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JOHANNES KUNZ

100 JAHRE
ÖSTERREICH

Die Politik
1918–2018
im Spiegel
des Humors

Mit einem Vorwort
von Heinz Fischer
und zahlreichen Abbildungen

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Zum Buchcover

Bildnachweis

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© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien

Inhalt

Vorwort von Heinz Fischer

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst

Die Republik ohne Republikaner

Welche Nation? Die Resignation!

Die Hakenkreuzler kommen

Millimetternich, der kleine Schwarze

Der Tanz auf dem Vulkan

Schweigen ist Gold, Reden ist Dachau

Eine gute und eine schlechte Nachricht

Der Prototyp eines echten Ariers

Kan Krieg, kan Sieg, los vom Reich und a schöne Leich’

Brauner Wellensittich entflogen

Der Gefreite kann nicht weiter

Land der Erbsen, Land der Bohnen

Der größte aller Kleinbürger

Und jetzt noch d’ Reblaus

Die Sauwette

Er soff für Österreich

Warum ist Österreich ein glückliches Land?

Worte sind alles

Pater Rudolf

Der U-Boot-Kommandant ohne Torpedos

In jedem Zögling steckt ein Kardinal

Das beste Theater der Welt

Nicht alles gesagt ist nicht gelogen

Vom Bohren harter Bretter

Von der Wiege bis zur Bahre Formulare, Formulare

Österreicher über Österreich

Anhang

Personenregister

Bibliografie

Buchveröffentlichungen von Johannes Kunz

Vorwort

Die Republik Österreich feiert im November 2018 ihren 100. Geburtstag.

Wenn man heute, im Sommer 2017, 100 Jahre zurückblickt, dann landet man im Sommer 1917 und kann sagen, dass Österreich in diesen 100 Jahren fünf politische Systeme erlebt hat, nämlich:

• Die allerletzte Phase der Monarchie

• Die demokratische Zeit der Ersten Republik (1918–1933/34)

• Die Zeit des autoritären Ständestaates (1934–1938)

• Die Zeit des sogenannten »Anschlusses« an Hitler-Deutschland

• Und die erfreulich lange und stabile Periode der Zweiten Republik seit April 1945

Jeder dieser Abschnitte in der Geschichte unseres Landes hat seine Charakteristika und hat auch seine spezifischen politischen Witze und Karikaturen produziert. Witz und Karikatur sind eine subtile, aber wirksame Form, um Unbehagen auszudrücken, Schwächen sichtbar zu machen, Missstände aufzuzeigen und besondere Charaktereigenschaften von Menschen hervorzuheben.

Es wäre ein großes Missverständnis, von Witzen und Karikaturen zu erwarten oder gar zu verlangen, dass sie immer »lustig« sein müssen. Ganz im Gegenteil. Sie können auch traurig, sogar sehr traurig sein.

Kein Wunder, dass der politische Witz in Zeiten der Diktatur und der Not Hochkonjunktur hat, aber auch in »normalen Zeiten« nicht ausstirbt, sondern seine Funktion in allen Phasen der Geschichte erfüllt.

Johannes Kunz, den ich vor mehr als 45 Jahren kennengelernt habe und der von 1973 bis 1980 als Pressesprecher von Bundeskanzler Bruno Kreisky sehr erfolgreich tätig war, ehe er nach einigen Zwischenstationen von 1986 bis 1994 als Informationsintendant des ORF arbeitete, ist ein genauer und scharfsinniger Beobachter der Politik und der in der Politik handelnden Personen.

Er hat einen scharfen Blick für Stärken und Schwächen der politischen (und sonstigen) Prominenz, und da er auch Sinn für Humor hat, ist es naheliegend, dass sich Johannes (»Jo«) Kunz an die Arbeit machte, um das Jahrhundert vom Ende der Monarchie bis heute im Spiegel von Humor, Witz und Satire beziehungsweise deren Schwester – der Karikatur – zu beleuchten und zu beschreiben.

Dass einzelne Abschnitte der Geschichte und dominante Persönlichkeiten jeweils ihre charakteristischen und spezifischen Witze hervorbringen ist logisch – auch wenn man manchmal das Phänomen beobachten kann, dass ein Witz aus der Monarchie mit kleinen Adaptierungen auch in die Zeit der Republik passen kann und ein Witz aus der Zeit der Diktatur der Nationalsozialisten ähnlich eindrucksvoll in die Zeit einer kommunistischen Diktatur passen kann.

Während aber das Ende der Monarchie, die Erste Republik, Ständestaat und Nazizeit in insgesamt drei Jahrzehnten Platz finden, sind die mehr als 70 Jahre der Zweiten Republik nicht so leicht in Perioden einzuteilen, die sich klar voneinander unterscheiden. Daher orientieren sich die Witze aus der Zeit der Zweiten Republik vor allem an besonders populären (oder besonders unpopulären) Personen oder an ganz spezifischen Themen wie zum Beispiel der Besatzungszeit oder dem Staatsvertrag oder der Koalition etc.

Figl, Raab, Kreisky, Firnberg oder Sinowatz sind Persönlichkeiten, über die besonders viele Witze erzählt beziehungsweise Karikaturen veröffentlicht wurden.

Da Johannes Kunz ein besonderer Verehrer von Bundeskanzler Kreisky ist, wird man auf der Suche nach Witzen über Bruno Kreisky und Karikaturen von Kreisky in diesem Buch in besonderer Weise fündig. Umso mehr hat es mich gewundert, dass einer meiner Lieblingswitze über Bruno Kreisky in diesem Buch nicht aufscheint. Diese Lücke muss – und zwar an dieser Stelle – geschlossen werden.

Der Witz geht so: Leonid Breschnew, Ronald Reagan und Bruno Kreisky sitzen eines Tages inoffiziell zusammen, führen ein gutes Gespräch und vereinbaren, auch nach ihrem Tod in Kontakt zu bleiben, falls es so etwas wie den Himmel tatsächlich geben sollte und alle drei dort Eingang finden.

Als Erster stirbt Leonid Breschnew und kommt – erstaunlicherweise – zur Himmelstür. Petrus schaut nicht genau, lässt ihn passieren und Breschnew landet direkt vor Gott Vater. Der sagt zu Breschnew: »Du kommst mir irgendwie bekannt vor, aber Deinen Namen kenne ich leider nicht.« Da antwortet Breschnew: »Ich bin Leonid Breschnew, Generalsekretär der KPdSU, Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets und der mächtigste Mann im östlichen Imperium.« Da antwortet Gott Vater: »Ja, richtig, ich weiß schon, Du kannst gleich auf dem Stuhl links neben meinem Thron Platz nehmen.«

Einige Zeit später stirbt Ronald Reagan. Petrus an der Himmelstür lässt auch ihn ohne viele Umstände passieren und auch er landet direkt vor dem Thron Gottes. Auch ihn fragt Gott Vater: »Wer bist denn Du?« Reagan ist erstaunt: »Du kennst mich nicht? Ich bin Ronald Reagan, der 40. Präsident der Vereinigten Staaten, oberster Chef in der NATO und der mächtigste Mann der westlichen Welt.«

Gott Vater antwortet: »Ja natürlich kenne ich Dich, und wenn Du willst, kannst Du gleich rechts neben meinem Thron Platz nehmen.«

Einige Zeit später stirbt Bruno Kreisky*, kommt zur Himmelstür, unterhält sich mit Petrus, erklärt ihm die Welt und lädt ihn ein, ein Stück des Weges mit ihm zu gehen, aber Petrus hat keine Zeit, und so tritt Kreisky allein vor Gott Vater und der sagt zu Kreisky: »Ja, wo kommst denn Du her?« Und Kreisky antwortet langsam, mit tiefer Stimme, aber sehr bestimmt: »Ich bin der Bruno Kreisky aus Österreich und war dort 13 Jahre Bundeskanzler« – macht dann eine kurze Pause und fügt hinzu: »und außerdem bin ich der Meinung, dass Du auf meinem Thron sitzt!«

Witze und Karikaturen sollen aber nicht nur humorvoll sein und eine überraschende Pointe haben, sie erzählen auch viel über ein Land, über die Menschen in einem Land und über die Themen, die sie beschäftigen.

In diesem Sinne ist dieses Buch, das knapp vor dem 100. Geburtstag der Republik Österreich erscheint, auch ein Leitfaden durch die Geschichte unseres Landes, aus dem man eine Menge lernen kann.

Johannes Kunz hat sich beim Zusammentragen der Texte beziehungsweise Witze für dieses Buch große Mühe gemacht. Vielleicht fühlen sich Leserinnen und Leser animiert, dem Autor dieses Buches noch weitere Witze und Anekdoten aus diesem hinter uns liegenden Jahrhundert zur Verfügung zu stellen, um dadurch eine zweite, erweiterte Auflage zu ermöglichen.

Ich wünsche dieser Publikation jedenfalls eine gute Aufnahme in der Öffentlichkeit.

Dr. Heinz Fischer

Bundespräsident a. D.

Wien, im September 2017

*Dem Verfasser des Vorwortes ist bewusst, dass Kreisky vor Reagan gestorben ist, aber die Pointe verlangt eben diese Reihenfolge.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Wie ein Volk seine Geschichte und Gegenwart humorvoll reflektiert, sagt viel über seine Menschen aus. Dieses Geschichtsbuch der etwas anderen Art, das auf 100 Jahre Republik Österreich in Satire, Kabarett, Witz, Anekdote und Karikatur zurückblickt, liefert somit auch ein Psychogramm des Österreichers.

Der deutsche Autor Erich Kästner, der auch Texte für das Kabarett verfasst hat, meinte zur Begabung der Menschen, den alltäglichen Schwierigkeiten und Missgeschicken mit heiterer Gelassenheit zu begegnen: »Der Humor ist der Regenschirm der Weisen.« Und der Aphorismus »Humor ist, wenn man trotzdem lacht« von Otto Julius Bierbaum, einem anderen Deutschen, den man auch unter den Pseudonymen Martin Möbius und Simplicissimus kennt, meinte das: Man lacht über Dinge, die eigentlich gar nicht lustig sind. Weil man eben mit Humor gerade schwierige Situationen leichter bewältigen kann. Somit ist Humor nicht der schlechteste Begleiter durch das Leben mit all seinen Widrigkeiten. Man kann es auch wie der deutsche Schriftsteller und Kabarettist Joachim Ringelnatz sehen: »Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.« Ein Landsmann und Berufskollege von Ringelnatz, Werner Finck, formulierte es so: »An dem Punkt, wo der Spaß aufhört, beginnt der Humor.«

Zweifellos tun sich humorvolle Menschen im Leben leichter. Aber Humor ist eine Gabe, über die nicht jeder Mensch verfügt. Er ist auch nicht erlernbar. Im Allgemeinen verfügen humorvolle Menschen neben Geist und Witz auch über Geduld und Herzensgüte. Apropos Witz: Den politischen Witz gibt es schon seit dem Altertum. Zumeist ist er politisch nicht korrekt. Gerade in Diktaturen, die das Erzählen politischer Witze unter Strafe stellen, ist er ein Ventil für das Dampfablassen unzufriedener Untertanen. Ironie, Sarkasmus und Satire sind die wichtigsten Stilmittel nicht nur des politischen Witzes, sondern auch des Kabaretts.

Was macht ganz generell den österreichischen Humor aus und wodurch unterscheidet er sich etwa vom bundesdeutschen? »Österreichischer Humor«, so diagnostizierte einer, der es wissen muss, der Komiker Fritz Muliar, »ist so wie die österreichische Nation ein Produkt jahrhundertelanger Duldsamkeit, jakobinischen Kämpfertums und bekämpften Jakobinismus, katholischer Weihrauchschwadendiplomatie und böhmischhussitischer Schweigementalität«. Österreichischer Humor sei tolerierte Intoleranz und weite geistige Enge, Provinz und Großstadt, Duckmäusertum und Größenwahn, italienische Leichtigkeit, slawische Seele, verblödelte Wahrheit und lachende jüdische Trauer, meinte Muliar: »Vor allem aber ist unser Humor Erinnerung, Verklärung und Bekenntnis. Zur weiten und nahen Vergangenheit, zu Schmach und Lumperei, zu Humanität und zu dem Land, dem er entstammt: Dem Vielvölkerstaat der elf Sprachen unter einer Flagge und dem Kleinstaat, der – bei allem Streben nach Modernität – Siegelbewahrer der Vergangenheit ist. In unserer Republik, in der deutsch, kroatisch, ungarisch, slowenisch gesprochen und gedacht wird, ist bei aller nationalistischer Verblödung doch ein gewisser Hang zur Buntheit latent.«

Eine der Quellen unseres österreichischen Humors ist das Judentum, das so viel zur geistigen Bereicherung dieses Landes beigetragen hat. Friedrich Torberg: »Ich glaube in der Tat, dass die Juden eher auf Österreich verzichten können, als Österreich auf die Juden.« Die meisten guten Witze, die man sich erzählt, basieren auf dem jüdischen Humor. Der jüdische Witz ist nicht vordergründig, sondern hat Tiefgang. Er erschöpft sich nicht im Verspotten menschlicher Eigenschaften, sondern hinterfragt die gesamte menschliche Situation. Auch die beliebten No-na-Witze gehören in diese Kategorie. Oder die Witze über die Frau Pollak von Parnegg, die Ehefrau eines geadelten und getauften Wiener Industriellen. Diese populäre Figur hat tatsächlich gelebt. Die ganze Subtilität des jüdischen Witzes kommt freilich in der Nazizeit zur Geltung.

Nicht nur hat jedes Land seine eigene Form von Humor. Darüber hinaus gibt es auch regionale Spielarten des Humors, die weit in unsere Geschichte zurückreichen. Man denke etwa an den »Wiener Schmäh«. Der Kabarettist Peter Wehle leitete das Wort »Schmäh« aus dem Jiddischen (Gehörtes, Erzählung) ab. »Schmäh führen« meint Sprüche klopfen oder Scherze treiben. Der Bänkelsänger, Sackpfeifer und Stegreifdichter Marx Augustin, der 1679, als die Pest in Wien grassierte, die Bevölkerung aufheiterte, galt als Humorkanone seiner Zeit und wurde durch die Ballade »O du lieber Augustin« unsterblich. Der legendäre Wurstel wiederum war eine Schöpfung des aus Graz stammenden Anton Stranitzky. Um 1710 trat Stranitzky zum ersten Mal als »Hans Wurst« im Salzburger Bauernkostüm mit spitzem grünem Hut vor das Wiener Publikum.

Hier in Wien gab es allerdings nicht fröhlich-naive Typen wie die Kölner Tünnes und Schäl oder Antek und Frantek in Oberschlesien. Der Wiener Humor war stets etwas schwieriger. Melancholie und Depression gehören hier einfach dazu. Das sieht man auch in den Texten vieler Wienerlieder, in denen der Tod besungen wird. Dieser Schmelztiegel Wien war auch eine schwierige Stadt mit schwierigen Bewohnern. Kein Geringerer als Sigmund Freud brachte die Seelenkunde mit dem Witz in Verbindung. Das war im Jahr 1905 in seinem Buch »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten«. Freuds Thesen liefen darauf hinaus: Humor ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Freud mag mit seiner Bemerkung recht haben, dass der Witz imstande sei, dem Menschen selbst über körperliche Schmerzen hinwegzuhelfen.

Auf den Wechsel von der k. u. k. Monarchie zur Republik geht die Erfindung des Grafen Bobby, einer fiktiven Wiener Witzfigur, zurück. Für Gottfried Heindl war auch Bobby »ein Schwieriger deshalb, weil er – so überraschend es zunächst klingen mag – eine ganz und gar zwiespältige Grenzfigur zwischen Blödheit und Weisheit, Humor und Psychologie, seichter Vordergründigkeit und tiefer Hintergründigkeit ist.« Diese Witze beziehen ihre Pointe meist aus der Infantilität und Naivität Bobbys. Mit von der Partie sind häufig die ebenfalls nicht real existierenden Graf Rudi, Baron Mucki, Graf Poldi und Baron Scheidl, die Bobby an Dümmlichkeit um nichts nachstehen.

Die ambivalente Beziehung des Österreichers zu seinem Land und vor allem des Wieners zu seiner Heimatstadt schwankt zwischen Hass und Liebe. Karl Kraus brachte es auf den Punkt: »Ich, der Heimat treuer Hasser, will aus dieser Gegend weg – blau war nie das Donauwasser, doch die Spree hat noch mehr Dreck!« Und Sigmund Freud ließ sich zu dieser Bemerkung hinreißen: »Österreich, das ist ein Land, über das man sich zu Tode ärgert und in dem man trotzdem sterben möchte.« Oder Helmut Qualtinger, der scharfzüngige Ur-Wiener: »Das Problem für jeden Wiener: man kann es in Wien nicht mehr aushalten, aber woanders auch nicht.« Und noch schärfer: »In Wien musst erst sterben, damit sie Dich leben lassen, aber dann lebst lang.« »Wie schön wäre Wien ohne die Wiener«, formulierte Georg Kreisler und Fritz Kortner sprach: »Anderswo machen die Leute aus ihrem Herzen eine Mördergrube, in Wien machen sie aus ihrer Mördergrube ein Herz.« Auch Alfred Polgar äußerte sich zu diesem Thema: »Wien bleibt Wien – und das ist wohl das schlimmste, das man über diese Stadt sagen kann.«

Aus dieser Mentalität erwuchsen Satire, Kabarett, Witz, Anekdote und Karikatur als zeitgeschichtliche Dokumente. Das gilt sowohl für die Demokratie, in der die freie Meinungsäußerung nicht mit einem Begräbnis endet, wie auch für die Diktatur, in der man tun und lassen kann, was die Regierung vorschreibt und in der man zu allem, was nicht verboten ist, gezwungen wird. Österreich hat in den 100 Jahren seit 1918 beides erlebt. In Österreich, das sich von Deutschland hauptsächlich durch die gleiche Sprache unterscheidet, entwickelte sich eine eigene Nestroy’sche Art, autoritären Standesstaat, Nazidiktatur und Demokratie zu glossieren.

Jede Phase in den zurückliegenden hundert Jahren hat ihre Witze. Dem Bürger als Zaungast der Politik bleibt oft nur die Flucht in den Humor. Wie schrieb Karl Kraus so treffend: »Ich halte die Politik für eine mindestens ebenso vortreffliche Manier, mit dem Ernst des Lebens fertig zu werden, wie das Tarockspiel, und da es Menschen gibt, die vom Tarockspiel leben, ist der Berufspolitiker eine durchaus verständliche Erscheinung. Umso mehr, als er immer nur auf Kosten jener gewinnt, die nicht mitspielen. Aber es ist in Ordnung, dass der Kiebitz zahlen muss, wenn das geduldige Zuschauen seinen Daseinsinhalt bildet. Gäbe es keine Politik, so hätte der Bürger bloß sein Innenleben, also nichts, was ihn ausfüllen könnte.«

Doch wovor müssen sich Politiker hüten? – Vor freien Wahlen, vor freien Meinungsäußerungen, vor Fanatikern. Und vor Witzen. In einer Diktatur kann ein Politiker Wahlen verfälschen, Meinungsäußerungen verbieten, Fanatiker kaltstellen. Nur gegen Witze kann er sich nicht wehren. Aber auch in einer Demokratie eignet sich niemand besser als Ziel von Witzen wie der Politiker. Er ist der Buhmann der Nation, auch wenn er von ebendieser gewählt wurde.

Was ist der Unterschied zwischen einer Telefonzelle und der Politik? – In der Telefonzelle muss man erst zahlen und darf dann wählen, in der Politik darf man erst wählen und muss dann zahlen.

Gerhard Bronner hat Recht, wenn er sagt, die Zahl der guten Witze sei wesentlich kleiner als die Zahl guter Romane. Es gebe eben in der Literaturgeschichte mehr Romanautoren als Humoristen: »Die meisten Witze werden in der Praxis nicht erfunden (oder erdacht), sie passieren einfach irgendwie. Sie müssen nur als Witz erkannt, vielleicht ein bisschen umformuliert werden, sie gehen von Mund zu Mund, fast jeder Erzähler fügt etwas hinzu (oder lässt etwas weg) und schon ist ein neuer – manchmal sogar ein guter – Witz entstanden. Und damit sind wir übergangslos bei der Anekdote angelangt. Das Wort stammt natürlich aus dem Griechischen – wie vieles andere auch. ›Anekdoton‹ heißt, wörtlich übersetzt, ›das nicht Herausgegebene‹. Wieso? Ein gewisser Prokopios verfasste im 6. Jahrhundert ein Werk mit kritischer Tendenz und zahllosen Indiskretionen über den Kaiser Justinian – ein Werk, das allerdings erst nach dessen Tod erscheinen konnte. Dieses Pamphlet nannte er ›Anekdoton‹. Seither gilt die Anekdote als eine zunächst mündlich verbreitete Erzählung aus dem Leben einer prominenten Persönlichkeit. Es konnte ein Herrscher sein, ein Politiker, ein Künstler, oder einfach jemand, der sich für wichtig hält, weil er gerade in irgendwelchen Schlagzeilen aufscheint. Das wesentliche Merkmal einer Anekdote besteht darin, dass durch ein Zitat oder eine Aktion die charakteristische Eigenart dieser Person verdeutlicht wird – eine repräsentative Momentaufnahme sozusagen. Erzählenswert wird so eine Anekdote vor allem dadurch, dass am Ende derselben eine überraschende Wendung – also eine Pointe – zu finden ist. Diese Pointe allerdings muss von irgendwem als solche erkannt werden – und solche Menschen sind fast so selten zu finden wie die zuvor erwähnten Humoristen.«

Beginnen wir also unsere Zeitreise beim Ende der alten k. u. k. Monarchie, auf deren Trümmern das kleine Österreich als Republik entstand. Worüber konnten sich die Österreicher seinerzeit mokieren und amüsieren?

Viel Vergnügen bei der Lektüre!

Johannes Kunz

Wien, im September 2017

Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst

Mit diesem Satz glossierte Karl Kraus die letzten Jahre der k. u. k. Monarchie, die vom Ersten Weltkrieg geprägt waren, der von 1914 bis 1918 in Europa, im Nahen Osten, in Afrika, in Ostasien und auf den Weltmeeren geführt wurde. 17 Millionen Menschen kamen darin um. Er begann am 28. Juli 1914 mit der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien nach dem Attentat von Sarajewo auf den Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Frau Sophie Chotek, Erzherzogin von Hohenberg.

Mitten im Krieg starb 1916 Kaiser Franz Joseph I., der seit 1848 in Wien regiert hatte. Sein Nachfolger Karl I. vermochte das Kriegsgeschehen nicht zum Besseren zu wenden. Karl I. sollte der letzte Repräsentant jenes Systems werden, das der Begründer der Sozialdemokratischen Partei, Victor Adler, so definierte: »Österreich ist eine absolutistische Monarchie, gemildert durch Schlamperei.«

Die Zeit der Monarchie lief langsam ab, da etablierte sich Anfang des 20. Jahrhunderts das Wiener Kabarett. 1906 eröffnete »Das Nachtlicht«. Roda Roda, Carl Hollitzer und Peter Altenberg traten hier auf. Und Karl Kraus gehörte zu den Stammgästen. Ebenfalls 1906 sperrte »Die Hölle« auf. Hier begann Fritz Grünbaum seine Karriere, der bald nach Berlin ging, von wo er 1914 zum »Simplicissimus« nach Wien zurückkehrte. »Die Fledermaus« startete 1907. Josef Hoffmann und Mitarbeiter der Wiener Werkstätte hatten die Innenausstattung gestaltet. Für Dekorationen und Programmzeichnungen sorgten Oskar Kokoschka, Gustav Klimt und Emil Orlik. Beiträge zum Programm lieferten Peter Altenberg, Hermann Bahr, Egon Friedell, Max Mell und Alfred Polgar. Auf der Bühne sah man u. a. Roda Roda. Der Erste Weltkrieg brachte eine Verschärfung der Zensurbestimmungen und verunmöglichte zunächst das politische Kabarett.

Anlässlich der Verhängung eines Aufführungsverbotes für das Stück »Der Feldherrnhügel« von Roda Roda und Carl Rössler wurde den Autoren schroff mitgeteilt: »Solange die österreichisch-ungarische Monarchie besteht, wird dieses Stück nicht aufgeführt!« Darauf Rössler zu seinem Partner: »Lieber Roda, die paar Wochen wart mal halt noch!« Freilich konnte eine noch so strenge Zensur die Verbreitung von politischen Witzen über die Monarchie und den zunehmend negativen Kriegsverlauf nicht verhindern.

Tauchen wir also ein in Stefan Zweigs »Welt von gestern«, in der sich nicht nur die modernen Parteien, sondern auch neue Formen von Unterhaltung herausbildeten, indem Kabaretts, Varietés und Kaffeehäuser zu Zentren bürgerlichen Vergnügens wurden.

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Karl Lueger, Sohn eines Hochschulpedells, von Beruf Rechtsanwalt, ist von 1897 bis 1910 Wiener Bürgermeister. Der Christlich-Soziale, genannt »schöner Karl«, entwickelt sich zum Volkstribun. Wenngleich seine Partei antisemitisch eingestellt ist, hat er viele jüdische Freunde, wofür er diese apodiktische Erklärung hat: »Wer a Jud is, bestimm i.« Und obwohl die Christlich-Sozialen ihren Zulauf nicht zuletzt den kleinen Gewerbetreibenden verdanken, die sich von den Zuwanderern aus den verschiedenen Teilen der Monarchie bedrängt fühlen, quittiert Lueger Attacken gegen die vielen böhmischen Schuster und Schneider mit den Worten: »Laßt’s mir meine Böhm in Ruah …«

In Kreisen des Hochadels inklusive Kaiser Franz Joseph I., der übrigens mehrmals die Bestätigung der Wahl Luegers zum Bürgermeister wegen dessen Antisemitismus verweigert, ist die christlich-soziale Partei als revolutionär verschrien. Lueger selbst ist stets auf die Propagierung der Leistungen seiner Stadtverwaltung bedacht. Auf keinem Bauwerk darf eine Gedenktafel mit dem Hinweis auf Bürgermeister Karl Lueger fehlen, der entweder der Initiator gewesen sei oder wenigstens den Denkanstoß hiezu gegeben habe. Als im Schönbrunner Zoo eine Zebukuh ein Junges zur Welt bringt, schlägt ein politischer Gegner des charismatischen Bürgermeisters vor: »Da muss dringend eine Tafel mit der Aufschrift hin: ›Geworfen unter dem Bürgermeister Karl Lueger.‹«

Der aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie stammende und ursprünglich bei den Deutschnationalen aktiv gewesene Arzt und Journalist Dr. Victor Adler, der 1888 auf dem Hainfelder Parteitag die österreichische Sozialdemokratie begründet, wird aufgrund seiner politischen Tätigkeit siebzehnmal bei Gericht angeklagt und muss insgesamt neun Monate hinter Gitter. In einem seiner Prozesse kommentiert er das so: »Es sind mir so viele Verbrechen, Vergehen und Übertretungen zur Last gelegt worden, als man überhaupt anständigerweise begehen kann.«

Berühmt ist der Prozess vor dem sogenannten Holzinger-Senat, in dem sich Adler wegen Aufwiegelung zu verantworten hat. Nachdem ihn der Staatsanwalt mit einem Mann verglichen hat, der mit einer brennenden Fackel in einem Magazin voller Pulverfässer herumgeht, antwortet ihm Adler: »Wenn Sie keine Explosion haben wollen, dann räumen Sie die Pulverfässer weg!«

Die Deutschnationalen unter Führung Georg von Schönerers sind die dritte Partei neben den Christlich-Sozialen und den Sozialdemokraten, die aus dem Zerfall der einst mächtigen liberalen Bewegung hervorgegangen ist und das politische Leben in der Monarchie mitbeherrscht. Aber um die Einigkeit der Großdeutschen ist es nicht gut bestellt. Über ihr Verhalten im Reichsrat geht der Spottvers um:

»Der eine saß, der andre stand,

Der stimmte für, der wider,

Das ist der Nationalverband,

Stimmt an das Lied der Lieder …«

Als Franz Joseph vor einer wichtigen Abstimmung seinen Ministerpräsidenten fragt, wie sich wohl die Deutschnationalen verhalten würden, antwortet Graf Eduard Taaffe: »Es ist sehr schwer, Majestät, so aus dem Handgelenk zu sagen, was das Dümmste ist, was man machen kann.«

Im Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das Karl Kraus eine »Versuchsstation für den Weltuntergang nennt«, befinden sich Josef Stalin, der hier seine Studie über das Nationalitätenproblem schreibt, Leo Trotzki, der im Café Central Schach spielt, wenn er nicht gerade die illegale »Prawda« redigiert, und der junge Nikolai Bucharin, den seine konspirative Tätigkeit so erschöpft hat, dass er einem Nervenzusammenbruch nahe ist. Er wendet sich daraufhin an Dr. Alfred Adler, den nachmaligen Schöpfer der Individualpsychologie, der ihm den Rat gibt, sich ein Mädchen zur Freundin zu nehmen. Als Adler einige Zeit später seinen Patienten fragt, ob das Mittel geholfen habe, erhält er zur Antwort: »Wunderbar! Wir haben die ganze Nacht über die Kapitalismustheorie von Rosa Luxemburg diskutiert!«

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges bricht eine schwere Zeit an – auch für die Politiker der betroffenen Nationen. Die besonderen Probleme der Abgeordneten schildert Aristide Briand, der französische Politiker: »Wenn der Abgeordnete nicht bei den Wählern ist, fragt man, wo er sich herumtreibt. Ist er bei seinen Wählern, fragt man, warum er in Zivil ist. Ist er in Uniform, fragt man, warum er nicht an der Front ist. Ist er an der Front, fragt man, warum er nicht verwundet ist. Ist er verwundet, fragt man, warum er nicht gefallen ist. Und ist er gefallen, kommen die Beschwerden, dass er die Briefe nicht beantwortet.«

Feldzeugmeister Graf Pschistranek inspiziert ein Festungsartillerieregiment und kommt in ein Mannschaftszimmer, in dem ein Bild des Feldzeugmeisters Uchatius hängt. Graf Pschistranek fragt einen Kanonier: »Wer ist das?«

»Feldzeugmeister Uchatius!«, antwortet der Kanonier wie aus der Pistole geschossen.

»Gut. Und warum hängt er da?«

»Exzellenz, melde gehorsamst, er war ein General!«

»Schön, mein Sohn. Aber ich bin doch auch ein General und hänge nicht da. Warum also Uchatius?«

Der Kanonier denkt eine Minute nach, dann schmettert er: »Exzellenz, melde gehorsamst, weil er ein guter General war!«

Manöver in Lemberg. Kaiser Franz Joseph I. kommt. Im Rathaus wird ein Empfang gegeben. Alle Honoratioren sind da und der Kaiser unterhält sich freundlich mit jedem einzelnen. So kommt er auch zu Rabbi Mardochaj Lechowitz.

»Haben Sie Söhne?«, fragt der Kaiser.

»Sieben, Gott sei Dank.«

»Und haben Ihre Söhne gedient?«

»Keiner, Gott sei Dank!«

Zu Kriegsbeginn 1914 glaubt man in Wien noch, der Feldzug werde sehr rasch beendet sein. Doch schon im ersten Kriegswinter steht es an der österreichisch-ungarischen Ostfront gar nicht gut. Der Vorstand der k. u. k. Militärkanzlei, General Bolfras von Ahnenburg, regt an, der Kaiser selbst solle die Truppen an der Front aufsuchen und den Soldaten neuen Mut machen. Franz Joseph steht bereits in den 80ern und meint skeptisch: »Glauben S’ wirklich, Bolfras, dass so was etwas nützen tät? Wo stehen denn die Russen eigentlich?« Auf die Auskunft, die Heere des Zaren seien dabei, in die ungarische Tiefebene hinabzusteigen, sagt der greise Monarch in einem Anflug von Galgenhumor: »So weit sind die also schon. Dann wart’ ma noch ein bisserl, bald können wir mit der Elektrischen zur Frontbesichtigung fahren.«

Während der ersten Kriegsmonate 1915 inspiziert der Feldmarschall-Leutnant die Stellungen der Tiroler Standschützen. Nach einem mühsamen Aufstieg zum Bataillonsgefechtsstand besichtigt er durch ein Scherenfernrohr die Linien. Plötzlich ist bei den vorgeschobenen Stellungen der Teufel los.

»Wer liegt da vorne?«, erkundigt sich der hohe Offizier.

»Der Hauptmann Anderl mit seiner Standschützenkompanie«, wird ihm gemeldet.

Der Feldmarschall-Leutnant deutet auf das Feldtelefon: »Verbinden Sie mich mit ihm!«

»Jawohl«, antwortet der Bataillonsadjutant und lässt unverzüglich die Verbindung herstellen. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Hauptmann Anderl.

»Was ist denn los?«, ruft der Feldmarschall-Leutnant in den Hörer. »Warum wird da vorne geschossen?«

Prompt kommt die Antwort: »Weil Krieg is’, Du Depp!«

Schmul, der zur Assentierung gehen muss, fragt seinen Freund Moische, ob er ihm nicht einen Rat geben könne, damit er »untauglich« geschrieben werde. Moische klärt kurz und rät Schmul dann, sich alle Zähne ziehen zu lassen. Ein paar Tage später begegnet er neuerlich dem jetzt sehr erbosten Schmul, der gleich loslegt: »Einen schönen Rat hast Du mir gegeben!«

»Was meinst Du? Bist Du nicht ›untauglich‹?«

»Ja, das schon, aber wegen die Plattfüß’!«

Bei der Musterung gebärdet sich ein jüdischer Junge äußerst nervös: »Ich bitt’ schön, Herr Doktor, versetzen Sie mich nicht zur Artillerie. Ich kann das Schießen nicht hören!«

»Haben S’ ka Angst«, sagt der Arzt, »die schießen so laut, das werden S’ schon hören!«

Bei Gewehrübungen brüllt der Feldwebel: »Nicht so zaghaft, Blau! Sie präsentieren ein Gewehr, nicht einen Wechsel!«

In einem Feldlazarett liegt ein Soldat mosaischer Konfession. Als es mit ihm zu Ende geht, fragt ihn der behandelnde Arzt: »Nun, Mandelbaum, haben Sie noch einen Wunsch?«

»Ja«, sagt dieser leise, »ich mecht haben einen katholischen Priester!«

Der Arzt verwundert: »Warum einen katholischen Priester?«

»Mei Rebbe geht in ka Choleraspital«, sagt der Patient.

Im Nebensaal spielt sich Ähnliches ab. Dort verlangt ein jüdischer Patient sogar einen Erzbischof.

»Warum einen Erzbischof?«, will der Arzt wissen.

»Weil ich mich mecht lassen taufen!«

Der Mediziner, selbst Jude, setzt sich an die Bettkante, nimmt die Hand des Sterbenden in seine und sagt gütig: »Schauen Sie, Hirschfeld, so viele Jahre waren Sie ein guter Jude. Sie haben mit Ihrem Gott in Frieden gelebt und die Religionsgesetze befolgt. Warum wollen Sie sich jetzt, so kurz vor Ihrem Ableben, taufen lassen?«

»Wissen Se, Herr Doktor, ich hab’ ma die Sach ieberlegt und bin zu dem Schluss gekommen, wenn schon einer sterben soll, soll sterben a Goi (Anm.: Nichtjude)!«

Einjährig-Freiwilliger Katz: »Ich bitt’ um Urlaub, Herr Feldwebel.«

»Warum?«, fragt der Offizier.

Katz: »Immatrikulation.«

Der Feldwebel: »Immer diese verfluchten jüdischen Feiertage!«

Im Trommelfeuer russischer Soldaten steht ein Wiener Leutnant im Schützengraben. Er träumt von seiner fernen Braut und seufzt: »Ach Zitta!«

Soldat Mandelbaum hat zugehört und gesteht: »Ach Zitta auch!«

Als der alte Kaiser 1916 stirbt, folgt ihm sein Großneffe Karl I. nach. Sofort nach der Thronbesteigung lässt er den Kriegsminister kommen, um ihm zu befehlen: »Exzellenz, teilen Sie Ihren Generälen mit, dass die Schlampereien ab sofort aufzuhören haben. Von jetzt an wird gesiegt!«

Der junge Monarch ist voll des guten Willens, aber seine impulsive Art trägt ihm bald den Spitznamen »Karl der Plötzliche« ein. In Wien charakterisiert man den politischen Stil des neuen Monarchen mit dem Scherz, Karl habe einmal zum Telefon gegriffen und gesagt: »Hallo? Ich ernenne Sie zum Finanzminister! Wer dort?«

Im Kriegspressequartier sitzt der Dichter Franz Werfel. Er hat den Auftrag, Worte und Aussprüche zu finden, die Kaiser Karl bei offiziellen Anlässen von sich gegeben haben könnte. Im Kaffeehaus geben sich Freunde redlich Mühe, ihm Anregungen zu liefern. Manche davon greift er auf, eine allerdings nie. Sie stammt von Anton Kuh und lautet: »In meinem Reich geht die Sonne nie auf.«

Feldwebel bei Exerzierübungen: »Warum soll der Soldat nicht mit brennender Zigarette über den Kasernenhof gehen?«

Rekrut Blau: »Recht ham Se, Herr Feldwebel. Warum soll er nicht?«

Mitten in einer Schlacht befiehlt der Oberst seinen Soldaten: »Los, jetzt geht es Mann gegen Mann!«

Infanterist Seidenblatt: »Zeigen Se ma bittschön meinen Mann! Vielleicht kann ich mich mit ihm gütlich einigen.«

Während einer Zugfahrt stellt man sich einander vor.

»Von Bredow, Leutnant der Reserve.«

»Morgenthau, dauernd untauglich.«

In einem anderen Bahncoupé spürt ein Offizier plötzlich einen Floh auf seinem Hals. Er vermutet, dass dieser wohl von dem vis-à-vis sitzenden Juden zu ihm herübergesprungen ist. Der Offizier schubst den Floh mit der Bemerkung »Deserteur!« zum Juden hin. Dieser knipst den Floh wieder hinüber mit den Worten: »Zurück zur Armee!«

Kaiserin Zita besucht ein Verwundetenlazarett und tritt an das erste Bett heran: »Wie ist Ihr Name? Wo wurden Sie verwundet? Welcher Konfession gehören Sie an?«

Auf die Antwort »katholisch« legt die Kaiserin fünf Zigaretten auf den Nachttisch.

Sie kommt zum zweiten Bett. Der Patient ist evangelisch. Die Kaiserin legt vier Zigaretten hin.

Da winkt eine schwer bandagierte Gestalt aus dem nächsten Bett und ruft der Monarchin zu: »Mir kimmen drei!«

Zwei jüdische Soldaten unterhalten sich in der Ukraine über Militärflugzeuge. Meint der eine nachdenklich: »Sag’, wie kann man vom Boden überhaupt sehen, ob es russische oder deutsche Flugzeuge sind?«

»Das ist ganz einfach«, sagt der Zweite, »wenn ein Flugzeug wirklich fliegt, dann gehört es den Deutschen.«

Wieder einmal verbringt der führende Bolschewik Leo Trotzki einen Teil seiner Emigration in Wien. Im Oktober 1917 wird einem Hofrat im k. u. k. Außenministerium von einem Referenten aufgeregt berichtet: »Herr Hofrat, in Russland ist Revolution!«

»Aber ich bitt’ Sie! Wer soll die denn gemacht haben? Vielleicht der Herr Trotzki, der Schachspieler vom Café Central?«

Der aus Wien stammende Soziologe Paul F. Lazarsfeld zu diesem Thema: »Erfolgreiche Revolutionen wie in Russland brauchen Ingenieure, gescheiterte Revolutionen wie in Österreich brauchen hingegen Psychologen.«

Wissen Sie übrigens, woran man in Wien eine Revolution erkennt? – Wenn die Ringwagen über die Zweierlinie fahren.

Die Republik ohne Republikaner

Der verlorene Erste Weltkrieg, der für Franz Kafka »aus einem entsetzlichen Mangel an Phantasie entstanden« ist, bedeutete nach mehr als 600 Jahren das Ende des Habsburgerreiches. Alexander Lernet-Holenia kam zu dieser Erkenntnis: »Nie noch ist eine Monarchie an ihren Monarchen, immer noch ist sie an ihren Monarchisten zugrunde gegangen.« Am 11. November 1918 verzichtete Kaiser Karl I., der Großneffe Franz Josephs, »auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften« und verabschiedete sich mit seiner Familie via Schloss Eckartsau und der Schweiz in Richtung Madeira. Am selben Tag starb übrigens Dr. Victor Adler. Tags darauf wurde die Republik ausgerufen. Dieser Rumpfstaat zählte nur noch sechs Millionen Bürger. Karl Kraus befand: »Es ist an sich eine unerträgliche Vorstellung, als Einwohner eines Kleinstaates mit einem derartigen Übermaß an Vergangenheit konfrontiert zu werden.« Er blickte im Groll zurück, indem er die Kaiserhymne umdichtete: »Gott erhalte, Gott beschütze vor dem Kaiser unser Land …« Die »gute alte Zeit« war jedenfalls endgültig vorbei, von der Karl Farkas sagte, sie verdanke ihr Renommee ohnedies nur dem Umstand, dass ältere Leute schon ein schlechtes Gedächtnis haben.

Der sozialdemokratische Staatskanzler Dr. Karl Renner sah Österreich als »eine Republik ohne Republikaner« und sagte später einmal: »Ich weiß nicht, ob wir uns getraut hätten, die Republik auszurufen, wenn der alte Kaiser Franz Joseph noch gelebt hätte.« Bei den Friedensverhandlungen in St. Germain 1919 fielen seitens des französischen Ministerpräsidenten Georges Clemenceau die berühmten Worte »der Rest ist Österreich« bezüglich der Aberkennung des Großteils der Gebiete der versunkenen k. u. k. Monarchie. Viele Bürger dieser »Republik Deutschösterreich« hielten den Rumpfstaat nicht für lebensfähig und suchten »Anschluss« beim großen Nachbarn. Es mangelte den Österreichern an Selbstvertrauen, dafür hatten sie – nicht zuletzt wegen der großen wirtschaftlichen Probleme – viel Selbstmitleid.

Für Friedrich Torberg war der Untergang des alten Österreich »eine der katastrophalen Humorlosigkeiten der Weltgeschichte«. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb boomte der Humor in den ersten Jahren der jungen Republik. So ist es immer, wenn es den Menschen schlecht geht. In Wien gab es zeitweise bis zu 25 Kellertheater, in denen politisches Kabarett geboten wurde. In den 1920er- und 1930er-Jahren setzten Fritz Grünbaum und Karl Farkas im »Siplicissimus«, von den Wienern liebevoll »Simpl« genannt, Meilensteine der Kleinkunst. Beide entwickelten damals die legendäre Doppelconférence. Dazu Farkas zu seinem Partner Grünbaum: »Man nehme einen äußerst intelligenten, gutaussehenden Mann, das bin ich, und einen zweiten, also den Blöden. Das bist, nach allen Regeln der menschlichen Physiognomie, natürlich Du!«

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Zwei gesellschaftliche Gruppen kommen mit der neuen Republik besonders schlecht zurecht: der Adel und die Offiziere der alten k. u. k. Armee. Treffen einander zwei pensionierte Generäle im Café Sacher in Wien. Der eine Stammtischstratege: »Zurück hätten wir gehen müssen, von Anfang an zurück!«

Darauf der andere: »Dann wären die Russen doch über die Karpaten gegangen!«

Der Erste: »Das macht nichts. Zurück hätten wir gehen müssen.«

»Aber dann wären sie womöglich über die Leitha nach Österreich gekommen.«

»Macht nichts. Zurück hätten wir gehen müssen.«

»Also jetzt versteh’ ich Dich gar nicht mehr! Dann hätten die Russen doch Wien belagert oder sogar eingenommen!«

»Das macht alles nichts. Aber die Armee war’ intakt geblieben!«

In Graz, das man in jenen Jahren »Pensionopolis« nennt, weil hier zahlreiche ehemalige Offiziere und hohe Beamte ihren Lebensabend verbringen, sitzen ein früherer Feldmarschall und dessen ehemaliger Adjutant bei einer Schale Gold im Hotel Erzherzog Johann. Die langen Virginier-Zigarren qualmen und die beiden alten Herren ergehen sich, nachdem sie die Tagesfragen in militärischer Kürze erledigt haben, in Reminiszenzen an die k. u. k. Armee.

»Weißt, lieber Freund«, sagt der pensionierte Feldmarschall nach einer Weile gedankenvoll, »wenn man bedenkt, was wir für eine herrliche Armee gehabt haben, für eine wunderbare Armee – was sag’ ich, die fabelhafteste Armee der ganzen Welt! Und was machen die Trotteln mit der Armee? In den Krieg haben sie’s g’schickt!«

Im Zug von Wien nach Graz sitzt ein pensionierter General der k. u. k. Armee in Zivil und trägt am Revers seines Sakkos das militärische Verdienstkreuz. Bei einer Station steigt ein galizischer Jude zu, der zur Verblüffung des Generals das gleiche Verdienstkreuz am Sakko trägt. Auf seine Frage, wie der Jude zu einem solchen Orden komme, antwortete dieser auf Jiddisch: »Ich hob geliefert Weizen far dem Militär, hot men mir dus gegeben! Und wus hat Ihr geliefert?«

Der General mit stolzgeschwellter Brust: »Ich habe Schlachten geliefert!«

»Un wus meint Ihr, ich hob giten geliefert?« (»Und meinen Sie, ich hätte guten geliefert?«)

In der neuen Republik wird der Adel per Gesetz abgeschafft. Daraufhin lässt sich Adalbert Graf Sternberg neue Visitenkarten drucken: »Adalbert Sternberg aus jenem Geschlecht, welches im Jahre 800 von Karl dem Großen geadelt und im Jahre 1919 von Karl Renner entadelt wurde.«

Viele einstige Aristokraten verlieren nicht nur Titel und Ansehen, sondern steigen auch materiell ab. Klagt ein früherer Baron: »Wenn ich mir mit meinem Stammbaum wenigstens einheizen könnt’!«

Und ein Wiener Hotelier über die Herkunft seines Personals: »Seh’n Sie, mir ham’s zu was bracht: Unser Liftbua is a junger Graf, der Kutscher war a Oberleutnant, a Prinz von Geblüt putzt die Stiefeln und unser Stubenmadel is a ehemalige Comtess!«

Herr und Frau Wamperl führen ein politisches Gespräch.

Sie: »Geh, sag amal, Alter, was is denn das eigentlich, a Republik?«

Er: »Na hörst, schamst Di net, dass Du des net waaßt? A Republik, das kann i Dir ganz genau sagen, a Republik, das is – wie soll i denn nur g’schwind sagen – a Monarchieersatz!«

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Diese Zeichnung zum Beiblatt der »Muskete« vom 22. April 1920 von Fritz Gareis beschreibt die wirtschaftliche Not und Armut im Österreich der Nachkriegszeit.

Ein Antirepublikaner bekennt offenherzig: »Nein, ich kann nie ein Republikaner werden, wenn ich bedenke, dass ich beim Zusammenbruch der Monarchie gerade an der Reihe war, den Franz-Josephs-Orden zu bekommen!« Orden spielen in Wien seit jeher eine große Rolle. Wie in dieser Stadt üblich, wird ein Beamter vor seiner Pensionierung noch mit einem Orden ausgezeichnet. »Was ham’s denn Besonderes g’macht, dass Sie so an schönen Orden kriegt ham?«, fragt einer. »Nix«, antwortet der Ausgezeichnete. »Aber das dafür lang.«

Bei der Wahl zur Konstituierenden Nationalversammlung am 16. Februar 1919 erreichen die Sozialdemokraten 72 Mandate und werden zur stärksten Partei vor den Christlich-Sozialen mit 69 Sitzen. Dazu findet