sich aber auch eine Episode über jenen Meisterdieb, der sich irrtümlich am Tatort fotografieren ließ, eine weitere über einen Suaheli-Dolmetsch, der kein Suaheli konnte, und eine über den legendären »Schnorrerkönig« Poldi Waraschitz, der ein Leben in Saus und Braus führte, ohne je dafür bezahlt zu haben.

Auf »Spurensuche in der Welt der Musik« befasse ich mich mit Mozarts nächster Umgebung, die viel zu seinem Werdegang beitrug. Ich entdeckte, dass Beethoven in seiner Wohnung auf der Mölkerbastei »von 9–12 Uhr vormittags und von 4–6 Uhr nachmittags« persönlich Eintrittskarten für seine Konzerte verkaufte. Ich studierte die triste Finanzlage Franz Schuberts und ging einem Familienzwist im Hause Johann Strauss nach. Ebenfalls im Musikkapitel erfährt man von einem Bühnenunfall der Primadonna assoluta Maria Jeritza, der Geschichte schrieb, und wie der letzte Wertgegenstand des Operettenkönigs Robert Stolz in die Hände eines Gerichtsvollziehers geriet.

Im Kapitel »Spurensuche in der k. u. k. Welt« zitiere ich aus dem einzigen Interview, das Katharina Schratt gegeben hat, und berichte über den General Anton von Lehár, der im Gegensatz zu seinem viel bedeutenderen Bruder Franz, dem Schöpfer der Lustigen Witwe, in den Adelsstand erhoben wurde.

Darüber hinaus führen die Spuren dieses Buches die geneigte Leserin und den geneigten Leser in die Welt des Kriminals. Zu Enrico von Francesconi etwa, der, aus bester Familie stammend, einen Geldbriefträger überfiel und ermordete. Es geht um ein Drama im Burgtheater, das sich 1925 fatalerweise nicht auf der Bühne, sondern im Zuschauerraum ereignete – mit einem echten Toten. Ebenfalls im Wien der Zwischenkriegszeit fanden die Attentate auf den Politiker Franz Schuhmeier und den Philosophieprofessor Moritz Schlick statt. An den »Mord beim Hochstrahlbrunnen«, bei dem eine 21-jährige Mannequinschülerin erstochen wurde, wird sich manch betagterer Leser vielleicht noch erinnern.

Ganz und gar nicht blutig geht es im Kapitel »Spurensuche bei prominenten Wien-Besuchern« zu. Hier wird die Geschichte von Papst Pius VI. erzählt, der nach Wien kam, um Kaiser Joseph II. dazu zu bringen, die Sperre der hiesigen Klöster zu widerrufen. Weiters geht es um Giacomo Puccini, George Gershwin, Arturo Toscanini, Mark Twain, den Grafen Zeppelin sowie die Jahrhundert-Künstlerinnen Eleonora Duse, Sarah Bernhardt und Isadora Duncan. Von Charlie Chaplin, der zwei Mal hier war, bleibt eine süße Romanze mit einer schönen Wienerin in Erinnerung.

Diese Romanze führt uns nahtlos zur »Spurensuche in der Welt der Liebe« mit Affären, die den Prinzen Eugen, Johann Nestroy, den Thronfolger Franz Ferdinand, die wirkliche Rössl-Wirtin und Marlene Dietrich betreffen.

In der »Welt der großen Maler« verfolgen wir die Spuren von Hans Makart sowie den Brüdern von Casanova und Gustav Klimt. In der »Welt der Politik« erfahren wir Neues über einen Mordanschlag auf Napoleon in Wien, ein Attentat vor der Staatsoper auf den König von Albanien und dass ausgerechnet beim Gipfeltreffen Kennedy–Chruschtschow laut österreichischer Präsidentschaftskanzlei »das schlechteste Essen, das je serviert wurde« auf den Tisch des Schlosses Schönbrunn kam. Im Kapitel »Spurensuche in dunklen Stunden« geht es um Stefan Zweig, den Dirigenten Wilhelm Furtwängler und »den Mann, der den Stephansdom rettete«.

In keinem meiner bisherigen Bücher war es so schwierig, Ordnung in die einzelnen Geschichten zu bringen, wie in diesem. Der Fall der Komtesse Mizzi hätte ebenso gut in die »Welt des Kriminals« gepasst, ich lasse sie aber im Kapitel »Literatur« auftreten, weil ihre Lebensgeschichte von keinem Geringeren als Arthur Schnitzler dramatisiert wurde. »Gerechtigkeit für eine Königin« hätte auch bei den Tragödien Platz gefunden, wurde aber zur »Spurensuche im Kaiserhaus« gereiht. Ebenso wie der tragische Tod von Sisis Schwester Sophie Herzogin von Alençon. Die Lebensgeschichten von Richard Gerstl, Georg Trakl und Adalbert Stifter hätten ebenfalls zu den Tragödien gepasst, wurden aber in die Spurensuche der großen Maler beziehungsweise Literaten eingefügt.

In der »Welt des Theaters« finden sich Geschichten darüber, wie Anton Bruckner den Ringtheaterbrand überlebte, warum Max Reinhardt zwanzig Jahre für seine Scheidung brauchte und Hans Moser in einer Hausmeisterwohnung lebte. Auf »Spurensuche in Wiener Gebäuden« begab ich mich, um das pikante Geheimnis der legendären Séparées im Hotel Sacher zu lüften.

All das ist nur ein Auszug aus einer viel längeren Liste von Geschichten, es gibt noch die »Spurensuche im Reich der Anekdote«, wo der Herzog von Windsor, Karl Farkas, Helmut Qualtinger und einmal mehr Hans Moser vorkommen.

Mit der allerletzten Geschichte schließt sich der Kreis: Wie im Einstiegskapitel geht es auch hier um des »Kaisers Bart«. Diesmal aber wird die »Konkurrenz« geschildert, die die Menschen damals ernsthaft beschäftigte: Wer hat den schöneren Bart? Kaiser Franz Joseph oder Johann Strauss? Nur so viel sei vorweg schon verraten: Der eine ließ sich einen wachsen, um jünger, der andere, um älter auszusehen.

Ich freue mich, wenn Sie sich, geneigte Leserin, geneigter Leser, mit mir auf Spurensuche begeben. Und ich wünsche Ihnen dabei ebenso viel Unterhaltung wie Spannung und neue Informationen.

Georg Markus

Wien, im August 2020

SKURRILE SPURENSUCHE

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Der Doppelgänger des Kaisers

Eine österreichische Köpenickiade

Es war eine Szene wie aus einem Film (der damals gerade in seinen Kinderschuhen steckte). Ein Herr in Uniform und dazu passender Kappe durchquerte forschen Schritts den Inneren Burghof in Wien. Sowohl Passanten als auch die Offiziere und Soldaten der vor der Residenz des Kaisers diensttuenden Leibgarde glaubten ihren Augen nicht trauen zu können. Denn Seine Majestät der Kaiser spazierte mutterseelenallein, ohne einen Adjutanten an seiner Seite, vom Ballhausplatz in Richtung Hofburg. An seiner Identität bestand kein Zweifel, der Mann war in Figur, seinen Gesichtszügen und Bewegungen, in seiner Haltung und mit seinem Bart ein Ebenbild Kaiser Franz Josephs. Allerdings gab es in den letzten Jahren der Monarchie ein Wiener Original, das gerne als Doppelgänger des Monarchen auftrat.

Den »Kaiserbart« zu tragen war damals in Österreich-Ungarn durchaus in Mode, bei Herrn Achilles Farina kam noch hinzu, dass er Franz Joseph auch sonst zum Verwechseln ähnlich sah – und er selbst tat alles, um diese Ähnlichkeit zu unterstreichen. Vor allem durch das stolze Tragen seiner Uniform und durch seinen gepflegten Backenbart mit dem ausrasierten Kinn, der mit dem des Kaisers identisch war.

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Der Doppelgänger und das Original: Achilles Farina (links) und Kaiser Franz Joseph

Der Mann mit dem schönen Namen Achilles Farina war gebürtiger Wiener mit italienischen Vorfahren. Geboren 1844, war er vierzehn Jahre jünger als der Kaiser und sein Leben lang immer irgendwie in dessen Nähe. 27 Jahre lang versah er in der k. k. Trabantenleibgarde seinen Dienst, um nach seiner Pensionierung als Amtsdiener in der Generalintendanz der Hoftheater weiterzuarbeiten und sich abends als Logenschließer im Burgtheater und in der Hofoper ein paar Kronen dazuzuverdienen. So war er zu seiner schmucken Billeteurs-Uniform gekommen, die der eines Angehörigen der k. k. Armee ähnelte.

Die größte Ähnlichkeit war in den Jahren nach der Jahrhundertwende festzustellen, als der Kaiser über siebzig und Herr Farina an die sechzig Jahre alt war und beide weißes, schütteres Haar respektive Backenbart trugen. Und so kam es, dass der eingangs erwähnte Spaziergang des irrtümlich als Kaiser wahrgenommenen Herrn Farina ein skurriles Nachspiel hatte. Der Hauptmann der an diesem Tag vor der Hofburg aufgestellten Burgwache zog, als der falsche Kaiser näher kam, seinen Säbel und rief, wie es ihm angesichts des Erscheinens Seiner Majestät vorgeschrieben war, »Gewehr heraus«, worauf die Soldaten habt acht standen und ihre Gewehre in Stellung brachten, die zum Schutz des Monarchen dienen sollten.

Der Kaiser freilich war zu diesem Zeitpunkt in seinem Arbeitszimmer und wunderte sich über den Ruf »Gewehr heraus«, der üblicherweise nur zur Anwendung kam, wenn er durch den Burghof schritt. Franz Joseph ging also zum Fenster seines Arbeitszimmers, das zum Inneren Burghof hinausging, und sah fassungslos, dass da sein Ebenbild über den Platz ging. Schnell rief er seinen Adjutanten, der Franz Joseph peinlich berührt erklären musste, dass Herr Farina ein stadtbekanntes Wiener Original sei, das gerne als sein Doppelgänger durchs Leben schritt.

Der Kaiser lächelte gütig und erteilte dem Flügeladjutanten den Auftrag, Herrn Farina augenblicklich zu sich zu rufen. Der Adjutant gab den Befehl an einen Unteroffizier der Leibgarde weiter und der wiederum erwischte den Mann gerade, als er Richtung Schweizerhof einbiegen wollte. Im letzten Augenblick konnte Herr Farina noch aufgehalten und zum Kaiser befohlen werden.

Seit mehreren Jahren schon war Achilles Farina souverän als Kaiser »aufgetreten«, jetzt aber war er über alle Maßen aufgeregt. Er, der Amtsdiener und Logenschließer, sollte ins Allerheiligste, in die privaten Räumlichkeiten Seiner Majestät des Kaisers.

Man sagt, dass Franz Joseph nur selten gelacht hätte, doch als er jetzt seinem Ebenbild gegenüberstand und dabei den Eindruck hatte, in einen Spiegel zu schauen, lachte er laut und herzhaft auf.

Der Amtsdiener stand in seiner Uniform und in strammer Habtachthaltung vor seinem Kaiser und musste diesem nun von seiner militärischen Karriere berichten, in der er es bis zum Feldwebel gebracht hatte.

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Musste dem Kaiser von seiner militärischen Karriere berichten: Achilles Farina in Uniform

»Haben Sie damals schon diesen Bart getragen?«, erkundigte sich der Kaiser.

»Nein, Majestät, erst als Amtsdiener und Logenschließer, und es war mein ganzer Stolz, da ich Eurer Majestät so zum Verwechseln ähnlich sah, auch deren Barttracht tragen zu dürfen.«

Der Kaiser lachte noch einmal, dann wurde Herr Farina entlassen. Vorher gab ihm der Monarch noch den Rat, in Zukunft die Umgebung der Hofburg zu meiden, damit es nicht wieder zu einer solchen Verwechslung käme. Farina war glücklich, so gnädig davongekommen zu sein, und hütete sich, die Geschichte an seinem Arbeitsplatz, der Generalintendanz, zu erwähnen.

Allerdings erzählte er in seinem Stammcafé Bauer, dem späteren Café Heinrichhof, dem Claquechef der Hofoper – er war für den bezahlten Applaus für die Sänger zuständig* – von seiner Allerhöchsten Begegnung.

Damit war klar, dass sich die Geschichte in Wien herumsprechen würde, und nach einigen Tagen rief ihn der Generalintendant der Hoftheater, Eduard von Wlassak, zu sich und befahl Herrn Farina, den Bart abzurasieren.

»Ausgeschlossen, Herr Generalintendant«, erwiderte der, »lieber gehe ich in Pension.«

Diese Weigerung meldete der Generalintendant dem Obersthofmeister, der wieder dem Kaiser Meldung erstattete. Doch Franz Joseph erklärte: »Warum denn so viele Geschichten machen? Wenn der Mann sonst seinen Dienst brav versieht, soll man ihm seinen Bart lassen, der ihm anscheinend so viel Freude macht!«

Herr Farina hat seinen Dienst in der Generalintendanz und als Logenschließer noch mehrere Jahre, bis zu seiner endgültigen Pensionierung, versehen. Der Mann, dem es so wichtig war, Franz Joseph ähnlich zu sehen, starb am 19. Mai 1917, nur sechs Monate nach seinem Kaiser, im Alter von 72 Jahren.

Eine österreichische Köpenickiade.

* Siehe auch Seiten 260–262

Der Einbrecher auf der Ansichtskarte

Ein fataler Fehler des Meisterdiebes

Joseph Honsa zählte im Wien der Jahrhundertwende zu den Geschicktesten in seinem Metier. Wobei sein Metier der Wohnungsdiebstahl war. Einmal freilich war der Geschickte sehr ungeschickt, ganz besonders sogar.

Honsa war an jenem 21. März 1902 wieder einmal »auf Tour«. Diesmal hatte er für seinen Beutezug M. Koller’s Gasthaus Zum Schlüssel auf der Wieden auserkoren: Im ersten Stock nahm er die unbeaufsichtigt auf einem Tisch liegende silberne Taschenuhr des Wirten an sich. War’s bisher ein Dutzendkriminalfall, so folgt jetzt das Kuriose an der Geschichte. Just als »Meisterdieb« Honsa das in der Rittergasse 3/Ecke Kleine Neugasse gelegene Haus verließ, stand vor dem Tor eine kleine Gruppe – bestehend aus Stammgästen und dem Wirtshauspersonal –, die sich, wie damals so beliebt, für eine dieser neumodischen Postkarten fotografieren ließ. Von dem Menschenauflauf überrascht, stellte sich Uhrendieb Honsa einfach dazu. Und wurde geknipst.

Als Gastwirt Koller den Verlust seiner Taschenuhr bemerkte, ging er sofort zur Polizei, wo man ihm nur wenig Hoffnung machte, sie je wiederzusehen, zumal Wohnungsdiebstähle damals weit verbreitet waren.

Tage später brachte der Fotograf sein Kunstwerk. Und der Wirt staunte nicht schlecht, als er auf dem Bild einen ihm völlig unbekannten Herrn mit Schnauzbart und »Stößer« am Kopf entdeckte. Den Kriminalisten freilich war sofort klar: Der Abgebildete musste der Dieb sein, der gerade im Moment der Aufnahme das Haus – den Tatort – verlassen wollte.

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Ließ sich am Tatort fotografieren: »Meisterdieb« Joseph Honsa (ganz rechts) vor dem Gasthaus Koller auf der Wieden

Joseph Honsa war im Sicherheitsbüro kein Unbekannter: Sein Vorstrafenregister war beachtlich, noch öfter war der »Meisterdieb« aber mangels an Beweisen freigesprochen worden. Diesmal allerdings war jedes Leugnen zwecklos. Das Foto lieferte den eindeutigen Beweis. Honsa rückte die Uhr heraus – und landete im Häfn …

Der Suaheli-Dolmetsch, der kein Suaheli konnte

Eine Erinnerung an Wiens »Schwarzmarktkönig«

In der Akademiestraße, im Zentrum Wiens, gab es nach dem Zweiten Weltkrieg ein einzigartiges Lokal, das Künstlerclub hieß und die prominentesten Schauspieler, Sänger und Musiker der Stadt beherbergte. Curd Jürgens zählte mit seiner damaligen Frau Judith Holzmeister ebenso zu den Stammgästen wie Inge Konradi, Senta Wengraf, Marcel Prawy und der Opernstar Hans Hotter. Im Mittelpunkt des Künstlertreffs stand sein Besitzer Alex Petko, dessen »Nebenjob« einer der Hauptgründe war, dass die berühmten Gäste immer wieder kamen: Herr Petko war Wiens »Schwarzmarktkönig« und verfügte daher über Köstlichkeiten, die man nach dem Krieg in anderen Lokalen nicht bekam. Whisky, Wein und Bier flossen in Strömen, und es gab Käse, Schinken und Salami. Zu den Gästen des Künstlerclubs zählte auch Susi Nicoletti, die mir einmal die skurrile Überlebensgeschichte des »Schwarzmarktkönigs« Alex Petko erzählte.

Petko war 1942 als junger Mann an die Front einberufen worden, und er wusste, was das zu bedeuten hatte: Überlebenschance eher unwahrscheinlich! Als er die Kaserne betrat, in der er sich zur Musterung einfinden sollte, sah er ein Hinweisschild mit der Aufschrift: »Dolmetscher melden sich Zimmer 14b.«

Er betrat den angegebenen Raum und erfuhr, dass mehrere Übersetzer für Englisch, Französisch und Russisch gesucht würden. Und einer für Suaheli – für jene besonders schwer zu erlernende Mundart aus der Gruppe der Bantusprachen also, mit der sich die Eingeborenen Kenias und Tansanias verständigen. Unnötig zu erwähnen, dass Alex Petko von dieser Sprache kaum je gehört, geschweige denn auch nur ein Wort beherrscht hätte. Doch die Angst vor der Front war größer als die vor der Prüfungskommission.

Der Beamte auf Zimmer 14b schickte Herrn Petko zu Wiens einzigem Suaheli-Experten, einem Universitätsprofessor, zwecks Überprüfung seiner Suaheli-Kenntnisse. Petko begab sich dorthin und erkannte innerhalb kürzester Zeit, dass der Prüfer von der ostafrikanischen Küstensprache ebenso wenig Ahnung hatte wie er selbst. Der Professor war aus demselben Grund auf seinen Posten gekommen, wie Herr Petko es nun vorhatte. Und der Professor fühlte sich dort so sicher, weil er nie im Leben gedacht hätte, dass irgendjemand in diesen Breiten des Suahelischen mächtig wäre.

Eine Hand wusch die andere – die beiden Herren haben einander selbstverständlich gegenseitig nicht verraten. Und so wurde Alex Petko der erste Suaheli-Dolmetsch der Welt, der kein Wort Suaheli konnte.

Er überlebte auf diese Weise den Krieg und eröffnete, als dieser endlich vorbei war, den Künstlerclub in der Akademiestraße. Susi Nicoletti erinnerte sich des Lokals auch deshalb besonders gerne, weil sie hier ihren späteren Mann Ernst Haeusserman kennengelernt hatte. Und eines Tages erzählte ihr Herr Petko seine Lebensgeschichte und somit auch von seiner lebensrettenden Karriere als Suaheli-Dolmetsch.

Das Geheimnis des Schnorrerkönigs

Poldi Waraschitz hat nie etwas bezahlt