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Erwin Pröll

Außer Dienst

Erwin Pröll

AUSSER DIENST

Ein neuer Anfang

Nachgefragt von

Barbara Stöckl

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Redaktioneller Hinweis:

Ämter und Funktionen der genannten Personen verstehen sich zum Zeitpunkt der Protokollaufzeichnungen (17. Jänner bis 19. April 2017) beziehungsweise der Interviews (Februar bis April 2019).

Gefördert durch das Land Niederösterreich

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2020 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagfoto: © Rafaela Pröll

Lektorat: Madeleine Pichler

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 10,75/14,35 pt Minion Pro

und der 9,5/14,35 pt Myriad Pro

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-167-2

eISBN 978-3-903217-50-8

Inhalt

Betrachtungen der letzten hundert Tage in der Politik
Vorwort von Barbara Stöckl

Wann ist Schluss?

Was bedeutet Politik für die Familie?

Wie erkennt man den richtigen Zeitpunkt zu gehen?

Wie sehr faszinieren große Namen?

Wie sehr prägt das Leben im Dorf?

Wie reizvoll war das höchste Amt?

Wie wichtig ist es, Junge zu fördern?

Was bedeutet Gerechtigkeit?

Gab es schon früher Gedanken zu gehen?

Wie war das öffentliche Bild?

Wie wichtig ist Kritik?

Wie sieht das Leben nach der Politik aus?

Wie halten Sie’s mit der Religion?

Wer soll nachfolgen?

Wie gelingt das Loslassen?

Was heißt Kultur?

Was bleibt am Ende?

Wie wichtig sind Zuneigung und Applaus?

Zeittafel

Betrachtungen der letzten hundert Tage in der Politik

Vorwort von Barbara Stöckl

Am 17. Jänner 2017 hat der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll in einer Pressekonferenz seinen Rückzug aus allen politischen Ämtern angekündigt. In den darauffolgenden hundert Tagen wurde die Übergabe von Ämtern und Aufgaben vollzogen, er ist im wahrsten Sinne des Wortes »zurück-getreten«: hielt sich zurück mit öffentlichen Kommentaren und Auftritten, ließ seiner Nachfolgerin Raum und auch das Scheinwerferlicht – zur Überraschung vieler.

In diesen hundert Tagen des Abschieds hat Erwin Pröll Tagebuch geführt, hat jeden Abend die Erlebnisse des Tages, aber auch die Gefühlslage in dieser Zeit der Veränderung festgehalten. Dieses »100-Tage-Protokoll« ist die Grundlage des vorliegenden Buches. Es gibt Einblick in das sehr vielseitige Leben eines Spitzenpolitikers, die große Bandbreite an Themen, Fragen, Ereignissen, den Tagesablauf eines Landeshauptmannes, vermittelt aber auch höchst persönliche Fragen, die den Menschen Erwin Pröll betreffen:

Wie geht das Loslassen von der Macht?

Wie kann es gelingen?

Wie funktioniert ein Leben ohne Termine?

Was bedeutet diese Veränderung für meine Ehe, Familie und Freunde?

Was kommt danach?

Was habe ich erreicht?

Was bleibt?

Sein Rückzug aus der Politik wurde von vielen Kommentatoren als verantwortungsvoll, professionell, kurzum: als geglückt beschrieben, anders als bei vielen anderen Politikern. Wie viel politische Strategie und Planung spielte dabei eine Rolle, wie viel erdige, bäuerliche Weisheit?

Über all diese Fragen führten wir zahlreiche Gespräche. Manchmal sitzt der erfahrene Politiker vor mir, der auch Jahre nach dem Rückzug die Kontrolle über sein öffentliches Bild behalten möchte. Dann sehe ich wieder den schlauen, aber verletzlichen Bauernbuben, der Erwin Pröll bis heute geblieben ist. Der von Mitschülern gemobbt und gehänselt wurde, weil der viel zu große Wehrmachtsmantel, den er in Kindertagen gegen die Kälte überziehen musste, in deren Augen lächerlich aussah. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich – vielleicht ist dieses Gefühl schon damals entstanden, es mag ihm Antrieb geworden sein, für manches. Wenn wir über Kritik und Kritiker sprechen, wird es deutlich spürbar. Erwin Pröll kann verzeihen, aber nicht vergessen, pflegt deshalb Feindschaften fast so konsequent wie Freundschaften. Er ist aufgewachsen in einer Zeit, in der Menschen auf dem Land nicht dieselben Gelegenheiten, Möglichkeiten, Perspektiven für ihr Leben hatten wie in der Stadt. Erwin Pröll kennt von klein auf so manche Überheblichkeit von Städtern. Der Bauernbub wird Staatsmann und kämpft für seine Landsleute. Dass seine dörfliche Welt wenige Kilometer vom Eisernen Vorhang entfernt endet, konnte er schon als Kind nicht fassen. Dass er ausgerechnet in jener Zeit Landeshauptmann von Niederösterreich war, als der Eiserne Vorhang fiel, hält er für eine Gnade, ein »Mondfenster der Geschichte«. Die daraus entstehenden Herausforderungen und Chancen werden wesentliche Grundlage seiner politischen Arbeit, seiner Ideen und seines Erfolges.

Getragen und begleitet war dieser Weg stets von seinem tiefen Glauben. Ein Unfall mit dem Pferdefuhrwerk endete für den kleinen Erwin fast tödlich. Er überlebte. Und bleibt bis heute dankbar.

Und dann ist da die Familie: seine Frau Sissi, die Kinder und Enkelkinder. Hafen und Anker seines Lebens.

Nach 37 Jahren in der niederösterreichischen Landesregierung, davon 25 Jahre an der Spitze, ist Erwin Pröll nun Landeshauptmann a.D., außer Dienst. Wie ist ihm der Übergang in diese neue Lebensphase gelungen? Was bleibt wichtig, was verändert sich mit zunehmendem Abstand?

Einer der mächtigsten Männer der Zweiten Republik lässt los.

Ein Neuanfang.

Wann ist Schluss?

Wann hat sich die Frage »Wann ist Schluss?« zum ersten Mal gestellt?

Am ersten Tag meiner politischen Laufbahn, nicht so konkret, aber sie war da! Mein väterlicher Freund und politischer Begleiter Andreas Maurer (ÖVP-Politiker, niederösterreichischer Landeshauptmann 1966–1981, gestorben 2010, Anm.) hat mir damals sehr viel Grundsätzliches mitgegeben, Erfahrungen, die er im Laufe seines politischen Lebens gemacht hat. Einmal hat er gesagt: »Du musst wissen, in die Politik reinzukommen ist schwer, aus der Politik rauszugehen ist noch schwerer. Bedenke das, wie lange auch immer dein politischer Weg dauert.« Das habe ich sehr ernst genommen. In der Anfangsphase – ich war damals 33 Jahre alt – war das Ende meiner Laufbahn natürlich sehr fern, aber ich habe mir immer gedacht, irgendetwas Wahres muss da dran sein. Sonst hätte mir Andreas Maurer das nicht mitgegeben.

Und es gibt noch eine zweite Geschichte, lange bevor überhaupt die Rede davon war, dass ich eines Tages Mitglied der Landesregierung werde. Ich habe 1972 im Österreichischen Bauernbund begonnen, Bauernbund-präsident war damals Roland Minkowitsch (Präsident 1970–1980, gestorben 1986, Anm.), der spätere zweite Nationalratspräsident. Ich erinnere mich an eine Weihnachtsfeier des Bauernbundes im Restaurant des Palais Schwarzenberg. Scheinbar nebenbei fragte mich Minkowitsch: »Was wirst du mit deiner Familie zu Weihnachten machen?« Ich erzählte ihm von den Kindern, Bernhard und Astrid waren damals noch klein, und dann stellte ich die Gegenfrage: »Herr Präsident, wie wirst du Weihnachten und Neujahr verbringen?« Er sagte: »Weißt du, wir haben eine Tradition eingeführt. Zwischen Weihnachten und Neujahr haben wir unsere Freundesrunde wieder aufleben lassen. Das ist sehr wichtig und ich nehme es sehr ernst, denn in der Politik kann es leicht passieren, dass deine Freundschaften verloren gehen – obwohl du viele ›Freunde‹ hast. Und wenn du dann aus der Politik aussteigst, hast du keine Freunde mehr, und du bekommst auch keine mehr.«

Das sind Sätze, die mich immer begleitet haben, über deren Bedeutung ich immer wieder nachgedacht habe!

17. Jänner 2017, der Tag der Bekanntgabe.

07.00 Uhr: Nochmals ein sehr ruhiges, ausführliches Gespräch mit Sissi über mein Vorhaben. Sie bestärkt mich wieder, diesen Schritt in Ruhe zu setzen und gerade an diesem Tag sehr konzentriert vorzugehen: »Lass dich von nichts und niemandem aus der Ruhe bringen.«

Auf der Fahrt ins Büro überlege ich, welche Fragen von der Presse gestellt werden könnten. Dann nimmt alles seinen Lauf.

09.00 Uhr: Ich informiere die Regierungsmitglieder und enge Mitarbeiter von meinem Vorhaben – gedrückte Stimmung in meinem Büro ob der überraschenden Entscheidung.

10.30 Uhr: Regierungssitzung mit der Beschlussfassung von insgesamt 23 Tagesordnungspunkten.

Fünf vor elf erreiche ich direkt Vizekanzler Mitterlehner am Handy, um ihm mitzuteilen, dass ich in der Pressekonferenz um 11.00 Uhr bekannt geben werde, am Landesparteitag nicht mehr zu kandidieren, das heißt mein Amt als Landeshauptmann im April zur Verfügung zu stellen. Ich empfinde innerliche Erleichterung und Klarheit, gleichzeitig Konzentration auf das, was in wenigen Minuten kommen wird.

Punkt 11.00 Uhr trete ich im Millenniumssaal des Niederösterreichischen Landhauses vor die Presse. Mittlerweile haben sich dort schon viele Journalisten versammelt, noch nicht wissend, was ich verkünden werde. In einer achtminütigen Erklärung teile ich mit, dass ich diesen Schritt wohlüberlegt setze und warum ich diese Entscheidung treffe.

15 Minuten später: Gespräch mit meinen engsten Mitarbeitern. Vor dieser Situation habe ich mich gefürchtet. Viele von ihnen gehören seit 30, 35 Jahren zu meinem engsten Team, es sind heute auch Freunde, die in den zurückliegenden Jahrzehnten miteinander durch dick und dünn gegangen sind.

Ich bin zunächst sehr erleichtert, dass ich die Mitteilung an die Büromannschaft ohne allzu große Emotion vermitteln konnte, in den letzten Minuten ist es mir allerdings sehr schwergefallen, noch Worte zu finden. Die Betroffenheit der Mitarbeiter ist groß, geprägt von der Überraschung, und sie sind emotional bewegt, weil eine lange gemeinsame Zeit dem Ende zugeht.

Ein geplantes Mittagessen anlässlich meines 70. Geburtstages (24. Dezember 2016, Anm.) wird auf 12.45 Uhr verschoben. Auch diese Zeit kann aufgrund der zahlreichen Medienanfragen nicht eingehalten werden. Zusammen mit der gesamten Regierungsmannschaft und den Klubobleuten versuche ich durch die Journalistenmenge in den Millenniumssaal zu gehen, begleitet von heftigen Diskussionen zwischen einigen Medienvertretern und meinem Pressesprecher Peter Kirchweger, der zu erklären versucht, dass es zu diesem Zeitpunkt keine weiteren Interviews gibt.

Beim Mittagessen wird mir der Ehrenring des Bundeslandes Niederösterreich durch die Landesregierung überreicht – eine große Überraschung mit einer bewegenden Laudatio durch Johanna Mikl-Leitner. In meiner Dankesrede weise ich darauf hin, dass mein Entschluss, mich zu verabschieden, offensichtlich höchst an der Zeit war, denn es ist dies das erste Mal in 25 Jahren, dass man ohne mein Wissen einen Beschluss in der Landesregierung fasst. Großes Gelächter.

Mittlerweile sind auf meinem Handy unglaublich viele WhatsApp- und SMS-Nachrichten eingelangt. Immer wieder große Überraschung, aber gleichzeitig auch großer Respekt vor dieser Entscheidung und Zuspruch für meinen weiteren Lebensweg. Besonders berühren mich die Nachrichten von meinen Kindern, die vorher Bescheid wussten. Bernhard war wohl am bewegtesten über meinen Rücktritt, Astrid war erleichtert und hat mir zur Präsentation der Entscheidung gratuliert. Sinngemäß: »Lieber Paps, Gott sei Dank ist das alles so gut gegangen. Wir haben mit dir gezittert, aber wir sind jetzt sehr froh, dass dieser Schritt gesetzt ist.« Meine Enkelin Anna schreibt: »Hallo Opsi, SUPER SUPER SUPER! Ich freue mich sehr, auch wenn du nicht mehr in der Politik bist, weil du einfach der netteste, der liebste und der coolste Landeshauptmann der Welt warst. Ich hab’ dich sehr lieb.«

Das bedeutet mir viel, denn auch meinen Kindern und meiner Frau ist klar, dass nun für uns als Familie eine neue Zeit anbricht.

Was bedeutet Politik für die Familie?

Erwin Pröll war erst 33 Jahre alt, als er 1980 überraschend in die Regierungsmannschaft des Landes Niederösterreich kam. Als Mitarbeiter im Bauernbund war er bei Veranstaltungen dem damaligen Landeshauptmann Andreas Maurer aufgefallen. Als dieser ihn am Rande einer Sitzung des Bundesparteivorstandes zum geheimen Gespräch bat, um ihm das Amt des Agrarlandesrates anzubieten, war Erwin Pröll »wie vom Donner gerührt«. Andreas Maurer, der zum väterlichen Freund für ihn wurde, gab ihm für eine Zusage kurze Bedenkzeit – mit einem weitreichenden Satz: »Bevor du jetzt Ja sagst, fahr heim und frag deine Frau, ob sie will, dass du kein Wochenende mehr daheim bist.« Was auf den ersten Blick wie eine Pointe klingt, war freilich ernst gemeint. Erwin Pröll fuhr nach Hause, beriet sich mit Sissi, die spontan an seiner Seite stand: »Schau, wenn du das machen willst und es dich glücklich macht, dann mach es, und ich geh’ mit dir! Denn wenn du glücklich bist, dann sind auch wir glücklich.« Ein großes Bekenntnis für die Ehe, die Familie mit später vier Kindern.

Was bedeutet es für eine Familie, wenn der Vater Landeshauptmann ist? Wo musste sie zurückstehen? Was lässt sich jetzt, nach dem Rückzug aus der Politik, nachholen?

Sie wussten beide nicht, was wirklich auf Sie zukommt, oder?

Wir hatten durch meine Arbeit beim Österreichischen Bauernbund schon einen Einblick, was ein Politikerleben bedeutet. Aber natürlich nicht im Detail, wie wenn man in der Maschinerie eingespannt ist. Sissi und ich haben in letzter Zeit oft darüber gesprochen, wie wichtig dieses »Ich geh’ mit dir!« wurde. Sissi hat mich bei vielen Veranstaltungen begleitet, was mit vier Kindern nicht einfach und nur durch die Unterstützung meiner Schwiegermutter möglich war. So hat sie als meine Frau nicht nur an meinem politischen Leben teilgehabt, sondern hat auch die Herausforderungen gesehen, die Verantwortungen, und war daher in der Lage, entsprechend zu agieren, unterstützend, tröstend, aufmunternd.

Dieses gemeinsame Erleben war auch nach meinem Rückzug aus der Politik sehr wichtig für uns beide. Wir haben Freunde, Bekannte, immer Gesprächsstoff und interessante Menschen um uns. Wir sind Teil eines Netzwerkes mit einem aktiven gesellschaftlichen Leben geblieben. Ich kenne in meinem Umfeld ganz andere Beispiele, bei denen mit dem Amt auch der gesellschaftliche Austausch wegfällt und die Betroffenen sehr damit hadern! Es ist einfach schön, Menschen um sich zu haben, die den Weg mitgegangen sind und zu denen man hin und wieder sagen kann: »Erinnerst du dich noch an das und das …?« – das verbindet!

Die zweite Kraftquelle, die mich gestützt hat, war immer die Familie, die Beziehung zu den Kindern. Wenn du so eingespannt bist ins politische Leben, in der Öffentlichkeit stehst, ist es sehr wichtig, Oasen des Rückzugs zu haben. Das klingt so einfach. In der Realität ist es aber unglaublich schwierig! Weil du mit den täglichen Sorgen und Themen belastet bist. Das dann auch hin und wieder zur Seite zu schieben und als Vater und Großvater »da« zu sein, ist mitunter eine sehr große Herausforderung.

Haben die Kinder das jemals beklagt oder auch gesagt, sie hätten gerne, dass Sie einen »normalen« Beruf hätten?

Nein, sie haben nie geklagt. Aber die Nachrichten der Kinder nach der Bekanntgabe meines Rücktritts zeigen, dass bei ihnen etwas abgefallen ist. Ich war immer bemüht, dass sie auch die positiven Seiten an diesem Leben sehen und erleben. Besonders als sie noch klein waren, war das auch lustig für sie, zum Beispiel wenn sie bei Veranstaltungen dabei waren. Ich habe die Kinder von Anfang an, dort wo es möglich war, miteinbezogen und mitgenommen. Wenn sie gesagt haben: »Paps – da fahren wir gerne mit«, sind sie mitgefahren, und wenn nicht, sind sie daheimgeblieben. Ganz unkompliziert.

Gewisse Termine und Feste in der Familie galten immer als absolut unumstößlich – das ist bis heute so. Alle Geburtstage werden gefeiert, alle kommen zusammen. Egal, was passiert. Und wir haben immer darauf geachtet, dass wir miteinander auf Urlaub fahren. Das klingt vielleicht selbstverständlich. Im Terminkalender eines Politikers ist aber sogar das eine Herausforderung! Ich bin dann einmal mit diesem Kind und einmal mit jenem Kind weggefahren. Es geht einfach darum, bewusst ein familiäres Leben zu gestalten. Das ist mit einer unglaublichen Disziplin verbunden. Freude am Job und beinharte Disziplin – tagtäglich.

Eines meiner großen Ziele in der »Pension« war von Anfang an, mit meinen Enkelkindern mehr Zeit zu verbringen. So ist zum Beispiel der Besuch mit Anna bei einem Alan-Walker-Konzert in München ganz spontan entstanden. Die Familie kam in Krems bei meinem Sohn Stephan zusammen, ich plaudere mit meiner Enkelin und frag’ sie: »Was ist gerade deine Lieblingsmusik?« Sie erzählt mir von Alan Walker, ich hatte keine Ahnung, wer das ist. Mein Sohn Andi meinte: »Du könntest der Anna eine Freude machen!« Wir fanden heraus, dass es in Kürze ein Alan-Walker-Konzert in München gibt, Andi hat im Internet zwei Karten bestellt und der Ausflug war fixiert! Für mich war das ein vollkommen neues Erlebnis. Es war meine erste Zugfahrt mit einem meiner Enkelkinder, das hat’s während meiner aktiven Zeit nicht gegeben. Das allein war schon ein Erlebnis!

Wir haben in der Nähe des Hauptbahnhofs in München Quartier bezogen, sind durch die Innenstadt gebummelt, haben gemütlich mittaggegessen und sind danach in einer Irrfahrt mit dem Taxi Richtung Konzerthalle gefahren. Wir waren zwei Stunden vor Konzertbeginn dort, draußen stand eine lange Menschenschlange an! Auch das kannte ich jahrzehntelang nicht. Es war noch nicht Einlass, also haben wir uns schön in der Reihe angestellt. Schon beim Warten wurde mir klar, dass das Publikum nicht in meiner Altersklasse war – ich bin ziemlich hervorgestochen, war eindeutig der Älteste. Anna hat das sehr genossen, die Anspannung, das Warten, bis es losgeht, bis Alan Walker dann auf die Bühne gekommen ist. Es war irrsinnig laut, eine Show mit tollen Lichteffekten. Die jungen Leute, alle zwischen 15 und 25, waren gut drauf, es war eine tolle, disziplinierte, großartige Atmosphäre. Dann haben wir uns mit Hunderten anderen um ein Autogramm angestellt. Ich mittendrin. Im Hotel habe ich meine Enkeltochter dann noch in die Bar auf einen »Drink« eingeladen. Am nächsten Tag ging es mit dem Zug wieder zurück nach Hause. Ein wunderschönes Erlebnis, für mich etwas vollkommen Neues!

Mit meinem Enkel Johannes bin ich zum Beispiel zur Wieselburger Messe gefahren, weil er ein Landtechnik-Freak ist. Sissi und ich machen Ausflüge nach Wien, zu zweit oder mit Familie, treffen Freunde, gehen spazieren, unspektakulär großartig! Von meiner Uni, der Universität für Bodenkultur, gibt es ein traditionelles Jahrgangstreffen, jedes Jahr wird ein dreitägiges Zusammentreffen in einem anderen Bundesland organisiert. Ich war fast nie dabei, die Politik hatte Vorrang. Zuletzt konnten wir zu den Treffen in der Steiermark und in Niederösterreich fahren. Ja, ich kann Freundschaften wieder pflegen, die Gott sei Dank nicht verloren gegangen sind. Ich besuche gerne Fußballspiele, fahr’ mit Andi nach München zu Matches von Bayern München, oder ins SKN-Stadion in St. Pölten oder ins Rapid-Stadion in Wien. Ich genieße Dinge, die ich nie tun konnte. Ich habe Zeit, Bücher zu lesen.

Haben Sie das Gefühl, vieles mit den eigenen Kindern versäumt zu haben? In welchen Situationen war es besonders schwierig, nicht für die Familie da zu sein?

Ich hatte nicht nur Verantwortung für das Land, sondern auch eine Verantwortung für viele, viele Menschen. Menschen, die an mich geglaubt haben. Die mit mir und für mich gearbeitet haben. Die sich eingesetzt haben. Das hat mich getragen.

Eine extreme Situation gab es 2007 unmittelbar vor der Eröffnung der Landesausstellung. Solche Eröffnungen sind für einen Politiker entscheidende Auftritte mit großen Reden. Ich sitze mit Peter Kirchweger noch kurz in einem Gastgarten, eine Stunde bevor es losgeht, und bekomme die Nachricht, dass mein Sohn Bernhard einen Schlaganfall erlitten hat. Ein riesiger Schock! Zunächst geht es natürlich darum, zu klären, ob er gut versorgt ist. Sissi hat gearbeitet, ist dann gleich zu Bernhard ins Spital gefahren. Peter hat zu mir gesagt: »Du, da warten jetzt Tausende Leute auf dich. Du kannst dem Bernhard im Moment nicht helfen, das hast du jetzt gerade durchzustehen. Wir halten für dich Kontakt mit den Ärzten und informieren dich.« Wie ich meine Eröffnungsrede gehalten habe, weiß ich nicht. Ich war in Trance. Alle paar Minuten ist irgendjemand zu mir gekommen und hat mir Informationen aus dem Spital übermittelt.

Und dann habe ich an Maxi Böhm gedacht. Maxi Böhm hat seine Tochter verloren und musste auftreten, er hat zu sich gesagt: »Die Leute, die da unten sitzen, haben gezahlt. Und die interessiert nicht eine Sekunde, wie es dir geht. Du hast zu funktionieren.« So ähnlich ist das auch in der Politik. Vielleicht sogar mit noch mehr Tragweite.

Muss man das akzeptieren? Was wäre, wenn Sie gesagt hätten: »In meiner Familie ist etwas passiert, ich habe Wichtigeres zu tun, als eine Rede zu halten. Ich kann meinem Sohn zwar nicht helfen, aber ich will einfach bei ihm sein in dieser Situation.« Würden die Tausenden Leute nicht einfach nach Hause gehen und sagen: »Recht hat er!«?

Wie lebt man die Verantwortung, die man übernommen hat? Die Familie hat im Laufe der Jahrzehnte aufgrund meiner Verantwortung unzählige Male hintanstehen müssen. Gott sei Dank nicht in so extremen Situationen. Der Rat, den mir Andreas Maurer am Beginn gegeben hat, »Frag dei’ Frau, ob sie will, dass du kein Wochenende mehr daheim bist!«, hat ins Schwarze getroffen. Von den 50 Wochenenden, die es im Jahr gibt, war ich sicher an 45 »verpflichtet«. Das hängt davon ab, wie ernst man seine Verantwortung nimmt. Ich war in diesen fast vier Jahrzehnten ungemein diszipliniert, bin wahrscheinlich keine zehn Mal bei einer Veranstaltung zu spät gekommen. Ich habe mich in diesen 40 Jahren kein einziges Mal wo angesagt und bin unbegründet nicht erschienen. Ich habe sehr diszipliniert gegessen, war diszipliniert meinem Körper gegenüber. Ein einziges Mal habe ich wirklich über den Durst getrunken, und da hat mich der Nuntius verführt. (lacht)

Mein Leben war geprägt von Disziplin, und im Rückblick bin ich gar nicht unglücklich darüber. Disziplin bedeutet nicht nur Verzicht, sondern auch viel Freude. Heute bin ich froh, dass ich diese Disziplin – obwohl es auch schwierig war – aufgebracht habe. Sonst würde es mir heute nicht so gut gehen!

Haben Sie das Gefühl, dass Sie familiär etwas gutzumachen haben?

Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt die Chance habe, und diese Chance nütze ich auch, familiär etwas aufzuholen. Ich habe nichts gutzumachen. Gutzumachen hat man nur dann etwas, wenn man etwas schlecht gemacht hat.

17. Jänner 2017, erste Reaktionen.

Das erste SMS um 11.32 Uhr kommt aus der Ferne, Klaus und Lisl Wagner-Bacher schreiben: »Traurig haben wir hier in Sri Lanka die Nachricht vernommen, dass unser Landesvater sich zurückziehen wird. Lieber Erwin, du wirst uns und dem Land fehlen, aber wir müssen froh sein, dass wir dich so lange Zeit hatten, danke dafür. Einen Vorteil hat es ja auch, wir können uns in Zukunft öfter gemütlich treffen und zusammensetzen.«

Weitere SMS von meinem türkischen Freund Halil aus Krems, von Ex-Fußballer Günter Kaltenbrunner. Franz Stocher, mein Radkollege, schreibt: »Lieber Erwin, herzliche Gratulation. Ja, es gibt Höheres als die Politik. Freu dich auf die Familie und vieles, das du gerne tust, freu dich auf wunderschöne Ausfahrten mit deinem Rad. Ich freue mich schon auf Mallorca mit dir. Alles Gute, Franz Stocher.«

Ein sehr bewegendes SMS kommt von Robert Menasse: »Lieber Erwin, ich habe so gehofft, dass du unbeirrt im Amt bleibst. Mit großem Respekt vor deiner Entscheidung, gleichwohl traurig, aber in der Hoffnung, dass dein Rückzug kein Rückzug von deinen Freunden sein wird, wir müssen weiterhin über die Zeitenläufe diskutieren und lachen, dein Robert und Sissi.«

SMS von Schauspieler Gustl Schmölzer: »Lieber Erwin, schade, aber ich versteh’ dich, danke für deine Arbeit, speziell als Künstler. Leider haben wir diese Kulturförderungen in der Steiermark nicht gehabt, vielleicht hast du ja dann mehr Zeit für einen Besuch in St. Stefan ob Stainz. Herzlich und mit großem Respekt Gustl.«

Ein weiteres SMS erreicht mich am Heimweg, von Gunnar Prokop: »Ich habe das Bedürfnis, dir zu schreiben. Einerseits wirst du mir als Landeshauptmann sehr fehlen, andererseits muss ich dir wirklich zu diesem überaus mutigen Schritt gratulieren. Vor allem weil du deine Lebensqualität enorm verbesserst. Vielleicht haben wir mehr Zeit zum Radeln, und nicht nur die Glockner-Tour zu machen. In alter Freundschaft und viel Glück im neuen Lebensabschnitt, Gunnar.«

Weiteres SMS von Landeshauptmann Haslauer: »Lieber Erwin, ich danke dir für alles. Jetzt beginnt für dich eine gute Zeit, deren Qualität du sicher genießen wirst. Wir bleiben in Kontakt, liebe Grüße Dein Wilfried.«

Noch während des gemeinsamen Mittagessens in der Landesregierung erreicht mich ein SMS von Wiens Bürgermeister Häupl. Es hat ihn offensichtlich wirklich vollkommen überrascht, dass ich diese Entscheidung bekannt gegeben habe. Ich habe ihm in Hinblick darauf ein SMS geschrieben mit dem Inhalt: »Sorry, alter Kumpel, dein Erwin«. Seine Antwort: »Hab’s schon geschluckt – alles Gute und mögen deine Zukunftswünsche sich erfüllen, Michl.«

In vielen Reaktionen fällt das Wort »historisch«.

Für meine Familie und mich war dieser Tag tatsächlich historisch, aber vor allem eine Zäsur in unserem Leben. Nach dem Mittagessen noch Zusammensein mit Büromitarbeitern und einigen Freunden, wir tauschen gemeinsame Erlebnisse aus. Meine innere Verfassung ist sehr gut. Ich fühle mich innerlich rund und klar und bin spürbar erleichtert, dass dieser Tag gut zu Ende geht. Sissi und ich trinken noch gemeinsam ein Glas Sekt und schauen fern, Report und die Zeit im Bild 2, und wir sind eigentlich sehr überrascht über die breite Berichterstattung im ORF während des ganzen Tages. Zu Mittag gab es bereits eine Sondersendung, und auch in allen Zeit im Bild-Sendungen wurde berichtet – sowohl über meine Entscheidung als auch über die Konsequenzen für die österreichische Innenpolitik und die niederösterreichische Landespolitik.

Wie erkennt man den richtigen Zeitpunkt zu gehen?

Gedanken von Politikern zum Abschied

»Politisch handeln heißt Verantwortung zu übernehmen. Und Verantwortung zu übernehmen heißt, zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Schritt in die richtige Richtung zu setzen.«

Erwin Pröll

»Bei Traven – in dessen erstem Dschungelroman – ist nachzulesen, wie ein mexikanischer Indianerstamm es beim Häuptlingswechsel hielt. Die zogen dem Neugewählten die Hose runter und hielten ihn mit dem nackten Hintern einen Augenblick übers Feuer. Du sollst nicht zu lange auf deinem Häuptlingsstuhl sitzen bleiben, so könnte man das Bild deuten. Ich bin ja nun ziemlich lange hocken geblieben.«

Willy Brandt (1913–1992), deutscher Bundeskanzler

»Es war die größte Ehre meines Lebens, Euch zu dienen. Yes, we can – yes, we did.«

Barack Obama, ehemaliger US-Präsident

»Ich bin überzeugt: Wir müssen innehalten. Ich jedenfalls tue das. Ich wurde nicht als Kanzlerin geboren und auch nicht als Vorsitzende. Ich habe mir immer gewünscht, meine Ämter in Würde zu tragen und auch zu verlassen. Jetzt ist Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.«

Angela Merkel, deutsche Bundeskanzlerin

»Es ist richtig so, es ist ein Ende, und es ist gut so, für die Personen, für die Sache und für alle Beteiligten.«

Christian Kern, ehemaliger österreichischer Bundeskanzler

»Nie ist die Liebe so groß wie im Abschied.«

Matthias Strolz, ehemaliger Parteichef der NEOS

»Den Job eines Parteichefs, einer Parteichefin kann man nicht ewig machen. In Zeiten dieser medialen Zuspitzung reibt das jeden Menschen einfach auf …«

Eva Glawischnig, ehemalige Parteivorsitzende der Grünen

»Die Politik war ein ›faszinierender Teil‹ meines Lebens, aber eben nicht das Leben!«

Roland Koch, ehemaliger CDU-Politiker

»Die biblische Erkenntnis ›Alles hat seine Zeit‹ gilt auch für Politiker.«

Ole von Beust, ehemaliger Bürgermeister von Hamburg

Nicht vielen Politikern gelingt der Absprung im richtigen Augenblick. Oft findet ein verzweifelter Kampf gegen den Verlust von Macht, Prestige und Privilegien statt, der mit dem Eintritt in den politischen Ruhestand verbunden ist. In der englischen Sprache gibt es eine treffende Formulierung für Menschen, die nicht wissen, wann es Zeit ist, zu gehen: »to overstay your welcome«, auf gut Deutsch »länger bleiben, als man willkommen ist«.

Es ist eine Art Sucht nach öffentlicher Wirkung, die Politiker dazu treibt, alles daranzusetzen, um an der Macht zu bleiben. Politik als süße Droge, von der man nicht lassen kann, Macht als Suchtmittel. Manche sind ehrlich genug, ihre Abhängigkeit einzuräumen, wie ein Blick ins Nachbarland Deutschland zeigt. Horst Seehofer sagte: »Ja, ich bin süchtig, ich bin politiksüchtig«, Wolfgang Schäuble meinte: »Natürlich gehört Politik unter die Suchtkrankheiten.« Heide Simonis, einst die erste Frau an der Spitze eines deutschen Bundeslandes, bekannte: »Wenn mich auf fünf Schritte keiner erkennt, werde ich depressiv.« Die Quittung kam 2005 bei ihrer Abwahl durch die fehlende Stimme eines »Parteifreundes«. Ihr entsetzter Ausruf »Und was wird aus mir?« steht seither für alles, was Wähler an Politikern verachten: Machtversessenheit, Selbstbezogenheit, Realitätsverlust.

Die Liste derer, die nicht loslassen konnten, ist lang. Die Zeitungsartikel über verpasste und verpatzte Abschiede füllen Archive. Da schleppt sich manch einer in die Endphase seiner Karriere, begleitet von Häme und Attacken, als Sesselkleber diffamiert – höchst erfolgreiche Spitzenpolitiker, die große Wahlsiege einfuhren, die ihre Parteien über viele Jahre dominierten! Der selbstbestimmte Abschied aus dem Amt misslang meist, weil sie den richtigen Zeitpunkt nicht erkannten. Sie wollten es noch einmal wissen, wehrten sich gegen den Rücktritt mit Händen und Füßen. Am Ende mussten sie dennoch abtreten. Zurück blieb zumindest ein bitterer Beigeschmack, manchmal ein Kratzer. Ein Imageschaden, der ihren Ruhm relativierte, der neben all ihren Leistungen mit ins Geschichtsbuch eingeht.

Nur den wenigsten gelingt ein wirklich würdiger Abtritt. Der ehemalige SPD-Parteichef Hans-Jochen Vogel formulierte es einmal so: »Meine Maxime war, man muss gehen, solange man seinen Mitmenschen die Bekundungen des Bedauerns noch glauben kann.«

Erwin Pröll zeigte, wie ein Abschied aus der ersten Reihe der Macht freiwillig und würdevoll erfolgen kann. War es Glück, Gnade oder doch politisches Geschick? Oder einfach demokratische Normalität?

Bei vielen Menschen ist der Zeitpunkt des Abschieds ein fremdbestimmter, es gibt keine andere Wahl. Aber wenn man selbst entscheiden kann, fragt man sich: Wann ist der richtige Zeitpunkt, worauf soll man hören?

Eine derartige Zäsur, wie sie der Übergang vom aktiven Berufsleben ins Pensionsalter darstellt, birgt zwei große Gefahren. Wenn du in eine Situation kommst, in der du selbst die Entscheidung nicht mehr gestalten kannst, wann und wie du übergibst, können große Schmerzen die Folge sein, davon bin ich überzeugt. Noch dazu, wenn man ein langes, erfülltes Berufsleben hinter sich hat und mit sehr viel Freude gearbeitet hat. Der andere Weg, die eigene Entscheidung und Planung, ist auch anspruchsvoll, es geht nicht »automatisch«. Dabei kommt es in erster Linie auf Selbstdisziplin an. Und Selbstdisziplin ist für mich jedenfalls besser, als fremdbestimmt zu sein.

Künstler sagen manchmal: Ich möchte spielen, bis ich auf der Bühne umfalle! Das mitzuverfolgen ist beeindruckend, oft aber auch sehr bitter. Haben Sie warnende Beispiele gesehen und gesagt: »Der hat den richtigen Zeitpunkt verpasst!«?