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HOUCHANG ALLAHYARI

UTE BOCK

Superstar

Aufgezeichnet
von August
Staudenmayer

Mit 41 Abbildungen

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Bildnachweis

Alle Abbildungen © Allahyari Filmproduktion mit Ausnahme der folgenden: Alexander Tuma/Starpix/picturedesk.com (8), Privatarchiv Helga Poschik (Bock) (21, 22, 24–27, 145), Petra M. Allahyari (37), Privatarchiv Houchang Allahyari (62, 151, 155), Alexander Tuma (115), Privatarchiv Petra M. Allahyari (139 unten), Allahyari PR & Kommunikation (170)

Der Verlag hat alle Rechte abgeklärt. Konnten in einzelnen Fällen die Rechteinhaber der reproduzierten Bilder nicht ausfindig gemacht werden, bitten wir, dem Verlag bestehende Ansprüche zu melden.

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© 2019 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT

Coverfoto: © Felicitas Kruse/Contrast/picturedesk.com

Lektorat: Martin Bruny

Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten

Gesetzt aus der 11,75/15,25 Minion Pro

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-144-3

eISBN 978-3-903217-29-4

Inhalt

Ute Bock ist tot – Es lebe Ute Bock!

Kindheit und Jugend in Linz und Wien

Helga Bock, Utes Schwester

Silvesterabend 2009

Ein langer Marsch.
Der Arbeitsalltag im Flüchtlingsverein.

Teil 1

Die Anfangszeit

1960er-Jahre

In der Arbeit verbunden

1980er-Jahre

Ute Bocks ehemaliger Zögling

Rudolf Pokorny

Dannebergplatz, 2008

Ein Gespräch mit Ute Bock

Ein langer Marsch.
Der Arbeitsalltag im Flüchtlingsverein.

Teil 2

Ute Bock und die Viennale

2009/2010/2018

»Ute Bock, eine ganz normale, höchst besondere Frau«

Josef Hader

Urlaub in Italien, 1970er-Jahre

Petra Marjam Allahyari, Ute Bocks Nichte

»Ich vermisse sie.«

Dariusch Allahyari, Ute Bocks Neffe

»Freunde Schützen Haus« –
Ein Projekt des Vereins Purple Sheep

Kurosch Allahyari, Ute Bocks Neffe, und Karin Klaric

Unter Kindern

Kurosch und Houchang Allahyari

Tribute

August Staudenmayer, der Aufzeichner

Ein langer Marsch.
Arbeitsalltag im Flüchtlingsverein.

Teil 3

»Die guten Menschen gehen schnell und … das Leben … ist dann halt aus.«

Mariana, Ute Bocks Pflegerin

Bundespräsident Alexander Van der Bellen beim Lichtermeer am Wiener Heldenplatz

2. Februar 2018

Altbundespräsident Heinz Fischer beim Lichtermeer am Wiener Heldenplatz

2. Februar 2018

Abschied nehmen und loslassen

Ute Bocks Auszeichnungen

Ute Bock ist tot – Es lebe Ute Bock!

Ute Bock in Zitaten

„Es darf nicht sein, dass ganze Flüchtlingsfamilien mit Kindern auf der Straße stehen, und wir sagen, das geht uns nichts an.“

„Wenn man einen Schuldigen hat, geht alles leichter. Glaubt man.“

„Ich glaube, arme Zeiten sind solidarischere Zeiten. Wenn man’s zu ein bisschen Wohlstand gebracht hat, hat man Angst, das wieder zu verlieren. Und diese Angst wird auch geschürt.“

„Wir sind Sammler. Wir sammeln Spenden und Verständnis.“

„Als in der Zeitung gestanden ist, dass ich so arm bin und kein Geld mehr für meine Arbeit habe und so weiter, hat mich der katholische Pater Sporschill angerufen und mir seine Hilfe angeboten. Und zwar hat er mir geraten: Rufen Sie den Bauunternehmer Herrn Haselsteiner an. Was ich umgehend getan habe. Und am Telefon fragte mich der Herr Haselsteiner: Wie viel brauchen Sie denn, dass Sie gut schlafen können? Ich sagte: 25000 im Monat ungefähr. Worauf er erwiderte: Na ja, das ist nicht die Welt. Er versprach mir, dass er mir aus der Patsche helfe, und hielt das auch. Darum gehe ich, immer wenn ich kann, in die Messe vom Pater Sporschill – obwohl ich evangelisch bin.“

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Ute Bock mit ihrem Ex-Schwager Houchang Allahyari

Der Mensch ist gestorben, die Idee lebt weiter. Ute Bocks Idee war und ist, einfach ausgedrückt, in Not geratenen Menschen zu helfen – über alle Grenzen hinweg. Ihr erster Todestag ist eine schöne Gelegenheit, ein Buch über ihre Arbeit, aber auch über sie ganz persönlich herauszubringen. Ich bin stolz darauf, das machen zu dürfen, und danke dem Amalthea Verlag, der das möglich gemacht hat.

Im vorliegenden Erinnerungsbuch, durch das ich Sie führen werde, kommen viele Menschen zu Wort, die ein emotionales Verhältnis zu Ute Bock hatten. Meine Familie und meine Ex-Frau gehören ebenso dazu wie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Politiker, Schauspieler, Künstler. Aber auch die Vereinstätigkeit von Ute Bocks Flüchtlingsverein (der in ihrem Sinn weitergeführt wird) sowie der Betrieb des relativ neu gegründeten Ute-Bock-Bildungszentrums, der Arbeitsalltag von Mitarbeitern und Helferinnen, werden beschrieben.

Zurzeit, im Sommer 2018, scheint es in Österreich und in anderen europäischen Ländern zwei Meinungsblöcke zu geben. Die einen vertreten die Auffassung, dass man illegale Flüchtlinge, die sich auf den Bootsweg von Afrika aus nach Europa gemacht haben und in Seenot geraten sind, selbstverständlich nicht ertrinken lassen darf. Andere sind der mittlerweile leider wieder salonfähig gewordenen Meinung, diese Menschen ertrinken zu lassen. In der Hoffnung, dass davon weitere Migrationswillige abgeschreckt werden und sich erst gar nicht auf den beschwerlichen, gefährlichen Weg nach Europa machen.

Ertrinken lassen oder nicht? Diese Frage wird zurzeit allen Ernstes im öffentlichen Leben, in sozialen Medien und in der Politik diskutiert. Stellt das nicht einen Bruch mit der Zivilisation dar? Ist das nicht ein Pfeifen auf die Menschenrechte, ein totaler Rückschritt, weg von der Idee einer Gleichheitsgesellschaft und weit weg von der Charta der Grundrechte der Europäischen Union? Wie konnte es so weit kommen?

Es konnte nur deshalb so weit kommen, weil die Flüchtlinge vorher – und zwar pauschal alle – von rechter Politik und Meinungsmachern erfolgreich zu Teufeln gestempelt wurden. Als in Thailand wochenlang zwölf Buben in einer Höhle von Wassermassen eingeschlossen waren und zu sterben drohten, schrie die ganze Welt auf und fieberte mit den Kindern und den Rettungstauchern mit. Über jeden noch so kleinen positiven Schritt in Richtung Rettung wurde sofort berichtet, damit alle Menschen rund um den Globus aufatmen konnten. Selbstverständlich mussten die Armen unter allen Umständen gerettet werden. Und »koste es die Welt«.

Man darf mich jetzt bitte nicht falsch verstehen. Die Kinder in der thailändischen Höhle waren in einer schrecklichen Lage und litten furchtbar. Natürlich mussten alle Anstrengungen unternommen werden, sie zu retten. Die in der Höhle gefangenen Kinder wurden von den Medien zu Engeln stilisiert, »die Flüchtlinge« hingegen werden seit geraumer Zeit, und immer unverschämter, unverblümter zu Teufeln stilisiert. Zwei Seiten einer Medaille. Hier Menschen in Not, dort Menschen in Not. Hier werden sie als Engel kommuniziert, dort als Teufel. Hier sollen sie gerettet werden, dort nicht. Das tagtägliche Trommelfeuer der Medien zeigt seine Wirkung.

Ertrinken lassen oder nicht? Soll das wirklich eine ernst gemeinte Frage in einem zivilisierten, fortschrittlichen, demokratischen Land sein? Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.

Ute Bock hat sie beantwortet. Und zwar nicht nur privat, in ihrem stillen Kämmerchen, das es für sie ohnehin nie gab, sondern in aller Öffentlichkeit an jedem Tag ihres Lebens, in ihrer Arbeit für Menschen in Not. Ihr Ansatz, dass es doch ganz normal sei, Notleidenden zu helfen, hat uns – sie und mich – ihr ganzes Leben lang zusammengeschweißt.

Aber nun ist sie tot. Sie verstarb am 19. Jänner 2018 nach langer Krankheit. Ein Schlaganfall hatte sie aus dem (Arbeits-)Leben gerissen, von dem sie sich nicht wieder erholte. Komplikationen und Krisen folgten, die sie in ihren letzten Lebensmonaten niederzwangen und zu ständiger Bettlägerigkeit verurteilten.

Als ich von Utes Tod erfuhr, war ich wie erschlagen. Obwohl wir eigentlich täglich damit rechnen mussten, traf mich die Nachricht wie ein Stoß in den Magen. Für einige Stunden war ich wie gelähmt. Tags darauf hatte ich mich gefangen, ich weinte lange. Ihr Gesicht erschien ganz groß vor meinem inneren Auge. Zwei wuchtige Gefühle nahmen von mir Besitz: ein schmerzhaftes Gefühl von Traurigkeit und tiefe Dankbarkeit, dass ich diese Frau so nahe kennenlernen durfte.

Die Bestattung fand im engsten Familienkreis auf dem Evangelischen Friedhof, einem Teil des Zentralfriedhofs in Wien-Simmering, statt. Ich besuchte einige Tage nach dem Begräbnis – allein – das frische Grab von Ute. Es war ein kalter Wintertag, auf dem Boden, den Gräbern, auf den Bäumen, überall lag Schnee. Ich ging eine Weile die Wege zwischen den Gräbern entlang, bis ich an Utes Grab stand. Irgendwie empfand ich trotz allem auch so etwas wie Freude, weil in mir Erinnerungen an Ute auftauchten, an unsere langjährige Freundschaft, unsere Zusammenarbeit. Die Einfachheit und ihr tadelloser Charakter fielen mir ein, aber auch ihr pfiffiger Humor, und ich musste, neben dem Schmerz über ihr Ableben, auch lächeln. Ich stand lange vor dem Grab, den Kopf voller Bilder und Erinnerungsfetzen.

Unter anderem strömten auch folgende Gedankenbilder in mein Bewusstsein, kreisten in mir, schlingerten zwischen Bauch, Herz und Hirn, und verabschiedeten sich wieder in meinen Erinnerungsspeicher für meine liebe verstorbene Schwägerin: Religiös sein, einer bestimmten Glaubensrichtung angehören, atheistisch sein – das waren für Ute Bock keine Gesichtspunkte, nach denen sie die verzweifelten Menschen einteilte, die zu ihr kamen, um Hilfe zu bitten. Ute Bock bezeichnete sich selbst als evangelisch, aber keinesfalls streng religiös erzogen.

Es gibt Filmmaterial aus meinem Privatarchiv, da ist sie zu sehen, wie sie einer heiligen Messe in einer modernen katholischen Kirche beiwohnt. Die Kirche ist randvoll mit Menschen. Die Messe hält Pater Georg Sporschill, der Ute Bock, weniger mit gutem Rat, mehr mit Taten, zur Seite stand. Er stellte für sie den Kontakt zum Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner her, der ihren Verein großzügig unterstützte. In der Kirche saß Ute Bock, wie gesagt, unter vielen Menschen, Alten, Jugendlichen, Kindern mit unterschiedlichen Hautfarben. Ute wirkte aber nicht besonders hingebungsvoll, sondern schien mit ihren Gedanken ganz woanders als bei der Messfeier zu sein. Vielleicht musste sie bis zum Abend noch ein Quartier für eine Flüchtlingsfamilie, die auf der Straße stand, finden. Sie wirkte unter den Gläubigen um sie herum ein wenig wie ein Fremdkörper. Sie machte zwar die liturgischen Rituale mit und genoss die friedliche Atmosphäre, war aber nicht ganz bei der Sache. Später dazu befragt, sagte sie, dass sie nie abschalten könne und eigentlich immer, wenn auch nur in Gedanken, am Arbeiten und Organisieren war. Doch Pater Sporschill, dieser sympathische Mann Gottes mit den grauen Haaren, sei ihr sehr hilfreich gewesen, vor ihm habe sie eine Hochachtung, eine vorzügliche …

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Pater Sporschill im Gespräch mit Ute Bock

Während ich an Utes Grab stand, tauchte eine größere Gruppe Menschen auf, die aus mehreren verschiedenen Herkunftsländern stammten. Es waren in der Mehrzahl Afrikaner, Frauen, Männer, Kinder. Außerdem Tschetschenen, Syrer, Afghanen und viele mehr. Den einen oder die andere kannte ich vom Sehen, ganz wenige sogar persönlich.

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Ein unglaublich schönes, geschmeidig wogendes Bild eines menschlichen Durcheinanders entstand, das trotz großer Kälte und Friedhofssituation für eine herzliche, sogar warme Atmosphäre sorgte. Unglaublich auch deshalb, weil sich so viele Völker an einem einfachen Grab auf einem Wiener Friedhof trafen. Es wurden immer mehr, am Ende bestand die Gruppe aus geschätzten 150 Menschen, allesamt Flüchtlinge, die bei Ute Bock gewohnt hatten, noch wohnten oder von ihr Hilfe erhalten hatten. Jeder ging still ans Grab von Ute Bock, die Kinder mit Kerzen oder kleinen Bildern in der Hand, jeder betete kurz, seiner Religion entsprechend. Die Christen mit dem Kreuzzeichen, die Moslems mit der Handfläche auf Brusthöhe vor sich … Dieser Massenabschied verlief völlig ruhig, mit Tiefgang und Intensität. Ich musste immer wieder schlucken, weil ich so gerührt war, Tränen liefen über meine Wangen.

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An Utes Grab

Ich blieb so lange dort stehen, bis die Menschen wieder verschwunden waren und ich wieder allein war. In Gedanken versunken und den krächzenden Krähen lauschend, liefen in mir, wie von einem Tonband, Sätze, Antworten, Aussprüche von Ute Bock ab. Sie liefen durch meinen Kopf, als wollten sie kein Ende nehmen. Und genau in diesem Moment hatte ich die Idee, eine Gedenkfeier für Ute im Wiener Stadtkino abzuhalten, wo auch meine beiden Filme über sie gezeigt werden sollten. Ich fixierte Utes Bild auf dem Grabstein. Auf dem Grab lagen zwei große Kränze. Der eine war von Bundespräsident Alexander Van der Bellen, den anderen Kranz hatten Flüchtlinge gespendet. Auf der Schleife war von großem, innigem Dank zu lesen.

Houchang Allahyari

Kindheit und Jugend in Linz und Wien

Helga Bock, Utes Schwester

Ute Bock in Zitaten

„Wenn draußen auf der Straße ein Kind schreit, steh ich auf und schau nach. Und dabei denk ich mir: Was geht dich das überhaupt an? Aber so bin ich eben, so bin ich geworden. Daran ist sicher schuld, dass ich die Älteste von uns drei Geschwistern war. Und als Älteste war ich für alles verantwortlich. Wenn meinem kleinen Bruder was passiert ist, hat’s geheißen: Warum hast nicht auf ihn aufgepasst? Immer auf wen aufpassen – das hab ich gelernt und nie wieder abgelegt.“

„Die Schwester meines Großvaters mütterlicherseits hat Haftentlassene bei sich wohnen lassen. Die ganze Familie machte sich lustig über sie, wenn sie von denen bestohlen wurde. Jetzt hab halt ich deren Rolle übernommen.“

„Tausend Jahre will ich werden, damit sich alle ärgern.“

(Ausruf beim Tortenkerzen-Ausblasen anlässlich ihrer Feier zum 70er.)

Ich bin seit über 20 Jahren von Helga, meiner ersten Frau, geschieden, doch der Kontakt zu ihr riss nie ab, wir blieben immer in loser Verbindung. Vor allem wegen und über unsere drei Kinder. Helga und ich haben, wann immer es wegen eines unserer Kinder etwas zu besprechen gab, miteinander telefoniert und uns ausgetauscht. So kamen wir stets zu Lösungen, es gab eigentlich nie Streit.

Nachdem ihre Schwester Ute einen Schlaganfall erlitten hatte, wurde der Kontakt zwischen Helga und mir intensiver. Wir trafen uns und unterhielten uns über sie. Wenn es Ute zwischendurch schlechter ging, es in ihrem Krankheitsverlauf eine Krise oder einen Absturz gab, rief Helga mich als Ersten an. Ich fuhr dann in die Zohmanngasse, wo Ute in ihrem Zimmer lag, und versuchte, sie als Mensch und als Arzt zu unterstützen.

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Im Gespräch mit Helga, Ute Bocks Schwester

Trotz ihrer schweren Krankheit, von der sie sich teilweise temporär erholte, wobei es aber auch wieder Rückschläge gab und ab einem gewissen Zeitpunkt nur noch abwärts ging, behielt sie ihren trockenen, manchmal ruppigen Humor. Vor allem wenn es um sie selbst ging, war sie nicht geduldig. Sie ging mit sich hart ins Gericht und verlangte von sich hart und forsch, wieder zu »funktionieren«. Ich sagte nicht einmal, sondern häufig zu ihr: »Ute, du musst nicht funktionieren, du musst gesund werden.«

Helga fragte mich jedes Mal in einem Krisenfall, ob ein Spitalsaufenthalt notwendig sei. Sie vertraute meiner Einschätzung voll und ganz. Na ja, schließlich bin ich Arzt.

Nach Utes Tod, als die Idee zu diesem Buch langsam Gestalt annahm, hatte ich den Einfall, Helga zu bitten, etwas über ihre gemeinsame Kindheit und Jugend mit Ute zu erzählen. Ich war sehr gespannt und neugierig, Dinge über Ute zu hören, von denen ich vielleicht bisher keine Ahnung gehabt hatte. Und ich muss sagen, dass ich manchmal das Gefühl hatte, einen neuen Menschen kennenzulernen. Viel mehr zu erfahren als über den allseits bekannten Menschen »Ute Bock« bisher bekannt war.

Helga wohnt in Wien-Liesing in einem schönen Haus und ist glücklich verheiratet. Ich besuchte sie dort und wurde von Helga und ihrem Mann sehr freundlich empfangen. Wir setzten uns im Wohnzimmer zusammen. Es dauerte nicht lange, bis wir zum Grund meines Besuchs, dem Interview, kamen. Ich erklärte, es sei meine Absicht, vor allem Utes Kindheit und Jugend auszuleuchten, und machte klar, dass ich nicht als Arzt oder Psychiater, sondern als Schwager und als Freund an die Sache herangehen wollte.

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Helga und Ute

Meine erste Frage war: »Wie war die Beziehung zwischen euch dreien?« Sie waren ja zu dritt: Ute die Älteste, dann Helga, und der Jüngste war ihr Bruder, Michael.

Helga antwortete wie aus der Pistole geschossen: »Wir haben sehr viel gestritten. Dauernd haben wir gestritten.«

Ich musste schmunzeln. »Worüber habt ihr gestritten?

»Ute war sehr selbstbewusst, auch schon als Kind. Sie war sehr gescheit und dominant. Als Mädchen hat sie damals versucht, mich immer wieder zu provozieren. Was ihr gut gelungen ist. Sie hat mit mir gespielt, mit mir Spiele aufgeführt, die mir Angst gemacht haben. Abgesehen davon war sie als Ältere auch meine Lehrerin. Sie hat mir viel beigebracht, aber manchmal fürchtete ich mich vor ihr, manchmal war sie angsteinflößend. Wie Lehrerinnen damals eben waren – oder vielleicht immer noch sind.«

Ich verstand nicht ganz, was sie damit meinte: »Was für Ängste waren das? Wovor hast du dich gefürchtet?«

»Ich war Linkshänderin, aber sie wollte nicht, dass ich links schrieb und zeichnete. Sie hat mir Angst gemacht und gesagt, die Lehrerin in der Schule würde mir den linken Arm auf den Rücken binden. Diese Angst ist mir eine Zeit lang geblieben. Mein Vater war zu uns allen dreien, gelinde ausgedrückt, nicht gerade freundlich. Er hat uns allen Ernstes für deppert gehalten, also für zurückgeblieben. Aber mich hat er am liebsten gehabt, ich war sein Lieblingskind. Das hat er jedenfalls häufig betont. Warum, weiß ich nicht. Es kann schon sein, dass er damit eine gewisse Eifersucht bei Ute und bei Michael geschürt hat. Wer weiß, vielleicht wollte er gerade das, vielleicht war es seine Absicht, Eifersucht unter seinen Kindern zu erzeugen. Vielleicht hatte er sich selbst irgendwie damit aufgewertet.

Ich kann mich erinnern, dass Ute und ein paar Nachbarskinder eines schönen Sommertages von mir verlangten, auf einen Baum zu klettern. Sie stellten mir sogar eine lange Leiter hin. Ich kletterte hinauf und setzte mich, wie von Ute und den anderen Kindern gefordert, auf einen dicken Ast. Da entfernten sie unter grölendem Lachen die Leiter, liefen davon und ließen mich da oben schmoren. Ich hatte große Angst, nie wieder hinunterzukommen, sondern auf immer und ewig auf dem Baum sitzen bleiben zu müssen. Schreckensbilder kamen mir in den Sinn, wie ich abmagerte, verdurstete und schließlich von selbst vom Baum herunterfallen würde wie ein verdorrtes Stück Obst oder ein dürres Stück Zweig. Ich weinte Rotz und Wasser. Aber mit meinen Eltern gesprochen habe ich nie darüber.

Ich habe meiner Schwester alles verziehen. Ich verstand zwar nicht, warum sie das gemacht hatte, das mit dem Baum zum Beispiel, aber ich verzieh ihr. Vielleicht weil sie mir trotz allem viel beibrachte, weil ich viel von ihr lernen konnte. Unser Vater hatte Ute für die Dümmste von uns gehalten. Michael wurde als letztgeborenes Kind und Bub sehr verwöhnt. In erster Linie hat unsere Mutter Michael, wo es nur ging, verzärtelt. Er war so eine Art Prinz für sie.«

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Ute, Michael, die Mutter und Helga

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Helga, Michael und Ute

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Helga und Ute

Ich lenkte das Gespräch wieder auf Ute, und Helga erzählte weiter: »Ute und ich waren ab meinem Eintritt in die Schule jeden Sommer in einem Kinderheim, weil wir daheim zu laut waren. Zwei Monate in den Ferien zu Hause, das war meinen Eltern zu viel des Lärms. Ich war bei meinem ersten Aufenthalt in einem Sommerkinderheim tatsächlich erst sechs Jahre alt. Unser Bruder Michael ist im Sommer mit der Mutter weggefahren, er war halt ihr kleiner Liebling. Ich war unglücklich in den Heimen, zumindest am Anfang. Das erste Mal war ich in Kärnten. Das nächste Mal in Fuschl. Aber da war ich allein, Ute war in einem Heim in Admont, glaube ich. Dann waren wir gemeinsam in Königstetten. An die weiteren Orte kann ich mich nicht mehr erinnern. Auf alle Fälle waren wir Jahr für Jahr über die großen Schulferien in Kinderheimen. Ute hat sich dort immer wohler gefühlt als ich. Sie ist auf einmal, ohne spürbaren Übergang für mich, zur Kinderheimtante mutiert. Das war kurios, sie war ja selbst noch ein Kind, höchstens 14, eher sogar jünger.«

»Und wie war sie körperlich entwickelt? War sie schon …«

»Sie wollte immer älter erscheinen. Erwachsen wirken. Wenn man die Ute mit der Mutti von hinten über den Dannebergplatz gehen gesehen hat, wo wir gewohnt haben, hat man geglaubt, Ute sei die ältere der beiden Frauen. Weil die Mutti immer so jugendlich gewirkt hat, und die Ute … Ich weiß nicht, wie ich das ausdrücken soll, nicht nur vom Aussehen, auch von der Haltung her … Sie wollte immer älter sein. Warum, weiß ich nicht.«

Helga machte eine Pause und fuhr dann fort: »Meine Schwester wurde mit den Jahren immer hilfsbereiter und verantwortungsbewusster. Sie hat sich zusehends mehr in die Hausarbeit eingebracht und sich um uns Geschwister gekümmert. Ich kann mich noch gut erinnern, wie gut sie auf einmal für uns, Michael und mich, sorgte, wie toll es plötzlich für mich war, eine große Schwester wie Ute zu haben. So als wollte sie den Eltern die ganze Erziehungsarbeit abnehmen. Und nicht nur das, es schien, als wollte sie ihnen damit zeigen, wie es wirklich ging. Der Mutter war das recht. Dem Vater fiel diese Veränderung ohnehin gar nicht auf, jedenfalls machte er keine dahingehende Äußerung. Ute entwickelte so etwas wie einen Aufpasserinstinkt für Michael und mich.«

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Ute Bock mit ihrer Mutter Barbara

»Und der Vater«, fragte ich nach, »hat er selbst eine Veränderung durchgemacht, oder ist er geblieben, wie er war?«

»Es war bekannt, dass er das Gedankengut der Nazis teilte. Unser Vater hatte keine Volksschule besucht, sondern zu Hause von seiner Mutter Unterricht erhalten. Sie war der Meinung, ihr Sohn sei zu schwach gebaut für den öffentlichen Schulunterricht in einer Klasse mit vielen anderen Kindern. Als er dann später ein öffentliches Gymnasium besuchte, war er in derselben Schule wie Adolf Hitler, in Braunau. Dort legte er auch die Matura ab.

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Engelbert Bock, Utes Vater

Jahre danach, als wir Kinder heranwuchsen, rühmte sich unser Vater damit, immer die besten Schulnoten erhalten zu haben. Er holte seine alten Zeugnisse hervor und hielt sie uns unter die Nase. Natürlich hatte er recht, in jedem Zeugnis waren lauter Einser zu sehen. Und wir, seine dummen Kinder, wie er uns bei jeder Gelegenheit nannte, hatten große Probleme mit dem Lernen, wir wären zu dumm, zu beschränkt für die Sonderschule. Triefend vor Eigenlob schrie er uns an, wir kämen nicht einmal in die Nähe von lauter Einsern im Zeugnis. Es war so lächerlich, wie er mit seinen alten Zeugnissen vor uns herumfuchtelte. Dieser Mann musste uns Kinder ständig abwerten und heruntermachen, weil er offenbar keinen eigenen Selbstwert spürte. Anders kann ich mir das nicht erklären. Was soll sonst für ein Grund dahinterstecken, Kinder permanent kleinmachen zu müssen. Ich war nie gut in der Schule, aber Ute war eigentlich eh immer gut.«

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Barbara Bock, Utes Mutter

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Barbara Bock mit ihrer Tochter Ute

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Barbara und Engelbert Bock

»Wie war das Leben nach dem Zweiten Weltkrieg für euch?«

Helga dachte lange nach, ehe sie antwortete: »Also … viel zu essen hatten wir nicht. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass wir hungerten. Damals mussten die Lehrer in der Schule die Körperentwicklung und körperliche Verfassung der Schüler benoten, also unserem Körperbau eine Note geben. Ute, Michael und ich bekamen einen Dreier für unsere Körper. Nicht gerade gut. Wir mussten dann in der Schule täglich Lebertrantabletten schlucken. Die waren furchtbar grauslich.«

Wir beschlossen, eine Erzählpause einzulegen, aber nicht wegen der Lebertranerinnerung, sondern weil wir ein bisschen Tee trinken wollten. Als ihr etwas einfiel, brach Helga umgehend die Pause ab: »Mit vier oder fünf Jahren lag ich wegen einer Blinddarmoperation im Krankenhaus. Ich kann mich noch ganz genau an das Tier erinnern, das mir unsere Nachbarn bei einem Besuch im Krankenhaus schenkten, weil ich so tapfer war: Es war ein gelbes kleines Küken. Ich liebte es sofort. Ich freute mich total darauf, nach der Operation mit dem Huhn spielen zu können. Als das Personal im Spital das mitbekam, gab mir eine Krankenschwester ein gekochtes Ei. Sie sagte, das hätte mein Huhn gelegt, und ich müsse es jetzt essen. Ich war extrem verwirrt, das war für mich schrecklich. Die Schwester befahl mir, das Ei zu essen, aber ich weigerte mich. Seitdem habe ich nie wieder Hühnerfleisch gegessen.«

Ich fragte Helga, ob sie Erinnerungen an andere Verwandte habe.

Helga: »Ja, an unsere Oma mütterlicherseits, also die Mutter unserer Mutter. Sie war eine interessante Person, großzügig und für ihre Zeit modern. Auf ungewöhnliche Weise modern: Sie nahm entlassene Männer aus dem Gefängnis bei sich auf, vertraute ihnen. Mit einem Wort, eine hilfsbereite Frau, die einem gestrauchelten Menschen mit einem Vertrauensvorschuss begegnete. Außergewöhnlich für die damalige Zeit.

Eine zweite Verwandte ist erwähnenswert, unsere Tante Paula, die Schwester unseres Vaters. Sie war die beste Freundin der Schwester von Adolf Hitler, die übrigens auch Paula geheißen hat. Hitlers Schwester änderte nach dem Krieg ihren Namen auf ›Frau Wolf‹, um sich von ihrem ›berühmten‹ Bruder zu distanzieren. Bis zum Schluss waren die beiden Paulas eng befreundet.«

Barbara Bock, die Mutter von Helga, Ute und Michael, kam aus Ostdeutschland. Sie hatte dort eine Mittelschule bis zur mittleren Reife (das ist der Abschluss der 6. Klasse) besucht. Helga erzählte, dass ihre Mutter als Mädchen, besser gesagt als junge Frau, im Bund Deutscher Mädchen, kurz BDM, der Naziorganisation für Mädchen, gewesen war. Sie hatte dort gelernt, wie sich ein deutsches Mädchen auf die Zukunft als treudeutsche Frau vorzubereiten hatte. Sie pflückten Blumen und banden Kränze, die auf blonde, strahlende Köpfe mit blauen Augen gesteckt wurden. Sie schrien Naziparolen auf Paradeplätzen, machten Ausflüge und turnten im Übrigen sehr viel. Ständig mussten sie herumhüpfen und ihre Treue zur deutschen Nation besiegeln, indem sie versprachen, sich fit zu halten und für ganz viel deutschen Nachwuchs zu sorgen, der von Stärke, Mut und Treue nur so zu strotzen habe.

Die junge Barbara Bock war eine elegant-sportliche Frau, die Eleganz behielt sie ihr Leben lang. Später arbeitete sie in einer Munitionsfabrik. Sie war ein introvertierter Mensch, was ihr ebenfalls ein Leben lang blieb. Introvertierte Eleganz oder elegante Introvertiertheit – damit war sie eine einsame Frau. Selbst in Gruppen und unter anderen Menschen legte sie das Flair der Einsamen nicht ab.

Ich habe sie als Helgas Mutter, also als meine Schwiegermutter in spe, kennengelernt. Nie hörte ich von ihr auch nur ein Wort über ihre Nazivergangenheit. Helga erzählte mir, dass sie auch gegenüber ihren Kindern darüber geschwiegen habe. Kaltes Schweigen über diese finstere Zeit sei ohnehin üblich gewesen in den Familien der Nachkriegszeit.

Als die junge Barbara nach Oberösterreich übersiedelte, um einen Linzer Ingenieur zu heiraten, wurde sie von vielen Einheimischen als Zugereiste abgelehnt und angefeindet. Mich, den aus dem Iran eingewanderten Ausländer, hat sie immer respekt- und würdevoll behandelt. Ihr Umgang mit mir war stets von einer gewissen Noblesse gefärbt. Vielleicht weil ich Medizin studierte und Arzt werden wollte. Jedenfalls unterstützte sie mich, wo es nur ging. Hatte ich irgendein Problem mit einer Behörde wegen meiner iranischen Herkunft, setzte sie sich für mich ein.

Zu Helgas frühen Familienerinnerungen gehörte, dass sich ihre Mutter vom politischen Gedankengut ihres Mannes strikt distanzierte, ja sie griff ihn sogar verbal an, wenn er sich innerhalb der Familie dahingehend äußerte. Danach herrschte immer ein spannungsgeladenes Schweigen zwischen den Elternteilen – eine schwer erträgliche Atmosphäre, erinnerte sich Helga. Vielleicht fühlte sich der Vater dadurch von seiner Frau erniedrigt. Und vielleicht musste er deshalb seine Kinder, insbesondere die Mädchen, heruntermachen.

Helga lieferte einige Jahreszahlen nach: 1941 hatten die Eltern in Linz geheiratet. 1949 waren sie samt ihren drei Kindern nach Wien gezogen, da die Baufirma, für die der Vater gearbeitet hatte, bankrottgegangen war. In Wien versuchte er, als Selbstständiger mit einem eigenen Planungsbüro in der Baubranche Fuß zu fassen.

»Utes Mädchenjahre in Wien. Was fällt dir dazu ein?«

»Ute ging in die Mittelschule, sie war sehr gescheit und entwickelte sich rasant zu einer intelligenten, geistig gewandten Jugendlichen. Man merkte es daran, wie sie plötzlich auftrat und redete. Zwischen ihr und mir gab es ab der Übersiedlung nach Wien keinen Streit mehr. Was auch auffällig war: Ute hatte bereits damals einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie setzte sich für Schwächere ein, jene, die sich nicht selbst helfen oder wehren konnten. Ob Schüler aus unterprivilegierten Familien, Ausgestoßene oder Einzelgänger, die wegen irgendeiner Art von Handicap keinen Anschluss fanden, sie half ihnen, sah einen Sinn darin, brachte die Kraft und den Mut dafür auf. Man muss bedenken: Sie war selbst noch gar keine Erwachsene, hatte aber bereits Ideen für ein sozial ausgewogenes, auf Gleichwertigkeit beruhendes Zusammenleben.