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JOESI PROKOPETZ

ALLTAG IST NICHT EIN TAG IM ALL

Bekenntnisse
eines Querulanten

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Textnachweis

Die Texte »Das Glück anderer stört das eigene Unglück« (S. 71–75), »Mezzie« (S. 96–98), »Entschuldigung, sind Sie tot?« (S. 112–113), »Wegweisend oder wegweisend?« (S. 120–121), »Empöret euch« (S. 122–123), »Wir sind vom Fach« (S. 156–158), »Poesie beim Brausen« (S. 160), »Was isst’ denn?« (S. 174–175) und »Ist bei Ihnen alles in Ordnung?« (S. 180) stammen aus Joesi Prokopetz/Fritz Schindlecker: Urlaubsg’schichten und Reisesachen. Carl Ueberreuter Verlag, Wien 2018.

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2019 by Amalthea Signum Verlag, Wien

INHALT

Wuchteln fliegen tief

SPIEGELFECHTEREIEN …

Wir sehen alle gleich aus

Viel Lärm um nichts

So reüssiert man bei schönen Frauen

Wer ist »ich«?

Verwandlung

Schönheit-Schrägstrich-Wahn

LEBENSENTWURF EINSAMKEIT

Tiere sehen dich an

Genuss-Genossenschaft

Provokation / Genuss

VORHANG AUF

Die Delikatesse des gehobenen Boulevards

Tatort

Die entfesselte Fantasy

WER NICHT WIRBT – STIRBT?

Wirb!

Die hohe Kunst des Werbe-Schauspiels

Plötzlich im Radio, Werbung

Was es alles gab, nicht mehr gibt und umgekehrt

LIEBE IST EIN SCHWAMMIGES GEFÜHL

Liebe ist, vom anderen den Schnupfen zu bekommen

Das Glück anderer stört das eigene Unglück

Ein Ehepaar erzählt einen Witz

ALLTAG IST NICHT EIN TAG IM ALL

Immer wieder Sonntag

Was ich nicht weiß, lässt mich kalt

Krise-Schrägstrich-Humor

Erwartung

KAUM WIRD GESPROCHEN, REDET MAN

Wos haaasst, heast

Keine Haupt- ohne Nebenwirkung

Mezzie

Ein Wort für fast alles

Thematischer Nachschlag

»Man muss nicht Kretin sagen, wenn man nur Trottel meint«

Wem sein Wurschtl sind Sie?

DAS LEBEN IST EINE REISE …

Entschuldigung, sind Sie tot?

Wo sind die toten Chinesen?

Ungarische Rhapsodie

Wegweisend oder wegweisend?

Empöret euch

BILDUNGSAUFTRAG

Am besten Bestseller

Das literarische Komitee

Voltaire

Verbildung

»WIR GEHÖREN EINER ZEIT AN, DEREN KULTUR IN GEFAHR IST, AN DEN MITTELN DER KULTUR ZUGRUNDE ZU GEHEN.«

Schön’ Dank

Bei uns dahoam

Der Mensch kann mit Muße nichts anfangen

Rauchen ist tödlich

Abwimmel

Wir sind vom Fach

LUSTIG, LUSTIG, TRALALALA …

Poesie beim Brausen

»Es gibt wohl viele, die ganz stolz den Selbstmord eine Feigheit nennen. Sie sollen’s erst probieren.«

Der Schlüssel zum Glück

Ausrichten I (auch protzmäuln)

Ausrichten II

Kennen Sie …

Satire ist spotten. Niemals klagen

GUTEN APPETIT …

Was isst’ denn?

Gepflegte Speisen (aus einer schonungslosen Restaurantkritik)

For Gourmets only

Ist bei Ihnen alles in Ordnung?

DER REST BLEIBT ÜBER …

Warten auf … was?

Unerlöst

Immer ist etwas

Gläubig, gläubiger, Aberglaube

Des is a gottverfluachtes Land

Ich sag’s euch …

Hässlich, ich bin so hässlich …

Ich möchte einfach nur dasitzen

Der Weltuntergang hat nur Sinn, wenn man dabei war

Hinter mir die Zukunft.
Vergangenheit hat bald wer.

WUCHTELN FLIEGEN TIEF

Der Terminus »Wuchtel« ist ein österreichisches Vulgärsynonym für Pointe. Dieses Diminutiv von Wucht wird nur von ganz bestimmten Leuten verwendet, für billige und spießig-primitive. Eben Kalauer, ohne jede Idee, ohne Geist, ohne Feinstofflichkeit gewissermaßen, ohne jede Nachhaltigkeit. Aus einem Ungeist des Stumpfsinns, des Niederen und des Abgefeimten heraus.

Die nachhaltige Pointe kommt immer aus dem Halbdunkel der Verzweiflung und den Abgründen der Resignation. Eine richtige Pointe hat stets auch etwas Tragisches, Epigrammatisches und entwickelt sich dadurch mit der Zeit zum Zitat. Zum Zitat, das ganz allein für sich steht. Niemand braucht mehr die Geschichte zu erzählen, die dann ohnehin in der Pointe kulminiert.

Ausschließlich Wuchteln gibt es beim Villacher Fasching, was seinen anhaltenden Siegeszug erklärt. Er ist was für Dumme, und dumm nickt gut.

Bei österreichischen Comedy-Erzeugnissen wird vorweg, als Kriterium für den eingeforderten Erfolg, die »Wuchteldichte« geprüft. Darum klafft diese Schlucht zwischen Comedy und Kabarett.

Wie nennt man eine weibliche Pute?

Putin.

Sind Sie ein Zauberer?

Ja, ich zersäge Frauen.

Und? Haben Sie Familie?

Ja, zwei Halbschwestern.

Wie heißt ein zu dicker Veganer?

Biotonne.

Längere Einnahme von Viagra verursacht Sehstörungen. Man fragt dann nicht mehr: »Wie war ich?«, sondern »Wo bin ich?«.

Das sind die Wuchteln beim Villacher Fasching.

Wuchtel ist Schlager. Pointe ist Jazz.

Man kann, wenn man Wirtshaustische belauscht, nach einem gemeinsamen Besuch einer solchen Comedy Sätze hören wie: »Oida, der hat a poa Megawuchteln wegg’haut.«

Hätte er nur. Weggehaut, meine ich. Und getroffen.

Am meisten freut es weite Kreise des Publikums, wenn uninspirierte Witze über Politiker*innen gemacht werden. Man muss nur die beim Stimmvieh als Axiome geltenden Eigenschaften der Politiker*innen bedienen: Alle Politiker*innen sind deppert, hässlich, korrupt und inkompetent – dann wird gelacht. So wie gelacht wird, wenn man über Stottern, Impotenz und Frauen witzelt.

Wie soll man da seine Fixkosten zahlen, wenn man für Wuchteln nicht zuständig ist?

Die Presse, die Kritik will »Tiefgang.«

Das Publikum nicht.

Das Publikum will Wuchteln.

Die Presse, die Kritik nicht.

Bei vielen Komikern – Comedians, wie man heute sagt – scheint sich die Moria, die »läppische Witzelsucht«, eine leicht bis mittelschwere psychische Störung (Hypomanie), die – für gewöhnlich nur bei Männern – in fortgeschrittenem Alter auftritt, schon sehr früh zu zeigen. Diagnostiziert wird eine leichte Geistesstörung mit einer übertriebenen Heiterkeit, einer krankhaften Geschwätzigkeit und Albernheit mit expansiv jovialem Verhalten. Wer kennt nicht alte Männer, die, gesteigert euphorisch, vor allem bei jungen Frauen anlassig witzeln, gerne mal Vokabel wie »Katzerl«, »Popscherl« und »Tutterln« abspeicheln und durchaus nicht vor hilflosem, lustgreisigem Betappen haltmachen. Die in Gesellschaft viel reden, auch Männern wertlose Gespräche aufdrängen, vor allem über Koitales aus längst vergangenen Tagen, Liebesabenteuer, nicht enden wollende Begattungen, unbesiegbare Manneskraft. Die einen dabei – wenn auch nicht erotisch, so doch – berühren, mit dem Gesicht gerne konspirativ näherkommen, um etwas besonders Lustiges zu flüstern. Dann lächelt man gezwungen und bekommt den sumpfigen Mundgeruch des alten Menschen zu riechen, weil ja in allen Ecken der Speiseöffnung grausliche Fäulnisbakterien unter der Totalprothese leben.

Jeder kennt so einen. Und wenn man’s selber ist.

SPIEGELFECHTEREIEN …

WIR SEHEN ALLE GLEICH AUS

»Das kann nichts Gescheites sein, die Mode, wenn man sie Jahr für Jahr ändern muss«, soll Marcello Mastroianni einmal geäußert haben, und ich finde, er hat recht. Denn wir sehen doch alle – bei aller Mode – mehr oder weniger gleich aus.

Wenn es uns auf die Nerven geht, genauso auszuschauen wie unsere Nebenmenschen, und wir die Ersten sehen, die marginal anders sind, weil sie, wie gesagt wird, fashion victims sind und bereits die neueste Mode tragen, setzt bei uns der Reflex ein, genauso auszusehen, damit wir nicht mehr gleich aussehen wie das Prekariat, das die Mode von gestern trägt, um dann wieder gleich auszusehen wie die Hautevolee, die schon bald keine mehr ist, weil mit der Zeit das gemeine Volk, also alle, bis zum nächsten Modetrend auch so aussehen.

»Streifen sind die neuen Karos«, sagte Karl Lagerfeld, halb Mensch, halb Sonnenbrille, »Jogginghose, Feinripp, weiße Frotteesocken und blauweiße Schlappen sind das Prêt-à-porter des kleinen Mannes.«

Dieser Trieb, gleich auszusehen, und sich doch – vermeintlich – abzugrenzen, wird durch das Existieren von Uniformen bestätigt. Das schafft ein mentales Zuhause, das gibt Sicherheit.

Auch am Catwalk, wie gesagt wird, sehen Models und Dressmen mit ihrem bemüht dämonischen, unbeteiligten und hochmütigen Gesichtsausdruck, der an jenen von Insassen psychiatrischer Kliniken erinnert, alle gleich aus.

Dass wir letztlich alle gleich aussehen, wird augenfällig, wenn Menschen nur in genügender Entfernung vor einem stehen. Dann sieht man nur mehr, dass es sich um die Gattung Mensch handelt und sich trotz Mode, männlich, weiblich, jegliche Individualität aufgehört hat.

Mir fällt dieses Gleichaussehen in der Herrensauna immer besonders auf. Nackte, schmerbäuchige, meist zusammengekauerte Männer sitzen da, schwitzen degoutant vor sich hin, stoßen orgiastisch wirkendes Stöhnen aus und ähneln einander frappant.

Der Körper ist das Aushängeschild der Seele, wird gesagt. Wenn das so ist, dann sind wir arme Seelen und zur Hässlichkeit verdammt.

Als ich jünger war – früher war ich jünger, heute nicht mehr so –, hat man sich tätowieren lassen, um zu signalisieren, dass man zum Souterrain der Gesellschaft zählte, heute, um zu zeigen, dass man der In-Crowd zugehörig ist. Aktuell jedoch ist man anders, wenn man nicht tätowiert ist, wobei viele sich mit dem Gedanken tragen, sich ebenfalls tätowieren zu lassen (»Irgendwas Kleines am Knöchel, einen Engel oder einen Schmetterling vielleicht …«), um zu denen zu gehören, die meinen, individuell zu sein und doch nur von der Stange sind.

Zurzeit ist bei jungen, oft milchgesichtigen Männern das Tragen eines Vollbartes vermehrt zu beobachten, um virile Originalität herzustellen. Woher dieser Trend tatsächlich kommen mag, ist unklar. Eine weit hergeholte Theorie, der Zug zum Rauschebart wäre einer sublim fortschreitenden Islamisierung geschuldet, ist aber vielleicht kurz einer Überlegung wert.

Wir produzieren Oberflächen. Oberfläche als Gegenteil von Tiefe, und darum endet jeder Versuch, sich zu unterscheiden, zu verschönern, was Besonderes zu sein, letztlich in der Verwechselbarkeit. Was uns eint, ist der faktische, aber philosophisch unsinnige Selbsterhaltungstrieb.

Für das bloße Überleben braucht man allerdings keine Intelligenz. Bakterien beweisen das seit Jahrtausenden.

VIEL LÄRM UM NICHTS

Wir leben auf einer intellektuellen Flatrate. All you can eat, all you can drink, all you can shit.

Man gewöhnt sich an Leute, die immer schon ab Anfang März draußen sitzen, in der ersten Sonne. So Typen, die so breitschultrig daherkommen: My Name ist Body – Nobody! Die sitzen nicht dort, weil sie braun werden wollen.

Nein, die sitzen dort, weil sie schon braun sind. Denn die liegen ja bis Mitte Juli jeden Tag im Solarium, im Münz-Mallorca, haben das ganze Jahr über eine Hautfarbe zwischen Sonnenbank und Leberschaden und geben ihr Geld aus für blonde Meschen* im schwarz gefärbten Haar, für gefakte Uhren und Sonnenbrillen, für Vorjahres-Markenware aus Designer-Outlets anstatt für Rechtschreibkurse und Grammatik im Alltag oder kaufen eine Gebrauchsanweisung fürs Aufs-Häusl-Gehen, damit sie nicht vergessen, wie Scheißen geht. Die sitzen draußen bei neun Grad Celsius mit einem Burberry-Schal um den Hals und einer Lacoste-Haube auf, damit man den Kopfschuss nicht sieht, den sie haben – von einer Smith & Wesson Limited Edition.

Und man hat sich daran gewöhnt, dass es allerorten quietscht, piepst, klingeltönt, überall Klangtapeten aufgehängt, Musikteppiche verlegt, Geräuschkulissen aufgestellt werden und die Stille weitgehend vertrieben wurde.

Treffender als Dieter Hildebrandt in Nie wieder achtzig! kann man es gar nicht sagen: »Großvater, wann stirbst du endlich, damit wir auf Urlaub fahren können?«

»Ich kann nicht, es ist zu laut!«

*Strähnchen

SO REÜSSIERT MAN BEI SCHÖNEN FRAUEN

Viele Männer leiden unter Caligynephobie, der Angst vor schönen Frauen.

So mancher durchaus attraktive Mann ist mit einer Partnerin liiert, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, weswegen das gesellschaftliche Umfeld hinter vorgehaltener Hand flüstert: »Die passt gar nicht zu ihm.«

Es wird dann gesagt: »Na ja, die Geschmäcker sind verschieden.« Oft auch: »Jeder Topf findet seinen Deckel« oder Ähnliches.

Der betreffenden Frau fällt das natürlich auf, und sie lebt in unausgesetzten Minderwertigkeitsgefühlen und dauernder Kränkung.

In Wahrheit ist auch der betreffende Mann, der sich mit den Jahren zwar an seine im Rahmen eines Kompromisses eroberte Frau gewöhnt, zunächst lange Zeit unangenehm berührt, wenn er die Blicke spürt, die oft verwundert auf seiner Frau ruhen. Dabei hätte er immer wieder Gelegenheit gehabt, weit schönere Frauen kennenzulernen, allein seine Furcht, seine Eingeschüchtertheit, ja, sein Geblendetsein von weiblicher Schönheit hatten ihm den Mund verschlossen und jedes Draufgängertum im Keim erstickt, und wenn er doch einmal einen Annäherungsversuch wagte, dann war er halbherzig und vor allem tollpatschig.

Es gibt jedoch eine recht einfache Strategie, die Aufmerksamkeit schöner Frauen zu wecken. Nein, nicht etwa durch blumig-poetische Komplimente oder gar Lobhudeleien für ihre Makellosigkeit, denn das bekommt die Schöne ständig zu hören und langweilt sie, sondern gerade durch das Gegenteil!

Der gewiefte Frauenheld sucht sich hinterlistig irgendetwas im Äußeren der Schönheit, mit dem sie nicht zufrieden ist, das ihr bei jedem Blick in den Spiegel einen kleinen Stich versetzt und nagenden Selbstzweifel an ihrer Engelsgleichheit aufkommen lässt. Zum Beispiel – noch nicht aufgespritzte – Lippen, die wie zwei langweilig schmale Striche – zwar üppig überschminkt – den Blick ins perfekte Antlitz ein wenig irritieren.

Wenn man da im Tone höflichen Interesses fragt, ob die Dame vielleicht was mit dem Magen hätte und sie dann erstaunt antwortet: »Wie kommen Sie denn darauf?« – dann muss man nur mit kaum maskiertem Mitleid etwas sagen wie: »Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten … Ihre Lippen …«

Die Dame wird mit schwindender Selbstsicherheit in Tateinheit mit aufkommender Panik fragen: »Wieso? Was ist mit meinen Lippen?«

Und dann im Tone eines erfahrenen Internisten: »Ulcus-Lippen. Ein schmaler, verzeihen Sie den Ausdruck, ein zusammengekniffener Mund weist häufig auf Magenbeschwerden hin oder auch oft auf verdrängtes seelisches Leid.«

In der Sekunde hat der Mann die ungeteilte Aufmerksamkeit der schönen Frau, und das Erstgespräch bleibt im Fluss.

Ist der Mann dann am Ziel seiner Bemühungen angekommen, beichtet er galant seinen rhetorischen Trick; trotzdem wird die Dame fürderhin bei jedem beseligenden Blick im Spiegel eine Sekunde bei ihren Lippen verweilen.

Ob das umgekehrt bei schönen Männern auch so funktioniert, entzieht sich naturgemäß meiner Kenntnis, jedoch, glaube ich, halten sich die meisten Männer, egal ob schön oder nicht, grundsätzlich für unwiderstehlich; am meisten jene, die wirklich gar keinen Grund dafür haben.

Oft weisen Männer, mit deren Äußerem sich so gar kein Staat machen lässt, dreist auf ihre innere Schönheit hin, was eine schlagfertige Blondine in einem Wiener Espresso zu einem lästigen Galan sagen ließ: »Waßt wos, Bester, lass di wend’n.«

WER IST »ICH«?

Alle Menschen glauben, der Mittelpunkt ihres Lebens zu sein, also Protagonist, Protagonistin, meinen, die Welt wäre ihre Welt und alle Nebenmenschen nur Trabanten. Die menschliche Selbstwahrnehmung lebt noch im ptolemäischen Weltbild – vor der kopernikanischen Wende –, geozentrisch sozusagen. Oder besser: egozentrisch. (Interessant, besonders in diesem Fall, dass geo und ego Anagramme sind.)

Im Grunde ist jeder Mensch gewissermaßen Solipsist und lebt unbewusst nach der Position, dass allein sein Ich mit dessen Bewusstseinsinhalten real existiert. Alle sonstigen Gegenstände der Außenwelt, auch sogenannte fremde Ichs, nimmt er nur als Bewusstseinsinhalte des allein als existent erlebten eigenen Ichs wahr. Solipsismus ist die Vorstellung, man selbst sei das einzig bewusste Individuum.

Jeder Misthaufen verträgt nur einen Hahn, gewissermaßen, oder auch: Die Welt ist nur für mich gemacht, und ich allein bin diese Welt.

Im Grunde ist es genauso bei den Schimpansen, den Tüpfelhyänen, den Papua-Weichschildkröten und den Blobfischen.

Der Teilchenphysiker und – naturgemäß – Materialist Frank Close meinte dazu: »Du bist aus Stoff gemacht, der so alt ist wie der Planet und ein Drittel so alt wie das Universum, aber nun haben sich diese Atome zum ersten Mal so zusammengefunden, dass sie denken, sie sind du.«

Auch hier kein Ich, sondern nur ein Du.

Ein Ich gaukelt sich erst durch ein Du vor.

Gerne und immer wieder wird gesagt: »Das Leben geht weiter.« Sehr häufig wird dieser Satz geseufzt. Komischerweise vor allem nach Todesfällen, und zwar so: »Aber das Leben geht weiter.«

Wenn ein Mensch zu Hause stirbt im Kreise seiner Angehörigen und dann die Männer mit dem Zinksarg kommen und den lieben Toten hineinlegen und ihn wegschaffen, dürfen sie nach Dienstvorschrift nicht »Auf Wiedersehen« sagen oder gar »Bis zum nächsten Mal« oder »Schönen Tag noch«. Völlig unmöglich auch: »Bis bald.« Darum grüßen Leichenträger selbst privat fast nie.

Gerade wenn ein Leben aus und vorbei ist, sagt man, dass das Leben an sich gewissermaßen zwangsläufig weitergeht, nur weil man selbst noch am Leben ist. Obwohl unmittelbar nach einem Leichenbegängnis die Plattitüde »Das Leben geht weiter« hinreichend widerlegt sein sollte.

Und selbst die Bescheidenen, die bei jeder Gelegenheit den Egozentrismus verdammen und betonen, dass sie gar nicht glauben, der/die Wichtigste auf der Welt zu sein, definieren sich eben als der/die/das Unwichtigste in und auf der Welt, die sich wiederum – solipsistisch – nur um sie selber und ihre Bescheidenheit dreht.

Wenn ich mich selbst suche, weiß ich nicht, wer mich sucht, und wenn ich mich finde, weiß ich nicht, wen ich gefunden habe.

Kurzum, jeder glaubt, er sei ein Individuum.

Oder besser: ein Ich.

Dass es so etwas wie »Ich« nicht gibt, merken wir meist erst, wenn wir in uns gehen und uns wundern, dass niemand da ist.

VERWANDLUNG

Als mein jüngster Sohn im verwegensten Sinn des Wortes noch jung war, war er überzeugt, dass er über Zauberkräfte verfüge. Und er nutzte diese Kräfte, um unliebsame Nebenmenschen vorwiegend in Tiere zu verwandeln. Er stellte sich dann hin, breitbeinig, einen Arm spitz nach hinten abgewinkelt, den anderen vorgestreckt, die Finger der Hand, wie Krallen gekrümmt, auf den oder das zu Verzaubernde gerichtet, und stieß dabei einen Laut aus, der in mir heute noch nachklingt, nämlich: »Tschschsch «

Einmal, bei einer Wanderung, nahm er seine Zauberer-Pose ein und schleuderte den Bann nach einer offenbar sehr heimatverbundenen Familie, die uns in strenger Tracht, gewissermaßen im trächtigen Look, entgegenkam. Die Herrschaften, die durch die Bank auch noch diesen gewissen katholischen Teint hatten, schauten verwundert, und ich fragte meinen Jüngsten: »In was hast du die denn verzaubert?«

Und er sagte mit einem Anflug von Triumph in der Stimme: »In Schildkröten.«

»Na sicher.« Ich drehte mich um und sah – einen Lidschlag lang – nicht das Trachtenpärchen und seine beiden Leibesfrüchte, sondern vier unterschiedlich große Schildkröten. »Toll«, sagte ich, »du bist ein großer Zauberer. Ich hab wirklich vier Schildkröten gesehen.«

Er drehte sich nicht um, sagte nur: »Weißt du, die Leute sind schon immer das, in was ich sie verzaubere.«

Erst nach und nach dämmerte mir, dass das nicht bloß kindliche Rhetorik war.

Ist es denn nicht so?

Sind wir nicht schon a priori das, in das wir uns endgültig verwandeln, verwandeln müssen, bevor uns wer oder was auch immer verzaubert hat? Verwandelt nicht das Lächeln einer Frau das langweiligste, qualvollste Fest? Und sprechen wir von der uns zunächst widerwärtigen Festivität nachher nicht als von einem »bezaubernden Abend«?