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PIOTR

BECZAŁA

In die Welt hinaus

Ein Opernleben
in drei Akten

Aufgezeichnet
von Susanne Zobl

Mit 57 Abbildungen

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1. Auflage November 2020

2. Auflage Jänner 2021

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2020 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Valence, www.valencestudio.com

Umschlagfoto: © Julia Wesely

Lektorat: Madeleine Pichler

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11,35/14,5 pt Minion Pro Caption

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-185-6

eISBN 978-3-903217-60-7

INHALT

OUVERTÜRE AUF DER ENGELSBURG

ERSTER AKT

Als Orangen noch Luxus waren – Kindheit im kommunistischen Polen

Der Kirschbaum meiner Großmutter und eine abenteuerliche Nachtfahrt ans Meer

Hasen oder Zucchini und meine kulinarischen Höhepunkte

Allein unter Mädchen – meine Flucht aus dem Chor

Versuche als Rockmusiker und Designer

Exkurs in die Geschichte – der 13. Dezember 1981

Kapitän oder Tenor? Die Weichen werden gestellt

Der Gesang als Tor in die Welt

»Kannst du dir vorstellen, Gesang zu studieren?«

Entscheidung in Katowice und Noten auf Packpapier

Wie wird man Tenor?

Intermezzo – mit 300 Franken in die Schweiz

»Vergiss den Cavaradossi, mein Junge« – Lehren einer Legende

Vom Straßensänger zum Kammersänger

Luciano Pavarotti – »Bravissimo, ragazzo!«

Von der Autobahn auf die Bühne – das erste Vorsingen

ZWEITER AKT

In Linz beginnt’s oder ein Tenor für jede Jahreszeit

Kasia – Habanera, Horrorfahrt und Hochzeit

»I bin a großer Haberer« – Deutsch lernen mit Sam und Seppi

Wie bei Tom Cruise oder die Lösung heißt Dale Fundling

Mit Werther und Tamino nahe am Abgrund

Auf den Hund gekommen – im Duett mit Iga

Allzwecktenor mit Niedriglohn

Triumph für Kasia

Linz – Abschied und Wiedersehen

Beczała, übernehmen Sie oder als Einspringer zum Erfolg

Zürich – vom Fiat Punto in den Jaguar

Zürcher Allzweckwaffe und Balance-Akt Operette

»Abbiamo un Gustavo« – Zürcher Begegnungen

Intermezzo in Menorca – Kasia brilliert

Der »Grand Slam« der Oper – Faust im Glück

»Questa o quella« – die Prüfungen des Herzogs in Mailand

An der Met – der Beginn einer neuen Ära

Zum Bühnenjubiläum nach Warschau

Wonne und Wut im Verdi-Jahr und das Geheimnis meiner »schwarzen Liste«

Das Potenzial zum Lohengrin oder die Lehren aus Bayreuth

Zwischen den Fronten

Der Retter von Bayreuth

Klare Worte und Fairness

Zeitreise in die Vergangenheit

Störfaktoren

Im Angesicht eines Bären, im Wettstreit mit einem Papagei und von anderen wilden Tieren auf der Bühne

Einspringen für Fortgeschrittene

Ein Herzog im Affenkostüm und Gilda in der Südsee

Regietheater oder die Angst vor dem Schönen

Ein Scherz zum Abschied oder eine Gurke für Tatj-Anna

DRITTER AKT

Keine Verpflichtung, aber ein Wollen und Müssen: Liedgesang

Der Beginn einer wunderbaren musikalischen Freundschaft – Helmut Deutsch

Das Mysterium Winterreise

Emotionen, aber keine Revolutionen

Töne, die bleiben – Studioaufnahmen

Im Tonstudio heute – Flirten mit dem Mikrofon

Im Duett mit einer Legende – Hommage an Richard Tauber

Brüsseler Katakomben oder welches Label ist das richtige?

Vincerò – die Lizenz zum Siegen und einige Gedanken über die Arbeit des Tenors

Der Tenor und sein Sportwagen: das Schnurren meines Jaguars

Ein Leben für die Kunst

Zehn Jahre unter einem Damoklesschwert

Halka – Polen kommt nach Wien

Die große Stille – eine Pandemie namens Corona bricht aus

Stillstand

Auf der Flucht

In der Welt unterwegs

Inseln der Entspannung und Aufbruch in die Zukunft

ROLLENVERZEICHNIS

SOLOALBEN

BILDNACHWEIS

NAMENREGISTER

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Mein Debüt als Cavaradossi an der Wiener Staatsoper in Margarethe Wallmanns legendärer Tosca-Inszenierung

OUVERTÜRE AUF DER ENGELSBURG

Von meiner Liebe, vom Leben hatte ich Abschied genommen. Noch einmal hatte ich sie, meine Tosca, vor mir gesehen. Ich sank auf die Knie. Die Musik war mit meiner Stimme verklungen. Ein Rauschen wogte mir entgegen. Applaus! »Bravo!« Immer mehr, immer lauter tönten sie. Die Jubelrufe holten mich jäh zurück in die Wirklichkeit. Jetzt war ich nicht mehr Giacomo Puccinis Cavaradossi, nicht mehr der Maler, der Liebende, der todgeweihte Revolutionär, der vor den Zinnen der Engelsburg seine letzte Stunde durchlitt, bevor ihn die Schergen des Polizeichefs Scarpia richten. Jetzt war ich wieder der Tenor auf einer der zentralen Bühnen der Welt, der Wiener Staatsoper. Der Applaus wollte nicht enden. Ich verharrte auf meinen Knien, so wie ich die Arie beendet hatte. Das gab mir zumindest wenige Momente, um innezuhalten, abzuwägen. Doch das Klatschen, die Bravorufe wurden intensiver, mehr noch, immer fordernder. Ich wusste, was mein Publikum von mir verlangte, ich spürte die Energie, die es mir gab, und was ich ihm schuldig war. Noch einmal wollte man »E lucevan le stelle« von mir hören.

Sollte ich tatsächlich Cavaradossis Geschichte unterbrechen? Wollte ich es wirklich verantworten, dass meine Kollegin – in dieser Vorstellung war es Karine Babajanyan – weitere sechs Minuten auf ihren Auftritt warten musste? Der Applaus sagte mir, was ich zu tun hatte. Marco Armiliato, der Dirigent, gab mir aus dem Orchestergraben ein Zeichen, scheinbar spürte auch er diese Spannung. Als ich mich erhob und zurück an jenen Platz ging, wo ich zuvor die Sterne angerufen hatte, hörte ich, wie die Bravorufe lauter wurden und in Jubel umschlugen. Meine Emotionen trugen mich höher, es war fast so, als schwebte ich durch Margarethe Wallmanns legendäre Inszenierung. Plötzlich war alles ganz still. Die Szene begann von Neuem. Die Klarinette hob an. Aus dem Tenor Piotr Beczała war wieder der Maler Cavaradossi geworden.

Was danach geschah, war außergewöhnlich. Auch das Publikum setzte zur Wiederholung an, wieder brandete mir eine Welle von Applaus entgegen. Marco hob seine Hand: Drei Finger signalisierten ein drittes Mal. Sein fragender, aufmunternder Blick traf mich. Ich zögerte und verweigerte schließlich. Denn zu viel ist zu viel. Es wäre künstlerisch nicht vertretbar.

Es geschah nicht zum ersten Mal, dass ich eine Arie wiederholte. Was sich aber bei jener Tosca am 23. Juni 2019 ereignete, war ein spezieller Moment hoch sechs. Ich hätte schon bei der ersten Vorstellung ein Encore geben können, wollte es aber nicht. Was in solchen Augenblicken in einem Sänger auf der Bühne vorgeht, ist nur schwer erklärbar. Ich muss als Erstes meine Gedanken sortieren.

Bei Rollen wie dem Duca in Verdis Rigoletto erwartet man fast, dass der Tenor »La donna è mobile« wiederholt. Auch im Troubadour wird »Di quella pira« nicht selten ein zweites Mal vom Publikum gefordert. Aber von mir verlangt man auch Arien, die untypisch für ein Dacapo sind. Das erste Mal ließ ich mich in einer Aufführung von Jules Massenets Werther in Barcelona dazu überreden. Das Publikum wollte unbedingt mein »Pourquoi me reveiller« noch einmal hören. Was für eine Situation! Auch in Verdis Luisa Miller applaudierte das Publikum so lange, bis ich Rodolfos »Quando le sere al placido« noch einmal sang. Was ich dort und in Wien erlebte, ist völlig untypisch für den Opernbetrieb. Denn jede dieser drei Arien ist Teil einer Szene. Keine davon ist eigentlich ein Hit.

Im Grunde genommen wiederhole ich Arien nur sehr ungern. Denn in diesem Moment wird der Sänger auf der Bühne mitten in der Handlung zu einer Privatperson. Ich aber verkörpere meine Figuren. Vom ersten Auftritt bis zum Ende verwandle ich mich in die Figur, die ich singe. In besonderen Momenten versuche ich, mich von außen zu betrachten. Für mich ist die Wiederholung einer Arie stets ein egoistischer Akt, sowohl vonseiten des Publikums, das etwas erzwingen will, als auch von meiner Seite, weil ich mich dazu zwingen lasse.

Man kann nie wissen, ob sich die Spannung aufrechterhalten lässt. Aber das nehme ich in Kauf. Das Wichtigste in der Oper ist der Austausch von Energien zwischen uns Sängern und dem Publikum, und den kann man nicht mit Gewalt herbeiführen. Er entsteht eben … oder nicht.

Ich bin nicht der Erste und nicht der Einzige, der eine Arie wiederholt hat. In den Sekunden, in denen man die Entscheidung zu treffen hat, wie man fortsetzt, steht die Zeit still. Hat man sich aber entschieden, gleicht es einer Erlösung.

Manche glauben, die Wiederholung gehört dazu. Aber das ist gefährlich, denn nichts, auch kein Encore, darf in der Oper zur Routine werden. Es sollte etwas Außergewöhnliches bleiben.

Interessant ist, wie unterschiedlich das Publikum auf der Welt reagiert. Jedes Opernhaus hat ein anderes Energie-Level. An der New Yorker Metropolitan Opera applaudiert man heftig und kurz, da braust der Beifall auf wie eine Sturmböe. In Wien passiert das Gegenteil. Hier nehmen sich die Leute Zeit für ihren Applaus. Meine Frau meint oft, ich sei ein Weltmeister im Applaus-Killen. Aber manchmal muss der Künstler die Entscheidung treffen, wann es weitergeht. Es kann gefährlich werden, wenn man diesen Moment des Triumphs nur eine Spur zu lange genießt und damit zu sehr aus der Rolle heraustritt.

Aber wir Sänger brauchen die Momente, in denen man die Zuneigung des Publikums spürt, denn diese Menschen sind es, die uns beflügeln.

Ich hoffe, ich kann Ihnen mit meiner Geschichte etwas von dieser Energie vermitteln.

ERSTER AKT

Als Orangen noch Luxus waren – Kindheit im kommunistischen Polen

Ich sehe mein Leben wie eine Wanderung durch einen Bach. Einen Bach, der erfrischt, der aber immer wieder zu einem reißenden Gebirgsfluss anschwellen kann. Man kommt darin nur ans Ziel, wenn man sich gegen den Strom stellt. Immer vorwärts gehen, Schritt für Schritt, darauf kommt es an. Wenn du nur eine Sekunde denkst »Jetzt war ich brillant«, und du richtest dich auf, spült dich die Strömung weit zurück.

Bei dieser Wanderung denke ich nicht an Schuberts Mühlbach. Wogegen ich mich mein Leben lang gestemmt habe und noch immer stemme, ist das jeweilige System, in dem, mit dem und gegen das ich lebe. Meinen Lebensplan habe ich selbst entworfen. Doch darüber liegt stets noch ein anderer. Denn egal, wo man ist oder was man macht, es gibt immer ein bestimmtes System, das es zu überwinden gilt. Jenes, in dem ich mich heute befinde, habe ich selbst gewählt, jenes, aus dem ich stamme, war alles andere als von »Glanz und Wonne« geprägt wie die Herkunft von Richard Wagners Lohengrin. Viele meinen, dass der Beruf eines oft als »Startenor« titulierten Sängers zwischen Applaus, Glamour und Prunk oszilliert. Wäre es doch so! Stress, Neid, Menschen, die einem das Leben schwerer machen, als es schon ist, kreuzten meinen Weg. Leicht hatte ich es nie, aber ich verstand es, Hindernisse als Herausforderungen zu sehen, die mich weiterbrachten. Früher bestimmte der Kommunismus meinen Alltag. Er hat mich eine Gangart fürs Leben gelehrt.

Ich bin im Polen der 1960er-Jahre geboren. Leere Regale in den Geschäften und stundenlanges Anstellen um ein Stück Fleisch waren der Alltag meiner Eltern. Orangen und Bananen waren Raritäten, die man höchstens zu Weihnachten auftischte. Auch Butter war ein Luxus. Von Oper war damals bei uns keine Rede. Wir lebten in einem Vorort von Czechowice-Dziedzice, zwei Stunden südwestlich von Krakau. Das nächste Musiktheater befand sich im mehr als sechzig Kilometer entfernten Bytom, für eine Familie ohne Auto unerreichbar.

Meine musikalischen Erfahrungen beschränkten sich daher zunächst auf die Gesangsbücher in der Sonntagsmesse. Künstler, Musiker oder Sänger gab es in meiner Familie keinen einzigen. Alle hatten handfeste Berufe. Mein Großvater war Baumeister und hat die meisten Häuser in unserer Umgebung gebaut. Mein Vater Antoni war Meister in einer Textilfabrik, meine Mutter Janina Schneiderin. Als Kind dachte ich gar nicht daran, Sänger zu werden. Ich hatte nur eine Sehnsucht: Ich wollte reisen, in die Welt hinaus. Mein Fernweh hatte Karl May entfacht, ich verschlang seine Romane, wurde Teil seiner Geschichten, die Durch die Wüste, Durchs wilde Kurdistan oder in Winnetous Welt führten. Ich wollte reisen. Heute kann ich es. Meine Frau Kasia und ich haben gelernt, uns überall auf der Welt einzurichten, egal, ob in Wien, Zürich oder New York. In meiner Kindheit aber war schon der Weg in die Kirche für viele in meiner Umgebung eine Herausforderung: Drei Kilometer Fußmarsch, das war fast ebenso weit entfernt wie meine Schule oder das Haus meiner Tante, von der ich die Milch holte. Oft schickte mir meine Mutter meinen Vater entgegen, denn ich liebte diesen Weg, die Wälder, die Natur. Manchmal machte ich auch einen Umweg über unsere Fußballwiese, wo ich andere Buben für ein kleines Spiel traf. Meine Mutter scherzte oft: »Wenn du allein um die Milch gehst, wird sie sauer.«

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In frühen Kindertagen

Es ist heute schwierig, einem jungen Menschen all das zu erklären. Man bewältigte tatsächlich die meisten Distanzen per pedes. Die drei Kilometer waren der Radius, in dem meine Familie lebte und arbeitete.

Auch mein Vater legte den Weg zu seiner Fabrik in Komorowice zu Fuß zurück, bis er ein Motorrad und später ein Auto kaufen konnte. Als Fünfjähriger konnte ich mir nicht einmal vorstellen, dass ein Auto eine andere Form als die eines Kastenwagens haben konnte, bis Ende der Siebzigerjahre der Polonez mit abfallendem Heck aufkam. Das zeigt, wie eng unser Horizont damals gewesen sein muss.

Kasia, meine Frau, nennt unsere damalige Heimat ein »großes Gefängnis«. Doch als Kind bekam ich von all dem nur wenig mit. Mein Zuhause waren die Felder um Czechowice. Diese hatten schon meinen Urgroßeltern gehört. Wenn eines ihrer Kinder heiratete, schenkten sie ihm ein Grundstück, auch mein Vater bekam eines. Denn erwerben konnte man in dieser Zeit keinen eigenen Grund. So kam es, dass in den sieben Häusern in der nächsten Umgebung ausschließlich Tanten und Onkel wohnten. Ich habe das geliebt: Zum einen musste ich mir keine fremden Namen merken und zum anderen war immer etwas los. Allein mit meinen Cousins hätte ich eine Hockeymannschaft formieren können.

Das Leben in unserer kleinen Siedlung glich jenem in einem echten Dorf. Als ich noch sehr klein war, wohnten wir bei meinem Großonkel Josef. Er war der »Pótek«, der Pate, meines Vaters. In seinem Haus hatten wir zwei Zimmer für uns gemietet. Als ich drei war, kam meine Schwester Krystyna auf die Welt, vier Jahre später mein Bruder Arkadiusz. Da mein Vater Meister war, hatte ihm seine Firma eine Drei-Zimmer-Wohnung, sogar mit Telefon, versprochen. Mein Vater aber verzichtete darauf, denn er hätte sie nur bekommen, wenn er der Partei beigetreten wäre. Aber diese Bedingung wollte er nicht erfüllen. Ohne Parteibuch aber war im Kommunismus nichts zu haben.

»Wenn es sein muss, baue ich mir mein Haus allein«, sagte er. Das musste er natürlich nicht, denn bei uns in der Familie halfen immer alle zusammen. Auch ich wollte meinen Anteil leisten. Mit den Händen eines Sechsjährigen tat ich, was ich konnte. Die Fußballwiese tauschte ich gegen die Baustelle ein. Ich siebte Schotter, bediente den Lastenaufzug, legte überall Hand an, wo es mir als kleinem Buben möglich war. Nach drei Jahren war unser Haus fertig. Der Tag, an dem der Deckel auf die Sickergrube gelegt wurde, bleibt mir bis heute in Erinnerung. Am selben Tag siegte Polen bei der Qualifikation zur Fußball-Europameisterschaft 4 : 1 gegen Holland. Das historische Datum, 10. September 1975, und das Ergebnis schrieb ich selbst in den Beton ein. Man kann es heute noch lesen.

Wir waren der letzte Haushalt in der Siedlung, der ein Telefon bekam. Schuld daran war mein Vater, denn er wollte nie um irgendetwas betteln, obwohl er bereits im Gemeinderat war und ein Anrecht auf einen Telefonanschluss gehabt hätte. Aber das war ihm egal. Er war ein sehr zurückhaltender Mensch. Meine Frau Kasia meint, dasselbe trifft auf mich zu. Wahrscheinlich hat sie recht. Man trifft mich nie mit einer Schachtel Bonbons oder Champagner in einem Besetzungsbüro an – höchstens mit selbst gebackenem Kuchen. Aber im Kommunismus war ohne Schmiergeld kaum etwas zu bekommen. Davon bekam ich als Kind allerdings nichts mit.

Der Kirschbaum meiner Großmutter und eine abenteuerliche Nachtfahrt ans Meer

Im Garten meiner Großeltern mütterlicherseits stand ein alter Kirschbaum. Kein Ast war mir zu hoch, wenn es darum ging, die Kirschen zu ernten. Das war eine meiner Lieblingsbeschäftigungen. Wie oft ich unfreiwillig auf dem Boden landete, habe ich nicht gezählt, aber mein Ernteeifer lehrte mich klettern, wovon ich heute noch zuweilen auf der Bühne profitieren kann. Ein anderer sommerlicher Höhepunkt war das Heidelbeerpflücken in den Bergen. Jeder von uns trug einen Krug, am Ende sammelten wir unsere Erträge in einem großen Korb. Mein Bruder aß meist mehr, als er sammelte, ich füllte mein Gefäß immer am schnellsten. Wenn meine Frau Kasia und ich heute in unserem Haus in Żabnica sind, setzen wir diese Tradition fort. Auch in unserer Gegend gibt es ausreichend Heidelbeeren.

Uns Kindern diente im Sommer ein Karpfenteich als Freibad. Aus Holzbrettern bauten wir uns ein Sprungbrett. Ich will gar nicht daran denken, wie oft ich bei meinen Sprüngen in dieses trübe Wasser im Schlamm stecken geblieben bin. Karpfenteiche können mir heute gestohlen bleiben. Das Meer war da schon etwas anderes. Reisen an die Adria oder die Ägäis waren schon theoretisch schwer möglich und praktisch undenkbar, denn die kommunistische Regierung hielt ihr Volk im Lande. Trotzdem mussten wir nicht auf Strandferien verzichten, denn wir hatten die Ostsee. Größere Betriebe bauten Ferienheime für ihre Angestellten. Die Fabrik, in der mein Vater arbeitete, besaß eines in Ustka. Das aber war 600 Kilometer von Czechowice entfernt. Bei unserem ersten Urlaub Mitte der Siebzigerjahre war noch längst keine Rede von einem Polonez. Was also tun? Unser Budget war sehr gering, aber meine Eltern machten das Unmögliche möglich: Wir »charterten« einen LKW. Zu fünft, meine Eltern und wir drei Kinder, fuhren wir auf einem Lastwagen mit, der Textilien transportierte. Nur eine Plane war über uns gespannt. So eine Nachtfahrt in den Norden Polens wäre heute natürlich verboten. Man konnte sich auch bequemere Arten zu reisen vorstellen, aber das machte uns nichts aus. Wir freuten uns so, ans Meer zu kommen. Es war Sommer, es war warm und für mich pures Abenteuer. Zurück sind wir mit dem Zug gefahren.

Auch im Winter vermissten wir Kinder nichts. Wir bauten uns kleine Ski-Schanzen oder spielten Eishockey. Den Puck fertigten wir selbst an: Wir füllten eine leere Konservendose mit Zement und fertig war unser Geschoß. Als Schlittschuhe dienten mir Kufen, die mir mein Vater aus Metallstücken gefertigt hatte. Später schenkte mir mein Onkel echte Eislaufschuhe. Aber sie waren in Größe 45 und mir mit meinen dreizehn Jahren viel zu groß. Ich stopfte sie mit Zeitungspapier aus, bis sie mir mehr oder weniger passten.

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Mit meinen Eltern Janina und Antoni Beczała

Hasen oder Zucchini und meine kulinarischen Höhepunkte

Nie werde ich unsere Familienfeste bei meinen Großeltern vergessen. Dabei kamen oft mehr als dreißig Leute zusammen. Am ersten Weihnachtstag versammelte sich die Familie bei den Eltern meines Vaters. Neben den panierten Karpfen – die waren zu Weihnachten Pflicht – stellte meine Oma immer einen großen Topf Gulasch bereit, von dem alle satt werden konnten. Am 26. Dezember besuchten wir meine Großeltern mütterlicherseits, die Borgiełs. Auf keinem Tisch durfte der Gemüsesalat fehlen. Meine beiden Großmütter traten dabei in einen richtigen Konkurrenzkampf. Tatsächlich waren ihre Salate ganz verschieden: Meine Borgieł-Oma schnitt das Gemüse sehr grob, verwendete nur Kartoffeln und Essiggurken. Dadurch konnte man jede einzelne Zutat erkennen und schmecken. Meine andere Großmutter setzte auf Salzgurken und viele sehr weich gekochte Kartoffeln. Verbunden mit der selbst gemachten Mayonnaise ergaben diese eine feine Masse, die den klein geschnittenen Sellerie und die Karotten verband. Köstlich waren beide. Auch heute darf auf Kasias und meinem Weihnachtstisch der Salat nicht fehlen. Meine Frau hat ein delikates Rezept aus jenem der Borgiełs und jenem der Beczałas kreiert.

An Festtagen war in unserer Familie nicht zu spüren, wie hart die Zeiten waren. Zu Weihnachten und zu Ostern bekamen wir vom Staat Essensmarken, wie im Krieg. Mit diesen Kärtchen konnte man sich um Zucker, Mehl, Margarine, selten auch um Butter und um Fleisch anstellen. Mehr als zwei Kilogramm gab es jedoch nicht. Fleisch war in Polen noch in den Siebziger- und Achtzigerjahren Mangelware. In den Fleischerläden hingen die nackten Haken nutzlos wie zur Verzierung von den Halterungen. Man musste sich bereits in der Nacht anstellen, um überhaupt die Möglichkeit zu haben, ein Stück Fleisch zu kaufen. Denn auch die Marken waren keine Garantie dafür, dass man bekam, was man wollte.

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En famille: Meine Mutter mit meiner Schwester Krystyna und ich mit meinem Vater

Doch mein Vater wusste Rat: Kaninchen. Sieben Jahre hielt er die nahrhaften Nager. Das mögen Tierfreunde heute für grausam halten, aber wer hätte sich damals Vegetarismus leisten können? Mehrmals in der Woche gab es bei uns Hasenbraten. Den konnte ich bald nicht mehr sehen. Meine Mutter spezialisierte sich irgendwann auf Pasteten. Damit konnte ich mich anfreunden, zumal man den Hasen nicht in persona vor sich hatte.

Trotz der bescheidenen Lebensverhältnisse verband die Menschen eine echte Herzlichkeit. Es war undenkbar, in einer Straßenbahn oder einem Autobus einem älteren Fahrgast nicht sofort seinen Sitzplatz zu überlassen. Wenn man heute nach Polen blickt, hat man den Eindruck, dass der Kommunismus komplett vergessen ist. Die meisten leben so, als hätte er nie existiert. Die Supermärkte sind voll, Essen wird, wie in anderen Ländern auch, im Überfluss gekauft und weggeworfen. Vielleicht erinnern sich manche durch die Coronakrise an diese gar nicht so guten alten Zeiten.

Die Arbeit teilten wir Kinder uns in drei »Baustellen« auf: Küche, Treppenhaus und Garten. Die Küche und die Böden reinigte ich mit Hingabe, nur an der Gartenarbeit konnte ich keine Freude finden. Unkrautjäten machte mich fast wahnsinnig. Es gab aber Momente, in denen ich den Garten zu schätzen wusste. Wenn meine Mutter zu mir sagte: »Piotr, heute bist du dran, mach die Suppe.« Je nach Saison holte ich mir, was unsere Beete zu bieten hatten. Das war nicht wenig: Drei Rüben, drei Kartoffeln, Karotten, junge rote Rüben, die eine schöne Farbe gaben, Lauch, Fisolen. So wie es mir meine Mutter erklärt hatte, gab ich alles nacheinander in einen Topf. Ich wusste, dass jedes Gemüse einen eigenen Garpunkt hat. Dann verfeinerte ich alles mit Sahne und Mehl. Die fertige Suppe krönte ich mit Kohlrabiblättern. Deren Stängel waren für mich köstliche Snacks zum Knabbern. Diese Suppe war meine Spezialität, die ich meiner Familie gerne auftischte, und das einzige vegetarische Gericht, für das ich zu haben war. Manchmal verfeinerte ich es auch mit etwas Speck, wenn er gerade verfügbar war.

Wenn mein Vater etwas machte, dann ordentlich. Als ich schon studierte und nur noch in den Ferien nach Hause kam, bepflanzte er in einem Sommer fast alle unsere Beete mit Zucchini. Mit der Ernte ließ er sich Zeit, bis sie richtig groß gewachsen waren. Wir hatten so viele, dass wir schon alles in Grün sahen und schmeckten. Egal, ob Frühstück, Mittag- oder Abendessen: Immer mussten wir diese gurkenähnlichen Allzweckwaffen essen. Ich brauchte Jahre, bis ich mich von meinem Zucchini-Trauma erholt hatte. Heute kann ich damit bei meinen vegetarischen Gästen punkten, wenn ich sie in zentimeterdicke Scheiben schneide und frisch vom Grill kredenze.

Meinen persönlichen kulinarischen Höhepunkt im Jahr bereitete ich mir schon als Kind selbst zu. Einmal im Jahr erstanden mein Vater und seine sechs Geschwister ein Ferkel. Das wurde bei uns im Garten aufgezogen; gewohnt hat es in der Garage, bis es groß genug war, um seine Bestimmung als Nahrungsmittel zu erfüllen. Geschlachtet wurde es von professioneller Hand. Es mag brutal anmuten, aber für mich war das ein ganz natürlicher Vorgang. Das Schwein musste nicht in einer Massentierhaltung leiden und auch nicht über Tausende Kilometer in einem engen Transporter seinen Weg in den Tod antreten. Von diesem frisch geschlachteten Schwein wurde alles verwertet. Ich bekam immer ein Stück von der frischen Leber. In einem Topf wärmte ich ein Stück Margarine, denn Butter war im kommunistischen Polen Luxus und daher nur selten verfügbar. Zwiebeln hatten wir im Garten. Ich suchte mir eine der größten aus, schnitt sie in grobe Stücke und dünstete sie ziemlich lange. Dann briet ich die Leber zehn Minuten in diesem Fett. Das war mein Festessen. Manchmal gab ich auch meiner Schwester und meinem Bruder etwas davon ab, aber nur, wenn sie darauf bestanden.

Sollten sich Vegetarier jetzt abwenden, kann ich sie beruhigen. Was für Marcel Proust Zwieback beziehungsweise die kleinen köstlichen Biskuitkuchen namens Madeleines waren, sind für mich heute noch Tomaten. Drei Paradeiser, sonnengereift aus dem Garten, mit einer Zwiebel und ein paar Löffeln Sauerrahm, etwas Pfeffer und Salz und einer ordentlichen Portion Brot waren, auch als ich bereits studierte, eine vollkommene Mahlzeit für mich. Vergeblich suche ich heute nach diesem Aroma aus meiner Kindheit, fast so wie der Erzähler in Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Diese Sorten sind perdu. Die Zeiten und die Geschmäcker haben sich geändert.

Auch in der Schule. Wir wurden sehr streng erzogen. Die meisten unserer Lehrer hätten heute sicher wegen ihrer drastischen pädagogischen Methoden Berufsverbot, manche machten mir richtiggehend Angst. Es kam gar nicht so selten vor, dass der eine oder andere uns mit dem Stock oder einem Riemen züchtigte. Wir waren eine ziemlich wilde Bande und nahmen das in Kauf. Geschadet hat uns diese Erziehung nicht. Wir lernten Disziplin und wurden härter im Nehmen. Schließlich wollte man uns gegen die Härte des Lebens wappnen.

Insgesamt denke ich gern an meine Kindheit zurück. Ich nahm mir meine Freiheiten, hatte meine täglichen Abenteuer, egal, ob bei Hitze, Regen oder Schnee und Kälte. Was war das für ein Leben, als wir Kinder frei und wild durch die Wälder streiften. Es schien, als konnte uns nichts bremsen. Ich erinnere mich noch heute, wie an eisigen Wintertagen nicht nur einmal meine völlig durchnässte Hose nach einer Schneeballschlacht zu einer eisigen Hülle gefror. Die kalten, steifen Beinkleider machten das Gehen nicht einfacher, aber ich kämpfte mich durch.

Allein unter Mädchen – meine Flucht aus dem Chor

Als Fünfjähriger kam ich wie jeder Bub in Polen zu den Pfadfindern. Das war für jeden Schüler, für Buben und Mädchen, Pflicht. Man hatte nur die Wahl, sich dagegen zu wehren und durchzuquälen oder es als Angebot wahrzunehmen wie ich. Dann konnte man wirklich Spaß haben. Praktisch war es in jeder Hinsicht: Die meisten Eltern konnten es sich nicht leisten, sich im Sommer zwei Monate lang um ihre Kinder zu kümmern. Bei den Pfadfindern waren wir bestens versorgt. Wir fuhren auf Sommerlager und wurden auf eine spielerische Art zur Selbstständigkeit erzogen. Wir lernten die Natur kennen, Pilzesammeln und Feuermachen. Wer es nicht schaffte, das Lagerfeuer mit einem Streichholz zu entfachen, galt schnell als Loser. Ich fuhr jedes Jahr auf die Lager mit und brachte es sogar bis zum Truppenführer.

In dieser Zeit erlebte ich zum ersten Mal, wie schön Singen sein kann. Unser Repertoire an Liedern war enorm, außerdem lernte ich Gitarre. Schon damals muss ich eine auffallend schöne Stimme gehabt haben. Ich fiel damit auf. Als ich in der zweiten oder dritten Klasse der Grundschule war, wurde ich zu einer Dirigentin beordert. Ich sollte in ihrem Chor mitsingen. Was sich zunächst interessant anhörte, wurde flugs zum Albtraum. Außer mir war nur ein einziger Bub in dem Chor. Das war ein Schock. Als Zehnjähriger fast allein unter Mädchen? Es war mir richtig peinlich. Nein, dort wollte ich nicht bleiben. Um keinen Preis!

Dabei lernte ich erstmals, wie man ein System klug überwinden kann. Der Chor gehörte zur Schule. Es gab also keine Möglichkeit, ihm zu entkommen. Ich begann zu recherchieren, wie man am sichersten einen Hinauswurf erreichen könnte. Ein Kollege erzählte mir, was diese Dirigentin auf die Palme brachte: Man brauchte nur sein Gesangsheft nicht in den Unterricht mitzunehmen. Es funktionierte. Als ich an einem Nachmittag mein Heft »vergessen« hatte, entließ mich die Chorleiterin sang- und klanglos. Am liebsten hätte ich diese Episode aus meiner damals noch kurzen Karriere gestrichen. Ein paar Jahre danach änderte sich auch meine Einstellung zu Mädchen. Aber dann konnte ich ihnen nur noch als Zaungast zuhören. Als ich der Chorleiterin Jahre später, als ich schon mein Gesangsstudium begonnen hatte, begegnete, wechselte sie ohne ein Wort die Straßenseite. Sie tat mir leid. Als Kind konnte ich noch nicht wissen, dass mich die Musik nicht mehr loslassen würde.

Versuche als Rockmusiker und Designer

Auch meine nächste musikalische Unternehmung erwies sich alles andere als vielversprechend. Im Musikunterricht sollte ich Akkordeon lernen. Mein Vater erstand sogar ein Instrument der Marke Weltmeister. Aber bald erkannte ich, dass Ziehharmonika nicht das Richtige für mich, den Beatles-Fan, war. Ein anderer Horizont tat sich auf, als mir einer meiner Cousins sein Magnetofon schenkte. Wir hatten zwei Spulen mit Musik: Auf einer waren Lieder von den Beatles, auf der anderen Songs von Procol Harum. Ich spielte diese Bänder so lange, bis das Gerät kaputtging.

Der Begleitsound meiner Jugend trieb mich zu mehr an: Ich wollte Rockmusiker werden. In Czechowice gab es eine Band, die gerade einen Gitarristen suchte. Ich war ein Teenager von fünfzehn Jahren, Gitarre hatte ich bei den Pfadfindern gelernt. Was also sollte mich daran hindern, mit ihnen aufzutreten? Meine Karriere scheiterte, noch bevor sie wirklich beginnen konnte, denn ich hatte keine E-Gitarre und die Stadt stellte keine zur Verfügung. Da lernte auch ich die Einschränkungen des Kommunismus kennen. Denn im Alltag fehlte mir als Kind nichts: Zu essen hatten wir immer genug, und wir mussten uns auch nicht wie andere nächtelang um ein Sakko oder eine Hose anstellen, zumal meine Mutter alles selbst nähte. Zur Kommunion fertigte sie mir einen Maßanzug aus Kremplin, einer Art geprägtes Polyester. Dass ich ausgerechnet diese Hose zerriss, hat meine Eltern gar nicht gefreut.

Aber auch ich selbst war sehr kreativ, was meine Bekleidung betraf. Meine Mutter erzählt heute noch, wie ich mich einmal als Modedesigner versucht habe. In einem ihrer Magazine entdeckte ich einen karierten Anzug. So einen wollte ich haben. Mein Vater brachte den passenden Stoff aus der Fabrik mit. Akkurat schnitt ich Jacke und Hose zurecht. Doch am Ende fehlten mir zwei Zentimeter. Ich drehte und wendete die Teile. Aus den Karos wurde Chaos. Wäre Christian Lacroix am Werk gewesen, hätte man diese Kreation wahrscheinlich als innovativ bezeichnet. Drei Tage arbeitete ich an diesen Teilen, meine Mutter hätte wahrscheinlich nur ein paar Stunden gebraucht. Aber ich lernte, mit Stoff umzugehen.

Darum kann mir heute kein Kostümbildner etwas vormachen, ich kenne mich mit Stoffen und Schnitten aus. Man glaubt gar nicht, welche Freiheiten sich manche Ausstatter nehmen. 2006 sollte ich für Mozarts Don Giovanni bei den Salzburger Festspielen die Kostümbildnerin in der Getreidegasse bei einem der luxuriösen Herrenausstatter treffen. Dort wollte sie mit mir für Martin Kušejs Inszenierung mein Kostüm auswählen. Alles zusammen sollte 3200 Euro kosten. Ich fand das unfassbar. Bei der Gage wird um 100 Euro gefeilscht und bei den Kostümen wirft man das Geld mit beiden Händen zum Fenster hinaus. Nicht mit mir. Als Sohn einer Schneiderin wusste ich, was zu tun war. Ich setzte durch, dass man mir in der Schneiderei der Festspiele ein Sakko anfertigte, das nicht einmal ein Drittel kostete. Möglicherweise ist mir die Abneigung gegen jedwede Verschwendung aus meiner Kindheit im Kommunismus geblieben.

Exkurs in die Geschichte – der 13. Dezember 1981

Was es bedeutet, wenn ein totalitäres System direkt in das eigene Leben eingreift, musste ich als Teenager in den letzten Wochen des Jahres 1981 erleben. In Warschau, Krakau und Danzig demonstrierten die Massen. Zwei Millionen Menschen waren für ein freies Polen auf den Straßen. Unsere Lehrer hielten uns dazu an, uns auf die Schule zu konzentrieren und nicht der Politik unsere Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hegte ohnehin keine Ambitionen in diese Richtung, zumal ich mit meinen fünfzehn Jahren noch zu jung war, um mich politisch zu engagieren. Unabhängig davon hätte ich auch kein Geld gehabt, um zum Demonstrieren ins Stadtzentrum zu fahren. Denn bei uns in der Siedlung war von all den Protesten und politischen Umwälzungen nichts zu bemerken, bis plötzlich hundert Meter vor unserem Garten ein Panzer stand. Seine Kanone war direkt auf unser Haus gerichtet. Als ich ihn erblickte, war ich zuerst schockiert, dann beunruhigt. Denn er blieb einige Tage dort postiert. Mein Vater war einer der Ersten aus Südpolen gewesen, die sich Lech Wałęsas Gewerkschaft Solidarność angeschlossen hatten.

Der 13. Dezember 1981 ist ein historisches Datum für uns Polen. Ein Trauma, eine Wunde, die bis heute nicht verheilt ist. Ministerpräsident Wojciech Jaruzelski sprach das Kriegsrecht aus. Am Morgen dieses eiskalten Adventsonntags wurde mein Vater abgeholt. Sie führten ihn ab, ohne ein Wort darüber zu verlieren, wohin sie ihn bringen würden. Stundenlang versuchte meine Mutter, etwas über seinen Verbleib herauszufinden, doch die Telefonleitungen waren ausgeschaltet. Man ließ uns im Ungewissen. Erst am späten Abend erfuhr sie, dass mein Vater ins Gefängnis in Bielsko gebracht worden war. Sie besuchte ihn und brachte ihm etwas zu essen. Nach ein paar Tagen wurde er freigelassen. Auch andere aus unserer Siedlung waren verhaftet worden. Aber niemand wagte, offen über die Vorkommnisse zu sprechen. Man verständigte sich in einer Art »Stille Post«. Informationen tauschte man heimlich hinter vorgehaltener Hand aus.

PiS, Prawo i Sprawiedliwość