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Redaktioneller Hinweis: Das vorliegende Buch versteht sich als künstlerisches Werk. Die schriftliche Wiedergabe von Dialektbegriffen und -lauten orientiert sich an den üblichen phonetisch-sprachwissenschaftlichen Parametern und vergleichbaren Publikationen wie Peter Wehles Sprechen Sie Wienerisch?, folgt aber letztendlich der Wahrnehmung des Autors.

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© 2020 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagillustration sowie alle Zeichnungen im Buch: © Arik Brauer

Lektorat: Madeleine Pichler

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 13/16,7 pt Arno Pro

ISBN 978-3-99050-186-3

eISBN 978-3-903217-62-1

INHALT

Vorwort

Nåch da Schreibe – wia da Schnåbe gwåksn is

Trotoā und awua

Paɫatschinkn

Bosnigɫ und Grandscheam

Schnickschnack und Graffɫwerk

Bɫāda und Heigeign

Vapɫempan, vauarassn, vawoatagɫn

Wātschn und Fotzn

Die Buppaɫhutschn

Hüft’s nix, dann schådt’s nix und wer wāß, fia wås des guat is

Vanadara und Ungustɫn

em und ɫem ɫåssn

Krawäu, Bahö, Ramasuri

Der Schɫuaf

Mohr im Hemd und Ihaha

Åɫɫaɫei Gnädɫn

Das Cafä Pischinga

Tachɫes redn

Der Heirige

Grewögaɫ und Bissguan

Schratzki

Das Pɫauschaɫ

Dieb und Gannef

Der Schmattes

Für den Hugo

Gfrett, Gfrāst, Gfries

Åɫaweu und hoff ma’s Beste

Schɫapfnschames und ghoschamsta Diena

Mezzie

Das Recht auf Reigaɫn

Beisɫ und Boss

Vom Stupsnasaɫ bis Nus

Schmia und Mistɫbåcha

Pleite und Petite

Aber bitte nicht mit Sahne

Mausetot und a schene eich

Die Eitrige und das Sechzehnerblech

Schmä und schmästad

Barkaroɫe im Schinakɫ

Hackɫn und tachiniern

Habara und Spezi

Gspusi, Pantschaɫ, Tächtɫmächtɫ

Bɫoßhappat und Fetznɫabaɫ

umpn und Kɫumpat

Mischpoche

Chuzpe und die Schweiz

Hātschn und gehn

Påtschaɫ und Påtschåchta

Da Gstopfte min Båchhendɫfriedhof

Sandɫar, Schuster, Poet

Všecko jedno – schezko jedno

Masɫ und Schɫamassɫ

Måtschkan is gsund

Zwickabussaɫ und Hubitschku

Tschecharant und Tschicka

Drāmhappat im Eɫawäda

Der Autor

VORWORT

Dieser Text soll natürlich keine wissenschaftliche Arbeit sein. Was hier geschildert ist, sind die authentischen Erinnerungen eines Ottakringer Knaben aus den Dreißigerjahren (20. Jahrhundert). Die Dialektworte sind ohne Rücksicht auf die deutsche Grammatik und Rechtschreibung, genau nach dem Klang der Wörter geschrieben. Dies macht es für den Leser sicher nicht einfach, aber es handelt sich ja, wie der Titel schon erwähnt, um einen Text für Fortgeschrittene.

Für den charakteristischen zwischen a und o liegenden Laut ist das å mit einem kleinen Ring versehen: Der Våda is dåda. Die Endsilbe -er wird meist als a ausgesprochen: Bruada, Muada. Das böhmische l, das mit der Zunge in der gedehnten Mundhöhle erzeugt wird, ist mit einer kleinen Welle versehen: ɫɫe, ampen.

Der Buchstabe p wird, speziell am Wortanfang, fast immer als b gesprochen und oft auch so geschrieben: Buppä.

E wird meist als ä ausgesprochen, das helle, lang betonte a hat einen geraden Strich als Krone: Rādɫ, Mādɫ.

Das t wird meist als d ausgesprochen: Bɫuad, Huad.

Zahlreiche Wörter haben hebräischen Ursprung und sind über die jiddische Sprache und den Gangster-Dialekt, das sogenannte Rotwelsch, ins Wienerische aufgenommen worden. Viele aus dem Tschechischen stammende Wörter werden kaum noch verwendet: schezko jedno, Pfrnak, Hubitschku. Französische Wörter sind im Wienerischen oft total integriert, natürlich mit grausam verzerrter Aussprache: Bassena (bassin), awua (lavoir), Paɫtot (paletot). Bei ungarischen Wörtern versucht der Wiener oft, den typischen exotischen Akzent nachzuahmen, was in ungarischen Ohren sicher schrecklich klingt: Muɫatschak.

NÅCH DA SCHREIBE – WIA DA SCHNÅBE GWÅKSN IS

In Wien wird man durch seine Sprechweise einer bestimmten sozialen Schicht zugeordnet. Intellektuelle sprechen nåch da Schreibe, das heißt Deutsch mit österreichischer Klangfarbe. Bürger und Aufsteiger vermeiden Dialekt, um als Gɫernde zu gelten. Nostalgiker sprechen oft einen nasalen, fein geschliffenen Graf-Bobby-Dialekt, wie ihn angeblich auch der Kaiser sprach. Die sogenannte Arbeiterklasse spricht, wia da Schnåbe gwåksn is, was klaglos funktioniert, solange man unter sich ist. Gilt es aber, wo vorzusprechen oder gar einem Interviewer zu antworten, gerät der Dialektmensch in einen peinlichen Eiertanz zwischen Schnåbe und Schreibe.

Politiker haben es besonders schwer. Linke Nådɫstrāf-Proɫos, die ja oft aus bürgerlichen Familien stammen, mühen sich ab; wenn es vor Wahlen gilt, im Volk zu baden, versuchen sie mit dem charakteristischen böhmischen zu sprechen (es ist zu vermuten, dass sie zu Hause im Geheimen üben). Für den Vortragenden einer großbürgerlichen Partei hingegen ist das gelegentliche Abrutschen in den Dialekt geradezu eine Katastrophe. Der sogenannte rechte politische Flügel vermeidet Dialekt tunlichst. Man ist ja schließlich Akademiker und will keineswegs die heilige deutsche Sprache mit böhmischen, hebräischen, ungarischen und französischen Worten beschmutzen. Wer mühelos nåch da Schreibe und wia da Schnåbe gwåksn is sprechen kann, hat es in Wien ɫeiwand.

Gɫernde – Gelernte

ɫeiwand – klasse, super

nåch da Schreibe – nach der Schriftsprache

Nådɫstrāf-Proɫo – Nadelstreif-Prolet

wia da Schnåbe gwåksn is – wie der Schnabel gewachsen ist

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Nåch da Schreibe und wia da Schnåbe gwåksn is

TROTOĀ UND AWUA

Die englische Sprache hat zwar die meisten Wörter, aber Französisch klingt halt viel schöner. Es macht mit der lateinischen Sprache, was das Wienerische mit der deutschen macht: Buchstabenendungen und ganze Silben werden verschluckt, um den Fluss der Sprache rund und weich zu gestalten: I håb an Huad. Ein deutscher Akzent beschädigt den Klang des Französischen, aber das Wienerische vereinnahmt das Französische total und gibt ihm eine neue Qualität: »Schurɫ, hoɫ aus da Trafik des Schuaneu mit de eɫegantn Daman! Stö ned des awua aufs Trotoā bei dera Bassena. Kummt a Passant, dasteßt si und du muasst eam Aɫimente zoin. De Franzosn håm haufnweis Wäata von uns übanumman, oba se kennan’s håɫt ned so richtig aussprechn.«

I håb an Huad. – Ich habe einen Hut.

Schurɫ, hoɫ aus da Trafik des Schuaneu mit de eɫegantn Daman! Stö ned des awua aufs Trotoā bei dera Bassena. Kummt a Passant, dasteßt sie und du muasst eam Aɫimente zoin. De Franzosn håm haufnweis Wäata von uns übanumman, oba se kennan’s håɫt ned so richtig aussprechn.
Georg, hol aus der Trafik die Zeitschrift mit den eleganten Damen! Stell nicht die Waschschüssel auf den Gehsteig beim Brunnen. Kommt ein Passant, stolpert und du musst ihm Alimente zahlen. Die Franzosen haben haufenweise Wörter von uns übernommen, aber sie können sie halt nicht so richtig aussprechen.

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awua am Trotoā

PAATSCHINKN

Wienerisch ausgesprochen wird die dritte Silbe betont, das erinnert an den zischenden Klang, wenn beim Griaß di a Gott-Wirt der Teig in das heiße Fett geworfen wird. Auf Ungarisch betont man die erste Silbe, und das erinnert an eine wild gewordene Ungarin, die als Nåckapatzɫ in den Balaton springt. Ist der Teig im Pfandɫ, wird die langsam fest werdende Paɫatschinke mit einem gekonnten Schwung in die Luft geschleudert, sodass sie mit einem Salto oder Doppelsalto mit der Maschekseitn (Maschekschreamsn) wieder im Pfandɫ landet.

Wenn ein Påtschåchta oder Gschaftɫhuaba am Werk ist, entsteht natürlich ein Paɫawatsch, das heiße Fett spritzt in alle Richtungen und die Paɫatschinke pickt an der Wand. Die gelungene Paɫatschinke wird auf a Rearɫ gwuzɫt und mit Ribisɫ-, Wāchsɫ-, Zwetschkn- oder Marünmarmeɫad gefüllt. Beim Essen der ɫen KidɫAn guatn!