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Marie-Theres Arnbom

Die Villen vom Traunsee

Wenn Häuser Geschichten erzählen

Mit 151 Abbildungen

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© 2019 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Inhalt

Genese

Rundwege und »Roadtrips«

Weg 1

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1 »Gott rächt.« Erich Wolfgang und Luzi Korngolds geliebter Höselberg

Gschwandt bei Gmunden, Schlossberg 1

2 »Die glänzendste Virtuosenerscheinung seit Paganini …«

Der Meistergeiger Joseph Joachim und das Haus Hannover

Gmunden, Cumberlandstraße 36

3 »In unserem Hause war die Frau Gebieterin.«

Marie Lang zwischen Gmunden und Altmünster

Gmunden, Schiffnerstraße 20

Weg 2

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4 Die drei Villen der Geschwister Adler.

Oder: U-Boote am Traunsee

Gmunden, Josef-Dangl-Straße 1, Franz-Stelzhamer-Straße 12 und 17

5 »Beim zweiten Gartentürl links ist das Museum.«

Familie Miller-Aichholz und Johannes Brahms

Gmunden, Lindenstraße 11

6 Die Erfindung des Pedalharmoniums

Gmunden, Kuferzeile 41

7 »Schön, gescheidt und lieb.«

Die Kunststickerin Henriette Mankiewicz

Gmunden, Kuferzeile 35

8 Eugenie und Eugenie. Von Bankiers und Chemikern

Gmunden, Anton-von-Satori-Straße 23

Weg 3

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9 Gianni und Miltschi oder Das Verhängnis des Balletts

Gmunden, Toscanapark 6

10 Gustav Klimts Gemälde hinter dem Sofa.

Familie Wittgenstein-Stonborough

Gmunden, Toscanapark 6

11 Wie aus Friederike Gossmann

Fifi Prokesch wurde

Gmunden, Gartengasse 10

12 »Industrie mit Kunst und Poesie den innigsten Bund geschlossen«.
Die Villa Lanna

Gmunden, Pensionatsstraße 24B

13 »In einem von Blumenduft erfüllten Glashaus …«

Die Schriftstellerin Hermynia Zur Mühlen

Gmunden, Johann-Nepomuk-David-Weg 7

14 Ein Opernhaus für Gmunden

Gmunden, Mitterweg 9

Weg 4

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15 Tradition und Moderne.

Salo Cohn und seine Familie

Altmünster, Fischerweg 6

16 »Der Duft von Rosen und Phlox war überwältigend …«

Jolan Dehner-Freistadtls Erinnerungen

Altmünster, Fischerweg 6

17 Schauspielerinnen und zwielichtige Gestalten.

Die Familie Friedländer

Altmünster, Hauptstraße 49

18 »Ich weiß ein liebes, stilles Haus …«

Eine Villa mit vielen Namen

Altmünster, Nachdemsee 15

19 »… wird sich Traunkirchen demnächst in ein Klein-Venedig verwandelt haben«.

Familie Köchert und ihr Schützling Hugo Wolf

Altmünster, Hochholz 9 und Nachdemsee 80

Weg 5

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20 »Meine alten Schwesterln – die sind mir Sonne, Mond und Sterne …«

Slatin Pascha in Traunkirchen

Traunkirchen, Uferstraße 18

21 Von Marienerscheinungen und einem verbotenen Begräbnis: die »Russenvilla«

Traunkirchen, Klosterplatz 8

22 Schubert-Freund und Schwimmlehrer.

Die vielen Seiten des Joseph Spaun

Traunkirchen, Klosterplatz 4

23 Die »Anka«-Jause in Traunkirchen

Traunkirchen, Alte Post 5

24 Familie Rosenthal und Beethovens Schädel

Traunkirchen, Adresse unbekannt

Weg 6

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25 Die erste Villa in Rindbach

Ebensee, Strandbadstraße 3

26 Johannes Brahms, Joseph Joachim und die Schwestern Asten

Ebensee, Fichteneckweg und Mendelssohn-Straße 18

27 Die Berliner Bankiers Mendelssohn

Ebensee, Fichteneckweg und Mendelssohn-Straße 18

Anmerkungen

Literatur und Quellen

Bildnachweis

Die Autorin

Namenregister

Genese

Von Wien kommend auf dem Weg ins Salzkammergut gibt es immer einen Glücksmoment: Wenige Kilometer nach Linz taucht plötzlich der Traunstein auf – und man weiß: Jetzt sind wir bald da! Dieser Berg, der erste Willkommensgruß des Salzkammerguts, dominiert den Traunsee, er ist in seiner Schroffheit omnipräsent, furchteinflößend, abweisend, aber auch inspirierend.

In seinem Schatten haben sich Gäste niedergelassen, die flüchten mussten und hier eine neue Heimat fanden. Es sind Fürstenhäuser, die in den Wirren des 19. Jahrhunderts und dem Aufkommen des Nationalismus ihre Fürstentümer verlieren: Das Haus Hannover kommt von Norden, das Haus Toscana von Süden, Gmunden liegt günstig, am Weg nach Bad Ischl, landschaftlich einladend.

Dieses Buch will aber nicht nur von den Fürstenhäusern erzählen, sondern von vielen Menschen, die den Traunsee als Sommerfrische gewählt haben – die Auswahl hat sich schwierig gestaltet, denn der Umfang des Buches ist begrenzt, und so kann nur eine subjektive Auswahl der vielen wunderschönen Villen samt ihren Bewohnern Aufnahme finden. Wieder begegnen mir unterschiedliche Schicksale, Pioniere und starke Frauen, Musiker und viele Künstlerinnen.

So viele spannende Querverbindungen ergeben sich am Traunsee: die Löwenthals in Traunkirchen, die Korngolds in Gmunden, dazu die Nossals in Bad Ischl und die Sonnenthals in Unterach – ein umfassendes familiäres Salzkammergut-Netzwerk. Und nicht das einzige: die Mendelssohns lassen sich in Schörfling am Attersee und Rindbach bei Ebensee nieder. Musiker bevölkern den Traunsee und lassen sich inspirieren: Arnold Schönberg bewegt sich zwischen Gmunden und Traunkirchen, das Haus Miller-Aichholz platziert sich als Sammelpunkt für den Brahmskreis, der Komponist Hugo Wolf darf auf die Unterstützung der Familie Köchert vertrauen, der Geigenvirtuose Joseph Joachim verkehrt im Haus Cumberland ebenso wie bei Familie Asten in Rindbach. Dazu kommen die heute vergessenen Diven Pauline Lucca, Friederike Gossmann und Milla Scholz.

Eine weitere Besonderheit ergibt sich durch die Recherchen für dieses Buch: Die Begegnung mit vielen Familien führt mich nach Amerika, Australien, Schweden und Wien, die Nachkommen geben mir Auskunft, graben Erinnerungen aus, blättern in Fotoalben, durchsuchen Dokumente, finden Autobiografien und Briefe – und in der heutigen Welt des Internets kann ich ruhig an meinem Schreibtisch sitzen und mit der ganzen Welt kommunizieren. Da kann es schon passieren, dass in der Nacht um 4 Uhr Informationen aus Australien eintrudeln und zwei Stunden später welche aus Amerika. Bei Abendessen und im Kaffeehaus erstehen plötzlich ganze Familiengeschichten vor mir und ich kann nur dankbar sein, dass dieses Wissen mit mir geteilt wird. Nun darf ich all dies hier präsentieren, der Vergessenheit entreißen und die geschätzte Leserschaft daran teilhaben lassen.

Am Traunsee kommt noch ein anderer Aspekt hinzu: Hier entstanden Schlösser und prachtvolle Villen, erbaut von den großen Architekten ihrer Zeit: Theophil Hansen entwirft in den 1850er- Jahren die Villa der Schwestern Pantschoulidzeff, 20 Jahre später stattet er die Verkaufsräume der Firma Köchert in Wien aus. Die Villa Wisgrill wiederum ist ein Werk von Heinrich von Ferstel – heute abgerissen und vernichtet. Gustav Gugitz’ eindrucksvolle Villa Lanna erfreut das Auge auch heute noch, der hannoveranische Architekt Ferdinand Schorbach schafft das neogotische Schloss Cumberland. Und es gibt noch viel mehr zu entdecken.

Dieses Buch hat eine ganz eigene Dynamik – wie jedes Buch. Doch diesmal vereinen sich mehrere Erfahrungen: Die quellenbasierte Recherche in Kombination mit den vielen persönlichen Begegnungen, die in den vergangenen Jahren so viel an Erinnerungen, Erfahrungen und Geschichten mit sich gebracht haben, bietet eine neue Dimension – die persönliche Ebene gewinnt an Bedeutung.

Was sagt dies alles über die Sommerfrische am Traunsee aus? Diese ist vorerst geprägt von exilierten Höfen und deren Hofstaat. Und viele Adabeis ziehen mit in der sicheren Annahme, am Traunsee, auf halbem Weg zwischen dem kaiserlichen Bad Ischl und Gmunden, Aufmerksamkeit zu erhalten und Aufträge welcher Art auch immer zu ergattern. Der Traunsee liegt in einiger Entfernung von Bad Ischl – und ist dem Zentrum der sommerlichen Welt zugleich nah genug.

Die 1920er-Jahre sind geprägt von wirtschaftlichen Problemen, viele der Sommerfrische-Familien können ihren Besitz nur durch Vermietungen erhalten, andere übersiedeln ganz an den Traunsee und werden zu Ansässigen. Andere erwerben mehrere Mietvillen und können so für ihren oft recht kärglichen Lebensunterhalt sorgen. Die Sommerfrische am Traunsee erzählt also nicht nur Erfolgsgeschichten, sondern bietet tiefen Einblick in die schwierigen Jahre der Ersten Republik.

Jüdische Familien kommen nach und nach auch an den Traunsee – lange werden sie geduldet, wenngleich nicht immer willkommen geheißen, obwohl Arnold Schönberg im Jahr 1922 hier Zuflucht findet vor antisemitischer Propaganda in Mattsee. Drei Jahre später kann man in der Zeitung Die Wahrheit Folgendes lesen: »Vorige Woche hat das Wiener Montagsblatt Der Morgen von dem schlechten Besuche der österreichischen Sommerfrischen gesprochen und die gerade katastrophalen Folgen geschildert, welche diese Erscheinung für alle am Fremdenverkehr interessierten Kreise nach sich ziehen muss. Der Morgen hat auch die Ursachen für das fast vollständige Ausbleiben der Sommergäste in den österreichischen Kurorten eingehend besprochen, welche in den hohen Preisen, den schlechten hygienischen Zuständen und den sonstigen Schikanen, welchen die Fremden ausgesetzt sind, gesucht werden müssen und hat das in den österreichischen Alpenländern leider vorhandene Hakenkreuzunwesen als einen Hauptgrund dafür angeführt, dass zahlreiche österreichische Sommerfrischen leer stehen, während die italienischen und schweizerischen Erholungsstätten derart überfüllt sind, dass in vielen buchstäblich kein Bett aufzutreiben ist. Womit widerlegt nun die in Gmunden erscheinende Neueste Post die Ausführungen des Wiener Montagsblatts, welches sind die Argumente der Zeitung, deren Redakteur der Gmundner Bürgermeister Dr. Thomas selbst ist? Die Antwort, welche dem Berichterstatter des Morgen erteilt wird, lautet: ›Judenbengel!‹ So spricht der Bürgermeister eines Ortes, dessen Kurgäste zum größten Teil Juden sind.«1

Das Jahr 1938 bringt auch hier einen Umbruch, allein in Gmunden werden 25 Villen enteignet, einigen Besitzern gelingt es, aufgrund von »regimekonformen« Ehepartnern ihr Eigentum zu erhalten – willkommen sind sie jedoch alle nicht mehr. Die Prachtbauten rund um den See werden beschlagnahmt, denn die Nationalsozialisten brauchen Platz – für Schulungszentren, später für Lazarette, aber auch für Bonzen, zwischen Gmunden und Rindbach, das durch seine Nähe zum Konzentrationslager Ebensee prädestiniert ist. Dieses prägt die Geschichte von Ebensee und lässt einmal mehr erkennen, wie eng die Idylle der Sommerfrische mit der Brutalität des Nazi-Regimes verbunden ist.

Eine spezielle Quelle stellen die Arisierungs- und Rückstellungsakten dar: Sie geben nicht nur Einblick in die skrupellose Vorgehensweise der Nazis, sondern lassen auch einen Blick in die Villen werfen, liegen doch oftmals genaue Inventare und Beschreibungen der Häuser ein. Nach dem Krieg wird keine unbürokratische Lösung angestrebt, es dauert Jahre, bis die ursprünglichen Eigentümer ihren Besitz zurückbekommen. Das Mobiliar ist längst gestohlen, die Räume zweckentfremdet, die einstmals gepflegten Gärten und Parks devastiert. Dass kaum jemand zurückkommt und die Sommerfrische neu belebt, verwundert nicht.

Und doch gibt es auch heute noch Familien, die seit Generationen am Traunsee ansässig sind und die Tradition der Sommerfrische bewahren und weitertragen.

Am Anfang der Recherche steht nach vielen Entdeckungsfahrten und -spaziergängen das Grundbuch, das dann zur Urkundensammlung im Bezirksgericht Gmunden führt – Verträge werden abgeschlossen, Hypotheken aufgenommen, Menschen ändern ihren Namen, sterben, erben – all diese Informationen bilden die Basis, um sich den Häusern und den Menschen zu nähern.

Verlassenschaftsakte, Opferfürsorgeakte, Meldezettel – die trocken klingenden Archivalien bilden Mosaiksteine, um sich auf die Spur der Menschen zu machen. Sie liegen in Archiven, ohne deren Unterstützung vieles gar nicht möglich wäre: Das Wiener Stadt- und Landesarchiv und das oberösterreichische Landesarchiv erweisen sich einmal mehr als unkomplizierte Kooperationspartner.

Ich durfte in ungedruckte Autobiografien Einblick nehmen und andere finden, die als Romane publiziert wurden und heute vergessen sind. So unterschiedliche Publikationen wie Gedichte, wissenschaftliche Abhandlungen und auch Nachrufe erlauben, sich den geschilderten Personen zu nähern.

Letztere finden sich oftmals in Tageszeitungen – dies führt zum großen Lob für die Plattform ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek. Die Recherche erweist sich als sehr zeitaufwendig, findet man doch immer etwas, was man gar nicht gesucht hat. Mein großer Dank gilt Christa Müller, die unermüdlich dafür sorgt, dass das Angebot stetig erweitert wird.

Dass dieses Buch zeitgerecht erscheinen kann, ist einer Person zu verdanken: Gexi Tostmann. Manche Telefonate kommen zum richtigen Zeitpunkt. Nach den beiden vergangenen Jahren mit drei Büchern und etlichen anderen Projekten sank der Energiepegel rapide ab. Ich war überzeugt, dieses nun vorliegende Buch zu verschieben, doch meine Freunde unterstützten mich, ohne Druck auszuüben – danke, dass ihr für mich da wart, Christoph und Moni!

Mein Dank gilt all jenen, die mich mit Hinweisen, Materialien, Fotos, Kontakten, Gedanken, Gesprächen, Wohlwollen und viel Geduld versorgt haben: Paul Adler, Stefan Adler, Harald Brixel, Christoph Cornaro, Wolfgang Köchert, Kathrin Korngold Hubbard, Andrea Loudon, Elisabeth Löwenthal, Catrin Neumüller, Sir Gustav, Brigid und Kate Nossal, Claudia Schorna, Paul Slatin, Simone Slatin, Ossi Stadler, Barbara Thiem, Clemens und Stephan Trauttenberg.

Auf meine unermüdlichen Korrekturleser und -innen ist immer Verlass: Georg Gaugusch, Christiane Arnbom, Elisabeth Kühnelt-Leddihn und Hanna Ecker, die mich mit konstruktivem Feedback versehen haben. Helene Breisach sei für ihr genaues Korrigieren ebenfalls herzlich gedankt!

Dem Amalthea Verlag mit dem engagierten Team um Katarzyna Lutecka danke ich für das Vertrauen und die wie immer großartige Unterstützung.

Marie-Theres Arnbom

März 2019

Rundwege und »Roadtrips«

Wie schon in den ersten beiden Bänden dieser Reihe über die Villen in Bad Ischl und am Attersee habe ich versucht, Entdeckungstouren zusammenzustellen, doch erweist sich dies aufgrund der geografischen Gegebenheiten als schwierig.

Daher habe ich diesmal auf verschiedene Fortbewegungsmittel zurückgegriffen: Der erste Weg bietet für alle Autofahrer einen stimmungsvollen Einstieg in die Atmosphäre des Salzkammerguts. In Gmunden angekommen, sollte die Stadt mit ihren Villen jedoch besser zu Fuß erkundet werden. Zwei Wege in diesem Buch sind darum als Leitfaden für Stadtspaziergänge gedacht, die an vielen anderen wunderschönen Villen vorbeiführen, die hier leider aus Platzgründen nicht Aufnahme finden konnten.

Weiter geht es per Fahrrad nach Altmünster und fast nahtlos anschließend nach Traunkirchen, das jedoch auch am besten zu Fuß erkundet werden sollte. Ebenso wie Rindbach, diese Enklave in Ebensee, in der viele Villen das Auge erfreuen, doch auch der Verlust und Abriss deutlich werden.

Einen besonderen Blick auf die Villen bietet natürlich immer eine Tour auf dem See, per Linienschiff, Segelboot oder Motorboot: Diese Perspektive eröffnet einen ganz anderen Blick.

Die physische Anwesenheit bietet Anregungen, ist aber nicht zwingend nötig. Viele Geschichten können auch gemütlich auf dem Sofa gelesen werden, denn dieses Buch möchte in die Welt der vergangenen Sommerfrische eintauchen, die so viele Menschen in ihren Bann zog und ihnen unvergessliche Jahre beschert hat, in guten wie in schlechten Zeiten.

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Der Höselberg in den 1970er-Jahren

Weg 1

1 »Gott rächt.« Erich Wolfgang und Luzi Korngolds geliebter Höselberg

Gschwandt bei Gmunden, Schlossberg 1

»Es war am späten Nachmittag und bereits dunkel, als wir den ziemlich steilen Aufstieg, der durch ein Wäldchen führte, unternahmen. Als wir aus der Lichtung traten, lag auf dem Gipfel des Hügels das Gebäude vor uns: kein Schloss, sondern ein uralter, bezaubernd schöner, langgestreckter Bauernhof, auf dem ein vormaliger Besitzer, Fürst Sulkowski, an einer Seite ein Stockwerk samt kleinem Türmchen aufgebaut hatte. Wir arbeiteten uns durch den hohen, glitzernden Schnee voran. Vor dem alten Teil des Hauses stand die unvermeidliche große Linde, der ›Schlosshof‹ war umrahmt von schweren alten Tannen. Als hätten wir all das schon erlebt, gingen wir ›nach Hause‹: und als wir dann erst vor der eichenen Türe standen, in die die Jahreszahl 1769 eingekerbt war, und in das niedrige, mit gotischen Bögen überdachte Vorhaus eintraten, da waren wir zu Hause. Ein merkwürdig modriger Geruch von alten Mauern und altem Holz schlug uns entgegen, eine vertraute, anheimelnde Atmosphäre umgab uns. Noch bevor wir das ganze Gebäude mit seinen 18 Zimmern inspiziert, geschweige denn vom Kaufpreis gesprochen hatten, sagte ich leise zu Erich: ›Das gehört uns‹ – und er nickte, ebenso verzaubert wie ich. Zu dem Schloß gehörte auch eine richtige Hühnerfarm mit 2000 weißen Legehühnern. Die alten Stallungen standen leer. Nachbarn von links und rechts lieferten alle Lebensmittel: Milch, Butter, Speck und dunkles Bauernbrot.«2

Luzi Korngold hat wunderbare Erinnerungen an die erste Begegnung mit dem neuen Zuhause, das das Ehepaar am 25. Februar 1933 erwirbt – Luzi stammt aus der berühmten Familie Sonnenthal und ist mit Familie Löwenthal in Traunkirchen verwandtschaftlich verbunden, Erich Wolfgang, das einstige Wunderkind, kann bereits auf eine höchst erfolgreiche Karriere als angesehener und erfolgreicher Komponist und Dirigent zurückschauen. Beste Voraussetzungen, ein schönes und gediegenes Sommerdomizil mit Musik und Freunden zu beleben.

Das Gut Höselberg in Gschwandt, ein wenig abseits des Trubels in Gmunden gelegen, kann auf eine lange Geschichte zurückblicken und besticht durch wunderliche, auch gruselige Details: »Der niedrige Stuckplafond des Speisezimmers zeigte vier seltsame Embleme: ein Auge, ein Ohr, eine Axt und eine Faust – Gott sieht, Gott hört, Gott rächt, Gott straft. Jedesmal, wenn mein Blick auf die jahrhundertealten Ornamente fiel, überkam mich ein abergläubisches Unbehagen.«3 Dieses bewahrheitet sich auch.

»Da Korngold schon immer für Gmunden eine große Vorliebe empfunden und sich auch schon mehrmals bei Freunden und Bekannten in der Traunseestadt aufgehalten hatte, erwarb er 1933 das Schloss Höselberg in Gschwandt bei Gmunden. Im Jahre 1955 verkaufte das Ehepaar Korngold das Schloss an die Gemeinde Gschwandt.«4 Diese Mitteilung auf der Website des Musealvereins Gmunden ist zweifellos richtig. Dass die Korngolds jedoch nicht 22 Jahre durchgehend und friedlich die Eigentümer dieses schönen Anwesens sein durften, wäre vielleicht doch eine Erwähnung wert. Von diesen 22 Jahren verbringen sie gerade einmal fünf Sommer in ihrem Haus – dann sind sie nicht mehr erwünscht.

1937 komponiert Korngold in der Sommerfrische seine letzte Oper Die Kathrin, die im März 1938 an der Wiener Staatsoper uraufgeführt werden soll – doch dies kommt nicht mehr zustande. Erst am 7. Oktober 1939 ist das Werk erstmals zu hören – an der königlichen Oper in Stockholm unter der Leitung von Fritz Busch. Der Komponist kann nicht anwesend sein, die Reise vom weit entfernten Hollywood nach Stockholm ist zu aufwendig. Bereits im Herbst 1934 reisen die Korngolds erstmals für einige Monate nach Hollywood: Max Reinhardt vermittelt seinem alten Freund und Kollegen die Möglichkeit, die Musik Felix Mendelssohn Bartholdys zu seinem Sommernachtstraum-Film zu arrangieren. 1935 unterschreibt Korngold einen Vertrag mit Paramount Pictures und reist mit seiner Familie erneut nach Hollywood – nun kann er sich neuer Aufträge für Filmmusik nicht mehr erwehren und arbeitet parallel auch für Warner Brothers. Mit Riesenerfolg: 1936 wird er für die beste Filmmusik zu Captain Blood mit dem jungen Errol Flynn für den Oscar nominiert. Doch zieht es die Familie zurück nach Österreich: »Wir glaubten immer noch – mehr mit dem Herzen als mit dem Verstand, daß wir eine Heimat hatten, in die wir zurückkehren konnten, die wir nicht verlassen wollten«, erinnert sich Luzi Korngold. »Es war Selbstbetrug, eine holde Täuschung: das naiv-zuversichtliche ›Uns-kann-nichts-Geschehen‹ glücklicher Menschen. So träumten wir im Winter bei strahlender kalifornischer Sonne von unseren regenfeuchten Wiesen daheim.«5 Auch 1937 tritt Korngold die Reise nach Hollywood an – diesmal kehrt er mit einem Oscar im Gepäck nach Österreich zurück, für die Musik zum Film Anthony Adverse.

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Erich Wolfgang und Luzi Korngold mit Freunden

Im Jänner 1938 erreicht ihn ein Telegramm mit der dringlichen Frage, ob er innerhalb von zehn Tagen in Hollywood sein könne, um die Musik zu Robin Hood zu komponieren. Korngold sagt zu und reist mit Frau und Sohn nach Le Havre, wo ihn das Schiff Normandie nach New York bringt. An Bord befindet sich auch der große Sängerstar Jan Kiepura, der eigentlich in der Uraufführung von Die Kathrin singen sollte. Am 4. Februar 1938 erreichen die Korngolds Amerika – nicht wissend, aber ahnend, dass dies die Rettung ist.

Sechs Wochen später gibt es Österreich nicht mehr. In Gmunden wachsen sofort die Begehrlichkeiten auf den Höselberg, doch so einfach können die Nazis den Besitz nicht enteignen, denn Erich Wolfgang Korngold versucht vorerst, den Besitz selbst zu verkaufen – der Vertrag ist aufgesetzt und unterzeichnet, doch muss er von der Vermögensverkehrsstelle bewilligt werden, denn Korngold gilt als Devisenausländer. Ein kompliziertes Verfahren, verstärkt durch die Inkompetenz der einzelnen Behörden. Als Käufer tritt Alfred Demelmayer auf, die Nazis ziehen natürlich Erkundigungen über ihn ein. »Der Angefragte ist kein Parteimitglied. Er war aktiver Heimwehroffizier in militanter Formation, scharfer Nazigegner und ist innerlich weiterhin Gegner der NSDAP, bedingt durch seine Ehe mit einer Halbjüdin. Er setzte in der Verbotszeit gleich seinem halbjüdischen Schwager Dr. Mayer-Gunthof eine Kopfprämie für jeden ergriffenen Nazi, war stets in Uniform und auch Mitglied der Vaterländischen Front. Der Genannte ist der Typus des Reichen, der für Volksgemeinschaft kein Verständnis hat. Bei der NSV und DAF ist er zwar Mitglied, spendet aber nicht seinen Einkünften entsprechend.«6 Fünf Tage später lehnt der Reichsstatthalter in Oberdonau die Bewilligung des Kaufvertrages erwartungsgemäß ab. Demelmayer legt Beschwerde ein und versucht, seine treue Gesinnung darzulegen – doch so ganz nehmen ihm das die Nazis nicht ab. Zu Recht, begründet er doch gemeinsam mit seinem Bruder die Widerstandsgruppe »Demelmayer« und setzt sich aktiv gegen die Nationalsozialisten zur Wehr.

1941 beschlagnahmt die Gestapo den Korngold’schen Besitz, am 18. April 1941 wird das Anwesen »für das Deutsche Reich – Reichsarbeitsdienst einverleibt«. Frauen, die den Reichsarbeitsdienst ableisten müssen, werden nun hier einquartiert.

1949 kommen Erich Wolfgang und Luzi Korngold erstmals wieder nach Österreich – der erste Weg in Österreich gilt dem Höselberg: »Da lag das liebe, alte Gmunden vor uns: der große Platz, die Schwäne am Seeufer, der Traunstein, der seine Spitzen in das hier so seltene Blau des Himmels zackte. Jedes Geschäft noch auf dem alten Platz, im Kaffeehaus noch der alte Ober – alles unverändert. Nur mussten wir im Hotel absteigen, denn in unserem Haus am Höselberg wohnten 40 DP’s (Displaced Persons), arme, vertriebene, heimatlose Menschen, die darauf warteten, nach Amerika, Kanada, Australien verschifft zu werden. So war das Wiedersehen mit dem verwahrlosten und heruntergekommenen Höselberg anfänglich sehr traurig. In jedem Zimmer vegetierte eine Familie, das Mobiliar bestand aus Kisten und dürftig zusammengetischlerten Betten. Von unseren Möbeln war kein einziges Stück übriggeblieben, die schöne, uralte eichene Haustür war aus der Wand gerissen und wahrscheinlich verheizt worden, der Stuckplafond durch einen Rohrbruch traurig zerstört – von den Emblemen nichts übrig als: ›Gott rächt.‹«7

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Dieses Bild hängt bis heute im Büro von Korngolds Enkelin Kathrin in Portland/Oregon.

Die Rückstellung des Besitzes erfolgt mit Beschluss vom 12. Mai 1949 – doch verbringen die Korngolds keinen Sommer mehr in ihrem einstmals so schönen Besitz, sondern kommen nur noch ein einziges Mal nach Gmunden: »Erich hätte Europa nicht verlassen, ohne von seinem Höselberg Abschied zu nehmen.«8

In Portland/Oregon über dem Schreibtisch seiner Enkelin Kathrin, benannt nach der am Höselberg entstandenen Oper, hängt bis heute ein Foto des Höselbergs.

2 »Die glänzendste Virtuosenerscheinung seit Paganini …«

Der Meistergeiger Joseph Joachim und das Haus Hannover

Gmunden, Cumberlandstraße 36

Kaum ein Sommergast verbindet so viele Familien, die rund um den Traunsee angesiedelt sind: Joseph Joachim, der heute fast völlig vergessene Meistergeiger. Ein Nachruf auf ihn in der Neuen Freien Presse fasst seine vielfältigen Beziehungen zum Traunsee zusammen: »Josef Joachim stand zur Familie Wittgenstein in den freundschaftlichsten Beziehungen. Schon als Knabe fand er in diesem kunstsinnigen Hause herzliche Aufnahme und reiche Förderung. Die Mutter der Brüder Wittgenstein hatte ihn schon als Knaben in ihr Haus gezogen und Joachim betrachtete die geistig hochstehende Dame zeitlebens gewissermaßen als seine Ziehmutter. Felix Mendelssohn war in Leipzig der treue Mäzen des jungen Künstlers: beide verband trotz des Altersunterschiedes innige Freundschaft. Ebenso treue Freunde waren ihm die Mitglieder der Familie Mendelssohn in Berlin durch Jahrzehnte. Sein inniges Verhältnis zu Brahms ist bekannt; ebenso die Verehrung, welche Joachim für die Familie des Herzogs von Cumberland hegte und diese für den Künstler. Fast jeden Sommer war Joachim Gast des Herzogs von Cumberland in Gmunden; hier gab er zu wohltätigen Zwecken Konzerte, oder er stellte seine Kunst in den Dienst der Kirche.«9

All die Genannten verbringen den Sommer am Traunsee: Familie Wittgenstein in Gmunden, Familie Mendelssohn in Rindbach, Johannes Brahms in Gmunden, ebenso der Herzog von Cumberland, wie sich das Haus Hannover nun nennt. Und mittendrin Joseph Joachim (siehe Kapitel 10, 27, 26).

Doch wie kommt es zu diesem europäischen Netzwerk? Joseph Joachim gilt als Wunderkind, musiziert bereits in jungen Jahren mit Felix Mendelssohn Bartholdy und begeistert durch seine vollendete Technik – ideale Voraussetzungen, um sich einen Rang in einer Epoche zu erobern, die von großer Begeisterung für Virtuosen geprägt ist. Es ist die Zeit des Teufelsgeigers Paganini, des ebenso dämonischen Pianisten Franz Liszt, des angehimmelten Geigers Heinrich Wilhelm Ernst. Das Publikum liebt diese Künstler, die von einer Aura des Unheimlichen umgeben sind. Joseph Joachim steht ihnen um nichts nach. 1852 wird er Konzertmeister am Hannoveranischen Hof, sieben Jahre später Konzertdirektor. Das Jahr 1866 bedeutet für Joachim, aber vor allem für das Königshaus von Hannover, einen bedeutenden und schmerzlichen Einschnitt: Nach dem Ende des deutsch-österreichischen Krieges wird Hannover zu einer preußischen Provinz degradiert, der König muss ins Exil und findet dieses in Gmunden. Auch Joachim verlässt Hannover und übernimmt die Leitung der neu gegründeten Königlichen »Lehranstalt für ausübende Tonkunst« in Berlin. Dem Hause Hannover bleibt er trotzdem verbunden.

»Schon als Konzertmeister in Hannover nahm er eine bevorzugte Stellung ein. Der musikliebende Hof war stolz auf seinen Besitz und zeichnete bei jeder Gelegenheit ihn aus. Der König Georg V., die Königin Marie waren für ihn sorgende Freunde, denen sein Wohl am Herzen lag – und wie hat er ihnen die Treue bis zuletzt gewahrt! Kein Sommer, in dem er das Königspaar im Exil und nach dem Tode des Königs die Königin Marie nicht besucht und durch die alten Weisen an die alten Zeiten erinnert hätte! Denn was auch in politischer Hinsicht gegen das Hannover des letzten Königs gesagt werden mag und muß: In künstlerischer Hinsicht ward es von keiner anderen deutschen Stadt übertroffen.«10

In Gmunden nimmt Joseph Joachim eine ganz besondere Stellung ein, wie sich Maria Komorn anlässlich seines 100. Geburtstags am 28. Juni 1931 erinnert – eine ganz rührende Geschichte: »Gmunden am Traunsee in den Ferien 1893. In einer altvaterischen ›Einspänner‹-Droschke kann man sehr häufig einen schönen alten Herrn mit goldener Brille und breitem Hut auf seiner Morgen- oder Nachmittagsspazierfahrt sehen, und gleich stecken die Vorübergehenden