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URSULA STRAUSS

WARUM ICH NICHT MEHR FLIEGEN KANN

und wie ich gegen Zwerge kämpfte

BILDER UND GESCHICHTEN

Aufgezeichnet von Doris Priesching

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2018 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung und Satz: Designbüro Wienerwald

Umschlagfotos: © Philipp Horak

Gesetzt aus der Minion Pro Regular, 11,5/14 pt und DIN Pro, 10/17 pt

Designed in Austria, printed in the EU

ISBN 978-3-99050-131-3

eISBN 978-3-903217-28-7

Für den Clan, der mir alles bedeutet

Manchmal ist es nur ein Gefühl
oder irgendeine winzige Kleinigkeit
.

INHALT

VORWORT

I. WIE ICH WURDE

Glückskind

Uschi, eins

Die Urli, die Ulla usw.

Family Business

Mama

Papa

Wo die Zwerge wohnen

Süßer die Glocken

Ziemlich beste Hasen

Kunigunde, Mara und große Verluste

Barfüßiges Dirndl

Tue Buße!

Die Sache mit dem Herrn B.

Der zwölfte Geburtstag

Strahlende Tage

Bürgermeisters Tochter

Überlebenstraining

Auch eine Kunst

Vom Suchen und Finden

Der eigene Stil

Kaffee 1010

Mit Tante H. in Algerien

II. WAS ICH BIN

Ich will spielen

In der Rolle

Eine neue Welt

Merk-würdige Begegnungen

Auf gute Nachbarschaft

Macht mich härter

Vorsprechen

Mentorin

a2 + b2 = c2

Als ich einmal Otto Schenks Zehennägel schnitt

Besetzt!

Drinnen und draußen

Harmonie

Schulter und Schluss

Zwei Minuten Stille

Ein-Fälle

Masken und Bilder

Das Magische

III. UND WAS DAS SOLL

Warum ich nicht mehr fliegen kann

Gescheiter(t)

Holzkrokodil

Danke. Durchgefallen

Der verrückte Tisch

Bardame schämt sich fremd

Crash

Ich bin ja ich

Die anderen

Verzerrungen

Fesch

Nest-Bau

Energie

#MeToo

Selbst-Bewusst

Promi-Alarm

Gefaltete Zeit

Bild- und Textnachweis

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VORWORT

Zeichen der Zeit: Wir schauen ins Smartphone und übersehen das Wesentliche. Im Lärm des Digitalen erlahmen die Sinne. Wir sind medial kompetent, sozial eloquent, andauernd vernetzt, peitschen uns durch Facebook und Twitter – und verhungern emotional am ausgestreckten Arm. Wir befinden uns im Modus der Daueraufgeregtheit: der Rhythmus, mit dem man mit muss. Diesem »Shitstorm« entkommt keiner.

Genau dann ereignet sich etwas Überraschendes. Je näher wir den virtuellen Schluchten kommen, desto größer wird die Lust aufs Stehenbleiben, aufs Innehalten, Vom-Gas-runter-Gehen.

Die Sehnsucht nach dem Unmittelbaren wächst. Wir legen Vinyl auf den Plattenspieler, ziehen uns alte Filmschinken rein, holen Fotoalben raus, kuscheln uns aneinander, in der Hoffnung, dass uns nichts passiert. Weil das dann Leo ist.

Hier sind wir nicht zu erreichen und genau deshalb füreinander erreichbar. Hier sind wir geschützt, miteinander durch die Vergangenheit im Moment, in der Gegenwart, verbunden.

Bei uns daheim gibt’s die Fotoschachteln, da sind sie drinnen, alte, neue, große, kleine Bilder, farbige, schwarz-weiße, ausdrucksstarke, blasse, vergilbte. Geknipst haben alle. Bei uns entstanden die Fotos durch Zufall, ohne System. Es gab Zeiten, da wurde mehr festgehalten, dann wieder wurde darauf völlig vergessen.

Die Schachtel übt bis heute eine besondere Anziehungskraft auf mich aus. In bestimmten Momenten krame ich gerne in diesem Bilder-Berg, der eine Art familiäres Gedächtnis darstellt.

Früher wurde auch viel fotografiert, wenn auch bei Weitem nicht so viel wie heute. Der Unterschied: Man sah nicht gleich, ob es ein Treffer oder eine verunglückte Aufnahme war. Das stellte sich erst beim Fotografen heraus, wenn man die fertigen Bilder in der Fototasche durchschauen konnte. 9 x 13 oder 10 x 15 Zentimeter mit 12, 24 oder 36 Bildern pro Film. Wir sortierten nie welche aus, alle Bilder kamen mit nach Hause.

Ich erinnere mich gern. Für dieses Buch setze ich mich noch einmal hin und stöbere in der Fotolade. Ich schaue mir die Bilder an, lasse mich auf sie ein. Dabei werden Erinnerungen wach, drängen Geschichten an die Oberfläche, blitzen Gedanken auf, die mich an früher erinnern, mich darauf hinweisen, dass die Vergangenheit ein Teil meiner Gegenwart und Zukunft ist. Ich lasse die Erinnerung an Ereignisse, Stimmungen, Gefühle, Gedanken zu, manche Fotos sprechen für sich selbst, zu anderen habe ich viel zu sagen.

Also machen Sie es sich gemütlich und schauen Sie sich mit mir gemeinsam die Bilder meines bisherigen Lebens an. Ich erzähle.

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GLÜCKSKIND

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Ich habe eine Ahnung, wie es sich anfühlt, hier zu liegen. Um mich die weiße Bettwäsche, eingepackt in die flauschige Kuscheldecke, geschützt von dem kleinen Raum des Stubenwagens, in den ich, frisch gewaschen, gecremt, gepudert, soeben gelegt worden bin.

Mein Platz ist mir nicht langweilig, dafür sorgen die vielen Menschen, die sich außerhalb meines kleinen, geschützten Bereichs befinden. Ich höre ihre Stimmen, wie sie reden, wie sie mit einer großen Selbstverständlichkeit ihren Alltagsbeschäftigungen nachgehen, und ich bin ein Teil davon. Manchmal schauen sie zu mir herein, schneiden Grimassen, und sicher versuchen sie, Kontakt mit mir aufzunehmen: »Jö, schau, jetzt lacht’s!« oder »Ma, liab!«. Ich verstehe kein Wort, aber ich mag ihre Gesichter, ihre Gerüche, ihre Geräusche und lache begeistert zurück.

Ich, Ursula Strauss, geboren am 25. April 1974 im Landesklinikum Melk, aufgewachsen in der Nibelungenstadt Pöchlarn in der Siedlung, wo die Erlauf in die Donau fließt. Ich bin auf diesem Bild vier Wochen alt und, wie mir scheint, ein glückliches Kind.

USCHI, EINS

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Kindergeburtstage waren für mich eine ziemliche Show, nicht nur wegen der Geschenke, sondern weil man einen Tag lang im Mittelpunkt des Geschehens stand. Das war in einer Familie mit drei großen Geschwistern etwas Besonderes, gleichzeitig einschüchternd, weil genau das – im Mittelpunkt zu stehen – auch eine große Herausforderung ist.

Obwohl hier zwei Kerzen auf der Torte stecken, handelt es sich bei dieser Geburtstagsfeier um meinen ersten Geburtstag. Zur Kerze für die Jahreszahl gab es eine weitere, die Lebenskerze. Meine Puppe feierte mit, für die Gäste gab’s Torte und Prinzenrolle. Für mich gab’s ein Vorlesebuch.

Meine Eltern freuten sich über mich, zumindest haben sie mir das stets versichert, obwohl sie mit dem Kinderkriegen beide eigentlich schon abgeschlossen hatten. Mein Papa war 37, als ich geboren wurde, meine Mama 35, und sie hatten ja schon drei Söhne!

Mein jüngster Bruder, der Michi, ist acht Jahre älter als ich, der Peter zwölf Jahre, und der Rupert, der Älteste, wurde 15 Jahre vor mir geboren. Ich war also nicht geplant, und es dürfte eine knappe Entscheidung gewesen sein, ob ich auf die Welt komme.

Schließlich waren aber, so glaube ich, alle recht froh, vor allem mein Papa, weil jetzt auch noch ein Mädchen in die Familie kam. Ich habe zwar keine Vergleichsmöglichkeit, aber für mich hat er seine Sache sehr gut gemacht, er ist ein guter Mädchenpapa geworden. Einen vierten Buben hätten meine Mama und mein Papa bestimmt auch mit großer Freude begrüßt, aber ein Mädchen war für alle eine neue, willkommene Herausforderung.

Familienfeste zu feiern, egal ob Ostern, Weihnachten, Geburtstage, war und ist für uns alle sehr wichtig. Wir achten darauf, so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen, und genießen diese Zeit sehr. Wir sind ein recht intensiver Clan und haben eine starke Beziehung zueinander. Haben wir immer gehabt.

DIE URLI, DIE ULLA USW.

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Schau, da in der Mitte, das ist meine Uroma.

Ja, es gibt irgendwo einen Stammbaum, aber ich muss ganz ehrlich sagen: Die Geschichte meiner Ahnen ist mir wenig bis gar nicht bekannt. Meine Kernfamilie nimmt so viel Energie und Zeit, Gedanken und Lebensfreude in Anspruch, dass ich über die Geschichte vor meinen Großeltern nicht allzu viel weiß. Heute empfinde ich das als etwas schade. Heute würde ich meine Großeltern genauer über ihr Leben befragen.

Die Uroma habe ich noch erlebt. Sie war eine wirkliche Uroma, das heißt: alt und insofern ein Fixstern, als sie hin und wieder eines unserer Ausflugsziele darstellte. Sie war die Mama von der Mama meiner Mama, und sie zu besuchen, war wichtig. Die Oma ist die rechts außen auf dem Bild. Rechts hinten im Bild, auf dem Dreiradler mit dem Kopftüchel, das bin ich.

Für mich hatte die Uroma keinen Namen, sie war »die Uroma«. Sie starb, als ich noch sehr klein war, was zur Folge hatte, dass sie bis heute so gut wie nie in Erzählungen vorkommt. Ich weiß, wie sie aussah und dass sie ein hartes Leben hatte – wie meine Oma auch.

Die Ausflüge zu ihr waren für mich im Großen und Ganzen okay, bis auf die Tatsache, dass die Uroma ein behindertes Enkelkind hatte, das bei ihr wohnte, und vor diesem Kind, der Heidi, die ein junges Mädchen, in meinen Augen aber schon eine erwachsene Frau war, fürchtete sich mein dreijähriges Kinder-Ich ein bisserl.

Meine Oma, Maria Posch, war ein lediges St. Pöltener Kind. Sie wuchs bei Zieheltern in Neulengbach auf und musste sehr früh arbeiten. Als junges Mädchen wurde sie nach Wien geschickt. Dort war sie bei einer Herrschaft als Dienstmädchen angestellt. Die Oma hatte dort niemanden, war völlig auf sich allein gestellt. In ihren Haaren wurlte es nur so vor lauter Läusen, weil sich niemand um sie kümmerte. Um sich von der harten Arbeit und vom Alleinsein abzulenken, ging sie regelmäßig auf Stehplatz in die Oper.

Den Erzählungen nach lernte sie meinen Großvater Gottfried Posch in St. Pölten kennen. Der Großvater war auch ein Waisenkind, beide waren sehr arm. Sie heirateten 1934 in Pöchlarn. Sie lebten in einem Untermietzimmer und arbeiteten beide in der Hanf-Jute- Spinnerei in der sogenannten Neuda, einem Ortsteil von Golling an der Erlauf.

Die Leute erzählten, dass die Neuda ihren Namen von den damals sehr armen tschechischen Arbeitern hatte, die zur Jahrhundertwende in den Baracken der Fabrik wohnten. Wann immer ein neuer Arbeiter angekommen war, soll er mit den Worten begrüßt worden sein: »Ah, du neu da?«

Meinen Großvater habe ich nicht oft getroffen, und die wenigen Male, die wir Kontakt hatten, waren immer merkwürdig. Ich habe keine angenehmen Erinnerungen an ihn. Obwohl er vielleicht einen Anteil daran hat, dass mir ein gewisses schauspielerisches Gen in die Wiege gelegt wurde.

Es wird erzählt, dass er im Waisenhaus bei Theateraufführungen immer die Hauptrollen gespielt hat, King Lear und so. Wahrscheinlich hat der Krieg ihn verändert. 1939 wurde der Großvater nach Frankreich eingezogen und kam nur zu den Frontferien heim. 1945 war der Krieg vorbei, er kehrte nach Hause, nach Pöchlarn, zurück. 1947 kam es zur Scheidung, weil mein Großvater nicht nur die Oma mochte und mit einer anderen Frau einen Sohn hatte. Gottfried Posch zog nach Salzburg, und so hatte meine Mutter nie einen richtigen Vater.

Dass er sich von meiner Oma trennte, sei dahingestellt, das kommt vor, aber dass er sich nicht um seine eigene Tochter scherte, hat ihn mir nicht nähergebracht. Ich weiß, er hatte auch kein leichtes Leben, aber trotzdem beschäftige ich mich ungern mit ihm.

So gesehen wuchs ich ohne Opa auf. Der Vater meines Vaters starb im Waldviertel noch vor meiner Geburt. Der andere war zwar am Leben, aber für mich irgendwie nicht existent. Genaueres lässt sich im Nachhinein nicht sagen, weil ich als Enkelin mit der Oma diese Art von Gesprächen nicht führte. Aber ich hatte den Eindruck, dass die Oma das Verlassensein ganz gut aushielt, obwohl es sicher nicht leicht war, ein Kind allein großzuziehen. So viel Geld zu verdienen, dass meine Mama in eine Privatschule gehen konnte, war bestimmt harte Arbeit.

Die Oma war Kommunistin, und zwar deshalb, weil Pöchlarn russische Besatzungszone war, und ohne Parteibuch hätte sie nicht in der USIA-Fabrik arbeiten und ihr schweres Leben als Wäscherin hinter sich lassen können. Eigentlich war das Arbeiten bei den Russen als Strafe gedacht, weil mein Großvater Deutscher war. Aber für meine Oma hat es sich als Segen herausgestellt, denn die Russen waren sehr freundlich, meine Mama und sie hatten immer genug zu essen. Die Russen dürften viel gesungen und musiziert haben, bis heute liebt meine Mama ihre Sprache und die Musik. Die Oma zahlte bis zum Schluss brav ihren Mitgliedsbeitrag, weil sie den Russen dankbar war.

Für meine Mama war es nicht schön, ohne Vater aufzuwachsen. Die Oma wohnte mit ihrem Kind in Pöchlarn in einer winzigen Wohnung, nur Zimmer und Küche. Später, als die Mama ihre eigene Familie hatte, zog die Oma im selben Haus einen Stock höher, und Zimmer-Kuchl verwandelte sich in einen einzigen Raum. Sie kam jeden Tag zu uns ins Haus in die Siedlung, half meiner Mama im Haushalt, kochte, bügelte, putzte, kümmerte sich um den Garten, schaute auf uns Kinder, und am Abend ging sie wieder heim.

Manchmal, wenn meine Eltern am Abend nicht daheim waren, durfte ich bei der Oma schlafen. Ich saß bei ihr, durfte mit Schwefelanzündern den Herd anmachen, wurde von ihr im Schaukelstuhl in die schwere Decke gewickelt, bekam Kakao und Butterbrot und sah Schwarz-Weiß-Fernsehen. Es war die herrlichste Geborgenheit und Oma-Gemütlichkeit, die man sich nur vorstellen kann. Wir waren viel spazieren, die Oma und ich, im Frühjahr gingen wir Schneeglöckerln und Bärlauch brocken, zu Weihnachten half sie mir Kekserl auszustechen. Ich habe so viele intensive Erinnerungen an sie.

Dass meine Oma irgendwann schwächer wurde, war für mich schwer auszuhalten. Die Oma war immer stark, und ich verstand nicht, was mit ihr passierte, warum sie plötzlich nicht mehr so energiegeladen und dynamisch war, wie ich sie bisher kannte. Ich war wütend auf sie – und in Wahrheit wütend auf mich, weil ich zu schwach war, um sie in ihrem Schwächerwerden zu unterstützen. Das begriff ich aber erst viel später.

Nach einer schweren Operation war sie ein anderer Mensch, nicht wiederzuerkennen, und ich mit meinen 17 Jahren nicht in der Lage, sie liebevoll zu betreuen. Ich mied den Kontakt, wo es nur ging.

Für einen erwachsenen Menschen ist das leichter hinzunehmen, für mich war es das nicht. Ich konnte und wollte ihr langsames Sterben nicht sehen, mich nicht von ihr verabschieden. Die Zeit hat nicht gereicht, uns auf eine neue Art kennenzulernen. Dabei hätte ich als erwachsene Frau eine ganze Menge Fragen an sie.

Bei ihrem letzten Atemzug hielt ich gemeinsam mit meiner Mama ihre Hand. Die Oma lächelte, als sie starb, und meine Mama sagte: »Schau, Uschi, jetzt schaut s’ scho’ in Himmel eine.« Ich denke oft an sie.

Dabei sein zu dürfen, wenn jemand stirbt, ist ein unglaubliches Gefühl. Es ist ein Schock, gleichzeitig ist es etwas Magisches. Der Tod ist in diesem Moment die mächtigste Kraft im Raum und hat trotz des Schmerzes, den er mit sich bringt, beinahe etwas Majestätisches. Man ist für einen kurzen Moment mit einer anderen Dimension verbunden. Dass mich die Oma in ihrem Tod dabei sein ließ, war für mich ein großes Geschenk. Ich bin ihr dafür sehr dankbar, es hat mich ihr noch näher gebracht.

Sie starb am dritten Geburtstag meiner ersten Nichte, ihrem ersten Urenkerl, zu dem sie eine sehr intensive Beziehung hatte. Die Oma lag, wie es damals Brauch war, aufgebahrt in unserer Bauernstube. Wir waren traurig und gleichzeitig in dieser eigenartigen Beschäftigtheit, in der es darum geht, möglichst viele Sachen zu organisieren, was hilft, über die Unerträglichkeit der ersten Stunden hinwegzukommen.

Irgendwann kamen meine Nichten, ihre Urenkerln, dazu, drei- und einjährig, um sich von der »Ulla«, wie sie sie nannten, zu verabschieden: »Ulla tot! Ulla tot!«, riefen sie und kraxelten zur Oma aufs Totenbett. Ein unglaublicher Moment – das junge und das alte Leben, die Vergangenheit und die Zukunft so nahe beieinander. Dieses Bild werde ich nie vergessen. Als sie den Sarg wegtrugen, waren wir alle da, danach feierten wir den Geburtstag meiner Nichte.

Meine Oma war eine starke, unbeugsame Frau. Ich glaube, ihr hätte diese Gleichzeitigkeit gefallen. Sie hatte ja zu dem Zeitpunkt schon verstanden, wie nahe Leben und Tod beieinanderliegen.

FAMILY BUSINESS

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Liselotte Posch und Rupert Strauss lernten einander früh kennen, er, 16-jährig, kam als Bäckerlehrling aus Würnsdorf im Waldviertel, das bei uns »Würnschdorf« hieß, ging von dort nach Pöchlarn und sah sie, Liselotte, süße 14 Jahre, Schulmädchen in der dritten Klasse bei den Englischen Fräulein in St. Pölten.

Mein Papa hatte ein schönes Sportrad, die Mama spazierte im Park, er hielt sie an und fragte höflich: »Fräulein, darf ich Sie begleiten?«

Meine Mama antwortete: »Waun S’ nix bessas z’tuan haum.«

So fing alles an. Es schlug ein, wie man so schön sagt, und fortan war mein zukünftiger Papa noch lieber in der Lehre in Pöchlarn.

Als sie heirateten, war sie 18, er 20 Jahre alt. Die Mama war schwanger, sie trug im Bauch ein »Siebenmonatsbaby«, wie man das am Land so treffend nannte, und wo jeder sofort wusste, dass eine Heirat schnell zu gehen hatte. Die Mama war eine schlanke Braut, keiner wusste, dass sie schwanger war.

Meine Eltern liebten sich. Die zwei ergänzten sich, weil meine Mutter diese vernünftige Weichheit hatte und mein Vater ein leidenschaftlicher, starker Mann war. Sie liebten einander ihr Leben lang – kompromisslos und hingebungsvoll. Sie führten eine gute Ehe.

Meine Eltern konnten auch ordentlich streiten. Das ist ja nicht das Schlechteste. Dass Dinge sich entladen dürfen, ausgesprochen werden und man sich nicht dafür schämt. Das hat sich auch auf uns Kinder übertragen. Wir alle pflegen Kämpfe mit offenem Visier auszutragen. Damit klarzukommen, ist nicht immer einfach: »Schrei mich nicht an!«, höre ich dann manchmal und bin überrascht: »Ich schrei dich nicht an, ich spreche mit Nachdruck!«

Wir diskutieren in unserer Familie gern und leidenschaftlich über alles, die Welt, das Leben und was so dazugehört, und meistens wird es dann nachdrücklicher, ganz einfach, weil wir alle keine leisen Menschen sind. Und wenn einer mit Nachdruck spricht, muss der andere auch nachdrücken. Sonst hört ihn ja keiner! Von Schreien kann man da nicht sprechen.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mir jemals gedacht hätte, dass meine Eltern einander nicht mögen. Ja, sie gerieten aneinander, mitunter heftig, und wenn sie sich stritten, tat es mir im Herzen weh. Ich verkroch mich dann in ihr Schlafzimmer und weinte heimlich. Aber dass sie sich scheiden lassen? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich diese Angst jemals gehabt hätte. Und ich habe recht behalten.

Sie stritten, ja, aber sie zeigten auch, dass sie zusammengehörten. Das Bild, wenn sie gemeinsam vor dem Fernseher kuschelten, hat sich mir eingebrannt, und auch das hat sich in gewisser Weise auf mich übertragen. Ich habe mit meinem Vater bis zum Schluss gekuschelt und kuschele mit meiner Mama, sooft es geht.

Es war nicht so, dass wir alles durften. Der Papa war ein sehr kraftvoller Mann und sehr bestimmend, und wenn er nicht gut drauf war, war er manchmal zum Fürchten. Wenn er einmal »Nein« sagte, war es Nein, aus, keine Diskussion. Das war zwar im Moment zum Aus-der-Haut-Fahren, aber in Wahrheit waren diese Grenzerfahrungen ganz gesund.