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GEORG MARKUS

Das gibt’s nur bei uns

Erstaunliche Geschichten aus Österreich

Mit 58 Abbildungen

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© 2018 by Amalthea Signum Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Elisabeth Pirker/OFFBEAT
Umschlagabbildungen (v. l. n. r.):
Vorderseite: Johann Strauß Sohn, Wolfgang Amadeus Mozart,
Peter Altenberg, Kaiserin Elisabeth, Arthur Schnitzler.
Archiv des Verlages, © Löschenkohl, Johann Hieronymus/
ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com, © Ullstein Bild/picturedesk.com,
© Willfried Gredler-Oxenbauer/picturedesk.com, © Wolf, Käthe/
ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com
Rückseite: Ludwig van Beethoven, Kaiser Franz Joseph I., Franz Schubert.
© Sammlung Rauch/Interfoto/picturedesk.com, © Nedziella, Franz/ ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com, © Bildarchiv Hansmann/Interfoto/
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Herstellung und Satz: VerlagsService Dietmar Schmitz GmbH, Heimstetten
Gesetzt aus der 13/17,35 pt Goudy Old Style
Designed in Austria, printed in the EU
ISBN 978-3-99050-074-3
eISBN 978-3-903217-20-1

Für Daniela,
Mathias und
Moritz
in Liebe

INHALT

Warum gibt’s das nur in Österreich?
Vorwort

Der geheime Nachlass des Kammerdieners
Die Erinnerungen des Kronzeugen von Mayerling

»Jedenfalls ist er grad und aufrecht hineingangen«
Kronprinz Rudolf und Loschek in der Anekdote

»In einem Strudel der Leidenschaft«
Wie ich zu Prinzessin Louises Scheidungsdokumenten kam

Wie der »Walzerkönig« Sachse wurde
Das Haus Coburg in der Anekdote

Mordanschlag aus Liebe
Das Säureattentat auf den Prinzen Leopold von Coburg

»Wie ein Blitz aus heiterem Himmel«
Prinz Leo und Kamilla Rybicka in der Anekdote

»Sogar der Liftboy ist Professor«
Die Österreicher und ihre Titel

»Für mich bleibt er Prinz!«
Österreichische Titel in der Anekdote

Wie die Wiener zu Frankfurtern wurden
Das Produkt einer Liebesgeschichte

»Lahners Würste in aller Munde«
Die Frankfurter in der Anekdote

Drei prominente Kriminalfälle …
… und ihre Opfer Franz Lehár, Paula Wessely, Leo Slezak

»Dann schauen Sie sich meine Hosen an«
Lehár, Wessely und Slezak in der Anekdote

Beruf: Riese
Die Lebensgeschichte des Franz Winkelmeier

»Suche gleich große Frau«
Der Riese in der Anekdote

Klimts Geliebte spricht
Ein intimes Tonband taucht auf

»Eigentlich hab ich’s mir ärger vorgestellt«
Klimt, Schiele & Co in der Anekdote

»Darf ich den Brand melden?«
Die Zerstörung eines Wiener Wahrzeichens

»I bin’s, der Präsident!«
Josef Holaubek in der Anekdote

»A Kutscher kann a jeder wer’n«
Wie das Fiakerlied entstand

»Oh, entschuldigen Sie, Herr Baron«
Gustav Pick und Wiens Fiaker in der Anekdote

Kriminalfall Girardi
Ein Volksschauspieler erlebt die Hölle auf Erden

»Simma lieber gleich bös!«
Alexander Girardi in der Anekdote

Ein tragischer Jagdunfall
Der Kaiser erschießt den Fürsten Schwarzenberg

»Mir geht’s auch so ganz gut«
Karl VI. und Schwarzenberg in der Anekdote

»Jetty« erobert den Walzerkönig
Johann Strauß’ erste Frau

Wie blau ist die Donau?
Johann Strauß in der Anekdote

Ohrfeigen für Karl Kraus
Nach Erscheinen der ersten Fackel

»Die Schopf bei der Gelegenheit packen«
Karl Kraus in der Anekdote

Der Tod des Räuberhauptmanns Grasel
Wie man als Mörder populär wird

Eine goldene Uhr für den Amtsschreiber
Der Räuberhauptmann in der Anekdote

Franz Liszt zertrümmert jedes Klavier
Ein Wiener Instrumentenbauer rettet ihn

Zwölf Zuhörer im Konzerthaus
Franz Liszt in der Anekdote

Der treue Diener Ketterl
Keiner stand dem Kaiser so nahe wie er

»Dann nehmen Sie halt zwei Sessel«
Der Kaiser und Ketterl in der Anekdote

Der Tod des Schauspielers
Wie Josef Kainz vom nahenden Ende erfuhr

Professur für Kainz-Verträge
Josef Kainz in der Anekdote

»Die Früchte erntete eine andere«
Karajans unbedankte zweite Frau

»Hier irrte Puccini«
Herbert von Karajan in der Anekdote

»Meine unbegrenzte Verachtung auszusprechen«
Nestroy unterstützt seinen größten Feind

»Sein S’ froh, dass Sie kein Schauspieler sind!«
Johann Nestroy in der Anekdote

Wer war die Tante Jolesch?
Eine Spurensuche

»Die sind schon dort geboren«
Die Tante Jolesch in der Anekdote

»Und was bin ich geworden? Ein Schnorrer!«
Das Kaffeehaus und seine Literaten

»War gestern die kälteste Nacht des Jahres?«
Kaffeehausliteraten in der Anekdote

Beethovens letzte Reise
Im offenen Wagen dem Tod entgegen

»Mein Arzt ist ein pfiffiger Italiener«
Ludwig van Beethoven in der Anekdote

Zyankali statt Potenzmittel
Der Kriminalfall Hofrichter

Ein Detektiv schreitet ein
Der Fall Hofrichter in der Anekdote

Danksagung

Quellenverzeichnis

Bildnachweis

Personenregister

Warum gibt’s das nur in Österreich?
Vorwort

Natürlich gibt es auch anderswo Kronprinzen, Kammerdiener, Liebschaften, Scheidungsaffären, Riesen, Schnorrer, Doktoren honoris causa, komische Tanten, geniale Maler, Komponisten und Kaffeehausliteraten. Aber nirgendwo sonst in dieser Häufung, Ausprägung und vielleicht auch in dieser Originalität.

Einen wie Johann Loschek etwa wird man anderswo vergebens suchen. Er war als Kammerdiener des Kronprinzen Rudolf der Kronzeuge von Mayerling und schrieb im hohen Alter seine Erinnerungen nieder, die zu seinen Lebzeiten niemand zu sehen bekam. Seine Erben zeigten mir mehr als achtzig Jahre nach Loscheks Tod bisher unbekannte Schätze aus dem Nachlass, die er auf seinem Landgut bei Wiener Neustadt archiviert hatte, darunter die handschriftliche Schilderung der Nacht von Mayerling.

Aus dem Leben eines anderen Kammerdieners erfährt man im Kapitel »Der treue Diener Ketterl«, der über seinen Kaiser nur in den höchsten Tönen sprach, an dessen Frau Elisabeth aber überraschenderweise kein gutes Haar ließ.

Aus dem ehemaligen Kaiserhaus gibt es natürlich noch mehr zu berichten, das »nur bei uns« möglich ist. Auch Kronprinz Rudolfs Schwager Prinz Philipp von Coburg befand sich im Jagdschloss Mayerling, als die tödlichen Schüsse fielen. Es sollte nicht lange dauern, bis auf ihn ebenfalls Eheprobleme ungeahnten Ausmaßes zukamen: Philipps Frau Louise – sie war die Schwester der Kronprinzessin Stephanie – ging mit einem jungen Ulanenoffizier durch und verprasste mit ihm Millionen aus dem Vermögen ihres Gemahls. Irgendwann riss dem gehörnten Ehemann die Geduld, und er reichte die Scheidung ein. Mehr als ein Jahrhundert später wurden mir die bisher unbekannten Scheidungsdokumente zugespielt, die auf ein familiäres Desaster hinweisen: Inkriminiert waren nicht nur eheliche Untreue, sondern auch gesetzwidrige Machenschaften, die die Betroffenen ins Gefängnis brachten. Ähnliches hat es im Umfeld des Erzhauses nie zuvor oder danach gegeben.

Noch schlimmer als Louise und Philipp traf das Schicksal den einzigen Sohn des Ehepaares: Prinz Leopold von Coburg, der wie sein Vater im prächtigen Palais auf der Wiener Seilerstätte residierte, verliebte sich in eine Schauspielerin und wurde von ihr grausam ermordet, ehe sie sich selbst richtete. Der Grund: Coburg hatte ihr die Ehe versprochen, sich’s dann aber anders überlegt. Man sprach von einem zweiten Mayerling – mit umgekehrten Vorzeichen. Diesmal war es die Geliebte, die zur Schusswaffe griff.

Erstaunlich ist, dass sich der Räuberhauptmann Johann Georg Grasel als »Robin Hood des Waldviertels« immer noch einer gewissen Popularität erfreut. Ganz im Gegensatz zum k. u. k. Oberleutnant Adolf Hofrichter, der 1909 an zwölf Offiziere Kuverts verschickte, in denen sich »Potenzmittel mit verblüffender Wirkung« befinden sollten, die in Wahrheit aber tödliches Zyankali enthielten. Ein Hauptmann des Generalstabs ist nach Einnahme der Giftpillen gestorben. Der Hintergrund des Attentats: Hofrichter hoffte nach Beseitigung der vor ihm gereihten Kameraden in den begehrten Generalstab aufrücken zu können.

Für ein anderes Kapitel ging ich drei Kriminalfällen nach, die in den Jahren 1936 und 1937 ob der Prominenz ihrer Opfer Aufsehen erregten, heute aber vergessen sind: Die Schauspielerin Paula Wessely wurde erpresst, und die Wiener Wohnungen Franz Lehárs und des weltberühmten Tenors Leo Slezak wurden ausgeraubt. Kammersänger Slezak »gratulierte« den Einbrechern zu ihrem Coup: »So viel ich auf den ersten Blick feststellen konnte, haben sie aus der Kasse alles geraubt … sie leisteten wirklich ganze Arbeit.« Die Täter aller drei »Prominentenfälle« wurden dennoch gefasst.

Apropos Kammersänger. Hierzulande können an die neunhundert Berufs-, Amts-, akademische und sonstige Titel verliehen werden. So viele gibt’s tatsächlich nur bei uns – und sie gelangen auch nur bei uns zur praktischen Anwendung: »Guten Tag, Herr Ingenieur, grüß Gott, Frau Oberstudienrätin, habedjehre, Herr Hofrat!« Die ausgeprägte Titelfreudigkeit der Österreicher hat natürlich historische Wurzeln, die tief in die Monarchie hineinreichen und im Kapitel »Sogar der Liftboy ist Professor« erzählt werden.

Es gibt übrigens auch den schönen Titel »Bürger von Wien«, und mit diesem wurde zu Kaisers Zeiten der Fleischermeister Johann Georg Lahner bedacht, nachdem er jene Würstel kreiert hatte, die nur in Wien Frankfurter heißen, überall sonst aber Wiener. Die wohlschmeckende Fleischspeise ist das Ergebnis einer Liebesbeziehung des aus Frankfurt eingewanderten Selchermeisters mit einer Wiener Baronin.

Unglaubliches vertrauten mir die Nachkommen von Gustav Klimt an. Lucina Zimmermann befragte im Jahr 1974 ihre Urgroßmutter Mizzi Zimmermann, die ihr Details über ihre Liebe zu dem Jahrhundertmaler verriet. Lucina nahm das Gespräch mit einem Tonband auf und überließ mir die Kassette mehr als vierzig Jahre später zur Veröffentlichung. Mizzi beschreibt, wie Klimt sie auf der Josefstädter Straße ansprach, wie er sie zu seinem Modell und zur zweifachen Mutter machte. Sie führt aus, dass er Musik ebenso liebte wie die Malerei, wie sozial und tierliebend er war, und schließlich, wie er starb. Auf die anderen Modelle, mit denen er gleichzeitig Verhältnisse hatte, geht Mizzi hingegen nur in einem Nebensatz ein.

Auf Klimt folgen drei Kapitel, deren Reihung sich wie von selbst ergab: Im ersten geht es um den Brand der Rotunde im Prater, die als Folge sehr österreichischen Obrigkeitsdenkens zu einem Raub der Flammen wurde: Ein Arbeiter, der das Feuer aus der Kuppel des Wiener Wahrzeichens hervorschießen sah, verständigte nicht die Feuerwehr, sondern ging zur Direktion, um anzufragen, ob er die Feuerwehr verständigen dürfte. Als er zurückkam, gab es die Rotunde nicht mehr.

Was von der Rotunde blieb, ist das Fiakerlied, das wohl populärste aller Wienerlieder, das dort seine Uraufführung erlebt hatte, also erzähle ich im Kapitel nach dem Rotundenbrand die Entstehungsgeschichte der Wiener Volkshymne. Ihr erster Interpret war der Volksschauspieler Alexander Girardi, dem das letzte Kapitel in dieser Reihung gewidmet ist: es beinhaltet die Geschichte seiner Ehe mit der Schauspielerin Helene Odilon, die ihn beinahe ins »Irrenhaus« gebracht hätte.

Aus dem Bereich Musik schildere ich Beethovens letzte Reise vor seinem Tod und wie es kam, dass Franz Liszt jedes Klavier, auf dem er spielte, zertrümmerte. Es geht um die bedeutsame erste Frau des »Walzerkönigs« Johann Strauß und um die zweite Frau Herbert von Karajans. Spricht man von dem Dirigenten, denkt jeder an Eliette, die den Höhepunkt seines Ruhms an seiner Seite erleben durfte. Weit weniger bekannt ist hingegen die Geschichte seiner Frau Anita, die ihm zum Aufstieg verhalf, letztlich aber unbedankt blieb.

Jeder Österreicher kennt die Tante Jolesch, aber kaum jemand weiß, wer sie wirklich war. Ich begab mich auf Spurensuche, erkundete vieles über sie und ihre Familie, fand heraus, wo sie wohnte und dass Friedrich Torberg, ihr geistiger Vater, sie gar nicht persönlich gekannt hat.

Und weil wir grade bei der Tante Jolesch sind: Was es in dieser Form auch »nur bei uns« gibt, ist die Überlieferung bestimmter, zur jeweiligen Situation passender Anekdoten. Davon mache ich in diesem Buch reichlich Gebrauch: Jedes Kapitel hat ein Unterkapitel, in dem ich teils komische, teils nachdenklich stimmende Episoden zu den Personen im Hauptkapitel erzähle. Anekdoten über Franz Lehár wie über Paula Wessely und Leo Slezak, über Kronprinz Rudolf und seinen Kammerdiener, über Kaiser Franz Joseph und Ketterl, über Johann Strauß, Klimt, Girardi, die Wiener Fiaker, Peter Altenberg und so weiter.

Die zahlreichen von mir aufgestöberten Anekdoten – darunter etliche »Klassiker« – bestärken mich in der Annahme, dass eine solche Vielfalt an heiter-besinnlichen Geschichten wirklich nur in Österreich existiert.

All das hat, man muss es bekennen, einiges mit einer Mischung aus Größenwahn und fehlendem Selbstbewusstsein zu tun, mit Schlamperei und ein bisserl Raunzen, mit dem erwähnten Obrigkeitsdenken, einer hierzulande ausgeprägten Mir-San-Mir-Mentalität sowie den beliebten Liedzeilen »A Kutscher kann a jeder wer’n, aber fahren, des kennans nur in Wean«, »Glücklich ist, wer vergisst« und »Es wird a Wein sein und wir wer’n nimmer sein«.

Aber auch mit einer gehörigen Portion Schmäh und Charme.

Georg Markus
Wien, im August 2018

Der geheime Nachlass des Kammerdieners
Die Erinnerungen des Kronzeugen von Mayerling

Das kommt selbst in Österreich nicht alle Tage vor, dass ein Kammerdiener in Pension geht, sich ein riesiges Landgut kauft und fortan das Leben eines wohlbestallten Gutsherrn führt. Johann Loschek war allerdings nicht irgendein Kammerdiener, sondern der des Kronprinzen Rudolf und zugleich der erste und wichtigste Kronzeuge der Ereignisse von Mayerling. Seine Erben luden mich auf dessen Anwesen in Niederösterreich ein und zeigten mir bisher unbekannte private Dokumente aus dem Nachlass des Mannes, der die Tragödie des Kronprinzen aus nächster Nähe miterlebt hat. Darunter die handschriftliche Schilderung des Tages, an dem Mary Vetsera und der Sohn des Kaisers starben.

Frau Rotraut Witetschka bewohnt den »Auer Hof« in Kleinwolkersdorf bei Wiener Neustadt. Sie und ihr verstorbener Mann haben das Gut des Leibkammerdieners Loschek 1987 geerbt und »alles aufbewahrt, das aus dem persönlichen Besitz der Familie Loschek stammt«.

Dadurch können mir Frau Witetschka und ihre Tochter Eva zeigen, was der Kronprinz seinem Kammerdiener hinterlassen hat. Die Tischwäsche mit dem eingestickten »R« für Rudolf samt Kaiserkrone. Eine große Reisetruhe aus Holz, auf der in einem Messingschild »Sr. kaiserl. Hoheit Kronprinz Erzherzog Rudolf« eingraviert ist. Weiters Handschriften und Fotografien von Rudolf. Vor allem aber – und das ist das wirklich Interessante – finden sich hier die persönlichen Erinnerungen des Kammerdieners an die Tragödie von Mayerling.

Johann Loschek war die letzte Person, die mit Kronprinz Rudolf und Mary Vetsera sprach, und er war es auch, der am Morgen des 30. Jänner 1889 die Leichen des Paares entdeckte.

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Auf der Tischwäsche, die der Kammerdiener Loschek vom Kronprinzen erhalten hat, ist das »R« für Rudolf samt Kaiserkrone eingestickt.

Der Kammerdiener wurde nach Rudolfs Tod, obwohl erst 44 Jahre alt, vom kaiserlichen Hof in den Ruhestand versetzt und erhielt eine Abfindung in Höhe von 2600 Gulden1. Gleichzeitig musste er sich verpflichten, solange er lebte, mit niemandem über die Vorgänge im Jagdschloss Mayerling zu sprechen.

Johann Loschek hielt sich an dieses Versprechen. Allerdings diktierte er am 19. Jänner 1928 seinem Sohn Johann Loschek jun. seinen Lebenslauf, dessen spannendster Teil den Titel Die richtige Darstellung des Dramas von Mayerling trägt. Die achtseitige Handschrift befand sich bei meinem Besuch auf dem ehemaligen Gut Johann Loscheks in Kleinwolkersdorf bei Wiener Neustadt und somit im Besitz von Rotraut Witetschka, die mir das Original zur Veröffentlichung in diesem Buchkapitel zur Verfügung stellte.

»Als einziger noch lebender Zeuge des Dramas von Mayerling«, notierte der damals 83-jährige Loschek, »will ich es nicht in das Grab nehmen sondern habe es meinem Sohn Johann Loschek diktiert. Einfach und wahr.«

Und das ist der Bericht des Kammerdieners über die Tragödie von Mayerling:

Ich fuhr mit meinem Hofwagen am 29. Jänner 1889 um ¾ 9 h Vorm. zum Südbahnhof um nach Baden einzusteigen. Ab Baden fuhr ich mit meinem Fiaker Rosensteiner nach Mayerling, welches ich nach dem Geschmack eingerichtet hatte. Nachmittags kam der einzige Jagdgast Graf Hoyos an. Rudolf schickte Prinz Coburg zum Kaiser, er könne nicht kommen, da er Halsschmerzen2 habe. Ich selbst musste dem Prinzen Coburg mündlich die Post übermitteln. Rudolf selbst kam erst am Abend mit seinem Leibfiaker Bratfisch mit Mary Vetsera an und begaben sich beide in das Zimmer. Gleich abends als Forstmeister Hornsteiner über die Jagdeinteilung mit Rudolf gesprochen hatte und er die morgige Jagd mit dem Hinweis, er habe keine Zeit, absagte, kam sofort Jagdmeister Hornsteiner zu mir und sagte: »Du, was ist’s mit dem Kronprinzen, er hat jetzt mit mir gesprochen und hat aber an ganz etwas anderes gedacht.« Ich selbst bemerkte auffallenderweise, wie er mich beim Abendessen, welches nur Rudolf und Hoyos allein einnahmen, vom Kopf bis zu Fuß groß ansah, als wollte er sagen, Du bist es, welcher bald seinen guten, aber unglücklichen Herrn tot finden wird.

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Verpflichtete sich, niemals über die Vorgänge von Mayerling zu sprechen: Kronprinz Rudolfs Kammerdiener Johann Loschek

Johann Loschek ging an diesem 29. Jänner 1889 erst spätabends zu Bett. Und erinnerte sich in seinem Lebenslauf an eine unruhige Nacht:

Für Rudolf und Vetsera gab es keinen Schlaf mehr. Ich schlief wie gewöhnlich im Nebenzimmer und Rudolf sagte mir beim Schlafengehen: »Sie dürfen Niemanden zu mir lassen und wenn es der Kaiser ist.« Vetsera erwartete Rudolf im Zimmer, wo sie auch das letzte Nachtmahl eingenommen hatte. Ich hörte die ganze Nacht über Rudolf und Vetsera in sehr ernstem Tone sprechen. Verstehen konnte ich es nicht.

Fünf Minuten vor ½ 7 Uhr früh kam Rudolf vollständig angezogen zu mir in das Zimmer heraus und befahl mir, (die Pferde, Anm.) einspannen zu lassen. Ich war noch nicht im Hofe draußen, als ich 2 Detonationen hörte, und lief sofort zurück, der Pulvergeruch kam mir entgegen. Ich stürmte zum Schlafzimmer, doch es war entgegen der Gewohnheit Rudolfs zugesperrt (sonst sperrte er das Zimmer nie ab). Was nun machen. Ich holte sofort Graf Hoyos und mit einem Hammer bewaffnet, schlug ich die Türfüllung ein, dass ich gerade mit der Hand hinein konnte, um die Türe von innen aufzusperren. Welch grauenhafter Anblick. Rudolf lag entseelt auf seinem Bette, ganz angezogen, Mary Vetsera ebenfalls auf ihrem Bette vollständig angekleidet. Rudolfs Armeerevolver lag neben ihm. Beide haben sich überhaupt nicht schlafen gelegt. Beiden hing der halbe Kopf hinunter. Gleich beim ersten Anblick konnte man sehen, dass Rudolf zuerst Mary Vetsera erschossen hatte und dann sich selbst entleibte. Es fielen nur 2 wohlgezielte Schüsse. Von der Anwesenheit einer dritten Person und dass Glasscherben am Kopfe Rudolfs steckten, ist wie so vieles über den Tod frei erfunden.

Der unter Schock stehende Kammerdiener informierte sofort nach Auffinden der beiden Leichen telegrafisch den kaiserlichen Leibarzt Hermann Widerhofer und die beiden Adjutanten des Kronprinzen. Loschek setzt seinen Bericht fort:

Dr. Widerhofer war bereits gegen ½ 9 Uhr hier. Ich sperrte alles ab und bettete Rudolf und Vetsera in ihre Betten. Die Betten standen nicht wie Ehebetten nebeneinander, sondern an beiden Wänden. Auf dem Nachtkästchen Rudolfs war ein einfacher Zettel (des Kronprinzen, Anm.) an mich adressiert und darauf stand:

»Lieber Loschek, holen Sie einen Geistlichen und lassen Sie uns in einem gemeinsamen Grabe in Heiligenkreuz beisetzen. Die Pretiosen meiner teuren Mary nebst Brief von ihr überbringen Sie der Mutter Marys. Ich danke Ihnen für Ihre jederzeit so treuen und aufopfernden Dienste während der vielen Jahre, welche Sie bei mir dienten. Den Brief an meine Frau lassen Sie ihr am kürzesten Wege zukommen. Rudolf.«

Als er diese Zeilen las, wurden dem Kammerdiener das volle Ausmaß und die Dimension der Geschehnisse bewusst.

Jetzt erst brach auch ich zusammen, ich kniete nieder, meinen Kopf auf Rudolfs Arm legend und weinte bitterlich. Wie lange, das weiß ich nicht. Ein Klopfen scheuchte mich auf, es war bereits Dr. Widerhofer und ein Sekretär, welche den Tatbestand nach meinen Angaben aufnahmen. Denselben Tag noch brachten wir die Leiche Rudolfs nach Baden, wo wir circa um 9 Uhr abends ankamen. Lakaien trugen den Sarg in einen Salonwagen und nur Dr. Widerhofer und ich begleiteten unseren guten Herrn nach Wien.

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»Die richtige Darstellung des Dramas von Mayerling«: Die Erinnerungen, die Johann Loschek seinem Sohn diktierte

Eine große Menschenmenge erwartete uns. Ich fuhr dem Leichenwagen hinterher noch bis in die Burg, das Weitere ist ja aus den Zeitungen schon längst bekannt. So lautet einfach und ohne Romantik das Drama von Mayerling, worüber schon so Vieles von nicht eingeweihten Personen geschrieben wurde.

Mit diesen Worten beendet Loschek das wohl traurigste Kapitel seines Lebens. Gezeichnet: »Kleinwolkersdorf, 19. I. 1928, Johann Loschek, Kammerdiener weiland Kronprinz Erzherzog Rudolf«, bestätigt von zwei Zeugen.

Es war auch bisher schon bekannt, dass Rudolf in Mayerling mehrere Abschiedsbriefe verfasst hat: den oben erwähnten an seine Frau Stephanie, einen an seine Mutter Kaiserin Elisabeth, einen weiteren an seine Schwester Marie Valerie, einen an seinen Freund, den Bankier Baron Moritz Hirsch, einen an seine Geliebte Mizzi Caspar und den ebenfalls erwähnten an Kammerdiener Loschek. Was bisher nicht bekannt war, ist, dass Rudolf noch einige Briefe schreiben wollte. Die Kuverts dazu fand ich in Loscheks Nachlass in Kleinwolkersdorf. Rudolf hatte die Kuverts bereits beschriftet, sie waren an den Fürsten Lobkowitz, den Grafen Festetics und andere persönliche Freunde gerichtet. Die Briefe, die er in diese Kuverts legen wollte, hat Rudolf nicht mehr geschrieben. Offenbar hat er es mit dem Sterben eiliger gehabt, als er es ursprünglich vorhatte. Auffallend ist, dass sich auch unter den geplanten Abschiedsbriefen keiner an seinen Vater, den Kaiser, befand.

Teile der Erinnerungen hat Loscheks Sohn zwei Monate nach dem Tod seines Vaters an die Redaktion der Berliner Illustrierten Zeitung verkauft, in der die Schilderungen am 24. April 1932 auszugsweise veröffentlicht wurden3. Doch kein Chronist vor mir hat die ungekürzte Originalhandschrift, die mir Frau Witetschka und ihre Tochter Eva Veit-Witetschka jetzt zur Verfügung stellten, in Händen gehalten.

Die wichtigste Erkenntnis aus der Hinterlassenschaft des Kronzeugen Loschek ist, dass das Drama von Mayerling im Wesentlichen so verlaufen ist, wie es von der seriösen Geschichtsschreibung seit jeher dargestellt wird. Und dass das junge Paar keineswegs von einer dritten Person ermordet wurde, wie es düstere Verschwörungstheorien immer wieder verkünden.

Die Frage liegt nahe, wie sich ein Kammerdiener im Jahr 1896 – sieben Jahre nach Mayerling – eine vierzig Hektar4 große Landwirtschaft mit Bediensteten, einer eigenen Mühle, Schweine-, Hühner- und Pferdestall, Schmiede und riesigen Ackerflächen leisten konnte. Johann Loschek selbst geht in seinem Lebenslauf auf diese Frage ein:

Es wurde oft und oft behauptet, ich erhielt eine große Summe Schweigegeld u. s. w. Das alles ist frei erfunden wie so Vieles über Kronprinz Rudolf. Rudolf bedachte in seinem Testament alle seine Angestellten. Auf diese Weise bekam ich 2600 Gulden nebst Gewehren, Kleidern, etc. und ich besitze für jedes einzelne Stück eine Bestätigung.

Es ist eine Fabel wenn behauptet wird Loschek war nun ein reicher Mann geworden. Das kleine Kapital hatte ich mir ehrlich und redlich erspart. Auf den vielen Reisen konnte ich mir ja die Diäten ganz auf die Seite legen. Ich bin eigentlich stolz darauf als armer Mann zu sterben.

Nun, als armer Mann ist Johann Loschek nicht gestorben. Sein vierzig Hektar großer Besitz gibt darüber Auskunft. Rotraut Witetschka, die heutige Besitzerin des Gutes, ist dennoch überzeugt davon, dass seine Darstellung den Tatsachen entspricht. »Herr Loschek war ein Ehrenmann, er hat, solange er lebte, geschwiegen, ohne dass man ihn dafür bezahlen musste.«

Doch die Gerüchte, Loschek hätte für die Geheimhaltung der Geschehnisse von Mayerling »Schweigegeld« erhalten, sollten nie verstummen. Fest steht, dass sowohl Kaiserin Elisabeth als auch Kronprinzessin-Witwe Stephanie den Kammerdiener weit über Rudolfs Tod hinaus außerordentlich schätzten. Und es ist durchaus denkbar, dass sie ihn mit großzügigen finanziellen Mitteln ausstatteten – ohne diese als »Schweigegeld« zu deklarieren. Es gibt keine andere Erklärung dafür, wie Loschek das große Gut in Kleinwolkersdorf hätte kaufen sollen, das ein Vielfaches dessen gekostet haben muss, was er in knapp zwölf Dienstjahren beim Kronprinzen und mit seiner offiziellen Abfertigung inklusive der vom ihm angeführten »Diäten« je verdienen konnte. Ein Grundstück in dieser Lage und Größenordnung hätte heute einen Wert von rund 2,5 Millionen Euro. Da wäre er mit seiner Abfertigung von 2600 Gulden nicht sehr weit gekommen.

Johann Loschek war bereits in vierter Generation in kaiserlichen Diensten, schon sein Urgroßvater Josef Loschek hatte Kaiser Franz I. als Oberjäger gedient. Johann Loschek lernte den Kronprinzen Rudolf kennen, als dieser elf Jahre alt war, und machte ihn »mit den ersten Anleitungen zur Jagd« vertraut. Acht Jahre später kam es zu einem schicksalhaften Wiedersehen, das Loschek in seinem Lebenslauf so beschreibt:

Es war am 30. September 1877, ich war gerade im (kaiserlichen Revier, Anm.) Auhof kommandiert. Da fahren die Kaiserin Elisabeth und an Ihrer Seite Rudolf vor und verlangen ausdrücklich von mir ein Glas Wasser, das ich Ihnen reichte. Ich bemerkte, dass mich die Kaiserin, welche mich ja ohnehin kannte, musternd ansah. Bereits am nächsten Tage hatte ich das Anstellungsdekret und war fortan an der Seite des Kronprinzen Rudolf. Ich traute meinen Augen nicht, ich hatte ja gar nicht angesucht um direkte Verwendung bei Hofe, war ich doch damals noch zu jung. Nächsten Tag bereits war ich in der Hofburg und trat meinen Dienst an.

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Johann Loschek war der Letzte, der Mary Vetsera und Kronprinz Rudolf lebend sah. Und er war es auch, der ihre Leichen entdeckte.

Genau genommen hatte der 32-jährige Johann Loschek jetzt die Position des »k. u. k. Saalhüters, Kammerdieners und Jägers Seiner kaiserlichen Hoheit, des Kronprinzen Erzherzog Rudolf« inne. In den zwölf Jahren bis zur Tragödie von Mayerling begleitete er seinen Herrn auch auf all dessen Reisen nach Afrika, auf den Balkan, nach Athen, Damaskus, Kairo, Jerusalem, Paris, Straßburg, München und Augsburg. Bisher noch nie veröffentlicht ist das ebenfalls auf seinem Gut in Kleinwolkersdorf aufgefundene Reisetagebuch, das Loschek akribisch führte. Hier sind erstmals Auszüge daraus zu lesen.

Die sich meist über mehrere Wochen hinziehenden Reisen entpuppten sich als großes Abenteuer für den Kammerdiener, der diese auch eindrucksvoll zu beschreiben wusste. Loschek war ein durchaus gebildeter Mann, der einige Gymnasialjahre und eine Forstlehranstalt absolviert hatte, ehe er seinen Dienst beim Kronprinzen antrat. Rudolf und seine Entourage reisten mit der kaiserlichen Yacht Miramar, per Bahn und in Kutschen, nicht selten ritten sie auch übers Land. Die Reisen des Kronprinzen waren vorbildlich vorbereitet, und Rudolf, der sich sehr für die Tier- und Pflanzenwelt interessierte, traf unterwegs mit Gelehrten, Aristokraten, Diplomaten und Geistlichen zusammen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wurde zur Jagd geladen. Loschek erzählt von prunkvollen Empfängen an den Königshöfen der Länder, die sie besuchten. »Unter Kanonendonner fuhren wir im herrlichen Hafen von Lissabon ein. Es folgte die Begrüßung durch den König von Portugal. Eine riesige Menschenmenge begrüßte uns.«

Loscheks Reisetagebuch ist auch zu entnehmen, dass es um ein Haar gar nicht zu Mayerling gekommen wäre – weil der Kronprinz 1879 nahe der Stadt Malaga mit einem Boot beinahe untergegangen wäre. »Tags darauf ereignete sich ein Zwischenfall, der leicht hätte für uns sehr verhängnisvoll werden können«, schreibt der Kammerdiener, der an diesem Tag mit seinem Herrn und dessen Freundesrunde Sumpfvögel jagte. »Das Meer war ziemlich bewegt. Plötzlich überflutete uns eine Sturzwelle, welche das ganze Boot mit Wasser füllte. Das wäre aber nicht das größte Übel gewesen, sondern die Welle schwemmte auch viel Sand in das Boot, welches zum Sinken anfing – bange Minuten, und wir standen bis zur Brusthöhe im Meere.« Hilflos musste die kleine Gruppe mitansehen, wie das Boot immer tiefer sank und es keine Rettung zu geben schien. Glücklicherweise wurden die Herren dann doch noch in letzter Minute von den Matrosen der kaiserlichen Yacht Miramar entdeckt und, völlig durchnässt, in Rettungsboote aufgenommen.

Loschek bleibt in seinem Reisetagebuch immer diskret. Er bediente Rudolf mehrere Jahre in Prag, als dieser dort seinen Militärdienst leistete. Man weiß von etlichen Liebschaften des Kronprinzen in dieser Zeit, doch der Kammerdiener erwähnt in seinen Aufzeichnungen keine einzige.

Hingegen entnimmt man Loscheks Zeilen, wie populär Rudolf war. Als der Kammerdiener mit seinem Herrn am 22. April 1881 nach mehr als zweimonatiger Afrika- und Asien-Reise am Wiener Südbahnhof ankam, schreibt er: »Unser Zug wurde von einer vieltausendköpfigen Menge erwartet. Rudolf war ja, ohne zu loben, bei den Wienern sehr beliebt. Der Kaiser erwartete uns … und der Jubel wollte kein Ende nehmen. Nun waren wir wieder gesund und glücklich im schönen Wien. Wir alle waren derart abgebrannt, dass sich alle Leute umsahen, wenn wir auf der Gasse gingen.«

Klar, dass Loschek »seinen« Kronprinzen nur in den prächtigsten Farben schildert. Kein Wunder auch, dass mit dessen tragischem Tod für den Kammerdiener eine Welt zusammenbrach.

Nach seiner Pensionierung führte Johann Loschek auf seinem Landgut ein sehr zurückgezogenes Leben. Über Mayerling sprach der ehemalige Kammerdiener nie.

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»Rudolf war ja, ohne zu loben, bei den Wienern sehr beliebt«: Johann Loschek im Alter von über achtzig Jahren auf seinem Landgut in Kleinwolkersdorf