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Georg Sporschill SJ
Ruth Zenkert

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Mit einem Nachwort
von Christian Geinitz

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Textstellen aus der Bibel zitiert nach:

Die Bibel. Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift. Gesamtausgabe.

Katholisches Bibelwerk (Hg.), Stuttgart 2016

Besuchen Sie uns im Internet unter:

amalthea.at

elijah.ro/bimail

© 2019 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagfotos: © ELIJAH

Lektorat: Helene Breisach

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 10,75/14,3 Pt Minion Pro

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-170-2

eISBN 978-3-903217-54-6

Inhalt

Zur Einführung

Im Namen des Elijah
Überraschungen auf einem langen Weg

Georg Sporschill

Ein Kind führt mich in seine Welt

Ruth Zenkert

Gemeinschaft aufbauen

Tiere lassen uns vom Frieden träumen

Georg Sporschill

Einfühlen, nicht überfordern

Ruth Zenkert

Der Umschwung in einem explosiven Haufen

Ruth Zenkert

Der Winzer ist Gott

Ruth Zenkert

Von dem Versuch, Engel zu sehen

Georg Sporschill

Erinnere dich daran, wie du verliebt warst

Georg Sporschill

Feuer und Wasser

Ruth Zenkert

Der erste Schritt

Ruth Zenkert

Geben und Nehmen

Alles hängt von dir ab

Ruth Zenkert

Du bist das Licht der Welt

Ruth Zenkert

Energien fließen in neues Land

Ruth Zenkert

Der gute Stress

Ruth Zenkert

Einen Weg wählen

Ruth Zenkert

Die Schätze in dir

Ruth Zenkert

Das Spiel mit dem Abschied

Georg Sporschill

Der Vater geht, seine Kraft kommt

Ruth Zenkert

Der Zeitpunkt für eigene Pläne

Georg Sporschill

Beim Helfen scheiden sich die Geister

Ruth Zenkert

Freundschaft stiften

Es ist ein Geschenk, einen Liebling zu haben

Georg Sporschill

Manchmal braucht es eine Mittelsperson

Ruth Zenkert

Welche Beziehungen haben Gewicht?

Georg Sporschill

Eine geheimnisvolle Kraft

Ruth Zenkert

Beim Hahnenschrei bekommt der Feige eine Chance

Georg Sporschill

Du hörst deinen Namen

Ruth Zenkert

Geht nicht – gibt’s nicht

Georg Sporschill

Das eine Brot, eine geistliche Beziehung

Ruth Zenkert

Konflikte als Weg

Der neue Tag beginnt im Abendlicht

Ruth Zenkert

Eine rettende Idee

Ruth Zenkert

Ein Waisenkind lädt zum Tanz

Ruth Zenkert

Vom Umgang mit Katastrophen

Ruth Zenkert

In der Katastrophe zeigen Menschen ihr wahres Gesicht

Georg Sporschill

Machtlosigkeit ist ein Zustand, in dem sich Größe zeigt

Georg Sporschill

Die Gefahr muss beseitigt werden?

Georg Sporschill

Kommunikation am Kreuz

Georg Sporschill

Auf der rechten Seite des Bootes

Ruth Zenkert

Von Göttern und Menschen

Sternstunden

Ruth Zenkert

Ungewöhnliche Partnerschaften

Ruth Zenkert

Göttlicher Rhythmus

Ruth Zenkert

Die Menschen sind Götter

Ruth Zenkert

Herkunft und Aufgabe

Ruth Zenkert

Bis zum Ende begleiten

Georg Sporschill

Ein befreiender Geist

Georg Sporschill

Zwei Wege zum Lebensglück

Ruth Zenkert

Die Ausstrahlung

Wo ist dein Ort der Wonne?

Ruth Zenkert

Der König der Wegelagerer

Ruth Zenkert

Der Spiegel verrät, bei wem ich Anerkennung suche

Ruth Zenkert

Die Sonne der Gerechtigkeit

Georg Sporschill

Freundschaft, die zu Taten beflügelt

Ruth Zenkert

Das Leitwort, das dein Schicksal bestimmt

Georg Sporschill

Die Schüler als gültige Zeugen des Lehrers

Ruth Zenkert

Die Wahrheit macht den Unterschied

Georg Sporschill

Ein Mensch, der andere zum Blühen bringt

Georg Sporschill

Im Licht der Liebe

Eine Grundgeschichte für die Therapie

Georg Sporschill

Der Herausforderung in die Augen schauen

Ruth Zenkert

Auch das Scheitern hat einen Lichtblick

Georg Sporschill

Der Mensch im Hintergrund

Ruth Zenkert

Der Einsatz für andere ist gefährlich

Ruth Zenkert

Das Experiment, einen Toten zu berühren

Ruth Zenkert

Das Fest fällt nicht vom Himmel

Ruth Zenkert

Traurigkeit in der Liebe

Georg Sporschill

Das Gemeinsame von Judas und Johannes

Georg Sporschill

Der Abschied zeigt, ob die Liebe gesund war

Ruth Zenkert

Zeit für Neues

Wo ist die Grenze zwischen Transparenz und Diskretion?

Ruth Zenkert

Das Potenzial erhöhen

Georg Sporschill

Es muss schnell gehen, weil die Nacht befreit

Georg Sporschill

Am Neid erkenne ich die Erwählung

Ruth Zenkert

Tiefe Wurzeln ermöglichen Neues

Ruth Zenkert

Sprechende Mauern

Georg Sporschill

In der Überforderung gegen den Strom schwimmen

Ruth Zenkert

Übergeben, was ich aufgebaut habe

Ruth Zenkert

Erfolgreich scheitern

Ist es Zeit, hinzuschauen oder wegzuschauen?

Ruth Zenkert

Das Ärgste aber ist die Feigheit

Georg Sporschill

Ein Scheitern, das zu Überraschungen führt

Ruth Zenkert

Besser einen Menschen opfern als alle?

Georg Sporschill

Es sagt viel aus, wie jemand weggeht

Georg Sporschill

Wie reagierst du auf eine Katastrophe?

Georg Sporschill

Die Lebensgeschichte gibt dem Lied die Farbe

Ruth Zenkert

Mit Wundern rechnen

»Du bist im Anfang«: die Botschaft der Sozialarbeit

Ruth Zenkert

Wir werden nie fertig

Ruth Zenkert

Die Taten zählen

Ruth Zenkert

Wie halten wir die Belastungen der Welt aus?

Georg Sporschill

Eine junge Frau besiegt den Gewalttäter

Georg Sporschill

Beschreibe deinen Garten!

Georg Sporschill

Gott eine Chance geben

Ruth Zenkert

Das fünfte Evangelium

Ruth Zenkert

Frei durch Gerechtigkeit

Druck von unten und Aufträge von oben

Georg Sporschill

Nicht mit den Hunden heulen

Ruth Zenkert

Gegen den Zynismus

Ruth Zenkert

Ein freier Vogel reizt den Tiger im goldenen Käfig

Ruth Zenkert

Schweigen oder Reden

Georg Sporschill

Zu viel des Guten

Ruth Zenkert

Eine Quelle der Achtsamkeit

Ruth Zenkert

Ihr seid Richter der Welt

Ruth Zenkert

Wie innere Kräfte geweckt werden

Ruth Zenkert

Was hat Zukunft?

Schauen, wo etwas wächst

Ruth Zenkert

Glückliche Umstände

Ruth Zenkert

Wenn die Großen zu den Kleinen hinaufschauen, wird Friede

Georg Sporschill

Viele im Dienst für alle

Georg Sporschill

In der Ohnmacht eine Beziehung stiften

Ruth Zenkert

Dynamik der Entfeindungsliebe

Georg Sporschill

Um mich weint hier niemand

Ruth Zenkert

Die Drei führt zum Durchbruch

Ruth Zenkert

Kinder nehmen Abschied.
Wie geht es weiter?

Ruth Zenkert

Zum Ausklang
Wöchentliche Herzensbildung

Ein Nachwort von Christian Geinitz

Zur Einführung

Im Namen des Elijah
Überraschungen auf einem langen Weg

»Steh auf und iss!«, sagt der Engel zweimal zum Propheten Elijah, der entkräftet und lebensmüde unter einem Ginsterstrauch sitzt. Zu schwierig sind ihm die Herausforderungen geworden. Er ist auf der Flucht. Mit leidenschaftlichem Eifer hat sich Elijah für die Gerechtigkeit eingesetzt, Feuer und Flammen sprühten, als er die Gegner vernichtete. Ungestüm kämpfte er für die Armen, Kleinen, Hungrigen, Bedürftigen. Gegen die Rücksichtslosen, gegen die, die ihre Macht nicht zum Wohl der Schwachen nutzten. Und nun wird er verfolgt, angegriffen, bedroht. Er kann nicht mehr. Der Engel gibt ihm Brot, in glühender Asche gebacken, und einen Krug Wasser. Es ist die Freundschaft, die ihn stärkt.

Elijah macht sich wieder auf, es wird ein langer Weg. Er geht vierzig Tage und vierzig Nächte. Die Zahl Vierzig bezeichnet die Zeit der Erprobung, die Noah in der Arche durchlebte. Vierzig Jahre war das Volk Israel durch die Wüste unterwegs ins Gelobte Land. Der Prophet Elijah erreicht nach vierzig Tagen den Gottesberg im Sinai und erlebt einen Wendepunkt. Ist Gott denn nur im starken Sturm gegenwärtig, der Berge zerreißt und Felsen zerbricht? So wie Elijah bisher selbst oft gehandelt hatte? Im Erdbeben, das die Wertvorstellungen jener auf den Kopf stellt, die auf dem falschen Weg sind? Im Feuer, das das Unkraut ausrottet und das Böse vertilgen soll? Elijah erlebt Gottes heilende Nähe im sanften, leisen Säuseln, im Feinen, nicht im Gewaltigen. Der feurige Elijah wird zu einem zärtlichen Menschen, zu einem, der die Mutlosen segnet und ihnen Kraft für neue Aufgaben gibt. Er wird zum Meister, der seine Lebenserfahrung weitergibt. Über fünfzig Lehrlinge hat er in seiner Prophetenschule groß gemacht. Elischa wird sein Nachfolger, er führt das Werk weiter, als Elijah in den Himmel entrückt wird. Noch einmal kommt ihm Gott mit feurigem Wagen und feurigen Pferden entgegen. So beschreibt die Bibel die Erfüllung eines prophetischen Lebens.

Unserem sozialen Werk in Siebenbürgen haben wir den Namen ELIJAH gegeben, weil es prophetisch – kritisch und sozial – sein soll. Dorthin gehen, wo die Not am größten ist – das wollen die Jesuiten. Dazu braucht es Freunde, die uns stärken, wenn uns Aufgaben ratlos machen und erschöpfen. Wenn wir, wie der Prophet, zur Witwe in Sarepta gehen, die selbst nichts hat, und von ihr die Gastfreundschaft erbitten. Sie gibt das Letzte, und ihr Mehltopf wird nicht leer und der Ölkrug versiegt nicht. Elijah schenkt ihrem Sohn das Leben zurück. Wie viele Kinder in unseren Dörfern brauchen diese Kraft, damit sie aus dem dunklen Loch des Elends herauskommen, lernen und es einmal besser haben. Damit sie selbstständig werden und für sich und ihre Eltern sorgen können. Unseren Auftrag sehen wir im Kampf für die Roma, die an den Rand gedrängt sind, gegen ein System, das sie mit Vorurteilen einmauert, sodass sie nicht aus Analphabetismus und Verwahrlosung herauskommen. Sie erzählen uns ihre Geschichten. Wir wollen nicht über sie reden, sondern mit ihnen. In Freundschaften entdecken wir – wie Elijah – die Macht der Zärtlichkeit. In der Musikschule entfalten viele unserer Schützlinge ihr Talent und verzaubern durch ihre Klänge das Publikum. Im Orchester spielen Roma und Nicht-Roma zusammen. In der Kunstwerkstatt werden die Jugendlichen kreativ und verschönern die Häuser.

Sich für die Gerechtigkeit einzusetzen – das tut ein Prophet –, führt oft zu Konflikten und Gefahren. Der Prophet Elijah muss flüchten. Zum Lebensretter wird für ihn ein Rabe. Er bringt ihm morgens und abends Brot und Fleisch. In Rumänien ist »Rabe« das ärgste Schimpfwort für die Roma. Bei ELIJAH aber wird der Rabe – er steht für die Ausgestoßenen und Verachteten – zum Lebensretter für andere. Die »Raben« helfen uns, den Egoismus zu überwinden, das eigene Glück zu sehen, dankbar zu werden und zu spüren, was wir bewegen können. Dieses neue Bewusstsein ist unser größtes Geschenk. Am stärksten erleben es junge Volontäre, die aus dem Wohlstand kommen und Armen helfen wollen.

Der Prophet Elijah gilt im Judentum als Vorläufer des Messias. Er ist nicht der, der alle Probleme der Welt löst. Aber er trifft die Vorbereitungen, damit Menschen sich selber helfen können. Damit sie zum Heil finden. Interessant ist, dass die Botschaft des Alten Testaments auf Elijah zuläuft. Der letzte Satz der jüdischen Bibel ermutigt: »Ich sende zu euch den Propheten Elijah. Er wird das Herz der Väter wieder den Söhnen zuwenden und das Herz der Söhne ihren Vätern.« Wenn die Generationen einander verstehen und Frieden haben, wenn sich die Kinder ihrer schwächer werdenden Eltern annehmen, wenn die Starken den Schwachen einen Platz geben – dann ist Elijah am Werk. Dann geschehen Wunder. Weil uns hilfreiche Freunde oft überraschen, nennen wir unser Werk ELIJAH.

In vierzig Jahren haben wir viele Geschichten des Miteinanders gesammelt mit Obdachlosen in Wien, mit Straßenkindern in Bukarest und mit verarmten Roma-Familien in Transsilvanien, vor allem aber mit jungen Helfern da und dort. Unsere Erlebnisse wollen wir teilen mit Freunden, Erziehern, Helfern und mit Menschen, die für andere Sorge tragen. Wir hoffen, dass sie daraus den Mut schöpfen, einen nächsten Schritt zu machen, neue Kräfte zu entwickeln. Dass die Phantasie der Liebe angeregt wird. In der Liebe ist eins und eins nicht nur zwei, sondern viel mehr. Oft ein Widerspruch. Es gibt im Beziehungsleben keinen schnellen Erfolg. Und es gibt noch viele Hindernisse auf unserem Weg. Aber es gibt große Treue, erstaunliche Durchhaltekraft und einen Sinn, der alles überstrahlt.

Wir dürfen Geduld mit uns selbst haben und eigene Grenzen eingestehen. Auch wenn wir Unglaubliches erreichen können. Mithilfe von Elijah.

P. Georg Sporschill SJ

Ein Kind führt mich in seine Welt

Der Wind pfeift durch die Ritzen der Wände. Krumme Äste, löchrige Plastikplanen und Lehmklumpen bilden den Schutz gegen die Kälte des Winters. Wir sitzen in einer kleinen Hütte um die Feuerstelle – eine alte Regentonne. Die Kerze gibt spärliches Licht und kämpft mit den Windstößen. Daniel hat mich in die Hütte seiner Familie geführt. Im Schnee kam er barfuß in viel zu großen Sandalen in die Schule. Der Bub war einer der Ersten, die bei uns trommeln lernen wollten. Zum Unterricht kam er nur selten, daheim gab es zu viel zu tun: Holz aus dem Wald heranschleppen, auf die Geschwister aufpassen. Der Vater ist als Schafhirte unterwegs. Selten kommt er heim, meistens betrunken, am nächsten Tag ist er wieder verschwunden. Gabi, die junge Mutter, ist mit ihren vier Kindern allein. Sie ist krank. Warum sollten die Kinder lesen lernen, wenn sie ums Überleben kämpft. Manchmal bekommt sie Kartoffeln, Mais und Milch, wenn sie im Dorf als Tagelöhnerin arbeitet. Sie sieht keine Zukunft. Nur diesen Tag überleben und nicht erfrieren, den Kindern ein Essen geben.

Im Sommer wird es leichter. Die Hütte ist unten am Bach, ganz am Ende eines rumänischen Dorfs. Im Zentrum zeugt stolz die alte Kirchenburg der Siebenbürger Sachsen von einer reichen und geordneten Zeit mit den Deutschen. Sie sind fast alle weggezogen, Rumänen leben heute in ihren Bauernhäusern. Am Dorfrand siedelten sich deren ehemalige »Hauszigeuner« an. Mit Planen und zusammengelesenem Holz zimmerten sie sich auf Niemandsland Unterkünfte. Ihre Ghettos schwellen an, werden zur Belastung und Bedrohung für die Dorfgemeinschaft. Tiefe Gräben gibt es zwischen den »Rumänen« und den »Zigeunern«. Oft schicken die Lehrer die Kinder weg, keiner will sich neben die »Zigeuner« setzen. Sie hätten Läuse, sagen sie. Daniel war immer wieder in der Schule. Nun hat ihn interessiert, was dort Neues passiert. Trommeln, Musik, Spiele – und Brot.

Ich bin mit Pater Georg Sporschill SJ 2012 in die Umgebung von Sibiu/Hermannstadt gekommen, um in den Dörfern, die die Siebenbürger Sachsen nach der Wende 1989 verlassen hatten, Roma-Kindern aus dem Elend zu helfen. Es hieß, besonders viele Roma lebten in Nou, der Ort sei verflucht. Viele wilde Geschichten wurden darüber erzählt: Diebstahl, Raub und Mord. Man erzählt, dass die Sachsen einmal alle Zigeuner zusammengeholt und die Männer erschlagen hätten, weil einer von ihnen einen reichen Bauern im Wirtshaus verletzt habe. Die Polizei habe nichts gemacht, man sei froh gewesen, dass sie das Problem selbst gelöst hätten. In Nou begann ich, in der Schule am Nachmittag Trommelunterricht zu geben. Wir hatten nur fünf kleine Trommeln. Am ersten Tag kamen acht Kinder, am zweiten fünfzig, am dritten über achtzig. Ich fand Freunde, die mit den Kindern sangen, Flöte spielten, tanzten, lernten. Schnell entwickelte sich eine Musikschule. Die Kinder hatten Hunger. Wir besorgten Milch und Brot. Kleider. Medikamente. Daniel brachte mich zu seiner Familie. Ein kleiner Bub, den ich zunächst nur in die Schule bringen wollte, zeigte mir, dass jedes Kind einen großen Rucksack an Problemen trägt. Die Geschwister, die Mutter, der Vater, Wohnung, Gesundheit, Lernen, Arbeit. Ein Kind, eine Familie, ein ganzes Dorf – die Aufgaben überschlugen sich. Unlösbar. Trotzdem spürte ich, wenn ich mit Daniel an der Hand am Bach entlangging, wie es sich lohnt, dieses eine Leben zu retten. Aus der Freundschaft mit Daniel wurde ein Programm für das ganze Dorf, getragen von der ELIJAH-Gemeinschaft. Heute betreiben wir hier ein Sozialzentrum und eine Musikschule. In vier Nachbardörfern hilft ein ELIJAH-Team den Kindern, Jugendlichen und Familien. In Ausbildungswerkstätten lernen Analphabeten ein Handwerk, junge Frauen arbeiten in der Haushaltsschule und kochen für die Kinder im Dorf. Für Daniel und seine Familie gibt es eine Zukunft. Der Satz aus dem Talmud »Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt« ist zum Motto unseres Werkes geworden.

Erstaunliche Kräfte fließen

Durch die Geschichten, die wir wöchentlich aus Rumänien versenden (bimail@elijah.ro), ist so etwas wie eine Gemeinde entstanden, in der wir uns gegenseitig stärken.

Eine Mutter schreibt uns: »Ich schätze die Texte deshalb so sehr, weil sie zeigen, wie die Botschaft der Liebe Jesu in den Alltag fließt, was sonst in der Kirche nicht so gut sichtbar ist. Aus euren Worten und Berichten ist spürbar, dass wahrhaftige Liebe sich nicht von äußerlichen Hindernissen aufhalten lässt, sondern in die Herzen der Menschen strömt. Ich habe mir beim Lesen schon oft gedacht: Ja, so würde Jesus heute handeln.«

Zum Schreiben ermunterte uns eine Kollegin aus der Sozialarbeit: »Die Bimails haben mich ein Stück verändert und ich arbeite noch mehr und bewusst mit Fragen. Wenn Institutionen wie Kinderdorf oder Jugendwohlfahrt vor schwierigen Aufgaben stehen, dann schicke ich Eure Fragen zur Vorbereitung für die Supervision. Und meistens finden die ErzieherInnen die Lösung selber.«

»Eure Sicht hat mir in meinem Beruf als Ärztin oft geholfen, widerliches Verhalten vom innersten Sein des Menschen zu trennen und den Patienten meine volle Zuwendung zu schenken. Diese Sichtweise würde auch in der Weltgesellschaft mehr Frieden und Freiheit bringen als leere Worte, Verurteilung und Hass. Nur die bedingungslose Liebe schafft Veränderung, so hat Jesus es uns vorgelebt.«

Ein Freund, der große Verantwortung in der Wirtschaft hat, machte uns eine Freude, als er schrieb: »Soeben habe ich – statt der Sonntagsmesse ;-) – Eure Botschaft gelesen, die aus der ärmsten Ecke kommt. Eine berührende Geschichte, die in der heutigen Zeit für ganz Europa zu denken geben sollte. Weiter so!«

Danke! Unsere Kinder nennen Danke das magische Wort, rumänisch: multumesc – »es ist viel«. Danke unseren Freunden, die uns Mut machen und deren Gaben wir weitergeben dürfen. Ihr Vertrauen macht Mut. Danke den jungen Leuten, die bei uns – im Geben und Nehmen – mitmachen. Dieses Wort möchte ich vor allem den Notleidenden sagen, die uns drängen zu helfen und uns so jeden Tag auf neue Ideen bringen. Sie sind die eigentlichen Autoren.

Danke, Pater Georg. Seit vielen Jahren gehst du uns voran. Mit einem kritischen Blick für Ungerechtigkeit. Mit einer liebevollen Zuwendung für die Benachteiligten. Mit einem offenen Ohr für die Sprachlosen. Immer unzufrieden und auf der Suche nach dem »magis« – mehr und besser, für die Armen. Feurig und unbequem wie Elijah. Und achtsam wie der alt gewordene Prophet, wenn er aufmerksam lauscht – auf das leise Säuseln Gottes.

Unsere Hoffnung ist, dass die Leser und Leserinnen diese und ihre eigenen Geschichten weitergeben an die Jugend. Dass sie die Freude erleben, die darin liegt, für andere da zu sein.

Ruth Zenkert

Hosman, im Herbst 2019

Gemeinschaft aufbauen

Tiere lassen uns vom Frieden träumen

Was wäre Weihnachten ohne Ochs und Esel? Leben wir in einer messianischen Zeit?

Georg Sporschill

Ochs und Esel gehören wie die Hirten und die Schafe in den Stall von Bethlehem, in dem Josef und Maria Unterschlupf fanden, als das Kind geboren werden sollte. Und doch werden weder Esel noch Ochse im Weihnachtsevangelium genannt. Erst die fromme Phantasie späterer Jahrhunderte hat sie in die Szene eingefügt. Dort wirken die Tiere mit, bis zum modernen Witz über die Jesuiten: Als das Jesuskind die Augen öffnete, schaute es nach links und sah den Esel, schaute nach rechts und sah den Ochsen. Da dachte es sich: Das ist die Gesellschaft Jesu, die Jesuiten.

Beim Propheten Jesaja heißt es: »Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn, aber Israel kennt es nicht und mein Volk versteht es nicht.« (Jesaja 1,3) Der Ochse wurde in der christlichen Tradition als Bild für die Heiden gedeutet. Das soll heißen: Das sind jene, die treu und ergeben arbeiten und Leistungen erbringen. So sind sie von Gott angenommen. Der Esel galt bei den Kirchenvätern als Bild für Israel. Was bei uns als dummes oder störrisches Tier angesehen wird, ist in Wahrheit und nach der Bibel das Tier für die Friedensarbeit, das den König Gottes trägt, im Gegensatz zum Pferd, das für den Krieg gezüchtet werden kann. Der Esel hat in den Karawanen die Fähigkeit, die Kamele durch die Wüste zu führen. Der Esel findet in die Heimat zurück wie die Zugvögel am Himmel. Ein Kind braucht beide: Menschen, die arbeiten, und Menschen, die Orientierung geben.

Der Phantasie, die das Jesuskind mit Tieren umgab, sind biblische Wurzeln zuzugestehen. Der Prophet Jesaja träumt im Exil, als er und sein Volk die Belastungen nicht mehr tragen können, von besseren Zeiten, von der messianischen Zeit: »Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie. Kuh und Bärin nähren sich zusammen, ihre Jungen liegen beieinander … und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus.« (Jesaja 11,6-8)

Der Frieden unter den Tieren ist ein uraltes Bild für das, was Jesus mit seiner Geburt den Menschen bringt. Es wird nicht so sein, dass der Löwe nicht mehr Löwe ist, nicht mehr frisst und nicht mehr mächtig ist. Es wird auch nicht so sein, dass das Lamm plötzlich stark und aggressiv ist. Beide werden mit ihren Stärken die anderen nicht zerstören, sondern sie in ihren Gefährdungen schützen. Miteinander werden Löwe und Kalb eine unschlagbare Einheit bilden. Eine Einheit, die die bösen Mächte überwindet und Frieden verbreitet. Das Fressen und Gefressenwerden ist zu Ende.

In dunklen Zeiten bringen die Tiere uns – wie den Propheten Jesaja – zum Träumen von der messianischen Zeit. Das Bild vom Tierfrieden lässt uns das Absurde versuchen: Trotz allem ist Friede möglich. Mit welchem Tier möchte ich mich vergleichen? Welchem bin ich nahe in meinen Stärken und in meinen Schwächen? Beide Pole sind in uns vereint – der Löwe und das Kalb, der Wolf und das Lamm, der Ochs und der Esel. Der Friede kommt nicht, wenn einer von beiden verleugnet wird, sondern nur, wenn ich beide in mir und den anderen wahrnehme.

Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie.

JESAJA 11,6b

Einfühlen, nicht überfordern

Das eigene Leben ist der Weg. Wo stehe ich jetzt? Wo bewegt sich etwas? Wer begleitet mich?

Ruth Zenkert

Ein junger Mann geht zum Rabbi und bittet ihn, sein Schüler werden zu dürfen. Der Rabbi fragt: Liebst du Gott aus deinem ganzen Herzen? Der Junge wird traurig: Nein, leider nicht. Da fragt ihn der Rabbi: Und spürst du Sehnsucht, Gott aus deinem ganzen Herzen zu lieben? Wieder geht der Junge in sich, er antwortet: Das schon, aber im Alltag habe ich so viel anderes zu tun, und bis es Abend wird, bin ich zu müde. Der Rabbi fragt: Hast du die Sehnsucht, die Sehnsucht zu haben, Gott aus deinem ganzen Herzen zu lieben? Da leuchtet das Gesicht auf: Ja, das habe ich! Da legt ihm der Rabbi die Hand auf die Schulter: Das genügt, du bist auf dem Weg!

Zwei Gedanken in dieser Erzählung führen zum Wort Jesu an seine Schüler: »Geht euren Weg, solange ihr das Licht habt, damit euch nicht die Finsternis überrascht!« Die eine Brücke ist das Wort vom Weg. Die Bibel spricht oft davon. Mose blickt zurück auf den Weg, den er mit dem Volk aus der Wüste gegangen ist: »Da hat der HERR, dein Gott, dich auf dem ganzen Weg, den ihr gewandert seid, getragen, wie ein Mann sein Kind trägt, bis ihr an diesen Ort kamt. Bei Nacht geht er im Feuer voran, um euch den Weg zu zeigen, auf dem ihr gehen sollt, bei Tag in der Wolke.« (Deuteronomium 1,31f)

Als den Weg selbst bietet sich Jesus seinen Schülern an. Wenn sie auf ihn schauen und hören, haben sie einen Weg für ihr Leben. Wir erleben Jesus als Pädagogen, der die Schüler führt, sie aber nicht überfordert. Er motiviert jeden Einzelnen, voranzuschreiten, ohne ihm vorzuschreiben, wie schnell und wie groß die Schritte zu sein haben. Entscheidend ist nur, dass er sich müht, ein Ziel zu erreichen. Zerstörerisch wäre es, von einem Schüler ein Ergebnis zu verlangen, das er noch nicht bringen kann. Genial ist der Rabbi, der sich so sehr in den Jugendlichen hineinfühlt, dass er dessen Sehnsucht aufdeckt. Er bestärkt, was im Schüler an Gutem angelegt ist, und verwirft sofort seine eigenen Erwartungen, die dem Schüler in diesem Augenblick noch nicht entsprechen.

Die zweite Brücke der rabbinischen Geschichte führt zum Wort vom Licht. Der Lehrer spendet dem Schüler Licht für seinen Weg. Er bestimmt nicht dessen Weg, sondern macht ihn sichtbar in der Sehnsucht nach der Sehnsucht. Sein Licht bringt das Gesicht des Jugendlichen zum Leuchten, weil sich dieser akzeptiert weiß. Keine Moralkeule: »du sollst«, »du musst«, sondern Segnen: »du bist«, »du kannst«. Jetzt hat er das nötige Licht für den Weg der Liebe, auf dem Weg zu Gott.

Der Ratschlag Jesu lautet: keine großen Sprünge, keine Überforderung, sondern sich behutsam bewegen von der Stelle, an der du stehst. Und zweitens, das Licht nützen, solange es da ist. Es sind glückliche und kurze Zeiten, in denen wir eine faszinierende Lehrerin, einen guten Freund, unsere Eltern haben – und Jesus, der von sich sagt: Ich bin der Weg. Ich bin das Licht.

Das eigene Leben ist der Weg. Wo stehe ich jetzt? Wo bewegt sich etwas? Wer begleitet mich?

Geht euren Weg, solange ihr das Licht habt, damit euch nicht die Finsternis überrascht!

JOHANNES 12,35b

Der Umschwung in einem explosiven Haufen

Liebe kann man nicht befehlen. Doch ich kann den Punkt erkennen, an dem sie sich durchsetzt. Dann strahlt sie aus.

Ruth Zenkert

Bald ist es ein Jahr, dass wir in unser Haus Ilie in Hosman eingezogen sind. Wir – das waren Kathy, die erste Volontärin, und ich. Es gab viel Arbeit mit den zahlreichen Kindern und armen Familien im Dorf. Wir suchten Mitarbeiter und nahmen, ohne lange zu fragen, jeden, der sich meldete. Praktikanten für zwei Wochen, eine frustrierte Frau auf der Flucht vor sich selbst, einen Studienabbrecher, einen arbeitslosen Handwerker. Es gab immer wieder Konflikte wegen der Hausordnung und wegen vieler Kleinigkeiten, die nicht der Rede wert sind. Ziemlich lähmend, auch für unsere Arbeit. Doch bald kamen Rumänen in die Gemeinschaft, die sich leicht in die Lebensbedingungen einfügten und sprachlich keine Probleme hatten. Das Kinderprogramm gewann an Qualität und Disziplin. Immer mehr Kinder gingen in Casa Ilie aus und ein, sie kamen auch außerhalb des Programms. Die Familien begannen, in Haus und Hof mitzuarbeiten. Ein lettischer Student machte Musik mit uns, jeden Abend lernten wir im Hof Roma-Lieder. Neugierige Nachbarn schauten herein und sangen mit. Wir feierten ein »Sommernachtsfest« mit unseren Freunden, einer brachte ein altes Saxophon, ein anderer sein Akkordeon, wieder ein anderer den Speck vom frisch geschlachteten Schwein. Aus dem auseinanderstrebenden Haufen wurde eine Gemeinschaft. Wir hatten große Ziele.

Letzte Woche nahm Genica uns mit ins Nachbardorf Tichindeal, wo sie aufgewachsen ist. Sie zeigte uns am Ende des Dorfes eine Siedlung mit Roma-Familien. Arm und verwahrlost, in jeder Hütte verzweifelte Mütter und viele Kinder. Als wir am nächsten Tag wiederkamen, lief uns ein junger Bursche entgegen. Nicolae, stellte er sich vor. Er hatte sich aus Lehm und Zweigen ein Häuschen gebaut, in das genau ein Bett und ein Regal passten, für sich und seine schwangere 15-jährige Freundin. Nicolae zeigte uns, wo die Ärmsten lebten, sagte, wie viele Kinder sie hätten. So war es für uns Fremde leicht, die mitgebrachten Lebensmittel gut einzuteilen, damit alle genug bekamen. Wir fragten Nicolae, ob er uns helfen wolle. Damit wir uns besser kennenlernen könnten, solle er mitkommen und bei uns wohnen.

Zwei Tage später ging die Tür auf – Nicolae war da. Ein großes Haus, mit fließendem Wasser und Heizung, viele neue Gesichter – das war für ihn eine fremde Welt. Iulian gab ihm Seife und ein Paar Jeans. Sie redeten in ihrem Zimmer die halbe Nacht, jeder hatte eine schwere und spannende Lebensgeschichte. Schon am nächsten Tag merkte ich gar nicht mehr, dass ein Neuer unter uns war, er arbeitete fleißig mit und fühlte sich wohl in der Gemeinschaft. Am Freitag ging er nach Hause. Ich fragte ihn, ob er am Sonntag wiederkommen würde. Selbstverständlich, strahlte er.

Heute waren wir wieder in Tichindeal. Aurel, der Nachbar von Nicolae, hat der Familie im letzten Haus einen Ofen gesetzt. Und wir haben noch einen Mitarbeiter gefunden. Ovidiu will die Häuser renovieren. Einer steckt den anderen an. Einer bringt den anderen mit.

Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.

JOHANNES 13,35

Der Winzer ist Gott

Mit wem bin ich verbunden? Welche Beziehung trägt Früchte? Wer ist in einem Unternehmen so verwurzelt, dass um ihn herum Neues wachsen kann?

Ruth Zenkert

Ein alter Kommunist, eine blutjunge Studienabsolventin mit glitzerbesetzten langen Fingernägeln, die weder mit einem Putzlappen noch mit Computertasten hantieren können, eine ewig Arbeitslose, die dringend Geld für ihre vier kleinen Kinder braucht, ein Manager, der mir versichert, alles zu können, eine Lehrerin, ein junger, dynamischer Ingenieur – das waren die letzten Kandidaten, mit denen ich ein Bewerbungsgespräch für die Leitung unseres neuen Sozialzentrums im Roma-Milieu geführt hatte. Selbst bei den sympathischen und begabten Personen spürte ich, dass es nichts werden könne. Wie soll jemand in einer Umgebung, die ihm völlig fremd ist, ein Projekt aufbauen? Es gibt noch keine Schule, in der man diese Form der Sozialarbeit lernen kann. Wo sollte ich Kandidaten für das Roma-Projekt suchen? Da wurde mir klar: Antoaneta muss die Leiterin werden. Seit zwei Jahren arbeitet sie mit uns. Sie hat im Roma-Milieu Freunde gefunden. Sie versteht, was wir brauchen, wir sind uns nahe im Denken. Sie setzt Initiativen, weil sie selbstsicher geworden ist. Sie lässt sich von mir helfen, wenn sie nicht weiterweiß oder ich es für notwendig halte. Ihr traue ich zu, dass sie mit einem starken Team die vielen Kinder im Zentrum aufnehmen kann, damit sie bei uns eine Heimat finden, lernen, musizieren, ihre jungen Mütter zum Waschen holen; sie kann mithelfen, dass das Haus immer voll Leben sein wird – und dass es nicht gleich auseinanderfällt. Weil zwischen Antoaneta und unserem Werk eine enge Verbundenheit gewachsen ist, kann sie das Neue aufbauen.

Eine solche Verbundenheit hat Jesus mit seinen Schülern. Er erklärt die enge Beziehung mit dem Bild des Weinstocks und der Rebe. Leicht verständlich für einen Galiläer, denn überall sind Weinberge. Jeder kennt die mühsame Arbeit des Weinbauers, wenn er die einzelnen Stöcke beschneiden muss. Das unbrauchbare Gestrüpp wird weggeschnitten und ins Feuer geworfen. Die Reben, die am Weinstock bleiben, tragen im Herbst süße Früchte. Dann wird aus den Trauben Wein, der Trank der Freude, bereitet. Die Propheten bezeichnen das Volk Israel als Weinstock, auch Jesus versteht sich als Weinstock – der Winzer ist Gott, der ihn eingepflanzt hat und sich liebevoll um jede Rebe kümmert. Wie der Winzer in seiner Sorge um die Rebe am Weinstock, so verbunden ist Jesus mit seinem Vater. Das gibt ihm den Lebenssaft, mit dem er sein Werk aufbauen konnte. Unter seinen Anhängern findet er die Schüler, die mit ihm ebenso verbunden sind. Ihnen übergibt er sein Werk, sie gründen Neues. Antoaneta kann unser neues Sozialzentrum leiten, weil sie bei uns und mit unseren Schützlingen verwurzelt ist. Die Verbundenheit, die zwischen uns gewachsen ist, gibt nicht nur ihr, sondern auch mir viel Kraft.

Mit wem bin ich verbunden? Welche Beziehung trägt Früchte? Wer ist in einem Unternehmen so verwurzelt, dass um ihn herum Neues wachsen kann?

Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt.

JOHANNES 15,4

Von dem Versuch, Engel zu sehen

Barrieren lösen sich auf. Menschen bekommen stärkere Konturen. Es stärkt das positive Denken.

Georg Sporschill

Mittags zieht eine Karawane von Kindern von der Dorfschule in unser Sozialzentrum. Unterwegs reihen sich einige kleine wilde Gestalten ein, ohne Schultasche. Die Schülerinnen in unserer Haushaltsschule haben gekocht und servieren den Kindern eine Mahlzeit. Für die meisten ist es das einzige Essen am Tag. Die Kinder drängen sich an die Tische. Immer gibt es Streit um die Plätze, an denen zuerst ausgeschöpft wird. Und ich staune: Gerade die Schwierigen wollen neben Aron sitzen. Aron ist ein Volontär, der nach der Schule nicht so recht wusste, was er wollte. Er begann ein Studium, war aber schon nach wenigen Wochen nie mehr an der Uni. Seine Energie steckte er vor allem in den Widerstand gegen die Mutter. Und eines Tages fragte er, ob er bei uns mitarbeiten könne. Um dann hier seinen Protest gegen die Erwachsenen fortzusetzen. Er war stets schlecht gelaunt, hatte einen aufmüpfigen, rotzigen Ton. Einmal wurde es mir zu bunt, und ich ermahnte Aron, sich zu benehmen, wenigstens »Guten Morgen« zu sagen.