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Michael Schottenberg

Von Träumen und Schiffen

UNTERWEGS AUF DEM
FRACHTSCHIFF MS KARINA

Mit 59 Fotos

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Für Claire

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2019 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagfotos sowie alle Abbildungen im Buch: © Michael Schottenberg

Umschlaghintergrund: © iStock.com

Karte Seite 8–9: © arbeitsgemeinschaft kartographie

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11,25/14,7 pt Minion Pro

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-162-7

eISBN 978-3-903217-41-6

Inhalt

Pläne und Ziele

Nord-Ostsee-Kanal, 11. März

Zwei Dosen für Schweden

Ostsee – Kalmarsund, 12. März

Die Schären

Södertälje – Mälaren-See, 13. März

»Parlez-vous française!«

Västerås, 14. März

Ein Schlafplatz für die Nacht

Oxelösund – Nyköping, 15. März

Der Zweite will Erster werden

Ostsee – Kiel, 16. März

Der Sturm

Brunsbüttel – Nordsee, 17. März

Angekommen!

Nordsee, 18. März

Eine Stadt der Kultur

Hull, 19. März

Irgendwie sind sie schon eigen, die Briten

York, 20. März

Der Schrei des Francis Bacon

Hull, 21. März

Das Wunder des Lebens

Nordsee – Kiel, 22. März

Meine neue Familie

Ostsee, 23. März

»It’s easy! It’s fun!«

Oxelösund – Stockholm, 24. März

Ein Leuchten in der Nacht

Oxelösund – Stockholm, 25. März

Unsere Träume

Ostsee, 26. März

Knatte, Fnatte, Tjatte

Ostsee – Kiel, 27. März

Die doppelte Zeit

Nordsee, 28. März

Das entscheidende Bisschen

Antwerpen, 29. März

Ein Kapitän auf Zeit

Antwerpen – Nordsee, 30. März

Petersilie, Salbei, Rosmarin und Thymian

Hull – Scarborough, 31. März

Die letzte Nacht

Nordsee – Velsen, 1. April

Die Menschen, die wir lieben

Nordsee – Brunsbüttel, 2. April

Schottis Tipps für das Leben an Bord

15 goldene Verhaltensregeln

Glossar

Anbieter von Frachtschiffreisen

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Pläne und Ziele

Nord-Ostsee-Kanal, 11. März

»Hier spricht der Zweite Offizier. Welches Bier darf’s denn sein? Beck’s, Holsten, Astra?«

»Beck’s«, sage ich.

»Und das Wasser? Still, sprudelnd?«

»Still.« Der Anruf macht mich einigermaßen sprachlos. »Weshalb wollen Sie das wissen?«

»Ich rufe von Bord der MS Karina an. Um Punkt zwölf Uhr machen wir in Brunsbüttel fest und nehmen Sie in Empfang. Wir müssen nach Schweden rauf, ein paar Kisten abliefern. Da brauchen Sie doch was zum Nachspülen.«

Langsam senkt sich der Wasserspiegel im Becken der großen Schleuse, am Beginn des Nord-Ostsee-Kanals. Ein mächtiger Container-Riese wartet auf seine Weiterfahrt. Meine Reise beginnt genau hier, in der kleinen schmutzigen Kantine der UCA, einer Agentur, die sich darum kümmert, dass die Schiffe im richtigen Schleusenbecken landen und eines nach dem anderen abgefertigt wird. Ich warte auf die MS Karina, einen knapp Hundert-Meter-Frachtkahn, der in den nächsten drei Wochen mein Zuhause sein wird. Man muss Zeit haben für diese Art von Reisen. Kein Mensch kann sagen, wann das Schiff anlegt, niemand weiß, wann es ablegt. Es hängt vom Löschen und Laden der Fracht ab. Manche der großen Pötte nehmen eine Handvoll Reisende mit. Allerdings nicht als Passagiere, sondern als Crew-Mitglieder. Man ist ein Zwischending: Nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Matrose, nicht Tourist – eher so eine Art Seebär auf Zeit.

Die Liebe zu Schiffen währt schon mein Leben lang. Wie oft habe ich mich in der Unendlichkeit des Himmels verloren und nach jener Ferne gesehnt, die Freiheit verspricht. Kunst gehorcht ähnlichen Gesetzen. Sie erfindet Zeit und Raum neu und definiert mittels Phantasie eine Anderswelt, in der die Illusion die Realität außer Kraft setzt, um sich in einer neu erschaffenen Wirklichkeit wiederzufinden. Von hier bis zum Theater ist es dann nicht mehr weit. Kunst spiegelt die Gesellschaft wider, prophezeit Visionen, vermittelt Werte, dient als Korrektiv, sie ist einer der Grundpfeiler sozialen Zusammenlebens. Die Weite des Meeres und die Grenzenlosigkeit der Phantasie sind nahe Verwandte.

Mein Vater war von der gleichen Sehnsucht erfüllt. Sein Traum wurde nur einmal wahr: 1936 überquerte er an Bord eines Luxusliners der Reederei Hamburg Süd den Atlantik in Richtung Brasilien, wo er für die neue Hauptstadt eine Kathedrale plante. Es blieb beim Entwurf. Die Kirche wurde später von dem großen Architekten Oscar Niemeyer realisiert. Diese Schiffsreise war für meinen Vater die erste, gleichzeitig sollte sie auch seine letzte sein. Auch dem Theater hat er sich nur zaghaft genähert: Zu mehr als dem Bemühen, an einer Schauspielschule aufgenommen zu werden, reichte es nicht. Die Liebe zu Schiffen und zur Kunst hat meinen Vater ein Leben lang begleitet. Mit der Zeit wurde sie zur Wehmut. So ist das mit unerfüllten Träumen.

Wenn ich an ihn denke (und je älter ich werde, desto öfter tue ich das), sehe ich ihn am Lido von Venedig stehen und übers Meer blicken. Dieses Bild trage ich schon lange in mir. Es ist ein Foto aus glücklichen, verliebten Tagen, das ich in einem der wenigen Alben meiner Eltern fand. Es muss lange vor meiner Geburt entstanden sein, aufgenommen von einem übermütigen, hübschen jüdischen Mädel, das um vieles jünger war als er und dessen Liebe zu ihm bis weit über seinen Tod andauerte. Vielleicht hat er in diesem Augenblick tatsächlich bis zu jenem fernen, staubigen Platz in der geografischen Mitte seines Traumlandes Brasilien gesehen, von dessen Hochplateau die Flüsse entspringen, die nach Norden zum Amazonas und nach Süden zum Rio de la Plata fließen. Genau dort sollte sie stehen, die neue Stadt – und mittendrin seine nie gebaute Kathedrale. Damals hatte sie wohl für ihn Gestalt angenommen und er konnte sie berühren wie eine ferne Geliebte. Ich will daran glauben. Es tröstet mich für die vielen ungesagten Worte, die mich von ihm trennen. Vielleicht musste ich meinen Traum von der Gegenwelt des Theaters auch nur erfüllen, um ihm zu helfen, seiner Sehnsucht zu begegnen, um dort, wo sich unsere gemeinsame Phantasie vereint, die Nähe zueinander zu finden. Vielleicht ist das der Grund für mein unstillbares Fernweh, für meine Liebe zu Schiffen und die Suche, die ein Leben lang währt. Die Suche nach jenem Weg, der zu meinem Vater führt.

Vor Jahren schon hatte ich die Idee, eine Frachtschiffreise zu unternehmen, um auf Zeit abzuhauen. Hamburg – Shanghai. Ich hatte gebucht, ich musste stornieren. Manchmal ist es so. Mein Weg, der zum Umweg wurde, führte mich mitten hinein in ein großes Wiener Theater, ohne dass ich ahnte, was mir bevorstand. Manchmal spricht man verschiedene Sprachen, obwohl man Gleiches meint.

Über vierzig Jahre lang habe ich Geschichten erzählt. Wie viele Reisen zum Mond habe ich unternommen! Ein Stuhl wurde zum Thron, eine Glühlampe zur Welt, ein Lichtstrahl zur Ewigkeit. Bilder kamen aus dem Nichts, gewoben so zart wie Spinnennetze und verschwanden wieder. Mit einem Mal war ich Theaterdirektor. Das nicht enden wollende Thema um ausreichende Finanzierung hat meinem Traum zugesetzt. Ich hatte nie etwas anderes im Sinn, als die Welt spielerisch abzubilden, um sie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Der Chef eines »Abendunterhaltungsbetriebes« (Bertolt Brecht) aber ist in erster Linie Arbeitgeber. Von einem Tag auf den anderen waren die Schauspieler, meine einstigen Verbündeten, nicht mehr meine Freunde. Die Obsorge um deren Existenz und die meines Theaters hat mir eine Rolle aufgenötigt, die mir nicht entsprach. Zehn Jahre lang musste ich die Rolle eines Geschäftsführers spielen, der für Dinge verantwortlich ist, die seinen künstlerischen Anspruch nur mittelbar tangierten. So kann es gehen: Man glaubt, den Weg zu kennen, und doch verirrt man sich. Die Wirklichkeit hatte mich eingeholt. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Zwar ist es mir gelungen, das Haus in ein wohl aufgestelltes zu verwandeln, das noch dazu einen ausreichend finanziellen Polster in der Hinterhand hatte – aber die Geschichte war zu Ende erzählt. Der Abschied fiel mir nicht schwer.

»Älter werden und dennoch nicht verlernen, was anfangen heißt.« Der Philosoph Martin Buber hat es auf den Punkt gebracht. Meine theatralischen Träume sind mit mir gealtert. Ich habe mein bisheriges Leben abgelegt wie ein Kostüm, das Licht gelöscht und die Garderobentür geschlossen. Nun wende ich mich um und blicke mit einem lachenden Auge zurück (das andere halte ich vorsorglich geschlossen). Ich lasse es gut sein. Es ist ja gut.

Ich schreibe schon mein Leben lang. Bei Neufassungen und Textbearbeitungen verbarg ich mich geschickt hinter Nestroy, Ibsen oder Shakespeare, ohne dass ich jemals enttarnt wurde – weder von den Kritikern noch von meinen Schauspielern. Ich war viel zu geschickt. Nun löse ich mich aus dem Schatten des Balkons, auf dem die angebetete Roxane steht: Cyrano de Bergerac, Himmelsstürmer und Liebender, muss sich nicht mehr verbergen. »Wer ständig glücklich sein will, muss sich oft verändern.« Mit all der Leidenschaft, die ich in meinem alten Leben für die Bühne investiert habe, trachte ich heute danach, Konfuzius’ Worten gerecht zu werden. Womit ich wieder am Anfang angekommen wäre.

Auf Reisen verwandeln sich meine Gedanken zu winzig kleinen surrealen Zeichen, die keiner außer mir zu entziffern vermag. Eine Unmenge davon kritzle ich auf leere Buchseiten. Dies ist zu meinem neuen Leben geworden. Als Geschichtenerzähler und Philanthrop suche ich jenes Abenteuer, für das es sich lohnt, alle Mühen in Kauf zu nehmen: Die Rückkehr zu mir selbst.

»Beck’s!«

»Eine Kiste oder zwei?« Die Stimme ist jetzt nur mehr undeutlich zu hören.

»Eine, vorerst.« Der Herr Zweite Offizier hat aufgelegt. Auf See braucht’s nicht viele Worte.

Ich sitze in der Kantine der UCA und warte auf »mein« Schiff. Ein strahlend schöner Sonnentag, heuer ist es schon im März Frühling geworden. Mein Herz klopft, als wollte es zerspringen. Heute erfüllt sich mein Traum. Ich lehne mich zurück und schließe die Augen.

Eigentlich hatte ich vor, in den Süden zu fahren. Ausgangsort sollte Hamburg sein, eine Stadt, die ich über alles liebe. Vor einigen Tagen aber wurde meine Passage ersatzlos gestrichen, die Auftragslage für den Transport von Eisenkisten hatte sich buchstäblich über Nacht geändert. Man bot mir eine Ersatzreise an, genau in die andere Richtung. Es macht mir nichts aus, vor veränderte Tatsachen gestellt zu werden, im Gegenteil, ich empfinde das als Herausforderung. Nie zuvor habe ich den Mälaren-See gesehen, von der Schärenlandschaft vor Stockholm ganz zu schweigen. Weder habe ich den Nord-Ostsee-Kanal befahren noch den Fluss Humber in Richtung Kingston upon Hull. Durch die geänderte Reiseroute hat sich auch der Abfahrtstermin verschoben. Unmittelbar nach dem überraschenden Anruf packte ich das Wenige, das ich mitzunehmen gedachte, in meinen Rucksack.

Der Wecker läutet kurz vor sechs. Ich trinke Kaffee mit der Frau, mit der mein Leben neu begann und die, was meine Reisen betrifft, bereits leidgeprüft ist: Kaum wird es Frühjahr, zieht es mich hinaus in die Welt (vor Kurzem erst bin ich von einer Burma-Reise zurückgekommen). Diesmal aber ist die Abreise mehr als überstürzt. Gegen halb elf sollte ich am Pier stehen, das Schiff wird gegen Mittag an der Kanalschleuse erwartet. Ich versuche ein Taxi zu reservieren, um von Hamburg aus rasch weiterzureisen. Die Dame am anderen Ende der Leitung meint, dies sei nicht notwendig, ich möchte mich vom Flughafen Fuhlsbüttel wieder melden. Ohne »Büttel« im Namen läuft da oben nichts.

Die Maschine setzt pünktlich auf. »Guten Tag, ich brauche den nicht reservierten Wagen nach Brunsbüttel.«

»Weshalb haben Sie nicht vorbestellt?«

»Weil es nicht notwendig ist.«

»Wer sagt das?«

»Sie.«

»Ich habe nichts dergleichen gesagt.«

»Dann war es Ihre Kollegin. Was mache ich jetzt?«

»Sie gehen zum VIP-Parkplatz. Wo sind Sie?«

»In Hamburg.«

»Auf welchem Gate?«

»Keine Ahnung.«

»Dann sehen Sie nach oben, da hängen überall Schilder. Was sehen Sie?«

»Red Bull.«

»Machen Sie Witze?«

»Sie haben mich gefragt.«

»Erkundigen Sie sich, wo Sie sind, und melden Sie sich wieder.«

»Nicht auflegen!«, sage ich, aber es ist zu spät. Ich erkundige mich bei einer Reinigungskraft, die gerade auf einer dieser bulligen Maschinen hockt und an mir vorüberwienert. »Sie sagt Terminal eins! Hallo?«

Eine andere Stimme ist dran. »Die Kollegin meint, Sie sollen zur Abflughalle hoch!«

»Und dann? In welche Richtung?«

»Es gibt nur eine.«

»Gibt’s denn nicht immer mindestens zwei?«

»Bei uns nicht.« Aufgelegt.

Ich fahre zur Abflughalle hoch und laufe in die eine und einzige Richtung, quäle mich an eincheckenden Pauschal-Touris vorbei und erreiche schweißgebadet das andere Ende der Halle. »VIP-Parkplatz? Nö, wo soll der denn sein?« Eine empathiebefreite Azubin hockt hinter der Glasscheibe eines Info-Schalters und unterbricht missmutig ihr Telefongespräch. »Oberhalb des Terminals eins am anderen Ende der Halle gibt’s einen.«

»Von dort komme ich.«

»Weshalb sind Sie dann nicht dortgeblieben?«

»Weil man mich in die eine und einzige Richtung geschickt hat.«

»Gibt’s denn nicht immer mindestens zwei?«, das Mädchen blickt mich gelangweilt an, als hätte ich sie nicht alle. »Okay. Sie laufen jetzt genau dorthin wieder zurück.«

So hab ich’s gern. Offensichtlich war ich keine zehn Sekunden von dem verblödeten VIP-Parkplatz entfernt. In fünfzig Minuten legt mein Schiff in Brunsbüttel an, in einer weiteren halben Stunde legt es wieder ab und ich muss heute noch nach Schweden rauf, ein paar Kisten abliefern – stattdessen eiere ich hier von einem Hallenende zum anderen.

»Wo wollen Sie denn überhaupt hin?« Die Azubin beendet genervt ihr Telefonat.

»Brunsbüttel«, sage ich.

»Nie gehört.«

Kein Wunder, denke ich, aber irgendwie passt der Name gerade zu meiner Situation.

»Na dann …« Sie wendet sich ab und tastet eine Nummer in ihr Handy, wobei sie darauf achtet, dass ihre Kunstnägel nicht absplittern. Genau diese Viertelstunde könnte mir später fehlen. Ich haste zurück, quer durch die lange Halle, vorbei an den Menschenmassen. Das Bild wäre nicht vollständig, ohne zu sagen, dass ich vermummt bin wie eine Made vor dem Schlüpfen. Ich bin es gewohnt, in warmen Ländern unterwegs zu sein, diesmal aber habe ich Wintersachen bei mir, die in meinem Rucksack unmöglich Platz gefunden hätten. Da meine Liebste Hobby-Meteorologin ist und sich laufend über die europäische Großwetterlage updatet (derzeit liegt das winterliche Schweden im Mittelpunkt des familiären Interesses), trage ich das fette Zeug direkt am Leib.

»Ich bin’s«, belle ich ins Handy, »Es gibt noch eine zweite Richtung.«

»Wohin wollen Sie?«

»Nach Brunsbüttel.«

»Nach Brunsbüttel? Haben Sie reserviert?«

»Was?«

»Sie werden doch wissen, ob Sie eine Taxe vorbestellt haben?«

Offensichtlich ist bei jedem Telefonat wer anderer dran. Die Dialoge erinnern mich an den Doktor-Sketch, Höhepunkt des Komiker-Stücks Sonny Boys, das ich vor Jahren mit den beiden Spitzbuben Peter Weck und Harald Serafin inszeniert habe. Das Theater war täglich ausverkauft, was mir die Journalisten als »zu sehr auf die Kasse geschielt« vorhielten. Ein Theaterdirektor sollte nicht für sein Publikum spielen? Die Damen in der Taxi-Zentrale sind nicht minder verhaltensauffällig.

»Hören Sie, ich muss heute noch nach Schweden rauf. In vierzig Minuten geht das Schiff.«

»Das wird eng. Wagen acht-fünf-sechs ist unterwegs. Sind Sie auf dem VIP-Parkplatz?«

»Bin ich.«

»Warum sagen Sie das nicht gleich? Rühren Sie sich nicht vom Fleck!«

Neben meinem Gepäck steht mein kleiner Tagesrucksack – jedenfalls stand er gerade noch da. Oh mein Buddha, auch das noch! Zurück zu Terminal eins, Rolltreppe runter, nichts, Rolltreppe rauf, nichts, doch: Am Schnittpunkt zumindest zweier Möglichkeiten, lässig an die Außenwand der Rolltreppe gelehnt, wartet er auf mich: mein kleiner, schwarzer Vertrauter mit dem vielleicht wichtigsten Inhalt der Welt, meinem Laptop.

Acht-fünf-sechs schweißt sich mit glühendem Chassis an den Randstein. Ibrahim ist Türke, seine Familie lebt schon in zweiter Generation in Hamburg. Der Mann ist dem Spezialauftrag gewachsen. Er fackelt nicht lange: Kickstart, Reifenabrieb, Ibi gibt Gas. Unterwegs schimpft er über SUV-Besitzer, Sonntagsfahrer und Hutträger. Wir brettern durch die Landschaft. Vorerst Autobahn, dann Bundesstraße. Das schwarz-weiße Fleckvieh steht wie angewurzelt vor dem Deich und starrt dem Geschoss mit dem HH-Kennzeichen nach. Am Steuer ein wild gewordener Türke, achtern ein dick vermummter Schiffsnarr, der irgendwo im Norden ein paar Kisten abliefern soll, und jetzt, jetzt gibt’s wirklich nur eine einzige Richtung – und die führt exakt nach Brunsbüttel. Im Einzugsbereich von Laser-Blitzern bremst Ibrahim das Geschoss jäh herunter, dann legt er wieder nach. Eine Straße mit Obergrenze siebzig durchglüht er gnadenlos mit hundertvierzig. Warmduscher und Wochenendeinkäufer, sie alle landen im Rückspiegel. Ich frage: »Sind Sie sicher?«

»Sie wollen ja in dieses verschissene Kaff, nicht ich.« Dem ist nichts zu entgegnen.

Mit rauchendem Gummi schwingt Ibrahim ab und hält am Eingang zur Schleuse Brunsbüttel. Weltmeisterlich. Von der MS Karina ist nichts zu sehen. Könnte auch ein gutes Zeichen sein. Ibrahim grinst sein Siegerlächeln. Ich sage: »Das haben Sie erste Sahne gemacht. Hätte nicht gedacht, dass Sie das schaffen. Wenn wir den Kahn verpasst hätten, müssten wir weiter nach Kiel, dort ist die nächste Schleuse.«

»Ich weiß«, sagt er, »Ich habe schon oft Leute hierhergefahren. Es ist Viertel nach zwölf. Um Punkt zwei habe ich Feierabend. Bin lieber zu Hause bei meiner Frau als mit Ihnen in Kiel. Ahoi, Käpt’n!«

Das verdient Trinkgeld. Und weg ist er. Von Weitem sehe ich den weißen Kugelblitz über die lange Kanalbrücke in Richtung Hamburg donnern und unter dem Mittagshimmel von Brunsbüttel verglühen.

Ich schnelle hoch. Draußen legt die MS Karina im größeren der beiden Schleusenbecken an. Ich stehe an der Pier, neben mir der Erste Offizier, der nach drei Monaten Heimaturlaub seinen Dienst antritt. Wim heißt er, und er freut sich drauf, wieder Seeluft um die Nase zu kriegen.

»Welcome aboard, I’m the cook!« Der ukrainische Koch höchstpersönlich swingt die Gangway herunter, schultert mein Gepäck und führt mich zu meiner Kammer. Sie ist geräumiger, als ich dachte. Hier also, zwischen diesen vier Wänden, werde ich mich während der nächsten Wochen einrichten. Die Kabine hat Fenster nach vorne hinaus und zur Seite. Draußen am Kai steht der Typ vom Büro der UCA und winkt. Zentimeter um Zentimeter löst sich die MS Karina von der Hafenmauer und beginnt ihre Reise durch den Kanal in Richtung Kiel-Holtenau. Das heißt, ich beginne die Reise, das Schiff setzt seine Fahrt fort. Es ist eines von drei gleichartigen Kähnen derselben Reederei, die die Schweden-England-Belgien-Holland-Linie befahren.

Oben auf der Brücke werde ich dem Kapitän vorgestellt. Er heißt Ivan und kommt aus Russland. Ich tauche ein in die Wunderwelt, von der aus das siebenundneunzig Meter lange und knapp siebzehn Meter breite Frachtschiff gesteuert wird. Zwei Lotsen sind mit an Bord. Schiffe dieser Größenordnung müssen die komplette Service-Mannschaft für ihre Passage durch den Kanal buchen. Etwa hundert Kähne befahren die Strecke täglich, inklusive der Riesenpötte. Der Nord-Ostsee-Kanal ist hundert Kilometer lang, wurde 1895 vollendet und gilt als eine der meist befahrenen Wasserstraßen der Welt. Zehn Brücken überspannen den künstlich angelegten Fluss, bei Rendsburg gibt es zudem noch einen Fußgängertunnel. Zahlreiche Fähren stehen zur Verfügung. Seit der Fertigstellung des Kanals werden die Anrainer, als Entschädigung für die lange Bauzeit, gratis ans andere Ufer übergesetzt. Kaiser Wilhelm II. wollte es so und bis heute ist es dabei geblieben.

Die MS Karina tuckert mit acht Knoten dahin, schneller dürfen Schiffe hier nicht unterwegs sein. Ibrahim würde verzweifeln. Demgemäß dauert die Fahrt nach Kiel satte acht Stunden, die Wartezeiten bei den diversen Weichen nicht mitgerechnet. Keine Sekunde zu lang. Durch die wunderschöne Landschaft zu gleiten ist ein Erlebnis der besonderen Art. Marschland zur Linken und zur Rechten, backbord und steuerbord, wie wir Seeleute sagen. Manchmal kommt eine alte, aus der Zeit gefallene Windmühle in Sicht, dann ein Fährmannshaus, das jetzt als Gaststube dient. An beiden Seiten der Wasserstraße führt der schnurgerade Treppelweg. Fußgänger, Ausflügler, Radfahrer sind in Scharen unterwegs und genießen die Frühjahrssonne. Manche von ihnen winken dem Seemann zu, und der winkt glücklich zurück. Vielleicht gehe ich in meiner Kluft ja sogar als Offizier durch (ich habe vor Aufregung ganz vergessen, das fette Zeug auszuziehen). Die Menschen können nicht ahnen, dass ein Aus- und Umsteiger an ihnen vorbeischippert, einer, der gerade dabei ist, sich einen Traum zu erfüllen und sein Leben neu aufzustellen.

Ich erkunde das Schiff und lerne die Besatzung kennen: Polen und Ukrainer. Sie arbeiten sechs Monate am Stück, fern der Heimat, ohne auch nur einen einzigen freien Tag. Um siebzehn Uhr gibt’s »Abendbrot«, wie mir eingeschärft wird. Ich setze mich an den Tisch in der Offiziersmesse, die achtern (hinten) auf dem Poopdeck liegt. Der Schiffsingenieur, ein Kroate, blickt mich finster an. Er mag keine Veränderungen an Bord, wie ich seinem Blick entnehme.

»And who are you?« Der Text erinnert mich an eine schöne Arbeit der Künstlerin Claudia Six: Zwei Wichtel, einer groß, einer klein, beäugen einander misstrauisch. Dem Betrachter bleibt es überlassen zu befinden, welches der beiden Wesen die titelgebende Frage stellt. In diesem Fall ist es eindeutig. »I’m the new passenger!«, sage ich.

»It’s the captain’s place.« Mürrisch weist mir der Ingenieur einen anderen Platz zu. Am Schiff herrschen klare Regeln. Der Stuhl wird für den Fall freigehalten, dass Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl einnimmt – der Platz sollte während der ganzen Reise unbesetzt bleiben. Es gibt Pizza: Zirbe, darauf geschmorter Radiergummi. Meine erste Mahlzeit heute. Ich entschließe mich zur guten Laune und beiße in den Karton.

»Er ist Ukrainer, aber auf ukrainischer Seite«, sagt der Zweite Offizier, ein Hüne von einem Kerl, und deutet mit dem Kopf in Richtung Koch, der gerade vorbeigeht. Ausnahmsweise ist die Frau des Offiziers zu Besuch, in Kiel wird sie von Bord gehen. »Ich winke meinem Bären zu, wenn er vorbeifährt – wir wohnen direkt am Kanal. Ist das nicht wunderbar?«

»Oh ja«, sage ich, »Aber andere Mädels sehen ihre Männer täglich.«

»Mir genügt’s«, lacht sie und küsst ihren Offizier. Ich will es glauben. Seemannsbräute sind so.