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PETER
WECK

War’s das?

ERINNERUNGEN

Mitarbeit
Susanne Felicitas Wolf

Mit 97 Abbildungen

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2020 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Ergänzte Neuausgabe der gleichnamigen Originalausgabe

(© 2010 by Amalthea Signum Verlag)

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagfoto: © Ulrik Hölzel

Lektorat: Martin Bruny

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der Chaparral Pro 10,35/14,5 pt

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-174-0

eISBN 978-3-903217-52-2

Inhalt

Mein erster Auftritt

Vom Knaben zum Sängerknaben

Eine Stimme geht auf Reisen

Ich bin noch einmal davongekommen

Jetzt wird’s ernst

Provinz ist gut – Stani ist besser

Josefstadt – Übersee – München

Erlesene Kreise

Der Pendler

Welttournee

Stani wird Vater

Kuren mit Nestroy

Grüezi wohl, Herr Weck!

Abgang und Rückkehr

Lebensträume, Lebensräume

Film und Show

Von Schlangen und Pferden

So ist das Leben

Schicksal

Künstlerporträts

Vom Produzieren und Inszenieren

London – Berlin

Kuren, schlemmen, filmen

»Cats«

Vereinigte Bühnen Wien

Eigenproduktionen

Aufbruch zu neuen Ufern

Die Kehrseite des Erfolgs

Familie und alte Freunde

Musical-Schirmherr

Alpträume und Erfreulichkeiten

Ich habe lange nachgedacht

Never say never again …

Veränderungen

Nachwort

Datensynopsis

Bildnachweis

Namenregister

Man fragt sich seit Jahren. Soll man überhaupt?

Man zögert, wird überredet und stimmt schließlich zu.
Nun sitz ich da und kämpfe mit meinen Erinnerungen.
Viel Vergnügen.

Mein erster Auftritt

Wie meist so üblich, wenn ein Mensch geboren wird, habe auch ich auf Wunsch meiner Eltern eines Tages das Licht der Welt erblickt. Mit anderen Worten war ich also ein Wunschkind, wie man mir später erzählte und versicherte, und hatte auch keinen Grund, daran zu zweifeln. Obgleich es an meinem Auf-der-Welt-Sein auch nichts geändert hätte, wenn es anders gewesen wäre.

An mein Säuglingsalter kann ich mich trotz aller Anstrengung nicht erinnern und bewundere all jene Kollegen, die nicht nur das können, sondern, auch schon in der Wiege oder in den Kleinkinderschuhen steckend, gespürt haben, dass sie einmal Schauspieler werden.

Manche haben dann auch tatsächlich den erspürten Beruf ergriffen, ob sie aber deshalb Schauspieler geworden sind, steht wieder auf einem anderen Blatt.

Ich kann also reinen Gewissens behaupten, dass ich anfangs nicht einmal wusste, ein Mensch zu sein. Dass ich letzten Endes doch einer wurde, habe ich mit Sicherheit dem Umstand zu verdanken, dass meine Eltern eben Menschen waren.

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Wovon ich mit Gewissheit berichten kann, ist meine Geburt, glaubwürdige Zeugen haben mir die näheren Begebenheiten übermittelt:

Das Eintreffen meiner Winzigkeit hat am 12. August 1930 in Wien, in den früheren Abendstunden, genauer gesagt um 19 Uhr, bei einem heftigen Gewitter stattgefunden. Der genaue Ort meines Eintreffens war eine Geburtsklinik in Gersthof. Man könnte also sagen, geboren wurde ich in einem durchaus edlen Bezirk, zu Hause waren wir allerdings, offen gestanden, in einer weniger noblen Gegend von Wien, in Meidling, und zwar als Untermieter bei meiner verwitweten Großmutter väterlicherseits. Sie hatte uns einen Teil ihrer großen Wohnung zur Verfügung gestellt.

Eine elegante alte Dame, die stets ein samtenes Halsband trug, mit dreiundachtzig Jahren noch eine Gallenblasen-Operation überstand und erst mit achtundachtzig Jahren das Zeitliche segnete. Jedenfalls lebten wir – das waren damals: mein Vater, Leo Weck, und meine Mutter, Rosa Weck, geborene Bauer, mein Bruder Herbert und ich – in Zimmer, Küche, Kabinett, und zwar so lange, bis wir in eine größere Wohnung in der Nähe von Schönbrunn umzogen.

Unvergesslich aus dieser großmütterlichen Wohnung ist mir der Duft von Baldrian und Pfefferminz, die sie als Pulver und Zuckerln in ihrem Nachtkästchen gehütet hat.

Bei dieser Großmutter wohnte auch eine Enkelin, die beide Elternteile verloren hatte. Der Vater, ein hochdekorierter Offizier im Ersten Weltkrieg, hatte sich, salopp gesagt, zu Tode gesoffen, und die Mutter, eine Schwester meines Vaters, war an Krebs gestorben – ein Schicksal, das sie mit ihren beiden Schwestern teilte. Mein Vater, der im Alter an Magenkrebs erkrankte, komplettierte das tragische Quartett.

Meine ersten Eindrücke sind eher sporadischer Natur und nicht zusammenhängend. So setzen sich meine Erinnerungen an die frühe Kindheit aus unterschiedlichen Facetten zusammen: Geschichten, Erzählungen, Momentaufnahmen, dokumentierten Fotos, schemenhaft aufkeimenden Bildern von Situationen, Geräuschen und Gerüchen. Dieses lückenhafte Mosaik stellt sich mir als meine unbeschwerte glückliche Jugend dar. Woran ich mich seltsamerweise deutlich erinnere, ist der offene Kinderwagen, mit dem mich meine Mutter bei Schönwetter durch den nahegelegenen Schönbrunner Schlosspark spazieren fuhr, beide nicht ahnend, dass ich Jahrzehnte später als habsburgischer Erzherzog Karl Ludwig in der Sissi-Verfilmung in diesem Ambiente agieren würde.

Meine Familie stammt väterlicherseits aus Wien, aus, wie man so schön sagt, gutbürgerlichen Kreisen. Mein Bruder, genealogisch interessiert, forschte nach Spuren unseres Namens und konnte sie bis ins Slawische hinein verfolgen. Angeblich taucht der Name dort als »We(c)kowitsch« und »We(c)kowski« auf. Aber auch in der Schweiz und sehr stark im belgisch-niederländischen Raum sind »Wecks« in verschiedenen Variationen, etwa als »de Weck«, vertreten.

Was unsere eigentlichen Ahnen anbelangt, finden sich unter den väterlichen Vorfahren sehr ehrbare Handwerker, darunter ein Richard Weck, seines Zeichens Regenschirmmacher.

Doch zurück zu meinen direkten Vorfahren: Mein Großvater, ein höherer Beamter der Gemeinde Wien, war sehr musisch veranlagt, spielte Geige und war sogar Mitglied eines Männergesangsvereins. Umso mehr ist es mir völlig unverständlich, dass dieser feinsinnige Mensch seinem eigenen einzigen Sohn neben drei Töchtern die freie Wahl und den Wunsch, Bildhauer zu werden, strikt verwehrt hat.

Er drängte ihn, unbedingt einen gesicherten Beruf zu ergreifen. Und so studierte mein Vater Maschinenbau und Elektrotechnik und brachte es bis zum Diplom-Ingenieur. Er entpuppte sich im Laufe seines Lebens als begnadeter Erfinder und Konstrukteur. Nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Geschäftspartnern – mein Vater wurde oft hereingelegt – entschloss er sich, mit keinem Kompagnon mehr zusammenzuarbeiten und selbstständig zu werden. Er gründete seine eigene Firma und arbeitete dort mit selbst konstruierten Maschinen und Automaten zur Herstellung von Bierverschlüssen aus Aluminium sowie Verschlusskappen für medizinische Phiolen.

Doch sein Handicap: Er war ein miserabler Kaufmann. Aber darauf komme ich später noch zu sprechen. Auch auf den Umstand, dass meinem wirklich sehr geliebten Vater – und der technischen Welt – viel erspart geblieben ist, weil ich nicht in seine Fußstapfen treten musste.

Mein Vater war ein gut aussehender Mann, und da er noch dazu ein hervorragender Reiter war, im Sattel eine elegante Figur machte und sogar fliegen konnte, erhielt er eines Tages ein Angebot vom schwedischen Film, das sich aber letzten Endes zerschlug.

Als junger Mann war er, sehr zum Ärgernis seines Vaters, als einjährig Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg eingerückt und hat als Oberleutnant 1918 abgemustert. Obwohl mein Großvater strikt gegen diesen Entschluss gewesen war, stürzte er täglich zum Zeitungskiosk, um die neuesten Frontberichte zu ergattern. Offenbar hing er – trotz scheinbarer Strenge – viel mehr an seinem einzigen Sohn, als er je zugegeben hat. Mein Vater war während des Krieges als Kavallerist an der italienischen Front stationiert und nahm unter anderem an einer der berühmten Isonzo-Schlachten teil. Kein Wunder, dass mein Großvater sich um das Leben seines Sohnes sorgte. Das Schicksal aber wollte es anders: Nicht mein Großvater erhielt die Nachricht vom Tod seines Sohnes, sondern der Sohn erfuhr im Feld vom plötzlichen Herztod seines Vaters. Die Tatsache, dass er eigenwillig zum Militär gegangen war und es nach Kriegsende nun kein Wiedersehen mehr geben konnte, hat meinen Vater zutiefst erschüttert und über Jahre hinweg belastet.

Mütterlicherseits führen die Spuren nach Niederösterreich: Mein Großvater war Bürgermeister von Pitten, einem hübschen Ort in der Nähe von Wiener Neustadt und, wie sich das gehört, Feuerwehrhauptmann und anderes mehr. Außerdem betrieb er dort auch das Kaufhaus Bauer, eine Art Viel-Waren-Geschäft, wo man von Petroleum bis zu Dirndlstoffen, von der Braunkohle bis zur Extrawurst quer durch den Gemüsegarten alles erwerben konnte, was das ländliche Herz begehrte.

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Kaufhaus Bauer

Aus der Ehe mit meiner tief religiösen Großmutter entsprangen sieben Kinder, darunter meine Mutter Rosa, und sie alle halfen fallweise im familieneigenen Geschäft aus. Diese Tätigkeit hatte schicksalhafte Folgen: Meine Mutter galt als äußerst hübsches Mädchen, und es soll eine Schar glühender Verehrer gegeben haben, darunter sogar einige aus dem nahe gelegenen Ungarn, die unablässig um sie warben. Andererseits war Pitten ein sehr beliebter Sommerfrische-Ort für die Wiener, und auf diese Weise kam auch mein Vater manchmal dorthin und stand eines Tages, nichts Böses ahnend, im Kaufhaus Bauer, als meine Mutter wieder einmal aushalf. Und da soll laut Überlieferung der Blitz der Liebe eingeschlagen haben – zwischen Senfgurkerln und Lakritzen. Wie intensiv und rasch sich die Begegnung entwickelt hat, entzieht sich meiner Kenntnis, da mir keiner von beiden je davon erzählte.

Tatsache aber ist, dass sie bald heirateten und in den kommenden Jahren mein Bruder und sieben Jahre später ich geboren wurde.

Meinen Großvater mütterlicherseits habe ich bewusst leider nie kennenlernen dürfen, da er starb, als ich zwei Jahre alt war. Ich soll sein besonderer Liebling gewesen sein, den er scherzhaft immer »Peter Zapfl« nannte. Meine Großmutter ist mir als eine einfache, kleine, aber menschlich und in ihrer Religiosität wahrhaft große Frau in bester Erinnerung. In tiefer Demut und mit Haltung hat sie vorbildhaft die schlimmsten Schicksalsschläge in ihrem arbeitsreichen Leben hingenommen. Im Gegensatz zu meiner Großmutter väterlicherseits hatte sie nicht Pfefferminz und Baldrian nächstens um sich, sondern ein Glas Weißwein, einen Apfel, einen sogenannten Lederer, und einen Keks. Dieses »Menü« pflegte sie allabendlich nach ihrem Nachtgebet einzunehmen.

In der Sommerfrische-Zeit waren wir alljährlich bei ihr zu Gast, und ich erinnere mich, dass ich dort mit Pittener Kindern allerlei Streiche ausgeheckt habe. Dazu gehörten auch tollkühne Radabfahrten »auf Zeit« über die Serpentinenstraße von Leiding, einem kleinen Bauernort, nach Pitten hinunter. Trotz aller Ferien-Freiheit mussten wir aber Punkt zwölf bei Tisch sein. Die Kirchturmglocken vom Schlossberg hörte man weithin, und sie klangen immer mahnend, wenn das Zwölfuhrläuten ertönte. Mein Onkel Karl, der das Kaufhaus nach dem Tod meines Großvaters weitergeführt hat, legte allergrößten Wert auf Pünktlichkeit, also jagte ich jedes Mal, aufgeschreckt aus meinen Lausbubenstreichen und Kinderabenteuern, beflissen nach Hause. Diese anerzogene Tugend der Pünktlichkeit ist mir bis heute geblieben.

Das Glockenläuten vom Schlossberg ertönte übrigens nicht nur zur Mittagszeit, sondern auch, schaurig einprägsam, wenn sich ein Todesfall ereignet hatte. Auch dieser Ton ist mir immer noch im Ohr, gepaart mit eindrucksvollen Bildern dunkler Leichenzüge, die quer durch den Ort an unserem Geschäft vorbei Richtung Friedhof zogen.

Das Geläute dauerte etwa eine halbe Stunde – so lang war die Wegstrecke vom Pfarrhof zum Friedhof –, und alle Kaufleute hatten pietätvoll die Rollläden ihrer Geschäfte heruntergelassen.

Mit dem großelterlichen Kaufmannsladen verbinden mich besonders prägende Erinnerungen: So habe ich mich dadurch ausgezeichnet, als Kind drei Mal über die gleichen Stufen vor dem Geschäftseingang zu stürzen und mir mindestens zwei Mal das Nasenbein zu brechen. Man könnte sagen, eine Art Intelligenztest, wohlwollend könnte man es auch als unbändiges kindliches Temperament bezeichnen.

Nach den Sommerferien nach Wien zurückgekehrt, erinnere ich mich an die gewohnte Geräuschwelt: die Straßenbahn, den Stadtlärm und den Geruch, eine Mischung, die ich immer noch in der Nase habe und nicht beschreiben kann.

Eine der einschneidendsten, wenn auch unsäglichen Kindheitserinnerungen stammt aus dem Jahr 1934. Damals lieferten sich Schutzbündler und Heimwehr-Mitglieder erbitterte Kämpfe. Es wurde heftig geschossen, und meine Mutter erzählte mir, dass sie sich gerade im Wohnbereich der Großmutter aufgehalten habe, als Schießereien einsetzten. Daraufhin lief sie in unseren Wohnungsteil, wo sie nach mir suchte und mich schließlich hinter der Küchenkredenz fand, wo ich mich ängstlich verkrochen hatte. Die Neugier hatte mich zuvor ans Fenster unserer Wohnung getrieben, wo man aus dem dritten Stock eine hervorragende Sicht auf die Schönbrunner Straße hatte. Unten rannten die Kontrahenten in Uniform und in Zivil aufgeregt herum, bis dann die ersten Schüsse fielen.

Abgesehen von den erschreckenden Zeitläuften wuchs ich, wenn auch mit sehr beschränkten Mitteln, wohlbehütet auf. Meine Mutter erzählte mir oft von den vielen Entbehrungen, unter denen meine Familie damals zu leiden hatte. Doch als Kind empfand und bemerkte ich sie nie. Sicher eine bewundernswerte Leistung meiner Mutter, uns dies nicht fühlen zu lassen.

Apropos meine Mutter: Unsere kleine Familie war in Belangen der Zuneigung unbewusst in klare Fraktionen aufgeteilt. Während mein Bruder sehr an meiner Mutter hing, galt meine besondere Liebe meinem stillen, besonnenen Vater. Und mein Bruder und ich wiederum unterschieden uns sehr im Temperament. Obwohl älter als ich, war er zaghafter und ich eher eine Art entschlossener, draufgängerischer Rabauke.

Meine Mutter Rosa, eine tüchtige, liebevolle Frau, die uns sehr patent durch wirtschaftlich schwierige Zeiten steuerte, war in gewisser Weise eine bedauernswerte Person. Sie war zusammen mit fünf Geschwistern aufgewachsen, und so nehme ich an, dass sie als ein Kind von vielen immer wieder in einen Zustand geriet, in dem sie die Aufmerksamkeit auf sich allein lenken wollte. Fatalerweise dürfte ihr Zuwendung nur zuteilgeworden sein, wenn sie krank war. Da wurde sie dann besonders umsorgt und betreut.

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Jedenfalls brannte sich die unheilvolle Symbiose von Kranksein und Hege in das Gemüt meiner Mutter ein und wurde so, ich sage es ehrlich, zu einer Art Neurose. Bis zu ihrem Tod fühlte sie sich nur wohl, wenn sie ärztlich betreut wurde oder wenigstens einen Arzt in ihrer Nähe hatte. Es fiel ihr schwer, Glücksmomente zuzugeben, geschweige denn, sie zu genießen. Immer gab es Einschränkungen. »Na ja, aber …«, ein konstantes Lamento. Sie war ein Prototyp katholischer Erziehung und trug sozusagen ständig ihr Kreuz.

War sie erkältet, hatte sie nicht nur eine Verkühlung, nein, es musste eine »schwere Verkühlung« sein. Ich hatte zum Beispiel als Kind öfter Angina. Bei den diversen Arztbesuchen – meine Mutter begleitete mich natürlich – ließ sie sich auch gleich mituntersuchen. Das Resultat: Ihr hat man die Mandeln genommen, ich habe meine bis heute und gebe sie auch weiterhin nicht her.

Diese zarte Person verfügte aber trotzdem über große Zähigkeit. Dennoch, glaube ich, war sie dem Dreimännerhaushalt mit diesen eigenwillig individuellen Charakteren, sprich ihrem Mann, meinem Bruder und mir, überhaupt nicht gewachsen.

Wenn sie wieder schwarzmalend mit Sätzen wie »Ihr werdet schon sehen!« Unheil heraufbeschwor, widersprach ich wütend: »Gar nichts werden wir sehen!« und forderte: »Leb lieber endlich einmal mit Freuden!« All meine Versuche, sie aufzuheitern, waren auf lange Sicht vergeblich.

Ich bedauere bis heute, dass sie ganz offensichtlich kein glücklicher Mensch und unfähig war, Glücksphasen auszuleben.

Nach dem Tod meines Vaters kümmerte sich hauptsächlich mein Bruder – ich arbeitete damals schon in Zürich – um meine Mutter. Er besuchte sie zu den Wochenenden, und so hatte sie glücklicherweise wieder jemanden um sich, den sie bekochen und bemuttern konnte.

Reisen taten ihr gut. Mein Vater, der durch seinen Einmannbetrieb an Wien gekettet war, ließ sie im Sommer gern zu Verwandten nach Italien fahren, wissend, dass sie sich dort gut erholen würde. Bei Onkel Gino, einem ehemaligen k. u. k. Beamten in Triest, war sie persona grata, absolutes Liebkind, wurde umsorgt, ihre Kinderseele blühte auf.

Mit Familie Fell, auf die ich noch zu sprechen komme, hielt sie über all die Jahre freundschaftlichen Kontakt und flog, selbst bereits schon über achtzig Jahre alt, zum zweiten Mal nach Amerika, um diese lieben Freunde zu besuchen.

Da sie neunzig Jahre alt wurde – auch ihre Brüder waren äußerst langlebig –, gehe ich davon aus, dass ich die Rüstigkeitsgene der mütterlichen Linie geerbt habe. Dafür kann ich nur dankbar sein.

Von dem Moment an, wo ich anfing, meine Umwelt bewusst wahrzunehmen, war ich ein besessener Beobachter und wurde deswegen oft von meinen Eltern ermahnt: »Verschau dich nicht schon wieder. Das tut man nicht, Menschen so anzustarren!«

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Vater und Sohn

Nun, dieses »Verschauen« und der Umstand, dass ich Menschen, die ich beobachtet hatte, perfekt nachahmen konnte, war sicher ein erstes Anzeichen, wohin mich mein Weg später führen sollte. Vorläufig war ich aber nur ein äußerst aufgewecktes Kind auf Entdeckungsreise, voller Neugier und schlimmster Einfälle, die – ganz im Gegensatz zu meiner Mutter – meinem Vater besonders gefielen und bei ihm meistens in dem Satz gipfelten: »Lass ihn nur, seine Eigenwilligkeit gefällt mir, der wird einmal seinen Weg machen!« Noch war es aber lange nicht so weit, und meine Eltern mussten mit sehr viel Geduld einiges ertragen, bis ich meinen Weg gefunden hatte, den ich ein Leben lang beschreiten sollte. Irgendwie war ich ein Spätentwickler, der nicht wusste, wohin die Reise gehen sollte.

Da mein Vater Ingenieur und Konstrukteur war, besaßen wir statt eines Radios einen von ihm selbst gebauten Detektor. Ein Gerät, mit dem man, mittels geschicktem Herumhantieren über Kopfhörer, schlussendlich Radio Wien empfangen konnte. Auf diese Weise hörte mein Vater im März 1938 die Abdankungsrede von Bundeskanzler Schuschnigg und die weisungsvollen Worte »Gott schütze Österreich!«. Die Bedeutung all dieser Vorgänge wurde mir aber erst nach Jahren in vollem Umfang bewusst.

Doch auch als Kinder nahmen wir die Veränderungen wahr. Allein schon dadurch, dass eines Tages unser jüdischer Kinderarzt Doktor Fell, der uns von klein auf ärztlich betreut hatte und mit dessen gleich-altrigen Kindern mein Bruder und ich befreundet waren, laut Aussage meiner Mutter »plötzlich verreisen musste«. Später erfuhr ich, dass es meiner Mutter gelungen war, eine weitläufige Verwandte in Amerika aufzutreiben und sie zu bitten, sich in der Causa Fell einzuschalten. Um in die USA einreisen zu können, benötigte man bekanntlich damals eine Art Bürgschaft durch einen amerikanischen Staatsbürger. Diese Verwandte half also Doktor Fell, seiner Frau und den Kindern, im letzten Moment Hitlers Wahnsinn zu entkommen und mithin ihr Leben zu retten.

Doktor Fells Eltern, wie leider manch andere, die die Gefahr nicht erkannten, weil sie ihr Leben lang in Wien verbracht hatten und sich sicher wähnten, waren nicht bereit, solch einen gravierenden Ortswechsel auf sich zu nehmen, und blieben. Diesen Entschluss haben sie mit ihrem Leben bezahlt und sind, so wie auch alle anderen Verwandten von Doktor Fell, in einem Konzentrationslager umgekommen.

Ich habe meine Kinderfreundin Illy und ihren Bruder Fredy, der wiederum mit meinem Bruder befreundet war, Jahrzehnte später in Los Angeles wiedergesehen, wo ich anlässlich einer Amerikatournee des Burgtheaters aufgetreten bin. Das Wiedersehen war überwältigend und geprägt von Liebe und einer Dankbarkeit, die sich gar nicht schildern lässt. Alle Fells waren erschienen, und obwohl meine Mutter nach Kriegsende in ständigem Briefkontakt mit ihnen stand, waren die Fragen schier unerschöpflich. Fredy, der inzwischen Medizin studiert hatte, und sein Vater waren beide erfolgreiche Ärzte in den Staaten geworden. Doktor Fell leitete sogar eine Klinik in Portland.

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Volksschule

An meine Schulzeit denke ich mit gemischten Gefühlen zurück. Obwohl ich mich fragmentarisch an die Volksschulzeit erinnere, erstehen nur unklare Bilder in meinem Gedächtnis, meistens unterstützt durch tatsächliche Fotos aus dieser Zeit. Sie ist mir nicht in unangenehmer Erinnerung, aber auch nicht von Besonderheiten geprägt. Da war der Umstieg ins Gymnasium schon etwas anderes. Im Allgemeinen war mir jeder Schulwechsel, der mir ja durch die späteren Kriegswirren und die chaotische Nachkriegszeit nicht erspart blieb, immer ein Gräuel. Das Eingewöhnen in die neuen Umstände, waren es die Lehrer oder die neuen Klassenkollegen, hat mich stets betroffen gemacht und lange irritiert.

Das Einzige, woran ich mich in positiver Weise erinnere, sind meine Extempores während der Unterrichtszeit und das Gelächter, das ich jedes Mal bei meinen Mitschülern hervorrief, wenn ich unsere Lehrer – angeblich bravourös – karikierte und exakt in ihren Bewegungen, Eigenheiten oder ihrer Sprache nachahmte.

Vom Knaben zum Sängerknaben

Ich war gerade zehn Jahre alt geworden und eigentlich schon für ein öffentliches Gymnasium eingeschrieben, als meine Eltern auf Anraten meines Onkels Hans, einem Bruder meiner Mutter, der als Journalist bei einer Wiener Zeitung beschäftigt war, die Idee aufnahmen, mich bei den Wiener Sängerknaben anzumelden.

Wahrscheinlich hatte Onkel Hans meine frühkindlichen Darbietungen, die ich, im erweiterten Familienauditorium dilettierend, aber offenbar doch wohlklingend, von mir gegeben hatte, in bester Erinnerung. Liebe Besucherinnen pflegten mich kleinen Stöpsel gerne scherzhaft zu fragen: »Na, kannst du wieder ein neues Lied?«, und so nötigte man mich, das eine oder andere zum Besten zu geben. Es waren meistens Schlager, die damals en vogue waren und meinem Alter überhaupt nicht entsprachen, wie etwa Adieu, mein kleiner Gardeoffizier oder Entzückende kleine Frau, schau in den Spiegel dich genau. Mein inniger Vortrag und die Unverhältnismäßigkeit meiner Größe in Relation zum Inhalt der Lieder trugen ungemein zum Amüsement des jeweiligen Zuhörerkreises bei.

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Verkleidung

Die Folge war, den Plan, mich zu den Sängerknaben zu bringen, in die Tat umzusetzen. Und da bereits ein Jahr Krieg war, wollten meine Eltern überdies versuchen, mir durch den Eintritt in die angesehene Institution eine schönere Jugendzeit zu bescheren, was ihnen ja auch letzten Endes teilweise gelungen ist.

Als der Tag der Aufnahmeprüfung nahte, geriet die gesamte Familie in helle Aufregung, nur ich nicht, da ich ja nicht wusste, was auf mich zukam und welchen Stellenwert das Ansehen, ein Wiener Sängerknabe zu sein, in der Öffentlichkeit einnimmt. Die Prüfung fand im Maria-Theresien-Schlössel in der Langegasse im achten Wiener Bezirk statt – ein entzückendes Schlösschen, in dem ich also die nächsten vier Jahre in einem Internat verbringen sollte.

Damals waren eine Menge gleichaltriger Buben, also etwa Neun- bis Zehnjährige, mit ihren nervenden Müttern oder Tanten aus allen Teilen des damaligen Deutschen Reiches zu dieser Aufnahmeprüfung angereist. Auch meine Mutter war selbstverständlich dabei. Die Prüfung selbst fand dann – Gott sei Dank – unter Ausschluss der familiären Anhängsel statt. Gesucht wurden um die fünfundzwanzig Knaben, was etwa der Größe eines einzelnen Chores entsprach. Die Gesamtzahl der im Internat lebenden Buben belief sich auf circa achtzig Kinder, das entsprach ungefähr vier Chören, die musikalisch von verschiedenen Kapellmeistern geleitet wurden. Diese Chöre waren vom Alter her durchmischt und für unterschiedliche Aufgaben vorgesehen. So bestritt zum Beispiel ein Chor die internationalen Konzertauftritte, ein weiterer die nationalen Konzertreisen, einer die Wiener Aufgaben wie etwa Theaterauftritte in der Oper, im Burgtheater, dem Theater in der Josefstadt sowie auch sonntags die diversen Messen in der Burgkapelle. Außerdem gab es noch einen vierten Chor, der für die jedes Jahr neu hinzukommenden Knaben als Einstieg vorgesehen war und aus dem die begabten und stimmlich schon Reiferen in die jeweils anderen Chöre aufsteigen konnten. Aber von all dem wusste ich damals noch nichts.

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Mutter und Sohn

Meine Prüfung nahm Kapellmeister Victor Gombocz ab, ein hervorragender Pädagoge, der aber durch einen Schlaganfall rechtsseitig gelähmt war und daher nur mit der linken Hand sowohl Begleitung als auch Melodie spielen konnte. Dazu kann ich nur sagen, dass Gombocz mit dieser einen Hand virtuoser Klavier gespielt hat als so mancher mit beiden Händen. Überdies war er ein großer Verehrer von Richard Strauss, den ich als Sängerknabe sogar später noch persönlich kennenlernen durfte.

Beim Aufnahmetest wurde zunächst der Stimmumfang geprüft und anschließend die Musikalität. So musste man zum Beispiel ein Lied wie Guten Abend, gut Nacht singen, während der Kapellmeister am Klavier die Melodie von Heitschi Bumbeitschi bum bum in einer anderen Tonart dagegenspielte. Am Ende wurde überprüft, ob man in seiner ursprünglichen Tonart geblieben war oder nicht. Wenn dem so war, galt man als musikalisch und geeignet und wurde, je nach Stimmlage und -umfang, entweder als Sopran oder Alt eingeteilt.

Und wie wir ja wissen, habe ich die Prüfung damals bestanden und die nächsten vier Jahre als singender Knabe, sogar als Sopransolist, zugebracht.

Meine Mutter hat sich jedenfalls über das Ergebnis so gefreut, als hätte sie selbst vorgesungen.

Für mich begann mit dem Eintritt ins Internat eine neue – bemutterungslose – Zeit.

Ich muss gestehen, eine durchaus erfreuliche Wendung in meinem Leben, die über vier Jahre, von 1940 bis 1944, andauern sollte. Wir genossen Privatunterricht, mussten aber die Abschlussprüfungen im staatlichen Piaristen-Gymnasium ablegen.

Ausgang hatten wir immer nur zum Wochenende und an Feiertagen, es sei denn, wir waren auf Konzertreisen oder in den Ferien.

Neu war für mich auch, dass es in einem Konvikt ungeschriebene Regeln und Gesetze unter den Zöglingen gab. Als frisch Hinzugekommener befand ich mich auf der untersten Sprosse der Hierarchie und Privilegien. Einer, der etwa schon das zweite Jahr absolviert hatte, war ein sogenannter Konviktler, dem es schon besser ging. Ab dem dritten Jahr war man dann ein »Alter«, der sämtliche Rechte in Anspruch nahm und die Neulinge herumkommandieren und befehligen konnte. So wurde ich zum Beispiel das »Pferd« eines Alten, der mir den Namen Maha gab. Auf Zuruf meines Pferdenamens musste ich ihn sofort auf meinen Schultern aufsitzen lassen und durch Lenken mittels Ziehen an meinen Ohren dorthin befördern, wohin es ihm gerade gefiel. Der Gipfel waren Reiterkämpfe gegen ein anderes Gespann. Dem konnte ich allerdings als Pferd wenig abgewinnen.

Diese Riten erfreuten sich in den sommerlichen Ferienlagern besonderer Beliebtheit. Wohlgemerkt: Dies alles entwickelte sich natürlich nur intern unter den Internatszöglingen und entsprach nicht den Erziehungsmethoden der Lehrer.

Ich hatte zusätzliches Pech, dass mein Geburtstag mitten in die Ferienzeit fiel. Von meinem Geburtstagspäckchen, das mir meine Mutter – liebevoll gefüllt – zugeschickt hatte, habe ich (allerdings nur im ersten Jahr als Neuling) nicht mehr als die leere Pappschachtel zu Gesicht bekommen. Der Inhalt verschwand in den Mäulern der Alten. Zu meiner Ehre muss ich gestehen, dass ich später, als ich selbst in der Hierarchie aufgestiegen war, nie derlei Praktiken angewendet habe.

Mein erstes Ferienlager, das allerdings weniger mit Zelten und Räuberromantik zu tun hatte, sondern mehr mit intensivem Musikunterricht und gelegentlicher gemeinsamer Freizeitgestaltung, erlebte ich in Sattendorf am Ossiacher See.

Einundsechzig Jahre später habe ich kurioserweise genau dort als Regisseur und Hauptdarsteller den TV-Film Herzensfeinde mit Friedrich von Thun gedreht.

Im ersten Jahr bei den Sängerknaben waren Stimmausbildung und das Erlernen eines Instrumentes angesagt. Klavier war Pflicht, und vor die Wahl eines weiteren Instrumentes gestellt, entschied ich mich vorerst für Klarinette und wechselte später zu Fagott.

Es war ein besonderes Glück, dass wir einen der größten Stimmpädagogen und weltbesten Chorleiter – so sagte Arturo Toscanini –, nämlich Professor Ferdinand Grossmann, als künstlerischen Leiter hatten. Professor Grossmann habe ich als warmherzigen, einfühlsamen Menschen mit einer besonderen Ausstrahlung in Erinnerung. Aus einfachsten Verhältnissen in Oberösterreich stammend, war er als Kind so arm gewesen, dass er sich auf einem Fensterbrett die Klaviatur eines Klaviers aufgezeichnet hatte, um üben zu können. In seiner Kindheit, so erzählte er uns öfter, hatte er noch das Glück, Anton Bruckner, der ja auch Oberösterreicher war, an der Orgel erleben zu dürfen.

Grossmanns Erzählungen über Bruckner und seine Messen, die wir in der Burgkapelle sonntags sangen, haben damals meine Liebe zu seiner Musik und seinem Leben begründet. Diese Liebe ging so weit, dass ich später über viele Jahre hinweg den Traum verfolgte, einen Film über sein aufregendes Leben, seine unglaubliche Musik und seinen Aufstieg zum »Musikant Gottes« zu drehen. Leider erhielt ich trotz allem Bemühen von den Produzenten und Sendern nur ein müdes Lächeln und Ablehnung.

So hat Grossmann mit allem, was er uns aus Bruckners Leben erzählte und näherbrachte, überhaupt mit seiner gesamten musikalischen Erziehung, mein Leben beeinflusst und mir damit später in meinem Werdegang ungemein geholfen. Viele Messen von Mozart, Schubert bis Bruckner, aber auch die Bach’sche Matthäuspassion und noch zahlreiche andere Werke, durfte ich unter seiner musikalischen Leitung als erster Sopransolist singen. Ein lang nachwirkendes, unvergessliches Erlebnis.

Zu unseren Lieblingsverpflichtungen gehörten die Auftritte in der Wiener Staatsoper, wo wir mit berühmten Sängern der damaligen Zeit auf der Bühne stehen durften: Paul Schöffler, Max Lorenz, Anton Dermota, Anny und Hilde Konetzni und vielen anderen mehr.

Die Opernauftritte waren bei uns sehr beliebt, zum einen, weil wir lange aufbleiben durften und mussten, zum anderen, weil die Kantine der Staatsoper eine verlockende Abwechslung zur monotonen Internatsküche à la Graupensuppe und Co. bot. Das Essen im Internat war ja bei Gott nicht schlecht, aber eben etwas eintönig, und so waren diese pikanten Ausflüge – und mochten sie noch so bescheiden sein – ein besonderer Anreiz.

Ich erinnere mich, dass ein Internatsfreund und ich, als wir für die Knaben in der Zauberflöte eingeteilt waren, uns aus der Kantine gefüllte Paprika – für uns damals eine unglaubliche Delikatesse – besorgten und sie mit in unsere Bühnengondel nahmen. Und so schwebten wir, mit unserem Paprika-Schatz ausstaffiert, mit vollem Mund in luftige Höhen und sangen trotzdem Bald prangt den Morgen zu verkünden mit großer Innigkeit.

Eine besondere Ehre wurde mir zuteil, als ich gemeinsam mit drei anderen Knaben in Wagners Tannhäuser den heiklen A-cappella-Einsatz »Wolfram von Eschinbach (!), beginne!« singen durfte.

Das Schicksal wollte es, dass es nur zu einer einzigen Probe mit mir kam, die allerdings vom gesamten Opernensemble, das sich der Schwere des musikalischen Einsatzes bewusst war, mit Applaus bedacht wurde. Damals ging eine Scharlachwelle im Internat um, und von achtzig Knaben traf es acht, darunter leider auch mich, und damit endete mein geplanter Auftritt in der Wartburg.

Wir hatten seinerzeit natürlich auch Auftritte im Sprechtheater zu absolvieren. In diesem Zusammenhang sind mir besonders Paula Wessely und Attila Hörbiger in Erinnerung geblieben. Sie waren besonders nett und gaben mir in ein kleines Büchlein, das ich heute noch besitze, Autogramme.

Auch großen Persönlichkeiten aus der Musikwelt bin ich damals noch persönlich begegnet, dem schon erwähnten Richard Strauss, aber auch Hans Pfitzner, Werner Egk und Carl Orff. Überhaupt war es eine unwahrscheinlich bereichernde Zeit, in der sich der Horizont eines Knaben sehr erweiterte. So zum Beispiel durch die Mitwirkung in Werner Egks Oper Columbus mit Paul Schöffler in der Titelrolle, wo wir alle braun geschminkt als indianische Ureinwohner im Lendenschurz agierten und wir Knaben indirekt mit der holden Weiblichkeit in Berührung kamen. Unvergesslich, wie die spärlich bekleideten Ballettdamen über die Bühne huschten, was noch nicht einzuordnende Gefühle in unserer pubertären Entwicklung erweckte.

Sie sehen, so hat mir die Ausbildung bei den Sängerknaben nicht nur musikalische Perspektiven eröffnet. Aber im Ernst: Die profund geschulte Musikalität kam mir im Laufe meines späteren Lebens in vielen Bereichen meiner Tätigkeit sehr zugute.

Eine Stimme geht auf Reisen

Im zweiten Internatsjahr aufgestiegen in den Auslandsreisechor, studierten wir in unserem Ferienlager, diesmal in Krumpendorf am Wörthersee, für die im Herbst 1941 beginnende Schwedentournee eine Kinderoper, Die Gans des Kalifen mit Musik von Mozart, ein. Es inszenierte kein Geringerer als der damals schon über alle Grenzen hinaus bekannte Opernregisseur und spätere Mozartspezialist Oscar Fritz Schuh.

Das Schicksal wollte es, dass ich viele Jahre später, in meinem ersten Jahr als Schauspieler, 1954 in Berlin im Theater am Kurfürstendamm, dessen Leiter Professor Schuh war, meine Schicksalsrolle, den Grafen Stani in Hugo von Hofmannsthals Der Schwierige, in der Inszenierung von Rudolf Steinboeck spielen durfte. Nebenan, in der Komödie, stand der auch noch sehr junge Harald Juhnke auf der Bühne, der sich damals ebenfalls noch am Beginn seiner Karriere befand.

Die Proben zur Gans des Kalifen fanden bei schönem Wetter in einer künstlich geschaffenen Waldarena in der Nähe unseres Ferienheims und bei Schlechtwetter gelegentlich im Klagenfurter Stadttheater statt. Auch hier wieder die Ironie des Schicksals, dass ich ausgerechnet mein erstes Engagement im Sommer 1953 am Stadttheater Klagenfurt als Truffaldino in Carlo Goldonis Der Diener zweier Herren antrat. Aber 1941 konnte ich natürlich nicht ahnen, dass ich zwölf Jahre später auf derselben Bühne stehen würde. Damals wusste ich nicht einmal, welchen Beruf ich einmal ausüben werde.

Zur Zeit des Deutschen Reiches durften ja Knaben keine Mädchenrollen spielen, und so fiel eben die Wahl auf Die Gans des Kalifen, wo nur männliche Darsteller gefragt waren. Das Opernprojekt basierte auf Mozarts 1783 entstandenem Opernfragment L’oca del Cairo/Die Gans von Kairo und war von Doktor Richard Roßmayer textlich und musikalisch für eine Bühnenaufführung eingerichtet worden. Das Werk erhielt in seiner neuen Fassung den Titel Die Gans des Kalifen.

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»Die Gans des Kalifen«

Erich Pazdera, ich und Kurt Equiluz

Die Besetzung lautete wie folgt:

Kalif: Ferdinand Keberle; Aufseher Murat: Peter Weck; Gaukler: Erwin Grötz, Karl Kolm, Günther Theuring; Großwesir: Rudolf Hackl, Walter Vogel; Intrigant: Kurt Equiluz; Sklave: Erich Eibl, Bruno Hofer, Eberhard Hoppe, Alexander Rudhart, Hannes Siegl – mit Hannes sollte ich Jahrzehnte später am Zürcher Schauspielhaus gemeinsam auf der Bühne stehen; Würdenträger: Harald Buchsbaum, Rudolf Hackl, Günther Hummelt. (Günther, zweiter Altsolist, war – bis zu seinem überraschenden Tod im Jahr 2010 – mein ältester und engster Freund.) Und es gab noch einen Zauberer: Das war Erich Pazdera.

Wie der Titel unserer Oper schon sagt, brauchten wir einen Kalifen. Natürlich hätte man auch einen Knaben auspolstern und so dem Darsteller das nötige Aussehen verpassen können. Aber der Zufall wollte es, dass ein Knabe meines Chores, der liebe Ferdinand Keberle, Spitzname »Keschi«, die erforderliche Figur von Natur aus mitbrachte, was dem Armen im normalen Leben viel Ärger und Spott eintrug – man ahnt ja gar nicht, wie gemein Kinder sein können.

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Mein erstes Kostüm Aufseher Murat

Zu allem Übel stotterte Keschi auch noch, allerdings nur beim Sprechen und seltsamerweise nicht beim Singen. Der Kalif aber war die einzige Sprechrolle in dieser Kinderoper. Also hatte Professor Schuh die geniale Idee, dem Kalifen eine Hühnerkeule in die Hand zu drücken, mit der Anweisung, bei jedem Anflug von Stottern eiligst einen Biss in die besagte Keule zu machen. Das funktionierte vortrefflich, aber den Vorzug zu haben, jeden Abend eine knusprig gebratene Hühnerkeule verspeisen zu dürfen, trug Keschi den Neid aller Mitspieler ein.

Die Ursache seines Stotterns war folgende: Keschi, der Sohn eines Wiener Feuerwehrmannes, wohnte mit seinen Eltern im oberen Stockwerk eines Mietshauses. Im Stiegenhaus gab es keinen Lift, und so führte eine Wendeltreppe hinunter zur Haustür. Natürlich war Keschi vom gleichen Übermut beseelt wie andere Kinder seines Alters, nur mit dem Unterschied, entschieden mehr Gewicht mit sich herumzuschleppen. Zum Vergleich und damit Sie sich ein Bild machen können: Zwei Buben passten bequem in eine Hosenröhre seiner Lederhose.

Und so ritt ihn eines Tages wieder der Übermut. Er schwang sich auf das Treppengeländer seines Wohnhauses, um darauf eine Abfahrt zur ebenerdigen Haustür zu starten. Den Ausgang dieser Höllenfahrt können Sie sich vorstellen. Die gewichtsbedingte Beschleunigung hatte schon im zweiten Stock so horrend zugenommen, dass sie im ersten Stock, geschweige denn im Mezzanin, nicht mehr zu bremsen war, und so katapultierte er sich über den letzten Knauf des Geländers hinaus mit dem Rücken voran an die Türe des Hausmeisters. Dieser furchtbare Knall schreckte die Hausmeisterin aus ihrer Wohnung, und was sah sie? Den geschockten Buben vor ihrer Tür liegen. Auf ihre Frage, was denn geschehen sei, konnte Keschi nicht mehr antworten, weil es ihm, wie man im Volksmund sagt, die Sprache verschlagen hatte. Mit anderen Worten, von diesem Moment an stotterte er, besonders wenn er in Erregung war, und zwar nur bei Vokalen und nicht bei Konsonanten. Also zum Beispiel sagte er nicht »dududu-dudu« sondern »duuuuuuu«.

Oft konnte er überhaupt nicht zu stottern aufhören, es war so, als hätte er einen Krampf bekommen. Etwa anlässlich einer Semesterprüfung, die wir, wie gesagt, immer in einem öffentlichen Gymnasium zu absolvieren hatten. Keschi betrat den Saal, in dem gerade ein Unterrichtsfach geprüft wurde, und wollte mit erhobener Hand »Heil Hitler« sagen. Er bekam vor lauter Aufregung nur ein lang gezogenes »Heieieieie« heraus, schwenkte aber, ohne groß zu überlegen, auf »Heieieie-Grüß Gott!« um, sehr zum Erstaunen des prüfenden Professors.

Ein anderes Mal stand eine Lateinstunde an, geleitet von einem gefürchtet strengen Lehrer. Keberle, der die kurze Pause nützte, um der Toilette einen Besuch abzustatten, rannte, als er die Pausenglocke hörte, so schnell er konnte zum Klassenzimmer, riss die Tür auf und sah, dass der Professor noch nicht erschienen war. Erleichtert darüber, schilderte er, noch im Türrahmen stehend, uns Klassenkameraden: »Haaalooots iiiiiiii sitz am Häuäuäuääusel afraaaaaamal geht’s gegelengelengelengeleng« – da stand plötzlich der Professor hinter ihm. Als Keschi dies bemerkte, löste dies bei ihm wieder einen der üblichen Krampfeffekte aus, und so schrie er dem Professor förmlich und nicht aufhören könnend »gelengelengelengeleng!« ins Gesicht. Für derartige Entgleisungen, für die er ja überhaupt nichts konnte, musste der Arme oft büßen.

Im täglichen Leben hatte Keschi aber auch seine Vorzüge, nämlich durch seine Leibesfülle ein Bollwerk der Unantastbarkeit zu sein. Wieder einmal marschierten wir in gewohnten Zweierreihen den Gehsteig entlang, da erregte sich ein Mitschüler plötzlich darüber, dass unser Dicker nicht den Gleichschritt einhielt und seinen nachfolgenden Hintermann dadurch ständig aus dem Marschrhythmus brachte.

Als Keschi aber auf dessen Aufforderung nicht reagierte und einfach wie bisher weitertrottete, schlug ihm der erboste Mitschüler mit der geballten Faust auf den Hinterkopf. Der Dicke jedoch ging, ohne mit der Wimper zu zucken, also ganz reaktionslos, weiter, während der Schläger einen doppelten Bruch des Handgelenks davontrug. Keschi: ein Bollwerk!

Ein weiteres Zeugnis für seine Unerschütterlichkeit war eine Begebenheit auf unserer Tournee durch Frankreich und Spanien. Wir waren im Zug unterwegs und schliefen in ganz normalen Abteilen. Das bedeutete, dass ein Knabe in der Gepäckablage lag, ein anderer auf der Sitzbank und einer am Boden. Keberle in seiner rührenden Fülle lag auf der nackten Sitzbank. Ich hatte mir die Pölster geschnappt und mir mein Lager auf dem Boden bereitet. Wir schliefen fest, als nächtens, an der Grenzstation zwischen Frankreich und Spanien, unser Waggon unsanft abgekoppelt wurde. Durch den Ruck fiel der im Gepäcknetz schlummernde Knabe eine Etage tiefer und landete, über die Zwischenstation Keschi voll abgefedert, bei mir am Boden. Die einzige Reaktion Keberles war, ohne aufzuwachen, ein leises, stöhnendes Grunzen.

Ein Nachtrag: Der Herabstürzende war ein gewisser Heinz Hruza, der später als Jazzpianist und Arrangeur Furore machte und viele Jahre in Grinzing in der »Tummel-Bar« spielte und öfters im Fernsehen auftrat. Seine Liebe und Begabung für die Unterhaltungsmusik machte sich bereits zu unserer Zeit bemerkbar. Kaum hatten wir ein öffentliches Konzert beendet, saß Heinz schon am Klavier und spielte im Stil von Peter Kreuder die gängigsten Melodien, was oft dazu führte, dass vereinzelte Zuschauer, die den Saal noch nicht verlassen hatten, stehen blieben und applaudierten.

So gäbe es noch etliche Geschichten auch vom lieben Ferdinand Keberle, der später bei der Krankenkasse beschäftigt war und im Laufe der Jahre, nach seiner Heirat, die Sprachstörung völlig verlor. Bei einem Sängerknabentreffen meines Jahrgangs viele Jahre später konnte ich mich selbst davon überzeugen und mit ihm über diese Begebenheiten herzlich lachen.

Ich kehre noch einmal zurück zur Gans des Kalifen: Nachdem die Mozartoper und der konzertante Teil, der immer mit Wiener Walzern endete, einstudiert waren, wurden die Vorbereitungen für die Auslandstournee getroffen. Da diese aber in das zweite Kriegsjahr fiel, durften wir nur Länder bereisen, die entweder neutral oder von Deutschland besetzt waren. Immerhin kam ich als Kind auf diese Weise nach Schweden, Dänemark, Belgien, Spanien, Frankreich und Portugal sowie in das damalige Jugoslawien, Ungarn und die Tschechoslowakei. Mehrere Deutschlandtourneen machte ich ebenfalls mit.

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Diese Reisen waren bei uns Buben besonders beliebt, weil wir oft, wie zum Beispiel in Schweden, nicht in Hotels, sondern bei sogenannten Pflegeeltern untergebracht waren. Diese rissen sich geradezu darum, einen Sängerknaben bei sich aufnehmen und verwöhnen zu dürfen. So war ich etwa in Stockholm bei einer Familie einquartiert worden, die Bonbons und allerlei Süßigkeiten herstellte. Paradiesisch. Köstlichkeiten, die man bei uns gar nicht mehr bekam. Natürlich gaben uns die Gastfamilien auch noch für daheim eine Menge rarer Dinge mit, die wir allerdings über die Grenze schmuggeln mussten.

Wir hatten dafür eine eigene, erfolgreiche Taktik entwickelt, indem wir uns artig beim Zoll aufstellten, einige Lieder zum Besten gaben und zum Abschluss, ja nicht zu vergessen, die jeweilige Landeshymne in Originalsprache sangen. Man muss sagen, die Beamten nahmen augenblicklich Haltung an, salutierten und ließen uns, die singende Schmugglertruppe, begeistert ziehen.

Unterricht hatten wir unterwegs im Zug oder sonst wo, er hielt sich aber glücklicherweise in Grenzen. Versäumtes musste eben nach der Rückkehr in Wien nachgeholt werden.

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Auf Konzertreise

Die Konzerte fanden in Spanien immer erst sehr spät statt, und das waren wir, was das Essen betraf, nicht gewohnt. Aber alles Flehen, doch noch vor dem Konzert essen zu dürfen, war vergeblich und wurde kategorisch abgelehnt. So fassten wir Knaben gemeinsam einen ebenso radikalen Entschluss, nämlich, man höre und staune: zu streiken!

Ich weiß nicht mehr genau, wo es war, aber es kann in Barcelona oder San Sebastián gewesen sein, jedenfalls gab der Kapellmeister, nachdem sich der Vorhang gehoben hatte, den üblichen Einsatz für die erste Motette. Allerdings ohne Erfolg, denn wir schwiegen alle.

Der Kapellmeister warf uns böse Blicke zu, mahnte. Vergebens. Nachdem auch dieser Versuch nicht zum Erfolg führte und wir standhaft jeden Ton verweigerten, fiel der Vorhang erneut und die Verhandlung begann. Unseren Forderungen nach einem vorkonzertlichen Nachtmahl wurde nachgegeben.

Nach der bindenden Zusage hob sich der Vorhang wieder, und das Konzert verlief wie gewohnt und mit riesigem Erfolg.

Am nächsten Abend wurden dann die Streikforderungen erstmals eingelöst: Das Abendessen im Hotel schmeckte uns vorzüglich, und so fuhren wir zufrieden, vollgepampft mit Muscheln und Fisch samt Beilagen und Nachspeise, ins Theater zum Konzert.

Nachdem wir unsere Konzertkleidung angelegt hatten – im »Dritten Reich« durften wir ja unsere obligaten Matrosenanzüge nicht mehr tragen, sondern eigens angefertigte dunkelblaue Fracks, wie sie Pagen in Hotels zu tragen pflegten –, quälten einige von uns die durch das üppige Essen zu eng sitzenden Kragenknöpfe, und so nahm das Schicksal seinen sehr üblen Lauf.

Nach den ersten Liedern begann sich der Chor nach und nach zu dezimieren. Der erste Knabe lief gleich ohne zu fragen ab. Darauf folgten gleich zwei weitere eiligst nach. Schräg hinter mir stand ein sogenannter zweiter Sopranist, der durch seine besonders große Nase und die entsprechend großen Nasenlöcher auffiel. In diesem Fall waren sie ihm von Nutzen. Da er seinen Abgang nicht mehr rechtzeitig schaffte, entledigte er sich seines Überdrucks durch einen zweigeteilten Nasenstrahl, sehr zum Verdruss seines Vordermanns, der alles stereoartig dosiert abbekam.

Ich hielt bis zur Pause durch, die diesmal etwas früher eingeleitet wurde, da der Chor sich von Minute zu Minute auslichtete. Als ich dann hinausstürmte, wurde ich gleich nach unten umgeleitet, wo sich die Garderoben und Toiletten befanden und Schwester Rauscher, unser guter Geist, die für unsere Kostüme und all unsere Annehmlichkeiten zuständig war, bereits einen regen Verkehr zu regeln hatte. Mit anderen Worten: Es brach das große Kotzen los. Es konnte aber, Gott sei es gedankt, bis zum Beginn des zweiten Konzertteils gestoppt werden. Der Rest des Abends verlief dann ohne weitere Vorkommnisse – nüchtern – ab. Überflüssig zu sagen, dass wir nie wieder vor einem Konzert ein Abendessen einnehmen durften.

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Als Sängerknabe

In Segovia, einer wunderbaren alten Stadt mit einem schönen Theater, ließ es sich der dortige Bürgermeister nicht nehmen, vor unserem Konzert einige Begrüßungsworte an uns und das Publikum zu richten.

Wir hatten bereits auf der Bühne Aufstellung genommen, als der Vorhang, ein herrlich imposanter, bestickter Samtvorhang – beschwert mit nahezu mannshohen Sandsäcken, um ihn besonders elegant fallen zu lassen –, aufging.

Der Bürgermeister trat bedeutungsvollen Schrittes in umwerfender spanischer Würde an das an der Rampe postierte Rednerpult und begann mit seiner Ansprache. Da ich ohnehin kein Wort verstand, hatte ich Zeit, die Menschen im Zuschauerraum und ihre Reaktionen zu beobachten. Dabei fiel mir auf, dass links wie rechts am Bühnenportal, wo der Vorhang im Proszenium verschwindet, je ein braungold livrierter Diener, ausstaffiert mit weißen Glacéhandschuhen, postiert war. Ich hielt dies für zum Zeremoniell gehörend und ließ meine Blicke weiter in der Runde schweifen. Und bemerkte, dass an den jeweiligen Sandsäcken eine große Schlaufe befestigt war, die von den Livrierten gehalten werden konnte und somit zum kontrollierten Bremsen beim Fallen des Vorhangs zur Verfügung stand.

Nachdem nun die Rede des Bürgermeisters schon einige Zeit andauerte und das Publikum in, wie mir schien, gelangweilt höflicher Starre verharrte, brach plötzlich frenetischer Applaus aus, und der Inspizient, vom Beifall überrascht, gab anscheinend das Vorhangzeichen.