image

GEORG
MARKUS

Fundstücke

Meine Entdeckungsreisen
in die Geschichte

Mit 114 Abbildungen

image

Besuchen Sie uns im Internet unter: amalthea.at

© 2017 by Amalthea Signum Verlag, Wien

INHALT

Man muss sie nur finden
Vorwort

Anna Sachers süßes Geheimnis
Die Lovestory der verwitweten Hotelbesitzerin

Das Tagebuch des Adjutanten
Vertrauliches aus Kaiser Franz Josephs letztem Lebensjahr

»Das Mädchen ist allerliebst«
Der frühe Tod von Goethes Enkelin in Wien

Frau Alma hatt’ auch einen Pfarrer
Der unbekannte Liebhaber einer sehr bekannten Muse

Eine Kaiserin wird wahnsinnig
Der Leidensweg der Charlotte von Mexiko

Der Hans-Moser-Film vom Flohmarkt
Die Entdeckung einer verloren geglaubten Rarität

Der verliebte General
Eine Affäre zwischen Krieg und Leidenschaft

Der Tod des Seiltänzers
Eine Tragödie im Wien der Nachkriegszeit

»Sie war eine Tochter des Kaisers«
Neue Hinweise zur Herkunft der Helene Berg geb. Nahowski

Österreichs Prominenz …
… und ihre schönen, alten Autos

Verbotene Briefe aus dem Konklave
Geheimnisse über eine Papstwahl

Malerfürst und »Tochter der Sünde«
Ein Künstler und sein Modell

Mit der Pferdetramway durch die Stadt
Als die Zeit für die »Öffis« kam

Beethovens königlicher Vater
Spekulationen über die Herkunft des Musikgenies

Das Jagdschloss von Mayerling
Die Geschichte vor der Tragödie

»Beispiellos sträflicher Leichtsinn«
Die unglücklichen Sacher-Erben

Maria Theresia verliert ihren Mann
Der plötzliche Tod Kaiser Franz Stephans I

Der Jahrhundert-Fund
Ein verlorenes Theaterstück taucht auf

Der Anfang vom Ende der Donaumonarchie
Noch ein geheimes Tagebuch

Qualtinger beschlagnahmt eine Villa
Ein kurioser Brief mit schlimmen Folgen

Der Krimi um »Sisis« Mörder
oder Der versteckte Schädel

Der verräterische Liebesbrief
Ein pikantes Schreiben Richard Wagners

Österreichs »Titanic«
Der Untergang der »Baron Gautsch«

»Der ich noch so jung und ohne Erfahrung bin«
Ein Brief des 18-jährigen Kaisers Franz Joseph

Das Kaffeehaus im KZ
Simon Wiesenthals geheime Baupläne

»Sie waren füreinander geboren«
Josephine, Beethovens einzige Geliebte

Danksagung

Bildnachweis

Quellenverzeichnis

Personenregister

Man muss sie nur finden
Vorwort

In Archiven, Bibliotheken, Schlössern, privaten Nachlässen …

Nein, im Fundamt werden sie nicht abgegeben, die Fundstücke, um die es in diesem Buch geht. Es bringt auch wenig, durch die Stadt zu spazieren und auf der Straße nachzusehen, ob sie irgendwo herumliegen. Sie sind mir vielmehr zugeflogen. In all den Jahren, seit ich über historische Themen schreibe, habe ich viele Menschen kennengelernt, die an der Quelle sitzen. In Archiven und Bibliotheken, in ehemals kaiserlichen Schlössern, in Verlagen, Film- und Theaterkanzleien, in Universitätsinstituten, Auktionshäusern und Museen, aber auch in privaten Familiennachlässen – seien sie aristokratischer oder bürgerlicher Provenienz. Und wenn irgendwo innerhalb ihrer meist altehrwürdigen Mauern etwas Interessantes auftaucht, dann rufen sie mich an oder schreiben mir, meine treuen Leserinnen und Informanten.

Unbekannte Geschichten über bekannte Leute

An manchen Tagen höre ich mir mehrere solcher Geschichten an. Unbekannte Geschichten über bekannte Leute, denen Ungewöhnliches widerfuhr. Geschichten aus plötzlich auftauchenden Tagebüchern, Briefen oder Testamenten. Geschichten, die von kuriosen oder tragischen Ereignissen und von heimlichen Liebesaffären historischer Persönlichkeiten erzählen. Ich schaue mir die Dokumente an, prüfe sie sehr genau, recherchiere das Umfeld – und das Wunder passiert dann immer wieder: dass echte Fundstücke darunter sind. Man muss sie nur finden.

Der letzte Adjutant des Kaisers

Um konkret zu werden: Es sind zwei Tagebücher von wahrhaft historischer Dimension, aus denen ich hier zitieren darf: Georg Graf Walterskirchen vertraute mir die seit Generationen in Familienbesitz befindlichen Aufzeichnungen seines Großvaters Adalbert von Spanyi an, der Kaiser Franz Josephs letzter Adjutant und diesem vertrauter war als irgendjemand anderer. Es ist ein berührender Bericht, in dem das letzte Lebensjahr und schließlich der Tod des alten Kaisers aus nächster Nähe geschildert werden. Spanyi beschreibt, wie sehr die engsten Angehörigen und Mitarbeiter bis zuletzt hofften, dass Franz Joseph – und mit ihm die Monarchie – weiterleben würden, bis er am 21. November 1916 resignierend notiert: »Um 8 Uhr Abend sagen (die Ärzte) Kerzl und Ortner, die Seine Majestät zu Bett gebracht haben, dass keine Rettung mehr möglich.«

Der Versuch, die Monarchie zu retten

Ein anderes, bisher ebenfalls unbekanntes Tagebuch stammt vom Grafen Thomas Erdödy, der als »Kurier des Kaisers« monatelang zwischen Österreich und der neutralen Schweiz hin- und herpendelte, um im Auftrag Kaiser Karls mitzuhelfen, den Ersten Weltkrieg zu beenden und damit das Habsburgerreich zu retten. Beides ist bekanntlich nicht gelungen, aber die Versuche, die mittels falscher Identitäten und gefälschter Dokumente getätigt wurden, lesen sich wie ein – streckenweise ziemlich skurriler – Spionagekrimi. Das Tagebuch wurde mir von Erdödys Nachfahren Klaus und Heinz Lukesch zur Verfügung gestellt.

Ich zitiere natürlich nicht nur aus den mir anvertrauten Tagebüchern, Briefen und sonstigen Aufzeichnungen – das ergäbe eine wohl eher trockene Lektüre –, sondern spüre auch biografisches Material der handelnden Personen auf, spreche mit Zeitzeugen, begebe mich auf Entdeckungsreisen in die Geschichte.

Die Frau Sacher verliebt sich

Im ersten Kapitel war es ein mir übergebenes Tonband, das zum Fundstück wurde. Auf diesem Tonband erzählt eine Cousine der Anna Sacher von der großen Liebe der legendären Hotelbesitzerin, die sich nach dem Tod ihres Mannes Eduard Sacher Hals über Kopf in den Zentraldirektor des Bankhauses Rothschild verliebte. Die Affäre mit Julius Schuster musste damals streng geheim bleiben, da der ebenso angesehene wie einflussreiche Geschäftsmann verheiratet war. In diesem Buch wird zum ersten Mal Schusters Lebensgeschichte und seine zum Teil dramatische Verbindung mit dem Hause Sacher geschildert, wobei mir seine Nachkommen Amelie Gräfin Trauttmansdorff und Carl von Rohrer mit wertvollen Auskünften zur Seite standen.

Das riesige Vermögen verspielt

Die Familie der Tortendynastie ist auch in einem weiteren Kapitel mit dem Untertitel »Die unglücklichen Sacher-Erben« vertreten. Es geht darin um den mir aus einer ganz anderen Quelle zugespielten schriftlichen Nachlass der Herren Franz und Eduard Sacher, dem zu entnehmen ist, wie vermögend die Hoteliers tatsächlich waren. Freilich zeigen Testamente und Korrespondenzen auch auf, wie die Nachfahren der beiden geschäftstüchtigen Kaufleute durch Leichtsinn das riesige Vermögen verloren haben.

Ein General schreibt dreitausend Liebesbriefe

Anna Sachers Geschichte ist nicht die einzige Lovestory, die durch Fundstücke belegt ist. Ich erzähle vom einzig unberühmten Liebhaber – neben so vielen berühmten – der Alma Mahler-Werfel. Er war ein katholischer Priester, der es im österreichischen Ständestaat fast zum Kardinal gebracht hätte. In einer weiteren Liebesaffäre geht es um den k. u. k. Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf, der sich, wie seinen feurigen Liebesbriefen zu entnehmen ist, mitten im Ersten Weltkrieg mehr um seine große Liebe Gina von Reininghaus als um das Kriegsgeschehen zu kümmern schien. Nicht weniger als dreitausend Liebesbriefe geben Auskunft über diese Beziehung.

Richard Wagners »Vierecksverhältnis«

Ebenfalls um Liebe geht es bei Richard Wagner, von dem mir ein verloren geglaubter schriftlicher Heiratsantrag ausgehändigt wurde, der aufzeigt, dass der Meister 1864 – während ihm in Wien wegen zahlreicher Wechselschulden ein Haftbefehl drohte – in ein »Vierecksverhältnis« verstrickt war. Von erotischer Zuneigung handelt auch ein weiteres Franz-Joseph-Kapitel, in dem neue Indizien auftauchen, die es immer wahrscheinlicher machen, dass der Kaiser tatsächlich der Vater der Gattin des Komponisten Alban Berg war. Franz Joseph ist in noch einem Kapitel vertreten, das anhand eines bisher unveröffentlichten Briefes an seinen ehemaligen Erzieher schildert, wie unbeholfen der 18-Jährige in seine neue Aufgabe als Kaiser schlitterte.

Andere Fundstücke dokumentieren tragische Schicksale. Etwa den Tod der noch nicht 17-jährigen Enkelin Johann Wolfgang von Goethes in Wien. Oder das Unglück des Luxusdampfers »Baron Gautsch«, das der Grazer Arzt Hermann Pfeiffer in seinem Tagebuch schildert. Es tauchte erst hundert Jahre nach dem Untergang der »österreichischen Titanic« auf. Während Pfeiffer sich und seinen kleinen Sohn retten konnte, war seine Frau eines der 147 Todesopfer des Unglücks. Tragisch endeten die Kunststücke des Seiltänzers Josef Eisemann, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Wien ganze Straßenzüge bezwang, beim Versuch den Donaukanal zu überqueren jedoch mit seiner Tochter in den Tod stürzte. Mehrere, zum Teil prominente Zeitzeugen erinnern sich an das damals aufsehenerregende Unglück.

Maria Theresia und Kaiserin Charlotte

Ergreifend, wie freudlos Maria Theresia die ihr noch verbleibenden Jahre als Witwe zubrachte und wie Kaiserin Charlotte nach der Hinrichtung ihres Mannes, des Habsburgers Maximilian von Mexiko, dem Wahnsinn verfiel.

Nicht alle Fundstücke habe ich selbst entdeckt, viele wurden mir von Archivaren und Historikern zur Verfügung gestellt wie etwa die zum Mayerling-Kapitel, das nicht von der eigentlichen Tragödie handelt, sondern davon, wie Kronprinz Rudolf zum Kauf des Jagdschlosses erpresst wurde.

Das Kaffeehaus aus dem KZ

Direkt von Familienangehörigen wiederum wurden mir geradezu unglaubliche Fundstücke anvertraut. Es sind die detailreichen, im KZ Mauthausen entstandenen Baupläne für ein Kaffeehaus, die der jüdische Architekt Simon Wiesenthal für einen katholischen Mithäftling zeichnete, der ihm das Leben gerettet hatte. Das Kaffeehaus sollte nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager gebaut werden.

Qualtinger muss ins Gefängnis

Fundstücke aus jüngeren Tagen sind ein verloren geglaubter Hans-Moser-Film, der nach Jahrzehnten auf einem Pariser Flohmarkt auftauchte, ein vermisstes Theaterstück Ödön von Horváths und ein Brief Helmut Qualtingers, dem zu entnehmen ist, dass er unmittelbar nach Kriegsende eine Villa in Wien-Währing konfiszierte. Gleichzeitig versuchte der Theaterenthusiast und angehende Schauspieler eine Wiener Bühne zu beschlagnahmen – worauf er für drei Monate in Haft genommen wurde. »Er hat furchtbar darunter gelitten, sein Aufenthalt im Gefängnis war die schlimmste Zeit seines Lebens«, vertraute mir seine Witwe Vera Borek an.

Das Buch beginnt mit einer Liebesgeschichte und endet mit einer solchen. Letztere erzählt von Ludwig van Beethovens einziger Geliebten Josephine, die er jahrzehntelang verehrte, mit der er aber nur ein kurzes Glück fand. Es dauerte eineinhalb Jahrhunderte, bis die Briefe des Musikgenies ans Tageslicht kamen.

Die letzten Fundstücke

Fundstücke, wie die in diesem Buch beschriebenen, wird es wohl nie wieder geben. Denn kaum ein viel beschäftigter Künstler, Staatsmann oder Zeitzeuge wird in unserer schnelllebigen Zeit die Muße finden, ein Tagebuch zu führen. Und Briefe schreibt sowieso kein Mensch mehr. E-Mails jedoch werden bei der erstbesten Gelegenheit gelöscht und gehen damit für die Nachwelt verloren.

Die letzten Fundstücke also.

Georg Markus
Wien, im August 2017

Anna Sachers süßes Geheimnis
Die Lovestory der verwitweten Hotelbesitzerin

Anna Sacher, 1859–1930, Hotelbesitzerin

Es hat lange gedauert, bis ich es mir zur Aufgabe machte, der Lebensgeschichte des Herrn Julius Schuster nachzugehen. Dabei war dieser Mann eine einflussreiche Persönlichkeit, die als Zentraldirektor des Bankhauses Rothschild eine wichtige Rolle im Wirtschafts- und Gesellschaftsleben der Donaumonarchie spielte. Was aber wesentlich glamouröser erscheinen mag, ist die Tatsache, dass er neben seinen vielen kommerziellen Beziehungen auch durch eine ganz private in Erscheinung getreten ist. Julius Schuster war die große Liebe im Leben der verwitweten Hotelbesitzerin Anna Sacher, die somit neben dem diskret gehüteten Rezept der Sachertorte noch ein anderes süßes Geheimnis hatte.

Eduard Sacher, 1843–1892, Hotelier

Annas Ehemann Eduard Sacher, der Gründer des legendären Hotels vis-à-vis der Oper, starb 1892 im Alter von 49 Jahren an einer Lungenentzündung und hinterließ seiner 33-jährigen Frau Anna das Hotel, die gemeinsamen Kinder Anna, Eduard und Franziska sowie Stieftochter Rosa aus seiner ersten Ehe.

Nach Eduards Tod kümmerte sich Anna vor allem um den Ausbau ihres expandierenden Hotelbetriebs, um ihre Mitarbeiter und als ebenso charmante wie strenge Herrscherin in ihrem Reich ganz besonders um ihre prominenten Gäste und Stammgäste.

Julius Schuster, 1841–1916, Bankdirektor

Zu denen auch der Rothschild’sche Zentraldirektor Julius Schuster zählte. Lange waren die Begegnungen des Doktor Schuster und der Frau Sacher in ihrem Kaffeehaus- und Restaurantbetrieb ganz unverdächtig, zumal er in Begleitung seiner schönen Gemahlin und seiner beiden Söhne einzukehren pflegte. Nach einiger Zeit fanden neben den familiären Soupers freilich Treffen ganz anderer Art statt, bei denen es um die Finanzierung des zuweilen überschuldeten Hotels der Frau Sacher ging.

Irgendwann muss es im Zuge dieser Besprechungen bei Anna Sacher und Julius Schuster gefunkt haben, und zwischen den beiden entwickelte sich eine Affäre. Die mit Rücksicht auf die Ehe des Herrn Zentraldirektors selbstverständlich mit allergrößter Diskretion gehandhabt wurde.

Die Cousine erzählt von Anna Sachers geheimer Liebe

Es hat mit der Aufarbeitung seiner Lebensgeschichte insofern lange gedauert, als meine Recherchen über Julius Schuster bereits im September 1989 begannen. Damals feierte Frau Carla Sacher in Baden bei Wien mit einem dem Anlass entsprechend rauschenden Fest ihren hundertsten Geburtstag, zu dem ich als noch junger Geschichtsschreiber geladen war.

Carla war eine Cousine zweiten Grades der Anna Sacher, die sie noch persönlich gekannt hatte. Und sie überreichte mir nach dem Fest zu ihrem »Hunderter« ein Tonband, auf dem sie über die Familie Sacher und aus ihrem eigenen Leben erzählte.

Dieses Tonband mit Carla Sachers noch kräftiger Stimme war ein echtes Fundstück, enthält es doch eine kleine Sensation – von der bis dahin niemand wusste:

Tonband-Mitschnitt der Carla Sacher

»Nach dem frühen Tod ihres Ehemannes Eduard lernte die Anna Sacher die große Liebe ihres Lebens kennen, den Gutsverwalter Schuster, das war die graue Eminenz beim Baron Rothschild. Als der Herr Schuster kurz nach dem Ersten Weltkrieg starb*, hat sich die Anna Sacher aus lauter Verzweiflung statt ums Hotel nur noch um Pferdewetten gekümmert und auf dem Rennplatz praktisch das Sacher verspielt. So gelangte es in den Besitz der Familie Gürtler, der das Wiener Hotel heute noch gehört.«

Fast drei Jahrzehnte sind verstrichen, seit ich das Tonband der Carla Sacher zum ersten Mal abgehört habe. Jetzt endlich ging ich daran, mich auf die Spurensuche nach dieser geheimnisvollen Beziehung zu begeben und Näheres über besagten Julius Schuster in Erfahrung zu bringen.

Nathaniel Rothschild, 1836–1905, Wiener Bankier

Nun also: Julius Schuster war in der Wiener Vorstadt Dornbach als Nachfahre einer alten Fuhrwerkerdynastie zur Welt gekommen. Schon sein Vater Gustav Adolf Schuster war Comptoir-Chef der Rothschild-Privatbank, in deren Dienste auch Julius 1870 im Alter von 29 Jahren tritt. Er bringt es zum engsten Vertrauten des Barons Nathaniel Rothschild und zum Zentraldirektor des größten privaten Bankhauses innerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie. Da Rothschild fürs Finanzgeschäft weit weniger übrig hat als für die schönen Künste und den Sport – insbesondere für den Ersten Wiener Fußballclub »Vienna«, den er 1894 gründete –, verfügt Julius Schuster als sein engster Mitarbeiter über weitreichende Vollmachten in seinen Geschäften.

Julius Schuster wird Mitglied der High Society

Als rechte Hand des Barons Rothschild wird er im Lauf der Jahre aber auch zu einem Mitglied der Gesellschaft, dem man bei Großereignissen und Wohltätigkeitsveranstaltungen begegnet. Julius Schuster ist so prominent, dass sein Name in den Jahren 1887 bis 1916 in der Wiener Presse mehr als zweihundert Mal Erwähnung findet, vor allem in dem für die High Society zuständigen »Salonblatt«.

Das erste private Treffen bei Schnitzler

Die rege Gesellschaftstätigkeit ist es wohl, die den Rothschild-Intimus mit der umtriebigen Anna Sacher verbindet. Wann genau die Beziehung begann, wissen wir nicht, man kann aber davon ausgehen, dass es Mitte der 1890er-Jahre »passierte«. Laut Monika Czernins Anna-Sacher-Roman »Das letzte Fest des alten Europa« lud Julius Schuster die Frau Sacher erstmals privat anlässlich der Uraufführung von Schnitzlers Schauspiel »Liebelei« ins Burgtheater ein. Diese fand am 9. Oktober 1895 statt, Julius war damals 54, Anna 36 Jahre alt und seit drei Jahren verwitwet. Der Termin ist jedoch nicht bekundet, zumal es sich beim »Letzten Fest«, wie erwähnt, um einen Roman handelt.

Diskrete Rendezvous im Prater, auf der Hohen Warte und im Sacher

Julius Schuster wohnt damals mit seiner Frau Anna Cäcilie geb. Konrath und seinen Söhnen Julius und Heinrich im Haus Plösslgasse 13 auf der Wieden, das dem Baron Nathaniel Rothschild gehört. Diskrete Treffpunkte mit der Frau Sacher sind die weitläufigen Prater-Auen, die von der Öffentlichkeit abgeschirmten Rothschild-Gärten auf der Hohen Warte und – für intime Stunden – praktischerweise das Sacher-eigene Etablissement neben der Hofoper.

image

Eine große Liebe, die geheim bleiben musste: Anna Sacher und Julius Schuster – sein Bild wird hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Anna Sachers Tochter heiratet Julius Schusters Sohn

Doch die Verflechtungen zwischen den Familien Sacher und Schuster gehen weit über die Affäre der Hotelbesitzerin mit dem Bankdirektor hinaus. Denn im Jahr 1898 heiratet Annas erst 16-jährige Tochter Anna Maria Sacher den Sohn von Julius Schuster, den 24-jährigen Julius Schuster jun.

Ziemlich verzwickte Verwandtschaftsverhältnisse also, in denen Schwiegermutter und Schwiegervater ein verbotenes Verhältnis haben. Die Konstellation ist auch deshalb ziemlich kompliziert, weil die Hauptbeteiligten dieselben Namen tragen: Anna Sachers Tochter heißt ebenfalls Anna, und auch Julius Schusters Frau heißt Anna und deren gemeinsamer Sohn heißt Julius wie sein Vater.*

Albert Rothschild, 1844–1911, Wiener Bankier

Nathaniel Rothschild vertraut seinem Zentraldirektor uneingeschränkt, doch als er 1905 stirbt, übernimmt sein jüngerer Bruder, Albert Rothschild, die Geschäfte. Und dessen erste Handlung ist es, den 64-jährigen Julius Schuster fristlos zu entlassen. Es kommt zum Prozess, in dessen Mittelpunkt das in Mähren gelegene Rothschild’sche Schloss Schillersdorf** samt riesigem Gutsbesitz steht. Der Wirtschaftshistoriker Roman Sandgruber fand heraus, dass Albert Rothschild dem ehemaligen Zentraldirektor vorwarf, im Jahr 1902 für das Anwesen zugunsten seiner beiden Söhne Julius jun. und Heinrich Schuster allzu günstige Pachtverträge abgeschlossen zu haben. Der Prozess Albert Rothschild gegen Julius Schuster endet mit einem Vergleich.

Anna Sachers Tochter begeht Selbstmord

Im Jahr 1902, in dem der unglückliche Pachtvertrag abgeschlossen wird, kommt es in den durch Heirat verbundenen Häusern Sacher und Schuster aber auch zu einer wirklichen Tragödie: Am 22. März nimmt sich Anna Maria Schuster – Anna Sachers erst 19-jährige Tochter – das Leben und hinterlässt drei kleine Kinder.

Der in einer Depression begangene Selbstmord wirkt sich natürlich auf die Beziehung der Anna Sacher mit Julius Schuster aus, vermutlich wird sie in diesen Tagen sogar beendet. Fest steht aber, dass das einstige Liebespaar in freundschaftlicher wie in geschäftlicher Weise verbunden bleibt.

Julius Schuster gewährt dem Sacher ein großzügiges Darlehen

Als Julius Schusters Frau im Frühsommer 1904 stirbt, hätte für Anna Sacher und Julius Schuster die Möglichkeit bestanden, die mehrjährige geheime Liaison zu legalisieren, wovon sie lange Zeit geträumt haben. Doch es ist zu spät, der Tod der Tochter respektive Schwiegertochter liegt als dunkler Schatten über ihrer Liebe und lässt eine Wiederaufnahme der einst leidenschaftlichen Beziehung nicht zu.

Julius Schuster hat einmal noch Gelegenheit, seine Zuneigung zu Anna unter Beweis zu stellen: als der 48-jährigen Witwe im Jahr 1907 angeboten wird, ein dem Sacher benachbartes, vierstöckiges Haus in der Maysedergasse zu kaufen, womit das aus allen Nähten platzende Hotel erheblich vergrößert werden könnte. In dem neuen Trakt sollen weitere Gästezimmer, ein Restaurant und zusätzliche Separees errichtet werden, die sich als Rendezvousplätze adeliger Herren mit jungen Schauspielerinnen, Ballettmädchen und anderen Vorstadtschönen größter Beliebtheit erfreuen. Julius ist zur Stelle, um mit einem großzügigen Darlehen aus seiner Privatschatulle auszuhelfen.

Schuster ist auch Berater der Fürstin Metternich

Er muss in seinen Dienstjahren im Bankhaus Rothschild tatsächlich ein Vermögen verdient haben, übergibt er Anna Sacher doch in den folgenden beiden Jahren mehrere Schuldscheine in Höhe von insgesamt 670 000 Kronen*. Viel Geld für einen Mann, der in seinem ganzen Erwerbsleben immer angestellt gewesen ist – abgesehen davon, dass er eine Zeit lang auch Berater der Fürstin Pauline Metternich war, die es als Enkelin des legendären Staatskanzlers und durch ihren alljährlich stattfindenden Blumenkorso im Prater zu großer Popularität brachte.

image

Beliebter Rendezvousplatz adeliger Herren mit jungen Schauspielerinnen, Ballettmädchen und anderen Vorstadtschönen: das Sacher-Separee

Nachruf auf Julius Schuster in der »Neuen Freien Presse«

Auf die Spur zu den Darlehen, die Julius Schuster seiner früheren Geliebten überließ, kam Monika Czernin, als ihr der Verlassenschaftsakt nach Julius Schuster in die Hände fiel. Dem auch zu entnehmen ist, dass im Sacher wertvolle Möbel und Bilder aus Schusters Besitz aufbewahrt wurden.

In der »Neuen Freien Presse« vom 27. Juli 1916 findet sich ein kurzer Nachruf auf »Herrn Dr. Julius Schuster, Zentraldirektor i. P. des Barons Nathaniel Rothschild und Berater der Fürstin Pauline Metternich, der im Alter von 75 Jahren verstorben ist«.

Das Darlehen wird nie zurückgezahlt

Anna Sacher hat mit ihm ihren engsten Freund und Berater verloren. Und wenn man den Worten ihrer Cousine Carla Sacher Glauben schenkt, ist sie an seinem Tod verzweifelt, hat sich danach statt ums Hotel nur noch um Pferdewetten gekümmert.

Die fast 700 000 Kronen, die Julius Schuster seiner Freundin geliehen hatte, dürfte sie nie retourniert haben, sie wäre auch gar nicht in der Lage dazu gewesen. In ihrem letzten Lebensjahr war Anna Sacher zahlungsunfähig, am 25. Februar 1930 ist sie siebzigjährig im Hotel Sacher gestorben.

*Richtig ist, dass Julius Schuster bereits während des Ersten Weltkrieges, am 25. Juli 1916, starb.

*Siehe Stammbaum Seite 164.

**Heute Šilheřovice in der Tschechischen Republik.

*Entspricht laut »Statistik Austria« im Jahr 2017 einem Betrag von rund 3,8 Millionen Euro.

Das Tagebuch des Adjutanten
Vertrauliches aus Kaiser Franz Josephs letztem Lebensjahr

Heute den Dienst als Flügeladjutant angetreten. Seine Majestät gnädig wie immer, reichte mir, als ich das erste Mal Sein Arbeitszimmer betrat, die Hand und begrüßte mich mit den Worten: ›Freue mich sehr, dass Sie wieder bei Mir sind.‹* Diese Begrüßung ist mehr wert als ein hoher Orden.«

Franz Joseph, 1830–1916, Kaiser von Österreich, König von Ungarn

Mit dieser Eintragung vom 26. Mai 1915 beginnen die Tagebuchaufzeichnungen des k. u. k. Oberstleutnants Adalbert von Spanyi, der dem alten Kaiser von nun an eineinhalb Jahre lang näher war als irgendjemand anderer. Der Offizier stand praktisch Tag und Nacht in Franz Josephs Diensten, hörte sich dessen Sorgen an, verfolgte mit ihm das Kriegsgeschehen, war Zeuge seiner Einsamkeit und erlebte den gesundheitlichen Verfall des Monarchen. Und schließlich auch seinen Tod.

Franz Joseph stand in seinem 85. Lebensjahr und war von erstaunlicher Frische, als Spanyi seinen Dienst antrat. »Seine Majestät«, notiert der Adjutant gleich am ersten Tag, »sieht geradezu blühend aus, viel besser als im vergangenen Jahr, als ich ihn gelegentlich meiner Audienz sah«.

Adalbert von Spanyi, 1858–1930, österreichisch-ungarischer Offizier

Der Kaiser durchlebt einen aufreibenden Alltag: »Früh ½ 4 Uhr steht Seine Majestät auf, um ½ 5 beginnt die Arbeit …« Gegen acht Uhr lässt Franz Joseph mit einem Glockenzeichen den im Nebenzimmer wartenden und zu seiner persönlichen Dienstleistung zur Verfügung stehenden Offizier zu sich kommen, um mit ihm die Planung des Tages durchzugehen. Bis Mittag empfängt der Kaiser Regierungsmitglieder, Militärs und andere Gäste, meist acht bis zehn Personen. »Von 8 Uhr früh bis 1 Uhr 15 waren fast ununterbrochen Empfänge. Ist zum Staunen, dass Seine Majestät diesen Anstrengungen in seinem Alter gewachsen ist … Mit kurzer Pause um ½ 12 Uhr, um welche Zeit Seine Majestät ein kleines Frühstück nehmen – nur Schinken und Tee, sonst nichts. Um 5 Uhr ist Diner, Seine Majestät fast immer allein – alle Mahlzeiten werden auf seinem Schreibtisch serviert – es geht alles sehr rasch: Frühstück 10–12 Minuten, Diner höchstens 25 Minuten.« Nach dem Diner geht der Flügeladjutant ins Billardzimmer und wartet, bis Seine Majestät aus dem Schreibzimmer heraustritt und mit den Worten »Danke sehr, brauche heute nichts mehr, Gute Nacht wünsch ich« den Adjutanten entlässt. Oberstleutnant Spanyi staunt immer wieder nach einem langen Arbeitstag: »Dabei ist Seine Majestät nicht im geringsten müde … Um 8 Uhr geht Seine Majestät zur Ruhe.«

»Um 8 Uhr geht Seine Majestät zur Ruhe«

Dass sich die Monarchie in einem blutigen Krieg befindet, ist im Schloss des Kaisers vorerst kaum spürbar. »Im lieben Schönbrunn ist alles wie es war, still und traumverloren, dieselben Menschen, dieselbe Tageseinteilung«, notiert Spanyi. Noch ist alles voll Optimismus: »Auf den Kriegsschauplätzen steht es sehr gut, Seine Majestät dementsprechend in bester Stimmung«, so die Tagebucheintragung vom 26. August 1915. Auch zu Weihnachten ist »Seine Majestät frisch und in guter Stimmung – hoffentlich bringt das neue Jahr Sieg und Frieden.«

Eine Kopie des 45 Seiten umfassenden Tagebuchs

Es war im Herbst 2016, als mich Adalbert von Spanyis Enkel Georg Graf Walterskirchen anrief und mir mitteilte, dass er im Besitz des noch nie veröffentlichten Tagebuchs seines Großvaters sei. Und Walterskirchen fragte mich, ob ich Interesse hätte, Auszüge aus der Niederschrift des letzten Flügeladjutanten Kaiser Franz Josephs abzudrucken.

Die Frage musste er mir nicht zweimal stellen, und so trafen wir uns in seinem niederösterreichischen Schloss Walkersdorf, wo er mir eine Kopie des 45 Seiten umfassenden Tagebuchs übergab, das sich als wahrhaftiges Fundstück erweisen sollte. Das Tagebuch wurde zwischen 26. Mai 1915 und 21. November 1916 von seinem Großvater mütterlicherseits verfasst und später mit Schreibmaschine transkribiert. Das handschriftliche Original ging laut Österreichischem Kriegsarchiv im Jahr 1945 verloren.

Die letzten Lebensmonate des Kaisers und die Atmosphäre bei Hof

Der Adjutant beschreibt ruhig und ohne aufsehenerregenden Geheimnisverrat, aber sehr treffend die letzten Lebensmonate Kaiser Franz Josephs und die Atmosphäre bei Hof.

Niemand in der Umgebung des Monarchen scheint in dieser Zeit zu erkennen, dass das alte Kaiserreich am Rande des Abgrunds steht. Franz Joseph lädt zu Diners und Empfängen, einmal kommt der deutsche Kaiser, dann kommen Familienmitglieder wie Thronfolger Karl mit Ehefrau Zita, laut Adalbert von Spanyi »in reizender Toilette, sieht ganz mädchenhaft aus, und dem kleinen Erzherzog Otto, ein süßer, lockiger Blondkopf, der mir gleich die Händchen gab.«

image

»Ist zum Staunen, dass Seine Majestät diesen Anstrengungen in seinem Alter gewachsen ist«: Kaiser Franz Joseph in seinem letzten Lebensjahr

Der nahe Untergang des Kaiserreichs ist kein Thema

Am 6. August 1915 verzeichnet der Adjutant eine besonders gehobene Stimmung, da des Kaisers Obersthofmeister Fürst Montenuovo mit dem Chef der Militärkanzlei »um eine Zigarettentasche gewettet hat, dass Warschau fallen wird«. Montenuovo gewinnt Wette und Zigarettentasche und alle freuen sich. Am Heiligen Abend des Jahres 1915 schenkt der Kaiser seinem Generaladjutanten Graf Paar einen Spieltisch, »den wir mit einer Partie Whist eingeweiht haben – diese Partien sind äußerst gemütlich.« Der nahe Untergang des Kaiserreichs ist nach wie vor kein Thema.

Joseph Ritter von Kerzl, 1841–1919, Leibarzt des Kaisers

Adalbert von Spanyi betont immer wieder die robuste Gesundheit des Monarchen, bis am 29. Februar 1916 das erste Warnsignal erfolgt: »Seine Majestät hatte einen Ohnmachtsanfall, wäre fast vom Sessel gefallen, konnte aber von den anwesenden Herren aufgefangen werden. Nach dem Kammerdiener geläutet, mit dessen Hilfe Seine Majestät gelabt wurde. Das Fenster geöffnet, es waren schauerliche Minuten. Ich berief telefonisch (den Leibarzt) Dr. Kerzl, er fand bereits Seine Majestät außer jeder Gefahr.«

Der Kaiser erholt sich wieder und setzt seine Arbeit pflichtbewusst fort. An den Nachmittagen werden Dokumente unterschrieben und Mitarbeiter empfangen. »Er ist ungemein rüstig – schließlich würde der Dienst selbst einen viel Jüngeren anstrengen, umso mehr als es für ihn keinen freien Tag gibt«, ist der Adjutant voll der Bewunderung.

image

»Schauerliche Minuten«: Franz Josephs Flügeladjutant Adalbert von Spanyi stand dem Kaiser in seinem letzten Lebensjahr praktisch Tag und Nacht zu Diensten.

»Es herrscht große Not in der Bevölkerung«

Von der russischen Front werden hohe Verluste gemeldet. »Seine Majestät war sichtlich niedergeschlagen, die Last der Sorgen ist groß.« Und die Lage spitzt sich weiter zu, am 1. August 1916 sind »die ganze Bukowina und ein Teil Ost-Galiziens in russischem Besitz – es scheint, dass auch Lemberg bedroht ist … Es herrscht große Not in der Bevölkerung.« Dennoch spricht »Seine Majestät vom Kriege mit viel Zuversicht« – zuletzt noch am 15. Oktober 1916, fünf Wochen vor seinem Tod.

Während Spanyi dem Kaiser bis zu dessen letztem Atemzug loyal dient, beginnt er an der Regierung zu zweifeln. »Vorgestern Abend«, schreibt er am 13. Mai 1916, »waren in Wien und auch hier vor dem Schlosse Demonstrationen – das Volk hungert, man bekommt weder Mehl noch Fett oder Milch. Fleisch unerschwinglich, wovon sollen die Leute leben? Dabei sollen aber hinreichende Vorräte vorhanden sein – mangelnde Organisation, ganz unfähige Regierung und schamlose Gewinnsucht sind Schuld an diesen betrübenden Zuständen. Seine Majestät hat auch das Lärmen (der Demonstranten, Anm.) gehört und sich berichten lassen.« Das Essen im Schloss sei kaum besser: »Das Hofmischbrot ebenso miserabel wie jenes bei den Bäckern in Wien.«

»Die rote Erzherzogin« Elisabeth, 1883–1963, Enkelin Kaiser Franz Josephs

Der Kaiser hat auch private Sorgen. Die Ehe seiner Enkelin Elisabeth – die später als »rote Erzherzogin« bekannt gewordene Tochter des Kronprinzen Rudolf – scheint gescheitert zu sein. Sie und ihr Mann, Otto Fürst Windisch-Graetz, kommen getrennt zum Kaiser. »Es scheint sich zu bewahrheiten, dass eine Scheidung bevorsteht, denn dass die Familienmitglieder einzeln und an verschiedenen Tagen empfangen werden, ist abnorm«, vermutet der Adjutant.

Der Kaiser freut sich besonders, dass es ein Bub ist

Am 31. Mai 1916 herrscht Aufregung bei Hof. Erzherzogin Zita erwartet ihr viertes Kind, muss aber infolge überraschend auftretender Komplikationen in ein Sanatorium gebracht werden, »man will eben für alle Fälle vorsorgen«. Alles geht gut, Spanyi meldet am selben Tag noch dem Kaiser, »dass Erzherzogin Zita von einem Jungen glücklich entbunden wurde. Seine Majestät hat sich über diese Nachricht sichtlich gefreut und mich beauftragt, in Seinem Namen Erzherzogin Zita zu gratulieren. Er freut sich besonders, dass es ein Bub ist. Dann musste ich dem Papa, Erzherzog Karl, ein Glückwunschtelegramm im Namen Seiner Majestät absenden.« Das vierte Kind des Thronfolgerpaares wird auf den Namen Felix getauft.

image

Ein Bild aus besseren Tagen: Kaiser Franz Joseph (ganz links), sein Adjutant Adalbert von Spanyi (ganz rechts)

Auch wenn er sich nichts anmerken lässt, scheint der alte Kaiser sein nahendes Ende zu spüren, lässt er doch am 29. Juni 1916 sein Testament ändern. Vier enge Mitarbeiter begeben sich in sein Arbeitszimmer, »die Herren haben als Zeugen das Dokument unterfertigen müssen«.

Otto Fürst Windisch-Graetz, 1873–1952, erster Ehemann der Erzherzogin Elisabeth