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GERHARD JELINEK

NEUE ZEIT
1919

Ein Jahr zwischen Hoffnung und Entsetzen

Mit 38 Abbildungen

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Dank

In ein Buch fließen viele gute Ideen und Anregungen ein. Mancher Hinweis auf ein Ereignis oder eine Quelle entspringt einem Gespräch, einem Zufall. So erhielt ich die Information über die Lawine von Galtür zu Weihnachten 1919 von Bürgermeister Anton Mattle, den ich für einen Film über die Katastrophe von 1999 interviewte. Mein filmhistorisch gebildeter Freund Herbert Grabner steuerte Informationen über Österreichs beachtliche Filmproduktion jener Zeit bei. Lothar Höbelt gab Hinweise zur »tschechischen Legion«. Ulrich Schlie überließ mir Unterlagen zum Schweizer Diplomaten Carl Jacob Burckhardt. Roman Sandgruber verdanke ich Anregungen zur Familie Rothschild. Und Rechnungshof-Präsidentin Margit Kraker wird einem ihrer Vorgänger und seinen Mahnungen vor »kleinlicher Pedanterie« im Kapitel zum 4. Juli 1919 begegnen. Die – wie immer – unkomplizierte und wertschätzende Zusammenarbeit mit Katarzyna Lutecka und Madeleine Pichler vom Amalthea Verlag hat das Buch überhaupt erst ermöglicht. Und mein Manuskript wäre ohne die engagierte Lektorin Helene Sommer nie zu jenem schönen Buch geworden, das nun in Ihren Händen liegt. Meine Frau, Martina Salomon, hat das Schreiben maßgeblich durch ihre beruflichen »Extraschichten« in der Redaktion der Tageszeitung KURIER befördert. (Auf Facebook würde man jetzt ein Smiley tippen.) Das hat den zeitlichen Freiraum gesichert, den es zum Eintauchen in eine »neue Zeit« braucht. Und zum Schluss: Das eröffnen einer historischen Welt, auch wenn sie für viele Menschen in der Zeit durchaus schwierig war, hat Freude gemacht. Danke.

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2019 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Umschlagabbildung: ANNO/Österreichische Nationalbibliothek

Lektorat: Helene Sommer

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11,25/14,8 pt Chaparral Pro

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-150-4

eISBN 978-3-903217-36-2

Inhalt

Vorwort

1. Jänner 1919

»Die Stimmung war ganz leidlich«

Arthur Schnitzler begrüßt das neue Jahr mit einem »Pferderlspiel«

5. Jänner 1919

»Gott, deine starke Faust stürzt das Gebäude der Lüge«

Vor der Wiener Karlskirche wird der Kriegshelden gedacht

9. Jänner 1919

»Her damit! Knüpfen wir sie einfach auf«

Gewalttätige Demonstrationen und Plünderungen

11. Jänner 1919

»Wehe der Nachkommenschaft, die Dich verkennt!«

Peter Altenberg stirbt in seinem Hotelzimmer

11. Jänner 1919

»Ganz Berlin ist ein brodelnder Hexenkessel«

Die Kämpfe um das Verlagsgebäude Mosse

13. Jänner 1919

»Wir sprachen viel über den Krieg«

Präsident Woodrow Wilson schickt einen Amerikaner nach Wien

15. Jänner 1919

»Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht!«

Mit der Ermordung von Rosa Luxemburg bricht der Spartakusaufstand zusammen

23. Jänner 1923

»Für den privaten Geschäftsgeist wird noch weiter Raum bleiben«

Karl Renner gibt einer amerikanischen Journalistin ein Interview

1. Februar 1919

»Von den neun Koryphäen können wir nur eine als talentiert bezeichnen«

Operndirektor Richard Strauss will Tänzerinnen besser bezahlen

2. Februar 1919

»Eine fast pathologische Neigung zum Verzerrten«

Ein künstlerischer Nachruf auf Egon Schiele

3. Februar 1919

»Der Kampf der Gewalten – Ein Drama der Arbeit«

Der Film erobert als Massenmedium Wien

16. Februar 1919

»Die Hauptsache ist, daß Ihr, mit Euren Frauen, das Wahlrecht ausübet!«

Bei den ersten Wahlen in der Republik dürfen 1,9 Millionen Frauen mitentscheiden

22. Februar 1919

»Keine Untersuchung der Rolle des Kaisers während des Krieges«

Der Kaiser erhält im niederösterreichischen Exil Besuch

22. Februar 1919

»An jenem Abend hab’ ich die Alma ermordet«

Oskar Kokoschka fehlt die Geschmeidigkeit einer Weiberhaut

25. Februar 1919

»Die Nerven kommen nicht im Mindesten zu Schaden«

Der Ottakringer Telepath Erik Jan Hanussen löst Kriminalfälle

27. Februar 1919

»Seine Majestät ist aufs Beste versorgt, wahrhaft gut aufgehoben«

Bayerns König Ludwig flieht vor Münchens Spartakisten ins Tiroler Ötztal

28. Februar 1919

»Die Zöglinge zu einer einfachen Lebensführung erziehen«

Die »Theresianische Akademie« wird republikanisch

4. März 1919

»Märtyrer des alten Staates«

Der letzte Ministerpräsident von Kaiser Franz Joseph stirbt im Sanatorium

23. März 1919

»Die Bevölkerung bereitete lebhafteste Abschiedsdemonstrationen«

Der ehemalige Kaiser Karl reist ins Schweizer Exil

6. April 1919

»Das Fußball-Länderspiel nahm einen imposanten Verlauf«

Ungarn besiegt Deutschösterreich in Budapest mit 2:1

10. April 1919

»Wien hat wieder einmal allen Grund, sich zu schämen«

Richard Strauss wird Direktor der Wiener Oper

11. April 1919

»In Kürze dürfte eine Erhöhung der Mehl-Wochenration erfolgen«

Im Frühjahr 1919 beginnt sich die Ernährungslage langsam zu bessern

12. April 1919

»Der Schwan – ein Blutzeuge des Wiener Hungers«

Ein angeblich 80-jähriger Schwan wandert in den Kochtopf

17. April 1919

»Die bestialistischen Instinkte des Wiener Tiermenschentums«

Am Gründonnerstag scheitert ein bolschewistischer Putschversuch

17. April 1919

Vorarlberg ist »absolut frei von unerwünschtem Bolschewismus«

Das westlichste Land will ein Schweizer Kanton werden

19. April 1919

»Der Eindruck dieser Produkte ist geradezu beleidigend«

Im Wiener Künstlerhaus wird expressionistische Malerei gezeigt

4. Mai 1919

»Die Epoche der Erfüllung des Sozialismus hat begonnen!«

Mit der Gemeinderatswahl beginnt die Epoche des »Roten Wien«

5. Mai 1919

»In historischer Stunde fallen die Würfel über Tirols Schicksal«

Tirol erklärt sich zum selbstständigen und neutralen Freistaat

18. Mai 1919

»Das Muster eines Mannes, der strebte, ohne ein Streber zu sein«

Ludwig Bösendorfers Leben verklingt

3. Juni 1919

»Wien ist heute ganz gebrochen«

In Saint-Germain werden die Friedensbedingungen bekannt

7. Juni 1919

»Die übermächtige Sehnsucht nach der Heimat«

Ein Erzherzog scheitert als Greißler im Gemeindebau

15. Juni 1919

»Blut auf den Straßen, auf den Trottoirs, an den Wänden«

Eine kommunistische Demonstration endet in einer Katastrophe

16. Juni 1919

»Drei erprobte Kämpfer für das Deutschtum Prags«

Erste Gemeinderatswahlen in der Tschechoslowakei

21. Juni 1919

»Paragraf elf. Bestätigen«

In der Bucht von Scapa Flow lässt ein deutscher Admiral die gesamte Flotte untergehen

27. Juni 1919

»Die Mannschaft Bayerns, die bekanntlich die beste Münchens ist«

Der Arbeiter-Sportclub Rapid feiert seinen 20. Geburtstag

4. Juli 1919

»Von jeder kleinlichen Pedanterie freizuhalten!«

Der neue Staatsrechnungshof versucht eine Anfangsbilanz für die Republik zu legen

11. Juli 1919

»Ohne Juden – wird es uns gut geh’n!«

Forstarbeiter der Rothschild’schen Besitzungen demonstrieren gegen Juden

19. Juli 1919

»Der entfesselte Eros«

Der kinematografische Fachverband beklagt erotische Filmsujets

29. Juli 1919

»Joseph Habsburg, Bürger der Republik Ungarn«

Der Kaiser im Exil versucht in Budapest politische Fäden zu spinnen

5. August 1919

»Der gemeine Mörder ist vogelfrei«

Der geflüchtete Kommunist Béla Kun wird im Waldviertel versteckt

7. August 1919

»Alles, was Liebe ersinnen kann«

Italien entlässt österreichische Kriegsgefangene

13. August 1919

»Wiener Nacht- und Hoffnungslicht«

Mit Karbidbeleuchtung dürfen Kaffeehäuser länger offen halten

14. August 1919

»Béla Kun, Béla Kun, tja, da läßt sich gar nichts tun«

Dem Kommunisten Ernst Bettelheim wird eine Frau zum Verhängnis

6. September 1919

»Der Kampf um jedes Haus, um jeden Wald und um jeden Weinberg«

Die Nationalversammlung stimmt dem Friedensvertrag zu

12. September 1919

»Das Utopia des Poeten«

Gabriele d’Annunzio besetzt mit Freischärlern Fiume

1. Oktober 1919

»Wiens hat sich ja in den letzten Jahren eine Tanzmanie bemächtigt«

Rittmeister a. D. Elmayer eröffnet ein privates Tanzinstitut

10. Oktober 1919

»Neue Offenbarungen aus nervenzerquälenden Tonorgien«

Die Uraufführung der Frau ohne Schatten ist das kulturelle Ereignis der Republik

21. Oktober 1919

»Wir erklären schmerzbewegten Herzens«

Die Konstituierende Nationalversammlung streicht das Wort »Deutsch«

12. November 1919

»Nur die Kraft des Proletariats kann die Republik verteidigen«

Streit am ersten Jahrestag der Republikgründung

23. Dezember 1919

»Ganz unheimliche Schneemassen«

Im fernen Tiroler Patznauntal werden Berghütten geplündert

31. Dezember 1919

»Ich war froh, daß 1919 zu Ende ging«

Dr. Sigmund Freud wird ordentlicher Universitätsprofessor

Ein Jahr im Zeitraffer

Literaturverzeichnis

Bildnachweis

Namenregister

Vorwort

Am Anfang steht eine Korrektur. Auf den im Wiener Staatsarchiv in einem eher schlichten Karton verwahrten Druckfahnen des »Gesetzes über die Staatsform vom 21. Oktober 1919« sind die ersten Worte des ersten Artikels durchgestrichen: »Die deutschen Alpenlande sind eine demokratische Republik.«

Im Herbst 1919 – auf den Tag genau ein Jahr nach der ersten Sitzung der provisorischen Nationalversammlung, die sich im niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Herrengasse versammelt hat – ist die Staatswerdung Österreichs mit der Findung eines Namens vorerst einmal abgeschlossen. Österreich heißt Österreich, weil es die alliierten Siegermächte so erzwungen haben. Und Österreich ist als Republik ein selbstständiger Staat, weil die Sieger einen Anschluss der deutschen Bevölkerung Österreichs ans Deutsche Reich verboten haben. Die Neue Zeit beginnt 1919 unter schlechten Vorzeichen.

Die Monate von November 1918 bis Oktober 1919 sind eine Zeit, in der die sechs Millionen »Deutschen« der untergegangenen Habsburgermonarchie auf jede Gewissheit verzichten müssen. Eine Zwischenzeit. Kein Krieg mehr, aber auch noch kein Frieden. Ein Staat schon, aber ohne Freiheit. Eine Notgemeinschaft, aber keine Nation. Ein Land ohne feste Grenzen. Das erste Nachkriegsjahr ist eine politisch und gesellschaftlich turbulente Epoche, in der in Österreich, so wie in vielen anderen Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas, die politischen Weichen neu gestellt werden, der Boden schwankt und tiefe Brüche sichtbar werden. Jahrhundertealte Gewissheiten verschwinden, Zukunftsängste überlagern das anfangs so freudig begrüßte Ende des alten Regimes.

Die Gründung der »Republik Deutschösterreich« war kein revolutionärer nationaler Schöpfungsakt, sondern das Ergebnis des militärischen Zusammenbruchs und des daraus erfolgenden inneren Zerfalls der Habsburgermonarchie. Oder war es umgekehrt? Führte das schleichende Zerbrechen des k. u. k. Gebildes in Nationalstaaten, die freilich längst noch keine Staaten waren, zur militärischen Niederlage? Eine Revolution war es nicht. Der Schweizer Gesandte in Wien, Carl Jacob Burckhardt, ist ein im doppelten Sinn neutraler Zeitzeuge: »Was geschah, ist kein eruptives Ereignis; es ist ein leises, mattes, halb widerstrebendes Abrutschen in einen, auf die Dauer wohl auch unhaltbaren Zustand, etwas Schleichendes, wobei das Unheimliche nicht gewaltmäßig in Erscheinung trat, sondern nur fahl im Hintergrund erschien.«

Die Ausrufung der Republik am 12. November auf der Parlamentsrampe erfolgte nicht in einer Phase kollektiver Begeisterung. Die in den wenigen überlieferten Filmminuten eingefangene Stimmung wirkt nicht nur durch das regnerische Novemberwetter getrübt, die Befindlichkeiten der unterschiedlichen Bevölkerungsschichten sind in dieser semirevolutionären Umbruchsphase keineswegs einheitlich. Zwischen dem Empfinden in Bregenz, Kufstein, Vöcklabruck oder Böheimkirchen und der Stimmung auf der Wiener Ringstraße liegen Welten. Es fehlte (und fehlt) bis heute ein alle Parteien- und Gesellschaftsschichten verbindendes Narrativ. Es gibt keines.

Der Republikgründung in Wien ist ein Hochfest der österreichischen Sozialdemokratie. Vertreter der anderen zwei politischen »Lager«, der Christlichsozialen und der betont Deutschnationalen, stehen im Schatten. Dabei proklamiert der deutschnationale Parlamentspräsident Franz Dinghofer gemeinsam mit dem sozialdemokratischen Staatskanzler Karl Renner am Nachmittag des 12. November die Republik. In der provisorischen Nationalversammlung, die aus den Abgeordneten des 1911 gewählten letzten Reichsrats besteht, die in deutschsprachigen Wahlkreisen gewählt worden sind, haben die bürgerlichen Deutschnationalen mit 111 von insgesamt 208 Abgeordneten noch eine absolute Mehrheit. Die Christlichsozialen sind die zweitstärkste Fraktion. Doch diese Mandatsstärken in der »provisorischen« Nationalversammlung spiegeln längst nicht mehr die wirklichen politischen Verhältnisse wider.

Das erste Jahr der jungen Republik wird – zumindest in Wien – überwiegend von der Sozialdemokratie geprägt. Das Bürgertum scheint sich ängstlich zu ducken und beginnt erst langsam wieder am politischen Diskurs teilzunehmen. Bei der Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919, bei der erstmals 1,9 Millionen Frauen (gegenüber nur 1,65 Millionen Männern) ihre Stimme nicht nur erheben, sondern auch abgeben dürfen, werden die gut organisierten Sozialdemokraten zur stärksten Fraktion. Sie erreichen 72 Mandate, verfehlen aber eine absolute Mehrheit. Bis 1920 bildet die SDAP mit der Christlichsozialen Partei, die auf 69 Mandate kommt, die erste »große« Regierungskoalition. Neben diesen beiden großen Parteien sind mehrere deutschnationale Gruppen mit insgesamt 26 Mandaten in der Nationalversammlung vertreten. Die bürgerlich-liberalen Kandidaten sind die großen Verlierer, ein einziger schafft es ins Parlament.

Eine Republik in Angst vor revolutionären Umtrieben und eine Verwaltung in k. u. k. Tradition, die sich schon am Tage der Ausrufung der Republik zur Verfügung stellt: Ministerialrat Dr. Josef Freiherr von Löwenthal erscheint am 12. November im Parlament und teilt dem provisorischen Staatskanzler Karl Renner mit, dass er in der Herrengasse 7 gut eingerichtete Büroräume und loyale Mitarbeiter vorfinden werde. Der 46-jährige Jurist aus begütertem großbürgerlichen Haus übernimmt selbst die Leitung der Staatskanzlei. Damit ist der nahtlose Übergang von der bürokratischen Monarchie zur bürokratischen Republik – und damit auch deren Funktionieren – gesichert. Der Übergang von einer Staatsform in die andere wird in den entscheidenden Wochen ordentlich administriert. Die Institutionen mögen einen anderen Namen, ein anderes Wappen erhalten, aber sie legen weiter Akten an, erlassen Verordnungen, urteilen und agieren bescheidgemäß. Die Republik wird von den gesellschaftlichen Eliten des Kaiserreichs ausgerufen. Die sozialdemokratischen Funktionäre gehören dazu. Sie wurden schon 1907 und 1911 aufgrund eines allgemeinen und gleichen Wahlrechts (für Männer) gewählt.

Der Adel ist zwar abgeschafft, lebt aber auf seinen Gütern und in den Wiener Palais fort. Die Frauen erhalten politische Gleichberechtigung und werden doch von Entscheidungen ferngehalten. Ein Hellseher taucht auf und hypnotisiert die Massen. Die von vier Kriegsjahren ausgelaugte Bevölkerung wird von der »Spanischen Grippe« erfasst. Es fehlen Kohle zum Heizen, Gas zum Kochen und Erdäpfel zum Essen. Wiens Kinder hungern, sie sterben an Tuberkulose (die zur »Wiener Krankheit« wird) und werden in die Schweiz, nach Schweden, Norwegen oder in die Niederlande zum »Aufpäppeln« verschickt. Der Diplomat Carl Jacob Burckhardt kommt in diesen Tagen nach Wien und ist entsetzt: »Die Stadt bot einen Anblick, bei dem man überhaupt nicht mehr annahm, daß noch irgendetwas in ihr geschehen könne, irgendein Ereignis hier seinen Ursprung nehmen, irgendeine Regung erfolgen werde. Man sah damals die Leute auf der Straße vor Hunger umfallen; von allem Elend, das herrschte, als der Weltkrieg in der Not der mitteleuropäischen Menschheit zusammenbrach, war das Wiener Elend das schrecklichste, die Erschöpfung der Kaiserstadt die tiefste, die Aussicht des alten Österreichs die hoffnungsloseste.« Stefan Zweig wundert sich noch Jahrzehnte später, »wie das ausgeplünderte, arme, unselige Österreich damals erhalten geblieben ist. Zur Rechten hatte sich in Bayern die kommunistische Räterepublik etabliert, zur Linken war Ungarn unter Bela Kun bolschewistisch geworden, noch heute bleibt es mir unbegreiflich, dass die Revolution nicht auf Österreich übergriff.« Der Schriftsteller vergisst auf den etwas weiteren Blick. In Berlin toben Straßenkämpfe. Reguläre Armeeeinheiten setzen Artillerie und sogar Flugzeugbomben gegen den Aufstand der »Spartakisten« ein. 1200 Menschen sterben in der deutschen Hauptstadt. Im ehemaligen russischen Zarenreich kämpfen auch noch im zweiten Jahr nach der Revolution Soldaten der »Weißen« gegen die bolschewistische »Rote Armee«. In Dalmatien meutern italienische Truppen und besetzen unter dem pathetischen Kommando des Dichters Gabriele d’Annunzio die Hafenstadt Fiume. Und bei den schottischen Orkney-Inseln versenkt ein deutscher Konteradmiral fast die gesamte wilhelminische Flotte.

Europa ist ein Tollhaus. Der Abbruch jahrhundertealter und längst überholter Staatsstrukturen wird zum Nährboden für einen »Krieg der Träume und der Ängste«. An Explosivstoff fehlt es wahrlich nicht. Zweig beschreibt die Welt von Gestern: »In den Straßen irrten die heimgekehrten Soldaten halb verhungert und in zerrissenen Kleidern umher und sahen erbittert auf den schamlosen Luxus der Profiteure des Krieges und der Inflation.«

Ob der Präsident der provisorischen Nationalversammlung, der Sozialdemokrat Karl Seitz, oder Staatskanzler Karl Renner selbst mit Bleistift die Korrektur im 1. Artikel des Verfassungsgesetzes vorgenommen hat, bleibt unbekannt. Die »deutschen Alpenlande« werden jedenfalls auf der Druckfahne handschriftlich durch den Begriff »Deutschösterreich« ersetzt, ehe auf Verlangen der Siegermächte das »Deutsch« gestrichen werden muss und »Österreich« bleibt. So soll das Land, das nach einem unbelegten Zitat des französischen Ministerpräsidenten Georges Benjamin Clemenceau nur »der Rest« (»L’Autriche est ce qui reste«) der einstigen Habsburgermonarchie ist, heißen. Der Name Österreich wird im Friedensvertrag von Saint-Germain den »Deutschösterreichern« aufgezwungen. Und das territoriale Überbleibsel der einst »im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder« wird mit einem Verbot belegt: Österreich darf nicht Teil des Deutschen Reiches werden. Der Artikel II des »Gesetzes über die Staats- und Regierungsform« lautet: »Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik.« Auch dieser Satz wird gestrichen. Am Anfang »des Restes« steht eine Negation.

Die unbestimmten Hoffnungen auf das erste Friedensjahr 1919 zerbröseln im Entsetzen über die Friedensbedingungen des Vertrages von Saint-Germain. Das deutschsprachige Südtirol geht verloren, die deutschböhmischen Bezirke ebenso, die Südsteiermark mit Marburg wird Teil des neuen jugoslawischen Staates. Die Neue Freie Presse kommentiert die Unterzeichnung durch Staatskanzler Karl Renner: »Es ist vollbracht. Deutschösterreich hat das Todesurteil unterschrieben. (…) und so hat Deutschösterreich alles verloren, sogar den Namen, und ist zum Schlemihl (Narren, Anm.) unter den Staaten geworden, zu einer schattenlosen, armseligen Gestalt, noch bis zuletzt von dem Hohne der Gegner herabgewürdigt. Der Friedensvertrag muss angenommen werden, weil wir sonst verhungern.«

Und dennoch: 1919 bringt die »neue Zeit«. Die Republik. Österreich. Es beginnt ein rasanter sozialer Wandel: Das gleiche Wahlrecht für alle, endlich auch für Frauen. Die vornehmlich in der Sozialdemokratie organisierte Arbeiterschaft steigt zur bestimmenden Kraft auf. Im neuen Kleinstaat ist das verarmte Wien noch immer ein kulturelles und wissenschaftliches Gravitationszentrum. Sigmund Freud wirkt hier. Der »Wiener Kreis« um den Mathematikprofessor Hans Hahn und um Moritz Schlick trifft sich regelmäßig zum »Mathematischen Seminar« im Institutsgebäude in der Boltzmanngasse. Die Gruppe entwickelt ein naturwissenschaftlich begründetes Verständnis von Philosophie. Zu den Schülern zählen Otto Neurath, Karl Menger und Kurt Gödel. Zur gleichen Zeit entsteht die »Wiener Schule der Nationalökonomie«. Sie wird über Jahrzehnte diese Disziplin prägen. In der Sozialwissenschaft werden neue Techniken entwickelt, die auch Auswirkungen auf die Politik haben.

Auf dem einstigen Exerzierfeld der »Schmelz« wird der Grundstein für einen ersten Wiener Gemeindebau gelegt, und mit dem Weiterbau des »Metzleinsdorfer Hofes« beginnt das »Rote Wien«. Baron Rothschild lässt die Bevölkerung von Waidhofen auf seinem Forstgut Wildtiere jagen. Und der letzte Kaiser Karl wartet auf Schloss Eckartsau auf die Entscheidung der Wiener Regierung, aber vor allem der Alliierten, über sein Los. Noch träumt er von einer politischen Aufgabe in einem der Nachfolgestaaten, ehe er in einem Sonderzug unter Bewachung englischer Offiziere das Land verlassen muss und dabei am Bahnhof von Feldkirch Stefan Zweig begegnet. Langsam nur beginnt die bessere Wiener Gesellschaft sich auf das Leben in dem neuen, so kleinen, so armen Staat einzustellen. Es scheint, als ob die politischen Umbrüche auch das künstlerische Schaffen gebrochen hätten: Gustav Klimt ist tot, Egon Schiele ist tot, Otto Wagner ist tot, Peter Altenberg wird zu Grabe getragen und Karl Kraus hält die Trauerrede. Immerhin: Richard Strauss bringt seine Frau ohne Schatten im 50. Gründungsjahr der Wiener Oper zur Uraufführung. Seine Bestellung zum Operndirektor wird von schrillen Misstönen des Bühnenpersonals begleitet. Der Regisseur Max Reinhardt und der Dichter Hugo von Hofmannsthal träumen nicht nur von einer neuen kulturellen Mission Österreichs, sie tun etwas und gründen die Salzburger Festspiele.

Oskar Kokoschka phantasiert weiter in Dresden von seiner Alma und lässt sich eine lebensgroße Puppe mit ihren Zügen basteln. Sie wird im Frühjahr 1919 geliefert. Der pensionierte Rittmeister ist enttäuscht, entsetzt. Die Puppe ähnelt seiner »Almschi« nicht. Er »tötet« die Stofffigur, übergießt sie mit Rotwein und schleift sie in einem Park hinters Gebüsch.

Auch die Träume sind tot. Das Alte muss erst sterben. Nur langsam wird die »neue Zeit« entstehen. 1919 ist noch immer Ende, aber mehr schon Beginn.

1. Jänner 1919

»Die Stimmung war ganz leidlich«

Arthur Schnitzler begrüßt das neue Jahr mit einem »Pferderlspiel«

Am Silvesterabend 1918 versammelt sich eine kleine Gästeschar im Hause von Arthur und Olga Schnitzler. Der Pianist Wilhelm Grosz untermalt den Abend »famos« am Klavier. Schnitzler arbeitet gerade an seiner Novelle Der Gang zum Weiher und er kommt nur mäßig voran. »Geht’s in dem Tempo brauche ich sechs Jahre«, vertraut der Dichter am letzten Tag des Jahres seinem Tagebuch an. Felix Salten schaut mit seiner Frau vorbei und plaudert über den früheren Außenminister Czernin, er »sprach Politik«. Schnitzler bleibt in seinem Tagebuch unbestimmt, lakonisch, seltsam uninteressiert. Die Familie des Industriellen Hugo Schmidl ist mit ihrer Tochter Johanna (Hansi) und dem Verlobten Karl Kirsch erschienen. Die beiden werden im kommenden Jahr heiraten. Herr Schmidl organisiert die Bürgerwehr in Währing und nimmt die Meldung des Schriftstellers entgegen. Dafür bringt er Schnitzler eine Zigarre mit. In kargen Friedenszeiten wie diesen ist so ein Geschenk eine Erwähnung wert. Am frühen Abend wird gespielt – nicht mehr Roulette, wie noch in der Silvesternacht des Jahres 1914, es bleibt ein vergleichsweise harmloses »Pferderlspiel«. Elisabeth von Landesberger (Lili) darf würfeln. »Die Stimmung war ganz leidlich.«

Der letzte Finanzminister der kaiserlichen Regierung, Josef Redlich, verbringt die Nacht aufs Jahr 1919 plaudernd mit seinem »geliebten Sohn« und einer Flasche altem Mouton Rothschild. Der Rotwein tröstet ihn, den peniblen Biografen der Schicksalsjahre Österreichs, über Vergangenes und über Verzweifelndes hinweg: »Soll ich einen Rückblick auf dieses Jahr der Vollendung des Unglücks halten, des Unheils, das beispiellose Unfähigkeit, Dummheit und Schlechtigkeit herbeigeführt hat?« Er tut es nicht. Er hebt das Glas.

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Der Schriftsteller Arthur Schnitzler meldet sich in der Silvesternacht zur Währinger Bürgerwehr. Sein erster »Sold« ist eine Zigarre.

Im nahen und doch plötzlich fernen München verläuft der Jahreswechsel im Hause von Thomas Mann eher besinnlich. Immerhin gibt es Punsch, wenn auch keinen Mouton Rothschild. »Es wurde der Baum wieder angezündet. Die Kinder warteten das Herunterbrennen der Kerzen ab und kamen spät ins Bett.« Thomas Mann begeht den Jahreswechsel mit literarischer Kost. Er liest Leo Tolstoi – und mit Bezug auf die politische Lage im revolutionären München vertraut er seinem Tagebuch an: »Es wird wieder geschossen.«

Der Autor der Buddenbrooks sorgt sich ums Familienvermögen. »Lese seit dem 1. Jänner wieder die Frankfurter Zeitung. Gespräche über die bevorstehende ›Abgabe‹ des Kriegsgewinns, die Vermögens-Abgabe etc.« Thomas Mann überlegt, was er mit seinem Ersparten anfangen soll. Ein gewiefter Geschäftsmann habe geraten, man solle Anschaffungen machen, soweit nur die Wünsche reichen. »Gut, ich wünsche mir einen Phonola-Apparat«. Thomas Mann hadert mit der Weltpolitik, kokettiert gar mit bolschewistischen Revolutionsideen: »Das wäre vielleicht weniger wahnsinnig, als unsere Bürgerlichkeit tut.« Und der Schriftsteller propagiert die »Dolchstoß-Legende« der deutschen Militärführung. Schuld an der Niederlage sei die »voreilige deutsche Revolution« gewesen. Die politische Urteilsfähigkeit des Autors ist am Beginn des Jahres 1919 nicht sehr scharf.

5. Jänner 1919

»Gott, deine starke Faust stürzt das Gebäude der Lüge«

Vor der Wiener Karlskirche wird der Kriegshelden gedacht

Die alten Töne sind noch nicht verklungen. Am Sonntag lädt der »Zentralverband der deutschösterreichischen Militärgagisten (Militärbeamte, Anm.) und der deutschösterreichischen Volkswehr« gemeinsam zu einer »deutschösterreichischen Kriegergedächtnisfeier« auf den Wiener Karlsplatz. Die Militärmusik ist sang- und klanglos zur sozialdemokratischen Volkswehr übergelaufen und stimmt zu Beginn der Feier Carl Maria von Webers Gebet vor der Schlacht an. Zur getragenen Musik wird der »im Weltkrieg gefallenen Helden« gedacht: »Hör uns, Allmächtiger! / Hör uns, Allgütiger! / Himmlischer Führer der Schlachten. / Vater, dich preisen wir! / Vater, wir danken dir, / Daß wir zur Freiheit erwachten! / Wie auch die Hölle braust, / Gott, deine starke Faust / Stürzt das Gebäude der Lüge. / Führ’ uns, dreieiniger Gott, / Führ’ uns zur Schlacht und zum Siege!«

Zehntausende sind zur imposanten Feier erschienen. »Und soweit das Auge reichte, sah es vom Platze vor der herrlichen Kirche Massenzüge von Teilnehmern zur Feier strömen. Sie stellten sich auf dem Karlsplatze unter der Freitreppe der Kirche bis zur Stadtbahnstation und rechts und links weit bis zum Schwarzenbergplatz und der Technik auf. Volkswehrmannschaft und Matrosen versahen den Ordnerdienst und bildeten Spalier.«

Aus den Vorstadtbezirken sind organisierte Marschkolonnen von Witwen und Waisen zum Karlsplatz marschiert. Eine Fotografie zeigt den Zug der Favoritner Kriegswaisenkinder, die mit einer Standarte vorbeiziehen. In den ersten Reihen der Versammlung stehen verwundete Soldaten mit ihren Tapferkeitsauszeichnungen. Erhöht sitzt die Prominenz: Staatspräsident Karl Seitz neben Fürsterzbischof Friedrich Gustav Kardinal Dr. Piffl, der Staatssekretär für das Heerwesen Dr. Mayer neben dem 184. Maria-Theresien-Ritter Oberst Johann Haas von Hagenfels. Der k. u. k. Offizier hat sich nach Gründung der Republik in den Dienst des neuen Staats gestellt und ein Kommando in der Volkswehr übernommen. Er wird dafür zum Generalmayor befördert.

Für die junge Republik ist ein Maria-Theresien-Ritter in ihrem Sold ein wichtiges Aushängeschild und ein Signal an die etwa 16 000 Berufsmilitärs, die nach Auflösung der kaiserlichen Armee für die Republik Deutschösterreich optiert haben.

Am Ende des Krieges stehen etwa 34 000 Offiziere und Beamte auf der Soldliste. Noch am 1. Jänner 1919 werden etwa 300 Generäle gezählt und zwangspensioniert. Nach dem Waffenstillstand sind sie überflüssig geworden. Generell schlägt den Offizieren vielfach Zorn und Verachtung der Bevölkerung entgegen. Das wiederum führt bei zahlreichen Offizieren zur Reaktion, es würde ihnen himmelschreiendes Unrecht geschehen. Der Frust über den verlorenen Krieg, die Not der Bevölkerung »im Hinterland« und das Leid der Kriegswitwen brauchen aber ein Ventil.

Der Statusverlust und der Verlust ihrer Lebensgrundlage zwingen viele Offiziere, eine neue Betätigung zu suchen. Eine Heerschar erwartet den Dank des Vaterlandes, der aber ausbleibt. So flüchten viele in die nostalgische Beschwörung der Vergangenheit, aber auch in politisches Engagement, das sich vielfach gegen die junge Republik richtet. Nur ein Sechstel der Offiziere wird in die Volkswehr übernommen. Der überwiegende Teil des alten k. u. k. Offizierskorps sieht die scheinbar revolutionäre Volkswehr nach der Auflösung der alten Armee als Verrat an ihren Prinzipien.

Für die sozialdemokratisch geführte provisorische Regierung ist die Volkswehr ein Auffangbecken für Kriegsheimkehrer, die über Jahre nur in der Struktur einer Armee überlebt haben. Sie bietet vorläufig eine Art Heimat für die Heimatlosen. Und in einer vorgeblich revolutionären Bewegung kann die ungezügelte revolutionäre Dynamik kanalisiert und abgeschwächt werden. Und vor allem: Als Versorgungsanstalt hilft die Volkswehr, dass viele Heimkehrer einfach über den kalten ersten Friedenswinter kommen. Die »deutschösterreichische Kriegergedächtnisfeier« soll emotionale Wärme vermitteln und Verbitterung in Trauer umwandeln. Für die Volkswehr spricht ein Dr. Neubauer: »Euch, Kameraden, die Ihr nimmer unter den Lebenden weilt, im Namen aller, die Träger unserer Gesinnung sind, geloben wir feierlich, nimmer zu ruhen, bis wir das hohe Ziel erreicht haben. Die Befreiung der Menschheit, den Sozialismus.« Dann singt der Wiener Männergesangsverein Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre von Ludwig van Beethoven und schließlich Mozarts Bundeslied. Das Freimaurerlied mit der Textzeile »Brüder reicht die Hand zum Bunde« wird freilich erst Jahrzehnte später zur Melodie der Österreichischen Bundeshymne.

9. Jänner 1919

»Her damit! Knüpfen wir sie einfach auf«

Gewalttätige Demonstrationen und Plünderungen

Not macht gewalttätig. Im Jänner 1919 entlädt sich der Zorn über die schlechte Versorgungslage in gewalttätigen Demonstrationen und Plünderungen. In Oberösterreich kommt es zur Konfrontation der Volkswehr mit den regulären Sicherheitskräften. Volkswehrsoldaten greifen auf Seiten der Demonstranten und Plünderer ein und schießen auf Gendarmen, die ebenfalls von der Schusswaffe Gebrauch machen. Der Zorn von entlassenen Soldaten und anderen richtet sich gegen wohlhabende Bauern, vor allem aber gegen die katholische Kirche. Den Geistlichen wird unterstellt, Lebensmittel zu horten und die Bevölkerung hungern zu lassen. Am 9. und 10. Jänner plündern Demonstranten den Pfarrhof in Steyr und den Gutshof in Gleink. Es kommt zu einer regelrechten Straßenschlacht, ein Arbeiter und ein Gendarm sterben bei der Schießerei. Die Ernährungslage ist nicht nur in den größeren Städten besorgniserregend. In Tirol entsteht ein Engpass durch die neue Brenner-Grenze: Nordtirol ist auf die Einfuhr von Lebensmitteln aus dem Südteil des Landes und aus Bayern angewiesen. Die Nordtiroler Landwirtschaft kann die Menschen nicht ernähren. Aus Südtirol kommen kein Wein, keine Äpfel, kein Gemüse mehr nach Norden, Bayern fällt als Kartoffellieferant aus. Wer sich nicht selbst als Bauer oder als Kleinhäusler versorgen kann, ist auf Hungerrationen angewiesen. Pro Woche erhält jeder Tiroler 14 Dekagramm Reis, 36 Dekagramm Mehl und ein Viertelkilo Brotmehl.

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Die Städte hungern. Viele Bauern weigern sich, zu den festgesetzten Preisen Nahrungsmittel zu liefern. Der »Ablieferungswiderstand« provoziert Demonstrationen und auch Plünderungen. Appelle helfen wenig.

Nicht nur in Tirol weigern sich die Bauern, die von den Behörden geforderten Mengen Fleisch und Gemüse zu Fixpreisen in die Städte zu liefern. Auf dem Schwarzmarkt können die Schleichhändler ein Vielfaches der staatlich verordneten Lebensmittelpreise bekommen. Im Winter 1919 erreicht der »Ablieferungswiderstand« der Bauern neue Höhepunkte. Auch in Salzburg ist die Lage nicht viel besser. Anfang Februar erhält die Stadt Salzburg statt der notwendigen 140 Rinder gerade einmal drei Stück Schlachtvieh. Die politische Debatte heizt sich auf. Bauern werden zum Feindbild der städtischen – großteils proletarischen – Bevölkerung. Der Sozialdemokrat Karl Emminger ruft im Salzburger Landtag zur Gewalt gegen die bäuerliche Bevölkerung auf: »Ein Gewaltmensch bin ich nicht, ich könnte keiner Fliege etwas zuleide tun. Aber wenn wir Menschen finden, welche ihre Brüder verhungern lassen, dann sage ich: Her damit! Knüpfen wir sie einfach auf.«

Zu Gewaltexzessen gegen Menschen kommt es nicht. Doch vier Wochen nach den Plünderungen in Steyr demonstrieren in Linz Hilfsarbeiter, Mägde, Taglöhner und Lehrlinge gegen die geringen Fleischrationen. Ein Hotel und zahlreiche Lebensmittelgeschäfte werden geplündert, Kleiderläden und Juweliere ausgeraubt. Die Demonstranten können nach zwei Tagen nur durch den Einsatz der Volkswehr und der Linzer Polizei gestoppt werden. Es wird sogar das allgemeine Standrecht verhängt. Das Linzer Volksblatt schämt sich der Vorgänge und macht »Aufwiegler« für die Plünderungen verantwortlich: »Die noch immer steigende Not und Teuerung sowie die um sich greifende Arbeitslosigkeit, die zum Teil auch Arbeitsscheu ist, führte gestern in Linz dazu, daß die Menge die Herrschaft über sich verlor und schwere Ausschreitungen und Plünderungen verübte. Wenn man bedenkt, daß die Not der Bevölkerung in Wien und in zahlreichen anderen Gebieten des Staates zweifelsohne größer ist wie in Oberösterreich, dort aber die Ruhe nicht gestört wurde, so möchte man sich wundern, warum gerade Linz der Schauplatz von tief beklagenswerten Ereignissen wurde.«

Die Linzer Blätter spiegeln die Angst des Bürgertums vor revolutionären Umtrieben wider: »Daß die Inhaber der Lebensmittel- und Kleidergeschäfte nicht die Schuld an der Not und den Preisen haben, ist ein Umstand, um den die Menge sich nicht kümmert. Daß übrigens die Not keineswegs die einzige Triebfeder der Plünderungen war, beweist die Tatsache, daß auch ein großes Juweliergeschäft ausgeraubt wurde. Auch das Eindringen der Menge in eine Anzahl von geistlichen Häusern, sogar in den Bischofshof, weist darauf hin, daß gegen diese Häuser, was überdies allseits bekannt ist, eine besondere Aufhetzung betrieben wurde.«

Den Menschen geht es schlecht. Es sind aber nicht die Arbeiter – sofern sie Arbeit haben –, die von der Teuerung am meisten betroffen sind. Milena Jesenská, die tschechische Liebe des Literaten Franz Kafka, kommt 1919 aus Prag nach Wien. Ihr Ehemann Ernst Pollak bleibt in der Hauptstadt der neuen tschechoslowakischen Republik. Milena will sich eine vom Ehemann unabhängige Existenz als Journalistin aufbauen. Für die Prager Zeitung Národní listy beschreibt sie die missliche Lage in der ehemaligen Kaiserstadt: »Der Wiener Arbeiterschaft geht es nicht schlecht, wahrhaftig nicht! Es sei ihr gegönnt. Schlimmer steht es um die Staatsdiener, um die Menschen mit kläglichen Gehältern und zahlreichen Familien, die Postbeamten usw. Hier findet man vielleicht die größte Not, wenn sie auch nicht sichtbar ist, die vielen Witwen,