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Marie-Theres Arnbom

Die Villen von
Pötzleinsdorf

Wenn Häuser Geschichten erzählen

Mit 158 Abbildungen

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Gefördert vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2020 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagabbildungen: Historische Ansichtskarte von Pötzleinsdorf
© Archiv Marie-Theres Arnbom, Fotohalter © iStock.com
Lektorat: Helene Breisach

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11/14 pt Minion Pro Regular

Designed in Austria

ISBN 978-3-99050-172-6

eISBN 978-3-903217-49-2

Inhalt

Vorwort
Wie ich meine Heimat kennengelernt habe

Gebrauchsanweisung

Weg 1

1Die türkische Freundin meiner Großmutter

Pötzleinsdorfer Straße 42

2»Friendships totally mixed …« Familie Broch

Pötzleinsdorfer Straße 50, später 33

3»… eine mit fürstlichem Luxus ausgestattete Villa«.
Familie Regenstreif

Pötzleinsdorfer Straße 36–40

4Gustav Mahler und die Familie Spiegler

Pötzleinsdorfer Straße 34

5Der renommierte Architekt Friedrich Schön und seine Auftraggeber

Pötzleinsdorfer Straße 28

6Pötzleinsdorfer Freundinnen in New York

Pötzleinsdorfer Straße 20

7Eine Wiener Theater-Dynastie

Pötzleinsdorfer Straße 10

8Ein weiter Weg nach Bogotá oder
Österreichs Komplizenschaft

Pötzleinsdorfer Straße 21

9Produktenhandel und Kunstsammlung

Pötzleinsdorfer Straße 29

10Die Tragik des Herrn Lemberger

Pötzleinsdorfer Straße 33

11Von Danzers Orpheum zu wasserfesten Schuhen

Pötzleinsdorfer Straße 41

12Bankiers in bewegten Zeiten

Pötzleinsdorfer Straße 43

Weg 2

13Architekten in aller Welt. Familie Marmorek

Buchleitengasse 6 und 8, Hockegasse 77a

14Franz Barwig und Donald Trumps Mar-a-Lago

Hockegasse 92

15Die Ringstraße in Pötzleinsdorf

Schafberggasse 15

16Der geheimnisvolle Turm

Pötzleinsdorfer Straße 62

17Handschuhfabrikanten und Autochthone

Pötzleinsdorfer Straße 90 und 92

Weg 3

18Kunstsinn und Grandezza. Familie Mautner

Khevenhüllerstraße 2, 4, 6

19Die emanzipierte Tochter und der Regisseur

Starkfriedgasse 58

Weg 4

20Was aus den Förderern der modernen Architektur wurde.
Familie Scholl

Wilbrandtgasse 3

21Viele Wege nach Britisch-Indien

Wilbrandtgasse 37

22Die moderne Frau. Anny Moller-Wottitz

Starkfriedgasse 19

Weg 5

23Pötzleinsdorf, Elvis Presley und Hollywood

Pötzleinsdorfer Straße 136

24Der Namensgeber des Mosenthalwegs

Dr.-Heinrich-Maier-Straße 39

25»Ausstattung des Objekts eine vornehme und
gediegene.« Villa Herzberg-Fränkel

Dr.-Heinrich-Maier-Straße 54

26Ein Familienclan auf Sommerfrische

Dr.-Heinrich-Maier-Straße 38, 35, 20

27Max Paulsen, Peter Petersen und die Liebe zur Gartenarbeit

Dr.-Heinrich-Maier-Straße 11

28San Domingo und Kanada. Weite Wege der Familie Boschan

Dr.-Heinrich-Maier-Straße 7 und Pötzleinsdorfer Straße 110

29Die Geschichte eines Fotoalbums

Pötzleinsdorfer Straße 118

30Die gar nicht so geheime NSA-Villa in Pötzleinsdorf

Pötzleinsdorfer Straße 124–126

31Schwarz und Rot und viele Schattierungen. Familie Winterstein

Pötzleinsdorfer Straße 123

Anmerkungen

Literatur und Quellen

Bildnachweis

Namenregister

Vorwort
Wie ich meine Heimat kennengelernt habe

Pötzleinsdorf. Ein Experiment, eine neue Erfahrung. Denn über den Ort zu schreiben, in dem ich nicht nur aufgewachsen bin, sondern wo ich bis heute lebe, ist speziell. Geschichte, eigene Erinnerungen und die Gegenwart vermischen sich zu einem merkwürdigen Ganzen.

Zu Pfingsten 2019 habe ich plötzlich den Entschluss zu diesem Buch gefasst. Und ich bin bei gefühlten 40 Grad die Pötzleinsdorfer Straße auf und ab marschiert. Mein Leben lang bin ich entweder mit der Straßenbahn oder mit dem Auto gefahren – und nun habe ich endlich meine Straße zu Fuß erobert, die Häuser und Villen wahrgenommen. Da gibt es eine Villa mit wunderbaren Majolika-Verzierungen, angebaut an eine andere Villa, die so gar nicht dazu passen möchte. Dann die vertrauten Villen und die mir bekannten Geschichten über Freunde meines Urgroßvaters, meiner Großmutter, meiner Mutter, meiner Schwester – und natürlich meine eigenen. Geschichten, die das 20. Jahrhundert abbilden: türkische Diplomaten der Zwischenkriegszeit, jüdisches Großbürgertum, Profiteure der Nazizeit und behütete Kindheit der 1970er-Jahre. Was für eine Bandbreite tut sich da auf!

So vieles geht im alltäglichen Blick unter und drängt nun an die Oberfläche. Menschen werden zum Leben erweckt, die einst Pötzleinsdorf als sogenannte »Neuhäusler« prägten. Diese Klassifizierung verwundert mich: Denn die »wahren« Pötzleinsdorfer sahen sich als die »Althäusler« – und plötzlich erwachen Erinnerungen an die Sommerfrische des Salzkammerguts: die Einheimischen gegen die Gäste, damals noch Fremde genannt. Denn auch Pötzleinsdorf war eine Sommerfrische: In den Weinbauernort kamen die Städter, um der schlechten Luft zu entfliehen. Sie erwarben Grundstücke, erbauten Villen und schufen eine eigene Gesellschaft – die »Althäusler« begegneten diesen Entwicklungen mit einer gewissen Skepsis.

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Das alte Pötzleinsdorf

Die Sommerfrische wuchs mit der Großstadt zusammen und es erinnert wenig an diese Epoche – nur die Villen blieben bestehen. Die Auswahl der in diesem Buch beschriebenen Häuser und Familien gestaltete sich schwierig, denn es gibt so viele interessante Geschichten zu entdecken und zu erzählen. Ich musste mich entscheiden – und weiß, dass es sich nur um einen kleinen Ausschnitt handelt. Vieles Weitere schlummert hinter den Mauern, in den Gärten, auf Dachböden und in Archiven. Vielleicht beginnt sich der eine oder andere für die Geschichte des eigenen Hauses zu interessieren – es zahlt sich aus.

In Pötzleinsdorf begegnen mir viele interessante Architekten – von der Ringstraße bis zum Bauhaus gibt es alle Stilrichtungen. Bekannte und vergessene Namen befinden sich darunter, wie Alexander Neumann und Jakob Gartner als Vertreter der Ringstraße. Friedrich Ohmann, Josef Frank und Adolf Loos bringen die Moderne nach Pötzleinsdorf ebenso wie Hans Glas, dessen Wirken bis Kalkutta reicht. Oder Friedrich Schön, der auch in Kairo baut.

Die Recherche führt mich in die ganze Welt: Nachkommen ehemaliger Villenbesitzer leben heute in Kolumbien, Argentinien, Amerika, Südafrika, England und Schweden. Sie lassen mich teilhaben an autobiografischen Aufzeichnungen, schicken Fotos und interviewen ihre fast 100-jährigen Mütter, um deren Erinnerungen an Pötzleinsdorf festzuhalten. In Kolumbien begegne ich den Nachkommen von zwei Pötzleinsdorfer Familien – die beiden kennen einander nicht und finden jetzt durch dieses Buch zusammen.

Die Themenvielfalt überwältigt mich – und das, obwohl besonders viele Vertreter der Textilbranche Pötzleinsdorf als Ort der Sommerfrische für sich entdeckt haben. Und so entsteht eine große Sommerfrischegesellschaft, die familiär und geschäftlich miteinander verbunden ist. Heiraten zwischen den Villen gehören natürlich auch dazu. Doch es eröffnet sich auch die mir unbekannte Welt der Dönme, die mich tief in die Geschichte Salonikis hineinführt. Oder die Lehren Rudolf Steiners – was besonders spannend ist, befindet sich doch die Steiner-Schule in Pötzleinsdorf. Auch das Bauhaus in Weimar spielt eine Rolle, viele der jungen Damen studieren in diesem Umfeld und prägen den neuen Frauentyp der 1920er-Jahre.

Ärzte und Schriftsteller, Beamte und Theaterdirektoren, Bauunternehmer und Salondamen – sie alle prägen die Sommerfrische und bevölkern Pötzleinsdorf, das für so manchen das ganze Jahr über zum Wohnsitz wird. Die Stadt rückt näher, auf Pferdestellwagen folgen die Straßenbahn und bald auch eigene Autos.

Das Jahr 1938 bringt einen völligen Kahlschlag mit sich. Die meisten Villenbesitzer verschwinden, werden verfolgt, verhaftet, vertrieben, ermordet. Die Anzahl der enteigneten Besitzungen in Pötzleinsdorf erweist sich als erschreckend hoch. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges versuchen die Familien, ihr Eigentum zurückzubekommen. Meist endet dies in einem Vergleich, denn die Diskussionen um Erträgnisse oder Investitionen sind zermürbend. »Ich bin es müde, die gegenständliche Rückstellungssache zu urgieren. Ich habe dies wiederholt mündlich und schriftlich getan. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen, obwohl ich an manches in Rückstellungssachen gewöhnt bin«, schreibt ein Rechtsanwalt im Jahr 1953. Dies sagt eigentlich alles. Zugleich gewähren die Rückstellungsakten einmal mehr einen tiefen Einblick in die Wiener Seele. Es wird gelogen und gelogen, die ehemaligen Eigentümer müssen sich wehren und das Gegenteil behaupten. Meistens gelingt es ihnen, doch der Kraftaufwand ist enorm – und wohl auch die Abscheu, sich nach dem angeblichen Ende der Naziherrschaft mit genau diesen Menschen weiter auseinandersetzen zu müssen.

Die Korrespondenzen ziehen sich zum Teil bis in die 1970er-Jahre, denn über Häuser kann relativ einfach entschieden werden, nicht jedoch über Aktienbesitz oder Steuerabgaben. Da fehlen Bankunterlagen, wird über Umrechnungskurse debattiert, müssen Aktien neu bewertet werden. Die Antragsteller bleiben erstaunlich ruhig, höflich und langmütig.

Ein Film ermöglicht es mir, ganz in die vergangene Welt einzutauchen, denn Ellen Illich-Regenstreif hat in den 1930er-Jahren alle wichtigen Ereignisse ihrer Familie festgehalten. Ich hatte das große Privileg, diese Filme schon vor einigen Jahren sehen zu dürfen. 2018 folgt ein Film von Burgl Czeitschner. Let’s keep it lautet der Titel – und sagt schon alles. Sie hat die Regenstreif-Filme integriert und weitere Geschichten rundherum erzählt. Ein Film, der aufrüttelt und wütend macht. Und zugleich eröffnet er einen weiteren Zugang zur Erforschung der Vergangenheit.

Viele der Villen wechseln in den 1950er-Jahren wieder den Besitzer und müssen gesichtslosen Wohnhausanlagen weichen. Die Geschichte der ehemaligen Eigentümer und Bewohner interessiert niemanden. Ich möchte mit diesem Buch einen Gedankenanstoß geben, sich mit der nächsten Umgebung zu beschäftigen, zu überlegen, wer denn früher in diesem Haus gelebt hat, welche schönen und traurigen Ereignisse stattgefunden haben.

Die Bilder dieses Buches stammen zu einem großen Teil aus Privatbesitz – und das bedeutet, aus den verschiedenen Winkeln der Welt: aus Kolumbien, verschiedenen amerikanischen Städten, England, Schweden und auch Wien. Der Großteil wird hier nun erstmals veröffentlicht – endlich gestatten diese wunderbaren Bilder einen Blick in das Innere der Villen und das Alltagsleben der Familien.

Ohne Unterstützung kann ein Buch nicht wachsen und gedeihen. Mein erster Dank gilt den Nachkommen der Familien in der ganzen Welt: in Kolumbien Adriana Marmorek und Carolina Uprimny. Was für eine besondere Freude: Die beiden Damen, deren Großeltern einst so nah beieinander in Pötzleinsdorf gelebt haben, lernen sich nun durch mich erst kennen. Wie wunderbar, durch ein Buch Menschen zusammenbringen zu dürfen.

Zu den weiteren Nachkommen zählen in Argentinien Nicolás Koritschoner; in Amerika Caroline Coulston, Stephen Harnik, Yvonne Illich, Adrianna Ross Berk, Lucy Schachter, Daniel Shimberg, Lotte Shimberg, Tom Sorter; in Südafrika Cathy Robinson; in Schweden Erland Kornfeld und Christhild Ritter; in Wien Elizabeth Baum-Breuer, Daniel Kalbeck, Veronika Lehner, Susanne Scholl, Georg Schrom, Gustav und Uschi Seemann und Almuth Spiegler.

Ich danke meinen Pötzleinsdorfer Helfern Heinrich und Maria Berg, Paul Frey, Kathrin Güven-Marberger, Kathrin Janik, Markus Novak sowie Gottfried und Michaela Zykan. Sie haben mir Geschichten erzählt, mir Blicke aus luftiger Höhe und in verwunschene Gärten gewährt, Laufrunden zusammengestellt und mich mit Fotos und Abendessen versorgt.

Meine Südamerika-Helferinnen Marianne Feldmann, Magdalena Schindler-Bruckmüller und Theresa Stourzh haben mir Einblicke in die Verbindungen zwischen Kolumbien und Österreich ermöglicht, spanische Artikel übersetzt und mir das dortige Rechtssystem nähergebracht.

Ohne Archive wäre die Forschung unmöglich. Die Mitarbeiter des Wiener Stadt- und Landesarchives haben unermüdlich zahlreiche Aktenbestände zusammengetragen. Mein besonderer Dank gilt Hubert Steiner im Österreichischen Staatsarchiv, der in rasendem Tempo meine Bestellungen hergerichtet, mich mit Kaffee gestärkt und voller Interesse den Fortschritt des Buches verfolgt hat. Christiane Mühlegger-Henhapel im Österreichischen Theatermuseum hat mich ebenso unterstützt wie Marcus Patka vom Jüdischen Museum. Und natürlich Kathrin Pokorny-Nagel vom MAK, die ihre Bestände zum Geymüllerschlössl durchforstet hat.

Die unersetzbare Plattform ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek hat wieder unbezahlbare Dienste geleistet – die digitalisierten Tageszeitungen bringen Details zutage, die man gar nicht sucht.

Mein bewährtes Mitleser-Team hat einmal mehr Durchhaltekraft bewiesen: mein Mann Georg Gaugusch, ohne dessen Recherchen vieles viel schwieriger gewesen wäre, meine Mutter Christiane Arnbom, die sehr genau alle Unklarheiten und Fehler findet; meine Schwester Elisabeth Kühnelt-Leddihn, meine Freundinnen Hanna Ecker, Monika Kiegler-Griensteidl und Katharina Stourzh, die gelesen, diskutiert, angeregt haben.

Meine wunderbare Lektorin Helene Breisach hat penibel und genau Fehler entdeckt und so manche Formulierung geschärft – ihr danke ich sehr für die großartige Zusammenarbeit!

Der Amalthea Verlag hat mich einmal mehr unterstützt – danke!

Marie-Theres Arnbom

März 2020

Gebrauchsanweisung

Ich bin mir dieses Buch ergangen und habe neue Ecken, alte Häuser und interessante Details entdeckt. Bei diesen Spaziergängen sind mir erstaunlich viele Menschen begegnet, die stehen blieben und voller Interesse die verschiedenen Villen betrachteten. Für sie und auch für die vielen Pötzleinsdorfer Neuentdecker habe ich Wege zusammengestellt, die gemächlichen Schrittes eine gemütliche Runde ermöglichen und Geschichten aus den Villen zum Leben erwecken.

Für die Sportlichen gibt es auch eine Laufrunde, die sich aber ebenso zum langsamen oder raschen Gehen eignet, die aus Pötzleinsdorf bis auf den Exelberg und dann wieder durch den Wienerwald zurück führt.

Weg 1: 1 bis 12*

Weg 2: 13 bis 17

Weg 3: 18, 19, 22, 6, 7

Weg 4: 20 bis 22

Weg 5: 23 bis 31

Laufrunde: 7, 6, 21, 20, 22, 19, 28, 27, 26, 25, 24, 23, 31, durch den Park Richtung Neuwaldegg in die Exelberg-Jagd, zurück durch den Wald zu 24, 25 bis 28, 18, 17, 16, 1 bis 5.

Natürlich muss man nicht physisch anwesend sein, auch auf dem Sofa lassen sich die Schicksale der beschriebenen Menschen erlesen, denn die Lebenswege führen in die ganze Welt, nach Amerika, Kolumbien, Indien und Schweden.

Das Buch möchte dazu anregen, in die Atmosphäre einzutauchen, die all diese Menschen geprägt und ihnen viele unvergessliche Jahre beschert hat, in guten wie in schlechten Zeiten.

*Die Ziffern beziehen sich auf die jeweiligen Buchkapitel, vgl. auch die Pötzleinsdorf-Karte im Buchdeckel.

Weg 1

1 Die türkische Freundin meiner Großmutter

Pötzleinsdorfer Straße 42

Meine Großmutter hat mir immer von ihrer türkischen Freundin erzählt, die auf der Pötzleinsdorfer Allee in einer wunderschönen Villa wohnte. Mehr Informationen habe ich nicht, als ich mit der Recherche beginne – aber ich weiß immerhin, welches Haus gemeint ist. Und so tauche ich in verschiedene Quellen ein, befrage das Grundbuch, das Adressbuch, verschiedene Tageszeitungen und Bibliotheken. Was ich herausfinde, erstaunt mich sehr. Meszureh ist der Name besagter Freundin, wenige Jahre älter als meine Großmutter. Ab 1923 wohnt sie in der Villa, die ihre Eltern 1925 erwerben. Ihre Mutter heißt Ikbal Akif Akev, geborene Hikmet, ihr Vater Nuri Akif Akev – man kann sich vorstellen, dass die österreichischen Behörden diese Nachnamen immer unterschiedlich schreiben. Auch einen Bruder namens Hasan hat Meszureh. Seine Dissertation finde ich in der Nationalbibliothek, 1937 veröffentlicht unter dem Titel Die monetäre Krisen- und Konjunkturtheorie.

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Die repräsentative Villa der Familie Akif

Hasan promoviert am 14. Dezember 1937, scheint aber während seiner Studienzeit viel Zeit auf dem Tennisplatz zu verbringen, meist mit anderen jungen Herren aus den Pötzleinsdorfer Villen, darunter Erich Winterstein, über den meine Großmutter wohl die Familie Akif kennengelernt hat. Kein Wunder also, dass das Wiener Sportblatt in der Rubrik Tennis am 24. Dezember 1937 berichtet: »Zwei neue Doktoren verzeichnet der Wiener Tennissport, wenn auch die Promotionen zwei Ausländer betreffen. Unser sympathischer türkischer Kamerad und Erich Maria Hirth, der jugoslawischer Staatsbürger ist, haben ihre Studien beendigt und wurden vor kurzem zu Doktoren der Handelswissenschaften promoviert. Den beiden jungen Doktoren, die wieder einmal gezeigt haben, daß man ein tüchtiger Sportler und ebenso tüchtiger Arbeiter sein kann, unsere herzlichsten Glückwünsche. Dr. Akif wird übrigens in der nächsten Zeit Wien verlassen, weil er in seiner Heimat seiner Militärdienstpflicht Genüge leisten muß.«

Doch woher kommt die Familie Akif? Die Recherche erweist sich zunächst als etwas unergiebig, doch dann eröffnet sich eine unerwartete Welt: Saloniki. Eine faszinierende Stadt an der Schwelle zwischen französischem Esprit und ottomanischer Tradition. Ein moderner Hafen ermöglicht den Handel mit Wolle, Tabak und vielem mehr und lässt die Wirtschaft der Stadt wachsen und gedeihen. Die Bevölkerung ist international und bringt das Flair der weiten Welt an Kaffeehaustische, in geräumige Villen und Unternehmenszentralen. Islamische Architektur verbindet sich mit westlichen Stilelementen, traditionelle Kleidung mit aktueller Mode.

Eine weitere Spur führt mich mitten hinein in die spannende und etwas geheimnisvolle Geschichte einer Bevölkerungsgruppe, der sogenannten Dönmes. Drei große Familienclans prägen diese Gruppe, deren Entstehungsgeschichte kurios anmutet: Schabbtai Zvi, ein jüdischer Gelehrter, ernennt sich selbst im 17. Jahrhundert zum Messias und kann einige Gefolgsleute für diesen Gedanken gewinnen. Von Smyrna zieht er nach Jerusalem und letztendlich nach Konstantinopel, wo ihn der Sultan jedoch verhaften lässt und ihn mit Druck dazu zwingt, zum Islam zu konvertieren. Das passiert im Jahr 1666 – und mit Zvi konvertieren auch seine Anhänger. Sie gelten nun als Muslime, bleiben aber ausschließlich unter sich, haben eigene Moscheen und einen speziellen Ritus. Kein Wunder, dass diese sehr abgeschlossene Lebensweise den besten Nährboden für Verschwörungstheorien bietet.

Die Dönmes zieht es nach Saloniki, eine Stadt mit mehrheitlich jüdischer Bevölkerung, die zumeist aus Spanien hierher geflüchtet ist. Jede Bevölkerungsgruppe bewohnt einen abgegrenzten Stadtteil, doch geschäftlich treffen einander alle – Juden, Muslime, Christen und eben Dönmes.

Ihre Werte spiegeln sehr stark die liberalen, weltoffenen Strömungen der westlichen Welt wider, aber auch der jungtürkischen Bewegung des Atatürk. Um diese Ansichten weiterzugeben, begründen die Dönmes Anfang des 20. Jahrhunderts eigene Schulen. Deren Erziehungsmethoden ähneln den modernen, aufgeklärten Konzepten in Europa um diese Zeit: Spiritus Rector ist Şemsi Efendi, der großen Anfeindungen ausgesetzt ist – denn die Kinder dürfen spielen und werden zum Turnen angehalten. Seine Schule wird überfallen und verwüstet – vor allem die Schultafel wird zum Hassobjekt, denn sie gilt den Fanatikern als Inbegriff der Liberalität.1

Trotzdem gilt Efendis Schule als Vorbild für andere, zum Beispiel für die Terraki-Schule der Familie Kapanci, gegründet 1879 von drei Brüdern Kapanci und Hasan Akif. Die wichtigsten Persönlichkeiten der Stadt betreiben dieses Bildungsinstitut, darunter Händler, Bankiers, Freiberufler und Beamte. Erstmals wird es auch Mädchen ermöglicht, eine Schule zu besuchen. Hasan Akif setzt sich sehr für die Schule ein – seine sechs Töchter zählen zu den Schülerinnen, ebenso seine Enkelin. Die Mädchen bekommen die bestmögliche Erziehung ihrer Zeit. Hasans Tochter Emine und Sohn Hüsnü wirken auch als Lehrer.2

Die Schule wächst, 1907 besteht sie bereits aus drei Gebäuden, einem Internat sowie je einer Schule für Buben und Mädchen. Unterrichtet wird neben den klassischen Fächern und Religion vor allem Französisch, um wirtschaftliche Kontakte nach Mitteleuropa zu erleichtern. In Kombination mit Buchhaltung, Wirtschaft und Rechnungswesen, aber auch Wirtschaftsrecht und korrekter Geschäftskorrespondenz wird eine neue Generation bestens ausgebildeter junger Menschen in die Welt geschickt. 1908 wird eine eigene Mädchen-Wirtschaftsschule gegründet – sie bietet dieselbe Ausbildung wie für die Buben.

Eine neue Schule für aufgeklärte und moderne türkische Bürger – so lautet das Konzept, das auch in Wien ein Pendant hat: Die Schule der Eugenie Schwarzwald. Der Lehrplan zeigt viele ähnliche Facetten, appelliert an das eigenständige Denken von Lehrern und Schülern, legt Wert auf Bewegung – die damals so moderne »schwedische Gymnastik« wird in Wien genauso wie in Saloniki unterrichtet. Hinter diesem Begriff verbirgt sich eine Mischung aus Geräteturnen und Heilgymnastik mit dem Ziel, den Körper zu stärken und gegen Krankheiten widerstandsfähig zu machen. Heute etwas ganz Selbstverständliches, doch Anfang des 20. Jahrhunderts kann diese Art der Bewegung als revolutionär angesehen werden, steht sie doch auch Mädchen und Frauen offen. Die Forderung nach einer täglichen Turnstunde in der Schule hat es schon vor mehr als 100 Jahren gegeben – und damals setzt man diese auch ganz selbstverständlich um.

Es geht überhaupt um den Zusammenhalt, um gemeinsame Werte und Moralvorstellungen, um Eigenschaften wie Selbstkontrolle, Geduld, Disziplin und Respekt. Diese Ideen werden den Schülern und Schülerinnen vermittelt und geben ihnen eine gute Basis für ihr Leben mit auf den Weg. Ein Weg, der viele nach Mitteleuropa führt. Nationalismus hat in diesem Denken keinen Platz, eine liberale, weltoffene Sicht der Dinge steht im Vordergrund. Kein Wunder, dass sich Meszureh und ihr Bruder Hasan in diesen liberalen Wiener Kreisen bewegen und auch wohlfühlen – die Werte sind gleich, Religion spielt keine Rolle.

Ihr Großvater Hasan Akif zählt zu den größten Tabakhändlern, sein Unternehmen beliefert nicht nur Europa, sondern auch Nordamerika. Außerdem besitzt seine Familie in Saloniki das Kaffeehaus des Hotels Olympos und das Hotel Izmir.3

Er begründet eine Zigarettenfabrik in München. Als er im Jahr 1917 stirbt, machen es die Kriegswirren unmöglich, dass er in seiner Heimat Saloniki beigesetzt wird. Doch so bleibt ihm auch erspart, das Ende der Blütezeit Salonikis zu erleben: Die Verträge von Lausanne aus dem Jahre 1923 besagen, dass Griechenland und die Türkei die jeweils anderen Bürger austauschen – die Türken müssen also Saloniki verlassen ebenso wie die Griechen die Türkei. Ein Umstand, der heutzutage in Mitteleuropa kaum mehr bekannt ist, aber mehreren 100 000 Menschen die Heimat genommen hat.

Was passiert mit den Dönmes in Saloniki? Der österreichische Diplomat Theodor Ippen schreibt in der Neuen Freien Presse am 18. Oktober 1923: »Endlich müssen hier auch die 20 000 Dönme (zum Islam bekehrte Juden) aus Saloniki erwähnt werden: dieselben werden der Türkei ein wertvolles Material für Beamte und für den Handel bieten: der bedeutendste Finanzmann der Türkei, Dschawid Bey, ist ein Dönme, er war Führer der Jungtürken, dann Finanzminister im jungtürkischen Kabinett 1913 bis 1918 und ist jetzt Kommissär der türkischen Regierung im Konseil der internationalen Staatsschuldenverwaltung. Mit Interesse kann man auch entgegensehen, ob die 80 000 spanischen Juden in Saloniki sich der Auswanderung in die Türkei anschließen werden; ihr Verhältnis zur griechischen Bevölkerung ist kein gutes, sollten sie nach Smyrna und Konstantinopel auswandern, so werden sie dort bald den Handel den dortigen Griechen strittig machen.«

Hasan Akifs Sohn Nuri muss daher in Saloniki sein Vermögen anmelden, wird im Zuge dessen enteignet und verliert seine Villa – von Wien aus versucht er, eine Entschädigung zu erhalten.4 Wenige Jahre später werden die Nationalsozialisten in Deutschland und Österreich ähnlich vorgehen. Nuri lebt ab 1923 mit seiner Frau und seinen Kindern in Pötzleinsdorf. Seine Tochter Meszureh, die Freundin meiner Großmutter, heiratet 1935 Giorgio Minas, der im Nachbarhaus meiner Großmutter in der Alser Straße aufgewachsen ist – ein großer Freundeskreis. Sie übersiedeln nach Lugano und leben schließlich in Genua. Die Eltern Nuri und Ikbal verlassen Wien am 22. August 1939 und gehen nach Istanbul – in Wien zu bleiben erscheint ihnen wohl zu riskant, obwohl sie Muslime sind. Die Nazi-Postillen hetzen gegen Dönmes und stellen krause Verschwörungstheorien auf, in denen alle Dönmes zugleich auch Freimaurer und somit Feinde seien – keine Atmosphäre, in der man gerne lebt. Die Kinder sind im Ausland, alle Freunde rundherum in Angst und Schrecken, verhaftet, ermordet oder geflohen.

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Villa Akif und ein Salettl als Relikt vergangener Zeiten

Meszurehs Mutter Ikbal stirbt 1940 in Istanbul, ihr Nachlass wird durch die Behörden ordnungsgemäß abgewickelt, ohne die sonst üblichen Schikanen.5 Ihr Anteil an der Villa gehört nun ihren Kindern, die jedoch nie mehr dorthin zurückkehren.

2 »Friendships totally mixed …« Familie Broch

Pötzleinsdorfer Straße 50, später 33

Am 16. März 1938 sind die 64-jährige Laura Broch, ihre betagte Mutter Cäcilie und ihr Sohn Erich zu Hause in der Pötzleinsdorfer Straße 33. Rund um sie tobt bereits der entfesselte Nazi-Sturm, um 10 Uhr trifft er auch sie: Revierinspektor Josef Watzlawek vom Polizeikommissariat Währing erscheint und beschlagnahmt im Namen der SA folgendes Bargeld: »20 727 Goldschillinge, 7170 französische Francs, 670 Schweizer Franken, 280 Dollar, 30 Rubel, 120 Leva, 80 Reichsmark, 35 holl. Gulden, 462 Goldkronen.«6

Das Beschlagnahmungsprotokoll existiert, die »Zeit der Amtshandlung« wird mit 10 Uhr exakt angegeben, als Zeuge fungiert Lauras Sohn Erich. Neben dem Geld und Schmuck werden auch Lauras Reisepass und sechs nicht näher definierte Schlüssel beschlagnahmt. Das Protokoll ist penibel und listet jede Anleihe, jedes Sparbuch, auch »Mappen mit diversen Belegen für Steuer«, jede einzelne Goldmünze und mehrere Silbermünzen auf. Diese »befinden sich in einem blau-weiß gestreiften Säckchen«, wird ebenfalls vermerkt. »Diverser Schmuck in einer braunen versiegelten Ledertasche« zählt ebenso zur Beute. Dabei stellt sich die Frage, wieso ein Revierinspektor solche Detailkenntnis von Edelsteinen hat, finden sich auf der Liste doch ein Goldring mit Solitär, eine antike Brosche, eine weißgoldene Damenarmbanduhr mit Brillantsplittern besetzt – insgesamt 27 verschiedene Schmuckstücke.7

Die »Amtshandlung« muss wohl länger gedauert haben, denn die Liste ist lang und genau. Im Zuge dessen wird Laura inhaftiert und in die Elisabethpromenade gebracht, das polizeiliche Untersuchungsgefängnis, heute Rossauer Lände. Hier bleibt sie bis zum 16. Juni eingesperrt – zeitgleich mit Robert Winterstein, der aus der Pötzleinsdorfer Straße 123 abtransportiert wird (siehe Kapitel 31).

Lauras 84-jährige Mutter Cäcilie bleibt zurück – wer sich wohl um sie kümmert? Sie stirbt am 4. Juni, vier Tage später wird sie im Grab ihres Mannes Julius auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt – ihre Tochter befindet sich noch immer in Haft. »Grandmother died a lonely and miserably death while my mother, her daughter, was at the Landesgericht-prison«, schreibt die Enkelin später.8

Lauras Tochter Edith verlässt Österreich gemeinsam mit ihrem Verlobten Arthur Weisz bereits am 11. März – Arthur hat genau eine Woche zuvor sein Medizinstudium beendet und sieht hier keinerlei Zukunft. Über die Schweiz gelangen sie über Frankreich nach England und reisen von Southampton mit der »Normandie« nach New York, wo sie am 29. März 1938 ankommen. Am 13. April heiraten sie in New York, als nun Staatenlose lassen sie sich »first class papers« ausstellen und reisen im Sommer 1938 und 1939 zurück nach Europa, um von der Schweiz aus ihren Familien zur Flucht zu verhelfen. Was für eine mutige und erstaunliche Geschichte!

Laura erreicht New York am 8. Jänner 1941 von Lissabon aus.

Erhalten sind die Informationen im Leo Baeck Institute New York, hier befindet sich Ediths Nachlass. Dieser gewährt Einblicke in ihr unbeschwertes Leben in Wien. Sie erzählt von ihrer Kindheit in der schönen Villa im dritten Bezirk und den Sommern in Pötzleinsdorf, umgeben von vielen Freunden, bei denen Religion keinerlei Rolle spielt. »No problems with neighbours, friendships totally mixed«, schreibt Edith in einem Fragebogen für die Austrian Heritage Collection des Leo Baeck Institutes9 – ein Hinweis auf das typische Leben des liberalen Wiener Bürgertums. Die Eltern gehen nur an hohen Feiertagen in die Synagoge, die Großmutter hingegen nimmt die Religion sehr ernst – auch dies eine ganz typische Entwicklung von einer Generation zur nächsten.

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Verlobung von Laura und Philipp Broch, 1898

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Familie Broch beim Eislaufen

Bereits 1920 erwerben die Eltern Philipp und Laura Broch das Haus Pötzleinsdorfer Straße 50. Philipp Broch ist ein bedeutender Bankier, seine Karriere hat in der Böhmischen Unionbank im mährischen Jägerndorf begonnen – dort hat auch ein gewisser Alois Lemberger eine Niederlassung (siehe Kapitel 10). Später leitet Philipp die neu eröffnete Filiale in Linz und bemüht sich um die kommerzielle Erschließung der Alpenländer – dort sind Bankfilialen um die Jahrhundertwende noch eine Seltenheit.

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Die Villa in Pötzleinsdorf existiert heute nicht mehr.

1906 wird er mit nur 24 Jahren Direktor der Verkehrsbank in Wien. In kürzester Zeit baut er das Filialnetz aus und macht die eher kleine Bank zur Großbank, indem er wichtige Industrien an sein Haus bindet und gleichzeitig internationale Verbindungen knüpft. Sein besonderes Interesse gilt der finanziellen Entwicklung Bulgariens – dies schlägt sich im königlich-bulgarischen Alexander- Orden mit dem Stern nieder. Und auch seine Frau Laura erhält 1916 eine Auszeichnung: den nationalen Zivilverdienstorden 2. Klasse für Damen.

Doch nicht nur Bulgarien zieht Brochs Interesse auf sich, sondern auch der österreichische Tourismus: Philipp empfiehlt, das Hotelwesen zu modernisieren, die Alpenstraßen auszubauen und dadurch den Fremdenverkehr zu intensivieren. Er weiß, wovon er spricht, verbringt er doch viele Sommer in St. Gilgen und Strobl am Wolfgangsee und erwirbt so genauen Einblick in die Zustände der Sommerfrische.10

1922 wird Philipp Broch zum Vizepräsidenten der Verkehrsbank gewählt. »Damit wird eine Respektverbeugung vor einem der wertvollsten Menschen der Wiener Finanzwelt gemacht, dessen rastloser, sachlicher und hingebungsvoller Arbeit die Verkehrsbank einen Großteil ihres Aufstieges der letzten Jahre verdankt.« Und auch in den schwierigen Jahren des Ersten Weltkrieges »wußte Philipp Broch das Gestern mit dem Morgen durch ein bedächtiges Heute zu verknüpfen«. Den Schwierigkeiten nach dem Zusammenbruch der Monarchie und dem Verlust des Wirtschaftsraumes begegnet Philipp mit Weitblick: Er umgibt die Verkehrsbank »mit einem mächtigen Industriekonzern österreichischer Herkunft, wodurch sich ihr neue, hoffnungsvolle Aufgaben erschlossen. Die letzte Bilanz der Verkehrsbank war ein hohes Lied der praktischen, pflichtbewußten Arbeit, einer Arbeit, die im In- und Ausland volle Anerkennung fand.«11

1925 zieht sich Philipp Broch von all seinen Funktionen zurück. Er stirbt am 20. Oktober 1936. 1931 haben er und Laura das Haus in der Pötzleinsdorfer Straße 50 verkauft, doch erwirbt Laura am 22. März 1937, nur wenige Monate nach dem Tod ihres Mannes, das Haus Pötzleinsdorfer Straße 33 von der Witwe Artur Lembergers.

Von ihrem Mann erbt Laura eine umfangreiche Kunstsammlung und diverse Aktien – ihr Vermögen wird auf eine Million Reichsmark geschätzt. In der Vermögensanmeldung macht Laura folgende Angaben: »Villa in Pötzleinsdorf: RM 73 000, Kapitalvermögen: RM 535 000, Barvermögen, Spareinlagen: RM 69 000, Kunstgegenstände: RM 20 000, Schulden: RM 60 000«. Diese ersten Angaben werden jedoch später abgeändert und ergeben am Ende ein Gesamtvermögen von 1 233 084 Reichsmark. Abzüglich der Schulden bleibt eine Summe von 994 352 Reichsmark – und davon gehen 25 Prozent Reichsfluchtsteuer an den Staat: 248 563 Reichsmark. Ein gutes Geschäft, diese Enteignungen.

Von den am 12. Juli 1938 geschätzten Gemälden stechen einige ins Auge: Isidor Kaufmanns Porträt eines alten Rabbiners und ein zweites einer betenden Jüdin, Max von Gabriels Herbstreigen und Franz Xaver Lampis Damen- und Herrenporträt. Auch diverse Silbergegenstände und Besteck sind von bedeutendem Wert.

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Abschluss der Vermögensanmeldung von Laura Broch

Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis im Juni 1938 bleibt Laura noch einige Monate in Wien – ganz allein. Ihre Tochter und ihr Sohn sind auf dem Weg nach Amerika, ihre Mutter ist tot. Laura lebt in der Pension Zenz in der Alser Straße, denn ihre schöne Villa bewohnt längst jemand anderer. Per Mietvertrag vom 10. September 1939 zieht Direktor Wilhelm Bauernfeld in die Villa, abgewickelt werden die Geschäfte durch Lauras Verwalter, die Rechtsanwälte Dr. Ernst und Dr. Herbert Gödl.

Am 24. März 1939 gelingt ihr die Ausreise nach Genf, wo sie im Sommer mit ihrer Tochter Edith zusammentreffen kann. Von dort gelangt sie mühevoll nach Lissabon und kommt am 8. Jänner 1941 auf der SS Carvalho Araujo nach New York zu ihren Kindern. Ihre Möbel werden ihr nicht nachgeschickt: Am 18. Oktober 1941 beschlagnahmt die Gestapo »5 Möbelwagenmeter Umzugsgut« und notiert Versteigerungserlöse in der Höhe von 12 908,13 Reichsmark.12 Am 25. November 1941 beschlagnahmt das Deutsche Reich auch die Villa.

Laura stirbt am 4. Mai 1945 in New York – ihr Nachlass wird in Wien abgewickelt.

Die Pötzleinsdorfer Villa wird Lauras Kindern Edith und Erich im Jahr 1948 zurückgestellt, 1956 verkaufen sie das Haus. Die Rückstellung des umfangreichen Aktienbesitzes dauert, die Korrespondenz mit den Behörden in Wien und Berlin und diversen Bankhäusern zieht sich lange hin, Konten werden nicht gefunden, Aktienkurse müssen neu berechnet werden. So schreibt Ediths Anwältin am 15. November 1967 an die Creditanstalt und nimmt Bezug auf das Protokoll, das fast 30 Jahre zuvor der Revierinspektor in der Pötzleinsdorfer Villa verfasst hat: »Aus der uns vorliegenden Niederschrift des Polizeikommissariates Währing von 16.3.1938 geht hervor, dass zwei Sparbücher Ihres Institutes, und zwar No 3.031 und 3.451, lautend auf Laura Broch, beschlagnahmt wurden. Wir ersuchen Sie höflichst uns mitzuteilen, welchen Kontostand die Bücher zum damaligen Zeitpunkt hatten und wer die Einlage behoben hat.«13 Zeitgleich geht wohl auch ein gleichlautender Brief an die Österreichische Länderbank, denn diese antwortet am 17. November 1967: »Zu Ihrem Schreiben vom 15. ds. teilen wir mit, daß der Name Laura Broch in unserer allerdings nur mehr lückenhaft vorhandenen Kartei über die von der Gestapo eingezogenen Sparbücher nicht aufscheint.« Die Sparbücher sind zwar nicht auffindbar, sehr wohl jedoch die Korrespondenz mit der Gestapo: »Wir haben bereits im Juni 1938 auf eine Anfrage der Gestapo mitgeteilt, daß wir ein Sparbuch auf den Namen Laura Broch nicht feststellen können.«14

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Das Grab der Familie Broch am Wiener Zentralfriedhof, 1. Tor. Daneben noch heute sichtbare Trümmer der von Bomben getroffenen Gräber.

Lauras Tochter Edith Weisz-Broch lässt sich nicht entmutigen, sogar nach dem Tod ihres Wiener Rechtsanwaltes bemüht sie sich, ohne juristische Unterstützung zu einer Einigung zu kommen. Diese erfolgt 1976 – 38 Jahre nach der Enteignung.

3 »… eine mit fürstlichem Luxus ausgestattete Villa«. Familie Regenstreif

Pötzleinsdorfer Straße 36–40

Der Villa Regenstreif wohnte ein ganz besonderer Zauber inne. Schon ihre außergewöhnliche Größe und Lage gab ihr etwas Singuläres in der Pötzleinsdorfer Villenlandschaft. Allein: Sie steht heute nicht mehr, lange Zeit lebte sie nur noch in der kollektiven Erinnerung. Dies änderte sich jedoch vor einigen Jahren, denn Yvonne Illich, eine Regenstreif-Nachkommin, kam nach Wien. Im Gepäck hatte sie alte Filme, die ihre Großmutter Ellen gedreht hatte. Ein Blick in ein idyllisches Familienleben: spielende Buben im Garten, im Swimmingpool, gemeinsam mit den Großeltern, bei der Erstkommunion in der Piaristenkirche. Dann ändert sich die Stimmung: Marschierende Hitlerjugend in Pötzleinsdorf kommt ins Bild und schließlich ein Umzugswagen. Auf dem hinteren Trittbrett stehen die Buben und winken zum Abschied. Es ist das Jahr 1942.

Die Familie verlässt nach fast 30 Jahren Pötzleinsdorf, die Villa, den Garten, die Heimat. Blenden wir zurück ins Jahr 1913. Der Industrielle Fritz Regenstreif erwirbt ein großes Grundstück in der Pötzleinsdorfer Straße 36–40, das bis zur Starkfriedgasse 13–15 hinaufreicht – ein ausgedehnter Hang mit genügend Platz für eine prachtvolle Villa.

Im Jahr 1898 heiratet er Johanna Ortlieb, die Tochter des Holzindustriellen Louis Ortlieb aus München.15 Der Schwiegervater erkennt die günstige Lage von Wien als Fenster zum Balkan. Von hier aus lassen sich hervorragend Geschäfte machen: Im Jahr 1900 gründet Louis Ortlieb mit dem Wiener Holzunternehmen J. Eissler und Brüder die Firma Bosnische Forstindustrie Eissler und Ortlieb. Der Firmensitz ist in Zavidovic, einer Stadt, die aufgrund der Holzindustrie rasch wächst und sich zu einem Industriezentrum entwickelt. 1878 hatte die Habsburgermonarchie Bosnien und Herzegowina okkupiert und die Infrastruktur ausgebaut: Straßen und Eisenbahnen ermöglichen vor allem der Industrie einfachere und raschere Transportwege und somit bessere Rahmenbedingungen, um neue Unternehmen aufzubauen. Gerade die enormen Holzvorräte haben eine große Anziehungskraft. Die Firma J. Eissler und Brüder in Wien hat schon länger Erfahrung, bereits der Vater Bernhard hat einen umfangreichen Holzhandel aufgebaut, den die Söhne weiterführen und ausbauen.

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Ellen Illich-Regenstreif mit ihren Söhnen auf der Terrasse der Villa, 1937/38