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Wolfgang Paterno · Eva Walisch

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Mit 51 Abbildungen

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Bildnachweis

Wolfgang Paterno (18, 22, 24, 26, 35, 37, 47, 51, 53, 56, 59, 60, 64, 70, 73, 104, 107, 117, 119, 127, 129, 137, 138, 143, 145, 153, 155), Eva Walisch (28, 31, 38, 40/41, 80, 84, 89, 90, 95, 97, 98, 101, 109, 112/113, 120, 123, 130, 133, 146, 151), Philipp Horak (66, 69, 77, 78)

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© 2018 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Uninteressante Menschen gibt es nicht.

Jewgeni Jewtuschenko

Indem wir anderen unsere Geschichten erzählen,
erzählen wir uns selbst herbei.

Paulus Hochgatterer

Inhalt

Vorwort

»Ein jeder ein Planet«
Wie lebt es sich mit 100 Jahren?

Hilda Gamper

*1914, Lustenau, Vorarlberg

Hannes Schiel

*1914, Wien

Barbara Zechner

*1916, Vasoldsberg, Steiermark

Gertraud Wozelka

*1916, Wien

Maria Brunner

*1917, Bad Vöslau, Niederösterreich

Alfred Nagl

*1915, Weiden am See, Burgenland

Georg Graner

*1917, Wien

Anneliese Rinke

*1917, Dornbirn, Vorarlberg

Anna Radl

*1916, Wien

Dorothea Neurauter

*1917, Bregenz, Vorarlberg

Erika Wessetzky

*1911, Wien

Schwester Maria

*1917, Klagenfurt, Kärnten

Konrad Hofer

*1917, Wien

Franz Wallner

*1915, Gloggnitz, Niederösterreich

Barbara Kolland

*1918, Raaba, Steiermark

Anna Strecker

*1914, Bad Vöslau, Niederösterreich

Walter Hipf

*1917, Salzburg

Irma Zach

*1912, Wien

Toni Knoblehar

*1917, Linz, Oberösterreich

Stefanie Kürner

*1911, Linz, Oberösterreich

Herta Turnowsky

*1915, Linz, Oberösterreich

Margarete Zidar

*1918, Wien

Felix Pyerin

*1915, Feldkirchen, Steiermark

Susanne Url

*1917, Übelbach, Steiermark

Anna Rupar

*1915, Hitzendorf bei Graz, Steiermark

Dank

Dokumentation der Interviews

Namenregister

Epilog

Vorwort

»Ein jeder ein Planet«
Wie lebt es sich mit 100 Jahren?

Stefanie Kürner ist sechs Jahre alt, als ihr Vater in den Krieg zieht und in Italien im Giftgas bleibt. Die Oberösterreicherin erinnert sich, wie 1918 die Fotos von Kaiser Franz Joseph von den Wänden entfernt wurden.

Die 1930er-Jahre in Wien: Gertraud Wozelka, eine ehrgeizige junge Frau, lässt sich nicht davon abschrecken, dass die Sitzreihen in den Hörsälen der Universität nahezu ausschließlich von Männern belegt sind. Mit 19 beginnt sie Pharmazie zu studieren, als eine der ersten weiblichen Studentinnen des Fachs. Ihr Vater ist Apotheker, in seine Fußstapfen möchte sie treten.

Zur selben Zeit kann der 22-jährige Franz Wallner von Bildung, Wissenschaft und Forschung nur träumen. Der Bauernsohn schuftet Tag für Tag auf dem Hof in Niederösterreich, für 90 Groschen Lohn.

Es sind Geschichten aus der Welt von gestern, deren Heldinnen und Helden inzwischen in einem hochbetagten Alter sind. Sie waren Zeugen, als 1918 die Erste Republik ausgerufen und Österreich 1945 durch die Alliierten vom Nationalsozialismus befreit wurde. Sie erlebten, wie Droschken durch Autos ersetzt wurden, Kindersterblichkeit und Kinderzahl abnahmen, wie sich Staubsauger, Reißverschluss, Nylonstrümpfe, Haartrockner, Kleinbildkamera, Kreditkarte, Kugelschreiber und Klettverschluss durchzusetzen begannen und Antibiotika und Vitamine entdeckt wurden. Sie waren Schulkinder, als in Wien der Justizpalast brannte, Jugendliche, als Engelbert Dollfuß ein austrofaschistisches Regime begründete, Erwachsene, als der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Mit einem Bein stehen sie in der Welt des Analogen, in der ein Telefon und ein Fernsehgerät Luxus waren, mit dem anderen im 21. Jahrhundert. Hundertjährige wissen um Computer, Handy oder Tablet, auch wenn sie sich am Takt der digitalen Welt zumeist nicht mehr beteiligen. Die Sehkraft schwindet, die Displays sind klein, das Wischen und Blättern ist beschwerlich. Das Internet ist ein Buch mit sieben Siegeln. Menschen mit 100 Jahren Lebenserfahrung haben vieles kommen und gehen sehen.

1156 Hundertjährige zählte die Statistik Austria im Jahr 2017 in Österreich. 25 davon kommen auf den folgenden Seiten zu Wort, um über ihr langes Dasein zu sprechen. Es sind Lebensgeschichten über Freundschaft, Freude, Liebe, Humor, Disziplin, Glaube, Trauer, Gewalt, über Scheidewege und Nebensächlichkeiten, über die große Geschichte im kleinen Leben.

Die gebürtige Linzerin Maria Nopp tritt nach ihrem 21. Geburtstag in das Kloster der Ursulinen ein. Drei Monate später flieht sie gemeinsam mit ihren Mitschwestern vor den Nationalsozialisten nach Frankreich.

Wie für so viele ist der Krieg ab 1939 auch für Anna Strecker der tiefste Einschnitt in ihrem Leben. »Ich hatte mein ganzes Leben nie Angst, nur vor den Bomben«, wird sie später sagen.

Am 8. Mai 1945 beginnt eine neue Zeit, auch für Anna Rupar: »Mein Geburtstag ist der 8. Mai. Das Kriegsende 1945 war für mich also ein doppelter Feiertag.«

»Zentenare« nennt man Personen, die sich schon ein ganzes Jahrhundert auf diesem Planeten aufhalten. Die besondere Magie, die ein Alter im dreistelligen Bereich für viele ausstrahlt, können die Hundertjährigen, die nachstehend über Wohl und Wehe des Uraltseins sprechen, nicht teilen. »Was habe ich schon davon? Es ist doch nur eine Zahl«, bekennt der 103-jährige Franz Wallner. Der Geburtstagsblumenstrauß, ab bestimmter Altersklasse von Bürgermeistern gewohnheitsmäßig überreicht, ist die symbolische Bestätigung dafür, dass hohes Alter per se als Besonderheit gilt.

Altwerden hat viele Gesichter. Manche Hundertjährige schmieden Pläne für die Zukunft, andere wünschen sich ein baldiges Ende, die Erlösung von Einsamkeit und körperlichem Weh. Die einen genießen ihren Nachmittagskaffee im Pflegeheim, andere sitzen isoliert in ihren Wohnungen, von Erinnerungsfotos umgeben, auf denen längst alle tot sind.

Vier Fünftel der Hundertjährigen in Österreich sind Frauen. Die deutsche Journalistin Kerstin Schweighöfer schreibt in ihrem Buch 100 Jahre Leben über die Hochbetagten: »Die meisten von ihnen sind Frauen, was daran liegt, dass wir es mit einer Generation zu tun haben, in der Frauen nicht nur deshalb älter werden konnten, weil sie nicht auf den Schlachtfeldern Europas gefallen sind, sondern auch, weil ihnen männliche Laster wie Rauchen und Trinken noch fremd waren und sie sich auch in dieser Hinsicht noch nicht emanzipiert hatten.«

Besonders gute Chancen, ein dreistelliges Alter zu erreichen, hat man, statistisch gesehen, in Bregenz, ganz im Westen Österreichs; in Wien feiert man am ehesten im 19. Gemeindebezirk hohe Geburtstage.

Georg Graner, in der Zeit des Nationalsozialismus in ein polnisches Arbeitslager deportiert, hält seiner kranken Frau Traude nach 63 Ehejahren noch immer jede Nacht die Hand, bis sie eingeschlafen ist.

Die heute 100-jährige Maria Brunner, deren Kindheit von harter Fron gezeichnet war, steigt im Alter von 80 Jahren im kalifornischen Disneyland zum ersten Mal in eine Achterbahn – und muss, zitternd vor Freude, derart lachen, dass ihre dritten Zähne beinahe in weitem Bogen davonfliegen.

Als 1938 die deutsche Wehrmacht in Wien einfällt, schiebt der junge Soldat Alfred Nagl Wache vor dem Bundeskanzleramt. Mehr als 20 Jahre später wird er Leopold Figl aus nächster Nähe auf dem Balkon des Wiener Belvedere verkünden hören: »Österreich ist frei!«

Weltweit gesehen sollen auf Sardinien, der japanischen Insel Okinawa und in Kalifornien die meisten Hundertjährigen leben. Lange Zeit galt Dominica, eine vom Atlantik umspülte Karibikinsel vor der Küste Venezuelas, als Altenparadies: In Dominica zählte man, prozentual zur Bevölkerungszahl, noch 2012 die meisten Hundertjährigen. Ma Pampo war mit sagenhaften 128 Jahren die angeblich älteste Frau der Welt. Bei einem Feuer, so die Legende, soll ihre Geburtsurkunde zerstört worden sein.

Nach allgemeingültiger Lesart ist das bloße Erreichen des Greisendaseins eine Leistung an sich. Die Meldungen in Medien und Internet über die »Altersrekordler« überschlagen sich: »Sie war ein Jahrgang mit Ernest Hemingway und Alfred Hitchcock – und sie aß bis zuletzt jeden Tag zwei Eier. Nun ist Emma Morano gestorben. Sie war der letzte noch lebende Mensch, der im 19. Jahrhundert geboren wurde«, notierte das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel Mitte April 2017. »Bisher galt die Französin Jeanne Calment als älteste je lebende Person der Welt«, protokollierte die Illustrierte stern Ende 2016: »1875 geboren, hatte sie bis zu ihrem Tod 1997 ganze 122 Geburtstage gefeiert. Jetzt wurde von indonesischen Medien auf der Insel Java ein Mann aufgetrieben, der laut Behördenangaben noch einmal fünf Jahre vor Calment geboren wurde – und 19 Jahre nach ihrem Tod immer noch lebt.«

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari schreibt in seinem Buch Homo Deus: »Im 21. Jahrhundert werden die Menschen wahrscheinlich einen ernsthaften Wurf in Richtung Unsterblichkeit machen.« An der Überwindung des Todes werde zwar geforscht, 115 Jahre scheinen gegenwärtig jedoch ein Limit zu sein, meldete die Tageszeitung Der Standard. Das Online-Lexikon Wikipedia hält fest, dass die Japanerin Miyako Chiyo »seit dem 21. April 2018 der älteste lebende Mensch« sei: »Laut einem Interview, das sie im Oktober 2015 mit 114 Jahren einem japanischen Anti-Aging-Magazin gab, sei ihr Geheimnis für Langlebigkeit, Aal zu essen, Wein zu trinken und nie zu rauchen.« Die größte Rolle für ein langes Leben spielen also schlangenähnliche Tiere, dosierter Alkoholkonsum und Nikotinabstinenz? Von Methusalem, dem ältesten Menschen der Bibel, der im Alter von beispiellosen 969 Jahren starb, sind dazu keine Hinweise überliefert.

Die Hundertjährigen, die hier zu Wort kommen, haben keine Ratschläge für das Erreichen vieler Lebensjahrzehnte parat, weil sie wissen, dass es kein allgemein gültiges Rezept dafür gibt, weder für ein geglücktes, noch für ein langes Leben.

Was kann man von Hundertjährigen dann lernen? Vielleicht dies: Wer das Leben mit offenen Armen empfängt, hat mehr davon. Freundschaft, Freiheit, Liebe und Lebensmut sind wichtig. Ein Schlüssel zum Glück liegt in der Balance zwischen Arbeit und Entspannung, Familie und Freunden, Alleinsein, Träumen, Lesen und Nachdenken. Wer noch Jahrzehnte später mit Ungerechtigkeiten und verpassten Chancen hadert, hat es schwer, sich von der Vergangenheit zu lösen.

Ein Leben mit 100 Jahren: Wie fühlt sich das an? Wie sieht ein normaler Tagesablauf aus? Spielt der Tod eine Rolle im täglichen Leben?

Als Gesprächspartner der Zentenare ist man darauf angewiesen, ihre Erinnerungen für bare Münze zu nehmen. Ein Mensch von 100 Jahren ist meist ein fragiles, durchscheinendes Wesen, nicht selten schwer zu Fuß, oft auf die Hilfe anderer angewiesen. Das Sehen lässt nach, das Hören fällt schwer, die Mobilität kommt langsam an ein Ende. Ihr Erinnern und Erzählen braucht Zeit und erfordert geduldiges Zuhören. Mit 100 Jahren purzeln einem Jahreszahlen, Orte und Namen manchmal durcheinander. Im Zweifelsfall für die Zentenare: Fakten und Tatsachen, die aufgrund ihrer langen Vergangenheit nicht überprüfbar waren, bleiben ausgespart, ebenso jene Zusammenhänge, bei denen offensichtlich Erinnerungslücken mit Erfundenem ausgetauscht wurden. Den ganz persönlichen Lebenserinnerungen der Hundertjährigen darf man andererseits gern und ohne Vorbehalt folgen. Über die Zeit des Nationalsozialismus reden, wie viele der noch lebenden Zeitzeugen, auch Hundertjährige nicht gern.

Der Ausgangspunkt für Ein Jahrhundert Leben war ein Artikel im Wiener Nachrichtenmagazin profil, aus dem hier zehn Gespräche vom Sommer 2017 erneut publiziert werden. Die Hundertjährigen sind Zeugen. Man sollte nicht verabsäumen, sie gründlich auszufragen. Ihr Witz und Wissen, ihre Geschichte und Geschichten dürfen nicht verloren gehen.

Das heimliche Motto dieser Lebenserzählungen könnte von dem 2017 verstorbenen russischen Poeten Jewgeni Jewtuschenko stammen: »Uninteressante Menschen gibt es nicht«, überschrieb der Schriftsteller eines seiner Gedichte: