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Susanne Schober-Bendixen

Die Tuch-Redlichs

Geschichte einer jüdischen Fabrikantenfamilie

Unter Mitarbeit

von Maria-Christine Leitgeb

Mit 49 Abbildungen

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Bildnachweis

Seite 32:

Seite 163, 164, 165:

Der Verlag hat alle Rechte abgeklärt. Konnten in einzelnen Fällen die Rechteinhaber der reproduzierten Bilder nicht ausfindig gemacht werden, bitten wir, dem Verlag bestehende Ansprüche zu melden.

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Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

Aufgeschrieben habe ich die Geschichte, um für meine Nachkommen das Schuldgefühl in der Familie zu beenden.

Gefunden habe ich mehr, als ich je zu hoffen wagte, und ich bin stolz, die Tuch-Redlichs, speziell die starken Frauen dieser Familie, wieder zum Leben erweckt zu haben.

Gewidmet ist das Buch in Liebe meinen Söhnen Paul und Daniel und der kleinen Paula. Möge sie die Ära der starken Frauen dieser Familie fortsetzen.

Inhalt

Brünn und Wien

Vorwort von Georg Gaugusch

Das Jugendstilalbum

Stolpersteine

Friedrich Redlich – der Letzte

Das »Mährische Manchester«

Auf dem jüdischen Friedhof in Brünn

Alle echten Wiener sind aus Brünn

Die Tuch- und die Zucker-Redlichs

Ein Sabbat bei den Redlichs

Zedaka

Der erste Brünner Weberstreik

Die Kinder von Friedrich und Rosa

Karl August Redlich

Als aus Sigmund Friedrich wurde

Nächstes Jahr am Wörthersee

Zwischen den Zeiten

Von Weltkrieg zu Weltkrieg

Tod, wohin ich blicke

Ein letztes Familienfest

Nachwort

Danksagung

Anhang

Stammbaum der Tuch-Redlichs

Das Ansuchen um die Fabriksbefugnis von Friedrich Redlich I. aus dem Jahr 1857

Die Aufzeichnungen von Arnold Skutezky 29. Dezember 1850 – 16. Dezember 1936

Die Geschichte des Bildes Mädchen mit Tauben

Anmerkungen

Bibliografie

Personenregister

Brünn und Wien

Wien hatte das Glück, bevor es im 20. Jahrhundert für fast fünfzig Jahre sein Umland verlor, von zwei ganz unterschiedlichen Zwillingsstädten umgeben zu sein: Donauabwärts das ungarisch-südländische Pressburg und im Norden das österreichische beziehungsweise mährische Manchester – Brünn. Betrachtet man Familiengeschichten in diesem Raum, fällt sofort auf, dass diese drei Städte kaum voneinander zu trennen sind. Es ist interessant, dass gerade in Brünn im 18. und 19. Jahrhundert diese vielen großen, aber auch kleinen und kleinsten Spinnereien, Webereien, Färbereien und Appreturanstalten entstanden, die die Stadt bis weit in unsere Zeit geprägt haben. Viele waren jüdische Gründungen, wie die Feintuchfabrik der Familie Redlich, aber es kamen auch Norddeutsche wie die Familie Schoeller, belgische Engländer wie die Familie Skene und viele andere mehr, um dieser Stadt ihren Stempel aufzudrücken. Die kommerzielle Welt der Stadt Brünn korrespondierte mit allen Kontinenten, Brünner Fabrikate waren auf allen Märkten präsent.

Speziell die große jüdische Gemeinde, die ähnlich wie in Wien erst in den 1850er-Jahren entstand, war für die kulturelle Entwicklung der Stadt entscheidend. Vor 1850 durften in Brünn nur tolerierte Juden leben, also solche, die eine spezielle Bewilligung hatten, sich hier dauernd aufzuhalten. Emanuel Redlich verließ seine mährische Heimatgemeinde Leipnik Ende der 1820er-Jahre und erhielt als Pächter der Brünner Stadtwaage eine dieser wenigen Ausnahmebewilligungen. Sein Sohn Friedrich, der 1828 bereits in Brünn geboren wurde, nutzte die Chancen der verglichen mit Leipnik ungleich größeren Stadt und gründete eine Feintuchfabrik, die zu einem der führenden Unternehmen der Textilbranche Österreichs wurde. Nach 1850 strömten Juden aus allen Teilen Mährens, aber auch aus Böhmen, Ungarn und Schlesien in die mährische Hauptstadt, um am Boom der Textilwirtschaft teilzuhaben. Die Konkurrenz der vielen Fabriken war geradezu mörderisch – vielleicht ist vor allem hierin der Grund zu sehen, warum Fabrikate aus Brünn ein derartig hohes Niveau und einen dementsprechend guten Ruf am Weltmarkt hatten. Der Charakter der Stadt änderte sich, aus einem Provinznest wurde ein überregionales Zentrum – vielleicht sogar eine kleine Metropole. Und wollte man in eine richtige Weltstadt – Wien war nicht weit.

Erst im 20. Jahrhundert fand diese Entwicklung, nachdem die große jüdische Bevölkerung Brünns ermordet und die mehrheitlich deutschen Einwohner der Brünner Altstadt vertrieben worden waren, ihr drastisches Ende. Die 1940er-Jahre brachten für Wien und für Brünn das gleiche Schicksal – die totale Provinzialisierung. War es auf der einen Seite des Eisernen Vorhangs der Wahn vom vollkommen national homogenen Staat kommunistischer Prägung, der die Stadt Brünn in die Bedeutungslosigkeit stieß, so war es auf der anderen Seite das gewollte Einigeln in der von zwei Parteien dominierten Mediokrität, das der Stadt Wien jeden Reiz nahm. Internationalität, Pluralität und buntes weltmännisches Treiben waren hüben wie drüben fremd geworden und unerwünscht. Erst nach der Wende 1989 begann man langsam wieder zusammenzuwachsen, aber so eng, wie die Verbindung war, wird sie wohl nie wieder werden.

Georg Gaugusch

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Das Jugendstilalbum

Das Jugendstilalbum

Ich habe immer gewusst, dass ich Vorfahren habe, aber nach dieser Reise habe ich sie erst gespürt, mich ihnen nahe gefühlt.

AHARON APPELFELD

Ich halte ein sechs Zentimeter dickes, 23 mal 30 Zentimeter großes Jugendstilalbum in Händen. Es ist von einem gold geprägten Ledereinband umschlossen. Der Deckel ist mit einem Bild versehen. Es zeigt eine Frau, die sich halb von uns abwendet. Ihr Haar ist zu einem Knoten aufgesteckt, ihr dunkelrotes, bodenlanges Kleid wird von einer weißen Schärpe gehalten, die sich um ihre Taille und ihre rechte Schulter legt. Ihre linke Schulter ist entblößt. In der rechten Hand hält sie einen Krug. Sie hat offenbar gerade Wasser in das Becken gegossen, das vor ihr auf dem Boden steht und wohl als Tränke für die beiden weißen Kakadus dient, die es umschwirren.

Das Album lässt sich mit einem kleinen Schlüssel, der in einem goldenen Schloss steckt, verschließen. Das Schloss selbst ist mit einem Ornament verziert. Ich habe lange nicht erkannt, dass es sich dabei um zwei ineinander verschlungene Rs handelt. R R. Initialen? Es müssen die von einem meiner Vorfahren sein, denn das Jugendstilalbum, das ich in Händen halte, dokumentiert in vielen Fotos die Geschichte meiner Familie, einer Familie, die, wie ich inzwischen herausgefunden habe, sich immer wieder in politisch turbulenten Zeiten bewähren musste und schweren Schicksalsschlägen ausgesetzt war. Das verdankte sich unter anderem der Tatsache, dass meine Vorfahren als deutsche Juden in Brünn beheimatet waren.

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Die Initialen R R am Schloss des Fotoalbums

Bis vor gar nicht allzu langer Zeit habe ich wenig bis gar nichts von diesem Brünner Zweig der Familie gewusst. Reich soll sie gewesen sein, zum Teil adelig, in jedem Fall eine Dynastie von Tuchfabrikanten, die einst in hohem Ansehen gestanden ist. Die katastrophalen politischen Ereignisse des letzten Jahrhunderts haben sie ausgelöscht. Sie ist von der Bildfläche verschwunden – für die Nachwelt, für meine Zwillingsschwester Andrea und mich. Darüber schwieg man sich aus bei uns zu Hause in Wien. Das waren »Geschichten aus Brünn«, die wir tunlichst nicht zu hinterfragen hatten. Man vermied es, darüber zu sprechen, und die Worte Shoah oder Beneš-Dekrete wurden selten bis gar nicht in den Mund genommen. Sie waren mit zu schmerzhaften Erinnerungen verbunden. Sie weckten Dämonen, die man lieber schlafen ließ. Man sprach einfach nicht darüber, zu Hause nicht und in der Schule auch nicht. Unser Geschichtsunterricht beschränkte sich auf die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Alles, was danach kam, wurde totgeschwiegen. Zu viele unserer Lehrer waren auf die eine oder andere Weise selbst betroffen. Für Zeitzeugengespräche war es damals, in den 1960er-Jahren, noch zu früh. So wuchsen meine Zwillingsschwester und ich in gänzlichem Unwissen über die meisten unserer Vorfahren auf. Ich denke, dass wir dieses Schicksal mit vielen anderen Kindern der Nachkriegsgeneration teilen. Wir waren abgeschnitten von unseren Wurzeln. Wir wussten nicht, woher wir kamen.

Das änderte sich, als Tante Irma in unser Leben trat. Marie Irma Österreicher war eine Cousine meiner Großmutter und eine der wenigen lebenden Verwandten aus dem Brünner Teil der Familie, die wir noch hatten. Lange Zeit über hatten wir keinen Kontakt zu ihr gehabt. Brünn lag, auch wenn es nur 138 Kilometer von Wien entfernt war, in einer Welt, die für uns nicht zugänglich war – es lag hinter dem Eisernen Vorhang. Erst im Zuge des Prager Frühlings im Jahr 1968 lockerten sich die Reisebestimmungen ein wenig. Es war nun gestattet, Verwandte vor respektive hinter dem Eisernen Vorhang zu besuchen. Tante Irma ließ nicht lange auf sich warten. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als meine Mutter sie zum ersten Mal in die Arme schloss. Sie hatte Tränen in den Augen. Tante Irma erinnerte sie an längst vergangene Zeiten in Brünn, einem Brünn vor dem Krieg, und sie erinnerte sie an ihre eigene Mutter, die inzwischen verstorben war. Damals als Jugendliche – ich war bei Tante Irmas erstem Besuch fünfzehn Jahre alt – konnte ich meine Mutter in diesem Punkt nicht verstehen. Ich hatte meine Großmutter als sehr schlanke Dame in Erinnerung, die einen Stock als Gehhilfe benutzte. Tante Irma hingegen war ein wenig mollig, dafür aber sehr agil. Meine Schwester und ich schlossen sie sofort ins Herz. Erst jetzt, da ich die alten Fotos kenne, kann ich die Ähnlichkeit zwischen meiner Großmutter und Tante Irma auch sehen.

Nach und nach erfuhren wir aus Tante Irmas Erzählungen über ihr tragisches Schicksal. Sie war als deutsche Jüdin in Brünn zur Welt gekommen, hatte den Niedergang ihrer Familie miterlebt, war zuerst in Theresienstadt inhaftiert gewesen und später, weil sie kurioserweise als eine der wenigen Deutschen nicht aus der Tschechoslowakei ausgewiesen worden war, hinter dem Eisernen Vorhang geblieben, was sie gewissermaßen als eine zweite Inhaftierung erlebte. Die Deutschen dort waren lange Zeit verhasst, Tante Irma, die erst nach dem Krieg, im Alter von fast fünfzig Jahren, Tschechisch zu lernen begonnen hatte, sprach die neue Landessprache nur schlecht und musste ihren Lebensunterhalt mit einer kleinen Pension bestreiten. Bei uns in Wien blühte sie jedes Mal auf. Hier gab es deutsche Bücher, die sie so sehr liebte, und ein wenig mehr Komfort, als sie von zu Hause gewöhnt war. Und hier gab es uns, Nachkommen ihrer einst so großen und einflussreichen Familie.

Im Jahr 1978 lud Tante Irma uns zum ersten Mal zu sich ein. Meine Mutter war begeistert von der Idee. Schon lange hatte sie uns Brünn, ihre alte Heimat, zeigen wollen. Eine bessere Gelegenheit gab es nicht, und so nahmen wir Tante Irmas Einladung gerne an. Das Brünn, das wir damals kennenlernten, hatte nichts mehr oder nur noch wenig von dem Glanz der einstigen Handels- und Industriemetropole, die vom 17. Jahrhundert an als kulturelles Zentrum Mährens gegolten hatte. Es erschien uns als trist und grau. Natürlich erinnerten die historischen Bauwerke an Wien – nach den Plänen von Ludwig Förster (1797–1863) war ab den Jahren 1860/61 auch hier eine Ringstraße (nach dem Wiener Vorbild) errichtet worden – sie waren jedoch schmucklos, grau und in einem erdenklich schlechten Zustand.

Den Menschen in Brünn ging es nicht besonders gut. Tante Irma machte da keine Ausnahme. Niemand schien Geld zu haben, und wollte man einkaufen, musste man sich in langen Schlangen anstellen. Vieles gab es einfach nicht. Nur wer im Besitz von begehrten Tuzex Bons war, hatte Glück. Er konnte in speziellen Geschäften bekommen, was sein Herz begehrte. Tante Irma zählte nicht zu diesen Glücklichen. Sie lebte zudem in einer winzig kleinen Wohnung, die mehr oder weniger aus einem einzigen Zimmer bestand. Ein kleiner Balkon gehörte noch dazu. Er wurde zur Aufbewahrung nicht tagtäglich gebrauchter Dinge benutzt.

Von diesem Balkon holte Tante Irma eines Abends – wir hatten uns gerade zum Abendessen versammelt – das besagte Jugendstilalbum. Ob wir es haben wollten, fragte sie uns. Sie würde es uns gerne schenken. Ihr Sohn hätte sich nicht dafür interessiert und nach Wien hätte sie es sich nie mitzunehmen getraut, weil es doch verboten sei, Antiquitäten aus der Tschechoslowakei auszuführen. Sie selbst wolle es nicht behalten, da sie keinen geeigneten Platz dafür hätte. Tatsächlich hatte das Album bei einem Unwetter schon erheblichen Schaden genommen. Es war nass geworden und musste restauriert werden, was ich Jahre später in Auftrag gab. Meine Mutter, meine Schwester und ich waren begeistert. Natürlich sagten wir Ja. Mit einem Mal hielten wir einen Schatz in Händen, der uns Klarheit verschaffen, der uns Auskunft über unsere Herkunft geben würde. Ich wusste damals noch nicht, in welchem Ausmaß das Album mein Leben verändern würde. Die Fotos darin sind beschriftet. Ich weiß heute nicht mehr, ob sie das zum Zeitpunkt der Übergabe auch gewesen sind oder ob Tante Irma das in der darauffolgenden Nacht erledigt hat. Wichtig ist, dass überhaupt jemand die Mühe auf sich genommen hat. Das hat meine Nachforschungen erheblich erleichtert.

Hat Tante Irma damals geahnt, dass sie nicht mehr lange leben würde? Äußere Anzeichen, die auf ihren nahen Tod hätten schließen lassen, gab es keine. Dennoch war sie eine Woche, nachdem sie uns das Album geschenkt hatte, tot. Sie war gestürzt, hatte sich den Oberschenkelhals gebrochen und war noch in derselben Nacht im Krankenhaus gestorben.

Mit Tante Irma und dem Jugendstilalbum waren die Schatten aus der Vergangenheit zurückgekommen. Sie nahmen Gestalt an und ließen mich nicht mehr los. Sie wurden zu meinen ständigen Begleitern, schienen mir ins Ohr zu flüstern, ich möge ihnen doch den Platz, den sie innerhalb der großen Familie eingenommen hatten, zurückgeben. Ich war es ihnen schuldig – ihnen und auch mir selbst. War ich nicht ein Teil von ihnen? War mein Leben nicht die notwendige Fortsetzung von etwas, das viel früher begonnen hatte und nun im Dunkeln lag? Würde ich sie verstehen, würde ich dann nicht auch mich besser verstehen? Lange wehrte ich mich dagegen. Die Sorgen des Alltags – ich hatte inzwischen selbst eine kleine Familie zu betreuen – und die Hektik, die eine erfolgreiche Karriere mit sich brachte, hinderten mich daran. Sie haben Zeit, dachte ich mir …

Fast vierzig Jahre sind vergangen seit unserem Besuch bei Tante Irma in Brünn. Sie weilt längst bei unseren Ahnen. Meine Kinder sind inzwischen erwachsen, ich bin seit einiger Zeit verwitwet und übe auch meinen Beruf nicht mehr aus. Es war an der Zeit, mit meinen Nachforschungen zu beginnen. Das Bild von Tante Irma steht auf meinem Schreibtisch – sie hat mich begleitet.

Ich schlage das Jugendstilalbum auf. Die dicken Kartonseiten sind rundherum vergoldet. Auf ihnen sind Rahmen eingestanzt, die innen von einer hauchdünnen und außen von einer dickeren goldenen Leiste eingefasst werden. Sie sind unterschiedlich groß, bieten also Platz für größere und kleinere Fotos. Sie alle enthalten wunderschöne Porträts von Menschen, die mir anfangs zum größten Teil unbekannt waren. Nicht ein Rahmen war leer. Da war ein Jugendbildnis meiner Großmutter, hier eines von ihrem Bruder Fritz und dort eines von ihrer Schwester. Ich erkannte sie wieder. Doch wer waren die vielen anderen? Markante Gesichter blickten mich eindringlich an. Menschen in aufwendigen Kostümierungen – es gab eine Zeit, da waren Kostümfotos der letzte Schrei – ließen an gesellige Abende und rauschende Feste denken. Bislang kannte ich solche Fotos nur von Flohmärkten oder von Ausstellungen. Sie hatten stets etwas Kurioses, fast Irreales für mich. Diese hingegen schienen eine wahre Geschichte zu erzählen – die Geschichte meiner Familie, die Brünner Geschichte.

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Irma Österreicher, 1978

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Meine Großmutter Marie Redlich auf ihrem Verlobungsbild, 1910

Stolpersteine

Wirklich tot ist, wessen Name in Vergessenheit gerät.

AUS DEM TALMUD

Das Jugendstilalbum enthält einen handgeschriebenen Stammbaum. Er scheint aus dem Gedächtnis aufgezeichnet worden zu sein. Einige Geburts- und Todesdaten fehlen, manche stimmen nicht ganz, wie ich jetzt weiß.

Wer hat den Stammbaum geschrieben? Tante Irma? Die Hast, mit der er offenbar verfasst worden ist, spricht dafür. Sie spricht dafür, dass Tante Irma ihn in der Nacht eine Woche vor ihrem Tod aufgezeichnet hat, zur selben Zeit, als sie auch die Fotos in dem Album beschriftet hat. Es war ihr wohl ein großes Anliegen – ein letzter inniger Wunsch vielleicht –, dass wir uns mit der Familiengeschichte auseinandersetzen. Die Redlichs – so hieß die Familie meiner Brünner Großmutter – sollten nicht in Vergessenheit geraten. Es gibt einen afrikanischen Spruch, der besagt, dass ein Mensch erst dann wirklich tot ist, wenn der Letzte, der sich an ihn erinnert, gestorben ist. Und im Talmud heißt es, dass ein Mensch erst dann vergessen ist, wenn sein Name in Vergessenheit geraten ist.

Die Namen auf dem Stammbaum sind in Blockbuchstaben geschrieben, gelegentlich gibt es dazu Notizen in einer Handschrift, die schwer zu entziffern ist. Bei den Todesdaten von 1941 bis 1944 sind auch Orte vermerkt. Ein Gedenken an die in der Shoah umgekommenen Verwandten. Auch dies lässt auf Tante Irma als Verfasserin des Stammbaums schließen. Sie ist 1942 zusammen mit ihren Eltern und ihrem Mann nach Theresienstadt deportiert worden – die Transportnummern lauteten Ae 29. 03. 1942 Brno > Terezin und Af 31. 03. 1942 Brno > Terezin – und hat als Einzige überlebt. Drei lange Jahre war sie inhaftiert, Jahre, in denen sie nichts über das Schicksal ihres einzigen Sohns Robert in Erfahrung bringen konnte. Robert hatte rechtzeitig nach England fliehen können, er trat dort unter falschem Namen – als Robert Barton – der Armee bei, absolvierte eine Ausbildung bei der Infanterie und diente dann bei der Royal Air Force. Mehrfach ausgezeichnet kam er als Soldat in die Heimat zurück, als Befreier von den Nazis. Anerkennung vonseiten der Kommunisten brachte es ihm nicht ein. Zeit seines Lebens musste er sich als Hilfsarbeiter in Prag durchschlagen, wo er 1997 starb. Das Familienhaus in Hostinné (Arnau) im Riesengebirge bekam er erst nach der Wende restituiert und auch seine militärischen Verdienste als Exiltscheche wurden erst dann anerkannt. Seit Kurzem wird er auf der Internet-Seite seines Geburtsorts Hostinné als Oberstleutnant der Royal Air Force gewürdigt. Tante Irma hätte sich darüber gefreut.

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Der handgeschriebene Stammbaum zum Album

Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, wie Tante Irma es geschafft hat, das Jugendstilalbum über den Krieg zu retten. Nach Theresienstadt durfte sie wohl kaum private Gegenstände mitnehmen, auch nicht den Familienschmuck. Es war aber auch alles andere als üblich, dass man Gegenstände, gesetzt den Fall, man hatte die Hölle des Konzentrationslagers überlebt, zurückbekam. Tante Irma muss das Album also jemandem anvertraut haben, bevor sie deportiert wurde, jemandem, dem sie vertraute, jemandem, der keiner unmittelbaren Verfolgung ausgesetzt war. Die Frage nach dem Verbleib des Albums war eng mit den Nachforschungen über die Geschichte meiner Familie verknüpft. Sie galt es, als erste zu beantworten, wollte ich Erfolg haben. Wem kann Tante Irma das Jugendstilalbum in Zeiten höchster Not und Bedrängnis zur Aufbewahrung gegeben haben? Wem hätte ich Dinge, an denen ich hänge, anvertraut? Einem Freund vielleicht oder doch eher einem Verwandten? Letzteres schien mir plausibler zu sein. Da jedoch Tante Irmas Familie selbst auch jüdisch und ähnlichen Repressionen und Gefahren ausgesetzt war wie sie selbst, kam nur eine einzige Person infrage: meine Großmutter, Marie Redlich, Tante Irmas Cousine.

Meine Großmutter war mit einem angesehenen und einflussreichen »Arier«, meinem Großvater Paul Bittner, verheiratet und besaß einen Taufschein, zwei Fakten, die sie vor einer unmittelbaren Verfolgung schützten. Sie konnte als Einzige der Redlichs den gesamten Krieg über in Brünn bleiben. Sie muss das Album an sich genommen und es Tante Irma nach ihrer Entlassung aus Theresienstadt zurückgegeben haben. Eine andere Möglichkeit kommt eigentlich nicht infrage.

Leicht waren die Zeiten für meine Großmutter natürlich trotzdem nicht, für sie nicht, und für meinen Großvater auch nicht. Ich weiß aus ihren Erzählungen, dass er sich jedes Mal, wenn jemand unangemeldet an ihre Wohnungstüre klopfte, im WC einsperrte und übergab. Die Angst um seine jüdische Frau machte ihn halb wahnsinnig, dennoch wäre er nie auch nur auf die Idee gekommen, den für ihn leichteren Weg zu gehen und sich von ihr scheiden zu lassen. Ein Leben lang hat mein Großvater es sich nicht verziehen, dass er seinen Schwager Friedrich Redlich, Fritz, wie ihn alle nannten, 1939 dazu überredet hatte, von Frankreich, wo er sich beim Einmarsch der Deutschen aus geschäftlichen Gründen aufhielt, nach Hause nach Brünn zu kommen – eine fatale Fehleinschätzung der politischen Lage vonseiten meines Großvaters, die Friedrich Redlich schließlich das Leben kostete. Fritz war der letzte Inhaber der Tuchfabrik unserer Familie in Brünn. Er wurde im Jahr 1942 auf Veranlassung des Ariseurs seines Unternehmens nach Theresienstadt deportiert und von dort auf einem der letzten Transporte nach Auschwitz überstellt, wo er Ende 1944 »ins Gas geschickt« wurde. Sein einflussreicher arischer Schwager konnte ihm nicht helfen.

Es gibt ein Foto von Fritz Redlich in dem Album. Dieses zeigt ihn als jungen Mann in einer Leutnant-Uniform. Er war gerade einmal zwanzig Jahre alt, als der Erste Weltkrieg ausbrach, im Zuge dessen er für seine Verdienste um die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn mehrfach ausgezeichnet wurde. Das runde Kinn und der weiche Mund lassen ihn auf mich nicht wie einen draufgängerischen Kriegshelden, sondern vielmehr wie einen sensiblen, ja fast verträumten jungen Mann wirken. Ein anderes Foto zeigt ihn wesentlich später an der Seite meiner Großmutter. Beide sitzen auf einer Bank und unterhalten sich angeregt. Ein Mann in seinen besten Jahren, selbstsicher und souverän. Von dem schrecklichen Schicksal, das ihn erwartete, konnte er zu diesem Zeitpunkt – das Foto wurde 1936 aufgenommen – noch nichts ahnen.

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Fritz Redlich III. als Leutnant, 1914

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Fritz Redlich III. mit seiner Schwester Marie, meiner Großmutter, 1936

Ich wollte ihm ein Denkmal setzen. Immerhin war er der Letzte der Tuch-Redlichs, der letzte Inhaber der »Friedrich Redlich Feintuch- und Schafwollwaren Fabrik Brünn«. Friedrich Redlichs Name sollte nicht in Vergessenheit geraten, und das schreckliche Verbrechen, das ihn in der Blüte seines Lebens zuerst um sein Eigentum und dann um sein Leben brachte, auch nicht. Er sollte der Erste sein, für den ich ein für alle sichtbares Zeichen setzte, dass es mir mit der Erforschung meiner Familiengeschichte ernst war.

Zufällig las ich damals gerade im art-magazine einen Artikel über die sogenannten »Stolpersteine«. Der Künstler Gunter Demnig hatte das Projekt als Kunstprojekt für ganz Europa 1992 ins Leben gerufen. In den Boden verlegte, kleine, quadratische Gedenktafeln aus Messing sollen an das Schicksal all derer erinnern, die von den Nazis verfolgt, ermordet, deportiert oder in den Suizid getrieben worden sind. Die Stolpersteine werden jeweils vor der letzten Wohnadresse eines Betroffenen verlegt. Für die Verlegung eines solchen Stolpersteins bedarf es genauer Nachforschungen. Sie sollten den Ausgangspunkt für meine Reise in die Vergangenheit darstellen. Ich wandte mich an das International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen, um an genauere Informationen über Fritz Redlich heranzukommen. Bei der Gelegenheit stellte ich zugleich Anfragen für sämtliche Personen, zu deren Todesdatum Tante Irma in dem handgeschriebenen Stammbaum ein Vernichtungslager angegeben hatte. Die Suche nach meinen Wurzeln hatte begonnen! Das Album würde bald zu mir sprechen!

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Die »Friedrich Redlich Feintuch- und Schafwollwaren Fabrik Brünn«, abgebildet in der Groß-Industrie Österreichs, 1898

Noch war es aber nicht an der Zeit, mich genauer damit auseinanderzusetzen, zuerst wollte ich den Stolperstein setzen lassen. Ich wandte mich also an Gunter Demnig und erfuhr zu meinem großen Erstaunen, dass er in Tschechien zwar schon Stolpersteine verlegt hatte – wir schrieben das Jahr 2010 und das Projekt gab es immerhin seit 1992 –, noch nicht aber in Brünn. Der Stolperstein für Fritz Redlich würde dort der erste sein. Das war zwar zum einen eine schöne Sache und erfüllte mich mit ein wenig Stolz, zum anderen war es auch mit gewissen Schwierigkeiten verbunden. So behauptete die jüdische Gemeinde in Brünn etwa, nicht dafür zuständig zu sein, und es gestaltete sich als äußerst schwierig, überhaupt einen Termin für die Verlegung in Tschechien zu bekommen, was zu allem Überdruss mit unzähligen Behördenwegen vor Ort verbunden war. Dass ich nicht Tschechisch sprach, machte die Sache nicht einfacher.

Gott sei Dank hatte ich eine alte Freundin, Hana, die in Kiritein, einem kleinen Wallfahrtsort in der Nähe von Brünn, lebte. Ich hatte sie während unseres ersten Besuchs in Brünn kennengelernt, im Zuge dessen wir auch einen Ausflug nach Kiritein gemacht hatten, weil meine Großeltern dort bis zum Ende des Krieges ein Stockwerk im neuen Schloss gemietet und viel Zeit verbracht hatten. Hana hatte als Kind nicht besonders gut Deutsch gesprochen, was uns nie sonderlich gestört hatte, mittlerweile beherrschte sie die Sprache fließend. Sie fungierte während des gesamten Prozederes der Stolpersteinverlegung in dankenswerter Weise als Dolmetscherin für mich oder vielmehr: Sie übernahm die Organisation derselben. Da zur selben Zeit wie ich auch eine Amerikanerin, eine gewisse Cathy Scheineson, um eine Stolpersteinverlegung für ihre Brünner Großeltern angesucht hatte und uns das zu Ohren gekommen war, beschloss Hana, auch ihr behilflich zu sein. Am Tag vor der feierlichen Zeremonie lernten Cathy und ich einander im Grandhotel in Brünn kennen. Wir waren einander sofort sympathisch. Was uns verband, war das Schicksal unserer Vorfahren, die mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit sogar befreundet waren. War im deutschsprachigen Brünn nicht jeder mit jedem verwandt oder zumindest bekannt gewesen? Unsere Großmutter hatte es oft scherzhaft als ein »Schweizer Bergbauerndorf« bezeichnet.

Wer nicht im Grandhotel erschien, war Hana. Wir waren immerhin zum Essen verabredet gewesen und wunderten uns ein wenig über ihre kurzfristige Absage und Nachricht, sie würde uns erst am nächsten Tag in der Früh vom Hotel abholen. Wie sich später herausstellte, hatten verschiedene Ämter de facto in letzter Minute die Bewilligung für die Stolpersteinverlegungen nicht ausstellen wollen. Erst als Hana mit diplomatischen Konsequenzen drohte, da eine Amerikanerin, die noch dazu Anwältin einer amerikanischen Bundesbehörde war, extra dafür angereist sei, kam man ihrem Wunsch nach. Für unser gemeinsames Essen war es zu diesem Zeitpunkt jedoch zu spät. In gewisser Weise verdanke ich so auch Cathy, dass die Zeremonie wie geplant stattfinden konnte.

Der Tag der Verlegung selbst wird mir immer in Erinnerung bleiben. Es gab einen kleinen Empfang, der Leiter der jüdischen Gemeinde von Brünn hielt eine Rede, Fotografen, Journalisten und das lokale Fernsehen waren anwesend. Und was am wichtigsten war: Fritz Redlich würde in Erinnerung bleiben. Sein Name und seine Lebensdaten waren nun für jedermann sichtbar in eine kleine Platte aus Messing eingemeißelt, über die man zwar nicht tatsächlich stolpern würde, deren Präsenz jedoch sein tragisches Schicksal und damit auch das seiner unzähligen Leidensgefährten nicht in Vergessenheit geraten lassen würde. Ich hatte ein erstes Zeichen gesetzt, dass mir das Andenken an meine Familie heilig war. Zu den Bildern aus dem Fotoalbum fügten sich nun nach und nach die »Geschichten aus Brünn«.

Friedrich Redlich – der Letzte

Das letzte Hemd geben

Bedeutet »alles großherzig hergeben«. Das Hemd ist das unterste, quasi das letzte Kleidungsstück, evtl. auch das Totenhemd. Wenn man das hergibt, hat man gar nichts mehr.

Meine Nachforschungen beim International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen bestätigten, was ich aus den spärlichen Erzählungen meiner Großmutter wusste und ergänzten dieses Wenige um einiges.