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Walter Rauscher

Charleston, Jazz & Billionen

WALTER RAUSCHER

Charleston, Jazz & Billionen

Europa in den verrückten Zwanzigerjahren

Mit 31 Abbildungen

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© 2020 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Valence

Lektorat: Martin Bruny

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 10,75/15 pt Cambria

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-146-7

eISBN 978-3-903217-48-5

Inhalt

Prolog: Ein Jahrzehnt findet sein Genie

Auf der Suche nach einer neuen Weltordnung

Europa 1918/19

Woodrow Wilson – der neue Messias

Die Pariser Friedenskonferenz

Die österreichische Delegation in Saint-Germain

Versailles

Österreichs erster Staatsvertrag

Trianon

Zum Scheitern verurteilt?

»Ça, c’est Paris!«

Die gelobte Stadt

Mistinguett und Josephine Baker

Hemingways erste Zeit in Paris

Literatinnen und ihre Zirkel

Joyce, Fitzgerald und andere

Dada und Surrealismus an der Seine

Picasso

Ein Fest fürs Leben

Eine Billion Mark

Die Hyperinflation in Österreich

Seipels Rettungsaktion

Trügerische Konjunktur und Ruhrkrise

Die Hyperinflation im Deutschen Reich

Stresemann und das »Wunder der Rentenmark«

Eine ruhelose Gesellschaft

Eine Welt in Bewegung

Die Emanzipation der Frau

Die Frau und die neue Mode

Kino und Film

Das Nachtleben der Großstadt

Die neuen Tänze der Jazzära

Die »Neue Musik«

»Der Klassiker« – Richard Strauss

Der »große Klassiker der modernen Musik« – Maurice Ravel

»Klingende Mathematik« – Arnold Schönberg

Der »Strawinski-Rummel«

Prokofjew, Rachmaninow, Schostakowitsch

Berg, Webern, Bartók

Zwischen Provokation und Erfolg

Operette und Schlager

Jazz zwischen Kunst und Kommerz

Deutsche Sachlichkeit und österreichische Nostalgie

Die letzten wilden Jahre des Expressionismus

Neue Sachlichkeit

Das Bauhaus

Gegenbewegungen

Reigen

Rückbesinnung auf die »gute alte Zeit«

»Schneller, höher, weiter«

Der Atlantikflug

Die Olympischen Spiele

Englische Spektakel mit Tradition

»Helden der Landstraße«

Der Automobilsport

Das Spiel von Millionen

Europa in einem labilen Jahrzehnt

Die europäische Wirtschaft

Die drei großen Demokratien

Russland: Von Lenin zu Stalin

Der Faschismus in Italien

Die Krise der parlamentarischen Demokratie

Das neue Mitteleuropa

Der »Geist von Locarno« und ein Ende mit Schrecken

Literaturverzeichnis und Quellen

Bildnachweis

Der Autor

Personenregister

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Die Sensation des Radios in einer Londoner Bar

Prolog: Ein Jahrzehnt findet sein Genie

Mit dem Jahr 1920 begann nicht nur ein neues Dezennium, es schien auch ein neues Zeitalter anzubrechen. Dieses, so herrschte die allgemeine Sehnsucht vor, sollte ganz anders als die Zeit davor werden, eine Epoche des Aufbruchs, des Abschieds von alten Konventionen, der Hoffnung nach so viel Elend. Nach dem Alpdruck eines verheerenden Krieges, der Heimsuchung durch die Spanische Grippe, jahrelanger Versorgungsnot in einer Zeit von Revolutionen und gewaltiger gesellschaftlicher Umbrüche wollten die Menschen das Leben endlich wieder genießen – wenn möglich in vollen Zügen, ohne Zurückhaltung und Zensur. Ein Musikstil gab einer ganzen, wenn auch kurzen Epoche seinen Namen: der Jazz. Man spielte und hörte ihn, man tanzte ihn als Charleston, man lebte ihn. Zunächst sprach man noch von einem »Jazzrummel«, doch nicht zuletzt F. Scott Fitzgerald (Der große Gatsby) schrieb sodann von einer »Jazzära«. Mit Bezug auf die Weimarer Republik und in erster Linie Berlin nennt man diese Zeit auch die »Goldenen Zwanzigerjahre«, im Englisch-Amerikanischen die »Roaring Twenties«. In Frankreich schließlich wird dieses ganz besondere Dezennium vor allem auf Paris bezogen »les Années folles« bezeichnet – die verrückten Jahre.

Stefan Zweig meinte in dieser Zeit eine Rebellion der Jugend gegen das Althergebrachte zu erkennen. Der desaströse Krieg, die innenpolitische Unruhe nach der Weltkatastrophe und die allgemeine wirtschaftliche Krise diskreditierten die in die Jahre gekommene Generation der Elite, die letztlich für all die Misere verantwortlich war, in den Augen der jungen Menschen völlig. Die Jugend verlor, in Die Welt von Gestern anschaulich geschildert, den Respekt, legte ihre Autoritätsgläubigkeit ab und wollte von traditionellen Werten nichts mehr wissen. Es schien, als beabsichtigte sie, regelrecht Rache zu üben und ihre Elternwelt sooft wie möglich vor den Kopf zu stoßen. Von der Zukunft erwartete sich die junge Generation »eine vollkommen neue Welt, eine ganz andere Ordnung«. Es war die Zeit der Extreme, in der Politik, in der Kunst, im Lebensstil. Grenzen wurden ausgelotet und überschritten, die Provokation sollte alte Verkrustungen aufreißen. »Auf allen Gebieten begann eine Epoche wildesten Experimentierens, die alles Gewesene, Gewordene, Geleistete mit einem einzigen hitzigen Sprung überholen wollte«, erinnerte sich der österreichische Schriftsteller, der in jenen Jahren große Erfolge feierte.

Es war eine rastlose Zeit. In den Städten drängten sich die Menschen auf den Straßen und Plätzen, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, auf dem Weg zum Arbeitsplatz oder am Wochenende überall dort, wo es Vergnügungen, Rummel gab. Massenveranstaltungen standen hoch im Kurs. Es regierte die noch durch die Medien befeuerte große Neugier, sodass sogar die Rolltreppen in Kaufhäusern als Novität ein interessiertes Publikum fanden. Maschinen faszinierten, innovative Technologie begeisterte. Der Glaube an den Fortschritt war im Zeitalter der Massenproduktion nicht zuletzt aufgrund der zunehmend stärker einsetzenden Werbung bei vielen ungebrochen.

Das Leben bot Verlockungen aller Art, und es wurde freizügiger. Es kam zu einer regelrechten Revolution der Moral und des sozialen Verhaltens, zu einer Erosion der Traditionen. Die Städter benahmen sich ungezwungener als in der alten Zeit. Die Kleider und Röcke der Frauen wurden nicht nur kürzer, in der Kunst und in der Unterhaltung war nun sogar viel nackte Haut zu sehen. Illustrierte brachten beinahe in jeder Ausgabe Nacktfotos von Tänzerinnen und Nachwuchskünstlerinnen, von turnenden oder badenden jungen Frauen. »Wir genieren uns nicht«, »Die Mode der Nacktheit« oder »Die gut ausgezogene Frau« betitelten selbst Kulturmagazine jene Abbildungen eines neuen, mutigeren und gar nicht mehr prüden Lebensstils. Dass es allein in Berlin 50 reine »Damen-Klubs« gab, gehörte zum modernen Selbstverständnis der urbanen Welt dazu. Dass entlassene Offiziere und vor der Revolution geflüchtete russische Aristokraten in Frack oder Smoking mit streng zurückfrisiertem, pomadisiertem Haar als Gigolos in Tanzpalästen ihr Auskommen suchten, zeigte wiederum, dass die gelockerten Sitten zuweilen mit wirtschaftlicher Not einhergingen.

Die laute, schrille, wilde Zeit war zudem ein Phänomen der Großstadt. Diese war schließlich auch das Zentrum des Massenkonsums. Auf dem Lande, in den Dörfern und kleineren Provinzstädten verlief das Leben unter den Vorgaben einer oft autoritären Kirche, dem Druck der einer alten strengen Tradition verbundenen Gesellschaft und als Folge eines entbehrungsreichen Alltags in der Landwirtschaft vollkommen anders. In der bescheidenen Nüchternheit einer lediglich auf den harten Broterwerb konzentrierten Existenz kannte man die Verrücktheiten der Jazzära höchstens vom Hörensagen. Hier ließ der Aufbruch in die Moderne noch lange auf sich warten. Selbst in der Stadt gab es naturgemäß große Unterschiede in der Lebensführung. Kleine Geschäftsleute, einfache Handwerker oder Arbeiterfamilien konnten sich die Ausschweifungen des Nachtlebens, den Erwerb eines Autos oder einen selbst noch so bescheidenen Urlaub außerhalb der eigenen vier Wände nicht leisten. Für sie standen das Auskommen mit dem wenigen, was man hatte, und die Sorge vor dem Abgleiten in die Armut im Vordergrund.

Darüber hinaus waren nicht alle Menschen den Neuerungen und dem Irrwitz des Jahrzehnts gegenüber aufgeschlossen. In seinem Roman Der Steppenwolf lässt Hermann Hesse seinen Protagonisten Harry Haller verächtlich über »die Menschen in den überfüllten Eisenbahnen und Hotels, in den überfüllten Cafés bei schwüler aufdringlicher Musik, in den Bars und Varietés der eleganten Luxusstädte« sinnieren. Dieser kann das Interesse für »diese Massenvergnügungen, diese amerikanischen«, nicht verstehen, nicht begreifen, was es zu suchen gab, »in den Weltausstellungen, auf den Korsos, in den Vorträgen für Bildungsdurstige, auf den großen Sportplätzen«.

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Howard Carter untersucht den Sarg des Pharaos Tutanchamun.

Die Zwanzigerjahre waren unter vielem anderen eben auch eine Ära der Sensationen, Dramen und Rekorde aller Art. Die Geschehnisse rund um die Entdeckung des altägyptischen Grabmals von Tutanchamun durch Howard Carter, das Erreichen bislang unvorstellbarer Geschwindigkeiten durch Fritz von Opel in einem Raketenauto oder die Weltumrundung Hugo Eckeners mit seinem Zeppelin waren nur drei Ereignisse dieser Dekade der Extreme und Spektakel, die die Welt in Atem hielten. Millionenfach besuchte Messen, große Sportveranstaltungen, der Erfolg von Kino, Schallplatte und neuerdings des Radios bewiesen, dass die Menschen in bis dahin unbekanntem Ausmaße informiert und unterhalten werden wollten.

Eine neue Zeit brauchte auch neue Gesichter: unverwechselbare, herausragende Persönlichkeiten, Helden, Idole. Und sie brauchte ein Genie. So konnte es geschehen, dass ein naturwissenschaftlicher Theoretiker, der als junger Forscher noch als Verlierer, ja als Schande für die Familie galt, der sogar von seinen Kollegen, die seine Erkenntnisse zunächst selbst nicht verstehen konnten, für verrückt gehalten worden war, dass aus einem Technischen Experten dritter Klasse, einem »ehrwürdigen eidgenössischen Tintenscheißer mit ordentlichem Gehalt« am Patentamt in Bern beinahe im wahrsten Sinne des Wortes eine Lichtgestalt menschlichen Geistes wurde: Am 10. Dezember 1922 erhielt Albert Einstein – in Abwesenheit – den Nobelpreis für Physik.

Schon seit Jahren hatte Einstein mit dem Erwerb der höchsten Auszeichnung, die ein Wissenschaftler für seine Arbeiten erhalten konnte, spekuliert. Doch innerhalb der Wissenschaft war man sich über die Richtigkeit und den Wert seiner Theorien keineswegs vollkommen einig. Einstein hatte eine Reihe namhafter Gegner, die seine Thesen bestritten und die Welt von deren Unhaltbarkeit zu überzeugen suchten. Nach jahrelangem Widerstand erhielt er 1922 den Nobelpreis auch nicht für seine Hauptarbeit, die Relativitätstheorie, sondern für die Entdeckung des Gesetzes der fotoelektrischen Wirkung. Diese datierte bereits aus seinem »Wunderjahr 1905« und wurde schließlich zur Basis der Quantenmechanik.

Wegen einer Vortragsreise nach Japan blieb es Einstein zu guter Letzt gar verwehrt, an der Preisverleihung am 10. Dezember 1922 in Stockholm teilzunehmen. Das Preisgeld überließ er Mileva Marić, seiner ersten Ehefrau, die seinerzeit für die Familie ihre Laufbahn als Physikerin aufgegeben hatte, und den beiden gemeinsamen Söhnen. Auf dem Weg zu internationaler Berühmtheit hatte er ihr dies voller Selbstvertrauen in seine weitere Karriere bereits bei der Scheidung Anfang 1919 versprochen. Einstein, ein Mann mit vielen Gesichtern, war allerdings weder ein mitfühlender Vater, noch ein treuer Ehemann.

Bereits zu Beginn der neuen Dekade galt der am 14. März 1879 in Ulm geborene, freiheitsliebende Revolutionär der Naturwissenschaften als »kosmische Berühmtheit«. Sein neuer Blick auf die Welt, seine intellektuelle Furchtlosigkeit, die sich in der Auflehnung gegen traditionelles Denken manifestierte, faszinierten die Öffentlichkeit. Seine umwälzenden Ideen machten ihn zum Liebling der Massen. Die Öffentlichkeit bewunderte diesen, wie sie meinte, genialen Kauz, der die Welt mit den Augen eines Kindes betrachtete, begeisterte sich für seinen Humor, seine Schlagfertigkeit, seine ungewöhnlich direkte Art.

Sein Äußeres trug unzweifelhaft mit dazu bei. Auf seine Zeitgenossen hinterließ er aufgrund seines unkonventionellen Erscheinungsbilds weniger den Eindruck eines trockenen, strengen Gelehrten als vielmehr den eines Künstlers oder Dichters. Auch wenn seine eigentlichen Forschungen für viele unbekannt blieben, attestierte man ihm allgemein eine unbestreitbare Aura des Genialen. Einstein erreichte Menschen, die sich für gewöhnlich nicht mit Physik beschäftigten. Seine Zuhörerschaft war bunt gemischt, wie beispielsweise ein Vortrag im bis auf den letzten Platz besetzten Großen Saal des Wiener Konzerthauses unter Beweis stellte: Zu Universitätsprofessoren gesellten sich in der österreichischen Hauptstadt weilende britische Offiziere, Bankdirektoren, Ärzte, Techniker, Studenten, und es fiel auf, dass das Publikum aus besonders vielen Frauen bestand.

Für seine Bewunderer führte Einsteins Relativitätstheorie die Welt an die höchsten Probleme menschlicher Philosophie heran, stellte physikalisch-mathematisch ein komplett anderes Lösungsmodell auf. Noch vor dem Ersten Weltkrieg hatte der Wahlschweizer am Patentamt in Bern, als Professor in Zürich, Prag und schließlich Berlin sowie als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik an der Preußischen Akademie der Wissenschaften unter seinem Mentor Max Planck nichts Geringeres als eine neue Theorie der Gravitation und des Universums entwickelt. Einstein brach dabei mit der traditionellen Lehrmeinung, wonach Zeit und Raum fest und unveränderlich wären. Er erkannte sie vielmehr als variable Größen des physikalischen Geschehens. Für seine Anhängerschaft bedeutete diese Erkenntnis einen gewaltigen Schritt für die Menschheit: »Wir stehen an einem Wendepunkt in der Geschichte des Menschengeistes. Die Zukunft wird Einsteins Theorie gehören«, hieß es in einem Zeitungskommentar. Der als das Genie des 20. Jahrhunderts schlechthin gefeierte Physiker sah seine Theorie freilich als logische Folge der Erkenntnisse seiner Vorgänger Galilei und Newton, nicht als Revolution. Dem Hype um die Quintessenz seiner Forschungsarbeit stand er distanziert gegenüber: »Über Relativität ist so viel geschrieben worden«, meinte er einmal. »Recht viel Gescheites, aber noch viel mehr Dummes.«

Vom wissenschaftlichen Standpunkt betrachtet lag für Einstein der eigentliche Wert seiner Theorie »in ihrer logischen Einfachheit«. Demnach gaben »einige wenige Prinzipien die Erklärung für viele komplizierte Vorgänge«. Aber selbst wenn bereits Taxifahrer angeregt über die Relativitätstheorie diskutierten, glaubten Einsteins Physikerkollegen keineswegs, dass gewöhnliche Menschen in der Lage wären, diese so schwierige Materie zu begreifen. Auch seine zweite Frau (und Cousine) Elsa ließ sie sich von ihm wiederholt erläutern. Mochte sie dabei die komplexen Zusammenhänge zunächst noch verstehen, musste sie jedoch schließlich zugeben, sie tags darauf wieder vergessen zu haben. Ihr Mann hielt seine Theorie als für gewöhnliche Menschen allerdings ohnehin uninteressant. Außerdem empfand sich Einstein für durchaus ungeeignet, seine Erkenntnisse einem breiteren Publikum allgemein verständlich zu vermitteln. Doch dies tat der Begeisterung keinen Abbruch. Er selbst vermochte die große Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht zu verstehen. »Es scheint mir, dass diese Tatsache wert ist, psychopathologisch untersucht zu werden.«

Offensichtlich gab es aber eine weit verbreitete Sehnsucht nach einem Genie, das die aus den Fugen geratene Welt neu erklärte. Die Gesellschaft war in nervöser Aufbruchsstimmung, und Einstein sollte ihr helfen, das Universum und seine Gesetze besser zu verstehen. Nachdem die alte Ordnung durch einen von ihr selbst verschuldeten Krieg abgewirtschaftet hatte, kam ein unkonventioneller Freigeist, der sich um traditionelle Vorstellungen nicht sorgte, gerade recht. Die Autoritäten eines überkommenen Zeitalters waren erschüttert, in Teilen Europas entmachtet, verjagt, in Russland regelrecht vernichtet sogar. Im Gegenzug erschien für eine neue Epoche eine echte geistige Autorität umso mehr willkommen.

Einstein galt wohl als der klügste Mensch der Welt. In jeder Metropole, die er mit seinem Besuch beehrte, wurde er bejubelt. So feierte er etwa auch in Paris Triumphe. »Alle Vorträge«, so hieß es während seines Aufenthalts in der französischen Hauptstadt Anfang April 1922, »trugen ihm Ovationen ein.« In New York erwarteten 50 000 Menschen seine Ankunft. Die Presse verfolgte ihn auf Schritt und Tritt. Einstein empfand Interviews jedoch als eine Art Striptease und versuchte, angesichts seiner wachsenden Popularität vergeblich, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Er wollte sich lieber seiner Arbeit widmen oder Violine spielen. »In meinem Leben spielt das künstlerisch Ahnungsvolle eine nicht geringe Rolle«, ließ der Wissenschaftsstar die Reportermeute nach seiner Überfahrt über den Atlantik wissen. »Daraus ist auch meine große Liebe für die Musik zu erklären.«

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Der Triumphzug eines Genies: Albert Einstein nimmt die Ovationen der Menge entgegen.

Für die öffentliche Meinung war Einstein der »Albertus Magnus moderner Wissenschaft«. In der allgemeinen Hysterie um seine Person wurde er bisweilen sogar als Seher und Prophet bezeichnet. Seine große Medienpräsenz und Beliebtheit trugen ihm vonseiten der Wissenschaft den Vorwurf ein, eines seriösen Forschers unwürdig, Reklame in eigener Sache zu machen. Dem Kult um seine Person standen daher auch Neid und Feindschaft gegenüber. Ernst Gehrcke war einer seiner prominentesten Gegner aus dem Bereich der Wissenschaft. Der deutsche Physiker verdammte die Relativitätstheorie als Massensuggestion und führte die große Popularität Einsteins lediglich auf das Betreiben der Presse zurück. Die extreme Rechte in Deutschland hetzte gegen ihn als Juden und Pazifisten. Ein Besuch in Moskau bescherte ihm gar den Ruf, Bolschewist zu sein, obwohl er sich eine Zeit lang auf dem Index der sowjetischen Geheimpolizei befunden hatte.

Tatsächlich war Einstein kein naiver oder weltfremder Wissenschaftler, sondern ein politischer Mensch, mit Sympathien für den Sozialismus und mit zum Teil subversiven Zügen. Seit jeher hatte er sich gegen Autoritäten aufgelehnt, Militarismus und Krieg verabscheut. Vom allgemein vorherrschenden Nationalismus dieser Zeit ließ er sich nicht anstecken. Im Alter von 16 Jahren hatte er bei seinem Wechsel in die Schweiz seinen deutschen Pass zurückgegeben. Als nichtgläubiger Jude unterstützte er später den Zionismus, war er Mitbegründer der Hebräischen Universität in Jerusalem und beobachtete den wachsenden Antisemitismus in Berlin gegenüber den aus Osteuropa eingewanderten Juden mit wachsendem Unbehagen. Sowohl sein politischer Hintergrund als auch seine Stellung als jüdischer Wissenschaftler von Weltruf trugen ihm den Hass der Völkischen ein. So war er auf der Attentatsliste jener rechtsradikaler Kreise zu finden, die 1922 den liberalen Reichsaußenminister Walther Rathenau, einen Hoffnungsträger der Weimarer Republik, ermordeten.

Auch unter den bürgerlichen Rechtskonservativen hatte Einstein nicht allzu viele Freunde. Als die Stadt Berlin ihm, der bislang in Schöneberg lebte, 1929 zu seinem 50. Geburtstag ein Haus schenken wollte, löste dies heftige Diskussionen aus. Einstein entschied sich daraufhin, sich aus eigenen Mitteln in Caputh an den Havelseen ein bescheidenes Holzhäuschen direkt am Wasser bauen zu lassen. Die brandenburgische Idylle sollte sodann bis zur Machtergreifung Hitlers nicht nur Domizil, sondern auch Arbeitsplatz jenes Mannes sein, den die zur Verrücktheit neigende gesellschaftliche Stimmung der Zwanzigerjahre zum Jahrhundertwissenschaftler, ja zum Fixstern der Forschung auserkoren hatte.

Natürlich lebten und arbeiteten zu jener Zeit noch eine stattliche Anzahl anderer Koryphäen der Wissenschaft: im Bereich der Physik die Deutschen Max Planck und Werner Heisenberg sowie der Däne Niels Bohr, die wie beispielsweise die Österreicher Fritz Pregl, Richard Zsigmondy (beide Chemie) und Karl Landsteiner (Medizin) für ihre bahnbrechenden Forschungsergebnisse ebenfalls den Nobelpreis erhielten. 1923 wurde wiederum dem kanadischen Chirurgen und Physiologen Frederick Banting für die Entdeckung des Insulins diese Ehre zuteil. Zu einem Idol der Massen, zur Ikone geistiger Leistungsfähigkeit stilisiert, wurde jedoch bloß jener so oft porträtierte Mann, der für die Verrücktheit der Menschen stets ein spitzbübisches Lächeln übrig hatte.

Auf der Suche nach einer neuen Weltordnung

Europa 1918/19

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges musste die politische Landkarte Europas neu gezeichnet werden. Die drei großen Kaiserreiche existierten nicht mehr. In Russland wurden die 300 Jahre lang herrschenden Romanows gestürzt und die Zarenfamilie ermordet. Im Zuge von Revolution und Bürgerkrieg gingen in dem Riesenreich massive Umwälzungen vor sich, Nationen spalteten sich ab und gründeten unabhängige Staatswesen. Unter der Gewaltherrschaft von Lenins Bolschewiki galt der größte Staat der Erde mittlerweile als die massivste Bedrohung der zivilisierten Welt. Deutschland wiederum, die bedeutendste Militärmacht Europas, hatte letzten Endes den Krieg doch verloren, die Monarchie unter den seit 1871 als Deutsche Kaiser regierenden Hohenzollern abgeschüttelt und sich in eine demokratische Republik umgewandelt. Doch in einer Zeit, wo kein Stein auf dem anderen blieb, war auch diese durch einen kommunistischen Umsturz ernsthaft bedroht. Das dritte Kaisertum mit der ältesten Dynastie Europas, das Habsburgerreich, war nicht nur besiegt, es hatte nach der Gründung seiner Nachfolgestaaten überhaupt aufgehört zu bestehen. Die zentrifugalen nationalen Kräfte hatten sich für die Stützen der Monarchie als zu stark erwiesen. Neue, unabhängige Staatswesen wurden gegründet, Nachbarn des aufgelösten Österreich-Ungarns erhielten Gebietszuwächse.

So besaß Europa nach dem Krieg mehr staatliche Einheiten als bei dessen Ausbruch: Zur Tschechoslowakei und Polen kamen im Nordosten an der Baltischen See Finnland, Estland, Lettland, Litauen hinzu, die sich von Russland losgesagt hatten. Das neu gegründete Jugoslawien vereinigte nicht bloß Teile der zerschlagenen Habsburgermonarchie, sondern mit Serbien und Montenegro auch zwei bereits vor dem Weltkrieg existierende Staatswesen.

Zu Beginn des Jahres 1919 war der Große Krieg seit knapp zwei Monaten zu Ende. Trotz des Waffenstillstandes war unter den Völkern Europas aber keineswegs überall Friede eingekehrt. Gebietsstreitigkeiten führten in der Mitte und im Osten des Kontinents zu verschiedenen militärischen Kampfhandlungen. Deutsche, Polen, Russen, Ukrainer, Tschechen und Slowaken, Ungarn, Rumänen, Italiener, Südslawen und Österreicher waren daran beteiligt. Nach Russland drohte nun auch in Deutschland die kommunistische Revolution. In Berlin herrschten Mitte Jänner bürgerkriegsähnliche Zustände, die sich in weiterer Folge auf die ganze junge Republik ausdehnten. Nachdem an den Fronten endlich die Waffen schwiegen, wurde Europa von Streiks, Krawallen, Plünderungen, Besetzungen, ja selbst Pogromen und politischen Attentaten heimgesucht.

Das Elend schien noch immer kein Ende zu nehmen. Doch nicht nur Gewalt bedrohte die Menschen. Weltweit grassierte die Spanische Grippe, eine verheerende Pandemie, die sogar mehr Opfer als der Weltkrieg forderte. Eine Metropole im Herzen Europas wie Wien, die ehemalige Haupt- und Residenzstadt der mittlerweile zertrümmerten Donaumonarchie, litt weitgehend alleingelassen unter Hunger und Kälte, ihre darbenden Menschen waren auf Lebensmittellieferungen aus dem Ausland angewiesen. Die Schweiz und Großbritannien waren dabei die ersten Staaten, die halfen.

Es war hoch an der Zeit, das allgemeine Chaos in Europa durch eine internationale Nachkriegsordnung zu beheben. Eine solche sollte im Rahmen einer großen Friedenskonferenz geregelt werden. Als Austragungsort einigte man sich auf Paris. Der britische Premier David Lloyd George wollte die Konferenz eigentlich nicht in der Seine-Metropole abhalten, sein Verbündeter, Ministerpräsident Georges Clemenceau, soll jedoch so lange protestiert, ja sogar geweint haben, bis ihm nachgegeben wurde. Aber selbst die Weltstadt Paris war nach über vier Jahren Krieg auf einen derartig groß angelegten Kongress nicht vorbereitet. Neben Staatsmännern, Diplomaten und Militärs trafen auch Wissenschaftler, Juristen und Persönlichkeiten aus der Wirtschaft in der französischen Hauptstadt ein. Alle Nationen der Erde – bis auf das Russland der Bolschewiki – suchten, auf der Konferenz ihre Zukunft mitzugestalten, ihre Lage zu verbessern oder wenigstens das Schlimmste zu verhindern. »Die Züge sind überfüllt, Zimmer kaum zu haben«, schilderten Berichterstatter eine regelrechte Massenwanderung an die Seine. »Paris ist voll Siegesfreude«, hieß es euphorisch, und so mancher glaubte bereits an einen zweiten Wiener Kongress. Doch allein die gut 500 Journalisten entwickelten eine völlig andere Atmosphäre als jene, die nach dem Sieg über Napoleon während des Friedenskongresses in der Donaumetropole mehr als 100 Jahre zuvor geherrscht hatte.

Woodrow Wilson – der neue Messias

Die Erwartungen an das Pariser Großereignis waren hoch. Woodrow Wilson hatte diese seit Monaten geschürt. Nach den Vorstellungen des pazifistisch orientierten US-Präsidenten sollte der Friedensschluss eine neue Weltordnung, ein besseres Zeitalter für die Völker der Erde einläuten. »Wir sind, kurz gesagt, zu dem Zwecke hier, darauf zu halten, dass auch mit den Grundlagen dieses Krieges aufgeräumt wird«, ließ das demokratische Oberhaupt des nunmehr mächtigsten Staates in den ersten Tagen der Konferenz die Öffentlichkeit wissen. Optimistisch, ja schon beinahe naiv anmutend ging Wilson bei seinem Konzept einer neuen Weltordnung vom Guten im Menschen aus. Völker, die selbstbestimmt lebten, würden den Frieden wünschen und nicht den Krieg suchen. Die europäischen Staatsmänner – gleichsam als gebrannte Kinder der Geschichte – dachten in vollkommen anderen, durchwegs zynischen Kategorien. Für sie lag die Neigung zur Gewalt in den Nationen selbst. Deshalb brauchte es Allianzen und militärische Abschreckung, um das Schlimmste zu verhindern und eine Ordnung nach alten Maßstäben aufrechtzuerhalten.

Wilson war der erste amtierende US-Präsident, der den alten Kontinent besuchte, und er war der erste, der dessen Geschicke maßgeblich beeinflusste. Der aus Virginia stammende Intellektuelle, der am Anfang des 20. Jahrhunderts Princeton zu einer bedeutenden Universität gemacht hatte und nun meinte, für die gesamte Menschheit zu sprechen, sah selbst den Moment gekommen, in dem die USA als mittlerweile mächtigste Nation eine neue Weltordnung errichten konnten. Und es sollte – nach amerikanischem Vorbild – eine Weltordnung des Friedens und der Sicherheit unter dem Vorzeichen eines kapitalistischen Wirtschaftssystems sein. Wilson hielt es für »die heilige Pflicht«, dauerhafte Abmachungen im Sinne von Gerechtigkeit und Frieden zu treffen. Daher erklärte er die Errichtung eines Völkerbundes zur vordringlichsten Aufgabe, ja zu einer »Lebensfrage«.

Der Präsident, der 1917 hart mit sich gerungen hatte, sein Land an der Seite der Entente in den Krieg zu führen, war jedoch auch von der Notwendigkeit überzeugt, die Deutschen für ihre Schuld am Ausbruch des Weltbrandes zu bestrafen. Eine solche Auffassung war durchaus ein Teil seines Sendungsbewusstseins, die Welt nach dem Vorbild der nach seinem festen Glauben friedliebenden, fortschrittlichen und uneigennützigen Vereinigten Staaten von Amerika zu bekehren. Für ihn hatte das alte System Europas, das schließlich auch die Katastrophe des Weltkrieges verschuldet hatte, total abgewirtschaftet. Aber, so entsprach es der bisweilen unduldsamen Engstirnigkeit Wilsons, die Alte, von den USA gerettete, Welt musste auch tun, was man ihr sagte. Ein gegen den Kommunismus immunes Europa sollte möglichst rasch ökonomisch wieder auf die Beine kommen, damit allen voran die Alliierten den USA ihre immensen Schulden zurückzahlen konnten. Dafür brauchte es nicht zuletzt eine intakte deutsche Wirtschaft.

Doch nach den Erfolgen der republikanischen Opposition bei den letzten Kongresswahlen war die Position des gottesfürchtigen Moralisten, dem allgemein Züge eines protestantischen Predigers und selbstgerechten, ja tyrannischen Egoisten nachgesagt wurden, in Washington bereits nachhaltig erschüttert. Darüber hinaus war dem im persönlichen Umgang harten und bisweilen rücksichtslos dogmatischen Wilson klar geworden, dass er für die Zusammenarbeit mit seinen europäischen Verbündeten ohnehin Abstriche in Bezug auf seine idealistischen Pläne machen musste. Zu mehr Realismus gezwungen, blieben daraufhin seine Statements im Vorfeld der Friedenskonferenz bereits überaus vage.

Die Besiegten des Krieges vermochten Wilsons Gedankenwelt nicht gründlich genug zu deuten und machten sich daher über den bevorstehenden Friedensschluss falsche Hoffnungen – gerade, was das Selbstbestimmungsrecht der Völker betraf. In Wien beispielsweise hatte am 12. November 1918 die Provisorische Nationalversammlung nach einstimmigem Beschluss die Republik Deutschösterreich vor einer großen Menschenmasse auf der Ringstraße ausgerufen – als demokratischen Bestandteil der Deutschen Republik. Außenstaatssekretär Otto Bauer beeilte sich, Wilson gegenüber bereits am Tag danach in einer telegrafischen Note die Hoffnung auszusprechen, »dass Sie, den von Ihnen so oft ausgesprochenen Grundsätzen entsprechend, diese Bestrebungen des deutschen Volkes in Österreich unterstützen werden«.

Tatsächlich wurde von den Völkern Europas vielerorts Wilsons Reise zur Friedenskonferenz dem Kommen eines Messias gleichgesetzt. »Die Massen jubelten ihm zu wie Jesu beim Einzug in Jerusalem«, hieß es im Pester Lloyd. »In atemloser Spannung hängt die Menschheit in diesen Tagen an Ihren Lippen. Aus Ihrem Munde erwartet sie die Verkündigung der Heilsbotschaft«, schrieb ihm wiederum in einem Memorandum die Tiroler Landesregierung, die um ihren Landesteil südlich des Brenners bangte und seinen mächtigen Schutz erbat.

Die Menschen ersehnten eine neue Weltordnung, einen gerechten Frieden, einen »Wilson-Frieden«. Aber all die Begeisterung, die ihm von der Bevölkerung der Verbündeten bei seinen Besuchen Großbritanniens, Frankreichs und Italiens entgegenbrandete, das Blumenmeer, die Beflaggung der Häuser und Straßen, der überbordende Vertrauensvorschuss selbst der Politik, gaben dem US-Präsidenten zu denken. Wilson war bei all seinem missionarischen Habitus keineswegs blind. Schon bald begann er die Komplexität der Probleme im Nachkriegseuropa zu erkennen, ihm dämmerte die Sorge, den hohen Erwartungen nicht gerecht werden zu können. Zudem wurden Wilson zunehmend die unterschiedlichen Interessen der Sieger bewusst: Ging es ihm selbst vorrangig um den Völkerbund, war Clemenceau in erster Linie um den Schutz Frankreichs vor Deutschland und Lloyd George um die britische Vorherrschaft zur See besorgt.

Die Pariser Friedenskonferenz

Die Friedenskonferenz begann am Nachmittag des 18. Jänner 1919 im französischen Außenministerium am Quai d’Orsay eigentlich bloß als eine Konferenz der siegreichen Alliierten. Die Franzosen hatten dieses Datum bewusst gewählt, handelte es sich doch um den Jahrestag der für sie so demütigenden Gründung des Deutschen Reiches im Spiegelsaal von Schloss Versailles im Jahr 1871. Damals hatte Frankreich den Krieg gegen Deutschland verloren, nun waren die Vorzeichen umgekehrt.

In der Eröffnungsansprache bezeichnete Staatspräsident Raymond Poincaré den Ersten Weltkrieg als einen »Kreuzzug der Menschheit für das Recht.« Die Alliierten, so das französische Staatsoberhaupt, hatten sich 1914 dem Drang der von Deutschland angeführten Mittelmächte nach Hegemonie in Europa und schließlich sogar nach der Weltherrschaft entgegenzustellen. Den Sieg der Alliierten nannte Poincaré nun einen »Sieg des Rechts«, die Friedenskonferenz einen »großen Gerichtshof«. Nach der Einstellung der Feindseligkeiten sei nach Gerechtigkeit zu suchen. »Was aber die Gerechtigkeit zuerst fordert, nachdem sie verletzt worden ist, sind Wiederherstellungen und Wiedergutmachungen für jene Völker und Menschen, die beraubt oder misshandelt worden sind.«

Wilson schlug Poincarés alten politischen Gegner, den linksbürgerlichen französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau, als Vorsitzenden der Friedenskonferenz vor; nicht bloß aus Gründen der Tradition und Höflichkeit oder weil Frankreich »durch die Leiden und Opfer, die es während des Krieges gebracht hat, einen besonderen Tribut« verdiene, sondern vor allem als Huldigung des Mannes, der ein »großer Diener« seines Landes sei. Gleich nach seiner Ernennung kündigte Clemenceau an, dass die Friedenskonferenz dem Programm Wilsons folgen würde, wonach sie einen »Frieden der Völker« schaffen wolle. Doch dieses Statement war bloß Höflichkeit. Der erfahrene Politiker hatte wenig übrig für Idealisten, »die die internationalen Kriege unterdrücken wollen, um uns in Frieden den Annehmlichkeiten des Bürgerkrieges auszuliefern«.

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Die »Großen Drei« mit Zylinder: David Lloyd George, Georges Clemenceau und Thomas Woodrow Wilson

Entgegen den von Wilson genährten Erwartungen blieb es schließlich im weiteren Verlauf bei der Geheimdiplomatie. Die Öffentlichkeit wurde doch nicht zu den Sitzungen zugelassen, denn die Alliierten waren sich – allem voran in der Frage der Behandlung Deutschlands – keineswegs einig. Die zahlreichen Kommissionen und Arbeitsgruppen trafen insgesamt 1646 Mal zusammen und verhedderten sich dabei zunehmend in Detailfragen, anstatt das große Ganze zu sehen. Auch wenn noch so viele Expertenkommissionen tagten und es formal – mit Italienern und Japanern – den aus den Regierungschefs und Außenministern der Großmächte gebildeten Rat der Zehn gab, lag die wahre Macht doch in den Händen der »Großen Drei«, den Vertretern der USA, Großbritanniens und Frankreichs: Woodrow Wilson, David Lloyd George und Georges Clemenceau. Wenn auch der Oberste Rat offiziell das höchste Gremium darstellte, war es doch eine schlichte Tatsache, dass der Vierte im Bunde, der Ministerpräsident aus Rom, Vittorio Orlando, bei den informellen Gesprächen, die für gewöhnlich in der amerikanischen Privatresidenz stattfanden, von den drei anderen führenden Staatsmännern nie als politisch ebenbürtig behandelt wurde. Als er dann am Ende über die Frage eines italienischen Fiumes (Rijeka) gar zu weinen begann, war er für seine Gesprächspartner endgültig nur noch mühsam. Doch selbst die oft autoritär agierenden »Großen Drei« ließen bisweilen den gegenseitigen Respekt vermissen: als etwa Lloyd George bei einem der manchmal chaotisch verlaufenden Treffen im Zuge einer hitzigen Diskussion aufsprang und seinen französischen Gesprächspartner beim Genick packte, bis Wilson endlich die beiden Streithähne trennen konnte. Aber auch der als kontrolliert geltende US-Präsident verlor während der Pariser Friedenskonferenz immer wieder die Contenance.

Abgesehen von dieser Entgleisung galt der aus Wales stammende Premier mit dem Beinamen »der Zauberer« als Meisterverhandler, gewiefter Taktiker mit bemerkenswerten Fähigkeiten und Redner mit immenser Überzeugungskraft. Seine taktische Beweglichkeit war für manchen allerdings eine Charakterschwäche. Colonel Edward House, der aus Texas stammende engste Berater Wilsons, sah in Lloyd George einen oberflächlichen »Unheilstifter«, jemanden, »der seine Meinung ändert wie ein Wetterhahn«. In der Kampagne zu den britischen Parlamentswahlen übte sich der liberale Premier tatsächlich noch in radikalem Populismus und forderte, den Deutschen den »Knockout-Schlag« zu versetzen und ihren ehemaligen Kaiser Wilhelm zu hängen. Auf der Konferenz in Paris besann sich Lloyd George aber wieder seiner Rolle als Staatsmann und beabsichtigte vielmehr, ganz in alter Bismarck-Manier als »ehrlicher Makler« zu fungieren. Keineswegs im Zweifel über die Kriegsschuld des Hohenzollernreichs, wollte er Deutschland zwar bestrafen, es gleichzeitig für eine gesunde europäische Zukunft aber keinesfalls ruinieren. Daher hatte sich seiner Ansicht nach Frankreich mit seinen Wünschen zurückzuhalten. Die Deutschen sollten einen Frieden bekommen, den sie akzeptieren konnten, ohne nur mehr an Rache zu denken. Ein ruhiges Europa würde London die Möglichkeit bieten, sich auf sein Empire zu konzentrieren. Aber Großbritannien hatte im Vergleich zu Frankreich von einem regenerierten Deutschland viel weniger zu befürchten und durchaus mehr zu gewinnen. Diese Position teilte es mit den Vereinigten Staaten, die planten, sich nach erfolgreicher Ausübung ihrer Schiedsrichterrolle auf der Konferenz nicht mehr in Europa einzumischen.

Die ausgedehnte Diskussion der oft uneinigen Siegermächte über den Vertrag mit Deutschland erzeugte jedoch in weiterer Folge nicht nur eine höchst gereizte Stimmung, sondern auch erheblichen Zeitdruck. Zu allem Übel wurden viele Staaten in Europa von Krisen geschüttelt, so auch Frankreich, wo Clemenceau gerade den Attentatsversuch eines Anarchisten überlebt hatte. Der mittlerweile in die Jahre gekommene »Tiger« erholte sich rasch, begnadigte den zum Tode verurteilten jungen Mann und machte sich sogar über dessen miserable Schießkünste lustig.

Die »Großen Drei«, längst müde und genervt, waren sodann nicht mehr willens, sich auf lange Debatten mit am Ende doch nur uneinsichtigen Deutschen einzulassen. Die Sieger entschieden sich für die unübliche Vorgehensweise, einfach Bedingungen zu stellen, auf die die Vertreter der besiegten Staaten lediglich schriftlich zu antworten hatten. Letzteren sollte nicht bloß jegliche direkte Verbindung zu den Delegationen der Alliierten, sondern auch die Zusammenarbeit untereinander verwehrt bleiben. Dass es zu Verhandlungen zwischen den gegnerischen Parteien an einem gemeinsamen Tisch gar nicht kam, bedeutete einen erheblichen Bruch der diplomatischen Tradition eines klassischen Friedenskongresses und musste ein Diktat der Sieger befürchten lassen.

Die österreichische Delegation in Saint-Germain

Die Nachfolger der einstigen Mittelmächte sollten einzeln, jeder für sich, zur Rechenschaft gezogen werden. Deren Abordnungen wurden in verschiedenen Pariser Vororten einquartiert. Dies geschah schon aus Gründen der Sicherheit, Anschläge in jener noch immer aufgewühlten Zeit waren durchaus möglich.

Die österreichische Delegation bestellte der Oberste Rat nach Saint-Germain-en-Laye. Sie wurde von Staatskanzler Karl Renner angeführt. Der gebürtige Südmährer hatte sich zu Zeiten der Monarchie als gemäßigter sozialdemokratischer Abgeordneter zum Reichsrat und Experte für staatsrechtliche Fragen an der Seite des Gründers der österreichischen Arbeiterbewegung, Victor Adler, profiliert. Seit den Umsturztagen im Herbst 1918 stand der betont konstruktive Politiker an der Spitze der Regierung des neuen deutschösterreichischen Staats.